1.2. Entwicklung des Berner Verbitterungs

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Verbitterung und Depression
Konstruktvalidierung des Berner Verbitterungsbogens (BVB)
von lic. phil. Philippe Jakob, Riehen/CH
1. Einleitung
1.1 Verbitterung - ein Begriff aus der Alltagspsychologie
Der Begriff oder das Konstrukt Verbitterung existiert bis heute in der akademischen Psychologie nicht. Anders verhält es sich in der Alltagspsychologie, wo dieser Begriff schon lange
verwendet wird. Die meisten Menschen würden wohl behaupten zu wissen, was Verbitterung
oder ein verbitterter Mensch sei. Würde man aber dann von jemandem verlangen, zu
präzisieren, was denn Verbitterung genau sei und wodurch sich ein verbitterter Mensch
auszeichne, hätten die meisten Menschen wohl Mühe, eine genaue Beschreibung zu geben. So
verhält es sich mit den meisten Begriffen aus der Alltagspsychologie, die uns so klar
erscheinen, bei näherem Hinsehen aber doch mehr Schwierigkeiten bereiten als zuerst
angenommen.
Diese Schwierigkeiten zu überwinden, ist Aufgabe der wissenschaftlichen Psychologie. Es
liegt an ihr zu zeigen, ob und welchen Inhalt solche Begriffe aus der Alltagspsychologie
haben.
Im Rahmen eines längerfristigen Forschungsprojekts haben sich Sauser (2002) und Schaad
(2002) in ihren Lizentiatsarbeiten mit der Frage beschäftigt, ob das alltagspsychologische
Konstrukt Verbitterung in ein brauchbares wissenschaftliches Konstrukt überführt werden
kann.
1.2. Entwicklung des Berner Verbitterungs-Bogens
Sauser (2002) und Schaad (2002) sind davon ausgegangen, dass Verbitterung ein alltägliches
Phänomen darstellt, das der direkten Beobachtung nicht zugänglich ist, sondern nur über
bestimmte Verhaltensweisen erschlossen werden kann. Da Verbitterung also nicht direkt
beobachtbar ist, muss es aus einer bestimmten Anzahl von Indikatoren und deren Interaktionen rückgeschlossen werden. Anhand eines Fragebogens versuchten die Autoren das
Konstrukt Verbitterung zu operationalisieren, damit es der empirischen Forschung zugänglich
gemacht werden kann.
In einem ersten Schritt wurde eine Anzahl von Fragebogenitems generiert, wobei die
Belletristik, eigene Gedanken, das Internet und Wörterbücher als Informationsquellen dienten.
Verbitterung und Depression
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Aus den gesammelten Stichwörtern wurden 93 Fragen formuliert, die nach dem Prinzip der
Ähnlichkeit (inhaltlich) in 13 Skalen unterteilt und in einem Fragebogen zusammengefasst
wurden. Dieser wurde dann verteilt und von 216 Personen ausgefüllt.
In einem nächsten Schritt wurde mittels Itemanalyse und Faktorenanalyse die von den
Autoren vorgeschlagenen Skalen untersucht. Im Weiteren wurde untersucht, ob diese Skalen
gleichgestellt werden können, oder ob es sich um eine hierarchische Anordnung handelt.
Dabei zeigte sich, dass Verbitterung nicht nur ein mehrdimensionales Konstrukt ist, sondern
dass es sowohl aus Kerndimensionen als auch aus assoziierten Dimensionen besteht. Kerndimensionen gehören notwendig zum Konstrukt. Sind sie nicht vorhanden, kann man nicht
von Verbitterung sprechen. Im Gegensatz dazu stehen assoziierte Dimensionen zwar häufig
mit dem Konstrukt – hier Verbitterung - im Zusammenhang und treten häufig mit ihm
zusammen auf, müssen aber nicht zwingend mit ihm auftreten.
Der BVB (Version 2) setzt sich aus 4 Kerndimensionen mit insgesamt 18 Items zusammen:
Emotionale Verbitterung (Bitterkeit):
-
Es erfüllt mich mit Bitterkeit, wenn ich an die nicht erreichten Ziele denke.
-
Ich bin oft mit meinem Schicksal unzufrieden.
-
Es erfüllt mich mit Bitterkeit, wenn ich an die nicht erfüllten Wünsche denke.
-
Es erfüllt mich mit Bitterkeit, wenn ich an das viele Unglück und Pech denke, das ich in
meinem Leben hatte.
