~1~ Dr.med Thomas Börnsen Vortrag Abt-Jerusalem-Akademie, Braunschweig, 21.4.2012 Symposium „Grenzsituation Schmerz“ Der Schmerz als Lehrmeister Meine Damen und Herren, als Professor Gahl, mein ehemaliger Chef, bei dem ich vor vielen Jahren erste internistische Kenntnisse im Krankenhaus Salzdahlumer Straße hier in Braunschweig sammeln konnte, mich bat, bei dieser Veranstaltung von persönlichen Erfahrungen mit dem Schmerz zu berichten, war ich mir zunächst unsicher, ob das sinnvoll sein könnte. Es ist etwas zwiespältig, eigenes problematisches Erleben öffentlich darzulegen. Man macht sich angreifbar und erscheint vielleicht sogar etwas exhibitionistisch. Dafür sprach aber die Überlegung, dass wesentliche Phänomene chronischer Erkrankungen in Teilen immer noch tabuisiert werden, obwohl es in letzter Zeit erfreuliche Entwicklungen gibt, wenn beispielsweise die Depression mit und ohne Burn-out gesellschaftlich breit diskutiert wird. Wir Gesunden, ganz im Leben Stehenden, meiden doch meist, wie den Gedanken an den Tod, die Einfühlung in die Alltagswelt eines von schwerer Erkrankung Betroffenen. Wir führen uns bei aller Rücksichtnahme nur ungern und selten vor Augen, wie das eigentlich erlebt wird: die anhaltende Luftnot bei einer fortgeschrittenen Herzerkrankung oder chronischen Bronchitis, der zu ewigem, unruhigem Kratzen verleitende Juckreiz bei einem hartnäckigen Ekzem, die ängstliche Selbstbeobachtung bei einer beginnenden Demenzerkrankung oder eben auch der nicht einfach mit Medikamenten aus der Welt zu schaffende anhaltende Schmerz. Wenn ich von eigenen Schmerzerfahrungen berichte, so überlegte ich, könnte ich vielleicht an dieser Stelle etwas zu einer Enttabuisierung beitragen, die die Empathie der Gesunden fördert. Schmerzkranke untereinander profitieren ohnehin von einem Austausch, der, wie in vielen Selbsthilfegruppen erfahrbar, die Solidarität stärkt und Unterstützung und Hoffnung geben kann. Wenn ich Ihnen also nun von einigen Aspekten meiner eigenen Schmerzgeschichte berichte, mag es für Sie von Interesse sein, dass ich selbst Mediziner bin. Das bedeutet zum einen die triviale Einsicht, dass medizinisches Wissen und Erfahrung nicht vor Erkrankung schützen, ja dass Mediziner durchaus nicht gesunder sind als der Durchschnittsbürger (in einigen Aspekten sogar gefährdeter), zum anderen aber, dass meine Erfahrung mit dem Schmerz auch immer eine mit den Bereichen des Gesundheitswesens war, die auf den Schmerz spezialisiert sind. Als vorgebildeter Betroffener sah ich die Schmerzmedizin mit kritischem Blick. Zu meiner Ausbildung und Tätigkeit sei so viel gesagt, dass ich, wie schon erwähnt, viele internistische Assistenzarztjahre an Kliniken hinter mir habe und seit über zehn Jahren mit ~2~ zwei Kolleginnen in einer hausärztlichen Praxis niedergelassen bin. Vor über zwanzig Jahren habe ich mich berufsbegleitend psychotherapeutisch qualifiziert und seitdem, lange bevor ich das Schmerzsyndrom entwickelte, psychotherapeutische Aspekte in meine internistische Arbeit einfließen lassen. Ich kenne mich also mit psychosomatischer Diagnostik und Therapie recht gut aus. Die Medizin unterscheidet, das sollte auch jeder Laie wissen, zwischen zeitlich begrenzten Schmerzen, die eine umrissene Ursache haben, und chronifizierten. Den ersten Schmerztyp kennen wir alle, etwa bei Zahnschmerzen, akuten Koliken oder in