geschichte der schwedischen sprache (5

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GESCHICHTE DER SCHWEDISCHEN SPRACHE (5. STUNDE)
Die mittelschwedische Periode (ca. 1350/70-1550):
Nachdem in der altschwedischen Periode die schwedische Sprache relativ stabil blieb, folgt
nun mit der mittelschwedischen Periode eine Zeit der Umgestaltung der Sprache und der
Sprachstruktur, sodass am Ende dieser Epoche (um 1550) – zumindest in der profanen
Literatur – ein Sprachzustand vorliegt, der dem des heutigen Schwedischen schon relativ
nahe stand. Quellenkundlich wird die mittelschwedische Periode mit der Bibelübersetzung
(Gustav-Vasa-Bibel) abgeschlossen.
Die Hauptquellen des Mittelschwedischen sind:
1. Juristische und administrative Texte (inklusive Gesetzestexte): Neben Abschriften bereits existierender Gesetzestexte z.B. Diplome und Urkunden (im 14. Jh. löste das
Schwedische das Lateinische als Urkundensprache ab und wurde zur offiziellen Kanzleisprache).
2. Religiöse Literatur: Weiterhin im wesentlichen Übersetzungen (Legenden, Bibelbücher,
erste Übersetzungen von Teilen der Bibel bzw. endgültige Bibelübersetzung = Gustav-Vasa-Bibel). Wie die gesamte schwedische Literatur dieser Zeit eng mit dem
Kloster Vadstena verknüpft.
3. Höfische Literatur: weitere Übersetzungen (z.B.: Konung Alexander, Namnlös och
Valentin, Didrikssagan). In diese Zeit gehört auch die Entstehung der höfisch beeinflussten Folkvisor (allerdings fast nur aus Dänemark [Folkeviser] überliefert).
4. Historische Literatur: z.B.: Engelbrektsvisan, Karlskrönikan, Sturekrönikan.
5. Didaktische Schriften: z.B.: Lucidarius (Übersetzung; überall in Europa verbreitet), medizinische, landwirtschaftliche und militärische Werke.
Geschichte:
1363 wurde vom Adel – wegen der Annäherung Schwedens an Dänemark bzw. Gebietsverlusten – Albrekt av Mecklenburg als König eingesetzt. Unter seiner Herrschaft kulminierte
der deutsche Einfluss in Schweden. 1389 wurde er von Margrethe von Dänemark vertrieben, und Schweden kam an Dänemark. Offiziell besiegelt wurde die Zugehörigkeit Schwedens (und auch Norwegens) zum dänischen Königreich 1397 in Kalmar (Kalmarer Union).
Diese Union aller skandinavischen Länder bzw. der Kampf Schwedens dagegen prägte historisch die mittelschwedische Epoche. 1434 kam es zum ersten Aufstand der Schweden (in
Dalarna). Nach der Absetzung des Unionskönigs Erich v. Pommern (1439) beschleunigten
sich die Selbständigkeitstendenzen, das Königtum wurde geschwächt, und die eigentliche
Macht in Schweden fiel an den Reichsrat. Schweden brach schließlich 1448 aus der Union
aus (König Karl Knutsson Bonde) und wurde nur jeweils für kurze Perioden zurückgeholt.
1471 endete ein Rückholversuch in der Schlacht bei Brunkeberg (bei Stockholm) mit einer
dänischen Niederlage (schwedischer Reichsvorsteher: Sten Sture den Äldre). Für Schweden war dies ein nationales Ereignis, die seit Mitte des 15. Jh. merkbaren Selbständigkeitsbestrebungen verstärkten sich, Schweden erlebte einen Aufstieg und einen Bevölkerungszuwachs. Auch die erste skandinavische Universität wurde in Uppsala/Schweden gegründet (1477; Kopenhagen: erst 1479!). 1520 wurde Schweden noch einmal zurückgeholt. Im
sogenannten „Stockholmer Blutbad“ wurden die Gegner Dänemarks hingerichtet. Es folgte
ein Aufruhr gegen den König (Christian II.), auch unterstützt vom dänischen Adel (dessen
Macht er begrenzen wollte), der 1523 zur Absetzung des Unionskönigs führte. In Schweden
folgte Gustav Vasa als König, und Schweden erlebte fortan einen ungeheuren Aufschwung.
Unter König Gustav I. Vasa erfolgte auch die Reformation Schwedens (der König wurde
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Oberhaupt der schwedischen Kirche), 1541 erschien die erste Bibelübersetzung (GustavVasa-Bibel). Das Königtum wurde gestärkt, die Hanseabhängigkeit überwunden.
Wirtschaft:
Die mittelschwedische Zeit ist auch geprägt durch die engen Beziehungen zur norddeutschen
Hanse, die sich offiziell der mittelniederdeutschen Sprache bedient. Einerseits dominierte
die Hanse den Handel in Skandinavien, andererseits hatte sie auch eine markante Besiedlung skandinavischer Städte durch (Nieder-)Deutsche zur Folge (starke niederdeutsche
Minderheiten in allen größeren Städten; z.B. ca. ein Drittel in Stockholm, etwa die Hälfte in
Kalmar) und dadurch einen sehr starken niederdeutschen kulturellen Einfluss.
Textbeispiel:
Gustav-Vasa-Bibel (1541).
Sprachliche Entwicklungen in mittelschwedischer Zeit (1350/70-1550):
Wie bereits erwähnt, stellt die mittelschwedische Periode eine entscheidende Epoche des
Schwedischen dar, innerhalb welcher wesentliche Veränderungen stattfanden, die das
Schwedische bereits relativ nahe an den heutigen Sprachstand heran führten. Diese Veränderungen fielen zwar in der Regel nicht genau mit der mittelschwedischen Periode zusammen
(sie begannen manchmal schon etwas früher und/oder endeten etwas später), doch es war diese Periode offenbar die diesbezüglich aktivste und markanteste Zeit. Interessanterweise teilt
das zeitgenössische Norwegische diese Veränderungen in der Regel mit dem Schwedischen.
Lautentwicklung:
1. Neuregelung der Quantitätsverhältnisse: Im Altschwedischen konnten Silben kurz
(sak, brut), lang (bōk, band) oder überlang (ātta) sein. Im Mittelschwedischen (im
wesentlichen im 15. Jh.) wurde dies dahingehend geregelt, dass es nur noch lange
(betonte) Silben (langer Vokal + einfacher Konsonant oder kurzer Vokal + langer
Konsonant/Mehrfachkonsonanz) geben durfte. Also mussten kurze Silben gedehnt
(sak [a] > sak [a:], brut [t] > brott [t:]) und überlange Silben gekürzt werden (ātta
[a:] > åtta [offenes o]).
2. Die Hebung der hinteren Langvokale: Die Langvokale ā, ō, ū und y: wurden im Laufe
der mittelschwedischen Periode zu [o:], [u:], [ü:] und [y:] gehoben (man vergleiche
die Positionen im Vokaldreieck!). Diese Veränderungen geschahen jedoch nicht
gleichzeitig, sondern nacheinander (zuerst ā > [o:], dann ō > [u:] usw.):
(Ursprüngliches) altschwedisches langes ā wird allmählich (beginnend wohl schon
in der späteren altschwedischen Periode, vollendet in der 2. Hälfte des 14. Jh.) zu
[o:] gehoben, z.B.: altschwed. bāter ‚Boot’, gās ‚Gans’, ātta ‚acht’ > neuschwed. båt,
gås, åtta (auch altschwedisch gedehntes a ist davon betroffen, z.B.: garþer > gārþer
‚Hof’ > gård; siehe oben!). Die Entwicklung spiegelt sich in Schreibfehlern wider,
prinzipiell wird aber die Hebung (noch) nicht in der Schrift bezeichnet (weiterhin
<a>; erst in der Neuzeit wird <å> üblich). Die Verschiebung des ā löste eine Art Kettenreaktion aus, die zur Hebung weiterer Langvokale führte.
(Ursprüngliches) altschwedisches langes ō wird allmählich (endgültig um 1400 herum) zu [u:] gehoben, z.B.: altschwed. bōndi ‚Bauer’, skōgher ‚Wald’, mōþir ‚Mutter’
> neuschwed. bonde [u], skog [u:], moder [u:] (auch orþ > ōrþ > ord [u:]). Die
Schreibung <o> wird bis heute aufrechterhalten, sodass nun das Graphem <o> für
zwei Phoneme (/o/ und /u/) steht, z.B. altschwed. son > neuschwed. son [o:], da kur-
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zes o nicht gehoben wird. (Dass die Hebung von ō später stattfand als jene von ā,
ergibt sich aus altschwed. barn, horn > neuschwed. barn [a:], horn [u:]).
Mittelschwedisches langes ū (d.h. auf Grund der Neuregelung der Quantitätsverhältnisse [siehe oben!] vorhandenes bzw. entstandenes ū) wird allmählich (im 15. Jh.)
zu [ü:] gehoben, z.B.: altschwed. hūs ‚Haus’ > neuschwed. hus [ü:], altschwed. flugha
‚Fliege’ > neuschwed. fluga [ü:]. Zumindest gilt dies in Mittel- und Nordschweden.
Dies erklärt, warum – anders als im Falle des o – alle heutigen langen u als [ü:]
ausgesprochen werden (und alle heutigen kurzen u nicht), und beweist, dass die Verschiebung von ū noch später stattfand als jene von ō. Die Schreibung <u> wird bis
heute aufrechterhalten und steht nur für ein einziges Phonem (/ü/).
Die Verschiebung von ū zu [ü:] hatte schließlich zur Folge, dass der bereits vorhandene (lange) ü-Laut y: [ü:] weiter nach vorne geschoben wurde (zu [y:]), wobei hier
meist auch die Kurzvariante mitgezogen wurde, z.B.: altschwed. ny:r [ü:] ‚neu’ >
neuschwed. ny [y:]. Die Schreibung bleibt bis heute gleich (<y>).
3. Die Senkung kurzer Vokale: Es sind im wesentlichen die (alten) kurzen Hochzungenvokale i, y und u, die – in manchen Fällen und regional verschieden – gesenkt werden, z.B.: altschwed. skip ‚Schiff’ > neuschwed. skepp, vika ‚Woche’ > vecka, fyl
‚Fohlen’ > föl, brut ‚Bruch’ > brott. Die Senkung wird in der Schrift bezeichnet.
4. Schicksal des Dreiklangs a-i-u (in unbetonter Stellung): Die Vokalbalance (siehe oben!)
wirkt weiterhin, jedoch werden im Laufe der mittelschwedischen Periode die Tendenzen i > e bzw. u > o (unabhängig von der Quantität der vorhergehenden Silbe)
immer stärker, und schließlich setzt sich der Dreiklang a-e-o durch. (Regional gibt
es auch einen Zweiklang a-e, da u > e geschwächt wird).
5. Schwächung bzw. Schwund von Vokalen: Vor allem in Mittelsilben (z.B.: Svēa rīki >
Svēriki > Sverighe > Sverghe; heute: Sverige [sværjə]), aber auch Endungsvokale in
dreisilbigen Wörtern mit Akut (die allerdings selten sind) wurden oft getilgt/geschwächt (z.B.: mittelschwed. fötrine ‚die Füße’ > fötren, solena ‚die Sonne/Akk.’ > solen; jedoch: hästane ‚die Pferde’ etc. bleibt, da Gravis!). In dreisilbigen
Wörtern mit Gravis wurden die Endungsvokale -a und -o oft zu -e geschwächt,
z.B.: mittelschwed. kalladho ‚sie riefen’ > kalladhe. All das geschah jedoch erst um
1500 herum.
6. Entwicklung des þ: Etwa um 1375 herum verschwindet das Graphem <þ>. Statt dessen
wird im Anlaut <th>, im In- und Auslaut <dh> geschrieben. Das stimmlose th wird
spätestens um 1400 zu t, während dh noch im Frühneuschwedischen verwendet
wird. Lautlich dürfte das bedeuten, dass der Laut [þ] im 14. Jh. verschwand bzw.
mit [t] zusammenfiel, während der Laut [ð] länger überlebt haben dürfte (vielleicht
wirklich bis in frühneuschwedische Zeit), bevor er mit [d] zusammenfiel.
7. Schwächung von k zu gh [γ] (bzw. von t zu dh [ð]) in unbetonter Stellung: z.B.: altschwed. iak > mittelschwed. iagh, mik > migh, taka ‚nehmen’ > tagha; altschwed.
hūsit > mittelschwed. husedh (später wiederhergestellt: huset).
8. Assimilationen: z.B.: ts > ss (altschwed. bæzter ‚bester’ > mittelschwed. bäst); mb > mm
(lamb ‚Lamm’ > lamm).
9. Konsonantenschwund: In schwachtoniger Stellung können Konsonanten schwinden,
z.B.: mittelschwed. tagha ‚nehmen’ > ta (später teilweise wiederhergestellt), husedh
‚das Haus’ > huse (später wiederhergestellt), skal ‚soll’ > ska (später teilweise wiederhergestellt), kastadhe ‚warf’ > kasta (später wiederhergestellt). Das gilt auch für das
(instabile) Endungs-r, vor allem in bestimmten Pluralformen von Substantiven
(fiskanir > fiskane) und in Pluralen von Adjektiven (gōþir fiskar > godhe fiskar).
