Helfen mit Herz

Werbung
Helfen mit Herz. Das "personale Angebot" als Qualitätssiegel
christlich motivierter Sozialer Arbeit
Werkstatt für Theologinnen und Theologen in Einrichtungen der Caritas in
Bayern, Benediktbeuern, 2008
Die Werkstatt 2008 stand unter dem Motto: "Helfen mit Herz. Das „personale Angebot“als
Qualitätssiegel christlich motivierter Sozialer Arbeit.“ Die Thematik knüpfte an eine der
Kernaussagen der Enzyklika "Deus caritas est" von Papst Benedikt XVI. an. Dort schrieb der
Papst, Herzensbildung sei die Voraussetzung für die Fachkräfte und Ehrenamtlichen in der
Caritas, damit sie in rechter Weise mit den Menschen, die ihnen anvertraut sind, umgehen
können. Diese Herzensbildung wurzele "in der Begegnung mit Gott in Christus", der "die
Liebe weckt und ihnen das Herz für den Nächsten öffnet, so dass Nächstenliebe für sie nicht
mehr ein sozusagen von außen auferlegtes Gebot ist, sondern Folge ihres Glaubens, der in
der Liebe wirksam wird.” Dieser Gedanke der Herzensbildung wurde beim
Werkstattgespräch vertieft.
Herzensbildung: Karriere eines Gedankens
In den letzten beiden Jahren ist „Herzensbildung“ Thema bei vielen Gottesdiensten und
Fortbildungen, in Organisationsentwicklungs-und Leitbildprozessen, bei Besinnungstagen
und Exerzitien in der bayerischen Caritas gewesen. Der Trend geht weiter. Margit Eckholt,
Professorin für Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern,
nannte bei der Veranstaltung mehrere Gründe für die Hochkonjunktur des Begriffs
„Herzensbildung“. Zunächst wirke der Begriff aus sich selber, weil Herz ein Ur-Wort des
Menschen schlechthin sei und die Tiefenschichten der menschlichen Existenz erreiche. Zum
anderen sei er offenbar eine Art Gegenbewegung gegen Trends im Sozialbereich der letzten
Jahre.
Eckholt:
“Die
Professionalisierung
sozialer
Dienste,
die
vielfältigen
Qualitätsdiskussionen, der Rückgriff auf neue Theorienbildungen in Sozial-und
Wirtschaftswissenschaften, auf Management-Theorien und die Angleichung an säkulare
Dienstleister und ihre Standards scheinen kaum Raum für die Suche nach einer
diakonischen Spiritualität zu geben. Gerade im Zuge der Professionalisierung und einer
verstärkten Zusammenarbeit mit säkularen sozialen Diensten können kirchliche
Einrichtungen ihr kirchliches beziehungsweise ihr christliches Profil verlieren.” Der Papst
habe an die Notwendigkeit eines solchen Profils erinnert, und dabei den Begriff
Herzensbildung ins Spiel gebracht. Eckholt arbeitete die Bedeutung von Herzensbildung für
die Entwicklung einer diakonischen Spiritualität heraus.
Herzensbildung: Theologische Grundlegung
Herz ist ein Ur-Wort des Menschen (Karl Rahner). Es geht aller philosophischen und
theologischen Begriffsbildung, aller Religion und Moral voraus. Herz richtet sich auf das
Geheimnis des Menschen, ohne es aber je ganz aufzulösen. Es benennt die Mitte des
Menschen, seine Person, seine Ganzheit und Einheit. Herz steht aber nicht für eine
geschlossene Monade. Es ist immer auf ein Du bezogen. In dieser Bezogenheit geschieht
immer wieder das “Wunder des Wir” (Eckholt). So ist das Herz auch zum Symbol der Liebe
geworden. Herz hat der Mensch, der offen für die anderen und sich in der Öffnung auf den
anderen hin selbst empfängt, der immer mehr zum Ich wird, je mehr er die Erfahrung des
“Wunders des Wir” macht. Diese Verwiesenheit auf den anderen Menschen macht das Herz
grundsätzlich offen, damit aber auch verletzlich. Deshalb kann das eigene Herz und das Herz
der anderen leiden, gebrochen, durchbohrt, behindert sein. Es kann müde und lieblos
geworden sein. Im Herzen begegnen sich also Liebe und Leiden, Passion und Compassion.