-
Manchmal steigt ein Gefühl der Bitterkeit in mir hoch.
Leistungsbezogene Verbitterung (Anerkennung):
-
Wenn man einmal einen Fehler macht, wird man sofort kritisiert, aber jahrelanger Einsatz
wird nicht gewürdigt.
-
Meine Leistung wird letztlich nicht richtig gewürdigt.
-
Manchmal denke ich: „Man rackert sich ab, aber keiner sieht es“.
-
Ich habe es mir abgewöhnt zu denken, dass Leistung und Einsatz belohnt werden.
-
Manchmal denke ich: „Ich bin eigentlich blöd, mich so einzusetzen, denn danken tut mir
das doch keiner“.
Pessimismus / Hoffnungslosigkeit (Erwartungen):
-
Ich habe eher eine pessimistische Lebenseinstellung.
-
Ich sehe meine eigene Zukunft eher pessimistisch.
-
Manchmal fühle ich mich mit meinen Erwartungen allein gelassen.
-
Meiner Zukunft sehe ich mit Freude entgegen.
Verbitterung und Depression
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Menschenverachtung:
-
Es gibt viele Menschen, für die ich nur Verachtung übrig habe.
-
Manchmal empfinde ich Hass für die Menschheit oder einen Teil davon.
-
Manchmal denke ich, dass die Menschen im Grunde schlecht und verdorben sind.
-
Über die Ignoranz anderer kann ich mich furchtbar aufregen.
Aufgrund dieser vier Kerndimensionen könnte man Verbitterung zusammenfassend als einen
emotionalen Zustand beschreiben, der sich vor allem durch Bitterkeit und Unzufriedenheit
auszeichnet. Zudem scheinen verbitterte Menschen nicht genügend Anerkennung für ihre
Leistung bekommen zu haben. Sie fühlen sich für ihren geleisteten Einsatz nicht richtig
belohnt oder gewürdigt. Den meisten Menschen gegenüber sind sie negativ eingestellt. Dies
äussert sich vor allem in Hass und Verachtung. Verbitterte glauben auch nicht mehr, dass sie
ihre Ziele und Wünsche verwirklichen können. Sie sehen ihre Zukunft pessimistisch und ohne
Freude entgegen.
2. Aufgabenstellung
Nachdem es diesen beiden Autoren gelungen ist, dass Konstrukt Verbitterung mit Hilfe des
obengenannten Messverfahrens einzuführen, hatten Radermacher (2003), Borel (2003) und
ich die Aufgabe, den Berner Verbitterungs-Bogen zu validieren, genauer gesagt, die
Konstruktvalidierung des Fragebogens vorzunehmen. Dabei haben wir uns hauptsächlich mit
der diskriminanten Validität befasst, welche fordert, dass sich das Zielkonstrukt – hier die
Verbitterung – von ähnlichen Konstrukten unterscheidet.
Dabei haben wir uns zunächst Gedanken darüber gemacht, wie Verbitterung überhaupt
entsteht, und worin sie sich von anderen Konstrukten wie Depression, Aggression und Coping
unterscheidet. Aus diesen Überlegungen haben wir dann ein Zusammenhang-Modell (s. Abb.
1) entwickelt:
Verbitterung und Depression
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Major Depression /
Suizid
Persönlichkeitsentwicklung /
konstruktives Handeln
Soziale
Unterstützung
internale
Schuldattribution
Depression
Pessimismus
Bewältigung
Belastungen
Verletzungen
Verbitterung
Hoffnung
Aggression
externale
Schuldattribution
Menschenverachtung /
Mord
Aufstand / Gewalt /
Totschlag
Abb. 1: Zusammenhang-Modell zur Abgrenzung des Konstrukts Verbitterung von anderen
Konstrukten
Verbitterung und Depression
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Im Zentrum unserer Grafik stehen Belastungen oder Verletzungen, welche unseres Erachtens
wichtige Komponenten sowohl für die Entstehung der Verbitterung als auch der Depression
oder Aggression darstellen. Wir gehen also davon aus, dass Verbitterte entweder schwerwiegende Lebensereignisse mit langfristigen Folgen und/oder ein chronisches Nichterfüllen
ihrer Grundbedürfnisse erlitten haben.