der ersten Phase äußerlicher Verletzungen. So etwas erfuhr ich vor kurzem während eines Urlaubs auf dem sonnigen Gomera, bei dem ich als ersehnte Maßnahme gegen die Tristesse unseres langen Winter sommerliche Wärme tanken, baden und wandern wollte. Schon in den ersten Tagen verletzte ich mich beim Baden. Ich stand in der Brandung und sah unvermutet eine ungewöhnlich hohe Welle auf mich zukommen, in deren mächtige Brechungswalze ich geriet. Sie wirbelte mich kraftvoll einmal rund herum und warf mich in einer Art Spagatstellung der Beine auf den harten Sand. Es gab ein knirschend-knackendes Geräusch in meiner Leiste, ein empörter Schmerz lohte auf, ich konnte mich nur noch mit Mühe aus der Brandungszone auf den höher gelegenen Strand retten. Die energische Welle hatte mir einen partiellen Sehnen- und Muskelriss am Oberschenkel eingebracht. Für den Rest des Urlaubs konnte ich nur noch humpelnd kurze Strecken bewältigen, jede Bewegung führte zu einem stechenden Schmerz in der Leiste, Wandern und Baden konnte ich vergessen, auch die Nächte waren schmerzbedingt unruhig, Es blieb mir, in der Sonne zu sitzen und zu lesen. Dennoch war es kein schlechter Urlaub. Der Schmerz und die Beeinträchtigungen führten in keiner Weise zu einer psychischen Irritation, ich nahm alles gelassen hin, begegnete stärkeren Schmerzepisoden erfolgreich mit einem leichten Analgetikum und, das war das Entscheidende: Ich spürte von Tag zu Tag eine Besserung. Der Leistenschmerz würde sich offensichtlich als zeitlich limitiert zeigen, und, auch das war wichtig: er war erklärbar, sinnvoll. Hämatom und Schwellung, die ich bald ausbildete, wurden von meiner Partnerin, die gerne mit mir gewandert hätte, als glaubwürdige Legitimation meiner Unbrauchbarkeit zur Inselerkundung akzeptiert. Ja, ich empfand gerade den beeindruckenden Bluterguss mit einem gewissen Stolz. Ich hatte mit dem archaischen Element Wasser gekämpft und mich gar nicht so schlecht geschlagen. Es hätte alles schlimmer kommen können. Mit wohligem Schauern sinnierte ich, während meine Leiste pocherte, dass Schiffsmannschaften früherer Zeiten bei einem Schiffbruch an Klippen in der Regel vollständig zugrunde gegangen waren. Der Grund war mir völlig klar: Die Wellen hatten sie an den Felsen zerschmettert. Kurz: Diese Art von Schmerz war begrenzt, seelisch gut ~3~ zu ertragen, nach außen vorzeigbar, fast ein kleines Abenteuer und er brachte die sinnvolle Lektion: Unterschätze niemals Wellen an fremden Gestaden! Diese Art von Schmerz war so anders als jener chronische, von dem ich ihnen jetzt berichten will, dass ich damals auf Gomera zu meiner Partnerin, nur halb scherzhaft, meinte: Es ist wirklich angenehm, mal einen anderen Schmerz im Kopf zu haben! Bis etwa zu meinem 40. Lebensjahr war ich völlig gesund gewesen, einer jener Mediziner, die ein breites Spektrum seelischen und körperlichen Leidens bis hin zu tödlichen Erkrankungen an sich hat vorbeidefilieren sehen und sich dabei stets mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit auf der gesunden, wenn nicht gar der unangreifbaren Seite wähnen. Die Kranken, das waren immer die Anderen. Mit einer gewissen Arroganz des Gesunden hielt ich es allenfalls für möglich, dass ich in höchstem Alter von einem Karzinom oder einem Herzinfarkt heimgesucht werden würde, bis dahin würde ich mehr oder weniger unzweifelbar gesund