Einführung ins Debattieren - Debating Club an der Universität St

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1. Was ist Debattieren und was lerne ich dabei?
Was ist Debattieren
Müsste man die Antwort auf die Frage „Was ist Debattieren“ in einem Satz zusammenfassen, würde
sie lauten: Debattieren ist eine strukturierte Form der Diskussion. Jeder Mensch hat in seinem Leben
schon mal über irgendetwas diskutiert, sei es über den Plan für den nächsten Urlaub, oder auch
politische Themen. In Diskussionen vertritt jeder seine eigene Meinung und gerade bei komplexen
Themen schweift man oft ab und fragt sich am Ende, wie man eigentlich zu dem Punkt gekommen
ist, über den man gerade redet. Hier unterscheidet sich die Diskussion von der Debatte. Bei der
Debatte befindet man sich in einem Parlamentarischen Setting. Das Thema ist klar vorgegeben, durch
einen Antrag über den das Parlament abstimmen soll und die Debattanten vertreten nicht ihre
eigene Meinung, sondern werden entweder der Regierung, die für den Antrag ist, oder der
Opposition, die dagegen ist, zugelost. Es gibt feste Redezeiten und eine Jury, die am Ende
entscheidet, welches Team überzeugender war, und, was noch viel wichtiger ist, den Debattanten
erklärt, wie sie ihre Überzeugungskraft verbessern können. Diese Formalismen können am Anfang
abschreckend und unnötig wirken, aber sie sorgen dafür, dass die Themen in einer Tiefe diskutiert
werden, wie sie in unstrukturierten Diskussionen selten zu finden ist, und dass obwohl das Thema in
der Regel erst 15 Minuten vor Debattenbeginn bekanntgegeben wird, also kaum Zeit zur
Vorbereitung zur Verfügung steht .
Warum Debattieren?
Freizeit ist ein knappes gut und es gibt unzählige Aktivitäten mit denen man sie füllen könnte. Gerade
die Universität St. Gallen bietet eine weitreichende Clublandschaft, also warum sollte man gerade
Debattieren?
Dafür gibt es einige Argumente. Ein sehr triviales, aber deswegen nicht weniger starkes Argument ist:
Es macht einfach Spass. Wer gerne über politische und gesellschaftliche Themen diskutiert, wird
höchstwahrscheinlich auf am Debattieren Freude haben. Beim Debattieren hat man die Möglichkeit,
mit jeder Debatte in ein Interessantes politisches oder gesellschaftliches Thema einzusteigen und das
Beste ist: Anders als bei der Diskussion mit Kollegen kann der gegenüber nicht einfach vom Thema
ablenken oder die Diskussion beenden, wenn ihr ihn gerade mit euren messerscharfen Argumenten
auseinandernehmt. Dazu kommt noch der Wettkampfaspekt, nach jeder Debatte weiss man, ob man
gewonnen oder verloren hat und man merkt mit der Zeit, dass man anfängt gegen Gegner, die früher
unerreichbar schienen, öfter und öfter zu gewinnen und das auf Turniere plötzlich nicht mehr jedes
Mal in der Vorrunde Schluss ist. Wer an Wettkämpfen weniger interessiert ist, kann aber natürlich
trotzdem seine Freude am Debattieren haben. Turniere sind optional und beim Bier im Ad Hoc, nach
der Debatte, interessiert keinen mehr wer vorher gewonnen hat.
Debattieren macht aber nicht nur Spass, sondern hilft auch dabei, eigene Argumentationstechniken
und Rhetorik zu verbessern. Sicher vor anderen Leuten zu reden lernt man am besten, indem man
vor anderen Leuten redet und das tut man beim Debattieren, wöchentlich auf den Debatten und auf
Turnieren. Gleichzeitig kann man erfahreneren Rednern bei Reden zuschauen und von ihnen lernen.
Sicheres Auftreten hilft in vielen Situationen, sei es bei der Präsentation in der Uni, beim
Bewerbungsgespräch oder im Beruf. Die Argumentationstechniken des Debattierens sind darüber
hinaus nicht nur beim Reden, sondern auch beim Schreiben z.B. von Hausarbeiten hilfreich. Und auch
die Tatsache, dass man beim Debattieren gezwungen wird auch mal gegen die Eigene Meinung zu
sprechen, ist enorm hilfreich. Zum einen hilft es dabei, die eigene Meinung kritisch zu hinterfragen.
