Komplexität bei Luhmann. Funktion und Begriff

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Komplexität bei Luhmann
Funktion und Begriff
Proseminararbeit
Universität Wien
Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft
LV:
Medien und Erkenntnis: Modelle und
Modellexperimente: Zur Vorgeschichte der
Computersimulation (2PS / 4 ECTS )
LVNummer:
180224
( WS07/08 )
LV-Leiter:
Mag. Dr. Thomas Brandstetter
Studiengang:
Medizininformatik (Bakk.)
4. Semester (seit WS06/07)
Studienkennzahl:
A 033 521
vorgelegt von:
Matrikelnummer:
.
Andreas Kirchner
0600112
1.
Inhaltsverzeichnis
1.
INHALTSVERZEICHNIS ............................................................................................. II
2.
EINLEITUNG .................................................................................................................. 1
3.
FUNKTIONSWEISE SINNVERARBEITENDER SYSTEME................................... 2
3.01
(a)
(b)
(c)
(d)
3.02
(a)
(b)
(c)
GESELLSCHAFT ALS SYSTEM ....................................................................................... 2
Autopoiesis ................................................................................................................. 2
operative Schließung .................................................................................................. 3
Sinnverarbeitung ........................................................................................................ 3
Operationstyp Kommunikation .................................................................................. 5
DER BEGRIFF DER STRUKTURELLEN KOMPLEXITÄT ..................................................... 6
Exkurs: Luhmann und das Diagonalargument .......................................................... 7
Eigenkomplexität in sozialen Systemen ...................................................................... 8
Reduktion von Komplexität ........................................................................................ 9
4. DIE EVOLUTION ALS KOMPLEXITÄTSTREIBENDER MECHANISMUS IN
SYSTEMEN ............................................................................................................................ 11
4.01
4.02
SELEKTIONSMECHANISMEN DER GESELLSCHAFT ....................................................... 14
(ZWISCHEN)ERGEBNISSE DER EVOLUTION ................................................................ 16
5.
SCHLUSSBETRACHTUNG ........................................................................................ 19
6.
LITERATURVERZEICHNIS ..................................................................................... III
KIRCHNER, Andreas / a0600112
II
Komplexität bei Luhmann
2.
Kirchner
Seite 1
Einleitung
Niklas Luhmanns Systemtheorie versucht, Gesellschaft zu beschreiben. Dabei ist sich die
Theorie aber bewusst, dass sie selbst innerhalb der Gesellschaft formuliert wird. Sie muss
daher die Urteile, die sie trifft, auf sich selbst anwenden. Luhmann nennt dieses Vorgehen
„autologisch“1. Diese Art der Systemtheorie erhebt den Anspruch, „universalistisch“ zu sein.
Das bedeutet, dass ihr Instrumentarium prinzipiell auf alle Gegenstandsbereiche anwendbar
ist. Damit ist aber nicht der Anspruch erhoben, sie sei absolut und ließe keine anderen
Theorien neben sich zu.2
Zum Instrumentarium der Systemtheorie gehört zunächst die Unterscheidung zwischen
System und Umwelt. Sie wird auf das Phänomen Gesellschaft angewendet. Durch diese
Anwendung auf den Gegenstandsbereich lernt die Systemtheorie auch etwas über sich selbst.
Das bedeutet unter Anderem, dass sich das Instrumentarium mit der Zeit verfeinert. Eine
dieser Verfeinerungen stellt der Begriff der Komplexität dar, um dessen Bedeutung es in
dieser Arbeit gehen soll. Grob gesagt wird es mit diesem Begriff möglich zu zeigen, dass und
wie Systeme im Laufe der Zeit evolvieren.
Bei der vorliegenden Arbeit beziehen wir uns auf das 2-bändige Werk Die Gesellschaft der
Gesellschaft (im Folgenden abgekürzt: GG), wobei wir uns innerhalb dieses Werks auf die
Kapitel 1 und 3 konzentrieren. Kapitel 1 stellt das grundlegende Instrumentarium zur Analyse
von Gesellschaft als soziales System vor, während Kapitel 3 die Frage behandelt, wie sich
Systeme im Laufe der Zeit entwickeln. 3 Im Zuge der Überlegungen werden folgende drei
Fragen zu beantworten versucht:
1. Um beantworten zu können, wie sich Komplexität im Laufe der Systementwicklung
aufbaut und reduziert, müssen wir klären, unter welchen Bedingungen dies geschieht.
Luhmann will Gesellschaft als soziales System klären, daher müssen wir fragen: Welche
zentralen Eigenschaften liegen sozialen Systemen nach Luhmann zugrunde?
1
Der Begriff der Autologie stammt von Lars Löfgren, der unter Anderem Mitarbeiter am BCL (Biological
Computer Laboratory) war und auf den sich Luhmann des Öfteren bezieht, wobei sich Autologie bei Luhmann
zumeist mit den differenztheoretischen Begriffen von George Spencer Brown (z.B.: Differenz, Zwei-SeitenForm, re-entry, …) vermischt. Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.60-64.
2
Die Frage, was es bedeutet, den Anspruch an Universalität zu erheben und gleichzeitig zu behaupten, die
Theorie wäre kontingent, wurde in der letzten Luhmann-Arbeit näher beleuchtet, vgl.: Kirchner: (Wie) ist nichtontologische Theorie möglich?, 2008. Die Arbeit stellt außerdem die hier folgenden Ausführungen in einen
größeren Rahmen, wenn man sie zusammendenkt.
3
Vgl. Luhmann: „Gesellschaft als soziales System“. In: GG, 1998, S.16-189, insbesondere S.134-144 sowie
Luhmann: „Evolution“. In: GG, 1998, S.413-594, insbesondere S.505-516.
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Kirchner
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2. Wie wird Komplexität als Begriff in GG eingeführt? Es wird sich zeigen, dass er sich
bereits aus den Eigenschaften sinnverarbeitender (also auch sozialer) Systeme ergibt. Die Art
und Weise aber, wie dies von Luhmann dargestellt wird (nämlich autologisch), ist zusätzlich
zu bedenken.
3. Wie kommt es zum Aufbau von Eigenkomplexität? Hier wird die Einordnung der
Evolutionstheorie im Rahmen der Systemtheorie thematisiert, die dann erklären soll, auf
welche Art und Weise Veränderungen seligiert und stabilisiert werden können.
Vorausschickend kann gesagt werden, dass je weiter die Überlegungen vorstoßen, desto
komplexer im Luhmannschen Sinne wird die Thematik, da man immer wieder auswählen
muss, welche Konzepte man thematisiert und welche man der Übersicht, Lesbarkeit und
Länge halber verzichtet zu erläutern. Trotz all dem sollte die vorliegende Arbeit ein
konsistentes Gesamtbild ergeben, das durch die Referenzen auf Luhmann
Anschlussüberlegungen offen lässt. Auf Sekundärliteratur wurde verzichtet, um sich dem
Werk soweit möglich unbeeinflusst nähern zu können.4
3.
Funktionsweise sinnverarbeitender Systeme
Gesellschaft wird bei Luhmann als sinnverarbeitendes, operativ geschlossenes, soziales
System beschrieben. Es ist zunächst zu untersuchen, was dies bedeutet, um mit diesem
Rüstzeug den Komplexitätsbegriff erklimmen zu können.
3.01
Gesellschaft als System
Um sinnvoll über Komplexität reden zu können, ist es erforderlich, zumindest in den
Grundzügen zu verstehen, in welchem Kontext der Begriff verwendet wird. In Luhmanns Fall
ist es das Gesellschaftssystem, das in einer groben Skizze folgendermaßen charakterisiert
werden kann: Es ist, wie alle sozialen Systeme a.) autopoietisch, b.) operativ geschlossen c.)
sinnverarbeitend und verwendet d.) als Operationstyp Kommunikation. Es wird kurz auf die
einzelnen Eigenschaften einzugehen sein.
