Informationen zur Doppelhochzeit 1515

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Die Wiener Doppelhochzeit von 1515
Ernst Bruckmüller
Vortrag am 15. 6. 2015
Im Slowakischen Institut in Wien
Die berühmte Doppelhochzeit von 1515 wurde auf einem bekannten Bild des tschechischen
Malers Vaclav Brožik (1851 – 1901) dargestellt. Eine der wahrscheinlich zahllosen Kopien
davon hingen auf dem Gymnasialgang im Stift Melk, wo ich 1963 maturierte, darunter eine
kleine gedruckte „Gebrauchsanleitung“ mit nummerierten Köpfen samt Namen.
Das war ja auch eine großartige Sache: Die wohl glänzendste Fürstenversammlung ihrer
Zeit, mit einem Kaiser, zwei Königen, mehreren Herzögen, anderen Fürsten, Kardinälen
und Bischöfen, alle mit prächtigem Gefolge und tausenden Reitern aller Beteiligten als
Geleit.
Außerdem war für uns Nachgeborene diese Doppelhochzeit die Grundlegung der
Habsburgermonarchie. Das war freilich 1515 gar nicht vorhersehbar.
Fragen wir uns zunächst nach den Hintergründen, dann nach den Anlässen und zuletzt
nach dem Ablauf der Ereignisse.
1. Die Hintergründe
Das spätere Mittelalter und die frühe Neuzeit waren jene Zeitabschnitte, in denen die
Herstellung von Frieden und Einverständnis nicht nur durch Friedens- und
Allianzverträge, sondern auch, und nicht selten in Zusammenhang damit, durch
Heiratsverträge gesichert werden sollten. Alle diese Verträge sahen in der Regel zwei
Nachfolgemöglichkeiten durch eine der beiden beteiligten Herrscherfamilien vor. Welche
dann den Erfolg einheimsen konnte, war durchaus offen.
Gerade unser mitteleueropäischer Raum bietet uns auch schon vor 1515 überaus reiches
Anschauungsmaterial.
Begonnen haben die Bemühungen um die Einigung des böhmischen und
Karpathenraumes – inclusive der Ostalpen –schon im 13. Jahrhundert. Ich erinnere hier
nur an Ottokar Premysl von Böhmen, der nach dem Aussterben der Babenberger nach
Österreich kam, mit den Ungarn um Steiermark kämpfte, schließlich auch in Kärnten,
Krain und Friaul Herrschaftsrechte erwarb. Der Tod Ottokars 1278 löste diese
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Konstellation aber auf, doch wurde mit dem anschließenden Frieden schon die nächste
Möglichkeit für eine überregionale Herrschaft eröffnet: Wechselseitige Heiraten sollten
diesen wie Dutzende anderer Friedensschlüsse absichern. Schon gab es eine erste
Heiratsverbindung zwischen Přemysliden und Habsburgern – Rudolfs Sohn Rudolf
heiratete Ottokars Tochter Agnes, Ottokars Sohn Wenzel Rudolfs Tochter Guta. Doch starb
der jüngere Rudolf bald. Noch einmal versuchten die Habsburger ihr Glück: 1306 wurde
König Wenzel III. ermordet, der österreichische Herzog Rudolf III. wurde auf Druck König
Abrechts I. zum König gewählt, aber auch dieser Rudolf starb schon im nächsten Jahr.
1308 wurde Albrecht ermordet, damit war die erste Phase habsburgischer
Expansionspolitik in Böhmen vorbei.
In Böhmen setzten sich bald darauf die Luxemburger durch, die Ungarn die Anjou, die mit
Karl Robert und Ludwig I. (den „großen“) bedeutende Herrscher stellten. Auch die
Luxemburger stellten mit Karl IV den größten Herrscher Böhmens, der auch noch
römischer Kaiser wurde. Eine Tochter Karls, Katharina, wurde die Gemahlin des
österreichischen Herzogs Rudolf IV., des „Stifters“ – man kann sie ebenso wie ihren
Gemahl täglich an der Fassade des Stefansdoms bewundern. Der schwierige
Schwiegersohn und der kaiserliche Schwiegerpapa schlossen nach der Erwerbung Tirols
durch Rudolf den Stifter 1364 (Februar) wechselseitige Erbverträge, in denen wieder
einmal die künftige Vereinigung der böhmischen und österreichischen Länder prinzipiell
geplant wurde.
