FRAGEN_und_ANTWORTEN_251104

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Andreas Paschon & Maria Zeilinger
Fragen & Antworten zum SBKKG
Stand: Dezember 2004 (ab Jänner 2005 aktualisiert über das Internet abrufbar)
Inhaltsverzeichnis
1
1.1
1.2
1.3
1.4
1.5
Vorbemerkung / Einleitung ....................................................................................................... 3
Vorinformation zum Text ............................................................................................................. 3
Was heißt SBKKG? ...................................................................................................................... 3
Von wem geht dieses Projekt aus?................................................................................................ 3
Was kann der SBKKG leisten? Was nicht? Was habe ich von seiner Anwendung? ................... 3
Warum ist die Einschulung vor dem SBKKG-Einsatz unerlässlich? ........................................... 4
2
2.1
2.2
2.3
2.4
2.5
2.6
2.7
2.8
2.9
2.10
2.11
2.12
2.13
2.14
Pädagogischer Hintergrund des Konzepts ............................................................................... 5
Welcher pädagogischer Ansatz liegt dem SBKKG zugrunde? ..................................................... 5
Zielt dieses Konzept auf die ganzheitliche Förderung ab? ........................................................... 5
Was tun mit Kindern, bei denen besondere Begabungen/Talente feststellbar sind? .................... 5
Ist dieses Konzept zur Förderung von Ich-, Sach- und Sozialkompetenz geeignet? .................... 5
Warum wurden genau diese Bereiche im Konzept verankert? ..................................................... 6
Geht es um Lernzielförderung? .................................................................................................... 6
Wie wird das Konzept in meine Planung eingebunden? .............................................................. 6
Ist der Bogen defizitorientiert? ..................................................................................................... 6
Gibt es in allen Bereichen eine Differenzierung nach oben und unten? ....................................... 7
Welche Bezugsnorm kommt bei diesem Konzept zum tragen? ................................................... 7
Was passiert mit den „Durchschnittskindern“? ............................................................................ 7
Ist der Bogen für „Kinder mit Sonderbedarf“ geeignet? .............................................................. 8
Für welche Altergruppen ist SBKKG geeignet? ........................................................................... 8
Gibt es auch Bögen für die Beobachtung von Gruppen- und Spielsituationen? ........................... 8
3
3.1
3.2
3.3
3.4
3.5
3.6
3.7
3.8
3.9
3.10
3.11
3.12
3.13
Wissenschaftlicher Hintergrund des Konzepts ........................................................................ 9
Woran erkennt man eigentlich eine „Beobachtung“? ................................................................... 9
Welche Fehler können sich bei der Wahrnehmung/Beobachtung „einschleichen“? .................... 9
Warum muss eine Beobachtung „dokumentiert“ werden? ......................................................... 10
Ist eine „Einschätzung“ eine „Beobachtung“? ............................................................................ 10
Was bedeutet „Rating“? .............................................................................................................. 11
Was bedeutet „Ranking“? ........................................................................................................... 11
Was bedeutet „Critical Event“? .................................................................................................. 11
Was bedeutet „Operationalisierung“? ......................................................................................... 12
Was bedeutet „Objektivität“? ..................................................................................................... 12
Was bedeutet „Reliabilität“? ....................................................................................................... 12
Was bedeutet „Validität“?........................................................................................................... 13
Wie lässt sich die Zuverlässigkeit und Gültigkeit meiner Einschätzungen optimieren? ............ 13
Was bedeutet es, wenn zwei Kindergarten-PädagogInnen bei ihren Einschätzungen zum
gleichen Kind weit auseinander liegen? ..................................................................................... 13
3.14 Was kann ich tun, wenn es keine zweite Person gibt, die ich für die Reliabilitätsprüfung
heranziehen könnte?.................................................................................................................... 14
3.15 Ist diese Form des Einschätzungsvergleichs zweier Personen wirklich wichtig? ...................... 14
4
4.1
4.2
Besonderheiten des SBKKG (Vernetzung Wissenschaftlichkeit und Praxistauglichkeit) . 16
Wie funktioniert das Modell der „Entwicklungs-Sensibilität“? ................................................. 16
Was sind „Scripts“ („Videoclips im Kopf“) und wo verwende ich sie? ..................................... 16
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4.3
4.4
4.5
Wie „impfe“ ich mir ein „Script“? .............................................................................................. 16
Ist der SBKKG ein statisches oder dynamisches Beobachtungsmodell? ................................... 17
Welche Schritte umfasst der Einsatz des SBKKG bei jedem Kind? .......................................... 18
5
5.1
5.2
5.3
5.4
5.5
5.6
5.7
5.8
Formale Hinweise zur richtigen Verwendung der SBKKG-Bögen ..................................... 19
Wo kann ich die SBKKG-Bögen beziehen? ............................................................................... 19
Warum ist es günstig, unterschiedliche Farben zu verwenden? ................................................. 19
Was kann ich aus den Daten herauslesen? Was muss ich damit tun? ........................................ 19
Wann muss ich die Ebene-2 verwenden? ................................................................................... 19
Was tun, wenn ich mir nicht sicher bin, was ich ankreuzen soll? .............................................. 19
Was tun mit den „freien Antwortfeldern“ auf der rechten Seite von Ebene-1? .......................... 20
Was tun mit den Rückseiten und bei Platzproblemen? ............................................................... 20
Wie dokumentiere ich Vorfälle, die im Umfeld der Kinder zwischenzeitlich passieren? (z.B.
Geburt von Geschwister, Todesfall in der Familie, Scheidung, Krankheit, etc.) ....................... 20
6
6.1
6.2
6.3
Zeitaufwand ............................................................................................................................... 21
Wie soll ich beim allerersten Mal die Sache angehen?............................................................... 21
Wie lange brauche ich für das Ausfüllen? .................................................................................. 21
Wie viele Kinder pro Woche können beobachtet werden? ......................................................... 21
7
7.1
7.2
7.3
7.4
7.5
7.6
Weitergabe von Bögen und Daten ........................................................................................... 22
Darf der (leere) Bogen weitergegeben werden? ......................................................................... 22
Ist dieser Bogen auch für Helferinnen bzw. Praktikantinnen geeignet? ..................................... 22
Soll ich mich mit meinen Kolleginnen im Team über die Beobachtung unterhalten? ............... 22
Dürfen die Eltern diese Bögen sehen? ........................................................................................ 22
Dürfen die Inspektorinnen diese Bögen sehen? .......................................................................... 23
Dürfen die Daten an die Schule weitergegeben werden? ........................................................... 23
8
8.1
8.2
8.3
8.4
8.5
Informationsaustausch und Kooperationsmöglichkeiten ..................................................... 24
Wohin kann ich mich wenden, wenn ich mich nicht auskenne und Fragen habe? ..................... 24
Unter welchen Umständen darf, kann, soll und muss ich mich an Expertinnen wenden? ......... 24
Arbeiten schon Kindergärten mit diesem Konzept? ................................................................... 24
Was kostet das SBKKG? ............................................................................................................ 24
Wurden Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik und Inspektorinnen in der
Entwicklungsphase des SBKKG eingebunden? ......................................................................... 25
8.6 Wie komme ich zu Informationen auf Ebene-2 bzw. zu einem Update? ................................... 25
8.7 Kann ich selber auf Ebene-2 (als Expertin) etwas beitragen? .................................................... 25
8.8 Warum ist es notwendig, das Projekt zu evaluieren? ................................................................. 25
8.9 Wie wird der Datenschutz bei der Evaluation gewährleistet? .................................................... 26
8.10 Ab wann darf ich den SBKKG nutzen? Gibt es eine „vertragliche Vereinbarung“? ................. 26
Kontaktadresse:
Universität Salzburg
Fachbereich Erziehungswissenschaft & Kultursoziologie, Abteilung für Erziehungswissenschaft
Akademiestraße 26, A-5020 Salzburg
Mag. Dr. Andreas Paschon
++43/662/8044-DW4241
Mail: [email protected]
Homepage Paschon: http://www.sbg.ac.at/erz/people/paschon.htm
Homepage SBKKG: http://www.sbg.ac.at/erz/people/paschon/sbkkg/sbkkg.htm
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1
1.1
Vorbemerkung / Einleitung
Vorinformation zum Text
Die wichtigsten Fragen und (Standard-)Antworten zum SBKKG sind im Folgenden kurz zusammengefasst. Dieser Text ist erst „im Aufbau“ – es wird ersucht, hinsichtlich Fehler und sprachlicher Ausdrucksform (noch) nachsichtig zu sein. Rückmeldungen, Fragen, Anmerkungen, Fehlerhinweise bitte
jederzeit unter [email protected]
Üblicherweise wird im Text die weibliche Form verwendet – Männer mögen sich bitte dennoch bei
den Formulierungen angesprochen fühlen.
Zum Teil wird aus der „Ich-Perspektive“ geantwortet mit dem Ziel, dass die Leserin für sich den
Gedankengang (aus ihrer Sicht) besser „verinnerlichen“ kann – betroffen sind davon v.a. Passagen,
die das Prozedere betreffen. Mit „Wir“ sind Zeilinger und Paschon gemeint, die das SBKKG-Projekt
leiten.
1.2
Was heißt SBKKG?
Die Abkürzung SBKKG steht für „Salzburger Beobachtungskonzept für Kindergärten“.
1.3
Von wem geht dieses Projekt aus?
Beim SBKKG handelt es sich um eine enge Kooperation des Zentrums für Kindergartenpädagogik
beim Land Salzburg unter der Leitung von Dr. Maria Zeilinger und der Abteilung für Erziehungswissenschaft an der Universität Salzburg unter der Projektleitung von Mag. Dr. Andreas Paschon. Es
wurden im Jahr 2001 die Synergieeffekte thematisiert, die entstehen, wenn die Universität praxisbezogene Forschung forciert und dabei den praktisch-pädagogischen Institutionen mit methodisch geeigneten Instrumenten Hilfestellungen gibt. Aber auch die Kindergartenpädagogik trägt zur eigenen
Professionalisierung bei, wenn die erhobenen Daten evaluiert und somit die in der Praxis verwendeten Instrumente optimiert werden.
Vom SBKKG-Projektteam wurden einige Versuche unternommen, v.a. die Pädagogik- und Didaktiklehrerinnen der beiden Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik einzubinden sowie die Inspektorinnen des Landes. Darüber hinaus wurde eine Expertinnengruppe einbezogen. Die zur Weiterentwicklung des Instruments ergiebigsten Rückmeldungen kommen bis dato durch jene Kindergärtnerinnen, die mit diesem Konzept ihre Erfahrungen sammeln.
An dieser Stelle sei all jenen gedankt, die bislang durch ihre Rückmeldung zur konstruktiven Weiterentwicklung des SBKKG ihren Beitrag geleistet haben.
1.4
Was kann der SBKKG leisten? Was nicht? Was habe ich von seiner Anwendung?
Der SBKKG ist ein Instrument, das helfen kann, Beobachtungen ein Stück weit zu systematisieren
und auf der Grundlage einer Dokumentation, kindspezifische Planungen vorzunehmen. Es geht nicht
ausschließlich darum, Förderpläne zu erstellen, sondern viele Fähigkeitsaspekte von allen Kindern,
eingebettet in die Wahrnehmung ihres Umfelds, einzuschätzen. In der Folge ist abzuschätzen, ob dies
schlichtweg unbedenklich nur „zur Kenntnis zu nehmen ist“, ob der Befund eine „Phase des Abwartens“ rechtfertigt oder ob die Situation zu kurz-, mittel und langfristigen Interventionen führen muss.
Der SBKKG ist aber bei aller Euphorie kein Allheilmittel. Er dient v.a. der Dokumentation von
Wahrgenommenem über die gesamte Kindergartenlaufbahn eines Kindes. Dieses Registrieren ist
demnach eine „zyklische Diagnose“. Sie ersetzt notwendige Interventionen natürlich nicht!
