Der Kaukasus

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KONFLIKTE IM KAUKASUS
1.Der Kaukasus – Geografie
„Kaukasus“ ist im Deutschen ein Terminus mit zwei verschiedenen Bedeutungen. Im
engeren Sinne bezeichnet er das 1500 km lange, bis 180 km breite und im Elbrus
mit 5.633 m gipfelnde Faltengebirge. Im weiteren Sinne versteht man unter
Kaukasus die ganze, ca. 440.000 qkm umfassende Landbrücke zwischen
Schwarzem und Kaspischem Meer von der Manytsch–Kuma–Niederung im Norden
bis zu den Hochländern von Anatolien und Armenien im Süden. In diesem weiteren
Sinn umfasst der Kaukasus sehr unterschiedliche Natur- und Kulturräume. Die
natürliche Differenzierung beruht in erster Linie auf den unterschiedlichen
Höhenlagen und der damit unterschiedlichen klimatischen Ausprägung.
Die kulturräumliche Differenzierung ist Folge einer langen, wechselhaften
Geschichte, in der aus unterschiedlichen Richtungen verschiedene Einflüsse
wirksam werden konnten.
Kaukasien kann in vier natürliche Großeinheiten gegliedert werden: das
Kaukasusvorland, den Großen Kaukasus, die Transkaukasische Beckenzone und
das Transkaukasische Bergland ( Kleiner Kaukasus ).
Der Große Kaukasus erstreckt sich zwischen dem 40. und 44. Grad nördlicher
Breite und dem 39. und 49. östlichen Längengrad, zwischen der ungeheuer großen
Ebene im Norden, die sich bis zur Barentsee erstreckt und nur durch das WaldaiGebirge und einige andere kleinere Erhebungen unterbrochen wird und der
Transkaukasischen Tiefebene, die im Süden den Großen Kaukasus vom Kleinen
Kaukasus trennt.
In südöstliche Richtung verlaufend weist der Kaukasus eine Länge von 1500 km auf
von der Taman-Halbinsel am Schwarzen Meer bis zur Apscheron-Halbinsel am
Kaspischen Meer. Während das Gebirge bei Noworossisk nur 30 km breit ist,
erreicht es im Bereich des Elbrus mit rund 180 km seine größte Breite. Der
Kaukasus gehört der alpidischen Faltungszone der Erde an.
Der Elbrus, mit 5633 m der höchste Berg des Kaukasus, bildet die Grenze zwischen
dem Westlichen Kaukasus, der sich bis zum Kasbek, dem zweithöchsten Berg
dieses Gebirgszugs, erstreckt und dem Zentralen Kaukasus. Dieser wiederum bildet
mit mehreren Fünftausendern den höchsten Teil des Kaukasus. Der Östliche
Kaukasus ist mit vielen Gipfeln über 4000 m zwar niedriger als der Zentrale, aber
höher als der Westliche Kaukasus.
Von ausschlaggebender Bedeutung für das Klima des Großen Kaukasus ist seine
Lage zwischen der gemäßigten und der subtropischen Zone und dem
feuchtmaritimen Einflussbereich atlantisch – mediterraner Luftbewegung und der
trocken – kontinentalen sibirisch – mittelasiatischen Luft. Die hohe Gebirgsschranke
verschärft diese Unterschiede. Nur gelegentlich überfließt im Winter nördliche kalte
Luft die beiden niedrigen Ost- und Westflügel des Gebirges.
Entsprechend gliedert sich die natürliche Vegetation. Für den SW – Abhang des
Großen Kaukasus sind die „kolchischen“ Wälder kennzeichnend, das Unterholz ist
dicht und immergrün. Für die warm-feuchte Stufe ist der Anbau von Tee,
Zitrusfrüchten, Wein und Tabakkulturen typisch. An die kolchischen Wälder schließt
sich ein Laubwaldgürtel an, über 1900 m Fichten- und Tannenwälder.
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Die wichtigsten Bodenschätze des Großen Kaukasus sind die randlichen
Erdöllagerstätten im Kubangebiet, bei Grosnji, in Dagestan, vor allem aber am und
im Kaspischen Meer. Steinkohlelager gibt es in Kutaisi und Manganerzlager in
Tschiatura.
Der Kleine Kaukasus besteht aus mehreren Gebirgsketten. Die höchste Erhebung
ist der Gjamysch mit 3.322 m.
Einerseits bildete der Kaukasus schon immer einen natürlichen Sperrriegel zwischen
Vorderasien und Südosteuropa, andererseits kann er auch als Bindeglied zwischen
europäischer und asiatischer Kultur angesehen werden.
2. Völker und Sprachen des Kaukasus
Kaum eine Region der Erde ist als eine historisch gewachsene und in sich
geschlossene geographisch-kulturelle Einheit so reich an Völkern, Sprachen und
Kulturen wie der Kaukasus. Nicht wenige dieser Völker sind durch die
Willkürherrschaft der sie umgebenden Großmächte, durch Kriege, Deportationen
und nicht zuletzt durch Überfremdung vom Aussterben bedroht. Der Vergleich mit
den nordamerikanischen Indianern drängt sich geradezu auf.
Im ungefähr 400.000 Quadratkilometer großen Gebiet des Kaukasus oder
Kaukasiens leben etwa 22 Millionen Menschen. Die Bezeichnung „Kaukasische
Völker“ meint sowohl die im Nord- wie im Südkaukasus lebenden Ureinwohner (
Georgier, Armenier, Abchasen, Adygen, Kabardiner, Inguschen, Tschetschenen, die
Völker Dagestans ) als auch die durch Zuwanderung und Assimilierung
entstandenen Völker ( Osseten, Balkaren, Karatschaier, Aseris, Kumyken,
Nogaier..). Sie alle haben eine eigene Lebensweise und Kultur, die sich in
unterschiedlichsten Formen ( Dichtung, Kleidung, Tänze, Bräuche..) zeigen. Trotz
unterschiedlicher Religionszugehörigkeit und eigenständigen Entwicklungen ist die
gesamtkaukasische Verwandtschaft unverkennbar: etwa im Sitten- und Ehrenkodex,
in der Verehrung des Gastes..
Der Kaukasus wird auch häufig „Berg der Sprachen“ genannt. Diese – ihre Zahl
schwankt in der Literatur zwischen 45 und 200 – lassen sich in zwei Gruppen
einteilen: in die genuin kaukasischen und in die von Zuwanderern eingeführten. Zu
ersteren zählen die südkaukasischen oder kartwelischen Sprachen ( Swanisch,
Migrelisch, Georgisch, Lasisch 9, die westkaukasischen oder abchasisch –
adygeischen Sprachen ( Abchasisch, Abasinisch, Kabardinisch...) und die
ostkaukasischen oder nachisch – dagestanischen Sprachen ( Tschetschenisch,
Inguschisch, Lesgisch, Lakisch...)
Durch Zuwanderung in den Kaukasus sind indogermanische Sprachen , iranische
Sprachen ( Ossetisch, Kurdisch..), Turksprachen ( Turkmenisch, Aserisch..) und
semitische Sprachen ( Neuassyrisch ) hinzugekommen.
In Dagestan allein leben 32 ethnische Gruppen, deren größte die Awaren sind,
gefolgt von den Darginer, den Kumyken und den Lesgiern.
Transkaukasien ist politisch in die drei schon erwähnten unabhängigen Republiken
Georgien, Armenien und Aserbaidschan eingeteilt. Einige andere Völker bekamen
auf dem Gebiet dieser Staaten den Status der Autonomie. So die Abchasen und
Osseten in Georgien, sowie die Aseri (oder Aserbaidschaner) in Armenien und die
Armenier in Aserbaidschan. Einen Sonderfall stellt die Republik Berg-Karabach dar,
die völkerrechtlich nicht anerkannt ist.
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Im Nordkaukasus, den die Russen etwa seit dem 16. Jahrhundert besiedeln, sind
die Autonomen Republiken Adygeia, Karatschajewo-Tscherkessien, KabardinoBalkarien, Nordossetien, Inguschien und Tschetschenien eingerichtet worden.
Außerdem gibt es die autonome Republik Dagestan, in der viele verschiedene
Völker zusammenleben (vor allem Awaren).
3. Religionen im Kaukasus
In Georgien dominiert die georgisch-orthodoxe Kirche, die eine der ältesten
christlichen Glaubensrichtungen ist. Daneben gibt es allerdings auch noch
zahlreiche muslimische Minderheiten. In Armenien sind circa 90 % der Einwohner
armenisch-gregorianische Christen. Armenien stellt den ältesten christlichen Staat
der Welt dar. Im Nachbarland Aserbaidschan hingegen sind 80 % der Einwohner
muslimischen Glaubens. Hinzu kommt, dass im Süden Transkaukasiens die
sunnitische Türkei und der schiitische Iran angrenzen.
Im Nordkaukasus sind die Russen Anhänger der christlich-orthodoxen Kirche, einige
Völker haben sich dem muslimischen Glauben verschrieben und andere wiederum
haben zum Teil den Glauben an ihre Naturgötter beibehalten.
Die Islamisierung begann bereits im 7. Jahrhundert und dauert bis heute an.
Mehrheitlich sind die Muslime Sunniten, gehören also der Mehrheitskonfession des
Islam an.
Das Christentum erreichte den Kaukasus bereits 400 Jahre früher.
Aufgrund der Geschichte, der verschiedenen Religionen und Kulturen sowie der
Machtinteressen Russlands ergeben sich viele Konflikte, die nicht immer friedlich
gelöst werden konnten.
So streiten sich zum Beispiel seit Jahren Armenien und Aserbaidschan um das
Autonome Gebiet Nagorny-Karabach, andere Völker wollen die völlige
Unabhängigkeit (zum Beispiel Tschetschenen und Abchasen), den Anschluss an
eine andere unabhängige Republik (Südossetien), oder es geht ihnen um nationale
Selbstbestimmung und strittige Grenzziehungen. Verschärft wird diese Situation
noch durch zahlreiche Umsiedlungen, die seitens der Russen vorgenommen wurde,
um den Kaukasus zu "befrieden“.
4. Russlands Eroberungen
Im 16. Jahrhundert begann die Expansion des Russischen Reiches gegen Süden.
Unter Zar Iwan dem Schrecklichen eroberten russische Truppen auf dem Weg
Richtung Kaspisches und Schwarzes Meer Kasan an der Wolga, die Hauptstadt des
Khanats Tatarien, ein Überbleibsel des Mongolenreiches. Im Vorkaukasusland , der
neuen Grenze gegen die Perser und Türken, wurden Wehrsiedlungen der Kosaken
errichtet. Die erste war der Stützpunkt Tarki an der Sunscha / Terek, der damaligen
Nordgrenze des Siedlungsgebietes der Tschetschenen. Die Kontakte zwischen den
Kosaken und Tschetschenen blieben lange Zeit friedlich.
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Ende des 17. Jahrhunderts kämpfte Zar Peter I. im Norden des Russischen Reiches
gegen die Schweden, die zur damaligen Zeit die Ostsee beherrschten. Zar Peter der
Große wollte "das Fenster nach Europa öffnen" und so schlug er auch im Krieg
gegen die Schweden nach mehreren Versuchen dessen König, Karl XI. Er gründete
1703 an der Mündung der Newa die Stadt St. Petersburg (später Petrograd und
Leningrad), die ihm einen Zugang zur Ostsee eröffnete. Da der Finnische
Meerbusen, an dem die Stadt liegt, im Winter stets zugefroren ist, musste Peter der
Große einen Zugang zu einem Meer suchen, das nie vereist.
Dieses Meer fand sich im Süden und so ging Zar Peter daran, das Gebiet am
Schwarzen Meer, welches damals von den Osmanen beherrscht wurde, zu erobern.
Mit seiner am Asowschen Meer aufgestellten Kriegsflotte hatte er allerdings kein
Glück und so musste er gegen die osmanische Übermacht resignieren.
Spätere russische Militärexpansionen konnten zwar mehr Erfolg verzeichnen, doch
erst in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts setzte sich die Meinung in der fernen
Hauptstadt Petersburg durch, dass der Kaukasus russisch werden sollte. Damals
wurde das Reich von der Zarin Katharina II. (1729-1796) regiert, die sich, vielleicht
aus familiären Gründen, nicht nach Westen wandte, sondern nach Süden orientierte.