Dann kam es zu den Teilungen im habsburgischen Haus, wobei die Albertiner (Ober- und
Niederösterreich) konsequent auf der luxemburgischen Linie blieben, die Leopoldiner
(Westen und Süden) aber auch mit deren Gegnern kooperierten. König Sigismund
erneuerte am 18. August 1402 die bereits von seinem Vater Karl IV. angestrebte
Erbvereinigung der Häuser Luxemburg und Österreich und übertrug daher im Falle seines
kinderlosen Todes seine Erbrechte auf seinen Schwager Albrecht IV., der aber bald darauf
starb. Albrecht V. war erst sieben Jahre alt, deshalb folgten unangenehme
Vormundschaftsstreitigkeiten zwischen den Onkeln des jungen Albrecht, der 1411 vorzeitig
für volljährig erklärt wurde. Sigismund selbst war Gemahl von Maria, einer Tochter
Ludwigs des Großen. Nach ihrem Tod heiratete er die schöne Barbara von Cilli. Dieser Ehe
entspross nur eine Tichter, Elisabeth. Elisabeth wiederum heiratete 1421 den Habsburger
Albrecht V., Herzog von Österreich (das war damals Ober- und Niederösterreich). Dadurch
wurde Albrecht V. massiv in die Hussitenkriege verwickelt, in denen Albrecht vor allem in
Mähren kämpfte, das ihm Sigismund als böhmisches Lehen verliehen hatte. Nach dem Tod
Sigismunds wurde Albrecht 1438 in Ungarn (Jänner), im Reich (März) und in Böhmen
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(Juni) zum König gewählt. Doch starb er schon im Oktober 1439 an der Ruhr, die er sich
auf einem Feldzug gegen die Türken zugezogen hatte.
Erst nach seinem Tod kam sein Sohn, Ladislaus der Nachgeborene (Postumus), zu Welt.
Zum Vormund wurde der steirische Vetter Friedrich V. (als Kaiser später Friedrich III.)
bestellt. Die ebenso kluge wie tüchtige Elisabeth ließ den Säugling aber noch geschwind
zum ungarischen König krönen, mit der echten Stephanskrone, die von einer Hofdame,
der Helene Kottannerin, aus der Burg entwendet werden konnte. Er war also unzweifelhaft
der rechte König von Ungarn. Allerdings gab es einen Gegenkandidaten, den Jagellonen
Wladislaw, der bald darauf auch gekrönt wurde, aber 1444 in der Schlacht bei Varna gegen
die Türken fiel. Ladislaus aber blieb beim Onkel (in Graz oder Wiener Neustadt), der ihn
einfach nicht so schnell hergeben wollte. Die Ungarn wählten daraufhin einen
Reichsverweser, Johann Hunyadi, den bedeutendsten Kriegsmann seiner Zeit. Auch die
Böhmen wählten einen solchen: Georg von Kunstatt auf Podebrad. Auch auf seinem
Romzug (samt Hochzeit, 1452) nahm Friedrich den Ladislaus mit, aber inzwischen
verbündeten sich die Stände Österreichs, Böhmens und Ungarns und erzwangen die
Herausgabe des Ladislaus, der dann nach Wien und Prag und zuletzt nach Ungarn zog,
allgemein anerkannt. Aber auch er starb schon früh (1457). Immerhin war er schon der
zweite habsburgische König in Ungarn, sogar schon der dritte in Böhmen.
1458 wählten die Ungarn den Sohn des Johannes, Matthias Hunyadi, zum König, die
Böhmen Georg von Podebrad. Friedrich III. sah sich aber als rechtmäßigen Nachfolger des
Ladislaus und wurde seinerseits von einige ungarischen Adeligen gewählt (1458).
Nun haben wir bis 1457 immerhin schon zwei bis drei habsburgische Könige in Böhmen
und Ungarn kennengelernt (Ladislaus liegt auch im Veitsdom begraben!).