10. Die beim Altschwedischen besprochenen Palatalisierungen (siehe dort!) werden weitergeführt.
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Entwicklungen in der Flexionsmorphologie:
In dieser Periode beginnt jetzt die Vereinfachung des schwedischen Flexionssystems, vor
allem im nominalen Bereich. Folgende Entwicklungen wären zu erwähnen:
1. Beim Substantiv treten folgende drei Entwicklungen ein:
a. Ausgleich zwischen Nominativ und Akkusativ: Schon immer hatten die Neutra
eine einheitliche Form für Nominativ und Akkusativ, im Altschwedischen
teilweise auch schon die Feminina (z.B.: Plural). Unterschieden wurden im
Altschwedischen Nominativ und Akkusativ noch bei den Maskulina (streng!)
und teilweise bei den Feminina (z.B.: Singular der n- und r-Stämme bzw. der
bestimmten Form), z.B.: fisker-fisk, fiskar-fiska, vika-viku, mōþir-mōþur, færþinfærþina (aber: færþ-færþ!).
Bei den starken Maskulina (Singular) wurde der Nominativ nach und nach
dem Akkusativ angepasst, also: fisker-fisk > fisk-fisk (Nominativ-r verschwindet!); Formen wie fisker halten sich jedoch teilweise noch bis ins 16. Jh. (und
kommen bis heute dialektal – z.B. in Roslagen – vor; vgl. auch schriftsprachlich
dager ‚Tageslicht’ und dag ‚Tag’!). Auch im Plural der starken Maskulina kam
es zur Angleichung von Nominativ und Akkusativ, wobei sich allerdings letztlich die Nominativform durchsetzte: fiskar-fiska > fiskar-fiskar.
Bei den schwachen Maskulina und Feminina wurden die unterschiedlichen
Nominativ- und Akkusativformen zumindest im Singular aufrechterhalten,
z.B.: skadhe-skadha, gata-gato (Entwicklung im Plural wie bei den starken Substantiven). Erst im Frühneuschwedischen herrschte dann die Nominativform
auch im Akkusativ (dialektal manchmal umgekehrt).
Auch in der bestimmten Form der Feminina im Singular hielten sich unterschiedliche Nominativ- und Akkusativformen noch länger. Erst ab ca. 1450
verschwanden hier die Akkusativformen nach und nach (færþin-færþina >
färdhen-färdhen, vikan-vikuna > vikan-vikan).
Auch in den sonstigen Fällen kam es zu einer Angleichung von Nominativ
und Akkusativ.
b. Aufgabe des Dativs (Angleichung an Akkusativ): Die Dativendung -i (bzw. -u)
der starken Substantive, die bereits im Altschwedischen fehlen konnte, verschwindet nun nach und nach, obwohl sie noch in der religiösen Literatur des
16. Jh. stehen konnte (manne, folke). (Bei den schwachen Substantiven glich
die Dativendung schon seit jeher der Akkusativendung!). Die Dativ-PluralEndung -um > -om geht auch zurück, ist aber im 16. Jh. noch ziemlich häufig
(hästom, folkom). Die bestimmten Dativformen (i landeno, på iordhenne, mannenom, hästomen, aff hiärtano) halten sich noch besser, teilweise sogar bis in
heutige Dialekte hinein.
c. Verallgemeinerung des Genetiv-s: Nach Ansätzen im Altschwedischen (siehe
oben) breitete sich nun das Genetiv-s weiter aus, ab dem 15. Jh. auf die Feminina (drottnings), ab etwa 1500 auch auf den Plural (zunächst Doppelformen
wie härras-härrars, wobei sich schließlich letzteres durchsetzt). Die bestimmten Genetivformen halten sich noch länger, so vor allem der doppelte Genetiv
wie in fisksens, barnsens (um 1500 gab es neben barnsens allerdings auch die
Form barnens [!] und bereits die heutige Form barnets), aber auch (teilweise)
Formen wie (sōlinnar >) solenne > (ab ca. 1400) solennes oder (Plural) iudhanna
> (ab ca. 1500) iudhannas neben iudharnas etc. Reste eines alten Genetivs finden sich noch in heutigen Wendungen wie z.B. gå till handa, ta till orda.
In der mittelschwedischen Periode kann man also noch durchgehend nach allen Kasus flektieren (wie im Altschwedischen), man kann aber – vor allem gegen Ende der
Periode – teilweise oder auch schon ganz (mit Ausnahme des Genetivs) auf diese Fle-
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xion verzichten. Mit Beginn der frühneuschwedischen Periode verschwinden dann
auch die Reste der alten Flexion und es entsteht ein reines Zweikasus-System
(Grundform-Genetiv). Über die Ursachen dieses Prozesses kann man nur spekulieren,
oft werden Änderungen auf syntaktischem Gebiet (geänderte Rektion von Verben
und Präpositionen) dafür verantwortlich gemacht, aber auch der starke Fremdeinfluss (Hanse) könnte darauf Einfluss ausgeübt haben.
Außerdem entwickelte sich in mittelschwedischer Zeit aus dem Zahlwort ‚1’ der unbestimmte Artikel.
2. Beim Adjektiv erfolgten der Entwicklung des Substantivs entsprechende Veränderungen (Etablierung eines Zweikasus-Systems mit Grundform und Genetiv).
3. Bei den Personalpronomina setzt sich der im Altschwedischen begonnene Prozess des
Zusammenfalls von Dativ- und Akkusativform fort, sodass es schließlich eine einheitliche Objektsform (entweder der alte Dativ oder der alte Akkusativ) gibt, der die
(bewahrte) Subjektsform (und natürlich die Genetivform) gegenübersteht. Es bleiben
hier also – im Gegensatz zu Substantiv und Adjektiv – drei Kasus übrig!
4. In der Verbflexion sind nur wenige nennenswerte Veränderungen während der mittelschwedischen Periode zu erwähnen, die Verbflexion bleibt – im Gegensatz zur Substantivflexion – in groben Zügen erhalten.
Bezüglich der Kategorien Person und Numerus ist folgendes zu bemerken:
In mittelschwedischer Zeit blieb im Plural die Personenunterscheidung durch eigene
Endungen weiter in Kraft (zum Singular siehe das Altschwedische!). Lediglich für
die 1. Person Plural (Präsens + Präteritum) kam eine neue Endung (auf -e) auf, zunächst bei nachgestelltem Pronomen (z.B.: altschwed. bærum vi > bäre vi ‚tragen
wir’), später auch bei gerader Wortstellung (vi bäre). Unter Berücksichtigung des neuen Dreiklangs ergeben sich für das Mittelschwedische folgende Konjugationsvarianten (zu kalla; Singular immer iagh, thu, han kallar):
vi kallom – I kallen – the kalla bzw. vi kalle – I kallen – the kalla.
Im Präteritum der starken Verben wurde aus der Endung für die 2. Person Singular -t die neue Endung -st (z.B.: þu gaft > thu gafst ‚du gabst’), die im Altschwedischen nur nach auslautendem -t verwendet worden war. In der 2. Person Singular Präsens der Präteritopräsentia blieb allerdings im Mittelschwedischen -t erhalten (z.B.:
thu kant ‚du kannst’).
In der Kategorie Tempus gibt es nur eine wichtige Änderung: die schwachen Verben
auf betonten Vokal bilden nun das Präteritum (und Perfektpartizip) auf Doppeldental (z.B.: tro – trodde – trodd).
In der Kategorie Modus ist zum Imperativ (der Konjunktiv besteht fast unverändert
weiter) folgendes festzuhalten: In mittelschwedischer Zeit kommt eine alternative
Form für die 2. Person Plural des Imperativs auf (auf -er; z.B.: later! ‚lasst!’), die
auch noch im Frühneuschwedischen gebräuchlich ist (statt der Standardendung -en).
Die Form für die 1. Person Plural des Imperativs (mittelschwed. -om) hielt sich die
gesamte Periode hindurch.
Zur Kategorie Genus verbi und zu den infiniten Verbformen ist nichts zu sagen.
Hinsichtlich der Verbklassen wäre aber folgendes zu bemerken:
Bei den schwachen Verben entsteht eine neue 3. Klasse, nämlich jene der schwachen Verben auf betonten Vokal, die – siehe oben! – ihr Präteritum und ihr Perfektpartizip mittels Doppeldental bilden (tro – trodde – trodd). Die „alte“ 3. Klasse
der schwachen Verben löst sich hingegen auf, indem die Verben auf betonten Vokal
eben eine eigene Gruppe bildeten und die anderen sich der 2. Klasse anschlossen. Außerdem ist zu erwähnen, dass es eine gewisse (bis heute wirksame) Tendenz gibt, dass
starke Verben schwach werden und schwache Verben der 2. Klasse sich der 1.
Klasse der schwachen Verben anschließen. Innerhalb der Ablautreihen gibt es kaum
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Veränderungen, eine der wenigen Ausnahmen ist der Plural des Präteritums der
Verben der 1. Ablautreihe (hier hat die GVB neben lautgesetzlichem gripom ‚(wir)
griffen’ auch schon analogisches grepom zu iagh grep ‚ich griff’).
Syntaktische Entwicklungen:
Auf Grund der vielen Übersetzungen aus dem Lateinischen übte diese Sprache einen ungeheuren Einfluss auf die mittelschwedische Syntax aus. Auch Einflüsse aus dem Mittelniederdeutschen (vor allem in der neu entstandenen Kanzleisprache) lassen sich feststellen.
Die wichtigsten Veränderungen waren:
1. Häufige und verwickelte Partizipialkonstruktionen (< Lateinisch).
2. Entwicklung der komplizierten und oft gekünstelten Satzperiode (= kunstvolle Aneinanderreihung von Haupt- u. Nebensätzen gemäß ihren logischen Verhältnissen; < Lat.).
3. Fakultative Endstellung des finiten Verbs in Nebensätzen (< Niederdeutsch).
4. Vorrückung der Satzadverbien vor das finite Verb in Nebensätzen.
5. Entstehung der Funktion von thet (> det) als formales Subjekt in unpersönlichen Sätzen
(< Niederdeutsch; vgl. dt. es).
6. Relativpronomen: sum/som wird häufiger und verdrängt das altschwedische þær (nachdem es in altschwedischer Zeit bereits ær verdrängt hatte).
7. Stärkere Fixierung der Satzgliedstellung: Nachdem im Altschwedischen die Satzgliedstellung noch sehr frei gewesen war, wird diese nun – Hand in Hand mit dem
Verlust der Nominalflexion – stärker fixiert, z.B.:
altschwed. gialda tolf ø:ræ biscupi = gialda biscupi tolf ø:ræ.
neuschwed. betala biskopen tolv öre (+betala tolv öre biskopen).
Entwicklungen im Wortschatz:
Die lateinischen und griechischen Entlehnungen (in der Regel mit der Kirche verbunden)
setzten sich fort. Der alles überragende Fremdeinfluss (was die gesamte Kultur betrifft) war
jedoch der niederdeutsche Einfluss, ausgeübt durch die Vertreter der Hanse (siehe oben).
Tausende von niederdeutschen Lehnwörtern fanden Eingang ins Schwedische (und in die
anderen skandinavischen Sprachen), vor allem in folgenden Bereichen:
Stadtleben (z.B. schwed. stad), Handel (z.B. schwed. handel, betala), Handwerk (z.B.
schwed. skomakare), Ritterleben (z.B. schwed. riddare, hov) und Alltagskultur (z.B.
schwed. frukost, trappa, billig). Sogar Derivationsaffixe (an-, be-; -bar, -inna) kamen aus
dem Niederdeutschen ins Schwedische, sodass die Annahme, die Niederdeutschen hätten
auch die Vereinfachung der Nominalflexion beeinflusst (etwa durch schlecht Schwedisch
lernende Hanseleute) nicht ganz abwegig erscheint.
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GESCHICHTE DER SCHWEDISCHEN SPRACHE (6. STUNDE)
Die neuschwedische Periode (ca. 1550 bis heute):
An der Schnittstelle vom Mittel- zum Neuschwedischen steht die schwedische Bibelübersetzung (Gustav-Vasa-Bibel), die – obwohl noch sehr archaisch geprägt – einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der schwedischen Schriftsprache ausübte. Lange Zeit galt
sie als vorbildhaft für den guten schwedischen Sprachgebrauch. Erst durch die Bibelübersetzung entstand in Schweden eine Schriftsprache im heutigen Sinne, die die bisher herrschenden regionalen Schreibtraditionen ablöste. Allerdings waren Orthographie und Grammatik
zunächst (16./17. Jh.) noch sehr schwankend, bevor dann ab dem 18. Jh. die Schriftsprache
stärker normiert wurde.