(a) Autopoiesis
Dieser vom Biologen Humberto Maturana übernommene und adaptierte Begriff soll ein
System dadurch charakterisieren, dass es seine eigenen Elemente unter Verwendung des
4
Dadurch, dass GG in einer neuzeitlichen, aktuellen Sprache formuliert ist, fällt ein weiteres Hindernis, seine
Gedanken ohne Stützen durch Sekundärliteratur zu entwickeln, weg. Natürlich muss man sich nach
Entsprechender Einarbeitung in das Werk auch mit anderen Interpretationen auseinandersetzen, denen andere
Unterscheidungen zugrunde liegen. Diese Arbeit hat sich aber zum Ziel gesetzt, zunächst Luhmanns
Unterscheidungen zu verstehen.
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Seite 3
Zusammenspiels der eigenen Elemente erzeugt. Dadurch erzeugt das beobachtete System
selbst die Grenze zwischen System und systemrelativer Umwelt. Oder mit Maturanas Worten:
„Die eigentümlichste Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, daß es sich sozusagen
an seinen eigenen Schnürsenkeln emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als
unterschiedlich vom umliegenden Milieu konstituiert.“5 Dadurch, dass Elemente bei Luhmann
„zeitlich gesehen“6 Operationen sind, ergibt sich dadurch auch die Eigenschaft der
(b) operative Schließung
Systeme sind kognitiv offen, das heißt, sie können Irritationen aus der je eigenen Umwelt
aufnehmen (oder nicht). Diese Irritationen – und das kennzeichnet die operative
Geschlossenheit - enthalten aber keine systemrelevanten Unterscheidungen – oder anders
gesagt: Sie enthalten keine Strukturvorgaben, die dem System aufoktroyiert werden, sondern
die Strukturen werden erhalten, erzeugt und verändert von den Operationen (also Elementen)
des Systems selbst. Das aber bedeutet, dass Operationen nur an weitere Operationen
anschließen können. Dies garantiert das Fortbestehen der Systeme.
(c) Sinnverarbeitung
Von den allgemein autopoietischen Systemen (biologische Systeme) unterscheiden sich
sinnverarbeitende Systeme (psychische und soziale Systeme) dadurch, dass die Grenze, die
vom System erzeugt wird keine materielle, räumliche Grenze ist, sondern durch Beobachtung
gezogen wird. Das bedeutet, dass die Operationen des Systems von der Art sind, dass sie eine
Unterscheidung zwischen System und Umwelt im System ermöglichen. „Sie unterscheiden,
anders gesagt, Selbstreferenz und Fremdreferenz. Für sie sind Grenzen daher keine
materiellen Artefakte, sondern Formen mit zwei Seiten.“7 Die Differenz System/Umwelt wird
also erstens vom System erzeugt, zusätzlich jedoch wird der Tatbestand, dass eine solche
Differenz erzeugt wird, im System auch beobachtet, macht also im System selbst einen
Unterschied.8 Diese als „re-entry“9 deklarierte Eigentümlichkeit macht jene Systeme, nach
Luhmann und Spencer-Brown, von sich heraus unberechenbar, wobei diese
Maturana, Varela: Der Baum der Erkenntnis, 1987, S.54 – wobei Gebrauch und Bedeutung des AutopoiesisKonzepts bei Maturana und Luhmann durchaus divergiert, doch das bedarf einer eigenen Untersuchung.
6
Luhmann: GG, 1998, S.65.
7
Luhmann: GG, 1998, S.45.
8
Ob das bei biologischen Systemen nicht auch vorkommen kann, ist für Luhmann nicht relevant, wird von ihm
aber offen gelassen. Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.46, Fußnote 48.
9
Die Theoriefigur „re-entry“ stammt von George Spencer-Brown, wird von Luhmann aufgenommen und für die
Zwecke der Systemtheorie angepasst. Vgl.: Spencer-Brown: Laws of Form., S.56ff, 69ff.
5
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Unberechenbarkeit „nicht auf die Unvorhersehbarkeit von Außeneinwirkungen (unabhängige
Variable) zurückzuführen ist, sondern auf das System selbst.“10
Man könnte sich fragen, woher diese Unvorhersehbarkeit, diese Unbestimmtheit genau
kommt, denn das wird in diesem Zusammenhang nicht ganz klar. Als Hinweis kann
Folgendes dienen: Dadurch, dass das System sozusagen seine eigenen Grenzen kennt, entsteht
eine Art Leer-Raum, ein Vakuum, eine Unentscheidbarkeit.11 Es kann aufgrund seiner
Beschaffenheit nur mit seinen eigenen Operationen operieren, doch es kann auch vermittels
Fremdreferenz an Irritationen aus der Umwelt anschließen. Und hier treffen wir schon
annäherungsweise an den Komplexitätsbegriff, denn es kann nun leicht der Fall eintreten, dass
es mehrere Möglichkeiten gibt, an Irritationen aus der Umwelt anzuschließen, als aktualisiert
(verwirklicht) werden können. Daher muss das System eine Auswahl treffen und es bietet sich
an, ein Gedächtnis mitzuführen, um Selektionen aus der Vergangenheit zu speichern. Unter
Sinn werden nun all jene für das System sichtbaren Konsequenzen verstanden, die aus der
immanenten Unbestimmtheit des Systems folgen, nämlich 1. Auswahl von Irritationen, die
dann im System als Informationen behandelt werden und 2. Aufbewahrung vergangener
Selektionen für späteres Prozessieren.
Das hat interessante erkenntnistheoretische Konsequenzen: Man kann nicht mehr vom
Vorhandensein der Welt ausgehen, nicht mehr davon, dass es stabile Identitäten außerhalb
eines Systems gibt, sondern Identitäten „haben nur die Funktion, Rekursionen zu ordnen, so
daß man bei allem Prozessieren von Sinn auf etwas wiederholt Verwendbares zurück- und
vorgreifen kann.“12
Um die Erläuterungen zum sehr zentralen Sinnbegriff abzubrechen: Kein psychisches oder
soziales System kann sich der Reproduktion des Mediums Sinn entziehen, selbst Unsinn
findet gewissermaßen im Medium Sinn statt:
„Möglich ist Unsinnproduktion nur, wenn man einen engeren Begriff des Sinnvollen
(zum Beispiel: des alltäglich Üblichen, des Erwartbaren) bildet und dann Unsinn
davon unterscheidet. […] In das allgemeine unnegierbare Medium Sinn können also
sekundäre positiv/negativ-Zäsuren eingebracht werden; aber das bringt es
unausweichlich mit sich, daß eine solche Unterscheidung als Unterscheidung dann
wieder Sinn hat und Sinn reproduziert. Man kann deshalb zwar Sinn als Form
bezeichnen, indem man Sinn von Unsinn unterscheidet und ein Kreuzen der Grenze
10
Luhmann: GG, 1998, S.45.
Der einfachste Fall einer Unbestimmtheit im Kontext der theoretischen Informatik wären nichtdeterministische endliche Automaten oder nicht-deterministische Turingmaschinen, die in einem Zustand q einen
Input a bekommen, jedoch aufgrund der Mehrdeutigkeit der Regeln nicht entscheiden können, in welchem
Folgezustand überzugehen ist.
12
Luhmann: GG, 1998, S.46f.