Kein Wunder, dass sich die Habsburger irgendwie daran gewöhnt hatten, in den beiden
Nachbarländern Ansprüche zu haben. Mit dem neuen ungarischen König, Matthias
Corvinus, schloss Friedrich III. 1463 wieder einmal einen Friedens- und Erbvertrag –
freilich ohne Hochzeit. Stürbe Matthias ohne rechtmäßigen Erben, würden ihm Friedrich
III. oder sein Sohn nachfolgen. Das klang absurd, war doch Matthias (1443 – 1490) viel
jünger als Friedrich. Dennoch überlebte der Alte den Jungen, und das führte zur nächsten
Erbeinigung.
Nach dem Tod des Corvinus wählten die Ungarn, also der Adel, aber nicht den alten
Friedrich, sondern Wladislaw von Böhmen zum König, einen Sohn des polnischen Königs
Kasimir und der Habsburgerin Elisabeth. Das ging ebenfalls auf einen Erbvertrag zurück,
der 1479 zwischen Wladislaw und Matthias Corvinus abgeschlossen worden war. Nun
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brach aber Maximilian nach dem Tod des Corvinus mit Heeresmacht in Ungarn ein,
musste aber 1491 den Feldzug beenden, wegen Geldmangels. 1491 schloss man zu
Pressburg (Pozsony usw.) Frieden: Maximilian anerkannte Wladislaw, durfte aber auch
den Titel eines Königs von Ungarn führen und sollte in Ungarn nachfolgen, wenn
Wladislaw keine männlichen Erben hätte. Das sah eine Weile ganz gut aus, weil Wladislaw
aus seiner ersten Ehe keine Kinder hatte. Nicht ohne Mühe trennte er sich von seiner Frau
(Beatrix) und heiratete noch einmal und siehe da – jetzt kamen Kinder, gleich zwei.
Wladislaw II. galt übrigens als guter König, vor allem weil er dem Adel in Böhmen und
Ungarn alles gewährte, was dieser forderte, er wurde daher auch König „dobře“ genannt –
so reagierte er (auf tschechisch), wenn die Herren wieder einmal etwas von ihm forderten.
So hatte er seine Ruhe und gleich auch eine gute Nachrede.
Aber schon war Maximilian wieder zur Stelle: Im März 1506 gab es den ersten Vorschlag
einer Doppelhochzeit. Zur Sicherheit unternahm Maximilian auch einen kleinen
militärischen Einfall in Ungarn, vor allem, um dem renitenten Adel zu zeigen, dass man
mit ihm nicht spaßen dürfe. Im ungarischen Adel hatte sich nämlich die Anschauung
durchgesetzt, man wolle keinen Ausländer mehr auf dem Thron. Der ungarische Reichstag
hatte sogar 1505 einen diesbezüglichen Beschluss gefasst. Nun kam es darauf an, diesen
Beschluss zu unterlaufen. Und da gab es auch einen mächtigen ungarischen Adeligen,
Johann Zapolyai, dessen Schwester die Frau von König Sigimund von Polen war, des
jüngeren Bruders des böhmisch-ungarischen Königs. Die Zapolyai waren fest davon
überzeugt, dass sie selber eigentlich am besten geeignet wären, Könige von Ungarn zu
werden.
2. Das Umfeld
Einen Teil der Hintergründe haben wir nun schon kennen gelernt: Die Aversion des
ungarischen Adels gegen einen ausländischen König (noch dazu einen Habsburger, die
waren damals schon das mächtigste Geschlecht in Europa!). Das wichtigste aber war die
drohende Gefahr, die vom osmanischen Reich ausging. Zwar hatte Mathias Corvinus die
Türken auf dem Balkan durch eine Teileroberung Bosniens im Zaum gehalten, und sie
hielten auch still, so lange der große Feldherr lebte. Aber in den 1470er und 1480er Jahren
waren ihm die Kriege im Westen wichtiger, die Eroberung Böhmens und Österreichs
offenbar bessere Ziele als der Kampf gegen die Osmanen.
