1. Das Sprichwort: von der Begriffsbestimmung

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GEESTESWETENSCHAPPEN 2010
UNIVERSITEIT UTRECHT
Dr. H. Bolte
Deutungen von Sprichwörtern.
Auf der Suche nach der Bedeutung von Kontext
Bachelorarbeit
Vorgelegt von:
Sylvia Seidelmann
BA Deutsche Sprache und Kultur
Schiedamseweg 79B
3026 AD Rotterdam
tel. 06-34502668
E-Mail: [email protected]
Abgabedatum: 09.08.2010
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis................................................................................................................................. 2
Einleitung ............................................................................................................................................. 3
§1. Das Sprichwort: von der Begriffsbestimmung zur Form und Funktion ........................................ 6
§2. Bedeutung und Gebrauch von Sprichwörtern in Hinsicht auf Effekt .......................................... 13
§3. Sprachkritik: Änderungen und Deutungen .................................................................................. 17
§4. Sichtweisen in Bezug auf Sexismen im Sprachsystem und im Sprachgebrauch ......................... 22
Schlussfolgerung ................................................................................................................................ 31
Literaturverzeichnis ........................................................................................................................... 35
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Einleitung
Das Sprichwort ist ein sehr populäres Thema in der westlichen Sprach- und Kulturgeschichte.
Schon Aristoteles hat sich mit Sprichwörtern befasst und nach ihm auch viele andere Personen, wie
Shakespeare und Goethe. Trotz langer Beschäftigung und Popularität dieses Themas in den
verschiedenen Teildisziplinen gibt es noch viele Fragen, über welche diskutiert wird. Während der
letzten Jahrzehnte hat die Sprachwissenschaft verschiedene wichtige Entwicklungen durchgemacht.
Lange lag der Schwerpunkt auf dem Sammeln und dem Formulieren eines theoretischen
Grundbegriffes von Sprichwörtern. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts wurde das
Analysieren von Sprichwörtern wichtiger. Aus den vielen verschiedenen Sammlungen wurden neue
Sammlungen nach den verschiedensten Begriffsfeldern sortiert. So gibt es heute viele Sammlungen
von Sprichwörtern über Umwelt wie Tiere, Wetter und Wasser; Geld; Recht; und so weiter. Noch
immer ist das Analysieren von Sprichwörtern anhand verschiedener Themen und Kontexten einer
der Hauptbeschäftigungen in der Sprichwörterforschung. Unter anderem mit dem starken Aufstieg
des Feminismus in den 70er Jahren erschienen verschiedene Publikationen von Analysen von
Sprichwörtern in Beziehung zu den Denkweisen der Gesellschaft. Ein Beispiel hierfür ist eine
Arbeit, verfasst in 1968, worin die soziale Stellung der bulgarischen Frau anhand bulgarischer
Sprichwörter beschrieben und analysiert wurde. Und auch heute werden Analysen gemacht, wo
Sprichwörter als Ausgangspunkt der Moral einer Gesellschaft gedeutet werden. Mieneke Schipper,
Professorin Dr. Interkultureller Literaturwissenschaft an der Universität Leiden, hat es sich in
verschiedenen Nachforschungen zur Aufgabe gemacht, Sprichwörter und Redensarten aus der
ganzen Welt, in denen es um Frauen geht, zu sammeln. Ihre Schlussfolgerung besteht daraus, dass
in allen Ländern die Sprichwörter eine ähnliche Sichtweise auf Frauen zeigen. In ihrer Analyse
bezieht sie die Existenz von Sprichwörtern auf eine herrschende Norm und Denkweise der
Gesellschaft.
Kritiker fragen sich, ob eine sozial-gesellschaftliche Analyse aufgrund existierender Sprichwörter
möglich ist. Es sollte berücksichtigt werden, dass in solchen Analysen die Annahme besteht, dass
Sprichwörter als Spiegel der Gesellschaft gesehen werden. Eine Analyse, welche auf existierenden
Sprichwörtern basiert, geht nämlich davon aus, dass Sprichwörter eine Aussage über die
Gesellschaft machen. Doch hierin ergeben sich einige Schwierigkeiten.
Eines der Probleme bei Analysen von Sprichwörtern ist, dass es viele Sprichwörter gibt, die sich
widersprechen. Durch diese Widersprüche ist es schwierig eine objektive Analyse zu erstellen. Man
könnte
bis
ins
Unendliche
darüber
diskutieren,
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welche
Metaphern
schwerer
wiegen
beziehungsweise ob positive und negative Äußerungen in einem bestimmten Thema einander
ausgleichen.
Zweitens ist es fragwürdig, davon auszugehen, dass Sprichwörter eine einzige Bedeutung, und
damit eine absolute Wahrheit tragen. Es gibt nicht nur Schwierigkeiten hinsichtlich der
gegensätzlichen Sprichwörter, auch unterschiedliche Bedeutungen der Sprichwörter müssen in der
Analyse mitgewogen werden. So hat der Kontext großen Einfluss auf die Bedeutung der
Sprichwörter. Ein Problem, das hier unter anderem mitspielt, ist das des individuellen Gebrauches.
So können Sprichwörter jedes Mal in einem anderen Kontext aus unterschiedlicher Motivation
gebraucht werden und somit auch unterschiedlich gedeutet werden. Darüber hinaus sollte beachtet
werden, dass Sprache als Kommunikationsmittel mehrere Ziele hat. So wird Kommunikation auch
als Teil einer Strategie gedeutet, wobei der Sprachbenutzer etwas beim Hörer erreichen will.
Hier kommt hinzu, dass die Nuancen von Bedeutungen und Kontexten schwierig in eine Analyse
einzubeziehen sind, denn der Gebrauch der Sprichwörter ist mit großer Kreativität verbunden. So
werden Sprichwörter auch als Äußerung der Kreativität der Sprache und der Gesellschaft gedeutet.
Alte Weisheiten, Erfahrungen und moralische Denkbilder spielen, durch Abwechslung von
Sarkasmus und Witz mit Warnung und Seriosität, ein Spiel mit der Sprache. Vor allem Sprüche und
Vergleiche über Mensch und Tier zeigen ein kreatives Bild mit vielen witzigen Spielereien mit
Reim und Metaphern der Sprache, sodass in einer Sprichwortsammlung eine vielfältige Übersicht
der verschiedensten Sprichwörter entstanden ist.
Mit der Kreativität des Sprachgebrauches verbunden ist auch die Eigenschaft der Veränderlichkeit
der Sprache. Sprache als Form der Kommunikation zwischen Menschen zeigt einen (sehr kreativen)
Einfluss der Gesellschaft auf Sprachen. Sprichwörter werden deshalb als gute Illustrationen
gesehen, sowohl für die Kreativität als auch für die Veränderlichkeit der Sprache. Da Sprichwörter
Teil der Sprache sind, wird auch die Verbindung zwischen die Ideen der Gesellschaft und deren
geäußerten Sprichwörtern gelegt. Dass sie als Beispiel für die Moral einer Gesellschaft gesehen
werden, ist das Hauptthema dieser Arbeit. Es bleibt aber die Frage, wie Sprichwörter etwas über
Normen und Werte der Gesellschaft, in der sie gebraucht werden, aussagen können.
Weitere Fragen, welche meistens nicht mit einbezogen werden beziehungsweise nicht mit
einbezogen werden können, betreffen den praktischen Gebrauch und die Quantität des Gebrauches.
Die folgenden Fragen sind schwierig zu beantworten: Welche Sprichwörter werden noch benutzt?
Welche sind in Vergessenheit geraten? Wer benutzt welche Sprichwörter, wie oft und wann? Noch
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dazu sind sie schwierig in eine, wie oben beschriebene, Analyse miteinzubeziehen.
Interessant ist es deshalb zu untersuchen, wie eine Analyse, die eine Verbindung zwischen
Sprichwörtern und der Gesellschaft darlegen will, all diese Schwierigkeiten berücksichtigen kann.
Die Hauptfrage dieser Arbeit lautet deshalb:
Wie können die Faktoren Kontext und gegensätzliche Bedeutungen von
Sprichwörtern in Forschungsarbeiten, die Sprichwörter mit Bezug auf die
Gesellschaft zu deuten versuchen, miteinbezogen werden?
Diese Arbeit wird sich nicht auf eine Kritik zuspitzen. Sie wird vielmehr auf die Suche gehen nach
einer gerechten Analyse von Sprichwörtern im Hinblick auf soziologische Verhältnisse. Diese
Arbeit wird sich mit der Frage beschäftigen, wie man eine gute, gerechte Analyse durchführen
kann, wenn man eine Beziehung zwischen Sprichwörtern und den Auffassungen und Denkweisen
einer Gesellschaft nachweisen will.
In der Theoriebeschreibung der Sprichwörter, in den ersten zwei Paragraphen dieser Arbeit, wird
zuerst versucht, die Frage zu beantworten, wie es kommt, dass das eine Sprichwort positiv über ein
Thema, wie zum Beispiel den Charakter der Frau, und ein anderes Sprichwort über das gleiche
Thema, genau das Entgegengesetzte aussagt. Auch ist es nicht glaubwürdig, dass die Aussagen von
zwei gegensätzlichen Sprichwörtern einander neutralisieren, denn auch der individuelle Gebrauch
der Sprichwörter und die unterschiedlichen Kontexte sind wichtig für die Bedeutung und somit für
eine Analyse von Sprichwörtern. Obwohl diese Schwierigkeiten genannt werden, werden sie nicht
in die Analyse Schippers miteinbezogen. Die erste Teilfrage lautet deshalb:
Wie können widersprüchliche Sprichwörter gedeutet werden?
Hierzu werden die Grundbegriffe, Bedeutung und Kontext, im Hinblick auf Sprichwörter erläutert,
um danach auf den Wahrheitsanspruch des Sprichwortes einzugehen.
Der zweite Teil dieser Arbeit, die Paragraphen drei und vier, befasst sich mit der Frage:
Was sagt die Sprache über die Denkweisen der jeweiligen Gesellschaft
aus und ist es möglich, eine solche Verbindung auch mit
Sprichwörtern zu ziehen?
Anhand des Beispiels von Analysen über Sexismen in der Sprache wird zunächst eine Verbindung
mit Stereotypisierungen in Sprichwörtern gemacht. Eine weitere Verbindung wird zwischen der
Sprachkritik mit ihrer Diskussion über die Deutung von Sexismen in der Sprache und der
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Sprichwortforschung mit der Frage nach Stereotypisierungen und deren Beziehung zur Gesellschaft
gezogen.
Mit dieser Verbindung werden Parallelen und Unterschiede analysiert um zu einer Antwort auf die
Hauptfrage zu gelangen, wie man eine gute, gerechte Analyse machen kann, wenn man eine
Beziehung zwischen Sprichwörtern und den Auffassungen und Denkweisen einer Gesellschaft
nachweisen will.
§1. Das Sprichwort: von der Begriffsbestimmung zur Form und Funktion
§1.1
Kategorie und Form
Kategorial werden Sprichwörter den Phraseologismen zugeteilt. Unter Phraseologismen versteht
man Sätze, bestehend aus mindestens zwei Wörtern beziehungsweise Lexemen, welche nur in einer
bestimmten Kombination stehen und nur in diesem Sinne in ihrer Bedeutung bekannt und zu
erkennen sind. Mit anderen Worten: Sie bilden eine semantische Einheit. (Vgl. Pilz 1981:20) Burger
spricht von den folgenden zwei Eigenschaften, die den Bereich der Phraseologie im weiteren Sinne
bilden:
(1)Polilexikalität- der Phraseologismus besteht aus mehr als einem
Wort.
(2)Festigkeit- wir kennen den Phrasologismus in genau dieser
Kombination von Wörtern, und er ist in der Sprachgemeinschaft –
ähnlich wie ein Wort – gebräuchlich. (Burger 2003: 14)
Phraseologismus ist also ein sehr weiter Begriff. So sind zum Beispiel auch Begrüßungsformeln,
Redensarten und geflügelte Worte unter Phraseologismen zu verstehen. Obwohl hier nicht näher
darauf eingegangen wird, sollte schon erwähnt werden, dass in dieser Arbeit von 'Phraseologie im
weiteren Sinne' ausgegangen wird. Der Grund hierfür ist, dass sowohl Burger als auch Pilz dafür
plädieren, zwei Wissenschaftler, deren Theorien in dieser Arbeit oft benutzt werden. Das heißt, dass
auch satzwertige phraseologische Einheiten wie Sprichwörter, Redensarten, Stereotypen und
Slogans zu Phraseologismen im weiteren Sinne gezählt werden. (Vgl. Pilz 1981:21)
Neben der kategorischen Einteilung des Sprichwortes sollte auch die Definition bestimmt werden.