bleiben. Ich nahm deshalb die Frühstadien jenes Schmerzsyndroms kaum wahr. Alles begann mit einfachen Rückenverspannungen, muskulären Missempfindungen in der Höhe der Brustwirbelsäule, einseitig, etwa in der Region des linken Schulterblatts. Für ein oder zwei Jahre stellten sie sich nur ein, wenn ich angestrengt, übermüdet, gereizt war, zunächst nur ein leichtes Ziehen und Reißen, etwas unangenehm, aber nicht beunruhigend, die meisten von Ihnen kennen diese Art von Rückenverspannungen. In Phasen der Entspannung, des Urlaubs, verschwanden die Beschwerden zunächst, ich hinterfragte sie in keiner Weise, wusste zwar, dass es sich in Teilen um Folgen einer lebenslangen orthopädischen Fehlhaltung, eines Rundrückens, und um ein Stresssymptom handelte, aber ein gewisses Maß an Stress akzeptierte ich für meinen Alltag seit Längerem wie der Fisch das Wasser. Auch als der Rückenschmerz sich von Monat zu Monat zu intensivieren begann, spaltete ich ihn zunächst ab, spürte ihn zwar sehr genau, aber registrierte ihn gleichzeitig nur am Rande und dachte nicht weiter über Ursache und Behebung dieses inzwischen erheblichen Ärgernisses nach. Wenn überhaupt, sagte ich mir, dass alles noch im Rahmen sei und ich mich um eine Krankengymnastik kümmern würde, wenn sich einmal etwas Zeit dafür ergeben sollte. Die damalige Stresssituation erstreckte sich auf den beruflichen wie den privaten Bereich und hing von vielerlei unglücklich angehäuften Faktoren ab, von denen ich nur einen hier benennen möchte. Ich hatte von meinen seit längerem verstorbenen Eltern als Einzelkind ein schon seit Generationen im Familienbesitz befindliches Geschäftshaus geerbt, in dem ich selbst aufgewachsen war und die Eltern einen Laden betrieben hatten. Sie hatten ihr ganzes Leben für den Erhalt dieses Hauses hart gearbeitet. Mir war es praktisch ~4~ in den Schoß gefallen. Nun kam es mir in den Sinn, meinem verstorbenen Vater zu beweisen, dass ich – neben meiner ärztlichen Kompetenz - mindestens ein so guter Kaufmann war wie er. Ich steckte den ganzen Wert des Hauses, angereichert noch durch ein paar mutige Darlehen, in ein Immobilienprojekt in Ostdeutschland. Die unternehmerische Unvernünftigkeit vieler sonst recht kühl rechnender Investoren kurz nach der Wiedervereinigung hatte auch mich erfasst und zusammen mit einigen anderen Braunschweigern baute ich ein Hotel in Quedlinburg, ein Projekt, bei dem, so meinte ich, in dieser spektakulären mittelalterlichen Stadt gar nichts schief gehen konnte. Natürlich ging dann fast alles schief, das Hotel drohte noch vor der Eröffnung pleite zu gehen, immer größere Summen wurden verschlungen, die Gesellschafter zerstritten sich, die Bank wurde unruhig. Das Damoklesschwert der persönlichen Insolvenz hing über ein dreiviertel Jahr extremer seelischer und eben auch muskulärer Anspannung über mir. Das eigentlich Belastende dabei war nicht so sehr der drohende materielle Verlust, sondern das schlechte Gewissen meinen verstorbenen Eltern gegenüber, mit deren materieller Lebensleistung ich so unverantwortlich Roulette gespielt hatte. Die Signale des Körpers intensivierten sich und waren immer schwerer zu ignorieren. Das Reißen und Stechen nahmen weiter an Intensität zu, wobei das betroffene Muskelareal kleiner wurde. Die Plage konzentrierte sich gleichsam unter Steigerung der Effektivität streng auf einen Bezirk in der