Ein paar Anmerkung mit Parallelen zur Medizin: Zur Feststellung von Fieber bei einem kränklich
wirkenden Kind empfiehlt sich zusätzlich zur groben Überprüfung mittels „Hand auf die Stirn“ ein
Griff zum Fieberthermometer (Präzisierung) und dem Abklären der Ursache (Umfeldvariablen). Mit© 2004 UNIVERSITÄT SALZBURG Abteilung für Erziehungswissenschaft (Mag. Dr. Paschon) & LAND SALZBURG Zentrum für Kindergartenpädagogik (Dr. Zeilinger)
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unter erweist sich die Unterstützung durch den Arzt zur besseren Diagnose als sinnvoll und angemessen, v.a. wenn die notwendigen Fähigkeiten meinen Kompetenzbereich (Hausapotheke) überschreiten. Das mehrfache Messen mit dem Fiebermesser und das Aufschreiben der Werte auf einer
Fieberkurve können bei einem kranken Kind den Temperaturverlauf abbilden. Diese Dokumentation
allein trägt zur Gesundung allerdings wenig bis nichts bei, aber sie gibt Aufschluss, ob eine Intervention mit Hausmitteln (Wickel, Tee etc.) ausreicht oder eine fachliche medizinische Abklärung
durch einen Arzt notwendig ist. In der Folge ist es ratsam, die Wirkung der Intervention insgesamt
aber auch in Bezug auf das Fieber zu berücksichtigen. Erst wenn u.a. die Fieberfreiheit (als eines von
mehreren möglichen Erfolgskriterien) nachgewiesen ist (durch eine Messung nach einiger Zeit) zeigt
sich, dass sich der Kranke dem angestrebten Gesundheitszustand (über die reine Symptombekämpfung hinaus) nähert.
Der SBKKG kann „im medizinischen Kontext“ als Diagnoseinstrument einer Vorsorgeuntersuchung
verstanden werden, das v.a. für die Gesunden (im Sinne der Vorsorge) eingesetzt werden soll und
nicht nur für die wie auch immer „Auffälligen“. Dort, wo sich beim groben Screening (wie mit
einem Scanner) in der Vorsorgeuntersuchung aller Bereiche ein „Verdacht“ abzeichnet, muss in
einem zweiten Schritt der Sache und der Ursache (spezifischer) auf dem Grund gegangen werden –
notfalls unter Einbeziehung von Expertinnen.
1.5
Warum ist die Einschulung vor dem SBKKG-Einsatz unerlässlich?
Der SBKKG nimmt auf dreierlei Zugänge zur Beobachtung Rücksicht: Wissenschaft, spezifische
Kindergartensituation und die Individualität der Beobachterin. Sicherlich wird einigen Praktikerinnen beim Lesen vieles „völlig klar“ sein, anderes aber unverständlich bleiben. Der SBKKG will
aber nicht nur für das Unverständliche und Neue einschulen - im Gegenteil: Bisher hat sich bei vielen Praktikerinnen gezeigt, dass genau das, was „eh völlig klar und trivial“ ist, sich als schwierig
erwiesen hat, und erst die Übungen mit der Selektiven Wahrnehmung (Experiment, subjektive Filter,
Reliabilität der eigenen Einschätzung, Unterschied zwischen Beobachtung und Rating etc.) haben
über so manches AHA-Erlebnis den Zugang zum eigentlichen Konzept ermöglicht.
Um den SBKKG verwenden zu dürfen, ist deshalb eine entsprechende Einschulung durch Fachkräfte verbindlich vorgeschrieben, da eine unsachgemäße Handhabung zu einem Missbrauch des
Instruments führen kann (z.B. unreflektierte Defizitorientierung, Bezugsnormverwechslungen).
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2
2.1
Pädagogischer Hintergrund des Konzepts
Welcher pädagogischer Ansatz liegt dem SBKKG zugrunde?
In der Pädagogik sprechen wir verstärkt von einer ganzheitlichen Förderung, die Ich-, Sach- und
Sozialkompetenz berücksichtigt. Diese Kompetenzen können aber nicht direkt beobachtet sondern
nur indirekt durch Indikatoren unterschiedlicher Bereiche erschlossen werden – eine ganzheitliche
Beobachtung ist unmöglich. Für die Beobachtung ist es notwendig, selektiv vorzugehen und sich
auf eine überschaubare Anzahl relevanter Bereiche, die auf der Ebene des (empirisch) Beobachtbaren
angesiedelt sind, zu konzentrieren. Die einzelnen Komponenten und deren Zusammenwirken in der
Persönlichkeit des Kindes haben im Sinne einer ganzheitlichen Sicht zunächst im Zentrum der
Beobachtung zu stehen.
In der Literatur stehen für unterschiedliche Aspekte - z.B. für motorische, sprachliche, soziale,
emotionale, kognitive und andere entwicklungspsychologische Bereiche – kriterienbezogene Anhaltspunke für den jeweiligen Entwicklungsstand zur Verfügung. Solche Kriterien zeichnen sich
durch ihre unmittelbare Beobachtbarkeit aus und haben eine gewisse Orientierungsfunktion, aber sie
variieren von Kind zu Kind. Um der Individualität des Kindes in seiner Persönlichkeit angemessen
zu begegnen, müssen diese Einzelwahrnehmungen vernetzt und deren Wechselwirkungen erkannt
werden. Deshalb ist es notwendig, das Kind darüber hinaus in seinem Umfeld (Bezugspersonen,
Vorlieben, Eigenheiten, etc.) zu sehen.
Im SBKKG wird versucht, diesen Anforderungen durch eine Kombination von (Grob-)Einschätzungen und (Spezial-)Beobachtungen gerecht zu werden.
Diese Beobachtung führt aber nicht in die traditionelle und abzulehnende mechanistische lernzielorientierte Förderung, sondern stellt eine differenzierte Diagnose dar, die der Ausgangspunkt für eine
ganzheitliche und individuelle Förderung des Kindes ist.
2.2
Zielt dieses Konzept auf die ganzheitliche Förderung ab?
Ja, das Konzept zielt auf ganzheitliche Förderung ab. Man muss sich aber vor Augen halten, dass
eine ganzheitliche Beobachtung nicht möglich ist und daher unterschiedliche Indikatoren herangezogen werden müssen, die zum Zwecke einer ganzheitlichen Förderung vernetzt werden können.
2.3
Was tun mit Kindern, bei denen besondere Begabungen/Talente feststellbar sind?
Mit dem SBKKG ist es möglich, diese Talente aus der Sicht der Pädagoginnen zu dokumentieren. Es
ist natürlich wünschenswert, dass nicht nur die Kinder unterhalb des Graubereichs eine entsprechende Unterstützung erhalten, sondern auch die Kinder mit besonderen Fähigkeiten. Selbst wenn vermutlich beim SBKKG zunächst (wiederum) die Kinder mit großen Entwicklungsverzögerungen –
zurecht – die Hauptnutznießer des Konzepts sind, so ist es doch mit relativ wenig Aufwand (einfaches Durchblättern aller Ebene-1-Bögen) möglich, (a) die sogenannten „Durchschnittskinder“ und
(b) die besonders Begabten (zumindest) gelegentlich herauszufiltern, um auch ihnen adäquate Angebote zukommen zu lassen.
2.4
Ist dieses Konzept zur Förderung von Ich-, Sach- und Sozialkompetenz geeignet?
Zurecht werden Ich-, Sach- und Sozialkompetenz immer wieder ins Zentrum der pädagogischen
Bemühungen gerückt. In der Planung wird versucht, diese Kompetenzen zu erwerben. Bei näherer
Betrachtung zeigt sich allerdings, dass diese Kompetenzbereiche nicht eindeutig operationalisierbar
sind, sondern durch eine Vielzahl von vernetzten Subkompetenzen gebildet werden. Eine differenzierte Einschätzung in den zehn Bereichen des SBKKG-Bogens fiel den Praktikerinnen bisher „vergleichsweise“ leicht. Die Ankündigung, Ich-, Sozial- und Sachkompetenz einzuschätzen, wurde von
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ihnen als „zu abstrakt“ abgelehnt. Zwar waren bei den jüngeren Pädagoginnen die Begriffe auch im
Hinblick auf die Planung geläufig, allerdings wurden sie mit der Begründung „schwer operationalisierbar und somit als nicht direkt beobachtbar“ abgelehnt.
2.5
Warum wurden genau diese Bereiche im Konzept verankert?
In vielen Gesprächen mit den Pädagoginnen haben sich diese Bereiche als jene herauskristallisiert,
zu denen sie Zugang in ihrer eigenen „Wahrnehmungs- und Diagnosekompetenz“ hatten. Hier trauen
sich die Pädagoginnen am ehesten zu, reliable Einschätzungen zu machen, ohne bis ins kleinste
Detail Fachfrau für jeden dieser Bereiche sein zu müssen. Entscheidend für den SBKKG ist die
Kommunizierbarkeit der eigenen Bewertungen und die Option, bei Bedarf weitere Expertinnen zu
Rate zu ziehen.
Diese 10 Bereiche erweisen sich darüber hinaus als ergiebig im Hinblick auf verfügbare entwicklungspsychologische Literatur. Das Kindergartengesetz §12, Absatz 4 fordert ebenfalls die Berücksichtigung dieser Bereiche.
2.6
Geht es um Lernzielförderung?
Es geht nicht um klassische Lernzielförderung (z.B. mit methodischen Reihen). Im Gegenteil: Wir
empfehlen ausdrücklich, diese Reihen nicht als Reflex oder Allheilmittel einzusetzen; sie sind eine
Option von vielen. In der Regel sind sie gut geeignet, eine ganz spezielle Fähigkeit (in kleinen
Schritten) zu trainieren. Im SBKKG steht aber im Vordergrund, mögliche notwendige Interventionen
nicht eindimensional einzuführen, sondern die Einschätzung ganzheitlich zu sehen und dann zu überlegen, welche Teilbereiche wie miteinander verknüpft sind und wo sich ev. Synergie- oder Umwegrentabilitätseffekte einstellen könnten. So wäre es z.B. durchaus sinnvoll, (relative) „TalentBereiche“ als „Lokomotive“ einzusetzen, d.h. die individuellen Stärken des Kindes als „Zugkraft“
für sein Lernen zu nutzen.
2.7
Wie wird das Konzept in meine Planung eingebunden?
Das Land Salzburg hat für Kindergärten eine „schriftliche Arbeitsdokumentation“ ausgearbeitet.
Dort wird neben anderen Aspekten auch der Stellenwert der Beobachtung erläutert: (a) Welche
Unterstützung braucht das einzelne Kind von mir? (b) Was ist aufgrund der Beobachtung für die
gesamte Gruppe wichtig, und was muss ich in der Planung berücksichtigen? (c) Gibt es aufgrund der
Beobachtungen Themen, die ich mit den Eltern besprechen will? (d) Gibt es aufgrund der Beobachtungen Themen, die ich mit Fachexpertinnen besprechen will?
Mittels SBKKG können diese vier Fragen kindspezifisch beantwortet werden. Insbesondere die
Rückseite auf Ebene-1 und Ebene-2 dient der Planung und Dokumentation allfälliger notwendiger
Interventionen (vom Elterngespräch über Expertenrat bis zum didaktischen Angebot).
Durch die übersichtliche Darstellung der Einschätzungen in den 10 Bereichen ist es möglich, ohne
großen Aufwand ganz bewusst all jene Kinder herauszufiltern, die in einem Bereich besondere
Fähigkeiten haben, um für sie ein spezielles Programm anzubieten und um der Gefahr vorzubeugen,
unbeabsichtigt eher defizitorientiert vorzugehen. Dadurch können neben Einzelförderungen auch
Subgruppen (mit vergleichbaren Stärken und Neigungen) in den Genuss spezieller Angebote
kommen.
2.8
Ist der Bogen defizitorientiert?
Der Bogen ist geeignet, jedes Kind differenziert wahrzunehmen. Dort wo Defizite entdeckt werden,
sollte man aus dem professionellen pädagogischen Selbstverständnis heraus bemüht sein, Angebote
zu setzen, die das Kind in seiner Entwicklung unterstützen. In der Dokumentation kommen aber auch
Stärken differenziert zum Ausdruck, die bei entsprechender Registrierung ebenso handlungsrelevante
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pädagogische Überlegungen einleiten sollten. Eine Reduktion der Dateninterpretation auf Defizitorientierung entspricht nicht der SBKKG-Konzeption.
2.9
Gibt es in allen Bereichen eine Differenzierung nach oben und unten?
Prinzipiell ja, aber die unterschiedlichen Bereiche auf Ebene-1 werden unterschiedlich zum Einsatz
kommen: Während bei Sprachentwicklung und motorischen Fähigkeiten voraussichtlich die gesamte
Skala genutzt werden wird (also auch die Kategorien unterhalb des Graubereichs), wird v.a. bei kreativer und musikalischer Entwicklung die Hemmschwelle hoch sein, defizitäre Kategorien anzukreuzen; hier könnten dafür umso deutlicher Abweichungen nach oben (Erkennen besonderer Potenziale)
eine wichtige Rolle der Differenzierung bilden.