Die Definitionsbestimmung des Sprichwortes ist aber mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Denn
schreibt Mieder in 1977, dass es immer noch keine endgültige Definition des Sprichwortes gebe,
was auch schon fünf Jahrzehnte zuvor von einem anderen Wissenschaftler geäußert wurde. Der
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Wissenschaftler Archer Taylor, spezialisiert auf Parömiologie (Sprichwörterkunde) und Autor des
bekannten Buches „The Proverb“, hatte nämlich in 1931 konstatiert, dass: „es keine umfassende
Definition des Sprichwortes geben kann“. (Röhrig, Mieder 1977: S.1) Mieder selbst ist auch immer
noch sehr vorsichtig in seiner 'Arbeitsdefinition' des Sprichwortes:
Ganz allgemein könnte man vielleicht als Arbeitsdefinition folgende
Formulierung aufstellen: Sprichwörter sind allgemein bekannte,
festgeprägte Sätze, die eine Lebensregel oder Weisheit in prägnanter,
kurzer Form ausdrücken.
Diese Vorsichtigkeit liegt vor allem in einem Teil der Definition, nämlich dem funktionellen
Aspekt. Im Begriff „Sprichwort“ liegt eine linguistische und eine referentielle Seite, oder wie
Mieder referiert, eine innere und äußere Form. Burger wiederum macht einen Unterschied zwischen
Form und Funktion, womit in dieser Arbeit gearbeitet wird. Die Form des Sprichwortes ist
weitgehend einfacher zu definieren als die Funktion. Mieder erklärt, dass „in der internationalen
Forschung man daher versucht (hat), durch die linguistische Strukturanalyse zu einer Definition zu
gelangen.“ (Mieder 1977: 2) Beide Aspekte sind aber eng aneinander gebunden, wodurch Aussagen
über Funktion beziehungsweise Inhalt auch durch eine linguistische Strukturanalyse gedeutet
werden können. Die Form sagt also etwas über die Funktion aus, wie im Folgenden erläutert wird.
Wie schon erwähnt, hat das Sprichwort in seiner Form das Merkmal, da es aus mindestens zwei
lexikalischen Elementen besteht, welche in einer bestimmten Kombination als semantische Einheit
fungieren. Somit werden Sprichwörter zu Phraseologismus gezählt, aber die Frage, worin
Sprichwörter sich von anderen Phraseologismen -wie Sentenzen, geflügelte Wörter, Aphorismen
und Slogans- unterscheiden bleibt damit noch unbeantwortet. Erstens ist man sich darüber einig,
dass es sich beim Sprichwort um einen „vollständigen und festen Satz“ handelt (Mieder 1977: 2),
welcher eine „selbständige Aussage“ darstellt. (Mieder 1977: 17 und Burger 2003: 120) „Dabei ist
es unwichtig, durch welches poetische Mittel […] sich dieser Satz auszeichnet. Die Hauptsache ist,
der Satz hat eine allgemeine Gültigkeit und drückt diese in einprägsamer Sprache aus.“ (Mieder
1977: 2) Andererseits meint Beyer, dass es sich nicht um einen „allgemeingültigen Charakter“
handele, sondern, dass Sprichwörter „Erfahrungssätze mit verallgemeinertem Charakter“ sind.
(Beyer 1984: 18) Hierdurch werden Sprichwörter als allgemeingültig erfahren. Wichtig ist auch der
von Seiler betonte Begriff der Volksläufigkeit. Diese ist immer noch eines der Hauptmerkmale, das
von der neueren Forschung als wichtiges Grundelement des Sprichwortes angesehen wird. (Vgl.
Mieder 1977: 1)
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Trotz all diesen Merkmalen liegt das wichtigste Element aber im Gebrauch des Sprichwortes.
Sprichwörter, als in sich geschlossene Sätze, müssen nämlich nicht durch ein lexikalisches Element
an den Kontext angeschlossen werden. (Vgl. Burger 2007, S. 108) Sie werden „kontextfrei“
verstanden und können auch kontextfrei, das heißt selbständig, gebraucht werden. Wie auch später
erläutert wird, trägt die Bildhaftigkeit des Sprichwortes hierzu bei, denn das metaphorische Bild,
das ein Sprichwort hervorruft, sorgt dafür, dass, „sie als Einheit abgerufen werden (können) und
keine textlinguistische Anpassung an einen Kontext (benötigen).“ (Burger 2007, S. 108) Diese
Struktur, die Burger „entindexikalisiert“ nennt, impliziert, dass ein Sprichwort „in der Regel keine
Verweise auf irgendwelche Situationsfaktoren“ benötigt. (Burger 2007, S. 109, zit. Nach Lüger
1999, S. 92)
Das Element Kontext ist auch für weitere Klassifizierungen der Sprichwörter wichtig. Nach Burgers
Klassifizierung gehören Sprichwörter nämlich nicht zu den 'festen Phrasen' der Phraseologismen,
stattdessen sollten sie als 'topische Formeln' betrachtet werden. Die Unterscheidung, die Burger
macht liegt, wie vorher betont, im Kontext. Wo 'feste Phrasen' einen Kontext für ihre Bedeutung
brauchen, “bilden (topische Formeln) generalisierende Aussagen, die auch ohne Verankerung in
einem spezifischen Kontext, einer spezifischen Situation verständlich sind.” (Burger 2003: 40)
Auch Pilz betont diese Eigenschaft von Sprichwörtern. Darüber hinaus tritt er für die formale
Flexibilität des Sprichwortes ein. Denn obwohl man sich darüber einig ist, dass es sich beim
Sprichwort um einen vollständigen und festen Satz handelt, heißt das nicht, „dass sie in einem
sprachlichen Kontext nicht veränderbar sind. Die Satzstruktur kann (elliptisch) verkürzt und sogar
aufgelöst und in einen größeren Satzzusammenhang eingebettet werden [...]“ (Pilz 1981:16)
Wichtig ist, dass die lexikalischen Elemente als Einheit erhalten bleiben, sodass sie noch als
Sprichworter zu erkennen sind; natürlich kontextfrei . Wie wichtig diese kontextfreie Eigenschaft
der Sprichwörter ist, wird auch im Rest dieser Arbeit deutlich werden.
Zusammenfassung
Sprichwörter werden unter Phraseologismen eingeordnet. Hierzu gehören auch Begrüßungsformeln,
Redensarten und geflügelte Wörter. Trotzdem gibt es einige Schwierigkeiten in Bezug auf die
Definition des Sprichwortes. Im Begriff „Sprichwort“ werden Form und Funktion voneinander
unterschieden, wobei die Form des Sprichwortes weitgehend einfacher zu definieren ist als die
Funktion. Als Phraseologismen haben alle Sprichwörter zwei Merkmale miteinander gemein: Sie
bestehen aus mehr als einem Wort (Polilexikalität) und sie tragen eine Festigkeit in sich. Hiermit ist
gemeint, dass der Phraseologismus nur in eine fester Formelhaftigkeit, das heißt, in nur einer
Kombination von Wörtern zu erkennen ist und in dieser Kombination gebraucht wird. Durch ihren
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allgemeinen Charakter, werden Sprichwörter als allgemeine Gültigkeiten erfahren. Das Sprichwort
unterscheidet sich unter anderem in Bezug auf den Gebrauch, das Motiv und den Kontext, welche
alle unter die Kategorie Funktion fallen. Das bemerkenswerteste und wichtigste Merkmal, worin
das Sprichwort sich von anderen Phraseologismen unterscheidet ist, dass Sprichwörter kontextfrei
verstanden werden können.
§1.2
Funktion
Wahrend die Form des Sprichwortes bereits erläutert wurde, ist die Funktion weitgehend noch nicht
erfasst worden. Einige Punkte -'allgemeine Gültigkeit', 'Volksläufigkeit', 'Bildhaftigkeit',
'Lebensregel' und 'Weisheit'- sind schon erwähnt worden, brauchen aber noch eine gründlichere
Auslegung. Anschließend werden auch die Elemente 'Inhalt', 'Bedeutung' und 'Handlungsaspekt'
und ihr Zusammenhang beleuchtet.
Zuerst sollten aber die Eigenarten 'Volksläufigkeit' und 'Weisheit' von Sprichwörtern besprochen
werden. Diese Merkmale scheinen auf den ersten Blick wenig Erläuterung zu brauchen, denn in
Umfragen darüber, was ein Sprichwort ist, werden beide Aspekte fast immer genannt. (Vgl. Burger
2003: 105, zit. nach Mieder 1993: 5) Hieraus kann konkludiert werden, dass es ein allgemeines
Verständnis vom Inhalt des Begriffes 'Sprichwort' gibt. Auch ist hiermit begründet, dass ein
Sprichwort meistens als Sprichwort erkannt wird. Diese allgemeine Bekanntheit der Sprichwörter
ist ein Argument für den Aspekt der Volksläufigkeit. Ohne die weitverbreitete Bekanntheit würde
es überhaupt keine Sprichwörter geben, weil sie nicht weitergegeben werden könnten und in diesem
Sinne auch nicht als Sprichwort benutzt werden könnten. Weil Sprichwörter „Gemeingut“ sind,
können sie ihre Funktion erfüllen. (Beyer 1984: 7)
Ist der Aspekt 'Weisheit', der dem Sprichwort so einfach zugeschrieben wird, auch so
selbstverständlich wie die Volksläufigkeit? Wird die 'Lebensregel des Sprichwortes' im Gebrauch
auch so gedeutet und ernst genommen? Wie viele Wissenschaftler bemerkte Burger Folgendes:
Es wird freilich wohl immer schon so gewesen sein, daß die Wahrheit
von Sprichwörtern nicht als eine absolute, sondern mindestens
teilweise als eine relative aufgefaßt wurde, relativ zu bestimmten
Situationen, Lebensumständen usw. (Burger 2003: 108)
Auch Mieder betont, dass die allgemeine Gültigkeit ein Hauptmerkmal des Sprichwortes ist, aber
dass das nicht heißt, dass sie eine absolute Weisheit ausdrückt. Er zitiert hierin Burger, dass
Sprichwörter „allgemeine Aussagen oder Urteile (sind), mit denen eine gegebene Situation erklärt,
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eingeordnet, beurteilt wird.” (Mieder 1977: 2, zit. nach Burger 1973: 54) Auch Permjakov sieht
Sprichwörter als Vertreter und Inhaber von situationellen Zuständen der Realität, oder „Zeichen und
Modell für typenhafte reale oder gedachte Situationen des Lebens“. (Burger 2003: zit. Nach
Permjakov 1986: 10) Beyer dagegen meint: „ Allgemeingültigkeit im Sinne von unumstößlichen
Lebensweisheiten besitzen Sprichwörter nicht.“ (Beyer 1984: 7) Dennoch wird die Tragbarkeit in
der Gesellschaft für wichtig gehalten. So heißt es später im Text: „Ohne der Stütze der jeweils
herrschenden Moral verliert sich die Gültigkeit von Lebensregeln.“ (Beyer 1984: 7)
Zusammenfassend kann man sagen, dass Sprichwörter eine relative Wahrheit ausdrücken, welche
auch von der Gesellschaft so gedeutet wird.