Größe einer Pflaume zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule, in der Höhe der unteren Spitze des Schulterblattes, etwa da, wo Siegfried durch das unbemerkte Eichenblatt nicht von Drachenblut umspült worden war und seine verwundbare Stelle behielt. Der Schmerz blieb hier schließlich wie festgenagelt Tag und Nacht. So sehr ich mich lange Zeit bemüht hatte, ihn zu ignorieren, so radikal brach er nach ca. zwei Monaten ununterbrochener Beschwerden, wie ein Deich, der lange standgehalten hatte, in kurzer Zeit in mein volles Bewusstsein und wischte jegliche Distanzierungsbemühungen fort. Er mischte sich nun auch in mein Alltagsbewusstsein, in Arbeit, Familienleben und den Schlaf, wie ein ständiger Ruhestörer, ein Nachbar, der nicht aufhört Lärm zu machen. Ich war nun ernsthaft beunruhigt, Ansätze von Panik setzten ein, dass sich etwas Unheimliches, eine ernste Komplikation entwickeln würde. Nach außen hin, gegenüber der Familie und Freunden, ließ ich zunächst nichts von diesen Befürchtungen verlauten. Stattdessen beschloss ich nun endlich, mit einer Art Selbstbehandlung zu beginnen und den somatischen Mediziner in mir zu aktivieren. Ich rief mein orthopädisches Wissen auf und überlegte, welche diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen sinnvoll sein könnten. ~5~ Immer hektischer suchte ich in den nächsten Wochen Krankengymnasten, Chiropraktoren und Osteopathen auf. Ich versuchte Massage, Kinesiologie, Neuraltherapie, leichte und mäßig starke Schmerzmittel. Ich schloss alle möglichen internistisch-rheumatischen Erkrankungen aus. Eine Zeitlang hoffte ich geradezu, eine Bechterewsche Erkrankung bei mir diagnostizieren zu können, denn ein schwer rückenschmerzgeplagter Großvater hatte unter ihr gelitten, aber auch hier ergab sich nichts Pathologisches. Selbstverständlich konsultierte ich einen Orthopäden. Aber auch das machte die Sache nicht besser. Er bestätigte den offensichtlichen Befund meines Rundrückens, fand nichts weiter als eine Muskelverspannung an der bewussten Stelle und injizierte eine große Spritze mit einem Lokalanästhetikum mitten hinein. Für etwa zwei Stunden war Ruhe, dann setzten die Beschwerden umso stärker ein, es schien, als ob die Reizung durch die Injektion eine Explosion, ein zusätzliches InBrand-Setzen des unfassbaren Vorgangs bewirkte, der mich inzwischen in eine deutlich niedergeschlagene und ängstliche Stimmung versetzt hatte. Ich suchte verzweifelt nach kurzfristiger organisatorischer Entlastung, die aber nicht so einfach zu beschaffen war. Meine letzte Hoffnung waren die Radiologen. Mir war inzwischen klar, dass ich so etwas wie eine Depression entwickelt hatte, sah meine zunehmend düsteren Stimmungen aber ausschließlich als Reaktion auf Schmerzen. Diese aber empfand ich in ihrer lokalen Abgrenzbarkeit und ihrem somatischen Charakter so eindeutig als ausschließlich körperlich bedingt, dass eine Kernspintomographie doch nun endlich die Ursache zutage fördern musste, etwa einen Rückenmarkstumor, jedes noch so katastrophale Ergebnis wäre besser als gar kein krankhafter Befund. Ich erinnere mich, mit welcher Unruhe ich nach der Untersuchung auf dem Gang hin- und herlief, dann die Nachricht: ja, man hatte in dem schmerzhaften Bereich etwas gefunden. Kurze Erleichterung. Bald war aber klar, dass man nur das Trauma, die Verletzung, gesehen hatte, die die