Mit ihrem Feldherrn, Fürst Potemkin, hatte sie im Kampf gegen das Osmanische
Reich mehr Erfolg als ihr Vorgänger Zar Peter. Potemkin eroberte im Vorkaukasus
wichtige Landstriche von den konkurrierenden Osmanen.
Die systematischen, auf die Mitte und den Osten des Kaukasus zielenden Feldzüge
setzten in den zwanziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ein. Die Zaren
besiegten auch die Perser (Iraner), die „Befriedung“ des Kaukasus sollte jedoch
noch ein halbes Jahrhundert dauern.
Als indirekte Wegbereiter der russischen Expansion spielten die romantischen
Schriftsteller des 19. Jahrhunderts – Lermontow, Puschkin... , die den Kaukasus und
seine Menschen in ihren Texten priesen – eine vielleicht unbeabsichtigte, so doch
wesentliche Rolle.
5. Tschetschenien
5.1 Das Volk
Die Tschetschenen selbst nennen sich Nochtschi (Menschen), sind eines der
ältesten Völker des Nordkaukasus und wurden zwischen dem 10. und 13.
Jahrhundert unter georgischem Einfluss zum Christentum bekehrt. Im 16.
Jahrhundert nahm das Volk, das nach der Vertreibung der Tscherkessen im 19.
Jahrhundert das größte der Region war (und ist), den islamischen Glauben an.
Aufgrund der sehr starken Zerklüftung des Kaukasus war eine Kommunikation
zwischen den verschiedenen Sippen in den Tälern kaum möglich. Es gab deshalb
viele verschiedene Stammesgruppen oder Clans, die ihre eigenen Gesetze und
Rechte kannten. Diese Clans, im Tschetschenischen auch Teips genannt, werden in
zwei Gruppen unterteilt: Zum einen in die Berg-Teips, die angesehenere, radikalere
und militantere (und auch ärmere), sowie in die Teips der Terek-Ebene, die weit
weniger angesehen sind.
Die einzelnen Sippen lebten in einer Demokratie par excellence, es gab keinen
Klerus, keine höhergestellten Gemeinschaftsmitglieder, keinen Adel oder Fürsten.
Bei jeder Entscheidung wurde eine Volksversammlung einberufen, die die politische
Gewalt besaß.
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Traditionell lebten die Tschetschenen in Auls, kleinen Gebirgsdörfer. Ihren
Lebensunterhalt erwirtschafteten sie mit Landwirtschaft, die zum Teil an den
Abhängen des Gebirges möglich war und mit der Schafzucht, die sie auf den
Plateaus betrieben.
5.2 Geschichte
1922 wurde das autonome Gebiet der Tschetschenen, 1924 das der Inguschen
gegründet. Beide wurden 1934 vereinigt und 1936 zur Tschetscheno-Inguschischen
ASSR erklärt.
Während des 2. Weltkriegs erhoben sich die Tschetschenen – unterstützte durch
die Wehrmacht – gegen die Sowjetmacht. Stalin setzte die Rote Armee ein, die aber
kaum Herr der Lage wurde. Als Reaktion darauf ordnete Stalin die Deportation des
gesamten Volkes nach Sibirien und Kasachstan an, bei der 40% der Bevölkerung
vernichtet wurde. Erst 1957 unter Chruschtschow durften die Tschetschenen wieder
zurückkehren.
Mitte der 80er Jahre kam es durch Gorbatschow zu einer Liberalisierung der
Außenwirtschaft in der Sowjetunion. Durch die damit verbunden offeneren Grenzen
ergaben sich der "tschetschenischen Mafia" die Möglichkeiten zum illegalen
Devisen-, Drogen-, Auto- und Waffenhandel sowie zur Prostitution. Die in Ansätzen
zugelassene Privatwirtschaft ermöglichte der Mafia ihr Geld zu waschen. Auch der
Druck von Falschgeld sorgte für Einnahmen der Mafia. Nach russischen Angaben
soll die Wirtschaft Russlands durch diese illegalen Tätigkeiten um 15 bis 20
Milliarden Dollar geschädigt worden sein.
Laut Kennern der russischen Mafiaszene sind Verbrechen solchen Ausmaßes nicht
ohne ein weit verzweigtes System von Korruption und Beziehungen zu den
russischen Behörden möglich. Die Tätigkeit der Mafia ist jedoch nicht nur in
Tschetschenien ein Problem, denn auch in Russland wird ein guter Teil der
Wirtschaft durch die russische Mafia kontrolliert.
Das Sozialprodukt ging 1992 um 68 Prozent gegenüber 1991 zurück und das
Realeinkommen verringerte sich auf ein Viertel. Die Produktionsanlagen im Land
konnten nicht mehr gewartet werden, da die russischen Spezialisten nach Russland
auswanderten. Die tschetschenische Regierung besserte ihr Republikbudget, das zu
57 Prozent aus dem russischen Haushalt finanziert wurde, mit dem eigenmächtigen
Verkauf von rund 2 Millionen Tonnen Erdölprodukten auf, um damit Löhne, Gehälter
und Pensionen der Beschäftigten der bankrotten Staatsunternehmen und der
Staatsbediensteten zu bezahlen.
Boris Jelzin bot im Jahre 1991 den Autonomen Republiken die Unabhängigkeit an,
zwar nicht direkt gegenüber der ASSR Tschetschenien, sondern gegenüber
Tatarstan, die Tschetschenen nahmen ihn trotzdem beim Wort. Gut ein Jahr vor
dem Ende der Sowjetunion am 8. Dezember 1991 bildeten sich in der ASSR
Tschetschenien Parteien und Vereinigungen, die nach Unabhängigkeit strebten,
allen voran der Volkskongress von Dschochar Dudajew. Dieser Volkskongress hatte
einen starken Rückhalt in der Bevölkerung , was vor allem dadurch bedingt war,
dass die wichtigsten Vertreter der großen Clans in ihm vertreten waren.
Nachdem in Moskau ein Putschversuch von Boris Jelzin gegen Michael
Gorbatschow durchgeführt wurde, in dem Dudajew auf Seiten Jelzins stand, kam es
auch in Tschetschenien zu einem Aufstand. Der Oberste Sowjet der ASSR
Tschetscheniens, der mehrheitlich von der KPdSU beherrscht wurde, sich aber auch
nicht eindeutig von den Putschisten distanzierte, wurde nach dem Rücktritt des
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Vorsitzenden aufgelöst. Daraufhin übernahm Anfang Oktober 1991 der
Volkskongress der Tschetschenen die Macht in der Kaukasusrepublik. Der
Vorsitzende des Volkskongresses, Dudajew, konnte auf eine 62.000 Mann starke
Nationalgarde zurückgreifen, die aus Selbstverteidigungsgruppen der Grünen
Bewegung hervorging, um strategisch wichtige Orte in Grosny zu besetzen. Das
waren zum Beispiel die Gebäude des Rundfunks und Fernsehens, die des KGB und
die Ministerialgebäude.
Der daraufhin vom Volkskongress gewählte provisorische Rat wurde von Boris
Jelzin jedoch nicht anerkannt und er forderte, dass die Gebäude innerhalb von drei
Tagen geräumt und die Waffen abgegeben werden müssten. Dudajew ordnete
daraufhin die Generalmobilmachung des Landes an.
Ende 1991 fanden dann die ersten Präsidentschaftswahlen in Tschetschenien statt,
die Dudajew mit rund 85 Prozent der Wählerstimmen für sich entscheiden konnte.
Die Moskauer Regierung erklärte diese Wahlen daraufhin für illegal.
Im November des selben Jahres verhängte Boris Jelzin, gegen den Widerstand des
russischen Parlamentes, den Ausnahmezustand über Tschetschenien. Russland
entsandte etwa 2000 Soldaten in die Tschetschenische Hauptstadt Grosny, um die
"Wiederherstellung der Ordnung“ sicherzustellen. Die Aktion endete mit einem
schmählichen Rückzug der russischen Truppen. Dschochar Dudajew erklärte nun
seinerseits den Ausnahmezustand für ungültig und verkündete stattdessen den
Kriegszustand. Nun machten sich Tausende Tschetschenen auf den Weg nach
Grosny, um die "Freiheit gegen die Russen" zu verteidigen.
Gleichzeitig begann in Moskau eine groß angelegte Medienkampagne gegen das
tschetschenische Volk, deren Jargon ("Schwarze", "Gangster", "Kriminelle",
"Verbrecher", usw.) stark rassistisch war.
Anfang 1992 wurde die Forderung der Inguschen nach einer eigenen Autonomen
Republik erfüllt, die Republik der Tschetschenen und Inguschen getrennt und die
Grenze, wie sie bereits 1934 existierte, gezogen.
Am 12. März 1992 trat die neue Tschetschenische Verfassung unter
Ministerpräsident Dudajew in Kraft. Knapp 3 Wochen später wurde in Moskau der
Föderationsvertrag unterschrieben, dem Tschetschenien nicht beitrat, wohl aber die
autonome Republik der Inguschen. Damit fühlte sich die Republik Tschetschenien
nun endgültig unabhängig. Das Land wurde in der Folge auch von vier Staaten
anerkannt: von der Türkei, vom Iran sowie von Estland und Litauen.
Im Folgenden verhängte Russland eine Wirtschaftsblockade, die verheerende
Folgen für Tschetschenien mit sich brachte. Tschetschenien wollte daraufhin den
Föderationsvertrag unterschreiben und auch der GUS beitreten, verlangte aber eine
Sonderregelung. So sollten nur die Bereiche der Außen- und Außenwirtschaftspolitik
und die der Verteidigung bei Moskau bleiben. Dieser Vorschlag wurde jedoch von
Moskau abgelehnt.
1993 kam es in Tschetschenien zu einer innenpolitischen Krise zwischen Dudajew
und der Opposition, die von Moskau mit Waffen und Ausbildern unterstützt wurde.
Sie brachte zwar den Norden des Landes unter ihre Kontrolle, nicht aber die
Hauptstadt, so dass Russland schlussendlich direkt in den Konflikt eingriff.
5.3 Der 1. Tschetschenienkrieg
Am 11. Dezember 1994 erteilte der russische Präsident Jelzin den Befehl zur
militärischen Intervention: 40 000 Soldaten marschierten in Tschetschenien ein und
nahmen nach zweimonatigen blutigen Kämpfen die Hauptstadt Grosny ein. Bis zum
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April 1995 eroberte die russische Armee trotz scharfer internationaler Kritik rund
80 Prozent des tschetschenischen Gebietes. Die Anhänger Dudajews gaben sich
gleichwohl nicht geschlagen: Im Juni 1995 brachten Freischärler unter Schamil
Bassajew ein Krankenhaus im südrussischen Budjonnowsk in ihre Gewalt und
verschanzten sich mit 1 000 Geiseln. Nach vergeblichen Versuchen, das Hospital zu
stürmen, gingen die Russen auf die Forderungen der Rebellen ein und sicherten ein
sofortiges Ende der Militäraktionen, den Beginn von Friedensgesprächen und freien
Abzug zu. Unter der Schirmherrschaft der OSZE (Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa) begannen in Moskau Verhandlungen, die mit der
Unterzeichnung eines Militärabkommens am 30. Juli 1995 endeten. Es sah neben
dem Verzicht auf weitere Kampfhandlungen die Entwaffnung der Tschetschenen
einerseits, den Abmarsch der russischen Soldaten bis auf 6 000 Mann andererseits
vor. Der am 2. August 1995 begonnene Waffenstillstand war nicht von Dauer, zumal
tschetschenische Freischärler ihre Unabhängigkeitsansprüche mit neuen
Terrorakten unterstrichen. So drangen sie am 9. Januar 1996 in das Krankenhaus
von Kosljar ein und besetzten wenige Tage später das dagestanische Dorf
Perwomaiskoje. Die russische Regierung, die sich offiziellen Beobachtern zufolge im
Tschetschenien-Konflikt schweren Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht
hatte, beantwortete diesen Akt tschetschenischen Widerstandes abermals mit
Gewalt: 5 000 Soldaten und 80 Panzer machten das Dorf dem Erdboden gleich und
erhöhten damit die Bilanz des Schreckens, die seit Kriegsbeginn Zehntausende von
Toten und 500 000 tschetschenische Flüchtlinge verzeichnet hatte.