Wie bereits erwähnt, ähnelt die Sprache zur Zeit der Gustav-Vasa-Bibel bereits relativ
stark dem heutigen Schwedischen, allerdings gab es auch noch bedeutende Unterschiede,
sodass man die Periode von ca. 1550 bis 1700/20 als Frühneuschwedisch der eigentlichen
neuschwedischen Sprachperiode (ca. 1700/20 bis heute) voranstellt. Es handelt sich um
eine Übergangsperiode, in der noch oft Altes neben Neuem steht, nach und nach aber die
meisten alten Formen verloren gehen, sodass spätestens mit dem 19. Jahrhundert („Klassisches Neuschwedisch“) eine stark normierte Standardform des Schwedischen vorliegt,
die sich vom heutigen Schwedischen nur noch in einigen wenigen grammatikalischen Besonderheiten (z.B.: Pluralformen beim Verb) unterscheidet. Im 20. Jahrhundert wurde
schließlich die Grammatik weiter vereinfacht und erreichte den heutigen Stand.
Nach der Einführung des Schwedischen als Urkunden- und Kanzleisprache in der mittelschwedischen Periode eroberte das Schwedische nun weitere Domänen, vor allem die Wissenschaft. Schon 1677 wurde das Schwedische an der Universität Uppsala in einem medizinischen Programm als Unterrichtssprache eingeführt. Besonders seit dem Durchbruch
der Naturwissenschaften im 19. Jh. entstand ein reges schwedisches fachsprachliches
Schrifttum. Überhaupt wuchs das Interesse für die schwedische Muttersprache stark an.
Einfluss auf die Schriftsprache übte neben der Bibelübersetzung immer mehr der Stockholmer Raum aus. Außerdem drang seit dem Ende des 17. Jahrhunderts vermehrt die
Umgangssprache, die um 1700 bereits sehr progressiv und dem heutigen Schwedischen wesentlich näher war, in die Schriftsprache ein, die eher konservativ war (Neuerungen der
Umgangssprache benötigen manchmal Jahrhunderte, bis sie sich in der Schriftsprache durchgesetzt haben). Umgekehrt wirkt die Schriftsprache immer stärker auf die Umgangssprache und verdrängt die Dialekte nach und nach.
Nach 1700 wurde die sogenannte Sprachpflege immer bedeutender. Sie war zunächst
(18./19. Jh.) vom Gedanken einer normativen Grammatik geprägt, was zur Vereinheitlichung der Sprache in Wörterbüchern und Grammatiken führte. Daneben – vor allem im 19.
Jh. – war man bedacht, den ausländischen Einfluss auf das Schwedische zurückzudrängen
(„Purismus“). Ebenfalls im 19. Jh. wurden die ersten Nordistik-Institute an den Universitäten gegründet, im 20. Jh. wurden überall in Skandinavien Einrichtungen zur Sprachpflege
gegründet (in Schweden: Nämnden för svensk språkvård [1944], später = Svenska
språknämnden).
Die Hauptquellen des Frühneuschwedischen sind:
1. Juristische und administrative Texte spielen nun innerhalb der überlieferten Quellen eine
geringere Rolle als zuvor, ebenso die historischen Schriften. Grund dafür ist das rasante Stärkerwerden der profanen Literatur (siehe Punkt 3).
2. Religiöse Literatur: vor allem die Bibelübersetzung (Gustav-Vasa-Bibel); daneben – als
bedeutendste literarische Gestalt Schwedens im 16. Jh. – Olaus Petri.
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3. Profane Literatur: Wie bereits erwähnt, steigt die Bedeutung und das Ausmaß der profanen Literatur stark an. Vor allem im 17. Jh. entsteht eine sehr reiche und vielseitige Literatur, z.B. die eines Georg Stiernhielm, der als Pionier der poetischen
Sprache in Schweden gilt.
4. Fachliche Literatur: Neben den weiter existierenden didaktischen Schriften gibt es im
17. Jh. erstmals fachliche Literatur über die schwedische Sprache selbst:
Georg Stiernhielm: Gambla Swea och Götha Måles fatebur (hier geht es unter anderem bereits um die Ausmerzung von Fremdwörtern!)
Samuel Columbus: En swensk ordeskötsel (er trat hierin für eine Annäherung der
Schriftsprache an die Umgangssprache sowie für eine einfachere Orthographie ein)
Außerdem entstanden gegen Ende des 17. Jh. erste Grammatiken (auch in schwedischer Sprache!) und umfangreiche Wörtersammlungen.
Die Hauptquellen des Neuschwedischen (i.e.S.) umfassen nun bereits das gesamte Repertoire an Literatur, das wir heute kennen. Bedeutende schwedische Autoren des 18. Jh.
waren z.B. Olof v. Dalin (Then Swänske Argus; Wochenschrift; leitete diese Sprachperiode
ein) und Carl v. Linné (Prosaist, Naturforscher). Daneben gab es etliche Fachschriften über
die schwedische Sprache, z.B. von Johan Ihre (etymologisches Wörterbuch), Sven Hof
(schwedischer Sprachgebrauch) und Abraham Sahlstedt (schwedische Grammatik + Wörterbuch). Das 19. und 20. Jh. erlebte einen großen Literaturaufschwung (Carl Jonas Love
Almquist, August Strindberg, Pär Lagerkvist u.v.a.) sowie eine Explosion des wissenschaftlichen Schrifttums.
Exkurs: Schwedisch und Latein:
Seine stärkste Stellung als internationale Sprache hatte das Lateinische im 17. und Anfang des 18. Jh. (Universitäten, gelehrte Schulen waren lateinischsprachig, es gab einheimische Literatur auf Lateinisch). Danach ging der Gebrauch des Lateinischen zurück (lebhafte Debatten in der 2. Hälfte des 18. Jh.), und im 19. Jh. gingen alle Domänen des Lateinischen an das Schwedische über (1807: Latein als Unterrichtssprache abgeschafft,
Schwedisch als eigenes und grundlegendes Fach in der Schule; Latein jedoch noch immer
ein wichtiges Unterrichtsfach). Mitte des 19. Jh. wurde Latein als 1. Fremdsprache von
einer lebenden Sprache (in der Regel: Deutsch) abgelöst, seit 1878 gab es eine GymnasialLinie ohne Latein, 1905 wurde die Stundenanzahl für Latein stark reduziert, seit 1966
gibt es keine Gymnasial-Linie mit obligatorischem Latein-Unterricht mehr. Auch an den
Universitäten wird seit Beginn des 19. Jh. auf Schwedisch unterrichtet (Allerdings gab es
bis Mitte des 19. Jh. nur Professuren für Latein und Griechisch; erst danach wurden in Uppsala und Lund Professuren für „nordische Sprachen“ eingeführt).
Exkurs: Schwedisch und Englisch:
Nach der Abschaffung des Latein als internationaler Sprache hatten z.B. Forscher zwei
Möglichkeiten: auf Schwedisch schreiben oder (um mehr Leser zu erreichen) in einer modernen Fremdsprache (Deutsch, Englisch, Französisch) schreiben (Beispiel: 1890-1930
wurden im Fach Physik 45% der Abhandlungen auf Schwedisch, 47% auf Deutsch und der
Rest auf Englisch und Französisch geschrieben). Hand- und Lehrbücher im Bereich Forschung(sausbildung) waren in dieser Zeit ebenfalls oft auf Deutsch verfasst (z.B.: Adolf
Noreens Handbücher über Altisländisch und Altschwedisch). In den Schulen erhielten im 19.
Jh. die nicht-klassischen Linien ein starkes „neusprachliches“ Gepräge. Nach dem 2. WK
stieg die Bedeutung des Englischen, und es wurde 1. Fremdsprache in den Schulen (seit
den 60er Jahren für alle Kinder obligatorisch). Im Fernsehen wurden immer mehr englischsprachige Filme (mit schwedischen Untertiteln!) gezeigt, die Populärmusik wurde immer
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öfter mit englischen Texten versehen. Die fortschreitende Internationalisierung in Politik,
Wissenschaft und Wirtschaft schuf immer mehr Situationen, in denen die kleineren Nationalsprachen unanwendbar waren. Idealisten schlugen das Lateinische als übernationale
Sprache vor, die Arbeiterbewegung das Esperanto, jedoch setzte sich die „Sprache der
Macht“ durch – das Englische im Westen wie das Russische im Ostblock. Gegen Ende des
20. Jh. wurde den Sprachpflegern klar, dass etwas passierte: Das Englische übernahm
immer mehr Funktionsdomänen vom Schwedischen (der Druck war bereits in den 80er
Jahren stark und nahm danach noch rapide zu; Umfrage von 1985: mehrmals pro Woche sahen 61% englischsprachige Programme im TV, lasen 27%, schrieben 18%, hörten zu 20%
und sprachen 16% Englisch).
Funktionsdomänen des Englischen:
(1) Forschung und Forscherausbildung in der Naturwissenschaft, Medizin und Technik
(alle Abhandlungen auf Englisch; Seminare und höhere Vorlesungen oft auf Englisch,
falls zumindest 1 Person nicht Schwedisch versteht, alle Lehrbücher auf Englisch!).
Forscher haben große Schwierigkeiten, sich auf Schwedisch schriftlich über ihre
Wissenschaft zu artikulieren! Auch in den entsprechenden Grundausbildungen ging
der Trend in dieselbe Richtung (wenn auch nicht so schnell). Sogar in den Geisteswissenschaften und den Gesellschaftswissenschaften werden immer mehr Abhandlungen
und Lehrbücher auf Englisch verfasst. Und schließlich begann man auch an den Gymnasien und Grundschulen, einzelne Fächer auf Englisch zu unterrichten (mit englischsprachigen Lehrbüchern)! [Umfrage: Die Schüler hielten Englisch für das wichtigste Schulfach, die Eltern dagegen noch Schwedisch]. Jahr 2000: Von den ca. 8000
Fachbüchern wurde mehr als ein Drittel auf Englisch publiziert!
(2) Wirtschaft: immer mehr Unternehmen wurden multinational, jedoch auch rein
schwedische Unternehmen steigen oft auf Englisch als Firmensprache um (17 der 20
größten schwedischen Unternehmen hatten gemäß einer Umfrage Englisch als Konzernsprache, gemäß einer anderen Umfrage 26 von 55 größeren Unternehmen). [Englisch als
Konzernsprache v.a. in der Führungsschicht des Unternehmens, in den Internetseiten,
der externen Kommunikation mit dem Ausland, jedoch weniger in den niedrigeren Ebenen].
(3) TV: zu einem großen Teil (s.o.)
(4) Werbung: oft teilweise oder ganz auf Englisch.
(5) Populärmusik: s.o.
(6) Namensgebung: Geschäfte, Waren, Dienste, Organisationen.
Das alles konnte ausländischen Besuchern in gewissen öffentlichen Bereichen den Eindruck eines zweisprachigen Landes vermitteln!!!
Vergleich mit Latein: Das Lateinische dominierte innerhalb der gelehrten Welt, in der Diplomatie, war ein praktisches Werkzeug für die Kommunikation mit dem Ausland und
spielte auch in der Poesie eine Rolle. Das Englische dominiert immer mehr die Universitäten, die internationale Kommunikation und die Texte der Populärmusik. Die Unterschiede sind jedoch bedeutend: Das Englische wird nicht nur von einer Elite, sondern
von vielen und in gewissem Ausmaß von den meisten beherrscht, außerdem drang es in
mehr Domänen als das Lateinische ein. Auch war das Lateinische keine Muttersprache, während das Englische eine lebende Sprache und eine von sehr vielen (ca. 350
Millionen) verwendete Muttersprache ist, sodass Forscher, Politiker und Geschäftsleute aus den USA etc. in Gesprächen und Verhandlungen klar bevorzugt sind.
Tendenz: anhaltend. Die Frage scheint nur zu sein, wie schnell das Englische weitere Domänen vom Schwedischen übernimmt.
Sprachpflege: Niemand glaubt, dass die Existenz des Schwedischen wirklich gefährdet
ist (Schweden ist ein unabhängiger Staat, das Schwedische ist voll standardisiert und hat
eine umfassende Schriftkultur, die Schweden haben eine der höchsten Lese- und
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Schreibkenntnisse in der Welt). Dagegen rechnen viele mit einer deutlicher durchgeführten Diglossie im schwedischen Sprachgebiet (Aufteilung des Kommunikationsmarktes zwischen Schwedisch und Englisch): Schwedisch für den Alltag zu Hause
und die lokale Produktion, Dienstleistung und Freizeitbetätigung (entspricht in etwa
den früheren Domänen der Dialekte), Englisch für viele öffentliche Bereiche (Wissenschaft, Ausbildung, nationale und internationale Politik und Verwaltung, Kultur etc.).
„Svenska språknämnden“ ruft immer wieder dazu auf, die Zukunft des Schwedischen in einem immer mehr integrierten Europa zu diskutieren. 1998 wurde ein Vorschlag für ein sprachpolitisches Programm ausgearbeitet, dessen Grundgedanke es
war, dem Schwedischen einen gesetzlichen Status und Schutz als gesellschaftstragende Sprache in Schweden zu geben (d.h. z.B.: Verwendbarkeit bei allen Themen;
bedrohte Funktionsdomänen zumindest zweisprachig). Im Jahr 2000 wurde eine parlamentarische Untersuchung initiiert, um Vorschläge zu liefern, wie man dem Schwedischen (und den Minderheitensprachen in Schweden) beste Bedingungen für die Zukunft geben könnte („Mål i mun“; fertiggestellt 2002).