Das Zentrum wird von zwei senkrecht aufeinander stehenden Achsen (Dimensionen) umgeben. Auf der horizontalen Achse sind die Eigenschaften zwischen den Polen Pessimismus
und Hoffnung dimensionierbar:
Bei der Bewältigung von Belastungen spielen Erwartungen und Bewertungen eine grosse
Rolle. Von Emotionen begleitet lenken sie die Aufmerksamkeit und beeinflussen somit die
Informationsaufnahme und -verarbeitung. Hoffnung kann man als hochgeneralisiertes
Erwartungsschema bezeichnen. Wir nehmen an, dass auf der rechten Seite des Modells
(Bewältigung und Aggression) noch Hoffnung besteht, dass sich die Situation ändert oder
ändern lässt. Auf der linken Seite (Depression und Verbitterung) hingegen herrscht
Pessimismus.
Auf der vertikalen Achse haben wir die beiden Pole internale und externale Schuldattribution:
Attributionen sind Zuschreibungen, denen Bewertungsprozesse zugrunde liegen. Schuldattributionen werden hier als überdauernde Muster ursächlicher Schuld-Zuschreibungen verstanden, die generalisiert dazu verwendet werden, Ereignisse oder Handlungen zu bewerten
und zu erklären. In der oberen Hälfte des Modells wird die Schuld überwiegend internal
attribuiert: „ich bin für die Schuld verantwortlich.“
In der unteren Hälfte hingegen wird die Schuld überwiegend external attribuiert: „die anderen
sind für die Schuld verantwortlich.“
Durch diese zwei aufeinander stehenden Achsen (Dimensionen) ergeben sich vier
Quadranten:
Depression (1. Quadrant)
Gemäss unserem Modell setzt sich Depression zusammen aus „Pessimismus“ und „internaler
Schuldattribution“. Personen, welche diesem Quadranten zugeschrieben werden können,
haben keine Hoffnung mehr, an ihrer Situation etwas ändern zu können. Zudem fühlen sie
sich für diesen Zustand selber verantwortlich. Dieser „situationsabhängige Pessimismus“ geht
bei der Depression häufig in eine „generalisierte Hoffnungslosigkeit“ über, bei der sich die
Erwartung negativer Handlungsergebnisse und die Erwartung von Hoffnungslosigkeit auf
viele Lebensbereiche bezieht. Nun führt aber nicht jedes persönlich bedeutsame Ereignis zu
einer Hoffnungslosigkeitserwartung und als Folge zu einer Depression. Gemäss Abramson et
Verbitterung und Depression
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al. (1989) sind Personen dann besonders depressionsgefährdet, wenn sie negative Ereignisse
auf internale, stabile und globale Ursachen zurückführen. Dies löst dann bei ihnen
Hoffnungslosigkeit und die damit einhergehenden depressiven Symptome aus. Häufig treten
auch Selbstwertdefizite und Schuldgefühle auf. In starker Ausprägung kommt es dann zu
einer depressiven Episode oder gar zu Suizidhandlungen.
Verbitterung (2. Quadrant)
Auf diesem Quadranten ist die “externale Schuldattribution“ mit „Pessimismus“ kombiniert.
Wir gehen davon aus, dass diese Kombination zu Verbitterung führt. Verbitterte, welche
schwere Belastungen oder Verletzungen erlitten haben, wenden sich trotz des schuldlos wahrgenommenen Unrechts nicht aggressiv nach aussen, sondern ziehen sich aufgrund der
pessimistischen Einstellung eher zurück. Da Verbitterte negative Lebensereignisse nicht
durch internale (in der Person liegende) Faktoren verursacht ansehen, kommt es in der Folge
aber nicht zu Selbstwertdefiziten. Aufgrund ihres externalen Attributionsstils nehmen wir
weiter an, dass bei ihnen maladaptive Emotionsregulationsprozesse – Vermeiden und
Verzerren – vorliegen (Znoj, 2000). Wir erwarten zudem, dass Verbitterte paranoide Züge
aufweisen, da sich der Verbitterungsprozess von einem grundsätzlichen Misstrauen über
Menschenverachtung bis hin zu Mord steigern kann.
Aggression (3. Quadrant)
Auf diesem Quadranten finden wir die Kombination „Hoffnung auf Veränderung“ und
„externale Schuldattribution“. Die erlittene Belastung oder Verletzung wird als Unrecht und
durch andere verursacht empfunden. Da aber Hoffnung besteht, an der Situation noch etwas
ändern zu können, wird nun aktiv versucht, sich zur Wehr zu setzen, notfalls mit Gewalt.