Der tschetschenische Rebellenchef Dudajew wurde am Abend des 21. April 1996 in
der Nähe des Dorfes Gechi-Tschu getötet. Offiziellen Verlautbarungen zufolge
wurde er während eines Telefonats mit Moskauer Politikern über
Friedensverhandlungen durch eine russischen Rakete tödlich verletzt. Es gab
allerdings auch Spekulationen darüber, dass Dudajew innertschetschenischen
Machtkämpfen zum Opfer fiel.
Vor den russischen Präsidentschaftswahlen am 16. Juni einigte man sich auf ein
Waffenstillstandsabkommen, das aber von beiden Seiten zunächst nicht eingehalten
wurde. Im August 1996 gelang es dann dem damaligen russischen
Sicherheitsberater Alexander Lebed in Verhandlungen mit dem späteren
tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, ein Ende der kriegerischen
Auseinandersetzungen herbeizuführen. Während des 21-monatigen Krieges haben
vermutlich 80 000 Menschen ihr Leben lassen müssen. Im Januar 1997 zogen die
letzten russischen Truppen aus Tschetschenien ab.
Auch Jahre nach Kriegsende hatte sich die Situation noch längst nicht normalisiert –
das Zentrum der Hauptstadt war nach wie vor ein Trümmerfeld, zwei Drittel des
Ackerlandes vermint, die Arbeitslosigkeit extrem hoch. Auch die wichtige Pipeline
zum Schwarzen Meer konnte noch nicht repariert werden.
5.4 Der 2. Tschetschenienkrieg
Tschetschenische Extremisten verübten – nach russischen Angaben – immer wieder
Bombenattentate auf russische Militär- und Zivilziele. Rebellentruppen fielen auch in
Dagestan ein um dort einen freien islamischen Gottesstaat zu proklamieren. Nach
tschetschenischer Auffassung wurde dieser Krieg bewusst von Russland provoziert,
indem Artillerie tschetschenisches Territorium beschoss und die Luftwaffe Dörfer
und Verkehrswege bombardierte. Das folgende Eindringen islamistischer Rebellen
in Dagestan und die Bombenattentate waren die Antwort auf die russischen
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Provokationen. Obwohl die tschetschenische Regierung jede Mitwirkung an diesen
Aktionen abstritt, nahm Russland unter Putin diese zum Anlass, um Tschetschenien
im September 1999 erneut anzugreifen. Diesmal gingen die Regierungstruppen
vorsichtiger vor, um ihren Gegner nicht noch einmal zu unterschätzen, die
Luftüberlegtheit (Kampfhubschrauber, Flugzeuge) wurde ausgenützt. Erneut
mussten Hunderttausende Zivilisten in die Nachbarprovinzen (vor allem
Inguschetien) fliehen.
Im Oktober versperrte die Armee sogar die Fluchtwege um ein „Aussickern von
Rebellen zu vermeiden“. Russland verhängte auch eine absolute Mediensperre,
Bilder von Massakern und Folterungen an Zivilisten tauchen nur selten auf und
werden vom Kreml als Fälschungen abgetan. Über der Hauptstadt werden
Flugblätter abgeworfen, auf denen es unter anderem hieß, dass jeder, der sich nach
dem 12. Dezember noch in Grosny aufhält, als Terrorist und Bandit betrachtet und
vernichtet wird.
Georgien lehnte unterdessen eine Stationierung russischer Soldaten im Pankisital
an der Grenze zu Tschetschenien ab.
Anfang 2000 zogen sich die Rebellen aus Grosny zurück um sich im gebirgigen
Süden des Landes zu verschanzen und „bis zum letzten Mann“ zu kämpfen.
Während
des
gesamten
Krieges
blockierte
Moskau
jegliche
Kommunikationsversuche mit Maschadow, den die russische Führung als
Verbrecher bezeichnete. Der Krieg im Süden ging unterdessen weiter und dauert bis
heute an.
Schätzungen über Verluste beider Seiten variieren stark, da unabhängige
Beobachter nicht zugelassen werden. Russland spricht z.B. von 2.500 eigenen
Gefallenen, die Rebellen (und die Organisation der „Soldatenmütter“) hingegen
beziffern die Zahl der russischen Toten auf ein Vielfaches. Auf tschetschenischer
Seite sind laut Moskau rund 14.500 Kämpfer gefallen, wobei diese Zahl ebenfalls
eine Übertreibung darstellen dürfte.
Die Gründe für das militärische Engagement Russlands in Tschetschenien sind
vielschichtige: Einerseits ist es die Furcht, die Loslösung Tschetscheniens könnte
Signalwirkung für andere sezessionistische Kräfte haben. Mit Tschetschenien würde
Russland auch die Kontrolle über andere Regionen des Kaukasus verlieren, in
denen die USA und die Türkei immer stärkere Präsenz zeigen. Tschetschenien ist
ein wichtiges Transitland nicht allein wegen der Erdölpipeline, sondern auch wegen
seiner Straßen und Eisenbahntrassen. Auch soll der Welt bewiesen werden, dass
die russische Armee – die sich hier auch rehabilitieren kann – noch zu militärischen
Aktionen und Kriegen in der Lage ist. Für manche Beobachter ist die
Tschetschenienpolitik aber auch ein Indiz für die „Sowjetisierung“ Russlands.
6. Georgien
6.1 Das Land
Siebzig Prozent der heutigen Bevölkerung dieses Landes sind Georgier. Zu den
Minderheiten gehören Armenier, Russen (deren Zahl immer weiter sinkt), Aseri,
Osseten, Abchasen, Kurden, Ukrainer, Griechen und einige wenige Deutsche.
Georgiens Hauptstadt Tiflis (oder Tbilissi auf Georgisch) hat ca. 1,3 Millionen
Einwohner.
Das Volk der Georgier selbst gliedert sich in mehrere regionale Stämme, zu denen
die Kartlianer, Kachetier, Mingrelier, Gurianer und Imeretier gehören. Die
Mingrelianer sprechen einen einzigartigen altertümlichen Dialekt.
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Amtssprache ist Georgisch, viele Georgier beherrschen außerdem Russisch.
Angehörige ethnischer Minderheiten sprechen neben Russisch oder Georgisch
meist auch die Sprache ihres Volkes. Nach Russisch ist Englisch die am meisten
gesprochene Fremdsprache, gefolgt von Deutsch, Französisch und Türkisch.
König Parnavaz schuf im 2. Jahrhundert v. Chr. das georgische Alphabet, das zu
den 14 ältesten der Welt gehört. Es besteht heute aus 33 Buchstaben und
verwendet immer noch die ursprüngliche Schrift, die seit ihrem Bestehen nur
geringfügige Veränderungen erfahren hat.
6.2 Geschichte
Seit 600 vor Christus die Griechen einige Kolonien an der Schwarzmeer-Küste des
Landes gründeten, wurden die georgischen Stämme immer wieder von
wechselnden Großmächten unterdrückt. Zuerst eroberten die Perser das Land, nur
um es zwei Jahrhunderte später an Alexander den Großen zu verlieren. Später
gelangt das Gebiet unter römische Herrschaft und wird bei der Teilung des Reiches
Byzanz zugesprochen. Die Staatsgrundlagen sind römisches Recht und Verwaltung,
griechische Kultur und Sprache sowie der christliche Glaube, der sich seit 315 n.
Chr. verbreitet hatte.
Im 7. Jahrhundert gerät Georgien allmählich unter die Herrschaft der islamischen
Araber.
1008 wird Georgien zu einem weitgehend selbstständigen Königreich, 40 Jahre
später fallen jedoch bereits islamisch-türkische Rum-Seldschuken ein. In der Folge
werden die Fremdherrscher verjagt, das georgische Reich kontrolliert beinahe den
gesamten Kaukasus. Das „goldene Zeitalter“ Georgiens bricht an. Die Blütephase ist
jedoch nur von kurzer Dauer, denn 1242 fallen die Mongolen ein.
Ab 1500 streiten sich Osmanen und Perser um das Land. Die Georgier suchen bei
den Russen Schutz. 1801 erklären die Zaren dann das gesamte Land zur
russischen Provinz.
Im Oktober 1917 stürzten die Bolschewiki in Petrograd die Provisorische Regierung.
Propagandistisch
setzten
die
Revolutionäre
unter
Lenin
auf
das
Selbstbestimmungsrecht der Völker, gleichzeitig versuchten sie auch in Georgien
die Macht zu übernehmen. Dieser Versuch wurde niedergeschlagen, eine
bürgerlich-nationale Regierung bildete sich, die die staatliche Unabhängigkeit des
Landes proklamierte.
Das Deutsche Reich anerkannte – aus wirtschaftlichen und militärischen Gründen –
als erstes Land die Eigenstaatlichkeit Georgiens. Die Minoritäten hingegen erhoben
sich, wobei sie von sowjetrussischen Truppen unterstützt wurden. Nach der
Kapitulation Deutschlands und dem Rückzug der Briten gelang es der
Sowjetregierung Aserbaidschan und Armenien, das kurz vor der Niederlage gegen
die Türkei stand, unter seine Kontrolle zu bringen. Die Klammer um Georgien hatte
sich geschlossen. Um – so die offizielle Lesart – die militärischen
Auseinandersetzungen zwischen Georgiern und Osseten bzw. Armeniern zu
beenden, marschierte die Rote Armee in Georgien ein.
Entgegen dem Rat Lenins, Georgien als Sonderfall zu betrachten, kam es unter
Stalin und Ordshonikidse zur blutigen Sowjetisierung des Landes. Georgien wurde
zusammen mit Aserbaidschan und Armenien in die Transkaukasische Föderation
gezwungen, die bis 1936 bestand. Alle ethnischen oder religiösen
Nationalitätenkonflikte wurden in Georgien zugunsten der Minoritäten gelöst, die
Autonome Sowjetrepubliken wurden. Auch musste das Land einige Gebiete an
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Armenien und Aserbaidschan abtreten. Die Geheimpolizei, geleitet von Berija, führte
blutige Säuberungen durch. Andererseits kam es zu einer forcierten
Industrialisierung des Landes und die Landwirtschaft wurde zu einer der
einträglichsten – vor allem in der Schattenwirtschaft – der Sowjetunion.
Nach dem 2. Weltkrieg , der für Georgien äußerst verlustreich war, hatte Georgien
faktisch einen Sonderstatus inne. Die Entstalinisierung unter Chruschtschow stieß
aber im Lande auf starke Ablehnung, die bis heute spürbar ist. Vor dem
Hauptpostamt in Tiflis kam es zu Demonstrationen, die von der Miliz gewaltsam
aufgelöst werden mussten.
Die 70er und 80er Jahre standen einerseits im Zeichen wachsender Korruption und
Wirtschaftskriminalität, womit Schewardnadse – seit 1972 Führer der georgischen
Kommunisten – einige Schwierigkeiten hatte, andererseits wuchs die Zahl der
„Gorgassali“ d.h. die Dissidentenbewegung mit Gamsachurdia und Kostawa an der
Spitze.
Ende der 80er Jahre geriet die von Gorbatschow verkündete Politik von Glasnost
und Perestrojka immer mehr außer Kontrolle. Die unterdrückten Spannungen
entluden sich und verwandelten sich in extreme Erwartungen und Forderungen.
Bereits 1988 gab es einen Hungerstreik für die Unabhängigkeit Georgiens. Die
friedliche Großdemonstration im April des folgenden Jahres wurde von
Spezialtruppen des Moskauer Innenministeriums aufgelöst, was 17 Tote und
Tausende Verletzte zur Folge hatte. Allerdings hatten sich in die Forderung nach
Unabhängigkeit auch nationalistische Untertöne gemischt, die sich mit ihren
Ressentiments gegen Abchasen und Osseten richteten. In Zchinwali und Suchumi
spitzte sich die Situation zu, wofür auch Gamsachurdia verantwortlich war, der
anders als Kostawa – er sollte 1989 bei einem dubiosen Autounfall ums Leben
kommen – einen radikalen Kurs verfolgte. Aus russischen Kasernen gelangten
immer mehr Waffen in Umlauf, was die Situation weiter eskalieren ließ.