In der Heiligen Schrift ist das Herz der Ort der Hinwendung Gottes zum Menschen, des
Menschen zu Gott und des Menschen zum Mitmenschen und zur Welt (z. B. Jer 24,7; Jer
31,33; Ez 11,19; Ps 51,19; Gen 6,5f). Jesus lädt im Hauptgebot der Liebe ein, Gott, den
Nächsten und sich selbst mit ganzem Herzen zu lieben (Mt 10,30) In der christlichen Mystik
(z. B. Franziskus, Dominikus, Katharina von Siena, Mechthild von Magdeburg, Franz von
Sales, Margareta Maria Alacoque) hat das Herz eine zentrale Bedeutung. Im offenen,
gekreuzigten und liebenden Herz Jesu gewinnt die Liebe Gottes ihre tiefste Symbolik. Im
“Herzenstausch” mit Jesus Christus streben die Mystiker den Zielpunkt ihrer Herzensbildung
an: Sie leben in Jesus und er lebt in ihnen. Diese intime Liebe, dieses Sich-Verschenken an
Jesus Christus führt die meisten Mystiker aber nicht von der Welt weg, sondern über das
Verschenkens des Herzens an den Nächsten ganz tief in sie hinein: “Ich will dich mittels der
Nächstenliebe noch stärker an mich binden”, sagt Katharina von Siena.
Herzensbegegnung und Herzenstausch brauchen Herzensbildung. Die Liebe des Herzens zu
lernen, ist ein immer währender Prozess, gerade weil das Herz so sehr verletzlich ist.
Herzensbildung nimmt Christus und in ihm den anderen Menschen aufmerksam und sensibel
wahr, übernimmt Verantwortung für ihn, nimmt seine Anliegen in das eigene Herz und in das
Gebet auf. Diese Begegnung verändert das eigene Herz und das Herz des anderen. So
entsteht immer wieder neu das “Wunder des Wir”, ein gemeinsamer Lebensweg.
Herzensbildung: Erfahrungen aus der Praxis
Achtsamkeit im Spannungsfeld von Spiritualität und Professionalität
Achtsamkeit heißt, so Elisabeth Huber, Geschäftsführerin des Katholischen
Krankenhausverbandes in Bayern, als Referentin bei der Werkstatt in Benediktbeuern: Die
Aufmerksamkeit ist ganz auf den Augenblick, auf ein Gegenüber gerichtet Pflegerisches
Wirken zum Beispiel geschieht immer im Kontext von Beziehung und bewusster Hinwendung.
Bewusste Achtsamkeit erinnert den Pflegenden daran, dass sie nicht nur körperlich
anwesend sind, sondern mit allen ihren Sinnen auf ihr Gegenüber und zugleich auf sich
selbst bezogen sein müssen, um die Entwicklungen und Veränderungen und das gerade jetzt
Not-Wendige wahrnehmen, verstehen und tun zu können. Ohne den inneren Kontakt zu sich
selbst, zu seiner eigenen Mitte, ohne Achtsamkeit gegenüber sich selbst, ist keine
Achtsamkeit gegenüber Mitmenschen in der Begegnung, Pflege und Beratung möglich.
Achtsamkeit gegenüber Gott kann, so zeigen es die biblischen Geschichten und die
Zeugnisse christlicher Mystik und Glaubengeschichten, zur Achtsamkeit gegenüber sich
selbst und gegenüber dem Nächsten führen.
Achtsamkeit muss und kann man lernen. Das Modellprojekt “Achtsamkeit im Spannungsfeld
von Spiritualität und Professionalität” des Katholischen Berufsverband für Pflegeberufe hat
gezeigt: Achtsamkeit kann ein Lebensmuster im privaten und beruflichen Bereich sein. Als
Grundlage für Mitgefühl und Liebe führt Achtsamkeit zur Herzensbildung, zur Hinwendung an
den Mitmenschen mit dem ganzen Herzen. Das Modellprojekt umfasste sechs Module, zu
denen u. a. angeleitete Übungen zur Wahrnehmung des eigenen Körpers, der Gedanken und
der Gefühle gehörten. Achtsamkeit wurde biblisch, theologisch, Psychologisch und
sozialwissenschaftlich reflektiert. Gottesdienste und kontemplative Einzelexerzitien waren Teil
des Programms.
Profilschärfung über bibeltheologische Reflexionen
“Im Glaubensbewusstsein der Kirche haben sich schwerwiegende Verengungen vollzogen.