Niemand liegt mit dem ersten Eindruck zu einem Thema in jedem Fall richtig und das Debattieren
hilft dabei zu überprüfen, ob man sich vielleicht geirrt hat. Ausserdem ist man sowohl in der Uni als
auch später im Job häufig gezwungen in Teams zu arbeiten und das Ergebnis dieser Teamarbeit ist
immer ein Kompromiss und enthält Punkte hinter denen man nicht zu 100% steht. Trotzdem ist es
wichtig, sie überzeugend zu verkaufen.
Das letzte Argument, dass an dieser Stelle für das Debattieren gebracht werden soll, ist, dass
Potentielle Arbeitgeber das Debattieren schätzen. Insbesondere solche, die Wert auf logisches
Argumentieren legen. So sponsert z.B. McKinsey den Verband der Deutschsprachigen Debattierclubs
und die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ eine Grosse Turnierserie. Wer also etwas für seinen
Lebenslauf tun will, muss nicht unbedingt zu einem er Vereine an der HSG gehen, der den Namen
einer Branche trägt, sondern kann dies auch beim Debattieren tun und dabei vermutlich mehr lernen
und Spass haben.
Darum lohnt sich der Debattierclub gleich doppelt
Übung macht den Meister! Bei uns kommt die Praxis niemals zu kurz, denn jede Stunde wirst du dich
selber fordern und von erfahrenen Rednern wertvolles Feedback erhalten. Keine Schwäche ist es
nicht wert, besprochen und trainiert zu werden. Die stetige Entwicklung sorgt dafür, dass du Ende
Semester zurückblicken wirst und selber über den Unterschied deiner rhetorischen Fähigkeiten
staunen wirst. Gleichzeitig dienen die Übungen als Vorbereitung, um später im beruflichen Alltag
einen überzeugenden Eindruck zu machen, sei es bei der Präsentation eines neuen Projekts oder für
das sichere Auftreten als Teamleiter, wenn Mitarbeiter für eine Sache begeistert werden sollen.
Deine Skills werden dir immer erhalten bleiben, wie das Velofahren!
2. Was tut der Debattierclub St. Gallen
Debattenabende
Die Kernaktivität des Debattierclubs St. Gallen ist die wöchentliche Debatte. Dabei wählen wir
zunächst per Mehrheitsentscheid aus drei Vorschlägen das Thema für die abendliche Debatte aus.
Anschliessend werden die Teams zugeteilt und nach einer 15 minütigen Vorbereitungszeit beginnt
die eigentliche Debatte, bei der die Redner abwechselnd ca. 7 minütige Reden halten. Es ist sinnvoll
und problemlos möglich direkt beim ersten Besuch selber an der Debatte teilzunehmen, wir zwingen
aber natürlich niemanden und man kann gerne auch mal nur zum Zuschauen vorbeikommen. Eine
Debatte dauert in etwa eine Stunde. Danach gibt es noch Feedback von den Juroren und
anschliessend ziehe wir ins Ad Hoc um, wo wahlweise das Debattenthema weiter Diskutiert wird
(sodass jeder die Gelegenheit hat auch mal seine wahre Meinung zu dem Thema zu äussern) oder
eben über Dinge geredet wird, über die man so redet, wenn man mit einem Bier in der Hand in einer
Bar sitzt.
Casual Thursday
Einen weiteren Abend in der Woche treffen wir uns um konkret an unserer Rhetorik und
Argumentation zu arbeiten. Dazu wird es an jedem Abend einen kurzen Theorieinput geben und
anschliessend viele praktische Übungen. Die Übungen werden in der Regel von erfahrenen
Klubmitgliedern geleitet, teilweise werden wir aber auch externe Trainer einladen. Die Workshops
stehen prinzipiell allen offen, es ist also nicht zwingend notwendig zu den Debatten zu kommen, um
an den Workshops Teilzunehmen. Neben Workshops werden wir an diesem Abend teilweise auch
Englische Debatten durchführen.
Socials & Events
Neben den eher „ernsten“ Debatten und Workshops treffen wir uns auch gelegentlich zu Socials, z.B.
zum Spieleabend oder gemeinsamen Fondue essen. Ausserdem organisieren wird Events wie z.B.
Powerpoint Karaoke oder unsere Professorendebatte, bei der Vertreter des Debattierclubs mit HSG
Professoren in den Wettstreit treten.