2.10
Welche Bezugsnorm kommt bei diesem Konzept zum tragen?
Grundsätzlich werden alle drei gängigen Bezugsnormen der Pädagogik, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, verwendet: kriterielle (=sachbezogene bzw. lernzielorientierte), soziale (=bezugsgruppen- bzw. normorientierte), und individuelle (=individualdiagnostische bzw. zuwachsorientierte)
Bezugsnorm – diese finden auf beiden Ebenen im SBKKG Anwendung und können nicht immer getrennt werden!
Die kriterielle Bezugsnorm bezieht sich v.a. auf den Maßstab, was entwicklungspsychologisch in
welchem Alter (mehr oder weniger) vorausgesetzt werden darf – das Alter dient dabei als Anhaltspunkt (vgl. Ebene-2 Erfolgskriterien). Es werden von außen „harte Fakten“ angelegt, an dem sich
alle zu messen haben.
Die soziale Bezugsnorm bezieht sich immer auf die „Bezugsgruppe“ mit allen Vor- und Nachteilen –
sie ist leider in der Schule noch weit verbreitet: Je nach Klasse kann man mit mittlerer Leistung
völlig unterschiedlich bewertet werden: Unter vielen guten Mitschülern relativiert sich die Leistung
als „relativ schlecht“; in einer schlechten Klasse kann man hingegen mit derselben Leistung als
„augenscheinlich super“ abschneiden.
Die individuelle Bezugsnorm wählt als Kriterium die eigene Leistung und alle Lernzuwächse werden
auf die vorherige Leistung (bzw. Einschätzung) bezogen. Selbst kleine Verbesserungen bei schwach
ausgeprägten Fähigkeiten können hier als Zuwachs identifiziert werden.
Im SBKKG verschmelzen diese Ansätze: Bei der kriteriellen Bezugsnorm kommt das entwicklungspsychologische Alter zum Tragen, dabei werden auch soziale Vergleiche mit anderen Kindern im
selben Bereich zwangsläufig hergestellt. Der individuelle Maßstab rückt ins Zentrum bei der Veränderung über die Zeit (aufgrund mehrerer Beobachtungszyklen) und zum anderen bei jenen Kindern, die als klassische Mittelwertkinder eingestuft sind: Denn hier soll laut Konzept nicht in allen
Bereichen das Mittelmaß „5“ vergeben werden, sondern jeweils der gesamte Graubereich zur Binnendifferenzierung des Einzelkindes genutzt werden, sodass daraus (relative) Talente und auch (relative) Schwächen ablesbar sind.
2.11
Was passiert mit den „Durchschnittskindern“?
Das prototypische „unauffällige Durchschnittskind“ gibt es in Wirklichkeit nicht und die, die dafür
gehalten werden, kommen bei Beobachtungen meistens zu kurz, weil die (wie auch immer) Auffälligeren die Szene dominieren und somit in der Wahrnehmung der Pädagoginnen deutlichere
Spuren hinterlassen – das zeigt sich jedenfalls häufig bei der vergleichsweise ausführlichen Dokumentation solcher Kinder.
Dieses sogenannte „Durchschnittskind“ wäre aus unserer Sicht viel zu undifferenziert wahrgenommen, wenn es bei allen 10 Breichen mit einem Kreuzchen beim Mittelwert „5“ bedacht wird.
Genau hier sieht das SBKKG einen etwas anderen Zugang vor: die Mitte (Graubereich) erstreckt sich
zur besseren individuellen Differenzierung auf die Werte 4-5-6. So kann, auch wenn beim Kind
keine auffälligen Verzögerungen/Schwächen, aber auch keine besonderen Talente festzustellen sind,
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im Graubereich tendenziell auf „relative Stärken“ verwiesen werden. Auch wenn kein weiteres Blatt
auf Ebene-2 benötigt wird, kann man ohne viel Aufwand auf der Rückseite Tipps und Anregungen
für das nächste Elterngespräch notieren, bei dem man sehr wohl den Eltern die relativen Stärken vor
Augen führt und dabei z.B. auf die musikalische Frühförderung oder auf die sprachlichen Potenziale
des Kindes verweist.
2.12
Ist der Bogen für „Kinder mit Sonderbedarf“ geeignet?
Nein, das Konzept ist primär für die differenzierte Diagnose (und Intervention) bei Kindern im
Regelkindergarten bzw. für Kinder ohne besondere Bedürfnisse konzipiert. Integrationskinder sollten
nach wie vor mit den dafür vorgesehenen Instrumenten, wie sie bei Sonderkindergärtnerinnen zum
Einsatz kommen, eingestuft werden. Hier kann der SBKKG nur als Ergänzung und nicht als Ersatz
verstanden werden.
2.13
Für welche Altergruppen ist SBKKG geeignet?
Der Ausgangspunkt war für uns in der Konzeption der Kindergarten; auf Ebene-2 steht ein Kriterienraster zur Verfügung, wo das entwicklungspsychologische Alter ablesbar ist. Dieses bietet für
die Altergruppe 0-6 eine breite Palette von Erfolgskriterien.
In den nächsten Monaten wird in allen 10 Bereichen diese Arbeit um die die Altersspanne 7-14 Jahre
erweitert, sodass in absehbarer Zeit mit dem SBKKG Krabbelgruppen, Kindergärten, alterserweiterte
Gruppen und Horte entsprechend „versorgt“ werden können.
2.14
Gibt es auch Bögen für die Beobachtung von Gruppen- und Spielsituationen?
Im Rahmen des SBKKG-Konzepts wird bereits an der Entwicklung weiterer (leicht handhabbarer
und verlässlicher) Beobachtungsinstrumente (z.B. Gruppenbeobachtungs-, Interaktionsbeobachtungs- und Selbstbeobachtungsbögen für Pädagoginnen) gearbeitet; diese liegen aber noch nicht einsetzbar vor.
Die derzeit verfügbaren Bögen auf Ebene 1 und 2 dienen ausschließlich der Einzelbeobachtung aller
Kinder und deren gedeihliche Entwicklung in ihrem Umfeld.
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3
3.1
Wissenschaftlicher Hintergrund des Konzepts
Woran erkennt man eigentlich eine „Beobachtung“?
Beobachtung ist „die allgemeine Bezeichnung für aufmerksame und planvolle Wahrnehmung und
Registrierung von Vorgängen an Gegenständen, Ereignissen oder Mitmenschen in Abhängigkeit von
bestimmten Situationen.“ Sie muss ferner selektiv, bedeutungsbehaftet, zielgerichtet, systematisch
und intersubjektiv (objektiv) sein und hohe Reliabilität (Zuverlässigkeit) sowie Validität (Gültigkeit)
aufweisen.
Diese bis heute in der wissenschaftlichen Methodologie gültige und gängige Definition (von Fröhlich
und Denver 1970) kann in praktischen Feldern wie Kindergarten, Hort und Schule kaum systematisch erfüllt werden und falls doch, werden so viele Ressourcen für Beobachtung gebunden, dass die
Institution oft kaum mehr in der Lage ist, ihrer eigentlichen Bildungs- und Erziehungsaufgabe entsprechend nachzukommen. Hier setzt der SBKKG an, indem er den Minimalanforderungen wissenschaftlichen Beobachtens gerecht wird und dabei die institutionsspezifischen Bedingungen (z.B.
kleiner Kindergarten am Land, mehrgruppiger Kindergarten im Ballungszentrum mit mehreren
Pädagoginnen pro Gruppe, etc.) berücksichtigt. Ferner werden die individuellen Ressourcen – auch
im Sinne der spezialisierten Ausbildungen – aller Pädagoginnen einer Institution (Psychomotorikerin, Musikalische Früherziehung etc.) in der Diagnostik und Intervention genützt.
Bei den Verwendung von SBKKG wird bereits bei der „Einschulung“ strikt zwischen Rating/Einschätzung und „echter“ Beobachtung unterschieden, da sich in der Vergangenheit gezeigt hat, dass
das Wort „Beobachtung“ oft inflationär und falsch verwendet wurde. Mit dem SBKKG liegt ein wissenschaftlich fundiertes und praktisch verwertbares Instrument vor, das nach entsprechender Einschulung effektiv und effizient nutzbar ist.
3.2
Welche Fehler können sich bei der Wahrnehmung/Beobachtung „einschleichen“?
Beobachtung ist eine sozialwissenschaftliche Datenerhebungsmethode, bei der insbesondere die
folgenden Fehler auftreten können: Der Beobachtete, der Beobachtende oder beide gemeinsam sowie
ein zweifelhaftes methodisches Vorgehen können zu Fehlern und Effekten führen:
Beim Beobachteten stellen sich oft Versuchspersoneneffekte ein:
 Guineapig-Effekt: Das Wissen beobachtet zu werden, verändert das Verhalten der Beobachteten
 Rollenselektion: Unter Beobachtung schalten wir bewusst um und „spielen eine andere Rolle“
 absichtlich (verfälschtes) sozial erwünschtes Verhalten als Folge der Reaktivität dieses Verfahrens.
Aber auch der Beobachter hat ein hohes Fehlerrisiko:
 die individuelle Biographie des Beobachters mit subjektiven Bedürfnissen, Erwartungen, Einstellungen, Emotionen (bezogen auf soziale Gegebenheiten)
 Erwartungsfehler, die die Wahrnehmung „trüben“
- Self-fulfilling-Prophecy: unbewusste Herbeiführung eines Ergebnisses
- Rosenthal-Effekt: Wer suchet, der findet
- Ausblendung „blinder Flecken“ (da nicht sein kann, was nicht sein darf; Wegschauen)
- Primacy-Effekt: Der „erste Eindruck“ wird besser behalten und führt zu Verzerrungen (bei späteren Auszeichnungen), aber auch der „letzte Eindruck bleibt hängen“ und wirkt in der
Erinnerung stark nach (Recency-Effekt)
 Mangelnde Vertrautheit des Beobachters mit dem zu beobachtenden sozialen Systems (fremde
Erfahrungswelt)
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Konsistenzeffekte: Beobachter will in sich „konsistent“ wahr-nehmen. Dazu gehören u.a. Generalisierungsfehler, Nachbarschaftseffekt, Vorwissenfehler, Konformitätsdruck, Projektion, Etikettierung („typisch“ Frau, Ausländer, Lehrer, Sandler, etc.  Prototypen!)
Halo-Effekt (auch Hof-Effekt genannt): Beobachtung hervorstechender Merkmale beeinflusst
davon unabhängige Kategorien, Merkmals „strahlt“ auf andere Wahrnehmungen aus
Emotionale Beteiligung (z.B. Ärger, Angst, Sympathie, etc.)
Logischer Fehler: Tendenz, Eigenschaften nach der vermeintlichen Zusammengehörigkeit zu
interpretieren („implizite“ Persönlichkeitstheorie (z.B. Dicke sind gemütlich), Attribuierungstendenzen (Faulheit oder Pech?)
Veränderung der Wahrnehmungsschwelle (Senken erhöht die Vigilanz/Wachheit/Sensibilisierung für ein Merkmal; Heben der Wahrnehmungsschwelle begünstigt die Wahrnehmungsabwehr)
Interpretationsfehler: Zentrale Tendenz: (Tendenz zur Mittelkategorie), Schwarz-Weiß-Denken
(Polarisierung), Ja-Sage-Tendenz (bei Entscheidungsfragen)
Maßstab: Großzügigkeitsirrtum (Milde-Fehler), Fehler der Nähe (tendenziell ähnliche Bewertung
mehrerer Variablen hintereinander)
Erinnerung: Kapazitätsgrenzen, Etiketten/Vorwissen/Schubladen, Puzzleteil-Erinnerungen werden „sinnvoll“ ergänzt (Zeugenaussagen);
Wiedergabefehler: Konformitätsdruck (bei Datenvergleich meist zugunsten von Autorität bzw.
Gruppe);
Fehlerhafte Aufzeichnung: Grund meist zu hohe Kategorienanzahl, Ablenkung, schwankende
Aufmerksamkeit, Dokumentationsvorgabe zu simpel oder zu komplex.
Schließlich wäre noch auf methodische Fehler zu verweisen:
 Auswahl der „Beobachtungsstichprobe“ ist nicht zufällig, nicht typisch oder nicht repräsentativ
bezogen auf Personen, Zeitpunkte, Situationen (Verzerrung/Artefakt);
 Ungünstige Wahl des Beobachtungssystems, der Kategorisierung, der Variablen, etc.
Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Minimierung von Beobachtungsfehlern wird in den gängigen
Methodenhandbüchern immer wieder die Beobachtereinschulung angeführt – nicht zuletzt deshalb
ist für einen ordnungsgemäßen SBKKG-Einsatz eine Einschulung obligatorisch.
3.3
Warum muss eine Beobachtung „dokumentiert“ werden?
Aufgrund der geballten Informationsdichte und permanenten Reizüberflutung sind wir nicht in der
Lage, uns alles „Wahrgenommene“ zu merken. Beobachtung beginnt daher schon bei der „Selektion“ dessen, was für eine Beobachtung relevant ist und was nicht. Das Beobachtete ist daher
unbedingt möglichst unmittelbar zu protokollieren/dokumentieren, weil bereits nach kurzer Zeit das
Wahrgenommene „uminterpretiert gemerkt“ wird (z.B. selektive Wahrnehmung, Erinnerungsgrenzen, Ist-Diagnosen etc.). Menschen sind im Alltag stets verleitet, (spontane) „Beobachtungen“
mit ebenso (spontanen) Interpretationen und Handlungen (un)bewusst zu verknüpfen. Hohe Professionalität im Berufsstand zeichnet sich dadurch aus, dass diese Aspekte theoretisch und praktisch
getrennt werden.
3.4
Ist eine „Einschätzung“ eine „Beobachtung“?
Nein! Bei einer Beobachtung muss aufgrund der klaren Definitionen (Beobachtungsplan, Raster,
Kategoriensystem, Nachvollziehbarkeit und Nachkontrollierbarkeit) nach entsprechender Einschulung jeder Beobachter zum gleichen Ergebnis kommen – es gibt also keinen Spielraum! (siehe
Erfolgskriterien der Ebene-2)
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Bei einer Einschätzung (Kurzbezeichnung: Rating) wird versucht, möglichst gut begründbar die
eigene Wahrnehmung und Interpretation des Gesehenen in einen (Zahlen-)Wert einfließen zu lassen,
über den man im Anschluss noch mit anderen Einschätzern (Rater) vergleichen und diskutieren kann.
Es handelt sich hierbei eben um keine Beobachtung, sondern eine planvolle systematische Wahrnehmung, die mit den Wahrnehmungen der anderen im Team verglichen werden kann.
Da auf Ebene-1 mit Sicherheit keine für alle zufrieden stellende Beobachtung (im Sinne der Definition) gewährleistet sein kann, empfehlen wir dringend, die Ebene-1 als eine Ebene zu verstehen,
bei der die Teammitglieder durch gezielte Wahrnehmungen in Verbindung mit Einschätzungen die
Basis für gezielte kindspezifische Beobachtungen auf Ebene-2 legen. Erst dort werden die zu beobachtenden Fakten als „Script“ definiert und somit beobachtbar gemacht.
Die Einschätzungen auf Ebene-1 (und teilweise auf dem Ebene-2-Bogen im oberen Bereich!) bilden
aber eine wichtige Grundlage für die späteren Beobachtungen – deshalb müssen sie auch auf ihre
Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität und Validität) untersucht werden. Durch das Vergleichen der
Einschätzprofile zweier Pädagoginnen zum gleichen Kind kann bereits ein erster Wahrnehmungsabgleich stattfinden – die mit vergleichsweise wenig Aufwand festgestellten Differenzen in der
Dokumentation lassen sich so diskutieren. Bei nicht nachvollziehbaren Unterschieden können sich
beide Pädagoginnen noch einmal vornehmen, dieses Kind im entsprechenden Bereich (unabhängig
voneinander) anzuschauen und ihre Einschätzung überdenken - ev. lassen sich ja für die Unterschiede auch Sympathien, Ärger, Tagesverfassung, „rosa“ Brille etc. verantwortlich machen. Die
Sicherheit meiner Wahrnehmungen steigt, wenn auch andere zum gleichen Ergebnis kommen –
dieser Grad an Übereinstimmung wird „Reliabilität“ genannt.
3.5
Was bedeutet „Rating“?
Bei einer Rating-Skala wird von der befragten (Fragebogen/Interview) bzw. der beobachtenden
Person eine Einschätzung des Ausprägungsgrads für einen definierten Sachverhalt abgegeben. Ein
Rating ist aber keine „Beobachtung“ an sich, sondern eben nur eine „Einschätzung“, die mehr oder
weniger richtig – und daher subjektiv gefärbt - ist. Bei einem Rating wird auf einer Skala mittels
Zahlen „von 1 bis 5“ oder Wort-Etiketten von „Zustimmung bis Ablehnung“, von „weit überdurchschnittlich bis weit unterdurchschnittlich“, etc. die (subjektiv) zutreffendste Kategorie angekreuzt.
Diese Ratingskalen finden im SBKKG auf Ebene-1 in 10 Bereichen und auf Ebene-2 partiell
Anwendung. Die Kindergärtnerin erstellt dabei subjektiv für jedes Kind ein „individuelles Profil“.
Ein Rating ist eine „Bewertung“, die beim SBKKG pro Bereich 9 Stufen umfasst: Dabei werden die
3 mittleren Kategorien (Graubereich) als „Durchschnittsausprägungen “ verstanden. Zur weiteren
Differenzierung gibt es je 3 Kategorien darüber und darunter. Im SBKKG sollen diese 9 Abstufungen als „grobe Einschätzung“ verstanden werden und nicht ein Unterschied von einer Kategorie gleich „überbewertet“ werden.
3.6
Was bedeutet „Ranking“?
Bei einem Ranking werden die Personenvariablen (z.B. Leistung, Einkommen, etc.) in eine Rangreihe gebracht: Auflistung vom Besten zum Schlechtesten, vom Größten zum Kleinsten, etc. Ein
Ranking (wie auch immer) hat im SBKKG praktisch keine Bedeutung und wird an dieser Stelle nur
in Abgrenzung zum Rating erklärt, das bislang oft schlichtweg damit „verwechselt“ worden ist.
3.7
Was bedeutet „Critical Event“?
Eine Methode der Beobachtung nennt sich „Beobachtung des kritischen Ereignisses“ („critical
event“) und meint damit, dass nur ein ganz genau definiertes Ereignis (z.B. bestimmtes Verhalten)
beobachtet wird. Im Vergleich zu anderen Beobachtungsarten ist diese relativ wenig aufwendig, da
nicht permanent beobachtet wird, sondern nur dann, wenn dieses Ereignis – als Signalreiz – auftritt,
wahrgenommen und dokumentiert werden muss.
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Dieses Verfahren findet im SBKKG Anwendung, da es den Kindergärtnerinnen ermöglicht, auch
ohne spezielle definierte Beobachtungszeiten die alltägliche Arbeit routiniert zu erledigen und sich
gleichzeitig darauf verlassen, dass die „Signalreize“, die auf Ebene-2 für die einzelnen Kinder
festgelegt wurden (critical events) dennoch herausgefiltert werden (Stichwort: Partyflüstereffekt).
„Critical events“ sind, da sie zunächst definiert sein müssen, brauchbar und ihre Interraterübereinstimmung (Reliabilität) bestimmbar, wie sich im Rahmen der SBKKG-Einschulungen ausnahmslos bei der Übung „Zebrastreifen“ herausstellte. Da für unterschiedliche Kinder ebenfalls „Ereignisse“ definiert werden können, ist diese Methode sehr individuell adaptierbar. Es sei darauf verwiesen, dass mit „critical“ keineswegs „kritisch“ (negativ besetzt) gemeint ist, sondern der Signalreiz
so präzise formuliert und abgespeichert sein muss, dass das „Gehirn“ beim Eintreten dieses Reizes
die Aufmerksamkeit darauf richtet und somit von der Pädagogin bewusst Entwicklungsschritte wahrgenommen und dokumentiert werden können. Diese Signalreize werden beim SBKKG auf Ebene-2
definiert und sind als Erfolgskriterien formuliert.
Wir bedienen uns der Methode des „critical events“ alltäglich zum „Problemlösen“, was exemplarisch angedeutet werden soll: (1) beim Suchen nach dem nächsten für mich zeitlich möglichen
Bus bei der Busabfahrtstafel in der Haltestelle, (2) beim Suchen eines ganz bestimmten Produkts im
Supermarkt, (3) bei der Orientierung im Straßenverkehr in einer fremden Stadt (z.B. Signal an den
Kopf „Fahre in die Innenstadt und somit immer den Schildern „Zentrum“ nach). Auch die gesamte
Mediennutzung (Fernsehen, Zeitungslesen, Internetnutzung, etc.) basiert auf diesem Prinzip. Wir
sind es also gewöhnt, im Alltag genau so zu denken – diese Fähigkeit sollte auch im Beruf stärker
bewusst zum Einsatz kommen.
3.8
Was bedeutet „Operationalisierung“?
Operationalisierung bedeutet „Messbarmachung“ und meint im SBKKG auf Ebene-2 die konkrete
Ausformulierung von klar abgegrenzten Kriterien. Dazu zählen Sätze wie „Hans kann 10 Sekunden
rückwärts auf einer Linie gehen“, „Elfriede kann Wörter mit 5 Silben nachsprechen“, „Aziz kann
Sätze in die Vergangenheit transferieren“ etc. Im SBKKG wird dies mittels Aussagen/Sätzen als konkret beobachtbare Erfolgskriterien erreicht, die eindeutig durch „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können.
3.9
Was bedeutet „Objektivität“?
Objektivität (=Intersubjektivität) ist ein Gütekriterium für (wissenschaftliche) Aussagen, welches
sich auf das Ausmaß bezieht, in dem die Resultate der Diagnose unabhängig (also nicht subjektiv
gefärbt) vom Untersucher/Beobachter sind. Eine Messung ist dann objektiv, wenn subjektive Einflüsse des Untersuchers/Beobachters/etc. möglichst ausgeschlossen werden können. Diese (sozialwissenschaftliche) Forderung besteht für die Phasen der Durchführung, die Auswertung und der
Interpretation. Daher ist Operationalisierung unerlässlich.
3.10
Was bedeutet „Reliabilität“?
Reliabilität (=Zuverlässigkeit) ist ein Maß für die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Dieses
Gütekriterium gibt bei der Datenerhebung den Grad der Übereinstimmung bzw. Genauigkeit an: (1)
entweder zwischen zwei (oder mehreren) Beobachtern, die das gleiche beobachten (z.B. Kind A)
oder (2) einem einzelnen Beobachter, der in einem zeitlichen Abstand Beobachtungen zur gleichen
Person macht. In beiden Varianten müssten sich vergleichbare Ergebnisse abbilden lassen, wobei (1)
stärker den Aspekt der Objektivität, (2) den der Reliabilität betont.
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3.11
Was bedeutet „Validität“?
Validität ist durch das Maß der Genauigkeit definiert, mit dem das Verfahren dasjenige Merkmal
misst, das es zu messen vorgibt (z.B. misst ein Intelligenztest wirklich Intelligenz?). Die Validität
sagt also etwas darüber aus, ob tatsächlich das gemessen wird, was man messen will oder etwas
anderes.
3.12
Wie lässt sich die Zuverlässigkeit und Gültigkeit meiner Einschätzungen optimieren?
Aus wissenschaftlicher Perspektive muss eine Beobachtung nicht nur unabhängig vom Beobachter
zum gleichen Ergebnis führen, sondern es muss auch nachgewiesen werden, dass die Ergebnisse
zuverlässig und gültig sind. Unter den Bedingungen im Kindergarten ist es sehr schwer, diese wissenschaftlichen Anforderungen an eine „saubere Beobachtung“ auch nur ansatzweise zu erfüllen.
Deshalb wird auf der Ebene-1 von Einschätzungen (eigentlich im Sinne von Eindrücken/Interpretationen) und auf der Ebene-2 von Beobachtungen (bei den konkreten Erfolgskriterien) gesprochen.
Auf Ebene-2 müssen die „angestrebten Beobachtungen“ (Scripts) so eindeutig formuliert sein, dass
das Eintreten unabhängig von der wahrnehmenden Person (Leiterin, Kindergartenpädagogin,
Helferin etc.) feststellbar ist bzw. zumindest theoretisch wäre. Hier muss besonderes Augenmerk auf
die Auswahl der angemessenen Erfolgskriterien (unter Berücksichtigung der individuellen Entwicklung sowie der entwicklungspsychologisch relevanten Kriterien) sein. Wenn ein beobachtbar
formulierter Zwischenschritt eingetreten ist, muss dieser (unabhängig vom Beobachter) mit „ja“
identifiziert werden können. Gerade die Festlegung der Kriterien auf Ebene-2 hat sich zu Beginn als
schwierig herauskristallisiert, weshalb über die SBKKG-Homepage ein Unterstützungsangebot
(Matrix mit Beispielangaben zu allen 10 Breichen) laufend aktualisiert abrufbar ist.