11
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ermöglicht; aber das kann nur in der Weise geschehen, daß die Unterscheidung
Sinn/Unsinn im Moment ihrer Verwendung Sinn annimmt und damit Sinn als Medium
aller Formbildungen reproduziert.“13
Das gilt für alle Unterscheidungen, die psychische oder soziale Systeme verwenden oder
treffen. Luhmann spricht sogar davon, dass die Sinn-Form „das absolute Medium ihrer
selbst“14 ist, denn nur durch Selbstanwendung kann sie sich unterscheiden.15
(d) Operationstyp Kommunikation
Der Operationstyp Kommunikation, der in der Luhmannschen Systemtheorie nicht Menschen,
bzw. psychischen Systemen16, sondern sozialen Systemen zugerechnet wird, ist philosophisch
betrachtet der Punkt, an dem sich Subjektphilosophie von Luhmanns Systemtheorie
unterscheidet. Wenn man ausschließlich psychische Systeme betrachtet, könnte man
argumentieren, dass unter System dasselbe zu verstehen ist wie unter Subjekt: Selbstreferenz,
Fremdreferenz, re-entry – das, was diese Begriffe bezeichnen, wurde ebenfalls in der
Subjektphilosophie thematisiert, nur unter anderen Termini. Doch sobald man soziale
Systeme und ihren Operationstyp Kommunikation betrachtet, verschiebt sich die Ebene von
einzelnen psychischen Systemen, die mit Gedanken operieren, auf ein
Kommunikationsnetzwerk, bei dem zwar mehrere psychische (und gewissermaßen auch
biologische) Systeme vorausgesetzt sind, bei der jedoch eine einzelne Kommunikation nicht
mehr einem der psychischen Systeme zugerechnet werden kann. Da soziale Systeme
sinnverarbeitende autopoietische Systeme sind, ist es auch hier notwendig, dass
Kommunikation an Kommunikation anschließt, damit das soziale System fortbestehen kann.17
Man könnte diese Eigenschaften noch viel genauer unter die Lupe nehmen und würde dann –
in der Erläuterung des Sinnbegriffs kurz angedeutet – weiteren Aspekten des
Komplexitätsbegriffs auf die Spur kommen. Da dieser Weg zwar erkenntnisreicher für ein
allgemeines Verständnis der Systemtheorie wäre, ist er jedoch weniger fruchtbar für eine
Erläuterung des Komplexitätsbegriffs; hierfür bietet sich die Evolutionstheorie an. Als
Voraussetzung für ein Verständnis des Komplexitätsbegriffs ist die obige Skizze der
sinnverarbeitenden Systeme aber ausreichend.
13
Luhmann: GG, 1998, S.52.
Luhmann: GG, 1998, S.55.
15
Das erinnert z.B. an Schellings Spätphilosophie und der Rede vom absoluten Band seiner selbst als Einheit und
seiner selbst als sein Gegenteil oder als Vielheit. Der Sinnbegriff stellt sich uns als einer der wichtigsten Träger
der Luhmannschen Systemtheorie dar und es bedarf daher einer eigenen Analyse, um sich diesem Thema
eingehender zu widmen, als dies in einer Vorbereitung auf das Verständnis des Komplexitätsbegriffs möglich ist.
16
Der Term Mensch kommt in der Systemtheorie nicht vor.
17
Luhmann: GG, 1998, S.81f.
14
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Wir haben gezeigt, dass soziale Systeme autopoietisch und operational geschlossen sind,
indem sie ihre eigenen Operationen an ihre eigenen Operationen anschließen und dadurch die
Unterscheidung System/Umwelt produzieren und erhalten. Die Operationen Kommunikation
und Gedanke tun dies unter Verwendung und Reproduktion der 2-Seiten-Form Sinn, die für
sinnverarbeitende Systeme nicht negierbar ist und die es im hohen Maße erlaubt - und das
werden wir im Anschluss weiter ausführen – Eigenkomplexität aufzubauen, da innerhalb der
Operationen die Möglichkeit gegeben ist, die Unterscheidungen, die das System produziert
(grundlegend die Unterscheidung System/Umwelt), selbst zu beobachten und daran
anzuschließen.
3.02
Der Begriff der strukturellen Komplexität
Aufgrund der oben skizzierten Merkmale eines sozialen Systems (Sinnverarbeitung,
Autopoiesis, Operative Geschlossenheit, Kommunikation) wird es möglich, dass sich
Eigenkomplexität oder strukturelle Komplexität aufbauen kann. Das bedeutet, dass im Laufe
der Systementwicklung neue Eigenschaften „emergieren“, die nicht allein durch das
Zusammenspiel der Systemkomponenten erklärt werden können. Luhmann geht also davon
aus, dass operative Schließung und Autopoiesis wesentlich mit dem Aufbau/Abbau von
Eigenkomplexität zusammenhängen.18
Der Begriff Komplexität wird in GG als Form mit einer Unterscheidung eingeführt und klar
von Operationen abgegrenzt. Komplexität als Form ist „ein Begriff der Beobachtung und
Beschreibung (inclusive Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung)“19, und daher nichts,
was ein System tun oder erleiden kann. Bei der ersten Definition von Komplexität handelt es
sich um eine paradoxe Unterscheidung: „Komplexität ist die Einheit einer Vielheit“20. Das ist
eine von vielen Grundparadoxien, die Luhmann in seinen Werken vorlegt und die klarer wird,
wenn man versteht, dass der Begriff Komplexität eine Einheit oder eine Vereinbarung von
zwei anderen Prädikaten (das ist die Vielheit) sein soll, nämlich die von Redundanz und
Varietät. Man stellt sich etwas als komplex vor, wenn es nicht völlig geordnet (redundant)
aber auch nicht völlig ungeordnet(variabel, chaotisch) ist. Luhmann möchte aufgrund seines
Theorieschemas diesen Kompromiss als Paradoxie formulieren: Etwas ist komplex, wenn es
geordnet als auch ungeordnet ist.
18
Luhmann: GG, 1998, S.134f.
Luhmann: GG, 1998, S.136.
20
Luhmann: GG, 1998, S.136.
19
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Nun geht es - wie das unzählige Male bei Luhmann vorgeführt wird - darum, die Paradoxie
zur Entfaltung zu bringen, unsichtbar zu machen (Invisibilisierung), zu entparadoxieren. In
diesem Fall geschieht das durch eine weitere Unterscheidung, nämlich Element/Relation.
Daraus ergibt sich eine neue Definition des Begriffs: „Eine Einheit ist in dem Maße komplex,
als sie mehr Elemente besitzt und diese durch mehr Relationen verbindet.“21 Dies wird
ergänzt durch die Tatsache, dass die reale Verknüpfungsfähigkeit von Elementen in Systemen
Grenzen hat und bei steigenden Elementen relativ bald aus den möglichen Verbindungen
seligieren muss. Es ist einsichtig, dass dadurch die Selektion kontingent, auch anders möglich,
ist.
Es ergibt sich bei Luhmann der Weg von der Grundparadoxie des Komplexitätsbegriffs zu
einer zusätzlichen Unterscheidung Element/Relation hin zu der Unterscheidung vollständig
miteinander verknüpfte Elemente/selektive Verknüpfung von Elementen.
(a) Exkurs: Luhmann und das Diagonalargument
Warum uns diese Entwicklung so wichtig erscheint ist, weil Luhmann, während er den Begriff
der Komplexität erklärt, in seiner Durchführung des Erklärungsprozesses so vorgeht, dass
man als Beobachter am Ende feststellen kann, dass dieser selbst allmählich Eigenkomplexität
aufgebaut hat. Luhmanns Theorie lässt sich selbst als System beobachten.