Im Sommer 1990 erklärte das georgische Parlament die De–facto – Unabhängigkeit,
im Oktober ging die Runde-Tisch-Allianz Gamsachurdias als Siegerin aus den
ersten freien Wahlen hervor. 1991 wurde Swiad Gamsachurdia zum Präsidenten
gewählt. Als solcher unterstützte er die Putschisten in Moskau, was ihm viele
Sympathien kostete. Als er die Zensur verhängte, politische Gegner und
Intellektuelle diffamierte, kam es zu Demonstrationen, auf die die Präsidentengarde
das Feuer eröffnete.
Schließlich wechselte deren Anführer, der Bildhauer Kitowani, die Fronten und
schloss sich mit Iosseliani, einem Berufskriminellen und Anführer der
„Mchedrioni“(Ritter) zusammen. Ende Dezember 1991 belagerten sie den
Präsidentenpalast, wo sich Gamsachurdia, seine Minister und 3000 Kämpfer
verbarrikadiert hatten. Gamsachurdia ging in der Folge zunächst ins Exil nach
Armenien, später nach Tschetschenien, wo er unter unklaren Umständen zu Tode
kam.
Im März 1992 kehrte Schewardnadse aus Moskau nach Tiflis zurück und schloss
sich mit Kitowani, Iosseliani sowie Tengis Sigua, dem Ex-Premier Gamsachurdias
zusammen. Die kommunistische Vergangenheit Schewardnadses machte ihn aber
in breiten Kreisen suspekt.
Nachdem sich die Lage in Südossetien beruhigt hatten, verschärfte sich aber die
Situation in Abchasien. Als im August 1992 georgische Truppen unter dem neuen
Verteidigungsminister Kitowani in Abchasien einmarschierten, um die von Russland
über Suchumi nach Georgien führende Eisenbahnlinie vor den permanenten
Überfällen Krimineller zu schützen, wurden sie trotz einer entsprechenden
Vereinbarung
mit der autonomen Regierung von abchasischen Truppen
10
beschossen. Kitowani zog daraufhin nach Suchumi und gab die Stadt zur
Plünderung frei. Damit begann ein Krieg, der die Region ein Jahr lang in Atem hielt
und zu unbeschreiblichen Gräueln führte. Mit massiver russischer Unterstützung und
verstärkt durch tschetschenische Freischärler besetzten abchasische Truppen
1992/93 die ganze Teilrepublik und vertrieben fast 300.000 Georgier. Mehr als 8000
Menschen kamen zu Tode. Schewardnadse konnte in letzter Minute flüchten. Erst
mit der Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen Georgien, Russland und
Abchasien beruhigte sich die Lage. Die UNO erklärte in der Folge die russische
Truppenpräsenz zur UN-Friedensmission. Bis heute ist weder das Problem der
Flüchtlinge noch das des Status von Abchasien geklärt.
Unterdessen war Schewardnadse aus den Wahlen im Oktober 1992 als Sieger
hervorgegangen. Als der Präsident im März 1993 den in Abchasien gescheiterten
Kitowani absetzte, verbündete sich dieser mit Expräsident Gamsachurdia und fiel
mit bewaffneten Freischärlern in Megrelien, der Heimat Gamsachurdias ein. Die
Rebellen wurden – mit Hilfe der „Mchedrioni“ Iosselianis – geschlagen, Kitowani und
Iosseliani, dessen Verbände marodiert hatten, der Prozess gemacht und zu
langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, bald aber freigelassen.
Der Krieg hatte Georgien ruiniert. Erst allmählich begann sich die Lage
einigermaßen zu stabilisieren. Die Annahme der Verfassung 1995 beendete die
Übergangsperiode. Die folgenden Parlamentswahlen entschied die „Bürgerunion“
Schewardnadses für sich. Auch aus den Parlaments- und Präsidentenwahlen 1999
und 2001 gingen der Präsident und seine Partei als Sieger hervor.
Die Lage in Georgien muss gegenwärtig als sehr gespannt bezeichnet werden. Das
Land sieht sich einer Vielzahl von Problemen gegenübergestellt: Die 300.000
Flüchtlinge leben am Rand der Gesellschaft, bei schwindender Hoffnung auf
Rückkehr in ihre Heimat. Zu ihnen gesellten sich Tausende Flüchtlinge aus
Tschetschenien, die auch das Verhältnis zu Russland belasten. Über eine Million
Georgier arbeiten in Russland, dennoch ist die Arbeitslosigkeit enorm hoch. Die
soziale Schere öffnet sich mehr und mehr. Allein in Tiflis gibt es über 7000
Straßenkinder. Korruption – auch und gerade im Umkreis des Präsidenten – sowie
Kriminalität sind omnipräsent. Entführungen von Mitarbeitern internationaler
Organisationen und von Geschäftsleuten häufen sich. Die Presse ist einer immer
stärkeren Pression ausgesetzt, wobei man auch nicht vor Mord zurückschreckt. Die
ökologische Situation ist besorgniserregend.
Schwierig gestalten sich auch die Beziehungen mit Russland. Im Zusammenhang
mit dem Tschetschenienkrieg ist es vor allem im Pankisital zu mehreren
Zwischenfällen gekommen, wobei russische Kampfbomber auch georgische Ziele
angriffen. Die russischen Militärbasen in Georgien belasten die ohnehin schon
gespannten Beziehungen zusätzlich. Betroffenheit löste auch eine Wortmeldung
Schirinowskis aus, der sich offen für eine Zerschlagung und Aufteilung Georgiens
ausgesprochen hatte. Die Stimmen in Georgien mehren sich, die für einen Ausgleich
mit Russland – auch aus wirtschaftlichen Gründen – plädieren, was sich aber mit
Schewardnadse – auch wegen der Anschläge auf ihn – nicht vorstellbar war.
Durch die „Rosenrevolution“ kommt es – nach einem Wahlbetrug – im November
2003 zum Sturz Schewardnadses. Der westlich orientierte Saakaschwili geht aus
den Präsidentschaftswahlen vom 4.1.2004 als Sieger hervor. Seither wächst der
Einfluss der USA (Militär) und Russland sieht seinen Einfluss immer mehr
schwinden.
Geopolitisch hat Georgien in der letzten Zeit – auch als Transitland – eine große
Aufwertung erfahren
11
6.3 Abchasien
Die nordwestliche Provinz Abchasien mit der Hauptstadt Suchumi reicht von der
Mündung
des Flusses Inguri bis zur russischen Grenze zwischen Leselidse und
Adler und umfasst damit den schönsten Küstenabschnitt Georgiens am Schwarzen
Meer. Der Tourismus ist allerdings durch den Bürgerkrieg völlig zum Erliegen
gekommen, seit dem Krieg mit der Zentralregierung ist diese Provinz in die Anarchie
versunken.
Die Geschichte dieser Sezession ist eine sehr komplexe. Beim Zerfall der
Sowjetunion lebten 525.000 Menschen in Abchasien, nur knapp 18% davon waren
Abchasier. 45% waren Georgier, der Rest setzte sich aus Armeniern, Russen,
Balten,
Griechen
und
anderen
Ethnien
zusammen.
Diese
Bevölkerungszusammensetzung war das Resultat einer jahrzehntelangen,
planmäßigen georgischen Immigration.
Die Abchasen sind ein überwiegend muslimisches nordkaukasisches Volk. Im
Mittelalter war Abchasien ein eigenständiges Fürstentum, bevor es sich im 10.
Jahrhundert mit Kachetien und Tao-Klardschetien zum georgischen Königreich
zusammenschloss. Nach dessen Zerfall im 15. Jahrhundert wurde es wieder zu
einem selbständigen Fürstentum.
Bei der Bildung der Transkaukasischen Föderation im Jahr 1922 war Abchasien der
Rang einer mit Armenien, Georgien und Aserbaidschan gleichrangigen Republik
innerhalb dieser Föderation zuerkannt worden. Mit der Aufhebung dieser Föderation
wurde es zur Autonomen Sozialistischen Republik innerhalb der Georgischen
Republik herabgestuft. Schon während der Sowjetära gab es ständige Querelen
zwischen Abchasen und Georgiern, die alles unternahmen, die abchasische
Titularnation zu unterminieren. So erhielten die Abchasen von Moskau, nachdem die
Georgier bereits in den 40er Jahren ihr Alphabet eingeführt und den
muttersprachlichen Unterricht in Abchasisch abgeschafft hatten, eine eigene
Universität und TV-Sendungen in Abchasisch zugebilligt. Auch gelang es ihnen, alle
Führungspositionen in Partei, Wirtschaft und Staat mit Angehörigen der Titularnation
zu besetzen.
Die Spannungen eskalierten mit der Unabhängigwerdung Georgiens, als Tiflis
ankündigte, die Autonomie Abchasiens aufzuheben. Abchasien reagierte mit der
Proklamation seiner Unabhängigkeit. Den Abchasen gelang es – unterstützt von
Freiwilligen aus den nordkaukasischen Republiken und Autonomiegebieten, vor
allem aber mit russischer Militärhilfe – den von Georgien begonnenen Krieg für sich
zu entscheiden und Schewardnadse zu demütigen. Über 250.000 abchasische
Georgier wurden zu Flüchtlingen, die in tristesten Verhältnissen dahinvegetieren.
Das Flusskraftwerk am Inguri liefert keinen Strom mehr nach Georgien, wodurch
sich die Energieprobleme dieses Landes drastisch verschärft haben. Auch wurde
die Eisenbahnverbindung zu Russland unterbrochen. Abchasien selbst – total
verwüstet – ist in Anarchie und Gewalt versunken, Benzin- und Waffenschmuggel,
vor allem aber der Drogenanbau und –transit prägen seine Ökonomie.
Der Waffenstillstand von 1994 wird von russischen Truppen, die auch Checkpoints
in Georgien errichtet haben, überwacht. UNO und OSZE leiten Verhandlungen, die
aber bis heute kein greifbares Ergebnis erbracht haben. Immerhin hat es – von
kleineren Zwischenfällen abgesehen – in den letzten Jahren keine größeren
militärischen Auseinandersetzungen mehr gegeben. Eine friedliche Beilegung des
Konflikts ist sehr schwierig, da Georgien auf der Rückkehr der Flüchtlinge bestehen
muss und andererseits die warlords von diesem Zustand profitieren. Überdies bildet
12
für Moskau Abchasien eine Möglichkeit auf die georgische Politik einzuwirken, um
die Neutralität gegenüber ihrer Tschetschenienpolitik ( Pankisi – Tal ) zu erzwingen.
6.4.Südossetien
Die Osseten – ein indoeuropäisches Volk mit einer dem Farsi verwandten Sprache –
litt schon in sowjetischer Zeit unter der verwaltungsmäßigen Trennung in zwei
Republiken. Als Reaktion auf die georgische Nationalbewegung forderten die
Südosseten bereits im Herbst 1989 die Aufwertung ihres Gebietes zur Autonomen
Republik.
Die
georgische
Nationalbewegung
wehrte
sich
mit
Massendemonstrationen vor Zchinwali gegen die vermeintliche südossetische
Sezession, was zu mehrjährigen bewaffneten Auseinandersetzungen und zur
Vertreibung der in anderen Gebieten Georgiens lebenden 100.000 Südosseten
führte.
Als die Hoffnung auf einen Zusammenschluss mit Nordossetien innerhalb der
Russischen Föderation scheiterte, erklärte das südossetische Parlament in
Zchinwali einseitig seine Unabhängigkeit, die aber nur von Nordossetien,
Transnistrien und der Republik Gagausien anerkannt wurde. Mitte der 90er Jahre
kamen Georgien und Südossetien – unter Vermittlung der OSZE – überein, auf
Gewalt zu verzichten und die Differenzen friedlich zu lösen. Zwar hält Südossetien
nach wie vor an seiner Unabhängigkeit fest, wirtschaftlich aber braucht es Georgien,
da es ökonomisch allein nicht lebensfähig ist. Im „innerossetischen“ Grenzverkehr
werden Benzin und andere Güter am georgischen Zoll vorbeigeschmuggelt.
Zchinwali ist zur zoll-und steuerfreien Zone geworden. Der Großteil des gesamten
georgischen Benzin kommt so auf illegalem Weg ins Land. An einer Beilegung des
Konflikts sind somit weder die südossetischen noch die georgischen und russischen
Profiteure von diesem „kleinen Grenzverkehr“, die zudem meist an einflussreicher
Stelle sitzen, interessiert. Daran ändert auch die ständige Kritik des IWF wenig.