Dabei wuchs die Gefahr, die von diesem mächtigen Reich ausging, ständig. Der Balkan,
Serbien, Bosnien, Kroatien und die innerösterreichischen Länder konnten ein Lied davon
singen. Zwar bevorzugte Sultan Selim (1512 - 1520) Eroberungen im Osten, aber sein
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Nachfolger Süleyman der Prächtige (1520 – 1566) schlug dann wieder verstärkt in Europa
zu.
Nun war das Gerede vom großen Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ ein Dauerbrenner im
damaligen Europa, aber die wirklichen Versuche endeten katastrophal (1396, 1444) - wenn
man von der erfolgreichen Verteidigung Belgrads durch Iohann Hunyadi 1456 absieht.
Maximilian war es durchaus ernst mit dem Kreuzzug, aber gerade im Jahr des Wiener
Kongresses, 1515 fielen wieder einmal die Franzosen in Oberitalien ein und eroberten
Mailand – und das band den alternden Kaiser wieder stärker in Europa. Er hatte ja nicht
nur ständig Kummer mit Ungarn und den Türken, sondern auch mit Venedig und – vor
allem – mit den französischen Valois. Denn in Paris hatte man sich schon ordentlich
geärgert, dass Maximilian die Erbtochter von Burgund, die schöne Maria, geheiratet hatte
und auf diese Weise das Herzogtum Burgund, das etwa zur Hälfte aus französischen
Lehen bestand, dem habsburgischen Besitz zufügen konnte. Und dann war – nach
verschiedenen Todesfällen – Maximilians Sohn Philipp der Schöne noch mit der
schließlichen Erbin der spanischen Kronen verheiratet, der später für wahnsinnig
erklärten Juana, so dass deren Sohn, Karl V., auch noch König von Spanien wurde, und
daneben Kaiser des Heiligen Reiches. Das Haus „Österreich und Burgund“, wie es
Maximilian mit schöner Konsequenz nannte , war damit in wenigen Jahrzehnten zum
bedeutendsten Herrscherhaus Europas geworden – mit den entsprechenden Konflikten
am Hals, unter anderem dem mit Frankreich.
Schon 1514 war in Ungarn ein Kreuzzug gepredigt worden – die Bauern und kleinen Leute
schlossen sich zu Tausenden dem Kreuzheer an („Kuruzzen“). Da sich aber der Adel nicht
rührte und keine militärische Organisation bereitstand, diese Massen aufzufangen,
verselbständigte sich das Kreuzheer unter einem gewissen György Dózsa und begann, den
Adel zu bekämpfen. Im Nu war aus dem Kreuzzug ein Bauernkrieg geworden, den Johann
Zapolyai nur mit Mühe und äußerster Grausamkeit niederschlug. Die direkte Folge des
Aufstandes war die völlige Entrechtung und Knechtung der ungarischen Bauern, was in
einer wichtigen zeitgenössischen Kodifikation, Werböczys „Tripartitum“ nieder gelegt und
vom Adel auch durch die nächsten Jahrhunderte treulich befolgt wurde.
Es war aber 1515 noch ein weiterer Konfliktherd zu befrieden. Der betraf den Deutschen
Orden. Nun war der Ordensstaat seit 1466 in Lehensabhängigkeit zum polnischen König
gestanden. Maximilian unterstützte aber Bestrebungen, den Orden aus dieser
Abhängigkeit herauszubringen. Dafür bemühte er sich um ein weitläufiges Bündnis, in das
neben Ungarn, Brandenburg usw. auch Moskau eingegliedert werden sollte. Die Russen
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eröffneten auch einen Krieg gegen Polen, mussten sich aber geschlagen geben. Der
polnische König Sigismund regte daher ein Treffen mit Kaiser Maximilian in Pressburg an,
auf dem die Frage des Ordens geklärt werden sollte. Maximilian sagte zu, freilich mit dem
Vorhaben im Hintergrund, über Sigismund auch dessen Bruder Wladislaw noch einmal
zur Verstärkung und Umsetzung des Doppelhochzeitsprojekte zu gewinnen, und ganz
nebenbei die Gefahr, die von Zapolyai ausging, endgültig auszuschalten. Denn Sigismund
war, wir sagten es schon, mit einer Schwester Zapolyais verheiratet, und dieser hatte nicht
übel Lust, selbst die kleine Königstochter, die seit 1507 immerhin einem Habsburger
versprochen war, zu heiraten.