Unter Aggression verstehen wir aber nicht nur die absichtlich herbeigeführte Schädigung
eines Objektes oder einer Person, sondern erkennen auch die nützliche Funktion von
Aggression für das erfolgreiche Überleben (Lorenz, 1963)
Bewältigung (4. Quadrant)
Bewältigung setzt sich gemäss unserem Modell aus „Hoffnung auf Veränderung“ und „internaler Schuldattribution“ zusammen. Da Hoffnung auf Veränderung besteht, sind solche
Menschen auch eher bereit, Selbstverantwortung zu übernehmen. Entsprechend sind dort
„gute Copingfähigkeiten“ wie Vertrauen, Anpassung, Veränderung und gut geleistete Trauerarbeit angesiedelt. Auch nehmen wir an, dass solche Menschen eher spirituelle und soziale
Unterstützung suchen und annehmen. Dieser Prozess kann zu Persönlichkeitsentwicklung und
konstruktivem Handeln führen.
Verbitterung und Depression
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Meine Aufgabe bestand darin, die linke Seite des Modells zu untersuchen, also das Konstrukt
Verbitterung vom Konstrukt Depression abzugrenzen.
3. Methode
Aufgrund unseres Zusammenhang-Modells haben wir einen Fragenkatalog zusammengestellt.
Für das Erfassen unserer Konstrukte wählten wir folgende Fragebögen bzw. Skalen aus:

Verbitterung : - Berner Verbitterungs-Bogen (BVB) (Znoj, Sauser &
Schaad, 2002): Version E3

Depression: - Allgemeine Depressions Skala (ADS) (Hautzinger &
Bailer, 1992): Kurzform (ADS-K)

Aggression:
-Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI) (Fahrenberg,
Hampel und Selg, 2001): nur Skala „Aggression“

Coping:
- COPE (Carver, Scheier & Weintraub, 1989): nur je
1 Item pro Skala
- Fragebogen zur Emotionsregulation in schwierigen
Lebenssituationen (EMOREG) (Znoj, 2000): nur Skalen
„Vermeiden“ und „Verzerren“

weitere Fragebögen: -Skalen zur Erfassung von Hoffnungslosigkeit (H-Skalen)
(Krampen, 1994): Halbform (HRA-Skala)
- Fragebogen zu Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen
(FKK) (Krampen, 1991): je 4 Items pro Skala
- Die Symptom-Checkliste von Derogatis (SCL-90-R)
(Franke, 2002): nur Skalen „paranoide Vorstellungen“
(„paranoid ideation“) und „Feindseligkeit“ („hostility“)
Darüber hinaus haben wir Angaben zur Person (Alter, Geschlecht und Ausbildung), zur
momentanen Situation, zu besonderen Belastungen und zur erlebten sozialen Unterstützung
erhoben.
Unsere Untersuchung wurde als Querschnittuntersuchung (einmalige Befragung) angelegt.
Dabei wurde der Fragenkatalog zwei verschiedenen Stichproben zum Ausfüllen gegeben:
a) Stichprobe „Belastete Personen“
Gemäss unserem Modell stellen Belastungen für die Entstehung der Verbitterung wie auch
der Depression eine wichtige Komponente dar. Aus diesem Grund haben wir unseren Fragenkatalog an belastete Personen aus dem Bekanntenkreis in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz zugesandt. Von diesen Personen wussten wir, dass sie besonderen
Verbitterung und Depression
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Belastungen wie z.B. Scheidung, Todesfall, unbefriedigende Arbeitssituation, Krankheit oder
Kriegserlebnisse ausgesetzt sind oder waren. Dieser Stichprobe wurden insgesamt 150
Fragenkataloge verteilt. Davon kamen 141 zurück. Die Rücklaufquote beträgt demnach 94%.
9 Personen wurden von der Auswertung ausgeschlossen, weil diese das ADS-Lügenkriterium
erfüllt haben bzw. unehrlich oder unaufmerksam geantwortet haben. Damit verbleiben 132
Fragenkataloge.
b) Stichprobe „Arbeitslose“
Arbeitslosigkeit stellt eine grosse und zum Teil langandauernde Belastung für die betroffene
Person dar. Deshalb nehmen wir – gemäss unserem Modell - an, dass die Wahrscheinlichkeit,
verbitterte oder depressive Menschen in dieser Stichprobe zu finden, erhöht ist. Wir haben
deshalb die Kantonalen Arbeitsämter Luzern und Bern angefragt, uns bei der Untersuchung
behilflich zu sein. Von diesen beiden Arbeitsämtern kamen insgesamt 83 Fragenkataloge
zurück. Die Rücklaufquote beträgt für das RAV Bern und Mittelland demnach 30%. Auch bei
dieser Stichprobe wurden 8 Personen von der Auswertung ausgeschlossen, weil diese das
ADS-Lügenkriterium erfüllt haben. Damit verbleiben 75 Fragenkataloge.
