Sehr geehrte Damen und Herren von Vorstand und Aufsichtsrat der Allianz, werte Aktionäre und Aktionärinnen, meine Name ist Dr. Barbara Happe und ich spreche hier heute für die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald und den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Herr Diekmann, im letzten Jahr haben Sie auf die vielen Anforderungen von NichtRegierungsorganisationen etwas genervt/angestrengt reagiert, so nach dem Motto: wir können uns hier ja nicht gleichzeitig und sofort um alle Umwelt- und Sozialthemen dieser Welt kümmern. Umso erfreulicher ist es, dass die Allianz sich in den letzten Monaten aufgemacht hat, die Umwelt- und Sozialverträglichkeit bestimmter sensitiver Geschäftsbereiche zu hinterfragen und erste Prüfprozesse im eigenen Haus einzuführen. Zu den 13 sensiblen Sektoren, bei denen die Allianz inzwischen zumindest kritischer nachprüft und -fragt, gehört auch der Waffen- und Rüstungssektor. Und vielleicht ist dies auch der bisher einzige Sektor, wo Sie schon mal bereit waren, bestimmte Unternehmen aus ihrem Investmentuniversum auszuschließen. So hat sich die Allianz vor drei Jahren verpflichtet, Streumunitionshersteller aus den von ihr in Europa gemanagten Fonds auszuschließen. Darüber hinaus legt die interne Richtlinie fest, nicht in Hersteller anderer, besonders kontroverser Waffengattungen (hier explizit: Landminen, biologische und chemische Waffen) zu investieren. Tabu sollen für die Allianz ferner Unternehmen sein, die gegen internationale Abkommen verstoßen oder Waffenlieferungen in Krisengebiete tätigen. Das sind schon mal löbliche Bekenntnisse, die in die richtige Richtung weisen. Und doch, wenn man genauer hinschaut, fallen in diesem Bereich noch gravierende Schlupflöcher auf, die dringend gestopft werden müssen. SCHLUPFLOCH 1: ATOMWAFFEN Anders als andere Finanzinstitute fehlt auf der Liste der kontroversen Waffen eine Waffengattung und zwar die mit den gravierendsten Auswirkungen, die Atomwaffen. Ganz explizit und proaktiv verteidigt die Allianz bisher ihr Investment in Atomwaffenhersteller. Aktuelle Recherchen der NRO ICAN-Pax Christi belegen, dass die Allianz weiter selbst bzw. im Rahmen der Vermögensverwaltung in Atomwaffenhersteller investiert ist. Die Allianz verteidigt ihr Engagement in diesem Sektor damit, dass Atomwaffen „ein politisch gewollter und mehrheitlich akzeptierter Bestandteil der Verteidigungsstrategie des westlichen Bündnisses sind“ oder sie sagt, man dürfe weiter in Atomwaffenhersteller investieren, da dies ja nicht explizit gesetzlich verboten sei. Hier hinkt die Allianz ausnahmslos hinter anderen deutschen wie internationalen FDL wie Deutscher Bank, Commerzbank, UnicreditGroup hinterher, die allesamt Atomwaffen als „kontroverse“ Waffengattung anerkennen. Herr Diekmann, Sie haben im letzten Jahr gesagt, Sie würden sich nicht an einer Polarisierung der Debatte um das Thema „Atomwaffen“ beteiligen wollen. Aber, mit Verlaub, warum bitte sollen Streumunition und Landminen aus ihrem Investitionsuniversum verschwinden, Atomwaffen aber drin bleiben dürfen? Ist es nicht ein Widerspruch, wenn fast alle Staaten dieser Welt - inkl. Deutschland und den USA übrigens - das Ziel „GLOBAL ZERO“ - also die totale Abschaffung von Atomwaffen - öffentlich proklamieren und gleichzeitig weiter in die Hersteller dieser völkerrechtswidrigen Waffen investiert wird? Es ist ein Widerspruch, den auch die Allianz nicht ignorieren sollte. Bekennen Sie sich, ähnlich wie beim Thema „Streumunition“, auch bei den „Atomwaffen“ zu Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und steigen Sie aus. Ziehen Sie sich nicht länger auf die, wie ein Bundestagsabgeordneter es umschrieb, „armselige Position“ zurück, dass man all das tun darf, was gesetzlich nicht explizit verboten ist. SCHLUPFLOCH 2: Fehlende