Geschichte:
Nach der Stärkung der Königsmacht unter Gustav I. Vasa kam es vorerst einmal zu einer
Schwächung derselben. In den Dänisch-Schwedischen Kriegen („Nordischer Siebenjahreskrieg“ [1563-1570] bzw. weitere Auseinandersetzungen [1611-1613]) ging es um die
Vorherrschaft im Norden, vorerst allerdings ohne Resultate. 1592 kam Polen in eine Union
mit Schweden (unter dem Katholiken [!] König Sigismund, der eine polnische Prinzessin
geheiratet hatte und deshalb zum polnischen König gekrönt wurde; 1599 wieder abgesetzt,
nachdem 1593 die lutherische Religion zur Staatsreligion erhoben worden war). Zu dieser
Zeit wurden Kriege gegen Polen und Russland geführt, in denen es um den Ostseehandel
ging (Gebietsgewinne im Baltikum).
Das 17. Jh. ist geprägt vom 30jährigen Krieg (1618-1648/1660), in den Schweden 1629
unter Gustav II. Adolf [gefallen 1632; danach: Kristina] eintrat. Schweden drang dabei bis
weit nach Mitteleuropa vor. Schweden ging als Sieger aus diesem Krieg hervor und verzeichnete große Gewinne: Im Westfälischen Frieden (1648) bekam Schweden Gebiete in
Norddeutschland zugesprochen. Nach parallelen Kriegen mit Dänemark (1643-1645) erhielt Schweden Jämtland, Härjedalen, Gotland und Halland (zunächst für 30 Jahre). Nach
weiteren Kriegen gegen Dänemark, die fast das Ende Dänemarks bedeuteten, standen die
Schweden bereits vor Kopenhagen und erhielten 1658 im Roskilde-Frieden unter anderem
Skåne, Blekinge, Bohuslän und Halland, und zwar ohne Zeitbegrenzung. Schweden umfasste nun die gesamten (heutigen) südschwedischen Gebiete, die zuvor immer dänisch
gewesen waren. In diesem Sinne nennt man die Zeit von 1611-1718 in Schweden Stormaktstiden. Die Folge dieser Kriege war, dass Schweden jetzt die Nummer 1 im Norden war
(während Dänemark für Jahrzehnte am Boden lag und mit Hungerkatastrophen und Epidemien zu kämpfen hatte).
Ab ca. 1680 wird Schweden absolutistisch regiert (unter Karl XI.). Als Dänemark versuchte, die verlorenen Gebiete von Schweden zurückzubekommen, und sich zu diesem Zwecke
mit Polen und Russland zusammenschloss, kam es zum Großen Nordischen Krieg (17001721). Unter Karl XII. verliert Schweden die meisten Besitzungen in Norddeutschland
und das ganze (schwedische) Baltikum, kann jedoch die von Dänemark entrissenen Gebiete verteidigen und behalten. Die folgende Zeit (1718-1772) nennt man in Schweden
Frihetstiden, in der es zu einer Schwächung der Königsmacht und zu kleineren Kriegen
(z.B. gegen Russland [Verlust SO-Finnlands]) kommt. Sie ist auch der Beginn der Aufklärung. Die daran anschließende Gustavianska tiden (1772-1809; Gustav III., Gustav IV.
Adolf) ist wieder durch eine Stärkung der Königsmacht gekennzeichnet und stellt eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit dar. Sie geht auch als Reformperiode in die schwedi-
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sche Geschichte ein (Religionsfreiheit, Kunst-Kultur-Förderung besonderen Ausmaßes,
Gründung von Svenska Akademien etc.) und stellt den Höhepunkt der Aufklärung in
Schweden dar.
In den Napoleonischen Kriegen verbündete sich Schweden 1805 mit England gegen
Frankreich, woraufhin Russland das zu Schweden gehörende Finnland angriff und eroberte (1808/09). Dem Verlust Finnlands an Russland folgte 1814 der Gewinn Norwegens, das
Dänemark (auf Seiten Frankreichs!) an Schweden abtreten musste (Norwegen wurde allerdings 1905 unabhängig).
Das 19. Jh. ist vor allem durch zwei (miteinander zusammenhängende) Ideologien gekennzeichnet: den Liberalismus (führt zur Demokratisierung) und den Nationalismus (führt zur
Nationalstaatsidee: Grenzen nach nationalen Kriterien, nicht nach erblichen Fürstenbesitztümern; der schwedische Staat in den heutigen – im wesentlichen ethnischen – Grenzen entsteht). Sie bestimmen auch noch das gesamte 20. Jahrhundert! Außerdem führte die zunehmende Industrialisierung zur Entstehung der Linken und letztlich der schwedischen Sozialdemokratie, die weitere Demokratisierung zum allgemeinen Wahlrecht (1909; schließlich 1921 auch für Frauen).
Im 1. Weltkrieg war Schweden neutral, was zunächst große Vorteile für die Wirtschaft
bedeutete, bevor dann eine allgemeine Wirtschaftskrise auch Schweden erfasste.
Auch im 2. Weltkrieg blieb Schweden neutral, danach wurde der Wohlfahrtsstaat aufgebaut. Die dahinter stehende Sozialdemokratie prägte entscheidend die schwedische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Heute ist Schweden ein Mitglied der Europäischen Union, jedoch nach wie vor neutral und somit kein NATO-Mitglied.
Textbeispiel:
Viktor Rydberg: De vandrande djäknarne (1856; Klassisches Neuschwedisch).
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GESCHICHTE DER SCHWEDISCHEN SPRACHE (7. STUNDE)
Die neuschwedische Periode (ca. 1550 bis heute) [Fortsetzung]:
Sprachliche Entwicklungen in neuschwedischer Zeit (1550 bis heute):
Seit dem 17. Jahrhundert sind wir über den tatsächlichen Zustand der schwedischen
Sprache bereits relativ gut unterrichtet (siehe die Schriften über die schwedische Sprache
oben!), auch was die Abweichungen der gesprochenen von der geschriebenen Sprache
betrifft. Während im Frühneuschwedischen noch eine große Uneinheitlichkeit in Bezug auf
Formen und Lautung vorherrschte, ist das (eigentliche) Neuschwedische durch eine relative
(und immer stärker werdende) Homogenität gekennzeichnet, sodass man nun von einer
schwedischen Schriftsprache sprechen kann.
Lautentwicklung:
Im 16. Jahrhundert war die Aussprache des Schwedischen zum größten Teil bereits der
heutigen Aussprache sehr ähnlich. Folgende Entwicklungen lassen sich dennoch in den
letzten 500 Jahren nachweisen:
1. Die heutige Qualität der Vokale entsteht, vor allem die auch qualitative Unterscheidung
von Kurz- und Langvokalen (kurze Vokale werden offener als lange ausgesprochen, z.B.: neuschwed. tala – falla; söt – sött; son – komma; vgl. auch ful – full).
2. Aus altschwed. ā entstandenes (und zunächst <a> geschriebenes) o wird nun <å> geschrieben und fällt nun nach und nach (endgültig wohl erst um 1900 herum) mit aus
altschwed. o hervorgegangenem (und in Richtung ö gewandertem) o (<o>) zusammen (båt versus son).
3. Vor r werden lange ä und ö offener (z.B. in neuschwed. bära und göra).
4. Lange Vokale werden häufig (vor allem in Zusammensetzungen vor Mehrfachkonsonanz) gekürzt, z.B.: neuschwed. riksdag [i] (rike [i:]), måndag.
5. Die Endungen -or und -o erscheinen im Frühneuschwedischen (wie teilweise schon im
Mittelschwedischen) in den wichtigsten Regionen (Götland und Mittelschweden inklusive teilweise Uppland) zu -er bzw. -e abgeschwächt (z.B.: gater, flicker statt gator, flickor; de ginge statt de gingo). Später wurden die alten Formen auf -or und -o
wieder restituiert, allerdings verrät die heutige Leseaussprache mit [u], dass die ursprünglichen Formen eine Zeit lang nicht gesprochen wurden (die historisch korrekte Aussprache wäre ja mit [o]!).
6. Schwachtonige Silben können in gewissen Fällen schwinden. Das betrifft z.B. die Präterita von schwachen Verben des Typs kasta (1. Klasse): kastade > kasta (Uppland,
Mittelschweden, teilweise West- und Ostgötland); später aber wiederum restituiert!
Vor allem betrifft das aber eine Reihe von gewöhnlichen Verben, die im Satzzusammenhang oft unbetont sind und bis heute eine Langform (immer mehr auf den
hohen Stil eingeschränkt) und eine Kurzform (von umgangssprachlicher Form zur
Hauptform) aufweisen, z.B.: hava – ha, bliva – bli, giva – ge, taga – ta, sade – sa.
Auch einige Adverbien und Pronomina fallen darunter (sedan – sen, någon – nån,
eder – er), sogar einige wenige Substantive (fader – far, moder – mor, broder –
bror).
7. Bei den Konsonanten werden die Palatalisierungen bis zum heutigen Stand weitergeführt. Auf Grund von Fehlschreibungen (z.B. skäl statt själ ‚Seele’) kann man davon
ausgehen, dass diese Entwicklung im wesentlichen bereits in frühneuschwedischer
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Zeit abgeschlossen ist. Allerdings hat die svealändische Umgangssprache um 1700
herum zumindest teilweise (Ost-Uppland; Aurivillius)) noch die alte, „harte“ Aussprache. Und in einigen Randgebieten (Gotland, Finnland, nördliches Dalarna) ist die
„harte“ Aussprache zum Teil bis heute bewahrt. Besonders lange hielt sich – auch
in den zentralen Teilen Schwedens – die harte Aussprache von stj (bis um 1800 herum in feierlichem Stil).
8. Der alte Halbvokal i erlangt die heutige rein frikative Aussprache ([j]). Die konsequente Verwendung von <j> als Graphem setzt sich aber erst im Laufe des 18. Jahrhunderts durch. Zuweilen schwindet dieses j (z.B. in liggia, läggia, väckia, tänkia, kyrkia,
aber auch in sniö).
9. Die stimmhaften Frikative ð und γ (im Mittelschwedischen als <dh> bzw. <gh> geschrieben) werden in frühneuschwedischer Zeit allmählich – wenn sie nicht überhaupt geschwunden sind – zu den entsprechenden Plosiven d und g. Im Frühneuschwedischen herrschen zunächst noch die Schreibungen <dh> und <gh> vor, anfangs mit einer geregelten Verteilung mit <d> und <g>, die auf eine unterschiedliche Aussprache schließen lässt (so auch in der GVB), im 17. Jahrhundert ist die
Verwendung von <dh> und <gh> jedoch bereits sehr unregelmäßig. Um 1700 herum
dürfte die Entwicklung zu d und g jedenfalls abgeschlossen gewesen sein (Ausnahmen bis heute: g nach l und r wie in berg, älg; schwachtonige Wörter wie mig,
dig).
10. Das sogenannte „dicke“ l (entstanden bereits im späteren Mittelalter, teilweise aus rð
<rdh>) breitete sich in frühneuschwedischer Zeit über das gesamte Sprachgebiet
aus (allerdings in der Regel unter Beibehaltung der Schreibung <rdh>). Vor allem im
17. Jh. begegnet man vielen Schreibungen mit l statt rd(h) (bei der Wiedergabe
umgangssprachlicher Szenen). Danach wurde in der gepflegten Rede im Anschluss
an die Schriftsprache für rd die (Lese-)Aussprache eingeführt. Auch sonst wird nach
dem 17. Jh. „dickes“ l durch normales (dentales) l ersetzt.
11. Die Verbindungen rd, rt, rl, rn und rs werden in neuschwedischer Zeit nach und nach
zu den entsprechenden retroflexen Lauten (ausgenommen in Finnland und Gotland).
Der genaue Zeitpunkt ist schwer zu bestimmen, vielleicht geschah dies erst nach
1700. Das aus Süden (letztlich aus Frankreich) im 18. Jahrhundert bis Südschweden vordringende uvulare r [R] verhindert dort die Retroflexe.
12. Die altschwedischen Einschubkonsonanten (wie z.B. in altschwed. nampn und himblar)
schwinden bereits im 16. Jahrhundert (namn, himlar).
13. In den anlautenden Verbindungen hj-, lj-, dj- und hv- schwindet der erste Konsonant
(also: Aussprache [j] bzw. [v]). Die Schreibungen bleiben, lediglich <hv> wird 1906
durch <v> ersetzt.