Es scheint als hätte sich Luhmann das Diagonalargument zu Herzen genommen, das in der
Berechenbarkeitstheorie verwendet wird um zu beweisen, dass z.B. eine Turingmaschine
TM1 prinzipiell nicht in der Lage ist, für eine beliebige Turingmaschine zu zeigen, dass sie zu
einem Ergebnis kommt oder nicht (bekannt unter dem Halteproblem). In diesem
Diagonalargument wird nämlich folgendermaßen vorgegangen: Unter der Annahme, es gäbe
eine solche Turingmaschine TM1, wird gezeigt, dass wenn man sie auf sich selbst (bzw.
genauer auf eine Turingmaschine TM2, die TM1 enthält) anwendet, eine Unvereinbarkeit mit
dem, was sie tut (ihre Operationsweise) und dem, was sie sagt (ihr Output, ihr Ergebnis)
entsteht, was dazu führt, dass sich TM1 selbst widerlegt, was im Prinzip als Reductio Ad
Absurdum-Argument zu verstehen ist. Beispiel: Man fragt TM1, ob TM2 ein Ergebnis liefert.
TM1 gibt eine Antwort, jedoch ist TM2 derart konstruiert, dass sie die Antwort von TM1, die
ja ein Teil von TM2 ist, in jedem Fall falsifiziert. Falls TM1 den Output „TM2 liefert ein
Ergebnis“ liefert, arbeitet TM2 genau so, dass sie niemals ein Ergebnis liefert, und vice versa
21
Luhmann: GG, 1998, S.137.
Komplexität bei Luhmann
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mutatis mutandis. Daraus folgt dann, dass TM1 offensichtlich die falsche Antwort gibt und
daher nicht allgemein berechnen kann, ob eine Turingmaschine ein Ergebnis liefert.
Luhmann scheint sich gewissermaßen einer solchen Kritik zu entziehen, indem er immer
darauf bedacht ist, die Operationsweise (die Art und Weise, wie seine Theorie aufgebaut ist)
in Einklang zu halten mit dem Output (mit dem was die Theorie über ihren Gegenstand, die
Gesellschaft, sagt) – also eine autologische Entwicklung der Theorie. Genau das scheint uns
die Raffinesse, die Eleganz und die Schönheit dieser Theoriefigur auszumachen, die sich
immer wieder und mehrfach in seinen Werken auffinden lässt.
(b) Eigenkomplexität in sozialen Systemen
Es stellt sich die Frage, wie bei so einem fragilen und „schmalspurigen“22 Operationstyp wie
Kommunikation überhaupt ein Aufbau von Komplexität zustande kommen kann, da eine
einzige Kommunikation nur sehr kurz besteht und außerdem eine Aneinanderreihung von
vielen Kommunikationen erfordert, damit das System nicht zerfällt. Bei biologischen
Systemen ist es etwas einfacher, da die Elemente (Zellen) eine gewisse Beständigkeit haben.
Luhmann zeigt zwei eng zusammen gehörende Teillösungen für das Problem des
Fortbestehens von sozialen Systemen und der Möglichkeit, Eigenkomplexität aufzubauen: a.)
Selbstreferenz der Operationen und b.) Repräsentation von Komplexität in der Form von Sinn.
Es macht sich nun bezahlt, dass wir die Grundlagen zu sozialen Systemen bereits im
einleitenden Abschnitt 3.01 vorweggenommen haben. Nun können beide Aspekte
wiederholend und in einem etwas anderen Licht dargestellt werden:
a.) Selbstreferenz der Operationen bedeutet, dass Kommunikation prinzipiell so gebaut ist,
dass weitere Kommunikation anschließen kann. Egal, was man sagt, immer besteht die
Möglichkeit, etwas Bezug nehmendes zu sagen. Man kann mit ablehnender, bestätigender,
fragender usw. Kommunikation anknüpfen. Das gilt im Bereich der psychischen Systeme
auch für Gedanken. Daraus folgt, dass Komplexität nie endgültig festgemacht werden kann,
sondern immer offen bleibt, da aufgrund der Rekursivität der Operationen immer andere
Selektionen getroffen werden.
b.) Komplexität, die in der Form von Sinn repräsentiert ist heißt, dass die Zwei-Seiten-Form
Sinn, die durch die Unterscheidung Aktualität / Potentialität beschrieben werden kann, als
Medium fungiert und es ermöglicht, die Form der Komplexität sozusagen in
sinnverarbeitende Systeme einzuschreiben. Es wird die eine Seite der Unterscheidung,
22
Luhmann: GG, 1998, S.141.
Komplexität bei Luhmann
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nämlich selektive Relationierung der Elemente, in sinnverarbeitende Systeme repräsentiert.
„Wer etwas Bestimmtes erlebt, wird durch diese Bestimmtheit auf anderes hingewiesen, das
er ebenfalls aktualisieren oder wiederum nur potentialisieren kann. Dadurch wird die
Selektivität […] aller Operationen zur unvermeidbaren Notwendigkeit: zur Notwendigkeit
dieser Form von Autopoiesis.“23
In diesem Abschnitt wurde das, was im Komplexitätsbegriff erarbeitet wurde, dass es nämlich
für reale Systeme unvermeidbar ist, dass sie auswählen, welche Elemente sie miteinander
verknüpfen, den Sinnsystemen zugeführt und so verbindet sich das Medium Sinn mit dem
Aspekt, dass das System aus den Möglichkeiten, die sich auf der anderen Seite der Form
befinden (bzgl. System/Umwelt auf der Seite des Systems – bzgl. Aktualität/Potentialität auf
der Seite der Potentialität), seligieren muss. Denkt man dann noch dazu, dass diese
Selektionen in einem Gedächtnis für späteren Gebrauch in anderen Situationen bereitgehalten
werden, kann man sich auf diese Art den Aufbau von Eigenkomplexität in sozialen Systemen
als erste Annäherung erklären.
(c) Reduktion von Komplexität
Luhmann spricht unter Bezugnahme auf den Schriftsteller Kenneth Burke und den
Psychologen Jerome Bruner von „Reduktion der Komplexität“24, will aber vermeiden zu
sagen, dass, wenn Komplexität reduziert wird, der Gegenstand zu einem einfachen wird.
Wenn ein System ein Modell oder eine Beschreibung von seiner Umwelt oder sich selbst
anfertigt, dann operiert es trotzdem noch im Kontext von Komplexität. Die Beschreibungen
sind noch immer komplex insofern, als dass man den Selektionszwang niemals aus
Beobachtungen herausbekommt, nur wird diese Komplexität dem Gegenstand nicht mehr voll
gerecht. Das gilt für die Systemtheorie als auch für die Systeme, die sie beobachtet. Ein
Grund, warum Luhmann das so betont ist Folgender: Die Systemtheorie kann sich nicht mehr
auf Modelle oder Idealisierungen der Forschungsgegenstände berufen25 um die Komplexität in
den Griff zu bekommen, denn sie erhebt den Anspruch autologisch vorzugehen. Da sie sich
gewissermaßen selbst als (Teil-)System betrachtet, muss sie auch eingestehen – wie oben
beschrieben - dass Beschreibungen der Gegenstände als Modell oder Ideal selbst komplex
sind. Die für Luhmann geeignete Methode der Komplexität gerecht zu werden ist
Beobachtung zweiter Ordnung. Man fragt zunächst nach einem Beobachter (ohne den es auch
23
Luhmann: GG, 1998, S.142.
Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.143f.
25
„[…] [S]olch ein Vorgehen würde Komplexität mit Komplikation missverstehen“. Luhmann: GG, 1998, S.144.
24
Komplexität bei Luhmann
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keine Komplexität, da keine Selektionsmöglichkeit, geben würde). Diesen beobachtet man
und das bedeutet, man trachtet danach herauszufinden, welche Unterscheidungen er trifft. Die
Autologie, auf die Luhmann Wert legt, kommt dadurch zustande, dass man sich selbst als
Beobachter versteht. Dadurch lernt man durch das Beobachten von Beobachtern auch etwas
über sich selbst, und kann darauf verzichten, externe Identitäten für die Erklärung von
Komplexität zu beanspruchen.