Injektion des Orthopäden gesetzt hatte. Wirbelsäule und Rückenmark samt aller austretender Nerven waren ansonsten makellos. Man gratulierte mir zu meinem jugendlichen Skelett. Nach dieser letzten Untersuchung hatte ich keine psychischen Reserven mehr. Der Schmerz füllte mein Bewusstsein nahezu völlig aus. Ihn einfach nur auszuhalten, erforderte meine ganze Kraft. Ich war nun nicht mehr arbeitsfähig und auch meinen Kindern nicht mehr zuzumuten. Ich war endlich zu der Einsicht gelangt, dass ich an einer psychosomatischen Krankheit litt. Ich entschied mich deshalb für eine psychosomatische Klinik in Süddeutschland, in Prien am Chiemsee, in der ich erfreulich kurzfristig aufgenommen wurde. Ich blieb dort sechs Wochen, während derer es langsam wieder bergauf ging. ~6~ Am Umstand des ununterbrochenen Schmerzes änderte die stationäre Behandlung allerdings zunächst nichts. Dennoch trat eine Besserung ein, ein erster Schritt im Umgang mit dem chronischen Schmerzsyndrom, ein Lernen, das mich kurzfristig wieder arbeitsfähig machte, aber noch Jahre, wenn nicht bis auf den heutigen Tag, andauerte. Der Schmerz hat mir seitdem vielerlei sinnvolle Einsichten vermittelt, so dass ich ihn irgendwann als einen zwar strengen, aber wohlmeinenden Lehrmeister sehen konnte. Diese Einsichten und Empfehlungen des Lehrmeisters Schmerz will ich kurz benennen: 1.Lektion: Ich musste akzeptieren, dass es sich bei meinen Beschwerden tatsächlich um ein psychosomatisches Krankheitsgeschehen handelte, vor dem mich meine gesammelten Fachkenntnisse nicht bewahrt hatten. Ich hatte ein chronisches Schmerzsyndrom im Rahmen einer sogenannten Somatisierungsstörung entwickelt. Zwar lag eine körperliche Komponente in Form meines Rundrücken und einer schlecht ausgebildeten, zu Verkrampfungen neigenden Rückenmuskulatur vor, wesentliche Faktoren waren jedoch durch die Psyche beigesteuert worden. Die Behandler am Chiemsee erklärten mir das Konzept des Schmerzgedächtnisses, das erst vor kurzem entwickelt worden war und von dem ich bisher noch kaum etwas gehört hatte. Wenn ein Schmerz länger als etwa drei Monate ununterbrochen anhält, beginnt sich der für Schmerzen zuständige Teil des Gehirns zu verändern. Es tritt keine Gewöhnung, keine Toleranzentwicklung, sondern im Gegenteil eine verstärkte Empfindlichkeit der Schmerzwahrnehmung ein. Mehr und mehr Anteile des Gehirns stellen gewissermaßen ihre Lauscher auf, um Reize aus dem betroffenen Körperbereich zu empfangen, die als Schmerz interpretiert werden können. Diese Schmerzgedächtnisareale sind mit zahlreichen anderen emotionalen und kognitiven Gehirnbereichen verbunden. So können Erfahrungen, Erinnerungen und Bewertungen allein bereits Schmerzen hervorrufen, ohne dass im betroffenen Teil des Rückens ein aktueller Reiz vorliegen muss. Heute weiß man, dass ein lange anhaltender Schmerz nicht nur das Gehirn, sondern darüber hinaus auch die leitenden Nerven im Rückenmark verändert. Primär seelisch und/oder körperlich bedingter Schmerz verändert also mit der Zeit Gehirn und Rückenmark, was wieder zu einer Veränderung des Schmerzempfindens führt. Zu dem ursprünglich nozizeptiven Schmerz kommt nun eine neuropathische Komponente. Am Chiemsee bekam ich somit eine intensive Lektion über die Evidenz psychosomatischer Krankheitskonzepte bzw. der Stimmigkeit einer komplexen Modellvorstellung von Schmerzen, der