14. In schwachtoniger Silbe schwindet kurzes n (<n>), während langes n (auch <n> geschrieben!) erhalten bleibt, z.B.: altschwed. sōlin ‚die Sonne’ > sola, hūsin ‚die Häuser’ > husa, ēn ‚eine’ > e, mīn ‚meine’ > mi, jedoch: altschwed. fiskrin > mittelschwed. fisken [n:] > fisken, min [n:] ‚mein’ > min, en [n:] ‚ein’ > en. Diese Entwicklung, die den Großteil Schwedens betraf, wurde nur selten in der Schrift wiedergegeben und dort später wieder vollständig aufgegeben. (Auch bestimmte Maskulina
wurden – vor allem im 17. Jahrhundert – zuweilen verkürzt, z.B.: stoln statt stolen ‚der
Stuhl’).
15. Assimilationen (z.B.: stadhna > stanna ‚stehen bleiben’); oft restituiert!
16. In einigen Fällen (bei Akzent 1) kommt es am Übergang vom Mittel- zum Frühneuschwedischen zu Konsonantendehnungen (+ Vokalkürzungen), z.B.: viter ‚klug’ >
vitter ‚schöngeistig’, nyter > nötter ‚Nüsse’, böker > böcker etc.
17. Prinzipiell gilt, dass all die genannten Lautveränderungen am reinsten in den Dialekten durchgeführt wurden, während in der Schriftsprache die Schreibtradition oft-
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mals Entwicklungen beeinflusste, verzögerte bzw. verhinderte (z.B.: „Restitutionen“).
Exkurs: Orthographie-Entwicklung:
Die Normierung der schwedischen Orthographie war ein Projekt der (eigentlichen) neuschwedischen Sprachperiode und begann – nach Vorbereitungen im 18. Jahrhundert – erst
mit der Schwedischen Akademie bzw. mit Carl Gustaf af Leopold.
Mit den Rechtschreibregeln der Schwedischen Akademie („Afhandling om svenska stafsättet“ von Carl Gustaf af Leopold; 1801) war der Grundstein für die moderne schwedische
Orthographie gelegt. Sie wurden auch in der Grammatik der Schwedischen Akademie
wiederholt, in Dalins Wörterbuch (1850-53) verwendet und im Schulsystem befolgt.
Charakteristika: Anlehnung an den bestehenden Gebrauch, jedoch Angleichung der
Fremdwörter an schwedische Gepflogenheiten (z.B.: aktör, fåtölj, kaffe, sås, musik); Abweichungen von heute: z.B. hvar, af, hafva, rödt, gjordt, beqvämligen, der, hjerta, slägt, vigtig.
Leopolds Regeln (die einen Kompromiss zwischen Lautgerechtheit und Zusammengehörigkeit darstellen) galten bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, als man sich für eine
lautgerechtere Schreibung einzusetzen begann. Das war schwierig, da der Schreibgebrauch
sehr wichtig war und den Leopold-Regeln entsprach.
Neuheit: Skandinavismus (Annäherung der skandinavischen Orthographien als Ziel),
der zum nordischen Rechtschreibtreffen von 1869 führte (wo auch die lautgerechte
Schreibung als Ziel verfolgt wurde). Vorschläge für Schweden: mehr Wörter mit <ä>
statt <e> (z.B.: här statt her, jämn statt jemn), <v> für /v/ (statt <f> bzw. <fv>). Die
Schwedische Akademie war strikt dagegen und gab 1874 die erste Auflage von
Svenska Akademiens Ordlista heraus, die sich im wesentlichen an Leopold hielt.
Nächste Phase: Die Verfechter der lautgerechten Schreibg. (v.a. Adolf Noreen) formierten sich und gaben ab 1886 Nystavaren heraus, in dessen erster Nummer bereits Noreens Rechtschreibregeln gedruckt wurden (z.B.: <v> konsequent für /v/, <sj> für /š/,
<tj> für /ç/, <j> für /j/: jöra, jenom, jiva statt göra, genom, gifva bzw. kånung statt konung).
Kritiker der „Nystavarna“: v.a. Esaias Tegnér d.y. (für das Zusammengehörigkeitsprinzip eingetreten; lediglich bei der v-Schreibung und der ä-Schreibung zustimmender;
strebte jedoch langsameres Tempo an).
Soziale und pädagogische Frage: Von Anfang an waren die Lehrer und deren Organisationen in der Orthographie-Frage engagiert (auf Seiten der „Nystavarna“, da sie sich Erleichterungen für Schüler und Lehrer erhofften).
Weitere Entwicklung: Viele „Nystavarna“ modifizierten nach Tegnérs Kritik ihre Standpunkte. Die Schwedische Akademie setzte eine Expertenkommission für die 1889erAusgabe ihrer „Ordlista“ ein (mit Tegnér als wichtigstem Mitglied). 6. Auflage 1889:
einige Modernisierungen, aber keine Umwälzungen (z.B.: <kv> als Alternative für
<qv>; blef målat als Alternative zu blef måladt; <kt> statt <gt>; <ä> statt <e> in einigen
Wörtern mit kurzem ä-Laut). Nächste Auflage 1900: nur noch <kv> statt <qv> und
noch mehr Wörter mit <ä> statt <e>. Nach einem Regierungsbeschluss von 1889 wurde diese Auflage als Norm für den Amtsgebrauch und die Schulen eingesetzt.
Letzte Phase: Unter einem „Nystavare“ als Bildungsminister wurde 1906 ein Königliches
Zirkular ausgefertigt, die weitere Reformen der schwedischen Orthographie beinhaltete und im wesentlichen den heutigen Stand darstellt (generell <v> für /v/ statt älteren <f>, <fv> bzw. <hv>; <t> für älteres <dt>). Es wurde – trotz Protesten – sofort
in der Schule und ab 1912 auch von den Ämtern angewendet. Die Schwedische
Akademie war ausgespielt. Ende der 20er Jahre war diese Reform allgemein ange-
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nommen (Schwedische Akademie: erst 1950 die dt-Schreibung aufgegeben; von da
an wieder als allgemeine Norm gedient).
Weitere Bestrebungen: Die Lehrer wollten noch lautgerechtere Schreibung, blieben jedoch ohne Erfolg. Es kamen nun auch gesamtnordische und internationale Argumente dagegen auf (Vergrößerung des Abstandes zum Dänischen und Norwegischen;
Unkenntlichmachung von Lehn- und Fremdwörtern). Diskussionen gab es noch bezüglich der Kurz- und Langformen einiger häufig verwendeter Wörter (bli – bliva, ge –
giva, ska – skall, sa – sade, dan – dagen, sen – sedan etc.), wobei heute in der „Ordlista“
folgende Formen als neutrale Hauptformen vorgezogen werden: bli, ge, ska/skall
(gleichrangig), sade, dagen, sedan.
Besonderes Problem: Fremdwörter. Schon Leopold hat die verschwedischte Aussprache
von Fremdwörtern als Basis der Schreibung genommen (s.o.), auch die „Nystavarna“
waren natürlich an lautgerechter Schreibung der Fremdwörter interessiert. Tegnér bemängelte vor allem die š-Schreibung der „Nystavarna“ (<sj>) und verordnete <sch> (<
Dt.). Später kam <sh> (< Engl.) hinzu. Im wesentlichen hatten die Leopoldschen Regeln jedoch Bestand. Im 20. Jh. gab es vor allem Probleme mit der Schreibung englischer Fremdwörter, wobei als Taktik verwendet wurde, zunächst eine lautgerechtere
Schreibung in „Svenska Akademiens Ordlista“ anzubieten und zu sehen, ob sie sich
durchsetzt (erfolgreich z.B. bei intervju, jobb, kvasar, kvark, tejp; nicht erfolgreich
z.B.: klaun, popp, shopp, gajd). Manchmal verzichtete man aber auf diesen Versuch
(z.B.: deadline, squash, display). In einigen Fällen wurde nur die Aussprache ans
Schwedische angeglichen (z.B.: match, laser, whisky), manchmal variierte die Aussprache (z.B.: fans), zuweilen glich sich die Aussprache an ältere Muster an (z.B.:
festival, modul, regular).
Besonderes Problem: Transkription aus anderen Alphabeten.
Rechtschreibunterricht: bis in die 60er Jahre hinein sehr streng und zeitaufwendig, danach jedoch weniger streng und Abnahme der Rechtschreibkenntnisse in der allgemeinen Bevölkerung (auch wegen der größeren Rolle von Computern mit Rechtschreibprogrammen, die ihrerseits die Bedeutung der SAOL – die als Grundlage für die Rechtschreibprogramme dient – erhöhen und somit die Standardisierung erleichtern).
Zur Aussprache: In der 2. Hälfte des 20. Jh. erhöhte sich die Offenheit gegenüber sprachlicher Variation.
Entwicklungen in der Flexionsmorphologie:
Auch in der Flexionsmorphologie entwickelte sich nach und nach der heutige Sprachzustand. Während das Frühneuschwedische (insbesondere die religiöse Sprache des 16. Jh.)
diesbezüglich noch ziemlich archaisch wirkt, nähert sich das (eigentliche) Neuschwedische
immer mehr der heutigen Sprache an, wobei sich vereinzelte „Archaismen“ noch bis weit
ins 20. Jahrhundert halten konnten.
1. Beim Substantiv bildet sich in frühneuschwedischer Zeit endgültig das heutige 2-KasusSystem (Grundform-Genetiv) heraus (dialektal war dies teilweise schon in mittelschwedischer Zeit geschehen). Diese Vereinfachung geht langsam vor sich, im 16. Jahrhundert begegnen wir noch vielen alten Kasusformen (Zentren der Vereinfachung: Stockholm und Südschweden). Vor allem die Bibelsprache des 16. Jh. bewahrt das alte System noch recht gut, allerdings nicht immer konsequent (archaisierender Zug). Die
Gustav-Vasa-Bibel wirkte hier (und auch sonst) als sehr starkes Vorbild. Insgesamt
steht im Frühneuschwedischen Altes und Neues nebeneinander, es gibt konservative und progressive Autoren. Die Kasusvereinfachung führt übrigens auch zur Aufhebung des Stammklassen-Systems und zur Kategorisierung der Substantive nach den
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Pluralendungen (heutiger Zustand). Die einzelnen (alten) Substantivstämme entwickelten sich wie folgt:
a. Maskuline a-Stämme und (feminine) ō-Stämme fielen zusammen in die Pluralklasse mit Plural auf -ar (fiskar m., solar f.). Im 16. Jahrhundert gibt es bei den
Maskulina noch vereinzelt den Nominativ Singular auf -er. In frühneuschwedischer
Zeit gibt es nur selten Plurale ohne -r (wie z.B. fiska statt fiskar), vor allem aber unter
anderen folgende archaische Kasusformen: solena ‚die Sonne (Akk.)’ (neben heutigem
solen); fisksens ‚des Fisches’ (neben heutigem fiskens); solennes ‚der Sonne (Gen.)’
(neben heutigem solens); iordhenne ‚der Erde (Dat.)’ (neben „heutigem“ iord(h)en); fiskenom ‚dem Fische’ (neben heutigem fisken); fiske ‚Fische (Dat.)’ (neben heutigem
fisk); fiskom ‚Fischen (Dat.)’ (neben heutigem fiskar). In bestimmter Form hält sich der
Dativ besser als in unbestimmter Form. Wie bereits erwähnt, kommen in dieser Zeit
vereinzelt auch Formen wie sola ‚die Sonne’ (statt solen) vor. Besonders interessant ist
die Entwicklung der bestimmten Pluralform (Nominativ): Für altschwed. fiskanir ‚die
Fische’ gibt es im 16. Jahrhundert die Formen fiskane (reguläre Fortsetzung der Nominativ-Plural-Form), fiskana (< Akkusativ!) sowie fiskaner und fiskanar (jeweils mit
analogischem -r; oft in GVB). Für altschwed. sōlanar ‚die Sonnen’ lauten die entsprechenden Formen solana und solanar (Akkusativ = Nominativ!). Maskulina erhalten also in der bestimmten Pluralform die Endungen -ne(r) oder -na(r), Feminina -na(r). Im
Gegensatz zum Alt- und Mittelschwedischen können hier also Maskulina und Feminina bereits dieselbe Endung erhalten. Im 17. Jahrhundert herrschen dann die Formen
fiskarne und fiskarna bzw. solarna (-r- analogisch eingefügt), also die Endungen -ne/na (Mask.) bzw. -na (Fem.), wodurch sich strukturell nichts ändert: Entweder man
richtet sich in der bestimmten Pluralform nach dem Genus (Mask. -ne, Fem. -na) oder
man verwendet durchgehend -na (wie heute!). In der Folge (18., 19. und Beginn des
20. Jh.) bleiben beide Endungen (-ne und -na) in Verwendung, wobei das ursprüngliche Prinzip der Genusunterscheidung (Genuskriterium) auf Grund des allmählichen
Zusammenfalls von Maskulinum und Femininum in der Schriftsprache (siehe unten!)