Auf Ebene-1 zeigt sich das Problem der „Einschätzung“, die eben keine Beobachtung im strengen
Sinn ist, denn die könnte durch subjektive Filter der einschätzenden Person verfälscht sein. Abhilfe
schafft (zumindest teilweise) die Option, wenn jedes Kind im Beobachtungszeitraum gleichzeitig
auch von einer zweiten Person (Assistentin, Helferin, Praktikantin) „wahrgenommen und eingeschätzt“ wird. Die Einschätzungen der beiden Personen müssen selbstverständlich jeweils auf einem
eigenen Bogen erfolgen, damit keine wechselseitige Beeinflussung stattfinden kann. Am Ende der
Woche (oder bei der nächsten Teamsitzung) können dann die Einschätzungen beider Personen jeweils zum gleichen Kind verglichen werden. Ein hohe Übereinstimmung drückt zumindest aus, dass
beide in etwa zur gleichen Einschätzung gekommen sind, unabhängig davon, ob unter, im oder über
dem grauen Bereich diese Übereinstimmung vorliegt.
3.13
Was bedeutet es, wenn zwei Kindergarten-PädagogInnen bei ihren Einschätzungen zum
gleichen Kind weit auseinander liegen?
Im günstiges Fall stimmen beide Einschätzungen überein, was als Zeichen von hoher Zuverlässigkeit
(=Interrater-Reliabilität) gesehen werden kann. Aufgrund der Experimente bei der SBKKG-Einschulung ist klar geworden, wie schwer es ist, exakt zum gleichen Ergebnis zu kommen. Diesem
Umstand wird im Konzept insofern Rechnung getragen, weil nicht eine Übereinstimmung auf die
Kategorie (Kreis 1 bis 9) exakt sein muss, sondern nur die Richtung im gleichen Bereich stimmen
muss, um von Übereinstimmung zu sprechen: Es müssten also beide Personen beim selben Bereich
1-3 bzw. 4-6 (Graubereich) bzw. 7-9 gewählt haben. Wenn dies gegeben ist, ist die Einschätzung von
zwei unabhängigen Personen quasi dieselbe – alles andere wäre eine unrealistische Scheingenauigkeit!
Liegen die beiden Einschätzungen hingegen weit auseinander (z.B. Wert 1 bei Person A und Wert 6
bei Person B) sollte man dieser Diskrepanz tunlichst nachgehen: Es kann sein, dass eine Pädagogin
das Kind aufgrund der Aufgabenteilung im Kindergarten nur in einer speziellen Situation zu Gesicht
bekommt und von daher zu einem ganz anderen Urteil als die andere Pädagogin kommt. Hier zeigt
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sich einmal mehr, wie wichtig es ist, dass beide Pädagoginnen derartig unterschiedliche Einschätzungen in dokumentierter Form vorlegen und in der Folge kommunizieren können.
Es kann sich aber auch herausstellen, dass eine der beiden Beobachterinnen (versehentlich und unbewusst!) ein „Opfer“ ihrer eigenen subjektiven Filter (z.B. Sympathie) geworden ist. Gerade dieses
Beispiel zeigt, wie wichtig eine zweite unabhängige Einschätzung (Messung) ist.
Es würde offenbar für die Eltern einen beunruhigenden Unterschied machen, ob sie sich über ihr
Kind bei Person A („Hoher Handlungsbedarf!“) oder bei Person B („alles Paletti!“) eine Rückmeldung holen.
Der Versuch, hohe Reliabilität in der Diagnostik zu erreichen, zeichnet jede pädagogische und
soziale Institution aus. Sie ist in allen Qualitätsmanagementkonzepten ein wesentlicher Indikator in
der „institutionellen Qualitätssicherung“.
Sollten nun beide Einschätzungen weit auseinander liegen, kann dies im Gespräch zum Beispiel auf
Tagesverfassung, Kuriositäten, Wahrnehmungsunterschiede, Kompetenzgefälle etc. zurückgeführt
und damit aufgeklärt werden; es kann aber wie oben angedeutet völlig zurecht zum Ausdruck
kommen, dass die beiden Personen aufgrund ihrer unterschiedlichen Einsatzgebiete in der Institution
(z.B. Person A v.a. im Bewegungsraum, B eher im Kreativbereich) zwei Seiten des Kindes wahrnehmen, was hier zu dieser Diskrepanz geführt hat. Diesen Diskrepanzen systematisch nachzugehen ist
das Um und Auf, ehe vorschnell interveniert wird.
Das SBKKG-Konzept sieht vor, dass bei der Gegenüberstellung der Profile von A und B jeweils nur
jene Bereiche verstärkt zur Diskussion gestellt werden, wo beide unterhalb des Graubereichs angekreuzt haben und dort, wo die beiden Kreuzchen auf unterschiedlich schattierten Abschnitten liegen
1-3 bzw. 4-6 bzw. 7-9. Diskrepanzen von ein bis zwei Kategorien Unterschied im gleichen Abschnitt
sollen der „Tendenz nach gleich“ bewertet werden und brauchen somit keiner „kommunikativen
Validierung“ unterzogen zu werden.
3.14
Was kann ich tun, wenn es keine zweite Person gibt, die ich für die Reliabilitätsprüfung
heranziehen könnte?
In diesem Fall ist es etwas mühsamer, sich der Stabilität des eigenen Urteils sicher zu werden. Dies
ist am ehesten (z.B. in eingruppigen Kindergärten ohne Kollegin) in folgender Form realisierbar:
Zwei Wochen nach der ersten Einschätzung werden wieder die Kinder dieser Beobachtungswoche
„unter die Lupe“ genommen und es wird neuerlich für diese Kinder eine leeres Blatt der Ebene-1
ausgefüllt. Nun werden die Einschätzungen zum gleichen Kind, die von der gleichen Person im Abstand von zwei Wochen angegeben wurden, miteinander verglichen. Sollten die Profile weitgehend
übereinstimmen, drückt sich darin eine hohe Retest-Reliabilität (Beurteiler-Stabilität) aus. Gibt es
große Diskrepanzen, muss abgeklärt werden, ob das Kind in diesen zwei Wochen tatsächlich eine
derartige Veränderung zu verzeichnen hatte oder ob wiederum die selektiven Filter der Pädagogin für
derartige Verzerrungen verantwortlich sind. Letztes wäre im Hinblick auf die Diagnosekompetenz
eher bedenklich. Wichtig ist bei dieser Art des Vorgehens, dass vor der zweiten Einschätzung nicht
„noch schnell ein Blick“ auf die Einschätzungen vom letzten Mal gemacht wird, weil dies unwiegerlich Auswirkungen auf die aktuelle Einschätzung hätte.
3.15
Ist diese Form des Einschätzungsvergleichs zweier Personen wirklich wichtig?
Es wäre wichtig und wünschenswert – zweifellos! Dies lässt sich vor allem damit begründen, dass
diese Vorgehensweise zu einem deutlichen Professionalisierungsschub der einzelnen Institution, aber
unseres Erachtens auch für die Außenwahrnehmung der gesamten Kindergartenpädagogik führen
würde. Auf zwei Aspekte sei dabei besonders verwiesen: erstens signalisieren die Einrichtungen
damit, dass sie bei ihrer Diagnostik (aus wissenschaftlicher Sicht) wesentlich umsichtiger und professioneller agieren als die meisten Schulen bzw. LehrerInnen, wo im Regelfall die Diagnose im
Fach mittels Noten, (die noch dazu für SchülerInnen viel existenziellere Probleme nach sich ziehen
können) von zumeist nur einer Lehrperson mit nicht immer validen Instrumenten stattfindet.
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Zweitens können Kindergartenpädagoginnen gerade durch den SBKKG dem Vorwurf entgehen, es
käme im in der pädagogischen Praxis zur inflationären Verwendung des Begriffs „Beobachtung“, da
im Konzept auf Ebene-1 zurecht nur von Einschätzungen gesprochen wird, die obendrein auch noch
auf ihre Reliabilität hin geprüft werden und auf Ebene-2 die Erfolgskriterien eindeutig auf „simple,
konkrete, nachvollziehbare und empirisch beobachtbare Fakten“ aufgebaut sind.
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4
4.1
Besonderheiten des SBKKG (Vernetzung Wissenschaftlichkeit und Praxistauglichkeit)
Wie funktioniert das Modell der „Entwicklungs-Sensibilität“?
Dieses Modell ortet auch Defizite (unterhalb der grauen Zone) und akzeptiert dieses Faktum. Dies ist
zwar zu belegen, aber es sollten nicht zu viele Ressourcen in die Fehlersuche investiert werden, denn
primär gilt es herauszufinden, was an bereits vorhandenen Stärken in diesem Bereich als Anknüpfungspunkt für die individuelle Entwicklung feststellbar ist. Entscheidend ist, dass genau der
Punkt gefunden wird, welchen nächsten Schritt dieses Kind erreichen könnte (unabhängig davon, ob
mit oder ohne spezieller Förderung), um die eigene Aufmerksamkeit auf diesen Lernprozess zu
lenken (Script!) – das Erfolgskriterium muss auf Ebene-2 konkret benannt werden. Dort werden
einige weitere kleine konkret-beobachtbare Zwischenschritte als Erfolgskriterien notiert. Man kann
sich dabei vom „Itempool für Ebene-2“ (siehe SBKKG-Homepage) inspirieren lassen. Aus diesem
gehen für jeden Bereich (modellartig) einige Vorschläge für die Bereiche hervor. Dabei wird das
entwicklungspsychologische Alter berücksichtigt. Wenn aber ein vierjähriges Kind in einem Bereich
nicht einmal den Stand eines Dreijährigen hat, ist es mit diesem Raster ein Leichtes, Aspekte
auszuwählen, die eigentlich dem Kompetenzbereich der zwei- bis dreijährigen Kinder entspricht,
denn schließlich geht es individuell darum, genau jene Scripts zu aktivieren, die am sensitivsten die
nächsten kindspezifischen Entwicklungsschritte abbilden. Die Aufgabe der Pädagogin besteht nicht
darin, vieles zu beobachten, sondern professionell mit hoher Treffsicherheit ihre Aufmerksamkeit
dorthin zu lenken, wo mit großer Sicherheit die nächsten Entwicklungsschritte konkret beobachtbar
werden. Mit dieser Methode wird auch schon der kleinste Zwischenschritt als Fortschritt identifizierbar – dies kann die Motivation von Kind, Eltern und Pädagoginnen heben!
4.2
Was sind „Scripts“ („Videoclips im Kopf“) und wo verwende ich sie?
Die Methode der „Critical Events“ basiert auf dem Erstellen von unterschiedlichen „Scripts“ (im
Sinne eines „Drehbuchs“ bzw. kurzen „Videoclips“) für das jeweilige Kind und kommt auf beiden
SBKKG-Ebenen zum Einsatz:
Ebene-1: Da zu Wochenbeginn feststeht, welche Kinder in dieser Woche besonders fokussiert werden – also erhöhte Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung – bekommen, filmt das Gehirn beim Erledigen aller Routinetätigkeit gleichsam automatisch immer wieder Sequenzen der fokussierten Kinder mit. (Da nach einer ersten Einarbeitungszeit mit dem SBKKG jede Kindergärtnerin die Zielbereiche und Zusatzfragen „im Hinterkopf“ hat, fällt es „der Kamera im Kopf“ leichter, die Ziel-Kinder
in dieser Hinsicht besonders gut festzuhalten. Am Ende der Woche wird beim Ausfüllen des Bogens
der „Videoclip vom Gedächtnis abgespielt“ (begünstigt durch zielgerichtet eingesetzte selektive
Wahrnehmung) und die Einschätzungen und Eintragungen im Bogen der Ebene-1 vorgenommen.