man dadurch gerecht wird, dass man sie als bio-psycho-sozial bezeichnet. Das alte Dogma einer Trennung von „ernsthaften“ somatischen und „eingebildeten“ psychischen Schmerzen ist vor diesem Hintergrund nicht mehr haltbar. ~7~ 2. Lektion. Die Behandler am Chiemsee gingen so weit, mir mit einem gewissen wissenschaftlichen Entdeckerstolz zu erklären (denn, wiegesagt, das Konzept des Schmerzgedächtnisse war erst seit kurzem auf dem psychosomatischen Markt), dass ich meinen Schmerz für den Rest des Lebens behalten würde. Diese niederschmetternde Nachricht überbrachten sie zum einen, weil man damals noch nicht die Möglichkeit sah, das Schmerzgedächtnis direkt therapeutisch zu beeinflussen, zum anderen bestand ihr Therapieansatz gerade darin, sein dauerhaftes Wirken zu akzeptieren und sich nicht weiter in Abwehr und falschen Hoffnungen zu erschöpfen und zu verkrampfen, was die Beschwerden nur noch weiter intensivieren konnte. Entsprechend lernte ich, mich nicht mehr gegen sie aufzulehnen, sie zwar als ein großes Unglück, aber als nicht mehr veränderbar anzunehmen. Und nun geschah es, weil ich mich erstmalig mental und muskulär etwas entspannte, dass sich mein Schmerzerleben tatsächlich etwas wandelte. Nun gab es Stunden, in denen es fast unbemerkt nebenherlief, mich nicht beschäftigte, von Aktivtäten ablenkte oder in irgendeiner Weise psychisch anstrengte. Diese Phasen waren zunächst nur kurz, verlängerten sich aber. Dazu kam, dass ich in der Nacht fast schmerzfrei wurde. Dass ich meine Erkrankung nach all der langen Zeit überhaupt als veränderlich erleben konnte, brachte neue Hoffnung in die Sache, die allerdings (entsprechend den Empfehlungen der Behandler) nie so weit ging, mir völlige Beschwerdefreiheit zu erhoffen. Stattdessen begann ich, eine einigermaßen erträgliche Lebensqualität mit dem Schmerz für möglich zu halten. 3. Lektion. Eine zentrale Rolle bei weiteren Fortschritten spielte die körperliche Aktivität, das Training. Sofort nach der Rückkehr aus der Klinik am Chiemsee meldete ich mich in einem hiesigen Fitnessstudio an. Ich trainiere jetzt seit 12 Jahren zwei bis drei Mal in der Woche in einer Mischung aus Konditions- und Krafttraining. Ich habe meinen Rundrücken zwar immer noch, aber die Rückenmuskulatur hat sich inzwischen völlig verändert, so dass Sehnen, Bänder, Bandscheiben weniger belastet sind. Vor allem führen die muskuläre Entspannung und die innere Ausgeglichenheit nach dem Training zuverlässig zu einer Reduktion der Schmerzen. Manchmal verstärkt vor allem das Krafttraining sie kurzfristig, jedoch überwiegen eindeutig die positiven Folgen, wie ich allgemein nicht in so guter körperlicher Form wäre, wenn mich mein Leiden nicht zu sportlicher Aktivität gezwungen hätte. Hätte ein autoritärer Manipulator mich vor vielen Jahren mit Macht vor Osteoporose, Bandscheibenschaden, Bluthochdruck und Übergewicht bewahren wollen, hätte er genau dieses Schmerzsyndrom einsetzen müssen. Doch nicht nur körperliche Aktivität, so habe ich gelernt, sondern auch ~8~ Freizeit- und Berufsengagement drängen den Schmerz zurück und machen ihn für die Stunden der Aktivität unwichtig. 