Einer der Gründe, dass Sprichwörter nicht als absolute Wahrheit oder Weisheit aufgefasst werden,
könnte in der 'Bildhaftigkeit' liegen, denn „das Sprichwort meint häufig etwas anderes, als der
Wortlaut zum Ausdruck bringt.“ (Mieder 1977: 53) Durch den Gebrauch von Metaphern illustrieren
Sprichwörter einen Zustand der Realität, welcher auf viele Ereignisse bezogen werden kann. Neben
seiner Entindexikalisierung sorgt das metaphorische Bild für die verallgemeinerte Bedeutung,
wodurch es in verschiedenen Situationen benutzt werden kann. Es wird deshalb auch von
'metaphorischen Bedeutung' gesprochen. Für den Gebrauch der Sprichwörter ist das metaphorische
Bild eines der wichtigsten Elemente. So schreiben auch Horst und Anelies Beyer in ihrem Vorwort
des Sprichwörterlexikons:
Der Inhalt solcher Sprichwörter erschließt sich nicht aus dem Wortlaut,
nicht aus dem eigentlich mitgeteilten Sachverhalt, sondern über eine
metaphorische, verallgemeinerte Bedeutung, die als “tieferer Sinn”
zugrunde liegt. [...] Andererseits ist diese Bildhaftigkeit und die ihr
innewohnende Deutbarkeit ein wichtiger Grund für das Überleben von
Sprichwörtern, die einer Zeit entstammen, die nicht mehr die unsere
ist. (Beyer 1984: 7)
Mieder erkennt auch die Bildhaftigkeit als wichtiges Element. Denn obwohl es auch Sprichwörter
gibt, die „eine klare Aussage“ erhalten, erklärt er, dass „das sprichwörtliche Bild kräftiger,
sprechender und einprägsamer“ ist. (Mieder 1977: 52) Abstrakta wie Eifersucht, Faulheit, Fleiß,
Frechheit, Tugendhaftigkeit, Armut, Reichtum, Verlust, Gewinn und so weiter werden durch
Bildfelder in Sprichwörtern anschaulich gemacht. Das metaphorische Bild wird verstärkt durch
Stilmerkmale. Wie nach Mieders treffender Aussage gilt unter anderem der Stil der „schlagfertigen
Kürze und geschliffenen Prägnanz“. Dieser wird oft erreicht durch „Auslassung von Artikel, Verb
und Relativpronomen (zum Beispiel 'Ende Gut – alles Gut', 'Ein Mann – ein Wort', 'Fettes Mägdlein
– magere Frau').“ Weiterhin arbeitet das Sprichwort gerne mit „scheinbarer Unlogik und
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Paradoxie“, mit „reiner Ironie“, oder mit „Hyperbolik“. Beispiele, welche Mieder unter anderem
gibt, sind: 'Ein Mann – kein Mann', 'Geteilte Freude ist doppelte Freude', 'der Hunger treibt's rein –
und wenn es Schweinebraten ist', 'Ein Kind kann mehr fragen, als ein Weiser antworten'. Nicht zu
vergessen ist die Neigung zur „hyperbolischen Übertreibung, zur Drastik und Groteske“. Hierfür
passen folgende Sprichwörter, von Mieder gut gewählt zur Illustration. 'Der Teufel scheißt immer
auf den größten Haufen', 'Wer Pechvogel ist, bricht sich den Finger beim Nasebohren'. Außerdem
zeigen Sprichwörter oft einen Gegensatz, weshalb Wortkontraste und Gegensatzpaare in einem
Sprichwort ein übliches Faktum sind. (Vgl. Mieder 1977: 56 f.)
Mieder macht gleichzeitig auch klar, dass die Anschaulichkeit, die dem Sprichwort gegeben wird,
durch „die bildhafte Einkleidung eines abstrakten Gedankens” eine Doppeldeutigkeit mit sich
bringt. Er unterscheidet zwei Geltungsbereiche, worin ein Sprichwort verstanden werden kann,
„einen wörtlichen, realen und daneben einen übertragenen.” (Vgl. Mieder 54) Es sind, so erklärt
Mieder später,
„im Sprichwort deutlich zwei unterschiedliche Aussageformen zu
differenzieren, nämlich: die direkte und die indirekte Aussage. In
direkten Sprichwörtern decken sich Sachverhalt und Aussage; es sind
unverhüllte Aussagen. Obwohl der Realbereich des Sprichwortes
stimmen muß, ist doch der Realbereich selten der eigentlich gemeinte,
sondern häufiger ist es die übertragene Bedeutung. Meist wird das
bildhafte Sprichwort nur bildlich gebraucht. (Mieder 1977: 54)
Der Begriff 'Bedeutung', den Mieder benutzt, wird aber auch als problematisch erfahren. Wenn von
Bedeutung in Beziehung zu Phraseologismen im Allgemeinen und Sprichwörtern im spezifischen
Sinne gesprochen wird, ist es nämlich nicht unbedingt der Fall, dass diese eine einzige und feste
Bedeutung haben. Neben verschiedenen Bedeutungen hat ein Sprichwort, auch mehrere 'Lesearten',
weil “es sich bei dieser Zuweisung um die Aktivität des Sprachbenutzers bei der Produktion,
beziehungsweise der Rezeption von Texten handelt”. (Burger 2003: 59)
In Kürze unterscheidet Burger vier Lesearten. Es gibt Sprichwörter mit
1.Nur einer Lesart
a) Dank sagen (aus den Elementen verstehbar, allerdings mit leichter Abschwächung
von sagen, verblaßt), bedeutet ungefähr 'danken'
b) gang und gäbe (die lexikalischen Komponenten haben keine freie Bedeutung, außer
und)
c) klipp und klar (ein lexikalisches Element hat eine freie Bedeutung und behält diese
innerhalb des Phraseologismus, das andere hat keine freie Bedeutung)
2.Zwei Lesearten, die sich disjunktiv zueinander verhalten
a) jmdm. einen Korb geben (Hymonymie)
b) das fünfte Rad am Wagen [sein] (metaphorischer Zusammenhang zwischen
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wörtlicher und phraseologischer Leseart)
c) jmdm. Feuer unter dem Hintern machen (metaphorischer Zusammenhang, wobei
aber die wörtliche Leseart sehr unwahrscheinlich ist)
3.Zwei Lesearten, die simultan realisiert werden bzw. werden können
die Achseln zucken
4.Gemischter Typ: partiell zwei Lesearten und eine Leseart
vom Fleck weg heiraten (vom Fleck weg zwei Lesearten, heiraten eine Leseart, und
zwar die freie Bedeutung des Lexems)
Für Sprichwörter (und soweit bekannt nur für Sprichwörter) gilt aber öfters auch, dass sie nicht nur
zwei Lesearten haben, sondern sogar “zwei echte phraseologische Bedeutungen, die beide als
konventionelle Bedeutungen des Sprichworts zu gelten haben”. (Burger 2003: 104)
Die unterschiedlichen Dimensionen der Bedeutungen und Lesearten lassen sich unter anderem
erläutern aus den vielen unterschiedlichen Motivationen, aus denen Sprichwörter gebraucht werden.
„Sprichwörter können (...) als Warnung, Überredung, Argument,
Bestätigung, Trost, Besänftigung, Überzeugung, Mahnung,
Zurechtweisung,
Feststellung,
Charakterisierung,
Erklärung,
Beschreibung, Rechtfertigung, Zusammenfassung fungieren.“ (Burger
2007, S. 110, zit. nach Röhrich/ Mieder 1977, 81; vgl. auch Grzybek
1984, 225)
Wie schon erklärt, sind Sprichwörter durch ihre Form und Bildhaftigkeit entindexikalisiert. Das
heißt, dass sie als selbständiger Ausdruck ohne Erläuterung von jeglichem Kontext eingesetzt
werden können. Gleichzeitig sorgen die Form und Bildhaftigkeit auch für die Möglichkeit mehrerer
Bedeutungen und Lesearten, denn Sprichwörter tragen in unterschiedlichen Kontexten andere
Bedeutungen und Lesearten. Aus diesem Grund können sie aus verschiedenen Motivationen, und
mindestens in genauso vielen Situationen eingesetzt werden.
Sprichwörter verordnen weiterhin auch implizit eine Handlungsanweisung. (Burger 2003: 109, nach
Seiler 310) Das Sprichwort als Handlungsanweisung und nicht als Wahrheit zu sehen, ist eine
weniger radikale Auffassung, welche nicht nur von Burger herangetragen wird. Dieser
“Handlungsaspekt” kann in zwei Dimensionen eingeteilt werden:
1) Formulierungen von Überzeugungen, Werten und Normen einer
bestimmten Kultur und Zeit.
2) Funktional für Hintergrund, Kontext, in die Situation für die sie ein
Modell sein wollen. (Burger 2003: 102)
Zur Erläuterung eignet sich folgendes Sprichwort 'Heiraten in Eile bereut man mit Weile'.
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(Düringsfeld 1872: 338) Es ist die Formulierung einer Überzeugung, und man könnte sogar sagen
aus Erfahrung geformt. Es kann auch unterschiedlich interpretiert werden, wortwörtlich und
figürlich. Die figürlichen Bedeutungen, die sogenannten Lesearten, sind im Bild des Sprichwortes
eingeschlossen. Durch ihren verallgemeinerten Charakter können sie nämlich als Modell dienen und
in den verschiedensten Situationen eingesetzt werden. So braucht das Sprichwort nicht
notwendigerweise in Beziehung zu einer (vermeintlich) zu frühen Heirat genannt zu werden.
Schließlich bekommt es in dem jeweiligen Kontext einen endgültigen Inhalt. Außer, dass es als
aufrichtige Warnung oder Ratschlag gebraucht wird, kann es in einem Kontext ironisch gemeint
sein und wiederum in einer anderen Situation als Drohung dienen. Welches Motiv auch gemeint ist,
es beinhaltet immer implizit eine Handlungsanweisung und nicht unbedingt eine Wahrheit.
Aus den obenstehenden Informationen (sprich Handlungsaspekt, Handlungsanweisung, Bedeutung
und Kontext) lässt sich logischerweise schließen, dass Sprichwörter aus verschiedenen und
unterschiedlichen Motivationen heraus verwendet werden können. Damit ist dieser Paragraph
abgeschlossen und im folgenden Paragraph wird auf den Gebrauch des Sprichwortes eingegangen.
Darin werden Sachverhalte wie Bedeutung, Motiv und Kontext und deren Zusammenhang noch
ausführlicher besprochen.
Zusammenfassung
Der Inhalt und die Bedeutung eines Sprichwortes tragen eine allgemeine Gültigkeit, obwohl es auch
Argumente dafür gibt, von „Erfahrungssätzen mit verallgemeinertem Charakter“ zu sprechen.
Dennoch wird das Sprichwort als Weisheit oder Lebensregel gedeutet, es trägt aber keinesfalls eine
Absolutheit in sich. Grund hierfür liegt in der Bildhaftigkeit des Sprichwortes. Darüber hinaus
sorgen auch Stilmerkmale wie Metaphorik, Unlogik, Paradoxie, Ironie und Hyperbolik für das
Verständnis der Weisheit von Sprichwörtern im relativen Sinn. Neben mehreren Bedeutungen kann
man dem Sprichwort auch mehrere Lesearten zuschreiben, was auch mit unterschiedlichen
Motivationen für die Benutzung zusammenhängt.
§2. Bedeutung und Gebrauch von Sprichwörtern in Hinsicht auf Effekt
§ 2.1 Bedeutung
Bevor der Gebrauch von Sprichwörtern besprochen wird, sollte noch kurz auf die Bedeutung und
Interpretation eingegangen werden. Wie schon besprochen, kann ein Sprichwort mehrere
phraseologische Bedeutungen haben, zu denen noch die unterschiedlichen Lesearten hinzukommen.
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Für die Bedeutung und Leseart der Sprichwörter spielt nämlich der Kontext eine wichtige Rolle. Im
Kontext bekommen Sprichwörter ihre definitive Bedeutung. So könnte es vorkommen, dass
innerhalb eines Kontextes vermeintliche Gegensätze als Parallele benutzt werden. Andersherum
können auch Sprichwörter mit ähnlicher phraseologischer Bedeutung als Gegensätze in einer
Situation verwendet werden. Das bedeutet, dass ein Sprichwort in der gegebenen Situation
interpretiert wird. Deshalb wird oft zu Recht gewarnt „vor einer zu direkten Auslegung des
Sprichwortes, da der Sinn des Sprichwortes letzten Endes erst durch Kontext und Situation
bestimmt werde“. (Burger 2003: 110)
Kontext und Bedeutung haben also beide Einfluss auf die Art und Weise wie ein Sprichwort benutzt
wird. Umgekehrt haben Gebrauch und Kontext auch Einfluss auf die Bedeutung. So ergibt sich
folgendes Schema.