6.5.Adscharien
Auch der Status der Autonomen Republik Adscharien, an der Südwestgrenze zur
Türkei gelegen, ist umstritten. Ethnisch gesehen handelt es sich bei ihren
Bewohnern zwar um Georgier, allerdings bekennen sie sich – seit der Zeit der
türkischen Besetzung im 17. Jahrhundert – zum Islam. 380.000 Menschen leben in
Adscharien mit dem Zentrum Batumi, einer Hafenstadt mit türkischer Ausstrahlung.
Adscharien ist mit einer eigenen Partei im Parlament von Tiflis vertreten. Zwar gibt
es keine sezessionistischen Tendenzen, ökonomisch hat sich Adscharien aber
weitestgehend von Georgien abgekoppelt. Dies war vor allem das Werk von
Präsident Aslan Abaschidse, der mit seinem Familienclan die Region beinahe
absolutistisch regiert. Die Beziehungen zur Türkei sind äußerst eng.
Saakaschwili gelang es im Mai 2004 Adscharien wieder an Georgien zu binden,
Abaschidse ging ins russische Exil.
6.6.Weitere Minoritäten in Georgien
Weitere ethnisch sensible Gebiete liegen im Süden und Südosten Georgiens, an der
Grenze zu Armenien und zu Aserbaidschan. Zwar sind keine zentrifugale
Tendenzen spürbar, nachdem sich der georgische Nationalismus spürbar leiser
13
geworden ist. Noch unter Präsident Gamsachurdia bestand die Absicht, in Georgien
lebende Armenier und Aseris auszuweisen. Da aber die geplante – und mittlerweile
sich in Bau befindliche – Ölpipeline Baku/Ceyhan durch das Gebiet der armenischen
Minderheit führen soll, sind zukünftige Probleme nicht auszuschließen.
7. Armenien
7.1 Das Land
Die Bevölkerung Armeniens ist im Hinblick auf ihre ethnische Zugehörigkeit in
hohem Maße homogen. So sind über neun Zehntel der Einwohner dieser Republik
Armenier. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist in den letzten Jahren stark
gestiegen. Dieser Zuwachs lässt sich durch die Abwanderung von
Aserbaidschanern und den Zuzug armenischer Flüchtlinge aus Nagorny-Karabach
erklären. Die nächstgrößeren Bevölkerungsgruppen sind Kurden und Russen, wobei
nur eine geringe Minderheit aller Bewohner Armeniens diesen Völkern angehört. In
geringer Anzahl leben in der Republik auch Ukrainer, Georgier und Griechen.
Das Land besteht größtenteils aus Gebirge, und nur kleine Flächen sind von
Ackerland bedeckt. Die Menschen leben hauptsächlich in den Flusstälern, wobei
sich die meisten Ansiedlungen entlang des Hrazdan erstrecken. An diesem Fluss
liegt auch Jerewan oder Jerevan oder Erevan oder Eriwan, die Hauptstadt und mit
1,3 Millionen Einwohnern größte Stadt des Landes. Mit 69 Prozent lebt ein sehr
großer Teil der Bevölkerung Armeniens in städtischen Gebieten.
Amtssprache ist Armenisch, die Sprache besitzt ein eigenes Alphabet mit 38
Buchstaben, wie in Georgien sprechen aber auch viele Armenier Russisch.
7.2 Geschichte
Ab 2000 vor Christus siedelten sich im Gebiet des heutigen Armenien die
indogermanischen Hethiter und die semitischen Hurriter an. Wie Georgien wurde
auch Armenien 550 v. Chr. von den Persern und später von Alexander dem Großen
erobert.
Kurz vor Christi Geburt eroberten die Römer das Land, zusammen mit ihnen können
die Armenier die Perser 301 vorläufig vertreiben – als erster Staat der Welt erklärte
Armenien das Christentum zur Staatsreligion.
Ab dem 9. Jahrhundert erlebte Armenien als selbstständiges Königreich seine
geschichtliche Blütezeit. Zehnmal so groß wie heute umfasste es auch den Osten
der heutigen Türkei, 200 Jahre später wurde das Land jedoch wieder von den
Byzantinern annektiert.
In den folgenden Jahrhunderten wurde Armenien abwechselnd von diversen
islamischen Großmächten (Türken, Perser, Mongolen,...) überrannt, bis 1878 die
Russen das Land einnahmen – die armenische Sprache wurde verboten,
armenische Schulen und Kirchen geschlossen.
Bis zum 1. Weltkrieg verübten Türken immer wieder Massaker an der christlicharmenischen Minderheit in Ostanatolien, denen 300.000 Armenier zum Opfer fielen.
14
Nach dem Sturz des despotischen Herrschers Abdül Hamid durch die „Jungtürken“
hofften die Armenier auf eine Verbesserung ihrer Lage. Da die „Jungtürken“ aber
ihre panturanischen Pläne hegten, sahen sie in den christlichen Armeniern eine
Bedrohung derselben. Zudem war auch sozialer Neid im Spiel, da die Armenier
besonders in den Städten die gebildete und reiche Oberschicht bildeten.
Der Erste Weltkrieg bot – unter dem Vorwand, die Armenier würden mit den Russen
paktieren – die günstige Gelegenheit, das „Armenierproblem“ endgültig zu lösen. In
der Nacht vom 24. auf den 25. April 1915 (Nationalfeiertag) wurden 600 armenische
Intellektuelle in Istanbul verhaftet und später ermordet. Damit begann – ermuntert
durch die deutschen Verbündeten – der erste Genozid des 20. Jahrhunderts, der in
vielem dem späteren Holocaust ähnelte. Nicht einmal die Einsprüche europäischer
und amerikanischer Politiker konnten die Türken von diesem Völkermord abhalten,
dem 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen.
Das geschwächte armenische Volk konnte sich nur in Ostarmenien behaupten,
indem es sich durch einen raschen Zusammenschluss zu einer transkaukasischen
Union im November 1919 die Hilfe der beiden Nachbarstaaten Georgien und
Aserbaidschan sicherte. 1918 waren nämlich türkische Truppen gegen Erewan
vorgerückt, bis sie in der Schlacht von Sardarapat gestoppt werden konnten.
Obwohl die Türkei im Vertrag von Sevres gezwungen wurde, Armenien
anzuerkennen, griff sie wenige Wochen später erneut Armenien an, während
gleichzeitig im Südosten die Rote Armee angriff.
Im Zangengriff der damals vorübergehend verbündeten Sowjetrussen und Türken,
ohne Aussicht auf Hilfe von den westlichen Alliierten, entschied sich die armenische
Regierung für das kleinere Übel und trat in der Nacht vom 2. zum 3. Dezember 1920
die Staatsgewalt an ein prosowjetisches Regierungskomitee ab. Allerdings behielt
Sowjetarmenien noch bis Ende 1922 einen halbautonomen Status. Dann vereinigte
Stalin „zur Unterdrückung des regionalen Nationalismus“ Armenien, Georgien und
Aserbaidschan zu einer Föderativen Sozialistischen Transkaukasischen
Sowjetrepublik, obwohl ein derartiger Verbund am Interessengegensatz dieser
Völker schon einmal gescheitert war.
Das Volk macht unter der Sowjet-Herrschaft in etwa das Gleiche durch wie die
georgischen Nachbarn. Armenien wurde erst 1936 wieder eine eigene
Sowjetrepublik.
Von Beginn an prägten Unterdrückung und Terror das Sowjetregime. Zunächst
waren es echte oder vermeintliche Anhänger der alten Regierung, die diesem zum
Opfer fielen. In den 20er Jahren wurden sogenannte „bürgerliche Spezialisten“
verfolgt. In den Jahren des stalinistischen Terrors zwischen 1936 und 1939 wurden
Zigtausende angeblicher „Volksfeinde“ deportiert oder ermordet.
Auch die sowjetische Außenpolitik brachte den Armeniern nur Enttäuschungen.
Über die Köpfe der Betroffenen hinweg verzichtete Sowjetrussland auf
Westarmenien und sogar auf die Gebiete von Kars und Ardahan. Die
kommunistische Marionettenregierung Armeniens schloss sogar auf Geheiß
Moskaus ein Freundschaftsabkommen mit der Türkei. Noch unverständlicher und
schmerzhafter waren die innenpolitischen Grenzziehungen, denn die Kommunisten
zerstückelten Ostarmenien noch stärker als vor ihnen die Zaren. Auf türkischen
Wunsch unterstellten sie Nachitschewan der aserbaidschanischen Verwaltung, was
die Vertreibung der dort lebenden Armenier zur Folge hatte. Noch gravierender war
der Anschluss Berg-Karabachs an Aserbaidschan.
Vergeblich versuchten die Armenier während der „Tauwetterperiode“ unter
Chruschtschow die Rückgabe der 1923 von Moskau an Aserbaidschan
angeschlossenen Regionen Berg-Karabach und Nachitschevan zu erreichen. 1965
15
führten Massendemonstrationen immerhin dazu, dass die Erlaubnis zur Errichtung
des Völkermordmahnmals in Erewan und der Gedenkstätten bei Sardarapat.
Das wachsende Selbstbewusstsein fand seinen vollen Ausdruck in der Gorbatschow
– Ära. Die wachsenden Proteste entzündeten sich an der ökologischen Ausbeutung
des Landes, für die die Namen Medsamor (AKW) und Sewan-See stehen. Die
Proteste galten vor allem aber der Situation der Armenier in Berg-Karabach und der
Vertreibung und Ermordung von Armeniern in Aserbaidschan.
Während sich im Winter 1988789 Flüchtlingsströme in beide Richtungen zwischen
Armenien und Aserbaidschan bewegten, wurde Nordarmenien am 7.12.1988 von
einem schweren Erdbeben verwüstet. Obwohl Seismologen seit dem Frühjahr vor
einem solchen gewarnt hatten, hatte die Moskauer Führung nichts unternommen.
Nach inoffiziellen Schätzungen wurden bei diesem Beben 50. – 80.000 Menschen
getötet. Bald tauchten verschieden Gerüchte auf und die mangelhafte Hilfe aus
Moskau sowie die Ausweitung des Ausnahmezustandes in Armenien führte zum
endgültigen Legitimationsverlust der Moskauer Zentrale.1990 erklärte sich Armenien
für unabhängig, Ter-Petrosjan wurde zum Parlamentspräsidenten und 1991 – nach
Auflösung der Sowjetunion – zum ersten Staatspräsidenten gewählt.
Die Anfangsjahre des neuen Armenien waren äußerst schwierige. Der Karabach Konflikt führte zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan. Die Wirtschaft
brach durch die Grenzblockaden und die fehlende Energiezufuhr beinahe
zusammen. Zwar konnte Armenien den Krieg für sich entscheiden, die Probleme
aber blieben. Dem Land war keine Stabilität beschieden.
1997 kam es zu einem schweren Attentat – fünf mit Maschinengewehren bewaffnete
Männer drangen in das Gebäude des armenischen Parlaments in Eriwan ein und
erschossen den Ministerpräsidenten, Parlamentspräsidenten sowie sechs weitere
Politiker. Die übrigen 50 anwesenden Parlamentarier und Minister wurden von den
Attentätern als Geiseln genommen. Anführer der Geiselnehmer war Nairi Unanjan,
ein Nationalist, der zuletzt als Journalist arbeitete. Als Bedingung für die Freilassung
der Geiseln erzwang er von Präsident Robert Kotscharjan die Ausstrahlung einer
Erklärung im staatlichen Fernsehen, in der Unanjan die Regierung u.a. einer
zerstörerischen Wirtschaftspolitik beschuldigt. Nach 18 Stunden wurden die Geiseln
freigelassen, und die Attentäter ergaben sich den Sicherheitskräften. Neuer
Regierungschef wurde der Bruder des ermordeten Ministerpräsidenten.