Rechnet man die beiden Stichproben „Belastete Personen“ und „Arbeitslose“ zusammen,
stehen uns für die Datenauswertung insgesamt 207 Fragenkataloge zur Verfügung. Hiervon
sind 60% (n = 124) weiblichen und 40% (n = 83) männlichen Geschlechts. Das Durchschnittsalter aller Vpn beträgt 48 Jahre. Die jüngste Vp war 17 Jahre und die älteste Vp war
82 Jahre alt.
Mittels eines Codeplans wurden die Daten in das Statistikprogramm SPSS 11.0 (Statistical
Package for the Social Sciences: Hull & Nie, 1975) eingegeben.
Bevor mit den Daten gerechnet wurde, wurden die Daten einer ausführlichen und eingehenden Untersuchung unterzogen. Dabei wurden die Daten auf Eingabefehler hin überprüft und
diejenigen Personen identifiziert, welche unehrlich oder unaufmerksam geantwortet haben.
Dies konnte mithilfe der ADS überprüft werden, welche ein Lügenkriterium enthält. Die Vpn,
welche das Lügenkriterium erfüllt haben, wurden von der Auswertung ausgeschlossen.
Anschliessend wurde die Verteilungsform der wichtigsten Variablen untersucht. Insbesondere
interessierte uns, ob die Werte der entsprechenden Variablen einer Normalverteilung folgen
oder nicht.
Mit den Daten wurde Faktoren-, Reliabilitäts-, und Regressionsanalysen sowie Korrelationen
und Rangreihenvergleiche gerechnet.
Verbitterung und Depression
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4. Ergebnisse
Bevor Depression und Verbitterung auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht
wurde, ging es zunächst darum hersauszufinden, ob – und wenn ja, welche – soziodemographische Merkmale Einflüsse auf die Verbitterung resp. Depression ausüben könnten.
Dabei zeigte sich, dass sich unsere Stichproben vor allem hinsichtlich der Depressionswerte
unterscheiden: Die Stichprobe „Arbeitslose“ hat signifikant höhere Depressionswerte erzielt
als die Stichprobe „Belastete Personen“. Diesen signifikanten Unterschied könnte man
dadurch erklären, dass die momentane Stimmungslage die Beantwortung der ADS
beeinflussen könnte, weil der Bezugszeitraum die zurückliegende Woche ist. Da die Arbeitslosigkeit ein Zustand ist, der zweifellos auf die momentane Stimmung drückt, könnte dies das
Ausfüllen der ADS beeinflusst haben. Im Gegensatz dazu nehmen wir an, dass die
Belastungen bei der Stichprobe „Belastete Personen“ schon länger bestehen und somit die
momentane Stimmungslage bzw. das Ausfüllen weniger beeinflussen sollte. Auch bezüglich
Verbitterungswerten hat die Stichprobe „Arbeitslose“ höhere Werte als die Stichprobe
„Belastete Personen“ erzielt, wobei dieser Unterschied nicht signifikant ausgefallen ist.
Interessanterweise haben wir sowohl bei den Depressions- als auch bei den Verbitterungswerten keinen geschlechtsspezifischen Unterschied gefunden. Aufgrund der Literatur hätte
man zumindest für die Depression einen geschlechtsspezifischen Unterschied erwartet, d.h.
die Frauen hätten signifikant höhere Depressionswerte als die Männer erzielen müssen.
Im weiteren scheint weder das Alter noch die Ausbildung einen Einfluss auf die Höhe der
Depressions- resp. Verbitterungswerte zu haben.
Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, die diskriminante Validität zu untersuchen. Im
Sinne der diskriminanten Validität wäre zu fordern, dass die Verbitterungswerte möglichst
wenig mit den Depressionswerten korrelieren. In Tabelle 1 werden die Korrelationen des
Superfaktors des BVB mit dem ADS-Summenwert sowie die Korrelationen der einzelnen
Subskalen des BVB mit dem ADS-Summenwert abgebildet.