Kontext
Gebrauch
Bedeutung
Das Schema zeigt, wie Kontext, Bedeutung und Gebrauch miteinander verbunden sind, und dass
der Kontext als selbständiges Element eine Rolle darin hat. Weder der Gebrauch noch die
Bedeutung haben Einfluss auf den Kontext im Moment des Aussprechens eines Sprichwortes.
Natürlich ändert sich der Kontext, sobald ein Sprichwort benutzt ist, aber das ist hier nicht gemeint.
In Bezug auf die Bedeutung zeigt unter anderen Burger sich kritisch gegenüber der
Interpretationsbedürftigkeit. Zur Argumentation benutzt er Hebels Aussage, dass abgesehen von
einem verkehrten Verständnis eines Sprichwortes, „(die Interpretationsbedürftigkeit) sich am
krassesten dann zeigt, wenn zwei Sprichwörter sich widersprechen.“ (Burger 2003: 110) Auch
Kirschenblatt-Gimblett erwähnt dieses Problem. Sie argumentiert, dass Sprichwörter neben einer
Mehrdeutigkeit auch eine Kontradeutigkeit besitzen, weil die Bedeutung letzten Endes im sozialen
Kontext liegt und nicht in der wortwörtlichen Bedeutung des Satzes. Der Wahrheitsanspruch,
diskutiert in Paragraph 1.2, weist sich also auch in diesen Beispielen nicht als selbstverständlich
aus. Beyer formuliert zudem:
Jedes Sprichwort steht im Grunde für sich allein, oft im Widerspruch
zu anderen; (…) aber jedes Sprichwort, das überdauert, beweist damit
14
zugleich seine Anpassungsfähigkeit und Ausdeutbarkeit. (Beyer 1981:
18)
Trotz obengenannten Kontradiktionen wird Sprichwörtern eine allgemeine Gültigkeit, Weisheit oder
Lebensregel zugeschrieben. Sie werden zwar als Relative aufgefasst, dennoch werden sie als
„Formulierung von Überzeugungen, Werten und Normen einer bestimmten Kultur und Zeit“
definiert. (Burger 2003: 102) Wie Beyer behauptet, könnte der Grund des Überlebens in der
Anpassungsfähigkeit und Ausdeutbarkeit der Sprichwörter liegen. Daraufhin kann man sich fragen
wie ein Sprichwort benutzt wird und welchen Wert man ihm zuschreibt.
Zusammenfassung
In der Bedeutung und Leseart der Sprichwörter spielt der Kontext eine wichtige Rolle, denn im
Kontext bekommen Sprichwörter ihre definitive Bedeutung. Es wurde erklärt, wie Kontext und
Bedeutung gemeinsam Einfluss haben auf die Benutzung des Sprichwortes. Auch andersherum
haben Gebrauch und Kontext Einfluss auf die Bedeutung. Der Kontext dagegen steht unabhängig
vom Gebrauch und von der Bedeutung.
Damit ist die Interpretation nicht immer eindeutig. Probleme zeigen sich zum Beispiel im falschen
Verständnis eines Sprichwortes, oder wenn zwei Sprichwörter sich widersprechen. Trotzdem wird
Sprichwörtern eine allgemeine Gültigkeit, Weisheit oder Lebensregel zugeschrieben. Der Grund
dafür könnte in der Anpassungsfähigkeit und Ausdeutbarkeit der Sprichwörter gesucht werden. Das
erklärt gleichzeitig warum der Inhalt als Relative aufgefasst wird.
§ 2.2 Gebrauch
Obwohl Beyer das Argument gibt, dass die Anpassungsfähigkeit und Ausdeutbarkeit Gründe sind
für das Überleben der Sprichwörter, ist damit noch nicht bewiesen, dass sie auch als Weisheit
großen Wert haben. Im vorletzten Paragraphen sind die Motive, mit welchen ein Sprichwort benutzt
wird, aufgelistet worden, sowohl positive als auch negative. Dabei ist es unbedeutend, aus welcher
Motivation heraus ein Sprichwort benutzt wird: Es verleiht dem Sprecher immer Macht oder
wenigstens Autorität. So zitiert Burger Gläsers Auseinandersetzung, dass „indem man etwas
scheinbar Selbstverständliches sagt, man dem Gemeinten besonderen Nachdruck (gibt), oft mit
einem Hauch von Fatalismus.“ (Burger 2007, S. 111, zit. vgl. Nach Gläser 1990, S. 120) Auch
Schipper rechnet dem Sprichwort große Autorität und Macht zu. Sie argumentiert, dass durch das
metaphorische Bild Sprichwörter die Möglichkeit bekommen, viele Sachen indirekt anzudeuten.
Das, so argumentiert sie weiter, führt zu einer bestimmten Freiheit im Sinne des Benutzens. So kann
indirekt Kritik geäußert werden, oder Jemand beleidigt oder verspottet werden. (vgl. Schipper 1993:
15
14) Auch Mieder hatte hierzu die gleiche Meinung: „Das [...]Sprichwort drückt manches besser aus,
als man es selber formulieren könnte, und es verdeckt doch genügend, was man nicht direkt
aussprechen will und soll.” (Mieder 1977: 55) Aber ein Sprichwort kann auch im positiven Sinne
benutzt werden. Wie auch im Paragraph 1.2 gesagt wurde, kann es didaktisch oder argumentativ, als
Ratschlag oder Warnung verwendet werden. Burger erklärt aber auch:
Daß Sprichwörter argumentativ verwendet werden, indem sie als
Stütze für Argumente oder Begründung für Handlungen dienen, steht
beim heutigen Sprichwort-Gebrauch sicherlich nicht mehr im
Vordergrund. (Burger 2003: 114)
Heute werden Sprichwörter vor allem spielerisch eingesetzt. Demzufolge kann ein Sprichwort
neben einem humoristischen Effekt auch Konfliktsituationen entschärfen. (Vgl. Burger 2003: 119)
Obwohl der Inhalt nur relativ ist, wirkt der Sprecher in all diesen Fällen doch glaubwürdig und
erlangt auf diese Weise Autorität über den Empfänger. Häufig werden Sprichwörter auch zu diesem
Zweck genutzt. Der Benutzer des Sprichwortes setzt es ein, um kräftiger zu wirken, um ein
Argument beizufügen und tatsächlich führt es zu einer gewissen Autorität und Einfluss über den
Adressaten. Dies stützt Beyers Aussage, dass
„man heutzutage seine Weisheit gewiß nicht aus Sprichwörtern
(bezieht), sondern (man) diese anwendet, um seine eigene Auffassung
zu bekräftigen. Es kann (so) resignierend, doch ebenso kritisch oder
ironisch gemeint sein. (Beyer 1984: S.18)
Man sollte hier auch Burgers Auffassung beachten, dass das Bekräftigen eines Argumentes mittels
eines Sprichwortes heute nicht mehr oft vorkommt. Gemäß beiden Standpunkten kann man
abschließend sagen, dass, obwohl der argumentative Charakter nicht mehr im Vordergrund steht,
das Sprichwort trotzdem mächtig sowohl auf den Sender als auch den Empfänger wirkt. Die
Autorität des Sprichwortes ist hiermit also bekräftigt.
Wie im letzten Paragraphen erklärt wurde, werden Sprichwörter in vielen Kontexten und aus den
unterschiedlichsten Motiven heraus benutzt. Daneben wurden auch die möglichen Effekte erläutert.
Man kann konkludieren, dass Sprichwörter ungeachtet des Motives dem Benutzer neben
Glaubwürdigkeit und Autorität auch eine Art Freiheit verleihen, zu sagen was er denkt. Da niemand
die Verantwortung für ein Sprichwort trägt, führt das zu einer bestimmten Freiheit im Umgang mit
dem Sprichwort. Das bedeutet, dass man sagen kann, was man denkt, weil man sich auf die
Autorität des Sprichwortes beruft. Diese Freiheit liegt im allgemeinen Charakter begründet, denn
16
dieser sorgt dafür, dass das Sprichwort als Modell auf viele Situationen und aus den verschiedensten
Motivationen angewendet werden kann. Das hat wiederum zur Folge, dass Sprichwörter kaum in
Frage gestellt werden können und so eine große Freiheit im Gebrauch ermöglichen. (Vgl. Schipper
1993: 14f.)
Zusammenfassung
Heute werden Sprichwörter vor allem spielerisch benutzt, zum Beispiel um eine Konfliktsituation
zu entschärfen. Weiterhin sind sie besonders gut geeignet, um eine Meinung oder einen Gedanken
zu verhüllen. Häufig werden Sprichwörter auch dazu genutzt, eine Art von Autorität über den
Empfänger zu bekommen, was unabhängig von der Motivation steht. Zwar werden Sprichwörter
nicht mehr oft argumentativ eingesetzt, jedoch üben sie in jeder Situation eine implizite Macht aus.
Sprichwörter tragen diese sogenannte Autorität der Unabhängigkeit, welche in Verbindung mit der
Unabhängigkeit des Kontextes steht.
Sprichwörter sind selbständig und geben dem Benutzer eine Freiheit, auf indirekte Weise zu sagen
was er denkt. Diese Freiheit liegt in der Kontextfreiheit, dem allgemeinen Charakter und der
Anpassungsfähigkeit. Diese sorgen dafür, dass Sprichwörter kaum in Frage gestellt werden können,
dadurch autoritär wirken und so eine große Freiheit im Gebrauch ermöglichen.
§3. Sprachkritik: Änderungen und Deutungen
§3.1
Sprache als Deutung für die Denkweisen einer Gesellschaft
Dass der Kontext einer Sprache wichtig für die Bedeutung einzelner Sätze beziehungsweise
Sprichwörter ist, ist ausführlich dargelegt worden. Jetzt wird darauf eingegangen, wie genau der
Einfluss vom Kontext auf die Entwicklung der Sprache ist, um weiterhin einen Teil der Hauptfrage
zu beantworten: Was sagt die Sprache über die Denkweisen der Gesellschaft aus und ist es
überhaupt möglich solch eine Verbindung zu ziehen?
Dass aufgrund von Sprache Analysen über die Gesellschaft gemacht werden, ist ein Teil der
Aufgabe der Sprachkritik. Zimmer erklärt, dass die Denkweisen einer Gesellschaft durch die
Sprachkritik zu entfalten sind. Zur Aufgabe der Sprachkritik meint er:
Sie muß das Bewußtsein dafür zu schärfen suchen, welchen Gedanken
– treffenden oder abwegigen – eine bestimmte Sprache Vorschub
leistet und welche sie auf der anderen Seite diffamiert; welche
Denkweisen Konjunktur haben, wenn bestimmte Sprechweisen
aufkommen; was die Sprache verrät und was sie verbirgt und was sie
17
verdreht und was sie verfälscht; wo sie Illusionen und Vorurteile
verfestigt.” (Zimmer 1988: 10, 11)
Ein Argument hierfür liegt im Gebrauch der Sprache, denn wie vorher argumentiert, ist der Kontext
der Sprache eng mit dem Kontext der Gesellschaft verbunden. Wie an späterer Stelle noch näher
erläutert, wird Sprache als Code benutzt, womit erklärt werden kann, dass Sprache neu produziert
wird. In diesem sogenannten Code sind die Denkweisen verborgen, welche die Sprachkritik zu
enthüllen versucht:
“[...] während Sprache nie ein Code ist, (wirkt) es trotzdem für Benutzer
wie ein Code. Teil unserer Sprachäußerungen sind Wiederholungen von
Formulierungen und Bedeutungen. Teil der Response auf Normierungen ist
das schematisierende, das wir untergehen, das Sortieren von früheren
Erfahrungen an erinnerte Scripts, Aktivitäten und stereotypische
Situationen.” (Mills 2008:8, nach Toolan 1996:9)
Wir sind also an bestimmte Patronen im Sprachgebrauch gewöhnt und diese Patronen reproduzieren
wir. In Paragraph 2.2 ist dargelegt, dass das auch für Sprichwörter gilt. Es wurde erklärt, dass der
allgemeine Charakter als eine Art Modell für Sprichwörter fungiert und sie deshalb in den
verschiedensten Situationen benutzt werden können. Modell und Script tragen hier also die gleiche
Bedeutung.