Freundschaftsdebatten und Turniere
Bei Freundschaftsdebatten treffen wir uns mit anderen Debattierclubs aus der Region um
gemeinsam eine Debatte zu veranstalten. Bisher haben wir Freundschaftsdebatten mit dem Züricher
und Friedrichshafener Debattierclub ausgerichtet. In Zukunft planen wir noch weitere Clubs
einzubinden. Freundschaftsdebatten bieten die Möglichkeit sich mit anderen Clubs zu Messen und
neue Leute kennenzulernen, ohne gleich ein Turnier besuchen zu müssen.
Turnierbesuche sind aber trotzdem aus verschiedensten Gründen eine hervorragende Art und Weise
sein Wochenende zu verbringen. Deswegen sind wir auch regelmässig auf Turnieren insbesondere im
Süddeutschen Raum vertreten. Auf Turnieren hat man die Möglichkeit, die besten Debattanten des
deutschsprachigen Raumes zu hören, von den Besten Juroren bewertet zu werden und an vier
Debatten an einem Tag Teilzunehmen. Ein Turnier hat daher einen grösseren Lerneffekt als ein
Monat Clubdebatten. Aber auf Turnieren sind nicht nur Profis vertreten: Jedes Jahr fangen Studenten
überall mit dem Debattieren an und viele fahren direkt nach ein paar Wochen auf ihr erstes Turnier.
Man muss daher keine Angst haben sich als Anfänger zu „blamieren“. Ausserdem lernt man auf
Turnieren interessante Menschen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen kennen und kann damit
einen Teil des Studentenlebens entdecken, der in St. Gallen aufgrund der starken Thematischen
Fokussierung der Uni etwas fehlt. Zu guter Letzt gibt es eigentlich auf jedem Turnier eine Party und
da die Turniere in Deutschland sind und die Partys häufig privat organisiert, haben sich die
Fahrtkosten zum Turnier bei Bierpreisen von einem Euro recht schnell amortisiert.
3. Die beiden Formate
Es gibt zwei Debattierformate, die im Deutschprachigen Raum eingesetzt werden. Offene
Parlamentarische Debatte (OPD) und British Parlamentry Style (BPS). Die beiden Formate haben
einige Gemeinsamkeiten. Bei beiden Fällen werden die Seiten (Regierung oder Opposition) zugelost
und das Thema wird erst 15 Minuten vor der Debatte bekanntgegeben. Normale Reden dauern in
beiden Formaten 7 Minuten. Während der Reden des gegnerischen Teams dürfen Zwischenfragen
gestellt werden. Ausser während der Sogenannten „Geschützten Zeit“, also während der ersten und
letzten Minuten einer Rede. Es gibt aber natürlich auch Unterscheide zwischen den Formaten,
weswegen im Folgenden auf beide Kurz eingegangen wird.
3.1 British Parliament Style (BPS)
BPS ist das international am weitesten verbreitete Format und auch dasjenige, in dem die Welt und
Europameisterschaften stattfinden. BPS zeichnet sich dadurch aus, dass ausschliesslich die
Überzeugungskraft und Stringenz der Argumentation bewertet wird. Rhetorik und Auftreten spielen
keine Rolle. Natürlich wirkt Rhetorik immer unterbewusst auf die Juroren, schliesslich wurde sie ja
entwickelt um zu überzeugen, aber sie wird nicht explizit bewertet.
Aufbau
Bei BPS treten insgesamt 4 Teams a je 2 Redner in einer Debatte an. Also gibt es auf Seiten von
Regierung und Opposition je ein eröffnendes und ein schliessendes Team. Wichtig ist, zu beachten,
dass ihr, wenn ihr z.B. im Schliessenden Regierungsteam seid, zwar genau wie die eröffnende
Regierung für den Antrag argumentiert und auch der Eröffnenden Regierung nicht widersprechen
sollt, dass ihr aber trotzdem mit der eröffnenden Regierung um den Sieg in der Debatte konkurriert.
Eine BPS Debatte wird nicht von der Regierung als Ganzes, sondern z.B. von der eröffnenden
Regierung gewonnen. Und wenn die Eröffnende Regierung gewinnt kann es durchaus sein, dass
danach beide Oppositionsteams folgen und die Schliessende Regierung den letzten Platz erhält. Ihr
müsst daher gemeinsam mit eurem Teampartner versuchen, das überzeugendste der vier Teams in
der Debatte zu sein.