3. Die Ereignisse
Schon im März 1515 trafen die beiden Jagellonenkönige in Pressburg ein, Wladislaw am
18., Sigismund am 24. 3. Auch die wichtigsten Diplomaten waren bald da: Der
Chefunterhändler Maximilians, Kardinal Matthäus Lang, damals Bischof von Gurk (später
Erzbischof von Salzburg; + 1540) kam ebenfalls noch im März, auch der ungarische
Kardinal Tamás Bakócz. Am 2. April wurden die Verhandlungen eröffnet, die bald
stockten. Da gründete man einen Arbeitskreis – in einem kleinen Komitée, dem Kardinal
Lang und Johannes Cuspinian (Johannes Spießheimer, geboren 1473 in Schweinfort, 1529
in Wien gestorben, begraben im Stefansdom, wo man ihn an der Rückwand des Domes in
aller selbstbewussten Pracht bewundern kann) angehörten, Bakócz für Ungarn und der
Großkanzler Christoph Szydlowiecki für Polen. Sigismund forderte die volle Anerkennung
des Thorner Friedens von 1466 von Maximilian, was dieser zunächst nicht wollte. Im April
reist Lang nach Wien, er braucht neue Instruktionen. Dass es während des Kongresses ein
riesiges Feuer in Pressburg gab, galt ebenfalls als schlechtes Omen – alles sah nach einem
Scheitern aus. Aber am 11. Mai kamen die kaiserlichen Gesandten wieder nach Pressburg,
mit der Erklärung, dass Maximilian auf seine Unterstützung des Deutschen Ordens ebenso
verzichte wie auf das Bündnis mit Moskau. Und am 22. Mai waren die Vorverhandlungen
abgeschlossen und die Verträge paraphiert, die dann im Juli in Wien nur mehr
unwesentlich abgeändert wurden.
Nun sollte aber auch Maximilian nach Pressburg kommen – aber er kam nicht, er war
krank, hatte (wie immer ) kein Geld. Das musste erst besorgt werden – denn wenn das
große Ereignis zustande kam, dann durfte an nichts gespart werden. Immerhin war der
prachtvolle Einzug Sigismunds und Wladislaws in Pressburg in Wien sehr wohl zur
Kenntnis genommen worden – und das musste man unbedingt „toppen“ (wie das neue
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Modewort heißt). Niemand geringerer als Albrecht Dürer hatte die Festkleider und
Hoftrachten zu entwerfen! Dieser Kongress, der da in Wien zusammenkommen sollte,
kostete nicht weniger als ein mittlerer Feldzug. Da kam nur ein Financier in Frage: Jakob
Fugger der Reiche, der große Unternehmer aus Augsburg! Fugger finanzierte, ließ sich die
kaiserlichen Schulden aber auf solide Pfänder verschreiben, in erster Linie auf die Tiroler
Bergwerke.
Nun, Anfang Juli, trafen der Reihe nach wichtige Reichsfürsten in Wien ein, der Markgraf
Kasimir von Brandenburg, die Herzöge von Bayern, Mecklenburg und Württemberg, Graf
Berthold von Henneberg mit 150 Rittern, Erzbischöfe und Bischöfe. Am 10. Juli war auch
Maximilian in Wien .
Und am 16. Juli trafen sich die Hauptpersonen in Trautmannsdorff an der Leitha – damals
an der ungarischen Grenze. Cuspinian hatte das Zeremoniell bis in Detail geplant.
Maximilian kam mit einem Riesengefolge, 2000 Berittene mit ihm, am Ende des Zuges
noch einmal 8000 Reiter als Nachhut. Dazwischen der Hofstaat, aber nicht nur der des
Kaisers, sondern auch jener der Reichsfürsten, der erbländische Adel usw.
Die Könige von Polen und Böhmen/Ungarn kamen mindestens ebenso prunkvoll daher.
Maximilian, noch immer marod und in einer Sänfte, begrüßte die Kollegen auf Latein
(Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat!), und Sigismund antwortete im selben Sinne.
Maximilian und Sigimund sollen sich sofort trefflich verstanden haben.