In dieser Hinsicht kann man konkludieren, dass Sprache und Sprachgebrauch etwas von den
Denkbildern der Benutzer zeigen, das heißt die Gesellschaft der Sprache. Denn das, was man
mittels Sprache reproduziert, sind sogenannte Scripts. Diese Scripts basieren auf Denkbildern,
Normen, Werten und Ansichten einer Gesellschaft. Wenn eine Gesellschaft analysiert wird, um die
Denkbilder herauszufiltern, kann man sich bewusst werden von Denkweisen, welche durch Sprache
unbewusst wiederholt werden. Wahrscheinlich überträgt man auch veränderte Denkweisen und
Denkbilder auf die Sprache. Sprache wirkt also reproduzierend wie Scripts.
Zusammenfassung
In der Sprachkritik wird Sprache analysiert, und versucht so die Denkweisen der Gesellschaft zu
enthüllen. Sprache wird so als Deutung für die Normen, Werte und Moral einer Gesellschaft
benutzt. Ein Argument hierfür liegt im Gebrauch der Sprache. Weil der Kontext der Sprache eng mit
dem Kontext der Gesellschaft verbunden ist, können die Kontexte der Sprache und der Gesellschaft
auch zusammen analysiert werden. Außerdem ist der Gebrauch der Sprache in sogenannten Scripts
oder Modellen welche neu produziert werden zu verstehen. Der Sprachgebrauch kann deshalb gut
18
analysiert werden und somit auch die Denkweisen der Gesellschaft, welche in der Sprache
verborgen liegen.
§3.2 Änderungen in der Sprache
Die allgemeine Gültigkeit, Weisheit oder Lebensregel, welche Sprichwörtern zugeschrieben
werden, liegen wie erklärt in Paragraph 2.1, in der Anpassungsfähigkeit und Ausdeutbarkeit der
Sprichwörter. Hierdurch wird der Inhalt nicht als eindeutige und absolute Wahrheit aufgefasst, aber
das Sprichwort trägt trotzdem Ansehen und Autorität. Wie die Anpassungsfähigkeit und
Ausdeutbarkeit innerhalb der Sprache von der Sprachkritik gedeutet wird, und wie sie in Bezug auf
Entwicklungen in der Gesellschaft verstanden werden kann, wird im Folgenden besprochen. Im
nächsten Paragraphen werden dann die Verbindung von Änderungen in der Sprache zu Sexismen
und die unterschiedlichen Betrachtungsweisen hierzu erläutert. Dies führt dann schließlich zu der
Einsicht, wie Darlegungen von Analysen über Sprichwörter in Bezug auf die Gesellschaft gemacht
werden können. Dabei wird auf die Schwierigkeiten bei Analysen wie unterschiedliche
Bedeutungen, Kontexte, und widersprüchliche Sprichwörter Bezug genommen.
Wie bei Sprichwörtern werden in der Sprache selbst auch kontinuierlich Anpassungen gemacht. Die
meisten Änderungen bemerken wir kaum, aber Sprache ist immer in Bewegung und wir nehmen
selbst die Änderungen vor. Hierzu kurz einige Fakten über Änderungen in der Sprache:




Die auffälligsten und raschesten (Änderungen) ereignen sich im
Wortschatz. Die Grammatik ist sehr viel schwerer beweglich.
3,8 Prozent unseres Wortschatzes sind Neuschöpfungen.
Hiervon sind 3,1 Prozent neue Zusammensetzungen alter Wörter, und 0,5
Umdeutungen, Umfunktionierungen alter Wörter.
Wirkliche Neologismen machen nur 0,2 Prozent aus. (Vgl. Zimmer 1988:
11 f.)
Änderungen ereignen sich also am meisten im Wortschatz, wobei Zusammensetzungen und
Umdeutungen am Üblichsten sind. Durch neue Entwicklungen, Änderungen im Zeitgeist und so
weiter, kommen Änderungen in der Sprache zustande. So kann ein deutsches Wort durch den
Einfluss von Mondialisierung eine extra Bedeutung erlangen. Zimmer nennt hier das Beispiel
'Realisieren'. So gab es früher nur die Bedeutung 'zu Geld machen' und vor allem 'Verwirklichen'.
„Um 1970 aber nahm es dann auch noch die Bedeutung von das englische 'to realize' an: 'verstehen',
'sich klar machen': 'Er realisiert nicht, daß er ein hohes Risiko eingeht.'” (Zimmer 1988: 26) Ähnlich
wie bei 'Realisieren' hat auch 'Konfirmieren' sich in Bedeutung und Gebrauch geändert. Früher hieß
es fast immer nur 'einsegnen', aber heute heißt es auch 'bestätigen'. (Vgl. Zimmer 1988: 26f.) Neben
19
zusätzlichen Bedeutungen kommt es auch vor, dass Verschiebungen in der Schärfe der Bedeutungen
entstehen. 'Lieben' und 'hassen' haben unter Einfluss des englischen „viel von ihrer einstigen
emotionalen Schärfe” verloren. Dass das Deutsche schon ausreichende Begriffe bietet, hat damit
nichts mehr zu tun. (Vgl. Zimmer 1988: 29)
Trotz andauernd gemachten Änderungen und Verschiebungen ist unser Sprachgehör konservativ
eingerichtet, sagt Zimmer. Hiermit wird darauf gezielt, dass wir geneigt sind, Änderungen als
Fehler zu betrachten. Selbst gemachte Änderungen nehmen wir nicht wahr. Dahingegen werden
Änderungen, die außerhalb unseres Sprachbereichs erfolgt sind, als fremd erkannt und als Fehler
gesehen.
Wie Zimmer richtig bemerkt, mag das Sprachgehör nicht, was es nicht gewöhnt ist. Darum ist es
nicht selbstverständlich anzunehmen, dass Änderungen in der Sprache einfach von oben
aufgetragen werden, um von den jeweiligen Benutzern gebraucht zu werden. Sprache ist, gleich der
Gesellschaft, immer in Entwicklung und ändert sich andauernd. Zimmer bemerkt hierzu:
Nur darum hat die Sprache überhaupt eine Geschichte, weil immer
wieder gegen ihre Normen verstoßen wird und weil die Allgemeinheit
einige dieser Verstöße schließlich annimmt. Der Sprachverstoß von
heute ist die potentielle Sprachnorm von morgen […]. (Zimmer 1988:
9)
Man kann hieraus konkludieren, dass der Sprachbenutzer Teilnehmer dieses Prozesses ist. Sie trägt
an Änderungen in der Sprache bei, genauso wie sie, als Teilnehmer der Gesellschaft, auch diese
ändert. Aus dieser Sicht kann gesagt werden, dass der Kontext, das heißt die Normen und Werte der
Gesellschaft sich in Bezug zur Sprache ungefähr parallel miteinander entwickeln. Dass diese
Theorie nicht unumstritten ist und früher hierüber sehr anders gedacht wurde, wird im nächsten
Paragraphen deutlich werden.
Zusammenfassung
Sprache ist langsam aber andauernd in Bewegung, wobei die auffälligsten und schnellsten
Änderungen im Wortschatz -und zwar als neue Zusammensetzungen und Umdeutungen- zu sehen
sind. Trotz der andauernd gemachten Änderungen und Verschiebungen ist unser Sprachgehör
konservativ eingerichtet. Da man früher anders sprach, werden Änderungen und Verschiebungen als
Fehler beurteilt: Das Sprachgehör mag nicht, was es nicht gewöhnt ist.
20
Der Sprachbenutzer ist Teilnehmer der Gesellschaft und trägt damit zu Änderungen in beiden
Bereichen bei. Änderungen in der Sprache gehen daher Hand in Hand mit Entwicklungen in der
Gesellschaft.
§3.3 Stereotypen und Gegensätze in Sprichwörtern über das Thema Frau
Soviel auch vom theoretischen Aspekt des Sprichwortes gesprochen worden ist, ist hier noch nicht
auf die Sprichwörter selbst eingegangen worden. Gerade das ist aber nicht nur interessant, sondern
auch notwendig, um den Aspekt des Wahrheitsanspruches miteinzubeziehen. Wie vorher
konkludiert, tragen Sprichwörter keine absolute Wahrheit in sich. Metaphorik, Anpassungsfähigkeit
und doppelte Bedeutungen sorgen für das Verständnis dieser relativen Wahrheit von Sprichwörtern.
Trotzdem wird ihnen große Autorität zugeschrieben und sie werden in Analysen oft als 'Spiegel der
Gesellschaft' bezeichnet. Als Illustration wird hier eine Analyse der Denkweisen über Frauen
anhand von Sprichwörtern über Frauen durchgeführt.
Bevor in den 70er Jahren feministische Bewegungen in den Akademien aktiv wurden, schien das
Thema der sozialen Stellung der Frau uninteressant. Unter anderem versuchte die feministische
Bewegung, die damalige akademische Umgebung dazu zu bewegen, von einer anderen Perspektive
Wissenschaft zu betreiben. Von anderen Ausgangspunkten, wie der Perspektive der Frau, sollten
andere Fragen gestellt werden. So kam es, dass die soziale Stellung der Frau durch verschiedene
Disziplinen der Wissenschaft erforscht wurde, so auch in der Sprichwörterforschung. Schipper
argumentiert, dass die Tatsache, dass überall auf der Welt mehr oder weniger die gleichen
Sprichwörter über Frauen existieren, als Bestätigung dafür gesehen werden kann, dass diese
Ähnlichkeiten eine Aussage über die scheinbar universal herrschende Wahrheitsbefindung der Idee
“Frau” zulassen.
In ihrer Analyse bezieht sie die Existenz von Sprichwörtern auf eine
vorherrschende Norm und Denkweise der Gesellschaft. Die Glaubwürdigkeit der Sprichwörter
scheint bekräftigt durch die Tatsache, dass es gemeinsame Bedeutungen von verschiedenen
Sprichwörtern und Redensarten gibt, die in verschiedenen Kulturen, Ländern und Weltteilen zu
finden sind. Außerdem gibt es auch Parallelen in der Form, argumentiert sie.
Ihre Schlussfolgerung besteht darin, dass Sprichwörter über Frauen klischeehafte Vorstellungen
hervor geben. Hierbei werden Frauen auf antonymische Weise unterteilt in entweder gut oder
schlecht: Hässlich oder schön, (zu) lieb oder teuflisch schlecht; tugendhaft oder faul. Dabei
enthalten Sprichwörter Aussagen darüber, wie die ideale schöne Frau aussieht, wie eine Frau sich
verhalten soll, um tugendhaft zu sein, und wie eine tugendhafte Frau zwar das Herz, aber nicht der
21
Kopf ihrer Familie ist (oder je sein konnte). Gemäß dieser Forschung sind verschiedene
Kombinationen unmöglich. Eine Frau kann nicht schön und tugendhaft zugleich sein. So werden
Mädchen und Frauen mit steigendem Alter weniger positiv dargestellt. Alles, was ein Mädchen oder
Frau 'zu unabhängig' vom Mann macht, wird ebenfalls negativ bewertet und als Brutalität,
Frechheit, Sittenlosigkeit, Ungehorsamheit, Unzuverlässigkeit und Respektlosigkeit gegenüber dem
Mann gesehen.
§4. Sichtweisen in Bezug auf Sexismen im Sprachsystem und im Sprachgebrauch
Die Anpassungsfähigkeit der Sprache hat auch die feministischen Sprachkritiker in den 70er und
80er Jahren beschäftigt. Von feministischer Seite kam der Gedanke auf, mittels Sprache die
Repräsentation der Weiblichkeit positiv zu verändern, um einen Geschlechtsneutralen
Sprachgebrauch zu erreichen. Der Ausgangspunkt war, dass das Sprachsystem und Sprachgebrauch
die Denkweise der Gesellschaft formt. Wie diese feministiche Sprachpolitik aussah und auf welchen
Denkweisen sie basiert ist, wird hier aufgezeigt. Auch wird die heutige gangbare Meinung der
Sprachkritik in Bezug auf Sexismen erläutert. Danach wird der Bezug zu dem Hauptthema dieser
Arbeit hergestellt. Es wird angetrebt, Sprache aus anderen Perspektiven zu betrachten und zu
analysieren.