Eine BPS Debatte läuft so ab, dass der erste Redner der Eröffnenden Regierung beginnt und danach
immer abwechselnd ein Regierungs- und ein Oppositionsredner reden.
Rollen
Auch wenn grundsätzlich jeder Redner einer Debatte das Ziel hat, die Juroren mit seinen Argumenten
zu überzeugen, gibt es, je nachdem auf welcher Position man in einer Debatte spricht,
unterschiedliche Dinge zu beachten. Im Folgenden wird kurz auf die besonderen Aufgaben der Rollen
eingegangen. Neben diesen Aufgaben ist es natürlich für jede Rolle das Ziel, Argumente für die
eigene Seite zu bringen. Ausserdem ist es üblich am Anfang Kurz die Argumente des Vorredners zu
kritisieren.
Erster Redner der Eröffnenden Regierung
Der Erste Redner der eröffnenden Regierung muss den Antrag, den die Regierung stellen will, genau
definieren. Vorgegeben ist meist ein relativ unkonkreter Antrag. Z.B. „Soll Bargeld abgeschafft
werden?“. Der Erste Redner der eröffnenden Regierung muss dies dann konkretisieren und z.B.
folgende Fragen klären: In welchem Zeitraum sollte das Bargeld abgeschafft werden? Wie soll
sichergestellt werden, dass weiterhin jeder die Möglichkeit hat, zu bezahlen? Wie genau soll die
Umsetzung funktionieren?
Erster Redner der Eröffnenden Opposition
Der erste Redner der Eröffnenden Opposition muss speziell den Antrag des Eröffnenden Redners der
Regierung kritisieren und Schwächen bei der Umsetzbarkeit aufzeigen.
Zweiter Redner der Eröffnenden Regierung bzw. Opposition
Die zweiten Redner der Eröffnenden Teams haben keine spezielle Funktion. Ihre primäre Aufgabe ist
es, weitere Argumente für die eigene Seite zu bringen und, soweit vorhanden, Schwächen in der
Argumentation der Vorredner hervorzuheben.
Erster Redner der Schliessenden Regierung bzw. Opposition
Die ersten Redner der Schliessenden Teams müssen diese Linie im Prinzip fortführen. Allerdings
müssen ihre Punkte neue relevante Aspekte in die Debatte bringen. Dies wird dadurch erschwert,
dass sie in der Vorbereitungszeit nicht wissen können, was die Eröffnenden Teams sagen werden.
Das bedeutet, dass sie möglichst viele Argumente sammeln müssen und dann, während die ersten
Teams reden, die Argumente weiter ausarbeiten, die diese übersehen. Es gibt zwei grundlegende
Dinge, die der erste Redner eines schliessenden Teams tun kann. Er kann weitere Punkte bringen die
ähnlich zu denen sind, die das eröffnende Team bereits gebracht hat, aber von diesem übersehen
wurden, oder er kann einen neuen Aspekt in die Debatte bringen. Hier bietet es sich oft an über
einen Stakeholder zu reden, der bisher übersehen wurde. Bei der Debatte über Bargeld kann es z.B.
sein, dass alte Menschen bisher nicht erwähnt wurden, die vielleicht eher Probleme mit
elektronischem Bezahlen haben. Dann wäre es eine Option für den ersten Redner der Schliessenden
Opposition, diese zu erwähnen.
Zweite Redner der schliessenden Teams
Die zweiten Redner der schliessenden Teams haben insofern eine Sonderrolle, als dass sie keine
neuen Argumente mehr in die Debatte einbringen dürfen. Ihre Aufgabe ist es die Debatte
zusammenzufassen und dabei aufzuzeigen, warum zum einen ihre Seite (Regierung oder Opposition)
gewonnen hat und warum zum anderen die Argumente, die ihr Teampartner gebracht hat die
wichtigsten waren. Bei der Zusammenfassung soll nicht alles Gesagte wiederholt werden, sondern es
wird sich an Kernstreitpunkten, so genannten „Clashs“ orientiert. Bei der Debatte über das Bargeld
könnten dies z.B. sein „Steuergerechtigkeit (wegen weniger Hinterziehung) auf Seiten der Regierung
vs. Privatsphäre auf Seiten der Opposition. Der schliessende Redner muss nochmal herausstellen,
warum der Wert, den seine Seite unterstützt, wichtiger ist und dabei möglichst das Argument seines
Teampartners in den Vordergrund stellen und noch einmal weiter ausführen.