Es muss ein Bewusstsein dessen entstehen, dass wir das Christentum weitgehend gar nicht
mehr kennen.” Vor dem Hintergrund dieser Zeitdiagnose von Papst Benedikt XVI. wählt Dr.
Georg Betz, der Geschäftsführer der Katholischen Akademie für Berufe im Gesundheits-und
Sozialwesen in Regensburg, einen radikalen bibeltheologischen Weg, wenn er in
Fortbildungsveranstaltungen mit den Teilnehmenden über die Profilschärfung von
Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft reflektiert. Der Rekurs auf die biblischen
Geschichten gibt zwar keine unmittelbaren Handlungsanleitungen für Managementfragen und
den Alltag von Pflege, Beratung und Betreuung, aber er schafft Neugier für alternative
Herangehensweisen an aktuelle Herausforderungen. Denn im Wort Gottes im Alten und
Neuen Testament wird eine Ahnung vom Traum vom Volk und Reich Gottes sichtbar. Sie
steht der “Leute-Religion”, dem Bewusstsein des landläufigen Christentums entgegen, das
die Botschaft vom Reich Gottes verharmlost und verkürzt und wenig relevant für das
persönliche Leben und die Gestaltung von Betreib und Beruf erscheinen lässt.
Die notwendigen Lernprozesse für eine Profilschärfung müssen an der Unternehmensspitze
ansetzen. Anstelle der Bildung von zufällig zusammengewürfelten interessierten Einzelnen
aus verschiedenen Einrichtungen ist zunächst eine Zellenbildung von Entscheidungsträgern
und Verantwortlichen wirksamer. Veranstaltungen müssen sich, in einem zweiten Schritt, an
ganze Einrichtungen, auch mit Einbezug der Klienten, richten. In einem weiteren Schritt sollen
mehrere Häuser gemeinsam den gleichen Weg gehen. Das erfordert Zeit, aber mit “EinTages-Besinnungen“ pro Jahr ist der christliche Geist nicht vor der Verdunstung zu retten.”
Gestalttherapeutische Übungen zur Herzensbildung
Emotionale Intelligenz ist eine Voraussetzung für Herzensbildung, betonte Franz
Wasensteiner, Fortbildungsreferent am Jugendpastoralinstitut in Benediktbeuern.
Herzensbildung kann wirksam werden, wenn sie die eigenen Emotionen kennenlernt und
wahrnimmt, Emotionen handhabt, sie in Taten umsetzt, Empathie entwickelt und so soziale
Kompetenzen entwickelt (C. Liebertz). Gestalttherapeutische Übungen nach Fritz Perls
können ein Weg dazu sein.
Herzensbildung: Weitere Wege in die Praxis
Herzensbildung im Rahmen der Fort- und Weiterbildung für Führungskräfte
Im Rahmen der betrieblichen Fort- und Weiterbildung kann Herzensbildung grundsätzlich
Führungskräfte in ihrer Führungsarbeit unterstützen. Die Führungsarbeit steht in Beziehung
zum doppelten Unternehmensprofil der Caritas als Dienstleistungsunternehmen und als
kirchliche Wesensäußerung. Die allgemein-unternehmerische und die spezifisch-christliche
Dimension der Caritas sind grundsätzlich aufeinander bezogen. Herzensbildung kann
Führungskräfte in beiden Dimensionen ihres Führungshandelns unterstützen. Sie kann
Angebote machen, die dazu dienen sollen, den unternehmerischen Anforderungen (besser)
Stand zu halten und die allgemeinen Managementaufgaben fruchtbar und sinnstiftend zu
gestalten. Und sie kann sich in Angeboten konkretisieren, die Führungskräfte dabei
unterstützen, die spezifisch-christliche Dimension des "Unternehmens Caritas" mit Leben zu
füllen. Herzensbildung kann zur evaluierbaren Erweiterung der Führungskompetenz
beitragen. Sie bietet Chancen zur Reflexion der konkreten Führungsarbeit, etwa durch
Analyse ethischer Konfliktfelder. Sie kann ein Beitrag sein zur Erweiterung des theologischspirituellen Reflexionshintergrunds von Führungskräften, was beispielsweise der geforderten
weltanschaulichen (interkulturellen und interreligiösen) Kompetenz zu Gute kommt. Unter
strategischer Rücksicht stellt sie eine Hilfe bei Erarbeitung des Caritas-Profils dar.