§4.1 Feministische Sprachkritik und ihre Sprachpolitik
Die feministische Sprachwissenschaft interressierte sich für ein Forschungsgebiet, das „den
Zusammenhang zwischen Sprache und Geschlecht aus feministischer Sichtweise neu erarbeitet”.
(Samel 1995: 9) Feministische Sprachkritiker erforschten unter anderem die Teilbereiche des
Sprachsystems und Sprachgebrauchs; beide Begriffe werden weiter unten näher erklärt.
Die Meinung der feministischen Sprachkritik war, dass Frauen in der Sprache diskriminiert werden
und mit sprachlichen Ausdrücken des Weiblichen verbundene Assoziationen oft herabwürdigend
und bagatellisierend wirken. (Vgl. Mills 2008: 1) Hellinger stellte drei Regularien auf, worin die
ungleiche Behandlung von Frauen und Männern in unserem Sprachgebrauch sich einordnen lässt.
a) Frauen haben nicht dieselben Chancen des Gemeintseins wie Männer, denn
es wird auf Frauen und Männer unterschiedlich Bezug genommen. Die
Verwendung von generischen Maskulina machen Frauen und ihre
Leistungen (…) unsichtbar.
22
b) Maskuline und feminine Ausdrücke sind semantisch asymmetrisch. Das
Femininum hat einen niedirigen Rang als das Maskulinum (Vergleiche engl.
Master – misstress, dt. Gouverneur – Gouvernante, Sekretär – Sekretärin).
c) Die Bezeichnung einer Frau mit einem Maskulinum wird als Aufwertung
interpretiert („Vera ist ein zweiter Mozart”, „Sie steht ihren Mann”). Die
Bezeichnung
eines
Mannes
mit
einem
Femininum
(Memme,
Stadtpräsidentin) oder schon der Vergleich mit dem weiblichen Geschlecht
wird als Degradierung empfunden („heulen wie ein Weib”).
(Samel 19985: 46, Zit. nach Hellinger 1985: 3f.)
Wie der Titel dieses Paragraphs schon andeutet, entstand aus der feministischen Sprachkritik eine
Sprachpolitik, die Änderungen im Sprachsytem und Sprachgebrauch vorstellte. Samel erklärt in
ihrer 'Einführung in die feministische Sprachwissenschaft', was das Ziel der feministischen
Sprachkritik ist und zugleich was die feministische Sprachpolitik beinhaltet: „Es ist ein Ziel der
feministischen Sprachkritik, adäquate Bezeichnungen für Frauen zu finden und zu propagieren,
damit sich Frauen richtig identifizieren können.” (Samel 1995: 11) Was die feministische
Sprachkritik als sexistisch bezeichnete und welche Stellung sie in Bezug auf Sexismen im
Sprachsystem und Sprachgebrauch einnahm, wird anhand der Erläuterung dieser Begriffe erklärt.
Im 'Studienbuch Linguistik' wird der Unterschied zwischen 'Sprachsystem' und 'Sprachgebrauch'
anhand folgenden Beispiels erklärt:
Werden Sprachregeln verletzt, wird das Produkt als ungrammatisch oder
sprachlich falsch taxiert. Werden dagegen Sprachgebrauchsregeln
verletzt, sprechen wir davon, dass eine Äusserung nicht angemessen ist.
(Linke, Nussbaumer, Portmann 2004: 9)
Erklärt wird, dass der Sprachgebrauch „Sprache handlungsbezogen betrachtet”, was heisst: „die
Sprache daraufhin zu untersuchen, wie sie als Mittel der Kommunikation eingesetzt werden kann
und auf welche Weise mit der Verwendung von Sprache kommunikative Ziele erreicht werden
können.” (Linke, Nussbaumer, Portmann 2004: 9) Unter Sprachgebrauch versteht man Sprache als
Mittel zur Kommunikation. Unter Sprachsystem versteht man die zugrunde liegende Struktur des
Sprachgebrauchs, die Grammatik, Morphologie und Lexik. Das heisst, die Sprache wird „als
System, als in sich strukturiertes Gebilde” betrachtet. (Linke, Nussbaumer, Portmann 2004: 8) Die
feministische Sprachkritik suchte und fand sexistische Unterschiede in beiden Bereichen der
23
Sprache. Allerdings verhält es sich so, dass sich beide Bereiche häufig überschneiden. Fragen
welche auf das Sprachsystem eingehen sind: Funktionieren Aussagen mit Personenbezeichnungen,
die entweder auf eine oder mehrere Personen beliebigen Geschlechts zielen, auch in dem Sinne?
Präziser gesagt, funktionieren Wörter wie: man, wer, jemand, Mensch und Passagier,
Geschlechtsneutral, und im Sinne ihrer jeweiligen Funktion? (Gefragt wird jedoch nicht, „warum es
der Tisch heißt statt die Tisch”) Weitere Themen sind: „das Fehlen geschlechtsneutraler
Berufsbezeichnungen (das Professor) oder das Fehlen des Indefinitpronomens frau analog zu man.”
(Vgl. Samel 1995: 50f.) Ein Beispiel des „Untersuchungsgegenstands der feministischen
Sprachgebrauchskritik ist: die Unterlassung des splitting nach dem Geschlecht in der Anrede eines
gemischtgeschlechtlichen Publikums.” Ziel ist, das „beide Personen” benannt werden
(Beidbenennung), „der Professor” und „die Professorin”. (Samel 1995: 54, 55) Beachtet werden
muss, dass eine symetrische Struktur von maskulin und feminin auf allen Ebenen der Sprache
angestrebt wird. Das genannte Beispiel betrifft aber speziell den Sprachgebrauch.
Das Fundament der Ungleichheiten in der Gesellschaft lag nach Einsicht der feministischen
Sprachkritik im Sprachsystem und somit auch im Sprachgebrauch. Der Ausgangspunkt war, dass
sexistische Unterschiede und die Diskriminierung der Frau, die sich in der Gesellschaft
manifestierten, den Sexismen in der Sprache zu Grunde lagen: „Die Sprache ist nicht nur das
Produkt der Gesellschaft und ihrer Sprecherinnen und Sprecher, sondern die Sprache prägt auch die
Gesellschaft.” (Samel 1995: 81) Änderungen im Sprachsystem und im Sprachgebrauch sollten die
Unterschiede der Gesellschaft aufheben. Samel erklärt weiter:
„In der Annahme, daß das Sprechen das Denken beeinflußt und somit
Bewußtseinsstrukturen durch eine anderes Sprechen verändert werden
können, soll damit auch zur Veränderung der sozialen Wirklichkeit
beigetragen werden.” (Samel 1995: 47)
Auf Grundlage dieser Annahme suchte die feministiche Sprachkritik nach Alternativen für die oben
beschriebenen Sexismen, womit sie die Sichtweise der Gesellschaft auf die Beziehung zwischen
Männern und Frauen zu ändern versuchte. Es folgen zwei Beispiele einiger „Vorschläge für ein
geschlechtergerechtes Deutsch”. Wie vorher schon angedeutet, wurde eine 'Beidbenennung'
propagiert, um eine gleiche Position wie das Maskuline zu erzielen und so das feminine
Geschlechts aus dem Schatten zu holen. Samel erklärt dass „es die Möglichkeit (gibt), die Adjektive
männlich und weiblich als Attribute beizufügen: männliche und weibliche Lehrer [...].” (Samel
1995: 71) Ein anderer Vorschlag ist die 'Neutralisierung', womit wie bei einer 'Beidbenennung' auch
24
eine 'symetrische Struktur' zustande kommt. Vor allem neutrale Berufsbezeichnungen fehlen im
Sprachsystem. Der Vorschlag ist die femininen Endungen weg zu nehmen, wodurch eine
Bezeichnung neutral wird. „[...] in all den Fällen, wo eines des beiden Geschlechter bevorzugt
werden könnte, nicht diskriminierend das Profossor zu sagen.” (Samel 1995: 73)
Jedoch wurden die herangetragenen Alternativen zur Eliminierung der Sexismen in der Sprache
nicht in den Sprachgebrauch übernommen. Die Sprachpolitik der Feministen wirkte oft (nicht nur
bei Männern) lächerlich. Nächstes Zitat von Zimmer illustriert, wie die allgemeine Sprachkritik die
feministische Sprachpolitik einschätzt. Obwohl das Zitat als Parodie gesehen werden soll, da es
nicht die Denkweise der feministische Sprachpolitik entspricht, zeigt es dennoch wie lächerlich die
feministische Sprachpolitik empfunden wird.
Wer hier reformieren wollte, müßte am Ende aus jeder
'Herrensocke' wegen unfairer Bevorzugung der Männer und
böswilliger Unsichtbarmachung der Frauen einen 'Damenstrumpf'
machen. (Zimmer 1988: 65, 66)
Ein Grund für diese entfremdete Wirkung der vorgestellten Änderungen im Sprachgebrauch, kann
in der falschen Annahme gesucht werden auf der die feministische Sprachpolitik stützt. In den
letzten Paragraphen ist klar geworden, wie Veränderungen in der Gesellschaft auf den
Sprachgebrauch Einfluss haben können und dass das Sprachsystem sich nicht so schnell ändert.
Eines der Probleme dieser Sichtweise ist, dass sie sich selber unterstreicht. Die feministische
Sprachkritik argumentiert ihre eigene Sichtweise indem sie Geschlechtsunterschiede in der Sprache
deutet. Gestützt von der oben genannten Annahme, kann die Hypothese unterstrichen werden, dass
die Sprache tatsächlich sexistisch ist. Somit wird die Schlussfolgerung gezogen, dass eine
Veränderung zu einem geschlechtsneutralen Sprachsystem und Sprachgebrauch „das Bewußtsein”
verändert. (Samel 1995: 54, Zit. nach Doerfer 1985: 150)
Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die festgestellte Wirkung der Diskriminierung auf
sprachliche Ebene bezüglich der Gesellschaft beabsichtigt ist. Obwohl hierauf keine eindeutige
Antwort gegeben werden kann, kann man aus obenstehender Schilderung eine Sichtweise die
darauf anspielt, herauskristallisieren. So analysiert Mills, dass die feministische Sprachkritik von
der Annahme ausgeht, dass sprachliche Ausdrücke und ihr Gebrauch von einer männlichen elitären
Macht der Gesellschaft geformt wurde. Mills spricht in diesem Zusammenhang auch von dem
Eindruck, „als hätte Sprache einen (maskulinen) Kreator”. (Vgl. Mills 2008: 43) Diese Sichtweise
25
ist auch zu erklären aus den Tendenzen der Frauenbewegung der 70er Jahren woraus sich dieser
Sprachkritik entwickelte. Die Unterdrückung der Frau lag der Dominanz des Mannes zu Grunde.
„Frauen (erschien) die weibliche Existenz als Produkt männlicher Zuschreibungen und Projektionen
[…].” (Samel 1995: 16) Hierauf stützt sich die feministische Sprachpolitik mit ihren Vorschlägen
von Veränderungen bezüglich eines geschlechtsneutralen Sprachgebrauchs. Auch dass Frauen hierin
keinen Einfluss ausübten ist aus der Sichtweise der Feministen erklärt worden. „Frauen passten sich
einfach hieran an”, erklärt Ingrid Samel „indem sie je nach ihrer sozialen Rolle entsprechenden
Gebrauch von ihr machen.” (Samel 1995: 5) In Paragraph 4.3 wird zu diesem Ausgangspunkt eine
andere Herangehensweise für eine Sprachkritik über Sexismen vorgeführt, welche von Mills
herangetragen ist in 'Language and Sexism'.