Reduktion von Komplexität heißt also nicht, dass man sich mit Modellen oder Idealisierungen
des beobachteten Systems begnügt, sondern man versucht zu verstehen, mit welchen
Unterscheidungen das beobachtete System operiert.
Wir haben in diesem Kapitel mit den grundlegenden Eigenschaften von sozialen Systemen
(und damit der Gesellschaft) begonnen. Danach wurde der Komplexitätsbegriff als Paradox
eingeführt, der sich durch zwei weitere Unterscheidungen zum für die Systemtheorie
relevanten Komplexitätsbegriff entfaltet hat: Komplexität beginnt immer bei einem
sinnverarbeitenden System, das durch das Beobachten der von ihm selbst produzierten
Unterscheidung System/Umwelt dazu gezwungen ist auszuwählen, wie weiter operiert wird,
was also von den Möglichkeiten aktualisiert wird. Das gleiche gilt auch für den Beobachter
zweiter Ordnung, der das System und das Operieren auf seinen Unterscheidungen beobachtet.
Luhmann beobachtet, wie das Gesellschaftssystem unterscheidet, verzichtet aber darauf,
Modelle oder Idealisierungen anzufertigen, sondern lässt Komplexität unaufgelöst stehen weil
er weiß, dass er selbst am Gesellschaftssystem beteiligt ist und durch seine Beschreibungen
ebenfalls wieder Komplexität aufbaut. Die Reduktion der Komplexität kommt dadurch
zustande, dass er fragt, wie die Komplexität beobachtet wird, also welchen Unterscheidungen
(oder auch Entscheidungen) sie zugrunde liegt.
Im Folgenden werden wir den Versuch Luhmanns, Systemtheorie und Evolutionstheorie zu
verbinden, nachvollziehen und den Akzent dabei auf jene Aspekte legen, die uns helfen zu
verstehen, wie und nach welchen Kriterien (falls es welche gibt) Selektion zustande kommt.
Dabei sollte dann klar werden, wie der Aufbau von Eigenkomplexität im Laufe der
Differenzierung des Systems Gesellschaft zustande kommt.
Komplexität bei Luhmann
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4.
Die Evolution als komplexitätstreibender
Mechanismus in Systemen
„Gesellschaft ist das Resultat von Evolution.“26 Mit diesem ersten Satz aus dem Kapitel über
Evolution leitet Luhmann seine Beobachtungen über die verschiedenen Spielarten der
Evolutionstheorie ein, die auf den darauf folgenden Seiten dazu führen, Evolutionstheorie und
Systemtheorie zusammen zu denken und die erstere als wichtigen Bestandteil von letzterer
herauszustellen. Da der Weg dorthin für den Einsatz des Begriffs Komplexität wichtig ist,
werden wir ihn in den relevanten Teilen nachvollziehen.
Der wichtigste Aspekt, der für Luhmann als „Leitfaden für die weitere Analyse“ dient, ist die
„Paradoxie der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen“.27 Wie so oft bei Luhmann,
wird von einer Paradoxie ausgegangen. Nach diesem Paradox steht wieder in Frage, wie es
sich auflösen, entfalten lässt. Zunächst muss man aber verstehen, was mit Wahrscheinlichkeit
des Unwahrscheinlichen gemeint ist. Etwas kann unwahrscheinlich im Hinblick auf seine
Entstehung sein, doch sobald einmal entstanden, zur Normalität werden. Die Entstehung des
Lebens hat unter Bedingungen stattgefunden, die hochgradig unwahrscheinlich waren. Heute
wird die gesamte Erde mit Leben bevölkert und es ist sehr wahrscheinlich, dass dies noch
länger so bleibt. Die gesamte Evolutionstheorie beschäftigt sich nun mit der Frage, wie beides
zusammenpasst.
Der Begriff der Komplexität wurde auch von einem Paradox aus durch weitere
Unterscheidungen entfaltet. Bei der Evolutionstheorie wird das Problem in die Zeit verlegt. Es
wird gefragt, wie eine „geringe Entstehungswahrscheinlichkeit in hohe
Erhaltungswahrscheinlichkeit transformiert“28 werden kann. Luhmann fasst das Problem mit
den Worten von Herbert Spencer als „Morphogenese von Komplexität“29. Die Auflösung
dieses Problems wird durch 3 Begriffe vorgeführt: a.) Variation, b.) Selektion, c.)
Restabilisierung. Um die Theoriefigur Luhmanns, die auch bei der Entfaltung des
Komplexitäts-Paradoxes zum Zug kam, klarer herauszustreichen, lassen wir Luhmann dazu
etwas länger zu Wort kommen:
„Daß zwischen Variation, Selektion und Restabilisierung unterschieden wird, hat
einen Sinn, den die Unterscheidung selbst zugleich verdeckt. Die Unterscheidung
erklärt, daß und wie es möglich ist, vorübergehende und wieder entfallende
Konstellationen zu nutzen. Sie dient der Entfaltung des Paradoxes der
26
Luhmann: GG, 1998, S.413.
Luhmann: GG, 1998, S.413.
28
Luhmann: GG, 1998, S.414.
29
Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.415.
27
Komplexität bei Luhmann
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Seite 12
Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen mit Hilfe einer anderen Unterscheidung.
Die Begriffe Variation und Selektion verlagern das Problem auf eine andere Ebene
und verdrängen dadurch die Frage nach der Einheit der Unterscheidung von
wahrscheinlich und unwahrscheinlich. Sie bringen das Ausgangsparadox in eine besser
handhabbare Form; und dies natürlich sprunghaft, logisch nicht nachvollziehbar,
kreativ. Das Paradox verliert die Wiedererkennbarkeit, es wird invisibilisiert, und an
seine Stelle tritt eine andere Unterscheidung, die Aussichten auf empirische
Fragestellungen eröffnet. Denn man kann jetzt fragen, unter welchen Bedingungen
sich Mechanismen der Variation und Mechanismen der Selektion trennen und sich
daraufhin durch einen Beobachter unterscheiden lassen.“30
Es werden nun die drei Begriffe in zwei zwei-Seiten-Formen gebracht:
x.) Variation/Selektion
y.) Selektion/Restabilisierung
Bei einer zwei-Seiten-Form kann immer nur eine Seite Bezeichnet werden, daher ist der
Übergang zwischen Variation und Selektion und der zwischen Selektion und Restabilisierung,
der als Grenze bezeichnet wird, ein blinder Fleck.
Bis jetzt ist noch kein expliziter Zusammenhang mit der Systemtheorie aufgetaucht. Genau
das hat Luhmann aber im Blick und durch die Formulierung der Evolutionstheorie als Paradox
und ihrer Entfaltung durch die beiden Unterscheidungen x und y hat er bereits erste
Vorbereitungen für einen Anschluss durchgeführt. Zunächst aber werden Versuche
zurückgewiesen, die Systemtheorie mit der Evolutionstheorie so zu verknüpfen, dass als
Referenz das Individuum herangezogen wird, da seine Theorie sozialer Systeme „schärfere
Abstraktionen, aber auch größere Genauigkeit in den Begriffen“31 fordert.
Versucht man nun, die Evolutionstheorie für die Theorie der Gesellschaft als soziales System
nutzbar zu machen, muss man a,b und c auch in diesem Lichte beschreiben und erläutern:32
a.) Variation: verändert/belässt die Reproduktion der Elemente (Operationen) des Systems.
Im Falle von sozialen Systemen bedeutet das einfach, dass es zu überraschender
Kommunikation kommt. Die Variation ist eine Form: kommt vor / kommt nicht vor.
b.) Selektion: ändert/belässt die Struktur des Systems, im Falle von sozialen Systemen
bedeutet das, dass Erwartungen, die die Kommunikation steuern, verändert werden. Selektion
ist wiederum eine Form, deren eine Seite positive Selektion (Annahme der
Strukturveränderung), deren andere Seite negative Selektion (Abweisung der
Strukturveränderung) ist. Welche Seite der Selektion bezeichnet wird, ist maßgeblich vom
30
Luhmann: GG, 1998, S.426.