Tabelle 1: Korrelationen nach Spearman (n = 208)
ADS
BVB
Skala EV
Skala LV
Skala P/H
Skala MV
ADS
1.00
.55**
.53**
.38**
.57**
.26**
BVB
.55**
1.00
.86**
.81**
.79**
.69**
Legende:
** = p  .01 (zweiseitig)
ADS = Allgemeine Depressions Skala
BVB = Superfaktor des BVB
Verbitterung und Depression
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Skala EV = Skala „Emotionale Verbitterung“
Skala LV = Skala „Leistungsbezogene Verbitterung“
Skala P/H = Skala „Pessimismus / Hoffnungslosigkeit“
Skala MV = Skala „Menschenverachtung“
Wie wir dieser Tabelle entnehmen korreliert der Superfaktor des BVB mit dem Summenwert
der ADS zu 0.55. Zwischen diesen Fragebögen besteht also ein mittlerer Zusammenhang, was
als ersten wichtigen Beleg dafür angesehen kann, dass diese etwas Unterschiedliches erfassen.
Nachdem die Zusammenhänge als Ganzes untersucht wurden, wurden auf der Basis unseres
Modells und mithilfe der von Hautzinger vorgeschlagenen Unterscheidung in Symptome
weitere Gemeinsamkeiten resp. Unterschiede dieser beiden Konstrukte untersucht. Dabei
wurde zwischen emotionalen, kognitiven, motivationalen und somatischen Symptomen unterschieden. Hierzu wurden jeweils zwei Korrelationen miteinander verglichen und auf
Signifikanz geprüft. Es wurde also untersucht, ob sich z.B. die Korrelation zwischen
Verbitterung und Niedergeschlagenheit signifikant von der Korrelation zwischen Depression
und Niedergeschlagenheit unterscheidet.
Was die emotionalen Symptome betrifft, scheinen Angst, Einsamkeit und insbesondere
Niedergeschlagenheit sowie Traurigkeit stärker mit Depression als mit Verbitterung
zusammenzuhängen. Hingegen hängt wie erwartet Aggression stärker mit Verbitterung als
mit Depression zusammen. Etwas überraschend und entgegen unserer Annamhe unterscheiden sich Verbitterung und Depression hinsichtlich Feindseligkeit nicht. Feindseliges
Verhalten scheint für Verbitterte wie für Depressive gleichermassen charakteristisch zu sein.
Während ein solcher Zusammenhang für Verbitterung nicht überrascht, erstaunt dies für
Depression etwas. Allerdings führt schon Hautzinger (1998) in seiner Tabelle Symptomatologie depressiver Auffälligkeiten Feindseligkeit als emotionales Symptom auf.
Was die kognitiven Symptome betrifft, scheint wie erwartet Misstrauen gegenüber anderen
Menschen und paranoides Denken für Verbitterte charakteristischer als für Depressive zu
sein. Allerdings haben wir zwischen Depression und Misstrauen resp. paranoides Denken
auch beachtliche Zusammenhänge gefunden.
Im weiteren hängt die fatalistische Kontrollüberzeugung stärker mit Verbitterung als mit
Depression zusammen. Gemeint ist damit die Erwartung, dass das Leben und Ereignisse von
Schicksal, Glück und Zufall abhängen.
Aufgrund des negativen Selbstbildes der Depressiven haben wir erwartet, dass internale
Kontrollüberzeugung stärker negativ mit Depression als mit Verbitterung korreliert. Etwas
überraschend bzw. entgegen unserer Hypothese scheint Verbitterung jedoch stärker als
Depression mit einer verminderten subjektiv wahrgenommenen Kontrollerwartung über das
Verbitterung und Depression
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eigene Leben und über Ereignisse in der Umwelt einherzugehen. Anders ausgedrückt neigen
Verbitterte also eher dazu, ihre Erfolge als wenig abhängig von eigener Anstrengung und
persönlichem Einsatz zu sehen. Auch glauben sie weniger als Depressive, ihre Interessen
erfolgreich vertreten und über wichtige Interessen in ihrem Leben bestimmen zu können.
Dieses Resultat mag auf den ersten Blick erstaunen. Wenn man nun aber berücksichtigt, dass
Verbitterte über eine höhere externale Kontrollüberzeugung verfügen, wird auch dieses
Ergebnis verständlicher. Oder anders ausgedrück: Wer überzeugt ist, dass das Leben und
Ereignisse von äusseren Umständen abhängen, wird höchstwahrscheinlich die Kontrolle über
das eigene Leben und Ereignisse weniger bei sich selber sehen.