unterlaufen wird: Im 18. Jh. herrscht teilweise Chaos (zuweilen sogar -ne bei Feminina!), im 19. Jahrhundert ist ein zweites Kriterium sehr stark, das sogenannte Wohlklangskriterium (-ne nach Plural auf -ar, -na nach Plural auf -er und -or, also z.B.: fiskarne, solarne, tiderna, gatorna), das jedoch in den allermeisten Fällen mit dem Genuskriterium übereinstimmt (Substantive mit Plural auf -ar sind meistens Maskulina,
solche mit Plural auf -er meistens – und jene mit Plural auf -or immer – Feminina; Ausnahme: solarne [Wohlklangskriterium] – solarna [Genuskriterium]). Zuweilen wird -ne
auch ausschließlich für männliche Personenbezeichnungen verwendet, und die ganze
Zeit über ist natürlich auch alleiniges -na (wie heute!) möglich, das sich im 20. Jahrhundert dann endgültig durchsetzt.
b. Auch die maskulinen n-Stämme schließen sich der Pluralklasse mit Plural auf -ar
an. Im Plural waren sie ja seit jeher an die a-Stämme angeglichen, im Singular begegnet
man im Frühneuschwedischen (Bibelsprache) noch der alten Flexion: z.B.: en tijme –
ens tijmas – enom tijma – en tijma (bestimmte Formen: tijmen – tijmans – tijmanom –
tijman). In der Folge kommt es manchmal zur Durchsetzung von -a (statt – wie gewöhnlich – von -e) in der Grundform, was in diesen Fällen schließlich den Übergang in
die Klasse der ehemaligen femininen n-Stämme zur Folge hat (wie z.B. bei kärna
‚Kern’). Zur bestimmten Pluralform siehe oben! [Maskulina auf -are verlassen diese
Klasse und nehmen die heutige Flexion an, bilden also den Plural auf -Ø]
c. Die femininen n-Stämme werden zur heutigen Pluralklasse mit Plural auf -or (gator). Natürlich gibt es in der frühneuschwedischen Bibelsprache noch archaische
Formen wie gato ‚Straße (Dat.+Akk.)’, gatona ‚die Straße (Akk.)’. Die Durchsetzung
von -o (statt -a) als Grundform ist hier sehr selten und nur dialektal, regional ist ein
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Wechsel -u(r)/-o(r) möglich. Zur Abschwächung von -o(r) zu -e(r) siehe oben! Zur bestimmten Pluralform siehe oben!
d. Die i-Stämme (Maskulina + Feminina) und die u-Stämme (Maskulina) entwickeln
sich zur Pluralklasse mit Plural auf -er (färder f. < færþir). Ansonsten – auch was die
bestimmten Pluralformen betrifft – siehe Punkt a. (archaische Formen wie z.B. färdhena ‚die Fahrt (Akk.)’).
e. Die konsonantischen Stämme und die Wurzelnomina vereinigen sich zur Pluralklasse mit Plural auf -er (allerdings – im Gegensatz zu obigen Gruppen – mit Akzent 1!; fötter < fø:ter mit Sprossvokal). Ansonsten siehe Punkt a.
f. Immer wieder ist mit Flexionsübergängen zu rechnen (z.B.: kärne – kärnar > kärna
– kärnor; moder – möder > moder – mödrar).
g. Die neutralen a-Stämme werden prinzipiell zur heutigen Pluralklasse mit endungslosem Plural (hus). Archaische Kasusformen im Frühneuschwedischen wären z.B.
landeno ‚dem Lande’ oder barnsens ‚des Kindes’. Die Endung für die bestimmte Pluralform bleibt zunächst durchgehend -en (husen). Um 1700 herum kommen analogische Formen wie husena vor, setzen sich jedoch bei den einsilbigen Neutra nicht
durch. Bei den zweisilbigen Neutra (auf -e) wie z.B. äpple ‚Apfel’ (Plural: äpple!) setzt
sich die bestimmte Pluralform auf -(e)na (äpplena statt regulärem äpplen) dagegen
durch, und das -n- wird sekundär als Pluralendung interpretiert (neuer Plural: äpplen!). Dadurch entsteht eine neue neutrale Substantivklasse, nämlich jene der Neutra
auf Vokal (mit Plural auf -n). Daneben erhalten viele Neutra sekundär den Plural auf
-er.
h. Die neutralen n-Stämme, die schon im Altschwedischen sehr selten waren, umfassen schließlich nur noch die Substantive öga ‚Auge’ (Plural ögon; bestimmter Plural:
ögonen) und öra ‚Ohr’ (öron; öronen).
i. Nach 1700 ist die Kasusflexion (bis auf das Genetiv-s) aufgegeben. Nur in erstarrten Wendungen und in Zusammensetzungen lebt sie manchmal bis heute weiter
(z.B.: hälsovård, mannaålder, stundom, ur huse). Aber auch der Genetiv wird tendenziell weniger verwendet (und zuweilen durch Präpositionalverbindungen ersetzt).
j. Wie bereits erwähnt, wurde seit frühneuschwedischer Zeit das Genussystem umgestaltet: Aus dem Maskulinum und dem Femininum wurde – im Falle der Unbelebtheit
– eine neue Kategorie, das Utrum. Am sichtbarsten wird dieser Übergang durch die
Verwendung des anaphorischen Pronomens den statt erwartetem han oder hon
(z.B.: dagen – han, solen – hon; heute: dagen, solen – den). Aus Untersuchungen weiß
man, dass – nach diversen verstreuten Belegen im Mittelschwedischen – der Anteil von
den statt erwartetem han/hon im Frühneuschwedischen zwar noch unter 50% lag
(und im 16. Jahrhundert noch unter 25%), im 18. Jahrhundert jedoch in allen Genres (auch in der religiösen Literatur) auf über 50% kletterte (in Romanen ca. 70%) und
im 19. Jahrhundert dann fast 100% erreichte (ausgenommen die religiöse Literatur
mit ca. 75%), sodass im 20. Jahrhundert dann das Utrum alleinherrschend war.
2. Auch beim Adjektiv wurde die Kasusflexion (mit Ausnahme des – hier seltenen – Genetiv-s) endgültig eliminiert, wobei sie sich hier etwas länger hielt als bei den Substantiven. Lediglich die Pluralendung und die Endung für die schwache Flexion blieben übrig. Im Plural gab es im Altschwedischen noch die Endungen -ir (m.), -ar (f.)
und -Ø (n.) (z.B.: langir – langar – lang), im Mittelschwedischen lauteten sie dann -e,
-a und -Ø (lange – langa – lang). Ähnlich wie beim bestimmten Plural der utralen Substantive kam es in der Folge wegen der Entstehung des Utrums zu einer gewissen Unsicherheit und zuweilen zu Chaos (siehe oben), sodass die Zuordnung nach dem Genuskriterium (-e bei Maskulinum, -a bei Femininum) unterlaufen wurde. Letztlich setzte sich auch hier die ursprünglich feminine Endung (-a) durch, die im 18. Jahrhundert auch auf die Neutra übertragen wurde, wobei allerdings bis ins 19. Jahrhundert
37
vor allem bei maskulinen Personenbezeichnungen zuweilen -e verwendet wurde. Für
die schwache Form lauteten die altschwedischen Endungen -i (m.), -a (f.) und -a (n.)
(z.B.: langi – langa – langa), die mittelschwedischen entsprechend -e, -a, -a (lange –
langa – langa). Für die weitere Entwicklung gilt im wesentlichen dasselbe wie für die
starken Pluralformen, allerdings hielt sich hier die maskuline Endung -e (bei Personenbezeichnungen) besser und länger (vor allem in substantivierter Verwendung bis
heute: Karl den store). Die schwache Pluralform (altschwed. durchgehend -u) wird
schon in mittelschwedischer Zeit an den Singular angeglichen (-e, -a, -a) und entwickelt sich entsprechend weiter.
3. Pronomina: Bei den Personalpronomina ist zunächst auf die Umstrukturierung in der
3. Person hinzuweisen, die (im Singular) durch das neu entstandene Utrum verursacht
wird: Während der Plural vereinheitlicht wird (de [di:], Objektsform dem [dom]; heute
auch de [dom]), wird aus dem 3-Genus-System im Singular ein 4-Genus-System (han
– hon – det > han – hon – den – det), wobei den das neu entstandene Utrum vertritt, det
wie gehabt das Neutrum und han bzw. hon für das natürliche Geschlecht (männliche
bzw. weibliche Personen) stehen (siehe auch oben!). Typisch frühneuschwedisch
scheinen enklitische Varianten von Personalpronomina in Objektsstellung zu sein
(z.B.: De båro honom bortt och begroffuon ‚Sie trugen ihn fort und begruben ihn’). Das
Personalpronomen I ‚ihr; Sie’ wird seit dem 17. Jahrhundert nach und nach durch
das heutige ni ersetzt (anfangs in Inversionen: biten-I > bite-ni; das n- stammt also von
der Personalendung der 2. P. Pl.!), endgültig allerdings erst im 20. Jahrhundert. Etwa gleichzeitig wird auch eder ‚euch; euer’ zu er verkürzt. Das Interrogativpronomen ho? ‚wer?’ ist frühneuschwedisch noch häufig, wird danach allerdings durch die
Objektsform (h)vem? ersetzt.
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GESCHICHTE DER SCHWEDISCHEN SPRACHE (8. STUNDE)
Die neuschwedische Periode (ca. 1550 bis heute) [Fortsetzung 2]:
4. Beim Verb, das bis jetzt (ca. 1550) – im Gegensatz zum Substantiv – im wesentlichen
noch auf dem altschwedischen Stand war, dauerte es länger (bis weit ins 20. Jh. hinein), bis der heutige Sprachzustand erreicht war:
a. Bezüglich der Kategorien Person und Numerus ist folgendes zu erwähnen:
Präsensformen der Verben:
Im Singular behielten die schwachen Verben der 1. Klasse (z.B.: altschwed. kalla) die
Personalendung -ar bis heute bei (kallar). Das gilt im Prinzip auch für den Singular der
schwachen Verben der Klassen 2A (z.B.: altschwed. dø:ma, iak dø:mir; hier wurde lediglich die Personalendung -ir zu -er gesenkt, wobei der anfängliche Akzent 2 wahrscheinlich im 18. Jahrhundert verschwand, sodass sich diese Klasse der Klasse 2B anglich; neuschwed. dömer) und 2B (z.B.: altschwed. kræfia, iak kræver; hier herrschte
aufgrund der alten Einsilbigkeit schon immer Akzent 1; neuschwed. kräver). Die starken Verben verhalten sich diesbezüglich wie die schwachen Verben der Klasse 2B
(Personalendung -er mit Akzent 1). Die schwachen Verben der 3. Klasse (z.B.: altschwed. liva, iak livir bzw. liver) traten automatisch in die 2. Klasse über, ausgenommen jene auf betontem Vokal (z.B.: altschwed. trō(a), iak trōr), die überall die Personalendung -r beibehielten. Schließlich erhielten viele Verben, die zuvor keine Personalendung im Präsens Singular hatten (z.B.: altschwed. læsa, iak læs) nun die Endung -er
(neuschwed. läser).
Im Plural (der im Altschwedischen in allen Klassen im wesentlichen dieselben Personalendungen aufwies) konnte sich die Personenunterscheidung durch eigene Personalendungen bis ins 19. Jahrhundert halten. Die Endung für die 1. Person Plural (altschwed. -um; mittelschwed. -om und -e [s.o.!]; GVB zeigt sowohl -om als auch -e; in der
Folge setzt sich -e durch = typisch frühneuschwed. Form) wird schon seit frühneuschwedischer Zeit von der Endung für die 3. Person Plural (-a) verdrängt, allgemein
jedoch erst im 19. Jahrhundert, als ihre Verwendung auf die feierliche Kanzleisprache und feierliche Reden eingeschränkt wurde. Die Endung für die 2. Person Plural
(altschwed. -in; mittelschwed. und neuschwedisch -en) hält sich bis ins 20. Jahrhundert (zeitweise – vor allem im Frühneuschwedischen – kommen auch die Endungen -e
und -a vor). Die Endung für die 3. Person Plural (altschwed., mittelschwed. und neuschwed. -a) hält sich ebenfalls bis ins 20. Jahrhundert (selten -e im Frühneuschwedischen).
Konjugation im Frühneuschwedischen: biter; bite – biten – bita (Hauptformen).
Konjugation im 19. Jahrhundert: biter; bita – biten – bita (Hauptformen).
Die letztendliche Vereinheitlichung der Pluralflexion (kurze Übergangszeit mit der
Einheitsendung -a) bzw. die Verallgemeinerung der Singularendungen auf den Plural (in der Umgangssprache regional schon seit dem 17./18. Jahrhundert) geschah in der
Schriftsprache erst im 20. Jahrhundert. Den Anfang bei den Singularendungen für den
Plural machte die Wiedergabe von Gesprächen in der Literatur (im 19. Jahrhundert
schon recht häufig) mit Selma Lagerlöf als einer der wichtigsten Gestalten. Noch in den
20er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Situation labil. Erst in den 30er und 40er Jahren konnten sich die Singularformen endgültig durchsetzen (dank der Literatur, der
Presse u. den Schulen). Trotzdem wurden die Pluralformen in den Gesetzestexten bis
in die 60er Jahre hinein verwendet.