Die Hauptprobleme Armeniens sind gegenwärtig die immer noch vorhandene
Isolation. Zwar sind die Beziehungen zum Iran gut und mit Moskau besteht ein
Verteidigungsbündnis, das Verhältnis zu Aserbaidschan und zur Türkei ist immer
noch ein sehr gespanntes. Die Zahlungsbilanz ist eine negative und ohne
ausländische Hilfe – vor allem der armenischen Diaspora – könnte das Land nicht
überleben. Eine große Schwierigkeit ist auch der Exodus vor allem junger,
hochqualifizierter Männer, die der Wirtschaft des Landes in einigen Jahren fehlen
werden. Die soziale Lage ist eine angespannte, leben doch 45% der Bevölkerung
unterhalb der Armutsgrenze. Auch innenpolitisch ist das Land instabil, es gibt
politische Gefangene und die Macht ist in den Händen einer kleinen Oligarchie.
7.3 Der Konflikt um Nagorny-Karabach
Nagorny-Karabach ist ein 4 400 Quadratkilometer großes, ehemals autonomes
Gebiet der Volksgruppe der Bergkarabachen im Südwesten der Republik
Aserbaidschan, am Ostrand des Kleinen Kaukasus. Etwa 80 Prozent der ca.
16
190 000 Einwohner sind Armenier, rund 20 Prozent bis zum Krieg Aserbaidschaner.
Hauptstadt des Gebiets ist Chankendy /Stepanakert mit circa 60 000 Einwohnern.
Entscheidend für den späteren Konflikt war, dass Karabach im Zuge der russischen
Eroberungen ca. 20 Jahre vor Rest-Armenien besetzt wurde – dadurch fiel es unter
aserbaidschanische Verwaltung. 1926, als die Armenier noch 89% der Bevölkerung
stellten, war ihnen das Gebiet von der aserischen Führung angeboten worden, was
Moskau jedoch aus außenpolitischen Gründen nicht akzeptierte. Um das Verhältnis
zur Türkei, der man gerade andere Teile Armeniens abgetreten hatte, weiter zu
verbessern, wurde der aserischen Unionsrepublik nicht nur Nachitschewan, sondern
auch Berg-Karabach zugesprochen.
In der Folge wurden die Armenier diskriminiert: In den Schulen wurde keine
armenische Sprache/Geschichte gelehrt, auch kulturell und religiös wurden sie
benachteiligt. Der Lebensstandard war ein äußerst niedriger, es gab fast keine
Industrie, weil Investitionen fehlten, die Infrastruktur war völlig unterentwickelt,
Ausbildungsmöglichkeiten für die Jugend fehlten – worunter wiederum Armenier am
meisten leiden mussten.
Inzwischen weist Moskau sämtliche den Zusammenschluss betreffenden
Forderungen und Bitten Armeniens oder der Region zurück.
So forderte die armenische Bevölkerung Berg-Karabachs bereits 1988 den
Anschluss an Armenien und begann mit der Vertreibung von Aseris. Massaker an
Armeniern in Sumqait und Baku (mindestens 1.000 Tote) folgten. Armenien, für das
sich
der
Karabach-Konflikt
als
Katalysator
der
nationalen
Unabhängigkeitsbewegung erwies, unterstützte die Sezession und geriet dadurch in
eine totale Isolation. Schließlich kam es kriegerischen Auseinandersetzungen
zwischen den Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan um NagornyKarabach, den Moskau auch durch starken Militäreinsatz und Sonderverwaltung
nicht unter Kontrolle bringen konnte. 1990 besetzen russische Truppen sogar Baku,
um die bürgerkriegsähnlichen Zustände dort zu beenden.
Anfang 1991 schloss Aserbaidschan wegen der Auseinandersetzungen um BergKarabach die Grenzen zu Armenien und verhängt ein Wirtschaftsembargo über das
Nachbarland. Dadurch geriet Armenien, das auf ausländische Erdöl- und Ergassowie Nahrungsmittellieferungen angewiesen ist, in akute Versorgungsschwierigkeiten, die sich noch verschlimmerten, nachdem auch die mit
Aserbaidschan verbündete Türkei sich dem Handelsembargo anschloss und der
Bürgerkrieg in Georgien die russisch-armenischen Transportwege kappte. Nur der
Iran belieferte weiterhin Armenien.
Die UdSSR hatte Aserbaidschan aus folgenden Motiven unterstützt:
- das Land war für die Erdöllieferung und –ausrüstung wichtig
- bei den Wahlen 1990 hatten die Kommunisten in Baku einen Sieg errungen
- Baku war bereit, mit der UdSSR einen neuen Unionsvertrag zu unterzeichnen
1992 kam es zum offenen Krieg zwischen der Republik Aserbaidschan und
Nagorny-Karabach, das im Dezember 1991 einseitig seine Souveränität erklärt
hatte. Armenien erkannte diese zwar offiziell nicht an, unterstützte die Rebellen aber
mit Waffenlieferungen und Truppen.
Mit dem Ende der Sowjetunion änderten sich Russlands Interessen radikal: In
Aserbaidschan war inzwischen eine Islamisch-Nationalistische Volksfront an die
Macht gekommen, man schlug einen Moskau-feindlicheren Kurs ein. Außerdem
drohte das Land mit dem Austritt aus der GUS, was Armenien nicht tat, und Jelzin
war in Moskau auf die christlich-orthodoxen Kräfte angewiesen. Zudem wollte man
verhindern, dass sich Armenien an einem Pipeline-Bau durch den Iran in die Türkei
beteiligte, mit dem man die russische Machtsphäre umgehen wollte und man sah
17
sich durch die Ausschaltung russischer Ölkonzerne im „Jahrhundertvertrag“ durch
die Aseris brüskiert. Dies alles bewog Russland nun dazu, sich auf die Seite
Armeniens zu schlagen, um damit den Druck auf Aserbaidschan zu verstärken. Dem
diente nicht zuletzt das 1996 abgeschlossene Militärabkommen und umfängliche
Waffenlieferungen.
Aserbaidschan hingegen erhielt Unterstützung von der befreundeten Türkei.
Aufgrund der Blockade bzw. wegen des Bürgerkriegs in Georgien war die Wirtschaft
Armeniens inzwischen vollkommen zusammengebrochen. Die Regierung musste
den Notstand ausrufen und Grundnahrungsmittel rationieren. Internationale
Hilfslieferungen an die hungernde und frierende Bevölkerung über Georgien
erreichten nur sehr sporadisch ihr Ziel.
Trotzdem gelang es den Armeniern große Teile des Südwestens von Aserbaidschan
zu erobern und den Korridor von Litschin einzurichten. Eine Millionen
Aserbaidschaner flüchteten. Nun schaltete sich Russland auch militärisch in den
Konflikt ein, indem es mehrere Militärstützpunkte auf aserbaidschanischem Gebiet
errichtete.
Im Mai 1994 kam durch UN-Vermittlung zwischen Armenien bzw. NagornyKarabach und Aserbaidschan ein Waffenstillstandsabkommen zustande. In der
Folge kam es – wohl auf Betreiben Erewans – zur Gründung der Republik BergKarabach, die jedoch international keine Anerkennung findet. Als der armenische
Präsident Ter-Petrosjan versuchte, um die außenpolitische und wirtschaftliche
Isolation seines Landes, aufzubrechen, Kompromisse in der Karabach-Frage
einzugehen, wurde er abgewählt. Nachfolger wurde mit dem früheren Präsidenten
von Berg – Karabach, Robert Kotscharjan, ein ausgewiesener Hardliner. Dies
markierte das vorläufige Ende aller Kompromissbereitschaft.
Der Konflikt um das Gebiet ist nach wie vor ungelöst. Noch immer halten Armenier
die auf aserbaidschanischem Territorium liegende Region besetzt, der
Waffenstillstand wird jedoch weitgehend eingehalten. Seit 1988 sind in dem Krieg,
dem ersten zwischen zwei ehemaligen Unionsrepubliken, mindestens 20.000
Menschen, überwiegend Aserbaidschaner, ums Leben gekommen. „Ethnische
Säuberungen“ haben Hunderttausende zu Flüchtlingen gemacht. Für Aserbaidschan
ist ein Verzicht auf dieses Gebiet – gerade innenpolitisch – nicht hinnehmbar. Der
Verbleib Karabachs bei der Republik Aserbaidschan – unter Wahrung einer de –
facto – Unabhängigkeit – wäre die einzige Lösungsmöglichkeiten dieses Konflikts,
ist aber bei den nationalistischen Kräften aller drei Seiten nicht durchsetzbar. Dieser
Konflikt hat zudem weitreichende Auswirkungen auf die Stabilität im ganzen
Kaukasus, aber auch auf die Groß- und Regionalmächte Russland, USA, Türkei und
Iran.
8. Aserbaidschan
8.1 Das Land
Das muslimische Aserbaidschan ist mit beinahe 8 Millionen Einwohnern die
bevölkerungsreichste Republik im Südkaukasus. Auch ist die Hauptstadt Baku oder
Baki, die im 19. Jahrhundert dank ihrer Erdölvorkommen einen rasanten
Aufschwung erlebte, mit knapp 1,9 Millionen Einwohnern die größte Stadt der drei
südkaukasischen Länder.
18
Die heute übliche Sprache Aseri (Aserbaidschanisch) lässt sich auf Albaner und
Türken zurückführen, die das Land bereits sehr früh besiedelten. Die größte
türkische Einwanderungswelle in den Kaukasus bildeten im 11. Jahrhundert die
Seldschuken. Da sie die Region in solch großer Zahl besiedelten, übernahmen die
Bewohner ihre Kultur, Religion und Sprache. Aseri gehört zur ogusischen Gruppe
der Turksprachen und ähnelt dem heutigen Türkisch. In den zwanziger Jahren
wurde die arabische Schrift durch die lateinische, und diese in den dreißiger Jahren
wiederum durch die kyrillische Schrift ersetzt. Heute kehrt man wieder zum
lateinischen Alphabet zurück. Während der Sowjetzeit waren Russisch und Aseri die
Amtssprachen, wobei man sich bei Regierungsangelegenheiten hauptsächlich des
Russischen bediente. Heute wird in allen Bereichen Aseri verwendet. Viele Aseris
beherrschen aber Russisch, und zahlreiche Veröffentlichungen des Landes sind in
Russisch verfasst. Erlasse der Regierung erscheinen in beiden Sprachen.
Die meisten Einwohner Aserbaidschans sind heute Aseri. Abgesehen von ihnen
leben hier aber auch russische, tatarische, georgische, ukrainische, vor dem Krieg
auch eine armenische, lesgische und kurdische Minderheiten. Manche dieser
Gruppen, wie z. B. die Talysh, leben schon seit sehr langer Zeit in diesem Gebiet.
Andere kamen erst im ausgehenden 19. Jahrhundert, als die Nutzung der reichen
Ölfelder von Baku begann. Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans ist eine weltoffene
Stadt.
Infolge eines Vertrags aus dem Jahr 1828 ging der nördliche Teil Aserbaidschans an
Russland und der südliche Teil an den Iran. Seitdem sahen sich die so getrennten
Aseri verschiedenen Schicksalen gegenüber. Heute leben im Iran mehr Aseri als in
Aserbaidschan. Zu Sowjetzeiten war es für Angehörige dieses Volkes oft schwierig,
ihre Verwandten auf der anderen Seite der Grenze zu besuchen. Diese Lage hat
sich aber in jüngster Zeit geändert, und die Menschen können wieder engere
Beziehungen pflegen, wenn auch Spannungen zwischen den beiden Staaten
bestehen.
8.2 Geschichte
Das Gebiet von Aserbaidschan war Teil des persischen Großreiches. Im 7.
Jahrhundert nach Christus wurde es nach heftigen Kämpfen von den Arabern
erobert. In späteren Jahrhunderten kam es zur Invasion von Turkstämmen, die im
11. und 12. Jahrhundert dieses Gebiet beherrschten. Es folgte die Herrschaft der
Tataren, bevor Aserbaidschan im 17. Jahrhundert wieder unter die Kontrolle der
Perser geriet.
Nach zwei Kriegen ( 1813 und 1828 ) musste der nördliche Teil an Russland
abgetreten werden, während der südliche Teil – die heutige iranische Provinz
Aserbaidschan – bei Persien verblieb.