Ebene-2: Auf dieser Ebene wird die Aufgabenstellung dahingehend verändert, dass die „critical
events“ der einzelnen Kinder die Funktion haben, den „Aufnahmeknopf im Kopf“ zu betätigen und
somit aus der Vielfalt der einströmenden Sinneseindrücke besonders jene herausfiltert, auf die das
Gehirn „programmiert“ ist. Dieses „Klicken im Kopf“, das durch ein „critical event“ ausgelöst wird,
muss sich ehest möglich in der Dokumentation auf Ebene-2 niederschlagen. Dabei wird das Datum
dieser gefilterten Wahrnehmung neben das beim jeweiligen Kind formulierte Zielkriterium notiert.
4.3
Wie „impfe“ ich mir ein „Script“?
Bei der Einschulung werden/wurden einige Übungen zur „selektiven Wahrnehmung“ gemacht – sie
kann uns unabsichtlich (z.B. bei der Geschichte mit diversen Überschriften, beim Partyflüstereffekt,
etc.) unterlaufen, oder wir können sie bewusst einsetzen: Dabei wird dem Gehirn (virtuell) eine für
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das jeweilige Kind „voraus-gedachte Sequenz“ (Vorstellung/Erwartung als Foto/Bild) „geimpft“,
indem man sich „prototypmäßig vorstellt“ (Script), wie es ist, wenn bei diesem Kind diese Sequenz –
die sie bisher noch nicht kann – in der Realität stattfindet. Dies wird als Erfolgkriterium formuliert –
es ist kindspezifisch und situationsspezifisch! (Bsp.: Martin: Er kann 15 Sekunden auf einem Bein
stehen, Karin kann einen 4 Wortsatz grammatikalisch richtig sprechen, Daniel kann „S“ und „Sch“
richtig aussprechen, Walter kann …) Das Gehirn wird auf die „Aufnahme dieser Scripts in der Realität“ (unmittelbar bei Eintritt dieses „critical events“) programmiert.
Es braucht somit keine Energie damit verschwendet werden, spezielle Beobachtungszeiten im Tagesablauf der Institution zu verankern oder ganz gezielte Beobachtungen vorzunehmen.
Sobald das Kind in der Realität – in einer Alltagssituation oder einer angeleiteten Situation - dieses
Script-Verhalten zeigt, wird sich das Gedächtnis (automatisch) daran erinnern und die Kamera im
Kopf (Augen) einschalten und die Aufmerksamkeit darauf lenken. Es kommt zu einem Vergleich
von (Verhaltens-)Script und Realität. Verläuft dieser „Abgleich“ laut gesetztem Ziel (Erfolgs-Kriterium) erfolgreich, wird dies (möglichst am gleichen Tag!) auf dem Ebene-2-Bogen vermerkt.
Daher ist es – insbesondere auf Ebene-2 – wichtig, dass für die betroffenen Kinder nur eine überschaubare Anzahl von Scripts im Kopf behalten werden müssen und diese allen Teammitgliedern
bekannt sind, damit potenziell jeder auf diese Wahrnehmungen „programmiert“ ist. Für Ebene-2 ist
es daher unbedingt notwendig, dass einfache, klare und konkret beobachtbare Erfolgskriterien formuliert werden, deren Erreichung mit „nein“ oder „ja“ – unabhängig von der Person – feststellbar
sind. Allein diese Scripts erfüllen die (wissenschaftlichen) Kriterien von „Beobachtung“ beim
SBKKG.
Auf Ebene-1 bedient man sich beim SBKKG ebenfalls dieses Tricks der selektiven Wahrnehmung:
Es werden 2-5 Kinder eine Woche lang ganz bewusst und gezielt so im Kopf „verankert“, dass für
diese Kinder am Ende der Woche (unbewusst) wesentlich mehr wahrgenommene Sequenzen abrufbar sind als sonst. Um eine Wahrnehmungsdifferenzierung über unterschiedliche Aspekte zu erhalten, werden beim SBKKG 10 Kriterien verwendet, die den Praktikerinnen (nachweislich!) geläufig
sind. Diese können durch Ankreuzen effektiv und zügig beantwortet werden. Es werden allerdings
drüber hinaus noch einige offene Wahrnehmungsaspekte eingefordert (Bezugspersonen, Vorlieben,
Eigenheiten), um die Gesamt-Wahrnehmung des Kindes nicht nur auf diese 10 Aspekte einzuengen
und um für eine ganzheitliche Förderung möglichst viele individuelle Hintergrundinformationen zur
Verfügung zu haben. Man muss sich vergegenwärtigen, dass auf Ebene-1 eigentlich keine
Beobachtung (im strengen Sinn) stattfindet, sondern nur eine Einschätzung (auf Basis der selektiven
Wahrnehmung) vorgenommen wird.
Wie in der Einschulung erörtert sollen dabei auch die Gehirnkapazitäten nicht überfordert werden. Es
dauert eine Weile, bis der SBKKG theoriekonform „automatisiert“ ist!
4.4
Ist der SBKKG ein statisches oder dynamisches Beobachtungsmodell?
Üblicherweise beschreiben die Beobachtungen, die uns bisher im Kindergartenalltag untergekommen
sind, leider nur einen kurzen Zeitraum (z.B. 15 Minuten in der Bauecke) oder die Beobachtung
beschränkt sich auf die wiederholte Wahrnehmung unliebsamen Verhaltens bei einem Kind mit
Detailbeschreibungen, die zwar etwas Faktisches festhalten, aber oft nicht verwertet werden – beides
kann (neben Frust) zu erheblichen „Verzerrungen“ führen. Im SBKKG gehen wir einen anderen
Weg:
Auf Ebene-1 gibt es keine kurzen, exakten Beobachtungen, sondern es wird ein Wahrnehmungszeitraum von einer Woche für jedes Kind definiert. Das führt zu einem bewussteren Wahrnehmen jedes
Kindes (in der jeweiligen Woche) und ermöglicht den Pädagoginnen, sich auf das jeweilige Kind in
der Wahrnehmung – und der damit verknüpften Einschätzung – zu konzentrieren. Daraus resultieren
die vertiefenden Aspekte für die Ebene-2. Jeder Beobachtungszyklus ist zwar statisch zu sehen, weil
er letztlich nur eine (einwöchige) Momentaufnahmen (Herbst, Winter bzw. Frühjahr) darstellt, aber
durch die Dokumentation aller drei (statischen) Einschätzungen auf einem einzigen Bogen im Laufe
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eines Jahres ermöglicht es SBKKG, die individuellen Entwicklungen des Kindes als Prozess zu
skizzieren. Dieser dynamische Aspekt unterstreicht einmal mehr, dass es sich nicht ausschließlich
um drei (von einander mehr oder weniger unabhängigen) Diagnosen handelt, sondern um eine kindspezifische Entwicklung, die mitunter auch durch Angebote und Interventionen gesteuert werden
muss. Dennoch besteht nicht bei allen Kindern in allen Bereichen zu jedem Zeitpunkt derselbe
Bedarf, einzugreifen bzw. abzuwarten. Diese sensible Überlegung, die für jedes Kind anders
aussehen muss, ist auch in der Dokumentation im SBKKG nachvollziehbar (Rückseite!).
4.5
Welche Schritte umfasst der Einsatz des SBKKG bei jedem Kind?
Im SBKKG werden zwei Ebenen unterschieden. Die Ebene-1 dient primär der Einschätzung aller
Kinder in 10 Bereichen und dem Festhalten einiger wichtiger Kenndaten des Kindes über Freundschaften, Eigenheiten, etc. Dieser Vorgang wird im Normalfall in Laufe eines Kindergartens für
jedes Kind dreimal gemacht: Oktober, Jänner und Mai gelten dabei als Richtwert. Auf der Rückseite
des Ebene-1 werden Schlussfolgerungen für Unterstützungsmaßnahmen, Eltern-, Team- und ExpertInnengespräche gezogen sowie die Bedeutung dieser Wahrnehmung/Einschätzung für die Planung
abgeschätzt. Da pro Woche nur bis zu 5 Kinder diesem Verfahren unterzogen werden können, dauert
die Phase auf Ebene-1 pro Durchlauf ca. 3-6 Wochen. Im günstigsten Fall nehmen jeweils 2
Pädagoginnen voneinander unabhängig diese Einschätzungen vor und vergleichen/diskutieren dann
ihre kindbezogenen Notizen. (Objektivität, Reliabilität)
Kinder außerhalb des Normbereichs in einem Bereich der Ebene-1, bekommen in diesem Bereich je
einen Ebene-2-Bogen dazu, damit eine deutlichere Abklärung vorgenommen werden kann. In diesem
Teilbereich werden in der Folge ausgehend vom Entwicklungsstand des Kindes Kriterien formuliert
und notiert, die einen positiven Verlauf (Förderung) skizzieren. Über die Homepage werden
Tipps/Muster unter Berücksichtigung der Entwicklungspsychologie zur Verfügung gestellt, die an
den Bedarf beim einzelnen Kind adaptierbar sind. Die Rückseite der Ebene-2 konkretisiert die Ziele
und den Weg (Support) dorthin. Diese Zielkriterien werden als Script definiert und sollen vom
Gehirn als Filter zum Festhalten von Entwicklungsschritten zur Verfügung stehen. Das Erreichen
eines Zieles ist im Bogen festzuhalten. Der nächste Schritt ist als neuer „critical event“ dem Gehirn
als Wahrnehmungsfilter zu „impfen“. Dies wiederholt sich, bis das Kind nachweislich (empirisch
dokumentiert!) den definierten „Entwicklungssprung“ gemacht hat. Spätestens bei der zweiten Einschätzung desselben Kindes im selben Bereich außerhalb des Normbereichs sollte die Pädagoginnen
vorsorglich Unterstützung (in welche Form auch immer) in Anspruch nehmen. Die Phase 2 ist insbesondere im November/Dezember/März/April/Juni vorgesehen. Im September und gegen Kindergartenjahresende sind keine dokumentierten SBKKG-Eintragungen vorgesehen.
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5
5.1
Formale Hinweise zur richtigen Verwendung der SBKKG-Bögen
Wo kann ich die SBKKG-Bögen beziehen?
Um den Kostenaufwand gering zu halten, wurden die SBKKG-Bögen gedruckt. Diese Bögen können
gegen einen Unkostenbeitrag direkt vom Zentrum für Kindergartenpädagogik (Kontaktperson:
Dr. Zeilinger) bezogen werden. Für die Bögen wurde ein stärkeres DIN-A4-Papier verwendet wird,
da durch die dreimalige Beanspruchung im Jahr und die Verwendung von Farben auf Vorder- und
Rückseite die Bögen (v.a. der Ebene-1) eine gewisse Robustheit vorausgesetzt wird.
5.2
Warum ist es günstig, unterschiedliche Farben zu verwenden?
Mit den Farben soll einheitlich zum Ausdruck kommen, aus welcher Beobachtungsphase die Daten
stammen – alle Daten und Anmerkungen (auf beiden Ebenen), die im Herbst notiert werden, sind mit
ROT geschrieben, die Daten der Wintermonate in BLAU und der Frühling bis Frühsommer in
GRÜN. Auf diese Weise soll bereits durch die Farben eine eindeutige Struktur auf den SBKKGBögen visualisiert sein, damit das Prinzip „alles auf einem Blick“ möglichst umsetzbar bleibt. Über
die drei Farben im Laufe des Jahreszyklus können Veränderungen auf der Zeitachse ohne großen
Aufwand nachvollzogen werden.
5.3
Was kann ich aus den Daten herauslesen? Was muss ich damit tun?
In erster Linie soll die Datendokumentation helfen, sich zu erinnern, was, wann, bei welchem Kind
eingeschätzt bzw. beobachtet wurde – und natürlich warum ich bei meiner Einschätzung so und nicht
anders vorgegangen bin. Dies gilt als Maxime für Ebene-1 und Ebene-2.
Darüber hinaus ist es möglich, meine Daten mit jenen der anderen Pädagoginnen ohne großen
Aufwand zu besprechen bzw. zu vergleichen. Darauf aufbauend werden insbesondere die „Scripts“
für die Ebene-2 festgelegt und allenfalls notwendige Unterstützungsangebote oder Maßnahmen diskutiert. Die Daten dienen vor allem mir selbst bei Planung und Nachvollziehbarkeit meiner
pädagogischen Arbeit – sie sind nicht da, um nur einem Gesetz zu genügen oder als Rechtfertigung
bei der Kontrolle durch die Inspektion. Das Motiv für einen SBKKG-Einsatz sollte das Bedürfnis der
Anwenderin sein, mit überschaubarem Aufwand Beobachtung dort Platz einzuräumen, wo es nach
außen gut begründbar und nach innen ressourcenmäßig vertretbar ist.