3.2 Offene Parlamentarische Debatte (OPD)
Aufbau
Bei OPD treten anders als bei BPS nur 2 Teams gegeneinander an. Jedes Team besteht aus 3 Rednern.
Zusätzlich gibt es 3 sogenannte Fraktionsfreie Redner. Die Fraktionsfreien Redner können sich
aussuchen, auf welche Seite sie sich stellen.
Eine OPD Debatte beginnt mit dem ersten Redner der Regierung, danach folgen abwechselnd Redner
der Opposition und der Regierung. Nach den ersten 4 Rednern sind die drei Freien Redner an der
Reihe. Jeder Freie Redner muss sich entweder auf Seiten der Opposition oder auf Seiten der
Regierung positionieren. Das Team, gegen das sich der Freie Redner stellt, hat danach jeweils die
Möglichkeit, eine einminütige Gegenrede zu halten. Nach den Freien Rednern folgen die
Schlussredner der Opposition und Regierung, allerdings in umgedrehter Reihenfolge. Es spricht also
zunächst der Schlussredner der Opposition und zuletzt der der Regierung. Die Regierung stellt damit
in einer OPD Debatte sowohl den ersten als auch den letzten Redner.
Rollen
Die Aufgaben der Rollen sind ähnlich wie in BPS. Der eröffnende Redner der Regierung muss den
Antrag stellen, danach bringen die Redner beider Seiten Argumente für ihre Position, und die
Schlussredner fassen zusammen. Da es nur ein Team auf jeder Seite gibt und damit auch nur 3 statt
4 Redner, fällt die Aufgabe des ersten Redners der schliessenden Teams aus BPS weg.
Diese Rolle wird zu einem gewissen Grad von den Freien Rednern übernommen. Sie haben ähnlich
wie die ersten Redner der schliessenden Teams in BPS die Aufgabe, einen neuen Aspekt in die
Debatte zu bringen. Allerdings haben sie nur 3 Minuten und 30 Sekunden Redezeit. Also die Hälfte
eines normalen Fraktionsredners. Ausserdem erfahren sie das Thema der Debatte erst, wenn die
Debatte beginnt. Sie haben also nicht die üblichen 15 Minuten Vorbereitungszeit, sondern müssen
die Zeit, während der die ersten 4 Redner sprechen, zur Vorbereitung nutzen. Ihre Aufgabe wird
allerdings dadurch erleichtert, dass sie sich ihre Seite aussuchen können.
4. Argumentieren
Argumente sind der Kern einer jeden Rede. In BPS sind sie das einzige, was von den Juroren bewertet
wird, und auch in OPD, wo auch Rhetorik berücksichtigt wird, brauch eine Rede starke Argumente
um zu überzeugen. Um mit euren Argumenten zu überzeugen, solltet ihr 4 Dinge beachten. Die
Argumente müssen als wahr akzeptiert und Fakten korrekt sein. Das heisst, wenn ihr Fakten
anbringt, sollten diese Hand und Fuss haben. Die Juroren werden die Fakten in der Praxis nicht
nachprüfen, aber sie müssen plausibel erscheinen. Die Argumente müssen ausserdem konsistent zu
dem sein, was eure Seite bisher gesagt hat. Wenn ihr zwei Argumente für eure Seite bringt, die aber
auf sich widersprechenden Annahmen beruhen, wird das negativ bewertet. Bei BPS ist zu beachten,
dass die Argumente nicht nur mit denen eures Teampartners konsistent sein müssen, sondern dass
ihr auch dem anderen Team auf eurer Seite nicht direkt widersprechen solltet. Ein weiterer wichtiger
Punkt ist die Relevanz der Argumente. Relevanz bemisst sich zum einen nach den Auswirkungen
eures Arguments. Wenn euer Argument ist, dass eine sehr kleine Gruppe vom Antrag profitieren
würde, ist das weniger relevant als wenn eine grosse Gruppe betroffen ist. Relevanz hängt aber auch
damit zusammen, was bisher in der Debatte gesagt wurde. Wenn die Debatte sich bisher
überwiegend um z. B. die Freiheit des Individuums drehte, ist es relevanter wenn ihr euren Gegner
auf diesem Feld angreifen könnt, als wenn ihr einen neuen Ansatz wählt. Der letzte Faktor ist, dass
ihr eure Argumente ausbauen müsst. Einfach eine Behauptung aufzustellen. „Wegen XYZ ist der
Antrag schlecht“ wird euch keine Punkte für eurer Seite bringen
4.1 Wie entwickle ich Argumente (SEXI)
Als Orientierungsfaden an dem man ein Argument entwickeln kann, kann das SEXI Modell dienen.