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Die Präteritumformen der Verben entwickelten sich in neuschwedischer Zeit im wesentlichen analog zu den Präsensformen, d. h. die Pluralformen (altschwed. einheitlich -um, -in, -u; mittelschwed. -om bzw. -e, -en, -o; frühneuschwed. -e, -en, -o bzw. -e
[-o bei starken, -e bei schwachen und alternativ bei starken Verben]; 19. Jh.: -o bzw. -e,
-en, -o bzw. -e [jeweils: -o bei starken, -e bei schwachen Verben]) wurden erst im 20.
Jahrhundert aufgegeben und durch die Singularformen ersetzt. Eine Besonderheit
stellt – wie bereits festgestellt – die 2. Person Singular Präteritum der starken Verben (altschwed. auf -t, mittelschwed. auf -st) dar. Diese Endung (-st) wurde in frühneuschwedischer Zeit noch allgemein verwendet, verschwand aber dann schnell. [Beachte: Schon im Frühneuschwedischen gibt es in der 1. und 3. Person der schwachen Verben keine Numerusunterscheidung mehr!]).
b. Bezüglich der Kategorie Tempus ist lediglich auf folgende Unterschiede zum altschwedischen Tempussystem hinzuweisen, das ansonsten bis heute erhalten bleibt:
Im Perfekt und Plusquamperfekt setzt sich im Neuschwedischen als Hilfsverb alleiniges hava durch, das sich dabei mit der ebenfalls im Neuschwedischen neu geschaffenen
Kategorie des Supinums (aus dem Neutrum des alten Perfektpartizips entwickelt) verbindet. Im Zuge der Aufgabe der Pluralendungen wird auch der Pluralstamm des Präteritums der starken Verben aufgegeben (kein Vokalwechsel zwischen Präteritum
Singular und Präteritum Plural mehr!). Alle frikativen Dentalsuffixe werden zu Plosiven (z.B.: altschwed. kallaþi bzw. mittelschwed. kalladhe > kallade).
c. Bezüglich der Kategorie Modus ist nur folgendes zu bemerken:
Die Konjunktivformen werden zunächst ähnlich wie die Präteritumformen der schwachen Verben vereinheitlicht (Einheitsendung -e, außer für die 2. [und zunächst teilweise auch noch 3.] Person Plural: -en). Nach 1700 lässt der Gebrauch der Konjunktivformen langsam nach, und heute werden sie (Einheitsendung -e) nur noch sehr selten
verwendet (statt dessen: analytische Umschreibungen). Die in mittelschwedischer Zeit
aufgekommene alternative Form für die 2. Person Plural des Imperativs (auf -er) ist
auch noch im Frühneuschwedischen gebräuchlich (statt der Standardendung -en). Die
Form für die 1. Person Plural des Imperativs (frühneuschwed. -om) war im 16. Jh.
noch sehr häufig, ging aber in der Folge zurück (jedoch heute noch in gehobenem Stil
möglich, z.B.: Låtom oss bedja! ‚Lasset uns beten!’). Als Standardform des Imperativs hat sich die Singularform auch im Plural durchgesetzt.
d. In der Kategorie Genus verbi sind keine wesentlichen Veränderungen zu erwähnen
(die s-Formen existieren bis heute, analytisches Passiv nun mit bliva). Bei den infiniten
Verbformen ist – wie bereits erwähnt – das Supinum (das sich nur allmählich vom
Neutrum des Perfektpartizips löst) hinzugekommen. Zum Dentalsuffix der schwachen
PPP siehe oben!
e. Genauer werde ich auf die Entwicklung der Verbklassen eingehen:
Die Einteilung in schwache Verben und starke Verben ist geblieben. Auch deren Unterteilung in Unterklassen ähnelt heute in vieler Hinsicht jener im Altschwedischen.
Schwache Verben:
Die altschwedische 1. Klasse (Beispiel: kalla – kallar – kallaþi – kallaþum – kallaþer)
entspricht genau der heutigen 1. Klasse (Beispiel: kalla – kallar – kallade – kallat
[PPP: kallad]). [Veränderungen: Das frikative Dentalsuffix wurde plosiv (þ > d); zu den
Personalendungen siehe oben!]
Die altschwedische 2. Klasse wurde zur heutigen 2. Klasse, wobei die alte Klasse 2A
(Beispiel: fø:ra – fø:rir – fø:rþi – fø:rþum – fø:rþer) den heutigen Standard der 2.
Klasse darstellt (Beispiel: ringa – ringer – ringde – ringt [PPP: ringd]), während die alte Klasse 2B (Beispiel: kræfia – kræver – krafþi – krafþum – krafþer) die heutige Sonderklasse der 2. Klasse (Beispiel: dölja – döljer – dolde – dolt [PPP: dold]) ausmacht.
[Veränderungen: Das frikative Dentalsuffix wurde wieder plosiv; zu den Personalen-
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dungen siehe wieder oben; viele Verben der Klasse 2B verloren den „Rückumlaut“ und
gingen zur Standardklasse der 2. Klasse über, z.B.: kräva – kräver – krävde – krävt]
Die altschwedische 3. Klasse verschwand – wie bereits erwähnt – im Laufe der
Sprachgeschichte, indem sich ihre Verben ganz überwiegend der 2. Klasse anschlossen
(z.B.: liva – livir/liver – lifþi – lifþum – livat > leva – lever – levde – levat/levt). Nur die
Verben auf betontem Vokal (z.B.: trō(a) – trōr – trōþi – trōþum – trō(i)t) hatten sich –
wie ebenfalls bereits erwähnt – in mittelschwedischer Zeit eine neue Klasse geschaffen, die 3. Klasse des Neuschwedischen (z.B.: tro – tror – trodde – trott [PPP: trodd]).
Außerdem ist zu erwähnen, dass im Laufe der Zeit viele starke Verben schwach wurden (z.B.: altschwed. hialpa [3. Ablautreihe] > neuschwed. hjälpa [2. schwache Klasse]), während der umgekehrte Vorgang (schwach > stark) äußerst selten ist. Innerhalb
der schwachen Verbklassen fand oft ein Übertritt von der 2. in die 1. Klasse statt
(z.B.: altschwed. hitta [2. Klasse] > neuschwed. hitta [1. Klasse] ‚finden’). Die Folge
davon ist, dass zu gewissen Zeiten (auch heute noch) bestimmte Verben zwischen verschiedenen Klassen (auch zwischen stark und schwach) schwanken können.
Starke Verben:
Die Grundeinteilung blieb erhalten, jedoch haben Lautveränderungen und Analogien
einige Unterschiede zum altschwedischen System bewirkt.
1. Ablautreihe:
(altschwed. grīpa – grēp – gripum – gripin; heute: gripa – grep – gripit [Sup.])
In der GVB hieß es noch: gripa – grep – gripom/grepom – gripit. Damals begann also
die Vereinheitlichung des Präteritum-Stammvokales, die sich in der Folge durchsetzte (19. Jh.: gripa – grep – grepo – gripit). Mit der Aufgabe der Pluralendungen im 20.
Jh. reduzierten sich die 4 Stammformen endgültig auf drei (s.o.).
2. Ablautreihe:
(altschwed. biūþa – bø:þ – buþum – buþin; heute: bjuda – bjöd – bjudit [Sup.])
In der GVB hieß es noch: biudha – bödh – budhom – budhit. Hier erfolgte damals also
noch keine Vereinheitlichung der Präteritum-Stammvokale. Das geschah erst später (endgültig im 19. Jahrhundert, als noch vereinzelt Formen wie vi flugo statt späterem vi flögo ‚wir flogen’ vorkamen). Die Standard-Stammformen im 19. Jh. waren bereits: bjuda – bjöd – bjödo – bjudit (mit verallgemeinertem -j- seit ca. 1800) bzw. flyga –
flög – flögo – flugit. Im 20. Jh. wurde wiederum die 3. Stammform endgültig obsolet.
3. Ablautreihe:
(altschw. spinna – span – spunnum – spunnin; heute: spinna – spann – spunnit [Sup.])
In der GVB hieß es noch: spinna – spann – spunnom – spunnit, und auch noch im 19.
Jh. hieß es: spinna – spann – spunno – spunnit. Hier erfolgte also keine Angleichung
der Stammvokale im Präteritum. Das wurde erst durch die Aufgabe der Pluralendungen im 20. Jh. „erzwungen“.
Besondere Verben in dieser Ablautreihe sind:
sjunga (altschwed. siunga – sang – sungum – sungin; GVB: siunga – sång – sungom –
sungit; 18. Jh.: sång/sang/söng/sjöng für Prät. Sg. [söng in Analogie zu gewissen Verben der 7. oder in Analogie zur 2. Ablautreihe; sjöng mit verallgemeinertem -j- wie
oben]; 19. Jh.: sjöng [veraltet noch söng oder sogar sang] für Prät. Sg.; Hauptstammformen im 19. Jh.: sjunga – sjöng – sjöngo – sjungit; heute: sjunga – sjöng – sjungit)
sjunka (analoge Entwicklung zu sjunga [außer: im Prät. Sg. nie a > å geworden])
hjälpa (altschwed. hialpa – halp – hulpum – hulpin/holpin; noch im 19. Jh. hjelpa –
halp – hulpo – hulpit möglich – neben bereits schwachem hjelpa – hjelpte – hjelpt; heute nur schwach: hjälpa – hjälpte – hjälpt).
4. Ablautreihe:
(altschwed. bæra – bar – bārum – burin/borin; heute: bära – bar – burit [Sup.])
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In der GVB heißt es noch: bära – baar – bårom – burit. Ab dem 17. Jh. traten im Plural des Präteritums Formen wie buro (neben lautgesetzlichem båro) auf, in Anlehnung an die 3. Ablautreihe (nun: gleicher Stammvokal im Präteritum Plural und Supinum). Im 19. Jh. hieß es nur noch: bära – bar – buro – burit. Auch hier erfolgte also
keine Angleichung der Präteritum-Stammvokale (bis ins 20. Jh., als die Pluralendungen aufgegeben wurden).
Besonderes Verb:
komma (altschw. koma [< *kweman] – kom [< *kwam] – kōmum – kumin; GVB: komma
– kom – komom [u:] – kommit; Präteritum-Vokalwechsel i. d. Folge auch i. d. Aussprache aufgeg.; 19. Jh.: komma – kom – kommo – kommit; heute: komma – kom – kommit)
5. Ablautreihe:
(altschwed. giva – gaf – gāvum – givin; heute: giva [ge] – gav – givit [gett] [Sup.])
In der GVB heißt es noch: giffua – gaff – gåffuom – giffuit, und auch noch im 19. Jh.:
gifva – gaf – gåfvo – gifvit (neben den sich mehr und mehr ausbreitenden Formen ge [=
Kurzform] – gaf – gåfvo – gett [= in Anlehnung an die schwachen Verben auf betontem
Vokal gebildetes Supinum]). Auch hier erfolgte also keine Angleichung der Stammvokale im Präteritum. Das geschah wiederum erst im 20. Jh.
Besondere Verben:
läsa (altschwed. læsa – las – lāsum – læsin; GVB: läsa – laas – låsom – läsit; aber allmählich drangen die schwachen Formen läsa – läste – läst durch, endgültig im 19. Jh.)
sitta (altschwed. sitia – sat – sātum – sitit; GVB: sittia – satt – såtom – sittit; danach
Wechsel in 3. Ablautreihe – 19. Jh.: sitta – satt – sutto – suttit; heute: sitta – satt – suttit)
vara (altschwed. vara – var – vārum – varin; GVB: wara – war – worom/wårom –
warit; 19. Jh.: vara – var – voro [u:] – varit [Aussprache von voro = Leseaussprache!];
heute: vara – var – varit) [-r- < -s-, deshalb 5. Ablautreihe!]
6. Ablautreihe:
(altschwed. fara – fōr – fōrum – farin; heute: fara – for – farit [Sup.])
In der GVB hieß es: fara – foor – forom – farit, und auch noch im 19. Jh.: fara – for –
foro – farit. Hier gab es von Anfang an einen einheitlichen Präteritum-Stammvokal.
Besonderes Verb:
stå (altschwed. standa/stā – stōþ – stōþum – standin; GVB: stå – stodh – stodhom –
ståndit/stått [vgl. gett oben!]; 19. Jh.: stå – stod – stodo – stått; heute: stå – stod – stått)
7. Ablautreihe:
(altschwed. falla – fiol – fiollum – fallin; heute: falla – föll – fallit [Sup.])
In der GVB hieß es: falla – föll – föllom – fallit, und noch im 19. Jh.: falla – föll – föllo
– fallit. Auch hier gab es von Anfang an einen einheitlichen Präteritum-Stammvokal.
Besondere Verben:
gå (altschwed. ganga/gā – gik – gingum – gangin; GVB: gå – gick – gingom –
gått/gångit; 19. Jh.: gå – gick – gingo – gått; heute: gå – gick – gått; also: Angleichung
des Supinums an die schwachen Verben auf betontem Vokal wie bei gett oben; allerdings existiert bis heute noch ein PPP gången)
få (ähnliche Entwicklung wie bei gå)
löpa (im 19. Jahrhundert teilweise noch stark flektiert, heute schwach)
heta (in der GVB noch stark flektiert, im 19. Jh. bereits schwach)
Präteritopräsentia:
Die Aufgabe der Pluralformen führt auch zur Aufgabe des Vokalwechsels im Präsens
(das ja eigentlich starke Präteritumendungen hat). Ansonsten entsprechen die Veränderungen den Entwicklungen der starken und schwachen Verben.