Luhmann: GG, 1998, S.432.
32
Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.454.
31
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 13
Gedächtnis des Systems und damit verbunden den Selektionskriterien abhängig, denen wir
uns weiter unten zuwenden.
c.) Restabilisierung: ändert/belässt den Zustand des Systems nach einer Selektion (ganz
gleich, ob sie positiv oder negativ ausfällt), damit eine stabile Operationsweise, wie sie auch
vor der Variation vorliegen musste, sich wieder einstellt. Als aktuelles Beispiel könnte man
die Volksbefragung in Irland zum EU-Vertrag angeben. Wird das Befragungsergebnis positiv
seligiert, also in ihren EU-weiten Konsequenzen akzeptiert, muss man sich überlegen, was das
nun für die einzelnen Nationen und für die EU als Ganze bedeutet. Wird aber negativ seligiert
und geleugnet, dass dieses kleine Land für alle übrigen Länder die Ratifizierung des EUVertrags unterbinden könnte, muss man sich ebenfalls überlegen, wie man die EU hinsichtlich
der rechtlichen und demokratischen Gegebenheiten stabil halten kann. Luhmann dazu: „[E]s
kann durchaus sein, daß die Innovationswirkung einer abgelehnten Innovation langfristig
gesehen viel größer ist als die Innovationswirkung einer durchgeführten Innovation – zum
Vorteil oder zum Nachteil des Systems.“33 Egal wie seligiert wird, die Komplexität steigt an
und dies muss im System entsprechend verdaut werden. Dies ist unter Restabilisierung zu
verstehen.
Folgende Eigenheiten bzw. Neuheiten in Bezug auf klassische (z.B. darwinsche)
Evolutionstheorie sind herauszuheben:

Keine „natürliche Auslese“: Das bedeutet, dass die Selektion nicht auf Seiten der
Umwelt des Systems, sondern vom System selbst vorgenommen wird. Von der
Umwelt dringen Irritationen an das System, die – das ist ein wichtiger Aspekt in
der Systemtheorie – die Struktur des Systems nicht determinieren, sondern von
denen das System aufgrund seiner vergangen Operationen und seiner Erwartungen
(wie genau, ist noch zu klären) entscheidet, ob sie Unterschiede im System
hervorbringen sollen.34

Zirkuläres Verhältnis zwischen stabilem System und Evolutionsmechanismus: Wie
bei c.) kurz angedeutet, muss es vor der Variation einen stabilen Zustand gegeben
haben, was bedeutet, dass das System zum Zeitpunkt vor der Variation „normal“
operiert hat. Dadurch wird das Verhältnis dieser 3 Begriffe ein Zirkuläres, wovon
33
Luhmann: GG, 1998, S.488.
Hierbei erscheint Gregory Bateson Definition von Information auch etwas klarer: information is a difference
that makes a difference. Information ist jener Unterschied, der aufgrund der Verarbeitungsweisen des Systems
einen Unterschied im System macht.
34
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 14
nur die Selektion als Mittelbegriff immer nach einer Variation zum Zug kommt.
Sobald es zu unerwarteter Kommunikation kommt (Variation) wird positiv oder
negativ seligiert worauf eine Restabilisierung erfolgt, bei der dann bei
zunehmender Komplexität mit vermehrten Variationen angeschlossen werden
kann. „Evolution ist daher immer nur Modifikation bestehender Zustände[…]“35

Endlosprozess durch doppelten„Zufall“: Bei beiden Unterscheidungen x und y
wird die Grenze als „Zufall“ angesehen, da er für einen Beobachter ein blinder
Fleck ist. Der Beoachter kann immer nur eine der beiden Seiten bezeichnen und
kann sich den Übergang nur als „Zufall“ erklären. „Zufall“ aber wird bei Luhmann
als „[…] Fähigkeit eines Systems, Ereignisse zu benutzen, die nicht durch das
System selbst (also nicht im Netzwerk der eigenen Autopoiesis) produziert und
koordiniert werden können […]“36 bezeichnet. Zufälle sind also im Prinzip
Chancen, Risiken, Gelegenheiten, die Struktur des Systems auszuweiten (z.B. neue
Erwartungen aufzubauen). Dadurch, dass die Theorie mit zwei Unterscheidungen
arbeitet, in denen jeweils eine Seite sich „zufällig“ mit der anderen kombiniert, ist
ein Endlosprozess möglich, der bei nur einer Unterscheidung nicht möglich wäre.
Erst durch die Selektion der Variation kann die Selektion durch Restabilisierung
zu einem neuen stabilen Zustand geführt werden, der zu neuer Variation anregt
usw. ad infinitum.
Wir haben gesehen, dass beim Evolutionsmechanismus ähnlich wie beim Komplexitätsbegriff
mit einer Paradoxie begonnen wird, die dann durch weitere Unterscheidungen (x und y)
aufgelöst wird und durch die eine systemimmanente Entwicklung (Aufbau von Komplexität)
möglich wird, für die die Umwelt lediglich Irritationen liefert. Ohne diese Irritationen würde
die Entwicklung jedoch irgendwann stagnieren. Eine wichtige Frage ist nun, wie innerhalb der
Gesellschaft seligiert wird. Dieser wollen wir uns im Folgenden widmen.
4.01
Selektionsmechanismen der Gesellschaft
„Wenn man die Theorie operativ geschlossener, strukturdeterminierter Systeme akzeptiert,
muß man davon ausgehen, daß Systeme ihre Strukturen nur mit den eigenen Operationen
ändern können, wie immer diese in der Form von Störungen, Irritation, Enttäuschung, Mangel
35
36
Luhmann: GG, 1998, S.455.
Luhmann: GG, 1998, S.450.
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 15
etc. auf Umweltgeschehnisse reagieren. Wir müssen also die Gesellschaft selbst auf ihre
Selektionsmechanismen hin untersuchen.“37
Wir hatten gesagt, dass Selektion genau dann zum Zuge kommt, wenn Variation auftritt. Es
passiert eine ungewöhnliche Kommunikation und im System wird entschieden, ob sie einfach
vorüber geht, ohne dass Strukturen geändert (z.B. Erwartungen aufgebaut) werden oder nicht.
„Die Selektion ist also eine Zwei-Seiten-Form: wenn nicht positiv dann negativ. Daß sie Form
ist, unterscheidet sie zugleich von der Variation, die ihrerseits Form ist, weil sie vorkommen –
oder nicht vorkommen kann. Die Form der Evolution (Variation/Selektion) ist mithin eine
Form zweiter Stufe, eine aus Formen gebildete Form.“38
Wie entschieden wird, auf welcher Seite der Selektion weiteroperiert wird, hängt im
Normalfall nicht von einer einzigen Kommunikation ab. Dies lässt sich durch die
Unterscheidung von Interaktionssystem und Gesellschaftssystem näher erläutern. Ein
Interaktionssystem beschreibt Kommunikation unter Anwesenden, wobei die Kommunikation
jedoch auch zum Gesellschaftssystem gehört und dieses reproduziert.39 Es geht nun darum,
wie sich etwas, dass sich in einem einzelnen Interaktionssystem durchsetzt, auch
gesamtgesellschaftlich durchsetzt. Im Interaktionssystem kann keine Evolution im
Luhmannschen Sinne stattfinden, da so gut wie jede Variation auch seligiert wird (Variation
und Selektion also nicht unabhängig von einander etabliert werden können).