SEXI steht für state, explain und illustrate, also nennen, erklären und illustrieren.
State
Stellt eine Behauptung auf, die eure Position unterstützt, und von der ihr im Folgenden zeigen
werdet, dass sie wahr ist. Euro Behauptung sollte kurz und unmissverständlich formuliert sein.
Ausserdem sollte klar sein, dass sie eure Seite unterstützt. Der Sinn dieses Statements ist, dass das
Publikum weiss, worauf ihr hinauswollt. Es darf daher auch nicht zu generell sein. Sollt ihr
beispielsweise eine Debatte darüber reden, ob der Kapitalismus gescheitert ist, wäre ein schlechtes
Statement: Der Kapitalismus ist gescheitert, weil es den Arbeitern schlecht geht. Ein gutes Statement
wäre: Der Kapitalismus ist gescheitert, weil er zwingend dazu führt, dass die Löhne der Arbeiter
sinken und strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht.
Explain
Hier ist es euer Ziel, in kleinen Schritten von eurer Behauptung auf Aussagen hinzuführen, die
grundsätzlich jeder akzeptieren würde. In diesem Schritt geht es grundsätzlich darum eine Antwort
auf die Frage des „Warum?“ zu finden, und das immer wieder. Also z.B. „Der Kapitalismus ist
gescheitert, weil er zwingend dazu führt, dass die Löhne der Arbeiter sinken.“ - „Warum?“ - „Weil die
Arbeiter eine niedrigere Verhandlungsmacht als die Arbeitgeber haben.“ - „Warum?“ - „Weil die
Arbeitgeber nicht auf jeden einzelnen Arbeiter angewiesen sind, die Arbeiter dagegen stark auf den
Arbeitgeber.“ - „Warum?“ - „Weil es viele Arbeiter gibt, aus denen der Arbeitgeber wählen kann,
aber nur wenige Arbeitgeber, aus denen der Arbeiter wählen kann.“ Theoretisch lässt sich diese
Kette sehr lange fortführen. Gerade bei BPS solltet ihr auch sehr viel Zeit auf diese Kette verwenden.
Dies ist das Hauptkriterium ,an dem sich entscheidet, wie gut eure Rede bewertet wird. Bei OPD
werden neben der reinen Argumentation auch andere Dinge bewertet, wodurch ihr tendenziell
etwas weniger Zeit in diesem Bereich verwenden solltet.
Illustrate
In diesem Teil geht es darum, eure logischen Erläuterungen mit der realen Welt zu verknüpfen. Nur
weil eure Argumentation in sich schlüssig ist, heisst das nicht, dass sie auch die Situation in der realen
Welt korrekt darstellt. Um dies zu zeigen, könnt ihr z.B. Beispiele anbringen. Dieser Teil sollte mit
dem Explain Teil verwoben werden.
4.2 Clashs
Als Clashs bezeichnet man beim Debattieren die zentralen Streitpunkte der Debatte. Oft sind es
zentrale Werte die sich gegenüberstehen. Lautet die Frage z.B., ob Rauchen verboten werden sollte,
würde die Regierung anbringen, dass der Staat seine Bürger auch vor sich selbst schützen muss,
während die Opposition die Individuelle Freiheit anbringen könnte. Hier entsteht ein Clash zwischen
den jeweiligen Werten und ihr müsst zeigen, warum euer Werteverständnis überzeugender ist.
Generell gewinnt ihr eine Debatte, indem ihr Clashes gewinnt. Daher solltet ihr sie annehmen und
ihnen nicht ausweichen. Die Aussage der Regierung: „Wir müssen die Raucher davor schützen, sich
selbst zu schädigen“ könnte man auch damit kontern zu behaupten: „Rauchen ist gar nicht
schädlich.“ Selbst wenn jedoch dies der Fall wäre, ist eine blosse Behauptung wie diese allein jedoch
nicht genügend. Es steht Behauptung gegen Behauptung und es gibt keine Basis für eine Debatte.