Zwischen Verbitterung und Depression haben wir folgende gemeinsame kognitive Symptome
bzw. Merkmale gefunden: Hoffnungslosigkeit, Selbstkonzept eigener Fähigkeiten und
Verzerren. Dabei stellte Hoffnungslosigkeit das wichtigste gemeinsame Merkmal dar.
Allerdings waren wir davon ausgegangen, dass Hoffnungslosigkeit stärker mit Depression als
mit Verbitterung zusammenhängt. Diese Hypothese konnten wir nicht bestätigen:
Hoffnungslosigkeit hängt mit Depression gleichermassen zusammen wie mit Verbitterung.
Etwas überraschend scheinen Verbitterte wie auch Depressive gleichermassen wenig
Vertrauen in ihre eigene Handlungsmöglichkeiten zu haben (Selbstkonzept eigener Fähigkeiten). Wir waren jedoch von der Annahme ausgegangen, dass Depressive aufgrund ihrer
negativen Einstellung gegenüber sich selbst auch weniger Vertrauen in ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten haben sollten. Dies ist offenbar nicht der Fall. Man könnte dieses Resultat
nun dahingehend interpretieren, dass Verbitterte ihr Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten deshalb verloren haben, weil sie von anderen in der Ausübung bzw.
Umsetzung ihrer Fähigkeiten immer wieder gehindert wurden. Dabei spielt es keine Rolle, ob
sie von anderen wirklich gehindert wurden oder nicht. Entscheidend hierfür ist vielmehr die
subjektive Wahrnehmung. Im weiteren konnte unsere Hypothese, wonach sich Verbitterte und
Depressive bezüglich Wahrnehmungsverzerrungen nicht unterscheiden sollten, bestätigt
werden.
Was die motivationalen Symptome betrifft, konnte wie erwartet signifikante Unterschiede
bezüglich der Variablen Antriebslosigkeit und Rückzugsverhalten gefunden werden:
Antriebslosigkeit und Rückzugsverhalten hängen stärker mit Depression als mit Verbitterung
zusammen. Entgegen unserer Hypothese unterscheiden sich Verbitterte und Depressive
jedoch hinsichtlich Vermeidungsverhalten nicht. Verbitterte wie auch Depressive scheinen
sich gleichermassen abzulenken, sich dauernd mit etwas zu beschäftigen bzw. konfliktbeladene soziale Beziehungen abzubrechen.
Verbitterung und Depression
12
Unterschiedlichkeiten haben wir auch bei den somatischen Symptomen feststellen können:
Wie erwartet hängt gesteigerte Ermüdbarkeit resp. Schlafstörungen stärker mit Depression als
mit Verbitterung zusammen.
Aufgrund unserer Ergebnisse können wir zusammenfassend festhalten, dass Hoffnungslosigkeit das wichtigste gemeinsame Merkmal zwischen Verbitterung und Depression ist. Im
weiteren scheinen Verbitterte wie auch Depressive gleichermassen wenig Vertrauen in ihre
eigene Handlungsmöglichkeiten zu haben. Feindseligkeit, Wahrnehmungsverzerrungen und
Vermeidungsverhalten sind weitere gemeinsame Merkmale.
Zwischen Verbitterung und Depression konnten aber wesentlich mehr Unterschiede festgestellt werden: So sind Verbitterte aggressiver, misstrauischer und neigen auch eher zu
paranoidem Denken. Zudem glauben sie, weniger Kontrolle über das eigene Leben und
Ereignisse in der Umwelt zu haben. Statt dessen haben Verbitterte eher die Erwartung, dass
das Leben und Ereignisse von Schicksal, Glück oder Zufall abhängen. Depressive hingegen
fühlen sich ängstlicher, einsamer, niedergeschlagener und trauriger. Im weiteren zeigen sie
mehr Rückzugsverhalten und leiden mehr unter Antriebslosigkeit, Schlafstörungen und
gesteigerter Ermüdbarkeit.
5. Diskussion und Ausblick
5.1 Verbitterung – ein eigenständiges Konstrukt?
Die Frage, ob Verbitterung ein eigenständiges Konstrukt ist, kann aufgrund der vorliegenden
Arbeit nicht beurteilt werden. Um dies beurteilen zu können, müsste das Konstrukt
Verbitterung noch mit anderen ähnlichen Konstrukten verglichen und abgegrenzt werden.