Über den Fort- und Weiterbildungssektor hinaus ist Herzensbildung eine Maßnahme der
Personalentwicklung in einem tieferen Sinne. Sie kann mithelfen, dass Führungskräfte in ihrer
Persönlichkeit wachsen. Manchmal kommt es auch zu einer Vertiefung des Gottverhältnisses,
d.h. zu einem Wachsen im Glauben. Derartiges aber muss sich ereignen, es ist nicht zu
"machen" und nicht zu evaluieren. Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sind hierfür nicht der
Ort erster Wahl. Passender sind - zweckfreie - Exerzitien, Besinnungstage, Oasentage,
spirituelle Führungskräfteseminare o.ä.
Herzensbildung in „Drei-Tage-Exerzitien“ (AVR) von Mitarbeiter(inne)n
Herzensbildung ist keine Theorie, sondern ein spiritueller Weg (via cordis). Dafür bedarf es
der Transparenz und Verortung in der Organisation. Herzensbildung braucht Personen, die
in Kontakt sind mit dem eigenen Herzen und mit Jesus Christus, dem „Herzensbilder“ von
Nazareth. Für Besinnungstage wird eine erfahrungsbezogene Vermittlung einer
„Bildungstheologie“ und – theorie angeregt, je nach Arbeitsfeldern und Zielgruppen der
Teilnehmenden.
Elemente können sein: Etymologie des Wortes Herz, Sprichwörter, Redewendungen,
Erfahrungen, Lieder, Gedichte, biblische Texte, Gebete, Bildbetrachtung sowie Begegnung
mit biblischen Gestalten, Mystiker(innen) und Heiligen. Kreative Elemente können sein:
Arbeit mit Gegensätzen: weiches – hartes, enges – weiches Herz ..., gestalten, modellieren,
Bildworte („brennendes Herz“, „gebrochenes Herz“...), Märchen, Körpererfahrung (z.B.
Körpergebet), Filme („Kammerflimmern“, „Wie im Himmel“...), Als Hinführung zu Herzensruhe
bieten sich zum Beispiel Stille, Schweigemeditation, Herzensgebet an.
Herzensbildung in den Studiengängen für Sozial- und Religionspädagogik an
Fachakademien und Fachhochschulen und für den Diplomstudiengang Katholische
Theologie
In den genannten Studiengängen sollte Herzensbildung in eigenen Lehrveranstaltungen
(Vorlesungen, Übungen) bzw. in einem eigenen Modul behandelt werden. Wegen der
grundlegenden Bedeutung ist Herzensbildung aber auch ein Querschnittthema, das von allen
Fachdisziplinen im Blick behalten werden und in allen Kommunikationsprozessen der
(Fach)Hochschulen vermittelt werden muss. Entsprechend ist an einer Kommunikationskultur
der (Fach)Hochschule zu arbeiten.
Um ein Modul zur Herzensbildung zu erarbeiten, sollen theologische und
sozialwissenschaftliche Disziplinen zusammenarbeiten. Als Leitlinien eines Moduls können
gelten: Der Glaube ist als Ressource zu sehen, jeder hat eine Spiritualität, die es zu achten
gilt. Inhalte können sein: Lebensbiographisches Arbeiten, Spirituelles Coaching der Sozialen
Praxis, religionssensible Kommunikationsfähigkeit und religionspraktische Kompetenz.
Herzensbildung kann man nicht einfach verbal “lehren”. Man kann zum Beispiel “Anders-Orte”
aufsuchen, spirituelle Räume anbieten, Methoden wie das Sozialtherapeutische Rollenspiel
oder Kunstpädagogik anwenden. Prüfungen und andere Leistungsnachweise entsprechen
nicht der Idee der Herzensbildung.
Literatur
Georg Betz,
Margit Eckholt, Herzensbildung - Theologische Anmerkungen zur Einübung diakonischer
Spiritualität, in: www.caritas-bayern.de
Dr. Peter Hammerschmid, Lebensprinzip Achtsamkeit. Modellprojekt: Achtsamkeit im
Spannungsfeld von Spiritualität und Professionalität. Unter Mitarbeit von Dr. Hildegard
Gosebrink und Elisabeth Huber, Eigenverlag Katholischer Berufsverband für Pflegeberufe,
Regensburg 2007). Adresse: [email protected].
Chermaine Liebertz, Das Schatzbuch der Herzensbildung, München, 2004
Zusammenfassung
Bernd Hein
Landes-Caritasverband Bayern, Lessingstraße 1, 80336 München
[email protected]
Herunterladen