Blosse Fakten spielen eine wichtige Rolle, aber eure Argumentation sollte nicht rein faktenbasiert
sein, weil die Juroren euch dann entweder glauben können oder nicht, aber ihr keine Chance habt
eure Argumentation auszubauen und gegen Angriffe zu verteidigen. Statt einfach Fakten
aufzuzählen, solltet ihr diese selbst wie auch ihre Relevanz für die Debatte durch erstens die oben
genannte Argumentationskette absichern (begründen) und zweitens durch das bewusste Ansprechen
des daraus resultierenden Clashs erklären, warum, selbst wenn die Behauptung der Gegenseite
stimmte, eure eigene, nun „bewiesene“ Behauptung aus moralischer Sicht der anderen überlegen ist.
Wichtig ist dabei, nicht in absolute Urteile zu verfallen: Meist sind auch die Argumente der
Gegenseite nicht komplett von der Hand zu weisen; ein Versuch dies zu tun, wird für gewöhnlich vom
Publikum bemerkt und schwächt eure Glaubwürdigkeit. Stattdessen ist hier eine angemessene
Abwägung wichtig: „Ja, wir als Staat nehmen durch die Einführung eines Rauchverbots eine
Einschränkung der Individuellen Freiheit der Raucher in Kauf. Aber wir tun das, um die Gesundheit
nicht nur dieser Menschen, sondern auch der Millionen von Passivrauchern zu schützen. Und der
Vorteil für all diese Menschen überwiegt aus unserer Sicht klar den minimalen Eingriff für die kleine
Gruppe der Raucher“.
4.3 Wie finde ich Argumente
Wenn man den Antrag hört, gibt es in der Regel ein paar Argumente, die offensichtlich sind und
sofort ins Auge springen. Diese reichen in der Regel aber nicht, um die Debatte zu gewinnen. Aus
diesem Grund gibt es verschiedenen Techniken ,um Argumente zu finden.
1. Stakeholder Analyse: Wer ist betroffen? Z.B. Berufstätige, Rentner, Kinder… oder
Industrienationen, Schwellenländer und Entwicklungsländer. Wenn man die Stakeholder
gefunden hat, kann man sich überlegen, wie der Antrag sich auf sie auswirken würde. Wenn
eine Gruppe von dem Antrag profitiert, kann man dies auf Regierungsseite als Argument
nutzen, umgekehrt kann man es auf Oppositionsseite nutzen, wenn der Antrag einer Gruppe
schadet.
2. Was sind die kurz- und langfristigen Folgen des Antrags? Wie auch bei der
Stakeholderanalyse ist hier das Ziel, positive bzw. negative Folgen des Antrags zu finden, die
ihr für eure Seite nutzen könnt.
3. Gibt es grundlegende Werte und Moralvorstellungen, die in dieser Debatte in Konflikt
geraten? Werte eignen sich hervorragend, um Clashes zu produzieren. Wenn es zwei
zentrale Werte gibt, die in Konflikt stehen, wird es häufig zu einem Clash zwischen ihnen
kommen. Wenn ihr z.B. gegen einen Eingriff des Staates argumentieren müsst, solltet ihr
euch darauf einstellen, begründen zu können, warum die individuelle Freiheit wichtig ist, und
warum im konkreten Fall der Eingriff in sie nicht gerechtfertigt ist.
4. Wie ist der Status Quo: Wo liegt das Problem bei der momentanen Situation bzw. Warum
sollten wir etwas ändern? Gerade für die Regierungsseite ist dieses Vorgehen sehr hilfreich,
die Regierung muss zeigen, dass Momentan ein Problem besteht, ansonsten wird es schwer
den Antrag zu begründen.
Grundsätzlich empfiehlt es sich zunächst einige Minuten alleine zu Brainstormen und dann die
Argumente im Team zusammenzutragen und auch die Redner zu verteilen.