Allerdings können wir aufgrund unserer Befunde festhalten, dass der Berner VerbitterungsBogen etwas anderes misst als die Allgemeine Depressions Skala von Hautzinger (1998). Da
wir davon ausgegangen sind, dass Verbitterung ist, was der BVB misst, bzw. dass Depression
ist, was die ADS misst, können wir nun folgern: Trotz einigen Gemeinsamkeiten scheint sich
das Konstrukt Verbitterung vom Konstrukt Depression abzugrenzen. Wir haben es also hier
mit zwei unterschiedlichen Konstrukten zu tun. Etwas anders formuliert können wir sagen,
dass es uns gelungen ist, einen Beitrag zur Konstruktvalidierung des Berner VerbitterungsBogens geleistet zu haben.
5.2 Implikationen für die Forschung und Ausblick
Nachdem es uns gelungen ist, das Konstrukt Verbitterung vom Konstrukt Depression abzugrenzen, stellt sich nun die Frage, was man mit diesem Erkenntnisgewinn anfangen bzw. was
Verbitterung und Depression
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für Implikationen dieses Ergebnis für die Forschung haben könnte. Es wäre nun also angebracht zu zeigen, in welchen Bereichen dieses Ergebnis sinnvolle und erkenntniserweiternde
Untersuchungen initiieren kann.
Die Forschungsarbeiten können grob in drei Gruppen eingeteilt werden. Bei der ersten
Gruppe von Untersuchungen stünden Fragen zum Konstrukt selbst im Mittelpunkt. Dabei
wäre z.B. noch zu erklären, wie Verbitterung entsteht, durch welche Faktoren sie aufrechterhalten wird, und ob Verbitterung allenfalls als eine psychische Störung betrachtet werden
kann. Gerade bei der Entstehung der Verbitterung wäre es interessant zu untersuchen,
weshalb eine Person eine Verbitterung entwickelt und nicht etwa eine Depression. In unseren
Arbeiten konnten wir zeigen, dass eine Verletzung bzw. ein chronisches Nichterfüllen der
Grundbedürfnisse sowohl mit Verbitterung als auch mit Depression zusammenhängt. Welche
weitere Faktoren könnten nun dafür entscheidend sein, dass im einen Fall eine Depression
und im andern Fall eine Verbitterung entwickelt wird.
Bei der zweiten Gruppe von Untersuchungen stünden dann eher Anwendungsfragen im
Vordergrund: In welchen Bereichen der Psychologie könnte Verbitterung eine Rolle spielen?
Ein Anwendungsgebiet wäre sicherlich die Klinische Psychologie. Hier ginge es nicht nur um
die Frage nach der Entstehung und der Aufrechterhaltung sondern auch nach den Therapiemöglichkeiten der Verbitterung.
Ein wichtiges Forschungsgebiet könnte auch die Kriminalpsychologie sein. Gemäss unserem
Modell gehen wir davon aus, dass Verbitterte auch gewalttätig werden können. Im Extremfall
kann ein verbitterter Mensch sogar einen Mord begehen.
Bereits aus der Tatsache, dass sich im Berner Verbitterungs-Bogen eine Subskala „Leistungsbezogene Verbitterung“ befindet, zeigt, dass Verbitterung in der Arbeits- und Organisationspsychologie ein Forschungsthema konstituiert. Allgemein ginge es hierbei also um die Frage,
wie Verbitterung im Arbeitsprozess überhaupt entsteht. Im weiteren könnte man untersuchen,
ob und - falls dies zutrifft - wie sich Verbitterung auf die Arbeitsmotivation und die
Produktivität auswirkt. Zudem könnte auch untersucht werden, wie sich Verbitterung auf das
Klima am Arbeitsplatz auswirkt.
Bei der dritten Gruppe von Untersuchungen stünde das Messinstrument im Vordergrund.
Nachdem wir die Konstruktvalidierung des Berner Verbitterungs-Bogens vorgenommen
haben, stellen sich nun weitere Fragen bezüglich Validität und Reliabilität des Fragebogens.
Insbesondere sollte die Retest-Reliabilität überprüft werden. Auch wäre es ratsam, dies mit
einer grösseren Stichprobe und vor allem über einen grösseren Zeitraum als zwei resp. drei
Wochen durchzuführen.
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