§4.2 Die individuelle Sichtweise von Sexismen im Sprachgebrauch
Die Einsicht, dass Sprache das Fundament für Denkweisen einer Gesellschaft ist, verschob sich in
eine Richtung, wo nicht die Gesellschaft, sondern der individuelle Gebrauch von sexistischen
Aussagen zum Kristallisationspunkt wurde. Der Ausgangspunkt ist hier, dass Sexismen nicht im
Sprachsystem liegen, sondern im individuellen Sprachgebrauch. Diese Sichtweise geht davon aus,
dass Sexismen Meinungen sind welche mittels Sprachgebrauch geäußert werden können. Im
Sprachgebrauch wurden Sexismen 'politisch inkorrekt' und sollten so unterbunden werden. Folglich
sollten nach Ansicht dieser Sichtweise Äußerungen von sexistischen Meinungen vermieden werden.
Dass die Strategie 'des Vermeidens' heute auch noch sehr verbreitet ist, zeigt einerseits, dass die
durch die Feministen erreichte Fokussierung auf Sexismen in der Sprache, schon gewirkt hat. Die
Gesellschaft wurde auf verschiedene Manifestationen von Ungleichheiten aufmerksam. Dazu haben
auch andere Entwicklungen in der Gesellschaft beigetragen, sodass sexistischer Sprachgebrauch
erkannt wird und heute überhaupt den Stempel 'politisch inkorrekt' tragen kann.
Andererseits beinhaltet diese Sichtsweise eine Grundlegung bei der Sexismen an sich nicht ernst
genommen werden, weil sie 'Meinungen' von einem 'Individuum' sind. Die Denkweisen der
Gesellschaft und ihr Einfluss auf den Sprachgebrauch, wie in letzen Paragraphen dargestellt ist,
wird nicht miteinbezogen. Die Verantwortung für sexistisch Sprachgebrauch wird nur dem
individuellen Sprecher zugesprochen, wie unter anderem auch Zimmer argumentiert.
Dahinzu wird aus dieser Sichtweise Sprache nur als Mittel für Kommunikation gesehen, wobei die
verschiedenen
Motive
für
Kommunikation
nicht
26
miteinbezogen
werden.
Obwohl
die
Betrachtungsweise davon ausgeht, dass der Sprachbenutzer eine Wahl trifft, wenn er sich sexistisch
äußert, wird daran vorbeigegangen, dass Sprache oft für strategische Ziele eingesetzt wird. „Die
Sprache an sich ist schuldlos.”, begründet Zimmer (1988: 66). Die Wahl mit der der Sprachbenutzer
sich sexistisch auslässt oder sich politisch korrekt äußert, gehört aber zur Strategie. Der Begriff von
Sprache als Kommunikationsmittel kann mit einem strategischen Sprachgebrauch erweitert werden,
sowie durch verschiedenen Motivationen, welche im Paragraphen 2.2 erklärt sind.
§4.3 Die strategische Sichtweise auf Sexismen im Sprachgebrauch
Es ist klar geworden, dass der Sprachgebrauch durch Entwicklungen die in der Gesellschaft
stattfinden ändert; die Sprachbenutzer selbst ändern die Sprache. Dabei ändern sich Bedeutungen
und der damit verbundene Gebrauch von Sprachlichen Ausdrücken ungefähr synchron mit
Änderungen die in der Gesellschaft stattfinden. (vgl. Mills 2008: 9) Auch ist erklärt warum es zu
einfach ist zu behaupten, dass Sexismen in der Sprache von Männern eingeführt worden sind, um
irgend welche Ideen über das Verhältnis von Männer und Frauen der Gesellschaft aufzudrängen.
Mills ist der Meinung, dass Sexismen auch zu leicht als Meinung und Sprache als Mittel zur
Äusserung dieser Meinung gedeutet werden.
Dabei ist der Ausgangspunkt von dem aus Sexismen gedeutet werden sehr wichtig für den weiteren
Aufbau der Kritik. Sie bestimmt die Richtung der Analyse. Beim Analysieren von Sprache im
Allgemeinen, und speziell Sprichwörter und Sexismen, muss mitt vielen Faktoren gerechnet
werden. Mit dem Zitat von Deutscher, illustriert Mills wie komplex die Sprache ist, und wie viele
Elemente berücksichtigt werden müssen um Sprache, und damit auch Sexismen, zu analysieren um
somit eine Aussage über die Gesellschaft machen zu können.
Sprache ist kein monolithisches unbeugsames Wesen, sondern eine flexibeles
undurchsichtiges System, mit einer großen Anzahl von synchronen
Variationen... es besteht eine Variation von Sprache der Menschen aus
verschiedenen Gebieten, verschiedene Altern, verschiedenen Geschlechtern,
verschiedene Klassen und verschiedenen Berufen. Die gleiche Person könnte
sogar, abhängig von der Situation, verschieden sprechen... und durch diese
Variationen ergeben sich die sprachliche Änderungen. Was sich im laufe der
Zeit verändert sind die Frequenzen von allerhand Formen der Sprache.
(Mills 2008: 125, zit. nach Deutscher 2005: 68)
Wie auch im anderen Paragraphen deutlich geworden ist, beweist sich der Kontext des
Sprachgebrauchs wiederum als wichtiges Element für Analysen von Sprachen, beziehungsweise
Sexismen, in Beziehung zur Gesellschaft. Mills argumentiert dann auch, dass Sexismen nicht nur in
27
Aussagen die sich auf Geschlechtsverhältnisse fokussieren gesucht werden sollten. (Mills 2008: 21)
Ob eine Aussage sexistisch ist oder nicht, liegt oft nicht in ihrem Ausdruck oder Wort, sondern im
Wert der Bedeutung, die der Ausdruck durch den Kontext, indem er benutzt wird, gibt. In gleicher
Weise wie bei Sprichwörtern, können Aussagen auch indirekt sexistisch sein. Zum Beispiel mit
Gebrauch von Ironie, Intonation oder einem bestimmten Tonfall. Mills erklärt: “Es ist nicht
wahrscheinlich, dass die gleichen Wörter immer in jeden Kontext genauso als Sexistisch
interpretiert werden.” (Mills, 2008: 3) Die Aussage selbst braucht also nicht unbedingt einen
Sexismus zu enthalten. Demnach können Sexismen sozusagen versteckt liegen. Da der ganze
Kontext von Sprachgebrauch (Situation, Zeit, und so weiter) eine Rolle spielt ob eine Aussage
sexistisch ist oder nicht, kann konkludiert werden, dass nicht das Sprachsystem sexistisch ist,
sondern die Sprachbenutzer die sich mit Sprache als Instrument sexistisch auslassen.
Auf diesen Punkt, der Beziehung von Motivation mit dem Sprachgebrauch, geht Mills weiter ein
um Sexismen im Sprachgebrauch anders zu deuten und somit von einem anderen Standpunkt aus,
Sexismen zu analysieren.
Sexistische Äußerungen sind weder die Fundierung der gesamten Gesellschaft, wie es nach Ansicht
der Feministinnen in den 70er Jahren war, noch die Äußerungen von individuellen Meinungen, wie
unter anderem Zimmer argumentiert. Mills plädiert für eine Sichtweise, die als eine Kombination
beiden genannten Sichtweisen gesehen werden kann, indem sie aus beiden, kritische Punkte in
einen andere Perspektive setzt. Sie plädiert dafür, Sexismen nicht nur als 'individuelle Meinung' zu
sehen, sondern als 'kollektiv unterstütztes Urteil'.
Erstens sieht Mills eine Diskrepanz in der letzten Theorie, die einerseits Sexismen als individuelle
Meinung deutet, und der Sprachgebrauch als gesellschaftliches Phänomen betrachtet. Diese zwei
Annahmen funktionieren nicht zusammen in einer Herangehensweise begründet Mills. Wenn die
Sprachkritik davon ausgeht, dass die Denkweisen der Gesellschaft mit Änderungen im
Sprachgebrauch verbunden sind, sollten Sexismen im Sprachgebrauch auch als Äußerung der
Gesellschaft verstanden werden, argumentiert sie. (Vgl. Mills 2008: 19)
Weiterhin führt Mills an, dass der Sprachgebrauch neben der Übertragung von Werten, auch
reproduzierend wirkt. In Paragraph 3 wurde unter anderem erklärt, dass: „Teil unserer
Sprachäußerungen Wiederholungen von Formulierungen und Bedeutungen sind.” (Mills 2008:8,
nach Toolan 1996:9) Weil Sprachgebrauch, als Code reproduzierend wirkt, werden auch Sexismen
reproduziert. Wenn man dahinzu die Sichtweise in Anspruch nimmt, dass Sprachgebrauch eine
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Manifestation eines gesellschaftlichen Systems ist, kann man die Schlussfolgerung ziehen, dass die
Gesellschaft, sich in der Sprache manifestiert, die sprachlichen Sexismen unterstützt. Die
Schlussfolgerung die Mills zieht ist, dass es zwar die Werte sind, die durch Sprache herausgetragen
werden, die sexistisch sind, aber dass diese Werte nicht individuell sind. Die Sichtweise der
Gesellschaft macht diese Reproduktion möglich, ist die Schlussfolgerung die Mills zieht.
Neben der ersten Herangehensweise könnte aber auch der feministische Ausgangspunkt, dass
Sprache einen Kreator hat und von mächtigen Gruppen der Gesellschaft geformt wird, anders
verstanden werden, erklärt Mills. Nach ihrer Ansicht, könnte man diesen Ausgangspunkt
verschieben, indem man Sprache als ein nutzbares Instrument ansieht, womit Macht ausgeübt
werden kann. Wie Rassismus, sind Sexismen im Sprachgebrauch, keine Äußerungen von
individuellen Meinungen, sondern eine Manifestation eines gesellschaftlichen Systems. In diesem
gesellschaftlichen System, existieren Ungleichheiten von Macht. (Vgl. Mills 2008: 1) Mächtigere
Gruppen der Gesellschaft äußern ihre Ideen mit Hilfe der Sprache. Da die Macht bei ihn liegt,
haben sie somit auch mehr Einfluß auf die Denkweisen der Gesellschaft und somit auf dem
Sprachgebrauch.
Kritik könnte an der Anschauungsweise geäußert werden, dass sich Normen und Werte der
mächtigeren Gruppen einer Gesellschaft in der Sprache offenbaren. Mills motiviert dieser
Sichtweise indem sie veranschaulicht wie Sprachgebrauch als strategisches Mittel eingesetzt wird,
und darüber hinaus auch reproduzierend wirkt. Auch bagatellisiert ihre Sichtweise Sexismen nicht
als eine von mächtigen Gruppen kreiertes Sprachsystem, um somit deren Ideen und Einflüsse der
Gesellschaft durch Sprachgebrauch aufzudrücken. Diese Sichtweise legt eine Verbindung zwischen
den Sexismen und der reproduzierende Wirkung, die der Sprachgebrauch in sich trägt.
Zusammenfassung
Von feministischer Seite kam der Gedanke auf, die Sprache im Sinne der Repräsentation des
Weiblichen positiv zu ändern. Sie sahen, dass Sprache die Frau diskriminiert und (sprachliche)
Assoziationen mit dem Weiblichen oft herabwürdigend und bagatellisierend wirken. Zu gleicher
Zeit entstand die Idee, dass die Gesellschaft durch Sprache geformt wird und sexistische
Unterschiede darauf basieren. Von diesem Ausgangspunk, wurden Alternativen und Änderungen
verschiedener Sexismen an die Sprache herangetragen, sodass sie im Sprachgebrauch benutzt
werden konnten und sich damit die Ideen der Gesellschaft über Frauen ebenfalls änderten. Sowohl
die herangetragenen Alternativen um diese Sexismen aus der Sprache zu eliminieren, als auch die
angegebenen Sexismen, wirkten oft lächerlich, und erwiesen sich häufig unbrauchbar. Es gibt
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hierfür unterschiedliche Gründe. So ist aus der falschen Annahme eine Sprachpolitik entstanden, die
davon ausging, dass mit der Sprache die Gesellschaft zu ändern ist. Die daran gekoppelte
zwingende Aufgabe an die Gesellschaft, Alternativen zu benutzen funktionierte somit nicht.