1918 riefen nationalistische islamische Kräfte die unabhängige Republik
Aserbaidschan aus, die sich jedoch nur zwei Jahre behaupten konnte, bis sie von
Truppen der Roten Armee besetzt wurde. Im Jahre 1920 wurde die Autonome
Sozialistische Sowjetrepublik Aserbaidschan ausgerufen, die wenig später mit
Georgien und Armenien
zur Transkaukasischen Föderativen Sowjetrepublik
vereinigt wurde. Nach deren Auflösung wurde das Land als Aserbaidschanische
Sozialistische Sowjetrepublik Bestandteil der UdSSR.
Die wirtschaftliche Bedeutung Aserbaidschans für die UdSSR lag vor allem in ihrem
Ölreichtum. Schon seit dem Altertum war das in der Umgebung von Baku
vorkommende Öl für medizinische und religiöse Zwecke („Feueranbeter“) verwendet
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worden. 1848 waren auf der Halbinsel Apscheron erste Ölbrunnen gebohrt und
später die erste Raffinerie errichtet worden. Nachdem die Nutzungsrechte –
ursprünglich auf zwei Jahre begrenzt
- freigegeben wurden, begann der
explosionsartige Aufstieg Bakus, für den die Namen Nobel und Rothschild stehen.
Baku wurde zum Ölzentrum der Welt. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein hatte das
aserbaidschanische Öl auch eine besondere strategische Bedeutung, was das
Interesse der Wehrmacht, in diesen Raum vorzustoßen, erklärt.
Als sich aber die alten Ölfelder erschöpften und gleichzeitig Anfang der 70er Jahre
neue Ölvorkommen in Westsibirien und Kasachstan entdeckt wurden, setzte der
Niedergang der aserbaidschanischen Ölindustrie ein ( 1950 – 39% der sowjetischen
Ölproduktion, 1980 – 2,4% ). Zurück blieb eine völlig devastierte Landschaft, vor
allem in den Außenbezirken von Baku. Das Land blieb aber einer der
Hauptproduzenten für Ölbohrausrüstungen. Die Off-shore-Reserven waren sträflich
vernachlässigt geblieben, erst der Ausfall des iranischen und irakischen Öls im
Gefolge der Golfkriege, neue Explorations- und Fördertechniken sowie das
Absehbare Ende des Nordseeöls weckten das Interesse am Öl aus dem Kaspischen
Meer. Das Engagement westlicher Ölkonzerne, das sich bereits während der
Perestrojka gezeigt hatte, wurde aber verzögert durch den Karabach-Krieg, die
innenpolitischen Krisen und die Konkurrenz der westlichen Ölkonzerne.
Zwar gab es – begrenzt aber auf intellektuelle Schichten – auch in Aserbaidschan
den Wunsch nach Selbständigkeit, trotzdem gehörte die Bakuer Regierung zu den
relativ zuverlässigen der Moskauer Zentrale, bis armenische Gebietsansprüche als
Katalysator der Ausbreitung einer nationalistischen Bewegung wirkten. Eine
Radikalisierung war die Folge, die am Jahreswechsel 1989/90 zu
Grenzdurchbrüchen von Nachitschewan in den Iran führte. Übergriffe auf russische
und armenische Bewohner Bakus und die Bildung von paramilitärischen Milizen
schufen eine Situation, in der die Nomenklatura vor Ort und die Moskauer Zentrale
einen militärischen Einsatz befürworteten. Am 19.1.1990 marschierten sowjetische
Truppen in Baku ein, bei den folgenden Kämpfen kamen 131 Menschen zu Tode.
Die folgenden Massenaustritte führten zum Zusammenbruch der Kommunistischen
Partei.
Am 22.1.1990 übernimmt Mutalibow die Macht – er sollte sich durch ein Referendum
im September 1991 bestätigen lassen - , während Gejdar Alijew sich zum
Präsidenten der Exklave Nachitschewan wählen ließ. Mutalibows Programm sah die
Machtstabilisierung, einen kontrollierten Übergang zur Marktwirtschaft und die
territoriale Integrität des Landes vor.
1991 wurde Aserbaidschan nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig, trat aber
noch im Dezember des gleichen Jahres der GUS bei. Durch eine enge
Zusammenarbeit mit ausländischen Ölkonzernen versuchte er eine Art „nation
building“ zu erreichen und die internationale Position seines Landes zu verstärken.
Der Konflikt um Karabach und Massendemonstrationen stärkten aber die
oppositionellen Kräfte. Auf den Versuch Mutalibows, Russland aus dem
Konsortiumvertrag zu drängen, reagierte Moskau mit einer Unterstützung Armeniens
und militärischen Drohgebärden. Um einen Bürgerkrieg zu vermeiden trat Mutalibow
im März 1992 zurück.
Nach einem zweimonatigen Chaos, in dem es den Armeniern gelang, die
bedeutende Stadt Susa zu erobern, wird Eltschibey von der „Volksfront“ erster
demokratisch gewählter Präsident Aserbaidschans. Demokratie, Turkismus und
Islam wurden zu den obersten Prinzipien des Landes erklärt. Statt demokratischer
Reformen und einem ökonomischen Aufschwung gab es nur pantürkische Visionen
und einen stramm nationalistischen Kurs, der den Krieg in Karabach vorantrieb. Das
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Parlament wurde aufgelöst, alle oppositionellen Parteien verboten, Mutalibow ins
Moskauer Exil geschickt. Als der Putsch gegen Alijew in Nachitschewan fehlschlug,
gründete dieser eine eigene Partei „Neues Aserbaidschan“. Die militärische
Niederlage im Karabach-Konflikt führte zum innenpolitischen Chaos: Armenier
wurden vertrieben, zigtausende Flüchtlinge strömten ins Land, Minderheiten wie
Lesgen und Kurden formierten sich und ein gescheiterter Oberst des geschlagenen
Karabach-Korps wagte unterstützt durch russische Söldner und Waffen den
Aufstand. Eltschibey musste im Juni 1993 zurücktreten.
Alijew – der ebenso wie Schewardnadse aus dem KGB kommt – festigte zunächst
seine Macht, indem er die Führer der „Volksfront“ Eltschibeys verhaften ließ. Unter
OSZE – Aufsicht ließ er in der Folge ein recht eigenwilliges Referendum
durchführen, bei dem 97% der Aseris die Frage, ob sie noch Vertrauen in Eltschibey
hätten, verneinten. Im Oktober 1993 ließ sie Alijew mit 98,8% - bei zwei
Gegenkandidaten – zum Präsidenten wählen, nachdem ihm zuvor das Parlament
auch die Exekutivgewalt übertragen hatte. Eine erste Säuberungsaktion wurde
durchgeführt, der – nachdem Alijew einen Putsch gegen sich im Fernsehen
angekündigt hatte – eine zweite folgte. !998 wurde er – diesmal mit 76% der
Stimmen – in seinem Amt bestätigt, in Wahlen, die laut internationalen Beobachtern
weder frei noch fair waren.
Unter seiner Führung hat sich Aserbaidschan trotz 1,5 Millionen Flüchtlingen des
Karabach Krieges, des Verlustes von einem Viertel des Staatsgebietes und
schwierigen ökonomischen Verhältnissen erstaunlich stabilisiert. Eine nennenswerte
Opposition existiert nicht, sein Clan – Alijews Sohn Ilham ist Vizepräsident der
SOCAR – sitzt in allen wichtigen Machtpositionen. Das Verhältnis zu Moskau ist
etwas entspannter und durch eine stärkere Anlehnung an den Westen gelang es
Aserbaidschan sich etwas von der Türkei zu emanzipieren, gleichzeitig aber an der
Achse Baku – Ankara – Tel Aviv zu arbeiten. Die Absicht, über das Öl den
Karabach-Konflikt zu Bakus Gunsten zu beeinflussen, hat sich zwar noch nicht
erfüllt, die armenische Lobby in Washington verliert aber immer mehr Boden
gegeüber der aserbaidschanischen. Die soziale Situation ist – bei einem
durchschnittlichen Monatseinkommen von etwa 60$ - eine problematische,
Korruption, Prostitution und andere Formen der Kriminalität prägen die
aserbaidschanische Gesellschaft. Die Hoffnung, das neue Kuwait zu werden, hat
sich nicht erfüllt.
Kurz vor dem Tod von Hejdar Alijew gewann sein Sohn Ilham – nach
problematischen Wahlen – die Präsidentschaft.
9. Die Wirtschaft in den Ländern des Südkaukasus
Über ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die
Anfangseuphorie, mit der man noch bis vor kurzem den Kapitalismus
amerikanischer Prägung als einzige Alternative zum rigiden System der zentralen
Planwirtschaft betrachtet hat, verflogen. Der radikale Übergang zur freien
Marktwirtschaft durch eine sofortige Liberalisierung der Preise, des Handels und das
Einführen freier Wechselkurse hat sich – aus heutiger Sicht – als überhastet, sogar
kontraproduktiv erwiesen. Die unabgefedert durchgeführt „Transformation“ führte zu
einer sozialen Katastrophe. Entsolidarisierung, Werteverfall und eine
Kriminalisierung der Gesellschaft waren die Folge. Diese Entwicklung war aufgrund
der schlechten geopolitischen Lage, einer unterentwickelten Infrastruktur, einer
kaum konkurrenzfähigen Industrie, ethnischen Konflikten und Kriegen in den
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südkaukasischen Ländern eine noch drastischere. Heute gehören Georgien,
Armenien und Aserbaidschan zu den ärmsten Ländern der GUS. Nur in einigen
Staaten Zentralasiens und in Moldawien ist das reale Pro – Kopf – Einkommen
niedriger. In den Jahren 1991 bis 1994 ging die Wirtschaftsleistung um mehr als die
Hälfte zurück.
Dabei verfügt der Südkaukasus über wertvolle Rohstoffe, gute klimatische
Bedingungen für die Landwirtschaft und große touristische Möglichkeiten. Das
Bildungsniveau seiner Bevölkerung ist ein sehr hohes. In sowjetischer Zeit lag die
Lebensqualität – besonders in den „Musterrepubliken“ Georgien und Armenien –
weit über dem sowjetischen Niveau.
Für die ökonomische Krise nach dem Zerfall der Sowjetunion war zu einem großen
Teil die politische Instabilität verantwortlich. Hinzu kam noch, das in der UdSSR
quasikoloniale Strukturen bestanden hatten nach dem Zentrum – Peripherie –
Modell. Der Zerfall der zwischenstaatlichen Arbeitsteilung führte zu einer
Verschärfung der ökonomischen Situation. Korruption, Schattenwirtschaft – in
Georgien bis 40% des BIP - , illegaler grenzüberschreitender Waffen- und
Drogenhandel sowie mafiose Strukturen wurden zum Teil schon in sowjetischer Zeit
grundgelegt. Ein ineffizienter Umgang mit der billigen Energie hatte katastrophale
ökologische Konsequenzen.
Die Arbeitslosigkeit ist eine enorm hohe, die Entfaltungsmöglichkeiten für den
einzelnen sind gering. Die ausländische Investitionsbereitschaft ist – angesichts der
politischen Instabilität außer im Ölgeschäft eine sehr niedrige. Der inzwischen
weitgehend deregulierte Handel mit niedrigen Zöllen fördern den Import
ausländischer Konsumgüter, ohne dass dieser durch ein entsprechend hohes
Exportvolumen gedeckt oder durch konkurrenzfähige heimische Qualitätsprodukte
gedämpft werden könnte. Der Verfall wiederum der Rohölpreise hat sich im Falle
Aserbaidschans verheerend ausgewirkt.
Es gibt allerdings seit 1995 auch positive ökonomische Trends zu vermelden: etwa
die erfolgreiche Privatisierung der Landwirtschaft in Armenien oder die höhere
Budgetdisziplin aller drei Regierungen. Entscheidend für den weiteren
wirtschaftlichen Aufstieg wäre aber eine enge Kooperation der südkaukasischen
Staaten und eine Beilegung der ethnischen und zwischenstaatlichen Konflikte. Der
wirtschaftliche Austausch mit der Russischen Föderation müsste verstärkt und die
Währungen stabilisiert werden. Ohne westliche Hilfe wird dieser Nachholprozess
aber noch Jahrzehnte dauern.