Reichweite der Rüstungsrichtlinie Nach aktuellen NRO-Recherchen sind es v.a. Allianz-Töchter in den USA, die entweder mit Eigenanlagen oder treuhänderisch - in Atomwaffenhersteller und/oder Streumunitionshersteller investiert sind. Noch Ende 2012 stellte die Allianz-Tochter PIMCO explizit fest, keine Firmen oder Sektoren prinzipiell ausschließen zu wollen. Ferner wolle man Umwelt- und Sozialthemen v.a. dann berücksichtigen, wenn damit ein finanzielles Risiko für den Konzern verbunden sein könnte. Derartige ESGStellungnahmen sind wirklich ein Armutszeugnis, denn gerade im Rüstungsbereich sind die Kurswerte von Konzernen ja umso höher, je mehr bewaffnete Konflikte oder Kriege auf der Welt toben. Für die in den Krisenregionen lebenden Menschen sind Investitionen in dort aktive Unternehmen allerdings definitiv nicht verträglich, sondern eher tödlich. Um der eigenen Glaubwürdigkeit Ihres Gesamtkonzerns willen, ist es dringend notwendig, dass Sie auch sämtliche Töchterunternehmen auf neue ESG-Vorgaben und auf ihre Rüstungsrichtlinie verpflichten. FRAGE: Noch immer investieren Allianz-Töchter in den USA in Hersteller von Streumunition, allerdings erfreulicherweise in abnehmendem Umfang. Inwieweit gilt das Verbot, in Streumunitionshersteller zu investieren, inzwischen auch für sämtliche Töchter der Allianz-Gruppe (inkl. Pimco)? Inwiefern beraten Sie international im Rahmen Ihrer Vermögensverwaltung gegen Investitionen in Streumunitionshersteller? FRAGE: Inwieweit wird ihre gesamte Rüstungs“richtlinie“ inzwischen auch von sämtlichen Töchtern ihres Unternehmens angewendet? Gibt es Ausnahmen? FRAGE: Inwiefern halten Sie es als Versicherungskonzern für wichtig und geboten, in Zeiten der Abrüstung weiter in Unternehmen zu investieren, die an der Herstellung der ultimativen Massenvernichtungswaffen, den Atomwaffen, mitwirken? FRAGE: Wie viele Konzerne schließen Sie aktuell aus ihrem Investitionsportfolio aus, weil sie gegen internationale Abkommen verstoßen oder Waffenlieferungen in Krisengebiete tätigen? Haben Sie das überhaupt schon jemals gemacht? Danke für Ihre Aufmerksamkeit! ÜBRIG GEBLEIBENE VERSATZSTÜCKE Andere Finanzdienstleister, wie die Rabobank, der Norwegische Pensionsfonds und der Niederländische Pensionsfonds PGGM – haben die Problematik erkannt und schließen Atomwaffenhersteller kategorisch aus ihrem Investitionsuniversum aus. Mit einer solchen Aussage hinkt die Allianz anderen Finanzdienstleistern wie der Rabobank oder dem Norwegischen Pensionsfonds und dem niederländischen Pensionsfonds PGGM meilenweit hinterher, die Atomwaffenhersteller kategorisch aus ihrem Investitionsuniversum ausschließen. Jeder Einsatz von Atomwaffen ist völkerrechtswidrig. Denn der internationale Gerichtshof hat in seinem Grundsatzpapier 1996 festgelegt, dass die Bedrohung mit oder Nutzung von Atomwaffen grundsätzlich die Regeln des humanitären Völkerrechts verletzt. Durch die – direkte wie indirekte - Investition in Hersteller von Atomwaffen erleichtert die Allianz den Aufbau nuklearer Streitkräfte. Dieses unterminiert alle Bemühungen um eine atomwaffenfreie Welt und erhöht das Risiko, dass diese ultimativen Massenvernichtungswaffen künftig noch einmal eingesetzt werden. Bedenken Sie: Der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV engl. NPT) fordert in Anbetracht der Verwüstung, die ein Atomkrieg über die gesamte Menschheit bringen würde, alle Anstrengungen zur Abwendung der Gefahr eines solchen Krieges zu unternehmen. Die NVV-Vertragsstaaten stimmen überein, dass die Verbreitung von Kernwaffen die Gefahr eines Atomkrieges ernstlich erhöhen würde und dass deshalb frühestmöglich wirksame Maßnahmen zur nuklearen Abrüstung ergriffen werden müssen. NVVArtikel VI verpflichtet jede Vertragspartei, zur allgemeinen und vollständigen nuklearen Abrüstung beizutragen.