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Exkurs: Die Entwicklung der schwedischen Grammatik im 19. und 20. Jahrhundert
Grammatiken: Das 19. Jh. war die Zeit der Schulgrammatiken (Schwedisch als Unterrichtssprache und eigenes Fach in allen Schulen, wodurch der schwedische Grammatikunterricht als Neuheit eingeführt wurde). Auch das Verständnis der Syntax vertiefte sich
im 19. Jh. Im Jahr 1882 wurden die Schulgrammatiken durch ein staatliches Komitee
in bezug auf Inhalt, Disposition und Terminologie normiert. Die Grammatiken hatten
eine normierende Funktion und waren im 19. Jh. ziemlich konservativ (z.B.: 1. P. Pl.
der Verben auf -e als Alternative noch lange Zeit angegeben, 1. P. Pl. Imperativ auf om). Rydqvist („Svenska språkets lagar“) widmete der Flexion viel Raum, seine Formen nahm er auch in die SAOL 1874 auf. Viele Grammatiken behandelten die Frage
der Kongruenz zwischen Subjekt und Verb (Pluralformen der Verben; s.u.).
20. Jh.: Noch stärker als im 19. Jh. galt im 20. Jh., dass die Flexion im schriftsprachlichen Gebrauch bereits so sehr standardisiert war, dass Grammatiken für die Etablierung einer Norm nicht notwendig gewesen wären. Ihre Aufgabe war es hingegen, die
Norm zu bestätigen und zu verbreiten. In der 2. Hälfte des 20. Jh. ging die Bedeutung des Grammatikunterrichts in den Schulen zurück, die Grammatiken wurden
rein deskriptiv. Im Jahr 1999 erschien „Svenska Akademiens grammatik“ (deskriptiv,
indirekt normativ wegen Beschreibung der Standardsprache).
Wörterbücher: Das Wörterbuch von A. F. Dalin (1850-53) gab vollständige Auskunft über
die Flexion der Wörter. SAOL (ab 1874) wurde diesbezüglich vorbildhaft (die Auflagen des 19. Jh. hielten noch am M-F-N-System fest: z.B. stenen – han, väggen – hon;
erst die 7. Auflage von 1900 führte das „realgenus“ ein, allerdings unter Hinzufügung
des alten grammatikalischen Genus: z.B. sten rm. bzw. vägg rf.; ab der 8. Auflage
von 1923 der heutige Zustand). Durch die Wörterbücher verminderte sich die Unsicherheit bezüglich der Flexion v.a. der Verben, dennoch gab es diesbezüglich bis in
die 2. Hälfte des 20. Jh. noch Veränderungen. Ein besonderes Problem stellte die Flexion der v.a. englisch-amerikanischen Fremdwörter dar: Während dies für die Verben
(schlossen sich der 1. Klasse der schwachen Verben an: jogga – joggade – joggat) und
die meisten Adjektive (-t und -a als einzige Flexionsendungen leicht anhängbar [cool –
coolt – coola]; andernfalls unbeugbar [groggy]) leicht war, erwies es sich bei den Substantiven oft als sehr schwierig (Ziel: komplette schwedische Flexion [z.B.: video – videon – videor – videorna]; jedoch: oft englisches -s im Plural eingedrungen [z.B.: safaris, hackers]).
Sprachrichtigkeitspublikationen: am bekanntesten Wellanders „Riktig svenska“; Anweisungen entweder in der Art von richtig – falsch oder gut – schlecht.
Zwei Beispiele für morphologische Veränderungen und die zugehörige Sprachpflege:
a. Grammatikalisches Genus:
Um 1800 gab es offiziell noch ein M-F-N-System (stenen m. – han; väggen f. – hon), das
jedoch in der bestimmten Form und in der Flexion übereingestimmter Adjektive und
Pronomina nicht mehr ausgedrückt wird. Faktisch wurde in der Schriftsprache jedoch bereits in großem Umfang den statt han/hon bei unbelebten Substantiven verwendet, und die
Unsicherheit bei der Genuszuteilung war groß (v.a. bei Lehnwörtern!). Schon in der frühen Neuzeit wurde dieses den bei den oberen Klassen verwendet. Eine starke Basis hatte
das alte System in vielen Dialekten und in der religiösen Sprache (Bibel), im 19. Jh. diente
es oft als poetisches Stilmittel.
Den historischen Verlauf der Entwicklung beschreibt Herbert Davidson (1990; „Han hon
den. Genusutvecklingen i svenskan under nysvensk tid“; Lund) für verschiedene Genres:
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Genre
offizielle Prosa
sonst. profane Prosa*
religiöse Literatur
1500-49 1550-99 1600-49 1650-99 1700-49 1750-99 1800-49 1850-99
16%
3%
4%
37%
11%
1%
57%
12%
15%
62%
29%
29%
84%
61%
33%
89%
79%
59%
92%
98%
78%
97%
96%
73%
(*ab 1700: Romane)
Mitte des 19. Jh. war vielen bewusst, dass das alte M-F-N-System zu einem U-N-System
umstrukturiert wird. Dalin berücksichtigte dieses neue „genus commune“ („c.“), allerdings
noch relativ selten. Die Grammatiker des 19. Jh. hingen in ihrer Mehrheit noch dem alten
System an. Erst um 1900 herum wurde dieses neue Genussystem von den Sprachpflegern
voll akzeptiert, als das alte praktisch bereits ausgestorben war. Zum Beispiel hielt Tegnér
das neue Genus für einen Gewinn der Sprache (Unterscheidung „belebt – unbelebt“ sei
wichtiger als die zwischen grammatikalischen Genera; Literatursprache sollte möglichst
nahe an Umgangssprache liegen). Damit war die Diskussion zu Ende, wenn auch die
SAOL bis 1889 (bzw. 1900) am Drei-Genus-System festhielt. Im SAOB werden beide Systeme verwendet (da Wortschatz seit 1500 erfasst wird).
b. Aufgabe der verbalen Pluralformen in der Schrift:
Um 1800 herum hatte die Umgangssprache in den zentralen Teilen Schwedens bereits seit
langem keine verbalen Pluralformen mehr, während die Schriftsprache die NumerusKongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb im Präsens aller Verben und im Präteritum
der starken Verben aufrechterhielt (im Präteritum der schwachen Verben nur in der 2. P.).
Außerdem gab es im Plural auch noch verschiedene Personalendungen.
Beispiel (Enberg 1836) taga:
Präsens:
Präteritum:
Jag/Du/Han tager
Vi tage/taga
I tagen
De taga
Jag/Du/Han tog
Vi togo
I togen
De togo
In den Grammatiken war die Handhabe der Numerus-Kongruenz immer ein Problem
(z.B. : en hop människor sutto/satt och väntade; det sutto/satt två barn i soffan; regeringen
mena/menar). Mehrere Grammatiker erwähnten die Diskrepanz zwischen Schrift- und Umgangssprache. Insgesamt waren jedoch im 19. Jh. die verbalen Pluralformen gesichert und
etabliert und wurden nicht in Frage gestellt (Nur einzelne Verfasser experimentierten mit
Singularformen statt Pluralformen bei der Wiedergabe von Rede in der Schrift). Gegen Ende
des 19. Jh. gab es jedoch Stimmen (z.B.: Noreen), die die verbalen Pluralformen für unnötig und überflüssig hielten (auch mit dem Verweis auf Dänemark, wo die verbale Pluralendung -e in der Literatursprache in den 80er Jahren des 19. Jh. verschwunden war).
Wichtig für die weitere Entwicklung war Selma Lagerlöfs „Nils Holgerssons underbara
resa“ (1900, 1907) mit generellen Singularformen in der direkten Rede. In der Folge folgten viele Schriftsteller diesem Vorbild, 1934 befürwortete die Volksschullehrervereinigung
die generellen Singularformen, auch einige Tageszeitungen folgten. Nur die höheren Schulen, das Gerichtswesen und die Ämter blieben bei der Numeruskongruenz.
1945 gaben die Zeitungen die Pluralformen auf, aufgrund eines Ratschlages von „Nämnden
för svensk språkvård“. Die Schwedische Akademie war wieder dagegen und blieb
„Nämnden för svensk språkvård“ mehrere Jahre fern. Erst 1951 erklärte die Oberschulbehörde die Singularformen zur „selbstverständlichen Sache“ (bei Wahlfreiheit für die
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Schüler und der prinzipiellen Kenntnis der Pluralformen durch die Schüler). Die Regierung stieg 1952 auf die Singularformen um, und in den 60er Jahren verschwanden die Pluralformen aus den Gesetzen und Gerichtsdokumenten (auch aus der Verfassungssprache).
Syntaktische Entwicklungen:
In frühneuschwedischer Zeit wurden die Neuerungen der mittelschwedischen Epoche
(siehe oben) fortgesetzt, wobei der lateinische (Humanismus) und der deutsche (jetzt: hochdeutsche) Einfluss weiterwirkten. Insbesondere griff die (fakultative) Endstellung des finiten Verbs in Nebensätzen im 16. Jahrhundert weiter um sich (um danach aber immer
seltener zu werden). Außerdem entstand im Frühneuschwedischen der sogenannte Gruppengenetiv (det stora husets ‚des großen Hauses’ statt +dets storas husets), und die Verwendung des bestimmten Artikels wurde auf Kosten der artikellosen Grundform immer häufiger. In Bezug auf die verschiedenen Genres kann man feststellen, dass in der religiösen
Sprache (die ansonsten durch archaische Formen gekennzeichnet war) der Satzbau tendenziell einfacher wurde, während in der Kanzleisprache (mit eher progressiven Formen und
mehr Fremdwörtern, dazu stärker lokal gefärbt) schwere und verwickelte Satzkonstruktionen regelrecht blühten. Die Literatursprache, die immer wichtiger wird, steht irgendwo
dazwischen.
Seit dem 18. Jahrhundert sind generelle Tendenzen in Richtung Vereinfachung des Satzbaus festzustellen. Kürze und Klarheit werden angestrebt, die fakultative Endstellung des
finiten Verbs in Nebensätzen verschwindet, der Gruppengenetiv setzt sich endgültig
durch. Eine Ausnahme stellt lediglich die Gustavianische Zeit (König Gustav III.; Ende 18.
Jh.) dar, die mit ihrer intensiven Pflege der Rede- und Dichtkunst mit dem rhetorischen
Stil als Vorbild die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entscheidend prägte. Danach
herrschte aber wieder ein einfacherer Stil. Vor allem seit dem 19. Jahrhundert entwickelt
sich mit der Explosion des fachsprachlichen Schrifttums der wissenschaftliche (fachsprachliche) Sprachstil mit seinen besonderen Eigenheiten.
Einige (weitere) syntaktische Veränderungen im Detail: das Satzgliedschema nach Diderichsen wird vor allem im 19. Jahrhundert endgültig durchgesetzt (zuvor z.B. noch andere
Reihenfolge im Inhaltsfeld VNA [z.B.: NVA, VAN] oder Vorrückung von A hin zur Nebensatzeinleitung [kA oder knA] wesentlich häufiger), die durchschnittliche Satzlänge (und auch
Teilsatzlänge) sinkt markant, Partizipialkonstruktionen werden deutlich seltener, „verblasstes“ det wird markant häufiger Verbpartikeln kommen deutlich häufiger vor u.v.a.
Entwicklungen im Wortschatz:
In frühneuschwedischer Zeit (vor allem zur Zeit des 30jährigen Krieges) war der deutsche
(hochdeutsche) Einfluss auf den schwedischen Wortschatz sehr groß. Es drangen Wörter
aus dem militärischen Bereich (z.B.: gevär, rekryt) und auch aus vielen anderen Bereichen
(z.B.: dunkel) aus dem Deutschen (das oft nur eine Vermittlerrolle für lateinisches, griechisches oder französisches Wortgut spielte) ins Schwedische. Ab dem 17. Jahrhundert ist auch
ein großer französischer Einfluss feststellbar, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts seinen
Höhepunkt erreichte (z.B.: garderob, kostym, dessert). Im 19. Jahrhundert setzten sich der
deutsche und der französische Einfluss eingeschränkt fort, wobei vor allem das Deutsche
als Wissenschaftssprache in Schweden eine große Rolle spielte. Im 20. Jahrhundert dominiert natürlich der englische Einfluss (spürbar seit dem 18. Jh.), der heutzutage so gut wie
alleinherrschend ist (z.B.: jobb, reporter u.v.a.).
Gegen diese Fremdeinflüsse richteten sich seit dem 18. Jahrhundert, vor allem aber im
19. Jahrhundert, puristische Bestrebungen (gegen lateinisch-romanische, aber auch gegen
deutsche Entlehnungen gerichtet, im 20. Jh. vor allem gegen englische Fremdwörter). Diese
Bestrebungen wichen später liberaleren Einstellungen.
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