5.4
Wann muss ich die Ebene-2 verwenden?
Bei Kindern, die alle Werte im Mittelbereich haben, ist kein Zusatzbogen für Ebene-2 notwendig.
Ebene-2 kommt immer dann zum Einsatz, wenn auf Ebene-1 bei einem Kind eine Einschätzung in
einem Bereich „unterhalb der grauen Mittelzone“ getroffen wurde. Sollten mehrere Bereiche unterhalb liegen, müssen entsprechend viele Ebene-2-Blätter erstellt werden; für jeden betroffenen Bereich je ein Blatt.
Bei Kindern mit besonderen Begabungen/Talenten ist ebenfalls ein Ebene-2-Bogen (in Abhängigkeit
der Ressourcen) empfehlenswert, aber konzeptionell nicht obligatorisch.
5.5
Was tun, wenn ich mir nicht sicher bin, was ich ankreuzen soll?
Es wird immer wieder vorkommen, dass beim Ausfüllen des Bogens für manche Bereiche bei manchen Kindern keine „Erinnerungssequenzen aus dem Wochengedächtnis“ abgespult werden können.
Das ist insofern kein Problem, weil dann die entsprechende Rubrik mit einem Fragezeichen („?“) in
der entsprechenden Farbe gekennzeichnet wird. Dies ist vorteilhafter als aus der Verlegenheit heraus
einfach eine mittlere Kategorie zu wählen, nur um irgendetwas anzukreuzen.
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Wenn ein Beobachtungszyklus abgeschlossen ist, sollen auf jeden Fall noch einmal alle Kinderbögen
mit dem Ziel durchgeblättert werden, für jene Kinder, bei denen im Bogen noch ein Fragezeichen
(„?“) steht, ganz gezielt in der kommenden Woche diese Bereiche „unter die Lupe“ zu nehmen, um
dann auch diese Rubriken mit einer Einschätzung zu versehen.
5.6
Was tun mit den „freien Antwortfeldern“ auf der rechten Seite von Ebene-1?
Das Konzept sieht vor, dass bei jedem Beobachtungsdurchgang in jedem Feld mit der entsprechenden Farbe (rot=Herbst, blau=Winter und grün=Frühjahr) etwas eingetragen wird bzw. die Kommentare der vorhergehenden andersfarbigen Eintragungen kommentiert werden (z.B. Hakerl, Unterstreichungen, Durchstreichungen, Ergänzungen, etc.)
Die rechte Seite erfüllt durch ihre „qualitative Datensammlung“ (handschriftliche Aufzeichnungen)
v.a. den Zweck, den „Wochenfilm des Kindes“ so anzuschauen und zu dokumentieren, dass nicht nur
eine „quantitative Einschätzung mittels Kreuzchen“ erfolgt, sondern auch jene Aspekte wie Bezugspersonen, Eigenheiten, Vorlieben explizit verschriftlicht werden, um den Ansprüchen einer ganzheitlichen Entwicklungsförderung gerecht werden zu können.
5.7
Was tun mit den Rückseiten und bei Platzproblemen?
Die Bögen der Ebene 1 und 2 sind möglichst Kosten sparend konzipiert: die komplexen Einschätzungs- bzw. Beobachtungsinhalte beanspruchen jeweils in Rasterform die Vorderseite. Auf der
Rückseite befindet sich ein Vordruck, der insbesondere Ziele und Maßnahmen zur Zielerreichung
strukturieren soll.
Zusätzlich sollen wichtige Stichwörter zum Kind notiert werden, wenn zwischen den offiziellen Beobachtungswochen bemerkenswerte Vorfälle oder Details wahrgenommen werden. Dieses Zusatzwissen ist für eine ganzheitliche Förderung von enormer Bedeutung. Datum der Eintragung unbedingt vermerken!
Von dieser Rückseite auf Ebene-1 sollte insbesondere bei den „Durchschnittskindern“ Gebrauch gemacht werden, da diese mit einem einzigen Bogen das Auslangen finden und hier weitere Anmerkung insbesondere diese „unauffälligen“ Kinder stärker ins Zentrum rückt, z.B. sollte ein Vermerk
nicht fehlen, dass man bei der nächsten Elternbesprechung eine (relative) Begabung des Kindes
bewusst anspricht und das Ergebnis des Gesprächs kurz dokumentiert.
Es können auch weitere Vermerke zu Aspekten der Vorderseite, die platzmäßig gedrängt ist, rückseitig notiert werden. Sollte der Platz auf der Rückseite nicht ausreichen, können weitere leere Blätter
beigelegt werden.
Für jene Kinder, die einen oder mehrere Ebene-2-Bögen haben, wird die Rückseite jeweils dazu verwendet, alle geplanten Maßnahmen möglichst exakt zu beschreiben, die zur Erreichung der Erfolgskriterien beitragen sollen. Selbstverständlich sollte auch dokumentiert werden, wann diese Maßnahmen umgesetzt wurden. Es ist empfehlenswert, zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Zielsetzungen zu unterscheiden.
5.8
Wie dokumentiere ich Vorfälle, die im Umfeld der Kinder zwischenzeitlich passieren?
(z.B. Geburt von Geschwister, Todesfall in der Familie, Scheidung, Krankheit, etc.)
In diesem Fall sollte unbedingt ein Vermerk unter „Spezielle Anmerkungen“ (Ebene-1) bzw. auf der
Rückseite gemacht werden, damit bei den Überlegungen zum einzelnen Kind auch diese „critical
events“ im Alltag mitreflektiert werden können. Insbesondere Regressionen, die sich bei der standardisierten Einschätzung tendenziell nach einigen Monaten bemerkbar machen, können durch diese
umfeldbezogene Information besser gedeutet werden. Die Verschriftlichung wird empfohlen, weil
sonst trotz hoher Merkkapazität über die durchschnittliche Kindergartenzeit von drei Jahre hinweg,
ein Teil dieses Spezialhintergrundwissens verloren geht.
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6
6.1
Zeitaufwand
Wie soll ich beim allerersten Mal die Sache angehen?
Der SBKKG wird nach ein bis zwei Zyklen fast nebenbei mit geringem Zeitaufwand durchführbar
sein. Beim ersten Zyklus ist aber mit einem sehr großen Aufwand zu rechnen, weil die Handlungen
noch nicht automatisiert sind. Am besten, man beginnt in der ersten Woche mit nur 2 Kindern, um
sich an die Anforderungen langsam heranzutasten, in den Wochen danach kann man (je nach Kapazität) auf 3 bis 5 Kinder erhöhen. Keinesfalls mehr als 5 Kinder pro Woche „im Auge behalten“!
6.2
Wie lange brauche ich für das Ausfüllen?
Am Ende der Woche soll für jedes der beobachteten Kinder der Bogen auf Ebene-1 ausgefüllt
werden – dafür sind (nach der Einarbeitungsphase zu Projektbeginn) ca. 10-15 Minuten zu veranschlagen. Sollte es bei einem Kind notwendig sein, einen Bogen auf Ebene-2 zu konstruieren,
müssen dafür weitere 10-15 Minuten veranschlagt werden.
6.3
Wie viele Kinder pro Woche können beobachtet werden?
Empfohlen wird unter Berücksichtigung der „selektiven Wahrnehmung“, nicht mehr als 3-5 Kinder
pro Woche zu beobachten, da sonst die Gefahr der Reizüberflutung besteht. Würde die Gruppe
größer sein, schleicht sich die Einstellung ein, man könne „alles nebenbei beobachten“, was aber
falsch ist. Es ist wichtig, dass alle betroffenen Pädagoginnen wissen, welche Kinder in welcher
Woche „unter die Lupe“ genommen werden. Es ist zu empfehlen, Namen jener Kinder gut sichtbar
anzubringen, damit selbst bei einem zufälligen Blick immer wieder die Fokussierung auf die Zielpersonen stattfindet. Zu Tagesbeginn und zwischendurch sollte immer wieder eine „Selbstimpfung
auf den Beobachtungsfokus“ angestrebt werden.
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7
7.1
Weitergabe von Bögen und Daten
Darf der (leere) Bogen weitergegeben werden?
Nein! SBKKG-Bögen dürfen – wie vertraglich vereinbart – an keine anderen Institutionen
(Kindergärten, Horte etc.) ohne Einschulung durch das SBKKG-Team weitergegeben werden, da
bei unsachgemäßer Verwendung die Gefahr von Missbrauch und Missverständnissen besteht. Die
Anwendung ohne Aufklärung über das Gesamtkonzept erwies sich bisher als unzweckmäßig und der
damit angerichtete Schaden größer als der Nutzen, weil die vermeintlich simplen Standardbögen
unsachgemäß eingesetzt wurden. Wir möchten noch einmal mit allem Nachdruck auf diesen
Umstand hinweisen!!!
Es muss vom Projektteam auf Basis der „schriftlichen Vereinbarung“ die Erlaubnis vorliegen, dass
der SBKKG an dieser Institution eingesetzt werden darf. Die schriftliche Vereinbarung kann direkt
über die Homepage (http://www.sbg.ac.at/erz/people/paschon/sbkkg/sbkkg.htm) bezogen werden:
7.2
Ist dieser Bogen auch für Helferinnen bzw. Praktikantinnen geeignet?
Ja, selbstverständlich! Alle Personen, die pädagogisch ins Tagesgeschehen der Kinder eingebunden
sind, können aufgrund ihrer Wahrnehmungen und unterschiedlichen Zugänge einen wichtigen
Beitrag leisten. Kinder verhalten sich in Abhängigkeit von Situation und Bezugsperson unterschiedlich, was dann auch beim Ausfüllen zum Ausdruck kommt. Natürlich wird es so sein, dass die
Helferinnen und Praktikantinnen aufgrund der vergleichsweise zumeist wenigen Stunden, die sie in
einer Gruppe verbringen, im Regelfall nicht zu allen Bereichen eine Einschätzung abgeben können,
aber sie sollten die Einschätzungen aus ihrer Perspektive zumindest für jene Bereiche und jene Kinder zum Ausdruck bringen, wo es ihnen möglich ist. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zur Sicherung
der Gütekriterien. (vgl. Reliabilität)
7.3
Soll ich mich mit meinen Kolleginnen im Team über die Beobachtung unterhalten?
Ja, unbedingt! Gerade für Teamsitzungen kann es sich als vorteilhaft erweisen, unter Zuhilfenahme
der Bögen effektiv die Kinder zu besprechen – insbesondere jene „Scripts“ auf Ebene-2, die alle
Teammitglieder für einzelne Kinder im Kopf haben sollten. Selbstverständlich sollten auch
Leiterinnen, Helferinnen und Praktikantinnen Zugang zu den Bögen haben. Diese Bögen haben den
Stellenwert von „vertraulichen Dokumenten“ über die Kinder, aber sollen nicht den Status von
„Geheimpapieren“ erhalten.
7.4
Dürfen die Eltern diese Bögen sehen?
Die Dokumentation unterstützt primär die Pädagoginnen im Kindergartenteam intern. Die Eltern
sollten in Kenntnis gesetzt werden, dass ihre Kinder beobachtet werden, aber sie sollten nicht selber
Einblick in das Blatt bekommen. Eltern neigen (meist aufgrund eigener Schulkarrieren) dazu, die
Einschätzung auf Ebene-1 irrtümlich als „Zeugnisnoten“ auszulegen und somit die Notizen als
Leistungsergebnis statt Entwicklungsdokumentation zu interpretieren.
Vor einem Elterngespräch ist es zweckmäßig, sich mittels der Bögen einen „Überblick über mögliche relevante Gesprächspunkte“ zu verschaffen. Es sei darauf verwiesen, dass aber bei den Eltern
keinesfalls der falsche Eindruck einer mystischen Geheimnistuerei entsteht. Hinweise der Eltern
(deren Sichtweise, Informationen aus dem Umfeld, etc.) können natürlich auf der Rückseite der
Ebene-1-Bögen vermerkt werden.
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7.5
Dürfen die Inspektorinnen diese Bögen sehen?
Selbstverständlich sollte den Aufsichtsorganen dieses Material zugänglich gemacht werden. Es ist
sogar sehr zu empfehlen, gemeinsam mit den Inspektorinnen, jene Aspekte gezielt zu besprechen, wo
die einzelne Pädagogin oder das Team Probleme wahrgenommen und dokumentiert hat, aber sich in
der weiteren Vorgehensweise nicht sicher ist. Damit kommt der Inspektion künftig verstärkt eine
Beratungsfunktion zu.