5. Rhetorik und Auftreten
Beim Einsatz von Rhetorik gibt es gravierende Unterscheide zwischen den beiden Formaten BPS und
OPD. Grundsätzlich gilt: Alles was ihr machen könnt, ohne dass es euch Zeit kostet, solltet ihr in
beiden Formaten tun. Also z.B. deutlich sprechen, sauber betonen, Gestik verwenden usw. Da bei
BPS Rhetorik aber nicht bewertet wird, sondern höchstens unterbewusst auf den Juror wirkt, solltet
ihr nicht explizit Vorbereitungszeitzeit darauf investieren, eure Rede rhetorisch schöner zu gestalten
und auch während der Rede stilistische Mittel, die euch Zeit kosten, nur sparsam einsetzen. Bei OPD
ist dies anders. Die Individualleistung eines Redners wird bei OPD nach 5 gleichwertigen Kategorien
bewertet. Zwei davon (Sachverstand und Urteilskraft) bewerten eure Argumentation. Zwei
(Auftreten und Sprachkraft) bewerten eure Rhetorik und euer Auftreten; die Kontaktfähigkeit als
fünftes Kriterium liegt an der Schnittstelle zwischen beidem. Wirklich verbessern kann man sich in
diesen Kategorien ausschliesslich durch Übung, durch das Lesen eines Rhetoriklehrbuches wird man
nicht zum Meisterrhetoriker. Daher soll an dieser Stelle nur kurz auf ein paar einfache Dinge
eingegangen werden, die man tun kann, um sich in diesen Kategorein zu verbessern.
Auftreten
Die Basis eines guten Auftretens ist ein sicherer Stand. Auch wenn es die Möglichkeit gibt, sich
bewusst im Raum zu bewegen und damit sein Auftreten zu verbessern, wirken die allermeisten
Bewegungen eher nervös und unsicher. Anfänger sollten daher versuchen möglichst still zu stehen
und erst, wenn sie das beherrschen beginnen sich bewusst zu bewegen. Ob man ein Problem mit
einem unsicheren stand hat, merkt man am besten, wenn man sich beim Reden filmt. Alternativ
reicht es auch einmal vor dem Spiegel zu reden. Wenn man an sich im Allgemeinen einen unsicheren
Stand bemerkt, stellt eine einfache Verbesserungsmöglichkeit das kurzzeitige Reflektieren über den
eigenen Körper in der Pause zwischen zwei Argumenten dar: „Stehe ich noch sicher?“, „Schaue ich
noch in Richtung Publikum?“ und Ähnliches sind hierbei gute Anhaltspunkte.
Der zweite wichtige Aspekt in der Kategorie Auftreten ist die Gestik. Viele Menschen haben von
Natur aus eine gute Gestik. Wer das nicht hat, kann nur mit viel Training etwas daran ändern.
Grundsätzlich gilt aber: Die Hände sollte auf Höhe des Oberkörpers gehalten werden und man sollte
sich nicht an etwas festhalten bzw. etwas in der Hand halten. Unter diesen Voraussetzungen führt
jeder Mensch automatisch irgendeine Form von Gestik durch.
Sprachkraft
Hier zählt zum einen was ihr sagt, also z.B. ob ihr rhetorische Stilmittel verwendet, bildlich sprecht
und passende Vergleiche bringt und zum anderen wie ihr es sagt, also Sprechgeschwindigkeit,
Lautstärke und Emotionalität. In dieser Kategorie gibt es zwei Dinge, die man relativ einfach tun
kann. Zum einen emotionalisierende Beispiele bringen. Wenn ihr z.B. in einer Debatte die Position
vertretet, dass der Vorschlag der Gegenseite Arbeitsplätze kosten wird, dann bringt ein Beispiel über
den hart arbeitenden Familienvater mit 3 Kindern, der jetzt seien Job verliert und seinen Kindern die
Klassenfahrten nicht mehr bezahlen kann. Hier könnt ihr sehr gut auf einer emotionalen Ebene
deutlich machen, dass der Vorschlag der Gegenseite Schaden anrichten wird. Der zweite Punkt, den
man leicht beeinflussen kann ist die Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit. Grundsätzlich solltet ihr
relativ langsam und laut, aber nicht energisch sprechen. Wenn ihr zu einem wichtigen Punkt kommt,
oder der Gegenseite gerade vorwerft, wie viel Schaden sie anrichten wird, könnt ihr etwas
energischer werden, also lauter und schneller. Im Prinzip folgt das automatisch, wenn ihr euch richtig
in eure Seite hineinversetzt habt. In einem echten Streit über Dinge die euch persönlich wichtig sind,
würdet ihr das ja auch tun.
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