Am 17. Juli folgte der Einzug in Wien, wohl der herrlichste Einzug, den die Stadt bis dahin
erlebt hatte. Am 18. war Gottesdienst, am 19. Juli wurde der Kongress eröffnet, mit einer
Rede Maximilians, in der der Türkenkrieg völlig im Vordergrund stand. Am 20. und 21.
Juli erfolgten die Schlussverhandlungen. Schon am 20. Juli wurde Prinz Ludwig vom
Kaiser an Sohnes statt angenommen und zum General-Reichsvikar bestellt und den
Kurfürsten zur Königs- und Kaiserwahl empfohlen. Beim Tod Wladislaws sollte
Maximilian die Vormundschaft übernehmen, zusätzlich kam ein heimischer
Regentschaftsrat dazu. Nun wurde der Doppelheiratsvertrag endgeferigt und ratifiziert.
Sigismund verzichtet auf sein Erbrecht in Böhmen und Ungarn. Der Kaiser gibt dafür seine
Stellungnahme für den Deutschen Orden auf.
Und nun, am 22. Juli, kam der Höhepunkt, die Hochzeit. Der Dom von St. Stephan war
prunkvoll geschmückt, auch der Kaiser, die Könige und die Kinder waren prächtig
herausgeputzt. Der Bischof von Wien, Georg Slatkonja, zelebrierte, Paul Hofhaimer spielte
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auf einer neuen Orgel usw. Zuerst wurde Anna von Ungarn mit Maximilian selbst getraut,
freilich per procurationem für einen der beiden Enkel, Karl oder Ferdinand. Innerhalb
eines Jahres sollte sich entscheiden, wer von den beiden zur Verfügung stand, im Notfall
würde der Kaiser selbst die kleine Anna heiraten! Anschließend gaben sich Ludwig von
Ungarn und Maria von Österreich das Ja-Wort. Anna sollte zur Erziehung nach Österreich
kommen (damit die Zapolyas nicht auf sie zugreifen könnten!). Und sie sollte Königin
werden: Wenn es um Ferdinand ging, würde man ihm schon ein Königreich verschaffen
(vielleicht Neapel, vielleicht Österreich). Nach Hochzeit und Hochamt gab es 200
Ritterschläge, Turniere und so weiter, und natürlich ein solennes Festmahl. Am 28. Juli
klangen die Feierlichkeiten mit einer großen Schlusskundgebung aus. Eine Jagd in Wiener
Neustadt folgte.
Als König Sigismund nach Polen zurückkehrte, war seine Gemahlin schon tot, sie war im
Wochenbett gestorben. Sofort versuchte Maximilian, dem Kollegen seine nächste Enkelin,
Eleonora zu verheiraten. Es wurde aber nichts daraus.
4. Die Folgen
Die Folgen waren 1515 nicht vorhersehbar: Ob vom Vertrag die Habsburger profitieren
würden oder die Habsburger, war durchaus offen. König Wladislaw starb schon ein Jahr
später. Der junge Ludwig kam zur Regierung, aber noch unter Aufsicht (Tamás Bakócz war
dabei). Erst 1521 wurde er für volljährig erklärt, dann erst bekam er „seine“ Maria. Doch
sie sollte bald Witwe werden, 1526 fiel ihr jugendlicher König in der Schlacht bei Mohács.
Sie ging später nach Brüssel, wo sie als Statthalterin ihrer Tante Margarete folgte – zwei
kluge Frauen auf heikler Mission für ihre kaiserlichen Brüder (Margarete für Maximilian,
Maria fürKarl V.).
Anna hingegen bekam 1521 „ihren“ Ferdinand, der nach dem Tod seines Schwagers König
von Böhmen und - umstritten – auch in Ungarn wurde. Anna lebte lieber in Prag, wo ihr
Mann für sie das wunderschöne Belvedere, auf der Anhöhe neben dem Hradschin, bauen
ließ. Sie hatten zahlreiche Kinder, darunter drei überlebende Söhne, die sich das Erbe
dann auch teilten (1564). Dass Ferdinand nach dem Rückzug des Bruders 1566 auch noch
Kaiser wurde, hat sie nicht mehr erlebt.
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