Aufgrund vieler Anfragen sei aber noch einmal ausdrücklich gesagt, dass die dokumentierte Beobachtung mit dem SBKKG nicht primär für die Inspektion gemacht wird – wichtig ist, dass sich die
einzelne Pädagogin auf ihren Bögen zurechtfindet und gegebenenfalls bei Rückfragen ihre Aufzeichnungen kommunizieren kann.
7.6
Dürfen die Daten an die Schule weitergegeben werden?
Da die Daten primär der Dokumentation der kindlichen Entwicklung im Umfeld dieser Institution
dienen, erweist sich diese Frage als sekundär.
Alle erhobenen Daten eines Kindes im Laufe der Kindergartenkarriere sollen dort verbleiben. Die
Lehrpersonen an den Schulen sollen sich selber unvoreingenommen ein Bild machen.
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8
8.1
Informationsaustausch und Kooperationsmöglichkeiten
Wohin kann ich mich wenden, wenn ich mich nicht auskenne und Fragen habe?
Für Rückfragen stehen telefonisch und per Mail zur Verfügung:
Dr. Maria Zeilinger: Land Salzburg, Zentrum für Kindergartenpädagogik, Schießstattstraße 2, 5020
Salzburg, 0662/8042-DW5601 [email protected]
Mag. Dr. Andreas Paschon: Universität Salzburg, Abteilung für Erziehungswissenschaft, 5020 Salzburg, 0662/8044DW4241; mail: [email protected]
Darüber hinaus kann man sich über die SBKKG-Homepage auf dem Laufenden halten – wiederkehrende Fragen & Antworten (so wie diese Zusammenstellung) werden dort ständig ergänzt:
http://www.sbg.ac.at/erz/people/paschon/sbkkg/sbkkg.htm
8.2
Unter welchen Umständen darf, kann, soll und muss ich mich an Expertinnen wenden?
Die Ursachen für mögliche Unterstützung von außen können unterschiedlich gelagert sein:
(a) Wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich aufgrund meiner „Einschätzung“ mit einem Kind umgehen
soll (z.B. Intervention, Förderung, etc.), (b) mir selber nicht klar ist, ob etwas „noch in der Norm“ ist
oder außerhalb liegt, (c) ich nicht abschätzen kann, ob Zuwarten ratsam oder ein (sofortiger) Handlungsbedarf nötig ist, (d) sichtbar wird, dass das Kind eine enorme Abweichung (nach unten oder
oben) aufweist oder schließlich (e) sich aufgrund von Interventionen beim Kind bis zum nächsten
Einschätzungsdurchlauf keine Verbesserung feststellen lässt.
In all diesen Fällen ist ExpertInnenrat (von außen) angesagt, die in ihrem speziellen Feld (Sonderkindergärtnerin, Motorpädagogin, Logopädin, Psychologin, etc.) spezifisches Zusatzwissen haben. Es
sei ausdrücklich darauf verwiesen, dass Nachfragen nicht als Zeichen von Inkompetenz zu werten ist,
sondern die Verantwortung für das Kind, aber auch das Bewusstsein um die eigenen Grenzen deutlich macht.
Da es eine große Anzahl von ExpertInnen gibt, kann es hilfreich sein, sich im Zentrum für Kindergartenpädagogik oder über die InspektorInnen und Fachberatung für Integration die nötigen
Informationen zu holen bzw. sich an entsprechende ExpertInnen weitervermitteln zu lassen.
Spätestens wenn ein Kind zweimal hintereinander in selben Bereich außerhalb des Normbereichs
eingeschätzt wird, sollte unbedingt externe Beratung beigezogen werden.
8.3
Arbeiten schon Kindergärten mit diesem Konzept?
Ja, einige Kindergärten haben bereits 2002 begonnen, das Konzept auszuprobieren. Mit diesen
Institutionen kann man über Frau Dr. Zeilinger Kontakt aufnehmen: Land Salzburg, Zentrum für
Kindergartenpädagogik, Schießstattstraße 2, 5020 Salzburg, 0662/8042-DW5601 oder per Mail unter
[email protected]
8.4
Was kostet das SBKKG?
Vor dem Einsatz des SBKKG entstehen für die Institution Einschulungskosten; teilweise entfallen
diese, sofern die Einschulung als Fortbildungsangebot des Zentrums genutzt wird (Kontaktperson
Dr. Zeilinger).
Das Kurs-Skriptum, das bei der Einschulung ausgeteilt wird, beträgt pro Teilnehmerin 8 Euro.
Ein SBKKG-Paket mit 25 Bögen der Ebene-1 und 25 Bögen der Ebene-2 (also in Summe 100
Seiten) kostet 3 Euro (inkl. Porto) und kann ab Unterzeichnung der SBKKG-Vereinbarung bei Frau
Dr. Zeilinger bestellt werden. (Nachbestellungen sind jederzeit möglich.)
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Die ausgefüllten Bögen (in den ersten beiden Jahren eines SBKKG-Einsatzes) sind von der Einrichtung dem SBKKG-Team zwecks Evaluation zur Verfügung zu stellen. Die Orginialbögen werden aber umgehend nach der (anonymisierten) Dateneingabe den Institutionen zurückgeschickt.
8.5
Wurden Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik und Inspektorinnen in der
Entwicklungsphase des SBKKG eingebunden?
Seit dem Jahr 2002 waren von Zeit zu Zeit Repräsentantinnen von Schulen und Inspektorinnen eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Einige wichtige Impulse zur Weiterentwicklung verdankt der SBKKG diesen Expertinnenrunden. Insbesondere diese (vorliegende) Frage-Antwortliste
geht auf die Initiative der Expertinnen zurück, die zurecht mit ihren „bohrenden Fragen“ den Eindruck hinterlassen haben, dass zentrale Antworten verständlich und nachvollziehbar zusammengefasst werden sollten.
8.6
Wie komme ich zu Informationen auf Ebene-2 bzw. zu einem Update?
Von Zeit zu Zeit erfolgt ein (kostenloses) Update des SBKKG. Davon ist der Itempool auf Ebene-2
besonders betroffen, aus dem Erfolgskriterien und deren entwicklungspsychologische Datierung abzulesen sind: die aktuelle Version ist geschützt, aber für Zugangsberechtigte (Bedingung: Einschulung) unter http://www.sbg.ac.at/erz/people/paschon/sbkkg/sbkkg.htm abrufbar. Wer selber zu
einem Update beitragen möchte, kann eigene Ideen mittels Mail an [email protected] (Subject: SBKKG) einfließen lassen.
8.7
Kann ich selber auf Ebene-2 (als Expertin) etwas beitragen?
Ja, alle sind eingeladen, ihre Erfahrungen mit dem Konzept (und Anwendungsbeispiele) einzubringen. Darüber hinaus wollen wir aber alle Praktikerinnen explizit ermutigen, uns ihre Erfolgskriterien
der Ebene-2 zurückzumelden, denn dadurch wird der Pool an Kriterien immer reichhaltiger und
differenzierter. Eine solche Rückmeldung erfolgt über [email protected] – diese Ergänzungen sind dann als Update unter der SBKKG-Homepage abrufbar.
8.8
Warum ist es notwendig, das Projekt zu evaluieren?
Eine Evaluation ist aus zwei Gründen notwendig: Das SBKKG-Team will zum einen, das das Konzept und die zur Verfügung gestellten Instrumente alle wissenschaftlichen und praktischen Anforderungen erfüllen, die an ein solches Konzept zurecht gestellt werden. Zum anderen wollen wir auch
Institutionen, die sich ab 2007 für einen Einsatz entscheiden, detaillierte Auskünfte über die Stärken
und Schwächen des SBKKG geben können. Beiden Aspekten ist eines gemeinsam: Im Zentrum steht
das Kind und es sollte bei richtiger Handhabe des SBKKG am meisten Nutzen haben.
Die Evaluation soll über die Güte des SBKKG (v.a. Reliabilität, Validität, Verwertung, Brauchbarkeit der einzelnen Kategorien und Felder für die Eintragung etc.) in der nun vorliegenden Form und
seiner Verbesserungsmöglichkeiten Aufschluss geben. Nur durch die Eingabe einer großen Anzahl
von Bögen im PC und einer Auswertung dieser Daten lassen sich die entsprechenden Schlüsse –
theoretisch fundiert und praktisch verwertbar – ziehen.
Die bestehende Kooperation seit 2001 hat bereits unter Beweis gestellt, dass Erziehungswissenschaft
und pädagogische Praxis in diesem Projekt gut kooperieren. Die Evaluation umfasst die SBKKGBögen der Ebenen 1 und 2 sowie Fragebögen und Interviews mit den Praktikerinnen, die SBKKG
verwenden. Dr. Andreas Paschon und Dr. Maria Zeilinger werden (mindestens) bis Herbst 2006 in
enger Zusammenarbeit mit jenen Kindergärten versuchen, die den SBKKG einsetzen, Optimierungsvorschläge einzuarbeiten. Details dazu sind im Kooperationsvertrag festgehalten.
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8.9
Wie wird der Datenschutz bei der Evaluation gewährleistet?
In der „vertraglichen Vereinbarung“, die von der pädagogischen Institution und vom Projektleitungsteam (Dr. Paschon und Dr. Zeilinger) vor einem legalen Einsatz unterzeichnet werden muss, ist festgelegt, dass im Rahmen der Evaluation die Daten für Auswertungszwecke anonymisiert werden
müssen.
Die Daten des einzelnen Kindes werden selbstverständlich (bereits bei der Dateneingabe) anonymisiert. Die Kinder der SBKKG-Kindergärten werden im PC demnach nicht mit Namen erfasst, sondern jedes Kind bekommt eine Datenverarbeitungsnummer. Somit sind zwar wichtige Daten wie
Alter (Geburtsdatum), Eintrittsalter (Eintrittsdatum), Geschlecht und Muttersprache erfasst, aber
nicht die Namen der jeweiligen Kinder.
Da die Bögen im Verlauf eines Kindergartenjahres von den Pädagoginnen farblich (rot, blau, grün)
bearbeitet werden, ist es allerdings notwendig, bei der Dateneingabe auf die Originalbögen zuzugreifen. Kopien sind ungeeignet, denn es würden die Farben und somit die zeitliche Zuordnung der
Eintragungen verloren gehen. Die pädagogischen Einrichtungen erhalten selbstverständlich die
Originalbögen unmittelbar nach der Dateneingabe wieder vollständig zurück.
Wir stehen allen Praktikerinnen im Wort, die Anonymität zu wahren und die Daten keinesfalls
an Dritte weiterzuleiten!
Wer darüber hinaus – aus welchen Gründen auch immer – selber die Anonymität noch erhöhen
möchte, kann in das jeweilige Kinder-Namensfeld (bei Jahresbeginn!) die Kindernamen mit Bleistift
eintragen und dazu noch die interne Kindernummer (der Einrichtung) mit Kugelschreiber ergänzen.
Die „Bleistiftnamen“ werden in dieser Variante am Jahresende unmittelbar vor dem Verschicken der
Bögen zur Dateneingabe ausradiert und somit die Namen der Kinder bereits in der pädagogischen
Einrichtung anonymisiert; alle anderen Daten verbleiben im Bogen. Sobald nach der Dateneingabe
die Bögen wieder an die Kindergärten zurückgeschickt werden, können dort aufgrund der (internen)
Nummern wieder die Namen rekonstruiert und eingetragen werden.
Es wird aber noch einmal ausdrücklich von uns zugesichert, dass auch bei jenen Institutionen,
welche die Bögen samt Namen an uns schicken, die Daten entsprechend der Ankündigung anonymisiert werden, da Vertraulichkeit der Daten und Wahrung der Rechte – insbesondere auch die der
Kinder – aus ethischen Gründen für das SBKKG-Projektteam eine Selbstverständlichkeit sind!
8.10
Ab wann darf ich den SBKKG nutzen? Gibt es eine „vertragliche Vereinbarung“?
Auf der Homepage des SBKKG (http://www.sbg.ac.at/erz/people/paschon/sbkkg/sbkkg.htm) kann
die zweiseitige Vereinbarung sowie der SBKKG-Bestellschein downgeloaded werden.
Der Kooperationsvertrag wird durch die Unterschriften seitens des SBKKG-Teams und des Teams
der Einrichtung wirksam.
Erst nach einer verpflichtenden Einschulung und Unterzeichnung der Vereinbarung darf der
SBKKG in einer pädagogischen Einrichtung eingesetzt werden.
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