Strukturveränderungen sind also sehr wahrscheinlich. Dieses hohe Risiko (es könnte zu
Konflikten und dadurch vielleicht zum Ende des Operierens des Systems kommen) ist aber
nur möglich, weil das Interaktionssystem sich sicher sein kann, dass das Gesellschaftssystem,
in das es eingebettet ist, fortbesteht.
Es gibt also einen gewissen Diffusionsfilter, der eine Barriere zwischen Interaktionssystem
und Gesellschaftssystem darstellt, damit nicht jede Kommunikation gleich eine
Strukturveränderung innerhalb der Gesellschaft bewirkt40 (Sonst könnte eine einzelne
Stammtischrunde jederzeit die Politik eines Landes beeinflussen). Man könnte nun in der
Gesellschaftstheorie ins Detail gehen und sich genauer ansehen, wie die Selektion in den
einzelnen Gesellschaftsdifferenzierungen von segmentären Gesellschaften hin zur funktional
differenzierten Gesellschaft aussieht.41 Wir wollen uns hier auf den Hinweis beschränken,
37
Luhmann: GG, 1998, S.478.
Luhmann: GG, 1998, S.474. Restabilisierung wird hier interessanterweise ausgespart.
39
Dazu vgl. Luhmann: GG, 1998, S.814-826.
40
Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.479.
41
Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.479-484.
38
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 16
dass dies mittels Religion und/oder mittels symbolisch generalisierten
Kommunikationsmedien (wie Macht oder Geld) geschehen kann. Worauf es ankommt ist, was
diese gemeinsam haben und das ist nach Luhmann die Beobachtung zweiter Ordnung:
„In beiden Bereichen etabliert die Selektion sich auf der Ebene der Beobachtung zweiter
Ordnung. Die Religion beobachtet Gott als Beobachter der Menschen, die symbolisch
generalisierten Kommunikationsmedien dirigieren das Beobachten anderer Beobachter, etwa
in den Märkten des Wirtschaftssystems oder im Bereich der Wissensbehauptungen. Die jetzt
nötigen Selektionseinrichtungen distanzieren sich von der Unmittelbarkeit des
Variationsgeschehens wie ein Beobachter, der beobachtet, was andere Beobachter
beobachten.“42
Dies ist aber, wie wir in Abschnitt 3.02 c.) festgestellt haben, gerade das, was auch dem
soziologischem Beobachter bei der (Selbst)Beschreibung der Gesellschaft empfohlen wird.
Dadurch ist erneut eine autologische Verbindung gezeichnet in der der soziologische
Beobachter konsequent als ein Teilsystem der Gesellschaft integriert wird und dadurch
ebenfalls den Selektionsmechanismus Beobachtung zweiter Ordnung verwendet. Oder
umgekehrt: Das beobachtete System macht genau dasselbe wie der Beobachter: (so banal es
klingt) kontingent beobachten.
Damit haben wir den zentralen Selektionsmechanismus gefunden. Durch die Beobachtung
zweiter Ordnung distanziert sich das System von den einzelnen Variationen und hat dadurch
eine stabilere Entscheidungsgrundlage. Im Folgenden akzeptieren wir, dass die Evolution
durch Variation, Selektion und Restabilisierung zu (Zwischen)Ergebnissen kommt, die die
Komplexität des Systems erhöhen, stellen aber die Frage, was unter „höherer Komplexität“
überhaupt zu verstehen ist.
4.02
(Zwischen)Ergebnisse der Evolution
Was die oben diskutierten Evolutionsmechanismen im System bewirken ist höhere
Komplexität. Zum Abschluss wollen wir genauer untersuchen, was höhere Komplexität heißt
und inwiefern sie möglich wird.43
Ein Ergebnis von Evolution bezeichnet Luhmann als „evolutionäre Errungenschaft“, wenn das
Ergebnis a.) sich zur Lösung eines Problems eignet (wobei das Problem vorher nicht bekannt
sein muss, sondern sich erst beim Entstehen dieser Lösung als problematisch herausstellt) und
42
Luhmann: GG, 1998, S.484.
Wir beziehen uns dabei auf den Abschnitt Evolutionäre Errungenschaften aus dem Kapitel 3. Vgl. Luhmann:
„VIII. Evolutionäre Errungenschaften“. In: GG, 1998, S.505-516.
43
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 17
b.) evolutionär vorteilhaft ist. Letzteres heißt, dass die Errungenschaft Komplexität reduziert,
indem es sich auf etwas Bestimmtes beschränkt (Reduktion) und dadurch auf dieser Basis
dem System zu höherer Komplexität verhelfen kann.
„So reduziert ein Straßennetz die Bewegungsmöglichkeiten, um leichtere und
schnellere Bewegung zu ermöglichen und damit die Bewegungschancen zu
vergrößern, aus denen man konkret auswählen kann. Steigerung durch Reduktion von
Komplexität: evolutionäre Errungenschaften wählen Reduktionen so, daß sie mit
höherer Komplexität kompatibel sind, ja sie oft erst (und oft sehr allmählich)
ermöglichen.“44
An diesem Punkt wird die Bedeutung und Tragweite von Komplexitätsreduktion erst wirklich
klar. Dadurch, dass sie etwas auf ein sagen wir sinnvolles Minimum reduziert, ermöglicht es
den Aufbau von weiterer Komplexität, da an Einfachem & Minimalem leichter und vor allem
vielfältiger angeschlossen werden kann. Luhmann nennt z.B. Landwirtschaft, Schrift und
Telekommunikation als zentrale evolutionäre Errungenschaften der Gesellschaft, die in
vielerlei Hinsicht benutzt und mittlererweile für die Gesellschaft unentbehrlich sind. Das
Internet (das wiederum die Telekommunikation nutzt) etabliert sich auch zu einer solchen
Errungenschaft, da sie auf neue und einfache Art vielfältige Kommunikation ermöglicht.
Niemand, der jemals in einem Online-Bibliothekskatalog erfolgreich gesucht hat wird sich mit
einem auf Papier vorhandenen Katalog zufrieden geben, in dem man mühsam nach seinem
Stichwort suchen musste, obwohl man eigentlich die Bücher ausleihen und lesen wollte,
anstatt sie zu suchen.
Man sieht sowohl beim Straßennetz als auf dem Elektronischen Datenhighway: Einmal
eingeführt, sind evolutionäre Errungenschaften nur mehr mit katastrophalen Folgen abbaubar.
Man kann nicht plötzlich die Schrift abschaffen. Sehr wohl gibt es aber Gesellschaften, die
ohne Schrift überlebt haben, da – und das bezieht sich zurück auf das, was wir in a.)
erwähnten – die Probleme zumeist erst mit den Lösungen, also mit den Errungenschaften
entstehen. Evolutionäre Errungenschaften sind jedenfalls, soviel können wir festhalten, nicht
Ergebnis der Suche nach Problemlösungen.45 Das Internet wurde nicht zum Zwecke der
allgemeinen Kommunikation entwickelt, sondern aufgrund militärischer Überlegungen,
Forschungs- und Militärcomputer zu vernetzen. Erst allmählich hat es sich in
Alltagsbereichen bewährt. Heute wird es in fast jedem gesellschaftlichen Subsystem
(Wirtschaft, Recht, Familie, Kunst,…) verwendet und es ist nicht absehbar, inwieweit das
44
Luhmann: GG, 1998, S.507.
Das kann zwar auch passieren, doch sehr oft wird die Struktur, die sich entwickelt hat, in einem ganz anderen
Sinne verwendet, wo sie dann erst wirklich erfolgreich wird. Vgl Luhmann: GG, 1998, S.509.