9. 1. Südkaukasien und die Erdöl-Problematik
Durch das Engagement der westlichen Ölkonzerne bei der Exploration des Offshore-Ölvorkommens im Kaspischen Meer beginnt sich das Interesse der
Weltöffentlichkeit stärker auf die Region des Südkaukasus hin zu orientieren. Neben
den ethnischen, sozialen und historischen Gegensätzen beginnt das Öl zu einem
weiteren Konfliktstoff zu werden. Dies gilt besonders für Aserbaidschan, das über
besonders reiche Vorräte verfügt, aber auch für andere Staaten, sei es aufgrund
ihrer Öl- oder Gasvorkommen, als Transitländer oder wie bei Armenien, das wegen
dieser Entwicklung international isoliert zu werden droht. Um das Kaspische Meer
herum scheint eine „neue Region“ zu entstehen, da das Meer, das bisher die
Kaukasusregion von Zentralasien getrennt hat, die beiden Teile zu einem großen
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euroasiatischen Wirtschaftsraum mit der Kaspischen Region im Zentrum verknüpfen
wird.
Begleitet wird diese Entwicklung von einer heftigen Renaissance geopolitischen
Denkens, dessen Auswirkungen vom Balkan bis nach China reichen. Schon ist von
einer Neuauflage des „great game“ die Rede. Wechselnde Allianzen, Spannungen
und Rivalitäten werden aus diesen Entwicklungen resultieren. Neben die
traditionellen Akteure – Russland, Türkei und Iran – sind die multinationalen
Konzerne und ihre nationalen Regierungen getreten. Zusätzliche Komplikationen
ergeben sich aus der ungeklärten Eigentumsfrage und der Ungewissheit um das
Volumen der Öl- und Gasvorräte in diesem Raum.
Das Kaspische Becken gilt als größte unerforschte Ölregion der Welt und könnte
nach dem Persischen Golf zum zweitwichtigsten Gebiet für Hydrokarbonreserven
der Welt aufsteigen. Der vermutlich langfristig wachsende Bedarf und die
Unsicherheiten im Nahen und Mittleren Osten könnten diese Perspektiven
unterstützen. Die Schätzungsbandbreite der gesamten Off-shore-Reserven des
Kaspischen Meeres schwanken zwischen 20 und 200 Milliarden Barrel. Die
gesicherten Reserven liegen etwas unterhalb von denen der Nordsee. Diese stark
divergierenden Zahlen resultieren aus den unterschiedlichen Interessenlagen. So
betonen russische und iranische Stellungnahmen die relative Bedeutungslosigkeit
der Vorräte, während amerikanische Berater wie Brzezinski offensichtlich mit
überhöhten Zahlen das US – Engagement stärken wollen. Während der britische
Außenminister Cook von 10% der Weltreserven in diesem Raum spricht, schätzt das
Londoner Institut für strategische Studien diese auf 3%.
Auch ungeklärte Rechtspositionen und Eigentumsverhältnisse dämpfen die
Hoffnungen auf eine baldige wirtschaftliche Prosperität dieses Raumes. Unklarheit
herrscht darüber, ob die sowjetisch – iranischen Verträge von 1921 und 1940,
welche das Kaspische Meer als See betrachten und durch das Prinzip der mittleren
Linie geteilt haben, noch Geltung haben. Für diesen von Moskau vertretenen
Standpunkt spricht die Gründungserklärung von Alma Ata (1991), in der die
Nachfolgestaaten der UdSSR die Gültigkeit der von der Sowjetunion
abgeschlossenen Verträge anerkannt haben. Aserbaidschan hat aber inzwischen
seine Position gewechselt. Nach internationalem Recht können die Anrainerstaaten
durch Übereinkunft aller einem Gewässer einen besonderen Status zubilligen. 1996
wurde ein Vertrag unterzeichnet, durch den den Anrainern exklusive Rechte
innerhalb einer 45 Meilenzone zugebilligt wurden. Wichtige Ölfelder Aserbaidschans
liegen aber außerhalb dieser. Während der russische Präsident noch zu weiteren
Zugeständnissen bereit war, wurde dies von der Duma abgelehnt.
Ein möglicher Kompromiss wäre ein Anteil von je 20% am Kaspischen Meer pro
Anrainerstaat. Dem aber widersetzt sich der Iran, der eine enge Beziehung zu
Turkmenistan eingegangen ist. Was die Russische Föderation aber unter keinen
Umständen akzeptieren will, ist eine transkaspische Pipeline von Turkmenistan und
Kasachstan nach Aserbaidschan. Mittlerweile haben die ungeklärten
Eigentumsverhältnisse schon zu ersten Zwischenfällen geführt.
Erschwert wird die Situation auch durch fehlende Exportwege, da die Länder des
Kaspischen Beckens als einzige bedeutende Energieregion von den Weltmeeren
abgeschnitten sind. Die Pipelinefrage ist deshalb seit mehreren Jahren eines der
Hauptstreitobjekte der Region. Die bisher vorgeschlagenen Exportrouten würden –
auf einer Karte dargestellt – ein unüberschaubares Geflecht von Transportwegen
ergeben. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie durch politisch instabile Gegenden
führen und einen hohen finanziellen sowie technischen Aufwand erfordern, wobei es
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vor allem drei Problembereiche geht: den ökonomischen, sicherheitspolitischen und
strategischen.
Die benötigten Pipelines werfen nicht nur die Frage nach ihrer Finanzierbarkeit auf,
sondern auch die nach der Konkurrenzfähigkeit des kaspischen Öls, speziell bei
einem fallenden Energiepreis. Zudem amortisieren sich diese Investitionen erst auf
lange Dauer hin, was eine politische Stabilität in dieser Region voraussetzen würde.
Statt dessen werden vermutlich die gewählten Pipelinestrecken Konflikte in Zukunft
geradezu provozieren.
Dies zeigt sich etwa am Beispiel der Pipeline Baku – Noworossijsk, die eine der
Ursachen für den Tschetschenienkonflikt darstellt. Auch verweisen die Erfahrungen
im Nahen Osten, dass Pipelines außer Betrieb genommen werden mussten. Die
Hoffnung auf eine Stabilisierung der Region – etwa durch die „Friedenspipeline“ von
Aserbaidschan über Armenien in die Türkei oder der Vorschlag einer Pipeline von
Supsa nach Abchasien – erwiesen sich als illusorisch. Pipelines schaffen keine
Stabilität, sondern setzen eine solche vielmehr voraus. So könnte auch eine
Stärkung der aserbaidschanischen Position aus westlichen ökonomischen
Interessen zu einer Radikalisierung auf armenischer Seite führen.
Die Entscheidung über die Ölroute ist somit wegweisend für die zukünftige
Gestaltung der Kaukasusregion. Da dem Transitland damit ein gewaltiger Einfluss
zufällt, muss der Ölexporteur mindestens zwei alternative Routen zur Verfügung
haben. Außerdem zeigt der Streit um die Hauptpipeline für das aserbaidschanische
Öl, dass strategische und ökonomische Interessen nicht immer kongruent sind.
Dieser Konflikt um die möglichen Pipelines Baku – Noworossijsk / Baku – Supsa /
Baku – Ceyhan war letztlich auch einer um die Einflusssphären zwischen Russland
und der Türkei, hinter der die USA stehen. Die Entscheidung für die Linie Baku –
Ceyhan, die längste und kostspieligste Version – auf Betreiben Clintons und Cillers
war denn auch eine politische. Die Türkei hatte sogar mit der Sperrung des
Bosporus für den Öltransit gedroht.
Die Frage nach der Weitsichtigkeit dieser Politik werden die kommenden Jahre
beantworten. Zwar ist die Türkei politisch aufgewertet worden und die
Eindämmungspolitik der USA gegenüber dem Iran war aus ihrer Sicht erfolgreich.
Sollten sich die Hoffnungen auf reichliche Ölressourcen im Kaspischen Meer nicht in
dem Ausmaße erfüllen, wie erhofft – und bisher wurden vor allem Gaslager entdeckt
– oder sollte nach einem Ende des Irak-Embargos noch mehr Öl auf dem Weltmarkt
angeboten werden, so wird diese Region wieder in der Bedeutungslosigkeit
verschwinden.
Die ökonomische und politische Zukunft Aserbaidschans, das über 70% seiner
Investitionen in die Ölbranche leitet, wäre eine äußerst düstere. Auch wird Russland
nicht so einfach auf seinen Einfluss im Südkaukasus verzichten können und wollen.
Zwar ist der Handlungsspielraum Moskaus hier kleiner geworden, aber es ist noch
immer in der Lage auf diesen Raum Einfluss zu nehmen: etwa durch das Anheizen
separatistischer Tendenzen, die Diskussion um den rechtlichen Status des
Kaspischen Meeres, die Schließung der Grenzen... Da sich auf dem Energiesektor
sowohl ökonomische wie strategische Interessen treffen, bleibt der Südkaukasus als
„Nahes Ausland“ im Interessenbereich Moskaus. Militärbasen in Armenien und
Georgien bilden die logistische Voraussetzung für eine Wiederbelebung der
militärpolitischen Drohpolitik etwa gegenüber Aserbaidschan.
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10. Regionale Kooperationen im Südkaukasus
Während die GUS einen Bedeutungsverlust hinnehmen musste, sind die NUS
eigenständiger geworden und gehen auch neue Partnerschaften ein. Die GUAM –
die Allianz von Georgien, der Ukraine, Aserbaidschan und Moldawien – beinhaltet
nicht nur eine Kooperation in Energiefragen, sondern auch eine militärische
Zusammenarbeit. Sie ist vor allem als Gegengewicht zur Militärpräsenz der
Russischen Föderation gedacht und tendiert zur NATO. Großes Gewicht kommt
dabei der Ukraine zu.
Auch besteht in Georgien – die Zusammenarbeit mit der US – Armee ist bereits eine
sehr enge – und in Aserbaidschan auf einen Beitritt zur NATO und eine engere
Kooperation mit der EU. Indirekt wird diese Allianz durch das Projekt der
TRANSECA / TRACECA – als „neue Seidenstraße“ – unterstützt, durch die
Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Georgien und die Ukraine
durch Straßen, Eisenbahntrassen und Pipelines miteinander und mit der EU
verbunden werden sollen. Die Bedeutung Georgiens als Transitland würde gewaltig
wachsen und zum wichtigsten Wirtschaftssektor werden.
11. Entwicklungsperspektiven
Seit nun schon mehr als 10 Jahren ist der Kaukasus von einer wachsenden Unrast
erfüllt. Nationalistische Strömungen, die eine gänzliche Befreiung von russischer
Kontrolle anstreben, zeigen sich auf unterschiedliche Weise. Da wären zum Beispiel
die Rückbesinnung auf die jeweilige Religion nach 70 Jahren atheistischer
Erziehung und das Wiedererstarken des Fundamentalismus, die Zurückdrängung
der russischen Sprache in allen Bereichen des Lebens (Familie, Staatssprache,
einsprachige Verkehrstafeln,...) oder eine stärkere Wertlegung auf die eigene
Geschichte.
So wie die oben erwähnten Republiken Unabhängigkeit von Russland anstreben,
gibt es auch in diesen Ländern wiederum kleinere Regionen, die ebenfalls
separatistische Tendenzen aufweisen (wie zum Beispiel Südossetien). Diese
Bestrebungen werden oft unterdrückt, genauso wie Russland noch vor kurzem
selbst die kaukasischen Republiken behandelte.
Was
wird
nun
mit
dem
Kaukasus
passieren?
Wird
Russland
Kompromissbereitschaft zeigen und den nordkaukasischen Republiken
weitreichende Autonomien zugestehen? Und werden die abtrünnigen Provinzen sich
damit begnügen?
Oder zeigt sich Moskau unnachgiebig und dazu entschlossen, kein weiteres Stück
Land mehr zu verlieren – diese Haltung ist nicht unwahrscheinlich, zwei
Tschetschenienkriege sprechen jedenfalls dafür, und die Angst vor dem
Dominoeffekt ist auch in Moskau existent. Eines gilt jedenfalls als sicher: Völker, die
in Wohlstand leben, neigen weniger dazu, ihre Konflikte durch Kriege zu lösen als
solche, die schon nichts mehr zu verlieren haben und aufgrund mangelnder Bildung
leicht zu beeinflussen sind. Allein schon deshalb sollte Russland einen weniger
restriktiven Kurs gegen die ihm verbliebenen Republiken einschlagen.
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