Die Einsicht, dass Sprache als das Fundament für die Denkweise einer Gesellschaft gilt, verschob
sich in eine andere Richtung. Nicht mehr die Gesellschaft, sondern der individuelle Gebrauch von
sexistischen Aussagen stand nun im Zentrum der Sprachkritik. Der Gebrauch von Sexismen in der
Sprache wurde 'politisch inkorrekt' und sollte deshalb nicht benutzt werden. (Vgl. Mills 2008: 35,
100 f.) Dieser Ausgangspunkt gilt auch heute noch. Er trägt aber nicht dazu bei, dass Sexismen
nicht mehr vor kommen. Sexismen werden oft nicht mal als Problem empfunden. Unter anderen
kommt das dadurch, dass Sexismen als individuelle Meinungen gesehen werden. Sprache ist nur
das Mittel diese Meinungen zu äußern.
Mills argumentiert für eine andere Sichtweise und Interpretation der Sexismen, womit nach ihrer
Meinung, eine ausgewogene Herangehensweise für eine Analyse von Sexismen möglich wird. Aus
der Einsicht, dass die Gesellschaft Einfluss hat auf dem Sprachgebrauch des individuellen
Benutzters, macht Mills den Vorschlag für eine Kritik die von einer Gesellschaft mit Normen und
Werten ausgeht, welche Sexismen im Sprachgebrauch erst möglich macht und vielleicht auch
unterstützt. Sexismen im Sprachgebrauch sind keine Äußerungen von individuellen Meinungen,
sondern eine Manifestation eines gesellschaftlichen Systems. Sexistischen Werte, die durch Sprache
herausgetragen werden, sind nach Mills Einsicht also nicht individuell. In der Gesellschaft
existieren Ungleichheiten von Macht. (Vgl. Mills 2008: 1) Mächtigere Gruppen der Gesellschaft
haben mehr Einfluß auf die Denkweisen der Gesellschaft und somit auf dem Sprachgebrauch. Das
Argument das Mills für diesen Ausgangspunkt heranträgt ist, dass der Sprachgebrauch als Code
reproduzierend wirkt: Somit werden auch Sexismen reproduziert. Wenn man die Sichtweise im
anspruch nimmt, dass Sprachgebrauch eine Manifestation eines gesellschaftlichen Systems ist, kann
man, nach Mills Einsicht, die Schlussfolgerung ziehen, dass die Sichtweise der Gesellschaft die
sprachlichen Sexismen unterstützt. Die Argumente, die Mills gibt, illustrieren ihr Argument, dass
der Kontext als eine historisch-soziale Grundlegung von stereotypischen Denkweisen wirkt.
Schlussfolgerung
In dieser Arbeit ist versucht worden, eine Einsicht zu bekommen, wie Deutungen über die
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Denkweisen einer Gesellschaft anhand von Sprichwörtern, Faktoren bezüglich des Kontextes und
widersprüchlichen Sprichwörtern einbezogen werden können. Der Hauptfrage dieser Arbeit ist:
Wie können die Faktoren Kontext und entgegengestellte Sprichwörter in Forschungsarbeiten,
welche eine Deutung aus Sprichwörter auf der Gesellschaft versuchen zu machen, mit einbezogen
werden? Bevor es zu einer Antwort auf dieser Hauptfrage kommt, wird zuerst zu den Teilfragen
dieser Arbeit zurückgegangen. In der Theoriesetzung im ersten Teil dieser Arbeit kamen die
Elemente Kontext und Bedeutung zur Sprache. Hier ist versucht die erste Teilfrage zu beantworten:
Wie können widersprüchliche Sprichwörter gedeutet werden? Daraufhin wurde der Zusammenhang
von Kontext und Bedeutung mit sprachkritischen Theorien dargelegt, um so in den nachfolgenden
Paragraphen zu einer Antwort auf die zweite Teilfrage zu kommen: Was sagt die Sprache über die
Denkweisen der jeweiligen Gesellschaft aus und ist es möglich, eine solche Verbindung auch mit
Sprichwörtern zu ziehen?
In der Begriffsbestimmung werden einige Schwierigkeiten deutlich. Die Form der Sprichwörter
kann linguistisch gedeutet werden, die Funktion aber bringt Uneinigkeiten mit sich. Mit der
Funktion sind Sachverhalte wie Gebrauch, Kontext und Bedeutung gemeint. Diese Elemente sind
mit der Form verbunden, da die Form einen kontextfreien Charakter hat. Sprichwörter brauchen
keinen Kontext, um verstanden zu werden. Oft sind sie allgemein bekannt oder können aus der
Bildhaftigkeit gedeutet werden. Der verallgemeinerternde Charakter wird oft mit dem allgemein
gültigen Charakter verwechselt. Das erste sorgt allerdings dafür, dass Sprichwörter als allgemein
gültig gedeutet werden.
Genau in dieser Nuance liegt die Kraft der Sprichwörter. Sie scheinen eine allgemeine Weisheit zu
tragen. Durch den Gebrauch von Metaphern illustrieren Sprichwörter einen Zustand der Realität,
welche auf viele Ereignisse bezogen werden können. Neben ihrer Entindexikalisierung sorgt das
metaphorische Bild das ausgetragen wird, für die verallgemeinerte Bedeutung, womit sie in
verschiedenen Situationen benutzt werden können. Sie übertragen also ein Bild, von einer
Erfahrung, das für wahr gehalten wird. Da Sprichwörter in allen möglichen Situationen eingesetzt
werden können und kontextfrei sind, können sie diese 'Erfahrung' einfach mit jedem anderen
Kontext verbinden.
Obwohl Sprichwörter nicht als absolute Wahrheit gedeutet werden, können sie mit großer Autorität
eingesetzt werden. Der Sprecher wirkt in all diesen Fällen glaubwürdig, wenngleich der Inhalt nur
relativ ist, und erlangt auf diese Weise Autorität über den Empfänger. Gegen ein Sprichwort kann
man nichts einwenden, auch dann nicht, wenn trotz Interpretationsbedürftigkeit zwei Sprichwörter
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das Gegenteilige behaupten. Jedes Sprichwort steht für sich und kann aus vielen unterschiedlichen
Motivationen in vielen verschiedenen Situationen eingesetzt werden.
Die Antwort auf die Frage, wie widersprüchliche Sprichwörter gedeutet werden können, sollte vor
allem den Kontext mit einbeziehen. Zwar ermöglicht die allgemeine Form, dass Sprichwörter in
allen möglichen Kontexte eingesetzt werden können, der Kontext gibt aber letztendlich die
definitive Bedeutung von dem Sprichwort. Wegen dieser Ausdeutbarkeit und Anpassungsfähigkeit
können Sprichwörter, so auch widersprüchliche Sprichwörter, überhaupt existieren und zusammen
überleben.
Die zweite Teilfrage dieser Arbeit geht darauf ein: Was sagt die Sprache über die Denkweisen der
jeweiligen Gesellschaft aus und ist es möglich, eine solche Verbindung auch mit Sprichwörtern zu
ziehen? Moral und Denkweisen als Kontext der Gesellschaft sind mit Änderungen in der Sprache
verbunden. Mit der Einsicht, dass Änderungen in der Sprache aus Änderungen in der Gesellschaft
hervorkommen, wird Sprache in der Sprachkritik analysiert, um die verborgenen Normen und Werte
der Gesellschaft herauszufiltern. Sexismen dagegen werden hierin nicht mitgewogen. Der
Ausgangspunkt ist, dass sexistische Sprachäußerungen weder im Sprachgebrauch, noch im
gesellschaftlichen Sprachgebrauch liegen, sondern im individuellen Sprachgebrauch. Trotz der
Einsicht, dass Sexismen sich nicht speziell in der Sprache befinden, sondern im Kontext des
individuellen Sprachbenutzers, wird die Verbindung zwischen individuellem Sprachgebrauch und
gesellschaftlichem Kontext nicht gelegt. Auch die Beziehung von Sprache als Mittel zur Strategie
der Meinungsäußerung wird nicht gelegt.
Teil der Aufgabe der Sprachkritik ist ausgehend von der Sprache, Analysen über die Gesellschaft zu
machen. In der Einsicht, dass Sexismen sich nicht unbedingt in der Sprache, sondern sich auch in
dem Kontext, das heißt Sprachgebrauch und Motivationen des Sprechers, manifestieren, zeigt sich
die Beziehung zu der Sprichwortforschung. Theorien über Sexismen und Analysen von
Sprichwörtern, welche eine Aussage über die Denkweisen der Gesellschaft machen, finden die
gleichen Schwierigkeiten vor. Damit können die Schwierigkeiten, die hier sichtbar werden, in den
Theorien über Sexismen die Grundlage für die Antworten der Hauptfrage bilden.
Mills spricht sich für eine Analyse und Interpretation von Sexismen in der Sprache aus. Aus der
Einsicht, dass die Gesellschaft Einfluss auf den Sprachgebrauch des individuellen Benutzers hat,
macht sie den Vorschlag für eine Kritik, die von einer Gesellschaft mit Normen und Werten ausgeht,
welche, Sexismen im Sprachgebrauch möglich macht und vielleicht auch unterstützt. Die
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Argumente, die Mills gibt, illustrieren, dass der Kontext als eine historisch-soziale Grundlegung
von stereotypischen Denkweisen wirkt. Mills geht anders als die feministische Sprachtheorie davon
aus, dass Sexismen sich nicht speziell in der Sprache befinden, sondern vor allem im
Sprachgebrauch, dem Bereich, wo eventuelle Änderungen stattfinden. Der Sprachgebrauch ist aber
auch an die Motivation des Sprachbenutzers gekoppelt. Demnach ist die Sprache Teil einer
Motivation und somit ein strategisches Mittel, wie Mills deklariert.
Diese Herangehensweise ist auch eine gute Fundierung für Analysen von Sprichwörtern in Bezug
zu der Gesellschaft. Die Sprache als Werkzeug für strategische Ziele zu sehen, passt nämlich in die
beschriebene Theoriesetzung von Sprichwörtern. Festgestellt wurde, dass auch Sprichwörter als
Strategie benutzt werden, und dass der Kontext worin ein Sprichwort gebraucht wird, zu einer
Deutung des Sprichwortes führt.
Die Sprachkritik versucht die Denkweisen einer Gesellschaft anhand des Sprachgebrauches,
worunter sich auch Sexismen und Sprichwörter befinden, zu analysieren. Auf diese Weise kann die
Beziehung zwischen Sprachkritik, Sexismen und Sprichwörtern verstanden werden. Es ist für alle
drei Bereiche wichtig, den gesellschaftlichen Kontext des Sprachgebrauches miteinzubeziehen,
wobei auch die Nuancen der Bedeutungen erläutert werden.
Jetzt kann auf die Hauptfrage eingegangen werden: Wie können die Faktoren Kontext und
gegengesätzliche Bedeutungen von Sprichwörtern in Forschungsarbeiten, die Sprichwörter mit
Bezug auf die Gesellschaft zu Deuten versuchen, miteinbezogen werden? Da Sprichwörtern aus der
Kontext des Gebrauchs gedeutet werden, bleibt nur noch die Frage wie der Kontext in einer Analyse
betrachtet werden soll. Wie anhand der Theorien über Sexismen in der Sprache deutlich wurde, sind
die Ausgangspunkte worauf sich die Theorien basieren problematisch. Deshalb sollte eine Antwort
auf der Frage wie der Kontext in eine Analyse miteinbezogen werden kann, gesucht werden im
Ausgangspunkt worauf sich die Analyse basiert. Die Fundierung der Analyse sollte ausgehen von
dem variablen Charakter des Kontextes. Die Variationen von Situationen und Motivationen die sich
letztendlich in den Bedeutungen zeigen, sollten nicht nebenbei erzählt werden, um dann weiter eine
Analyse zu machen welche sie nicht einbezieht (wie das Vorbild von der Analyse Schippers
illustriert). Der Kontext und die Verhältnisse von widersprüchlichen Sprichwörter sollten einen
großen Teil der Analyse beinhalten. Eine Analyse und Theorie, welche Rechnung trägt mit einem so
relativen Faktor wie der Kontext, kann viel mehr aussagen, als eine Analyse die sich unnuanciert
auslässt. Eine Analyse, die sich auf Sprichwörter bezieht, sollte der Kraft und Mächtigkeit des
Sprichwortes nicht nachstehen: die Nuance wodurch ein Sprichwort sich in jede Situation einsetzen
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lässt, sollte auch in der Analyse liegen.
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Literaturverzeichnis
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Dieter E. Zimmer. Redensarten: über Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch,
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