45
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 18
Internet die Gesellschaft als Ganzes verändert.46 Man weiß (aufgrund der nicht
vorhersehbaren evolutionären Mechanismen) nicht, inwieweit evolutionäre Errungenschaften
neue Komplexitäten erschließen. Allein durch den Begriff der evolutionären Errungenschaften
ist also noch nicht gesagt, wie gewichtig die Neuerungen sein werden. Das zeigt Luhmanns
amüsante Aneinanderreihung von Beispielen evolutionärer Errungenschaften:
“Die Landwirtschaft gehört dazu [zu den evolutionären Errungenschaften, AK], aber
auch der Füllfederhalter, der von der Anwesenheit des Tintenfasses befreit; die
Erfindung der Töpferscheibe und die Verlängerung des Familienbewusstseins durch
die Erfindung von Großvätern, der Computer und das Fegefeuer zur Überbrückung der
Zeitdistanz bis zum Jüngsten Gericht, die Druckpresse, aber auch die (schon vorher
eingeführte) Pagination, die Sachregister und leichtere Verweisungen in Büchern
ermöglicht. Allein anhand des Begriffs ist kein Überblick zu gewinnen.“47
Luhmann klärt aber auf, dass so genannte „epochemachende“ Errungenschaften zumeist
dadurch gekennzeichnet sind, dass sie die Verbreitungsmedien der Kommunikation (Schrift,
Telekommunikation, Internet) oder Systemdifferenzierungsformen (Segmentierung,
funktionale Differenzierung) verändern. Dadurch kann der Beobachter bestimmte
Gesellschaften leichter voneinander unterscheiden.48 Doch man kann damit Epochen nicht
eindeutig zuordnen, da man sie entweder nach Errungenschaften im Bereich der
Verbreitungsmedien oder im Bereich der Formen der Systemdifferenzierung unterteilen kann,
die sich meistens zu unterschiedlichen Zeitpunkten veränderten. „Wenn man [also, AK]
wissen will wie die moderne Gesellschaft sich selber historisch abgrenzt, muß man sie
deshalb von einer Ebene zweiter Ordnung aus beobachten. Man muß beschreiben, wie sie sich
selbst beschreibt.“49
Und wieder einmal zeigt diese Äußerung Luhmanns seine autologische Vorgehensweise.
Gerade eben war er noch dabei zu erklären, wie zentrale evolutionäre Errungenschaften
bestimmt werden können. Doch im obigen Zitat schließt er aus der zweifelhaften Möglichkeit
des Beobachters, Epochen nach zentralen evolutionären Errungenschaften einzuteilen, auf die
Art und Weise, wie man Gesellschaftstheorie betreiben muss. Solche Hinweise und
Selbstbestätigungen innerhalb der Beschäftigung mit dem Gegenstand finden sich immer
wieder und sind Teil der Luhmannschen Methode, die dadurch ihre Stützung von innen heraus
erhält.
46
Obwohl man natürlich zu erraten versucht, wie es das tun könnte. Vgl. Baecker: Studien zur nächsten
Gesellschaft, 2007.
47
Luhmann: GG, 1998, S.514.
48
Vgl. Luhmann: GG, 1998, S.515f.
49
Luhmann: GG, 1998, S.516.
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 19
Damit brechen wir die Untersuchungen ab und geben im Folgenden eine
Abschlussbetrachtung.
5.
Schlussbetrachtung
Wir sind auf der Suche nach der Beschreibung und der Funktion von Komplexität in
Luhmanns Werk „Gesellschaft der Gesellschaft“ allmählich immer weiter in die
systemtheoretischen Begrifflichkeiten gekommen und man müsste die Reise hier noch nicht
abbrechen, da sich gerade in Teilen, wo die verschiedenen Selbstbeschreibungen der
Gesellschaft beschrieben werden, Anwendungen des Instruments Komplexität sowie
Komplexitätsreduktion zeigen lassen könnten. Trotzdem können wir zusammenfassend sagen,
dass wir durch unseren Gedankenweg Antworten auf die eingangs gestellten Fragen gefunden
haben:
1.
Die Frage, unter welchen Bedingungen sich Komplexität aufbauen kann, hat uns zur
Untersuchung der Charakteristika von Gesellschaft, insofern man sie als soziales System
beschreibt geführt. Wichtig ist hierbei die Eigenschaft der operationalen Geschlossenheit. Erst
dadurch, dass Operation an Operation, Kommunikation an Kommunikation anschließen muss,
kann das System ab einer bestimmten Komplexität Beobachtung und Selbstbeobachtung
innerhalb der Operationen einführen (Re-Entry), was dann zur Sinnverarbeitung führt, die für
soziale und psychische Systeme verbindlich, da nicht negierbar, ist.
2.
Wir sind dann im Zuge der Begriffsklärung von Komplexität darauf gekommen, dass
Sinnsysteme einem Selektionszwang unterliegen, das heißt sie müssen notwendigerweise aus
den Möglichkeiten, die sie haben, auswählen, da es nicht möglich ist, alle Verbindungen zu
realisieren. Erst dadurch sind die Bedingungen der Möglichkeit Eigenkomplexität aufzubauen,
gegeben.
3.
In Anschluss an 2 ergibt sich die Frage, wie Eigenkomplexität nun im Laufe der Zeit
zustande kommt. Dabei haben wir die Verbindung von Systemtheorie und Evolutionstheorie
untersucht, die Luhmann im 3. Kapitel von GG vornimmt und sind dabei auf die Begriffe
Variation, Selektion und Restabilisierung gekommen. Wenn Variationen vorkommen, muss
entschieden werden, ob sie akzeptiert (Strukturänderung) oder nicht akzeptiert (keine
Strukturänderung) werden. In beiden Fällen muss das System seinen Zustand stabilisieren. Bei
der Untersuchung der Selektionsmechanismen sind wir auf die Beobachtung zweiter Ordnung
gekommen, die innerhalb des Gesellschaftssystems stattfindet und sich von den Variationen
soweit distanziert, dass sie stabilere, robustere Entscheidungen treffen kann. Als
Zwischenergebnisse von Evolution können evolutionäre Errungenschaften angegeben werden,
die irreversibel sind und aufgrund anfänglicher Komplexitätsreduktionen der Gesellschaft
allmählich zu höherer Komplexität verhelfen, die aber nicht dazu bestimmt sind, Epochen
eindeutig abzustecken.
Zusätzlich ist uns die einheitliche Vorgehensweise bei den Begriffsbestimmungen
Komplexität und Evolution aufgefallen, die immer von einer Paradoxie ausging und diese
dann allmählich und durch zusätzliche Unterscheidungen zu verdecken begann. Immer wieder
haben wir auch die autologische Vorgehensweise bei den Teilresultaten der
Gesellschaftsanalyse beobachtet und thematisiert, die für uns das eigentlich beeindruckende in
dieser Theorie darstellt und die vermutlich Thema weiterer Untersuchungen sein wird.
Komplexität bei Luhmann
Kirchner
Seite 20
Komplexität bei Luhmann
6.
Kirchner
Seite III
Literaturverzeichnis
Baecker, Dirk
[Studien zur nächsten Gesellschaft, 2007]:
Studien zur nächsten Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.
Kirchner, Andreas
[(Wie) ist nicht-ontologische Theorie möglich, 2008]:
(Wie) ist nicht-ontologische Theorie möglich? Konsistenzprüfung der Luhmannschen
Systemtheorie. Online im Internet: URL: http://sammelpunkt.philo.at:8080/1766/ [2008-0706].
Luhmann, Niklas
[GG, 1998]:
Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998.
Maturana, Humberto; Varela, Francisco
[Der Baum der Erkenntnis, 1987]:
Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens. 11. Aufl. Bern
und München: Scherz, 1987.
Spencer-Brown, George
[Laws of Form, 1979]:
Laws of Form. Neudruck. New York: 1979. Zit. bei: Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der
Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998, S.179.
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