4. Lektion: Die Reduktion äußerer Stressfaktoren war wichtig. Im Lebensjahrzehnt zwischen Vierzig und Fünfzig, in dem mancher Altersgenosse noch einmal besondere Energien einsetzte, um einen weiteren Karrieresprung zu tun, vereinfachte ich systematisch mein Leben im privaten und beruflichen Bereich. Man braucht dafür einen langen Atem, weil sich Lebensumstände in unserem komplexen Alltag nicht leicht korrigieren lassen. Dennoch sind solche Veränderungen möglich. Ein großer Tanker reagiert langsam auf eine Kursänderung, aber auch ihn kann man steuern. Entsprechend führte ich meine kapitalistischen Abenteuer nach und nach in unaufgeregte, ungefährliche Bereiche. Auch wo es sich angeboten hätte, ging ich kein neues Engagement ein und führte in fast schon ignoranter Weise, wie mein Steuerberater meinte, meine Schulden zurück. Es war ganz eindeutig zu spüren: Für jedes getilgte Darlehen bekam ich ein Stück innerer Entspannung zurück. 5. Lektion. Die Bedeutung von Medikamenten soll nicht verschwiegen werden. Als der Schmerz am ausgeprägtesten war, hatte ich selbst bereits einige leichte bis mittelstarke Analgetika eingesetzt, ohne dass Linderung eingetreten war. Bei psychosomatisch bedingten Schmerzen (oder den sog. Somatisierungsstörungen) gibt man Antidepressiva. Besonders das Amitryptilin, ein seit Jahrzehnten im Einsatz befindliches Medikament, das auch mir verschrieben wurde, ist dafür bekannt, dass es nicht nur die Psyche stabilisiert, sondern direkt schmerzlindernd wirkt, so dass es – neben stärkeren analgetischen Substanzendurchaus auch bei tumorbedingten Schmerzen eingesetzt wird. Ich meine, dass ich vom Amitryptlin erheblich profitiert habe, obwohl dies bei dem komplexen Geschehen schwer quantifizierbar ist. Ich nehme es nun schon seit vielen Jahren. Immer wenn ich durch Senkung der Medikamentendosis den therapeutischen Bereich unterschreite, treten die Schmerzen vermehrt auf. Wesentliche LangzeitNebenwirkungen traten bisher nicht auf. 6. Lektion Die entscheidende Lektion war eine Änderung der mentalen Haltung dem Schmerz gegenüber. War er mir primär als unendliche Qual, als unsinnige Folter, als reines Unglück, das ich nur erdulden konnte, erschienen, begann ich gewissermaßen Kontakt mit ihm aufzunehmen. Ich bemühte mich zu verstehen, warum er entstanden war, dass er als Signal meiner Psyche entwickelt wurde, die aus einem quälenden Zustand herauskommen wollte. Im Gegenzug dazu begann der Schmerz mich zu belohnen, wenn ich mich freundlich mir selbst gegenüber verhielt und Entspannung in mein Leben ließ. Dann verschwand er ~9~ für immer längere Phasen. Im Rahmen dieser Entwicklung konnte ich ihn zunehmend als jenen Lehrmeister empfinden, der nicht lebensfeindliche, sondern reife, gesunde Lehren übermittelte, ein harter, nicht immer leicht zu verstehender Meister, der aber mehr und mehr seine angstmachenden, deprimierenden Züge verlor. Ich lernte im Übrigen auch mit ihm zu verhandeln. Wenn ich doch einmal wieder in eine längere Stressphase geraten war und die bekannte bohrend-reißende Empfindung an der alten Stelle auftrat, bot ich ihm in etwa an: Ich habe jetzt noch eine Woche viel zu tun, daran kann ich nichts ändern. Quäle mich nicht allzu sehr, lass mich effektiv arbeiten, danach werde ich sofort wieder vernünftig sein und mich um Schlaf, Entspannung und reichlich körperliche Aktivität kümmern. Es konnte sehr wohl sein, dass sich der Schmerz auf diesen Deal einließ. Warum es möglich war, die Schmerzempfindung für eine Zeit durch Entspannung und eine vernünftige Haltung auszuschalten, konnte man im Übrigen inzwischen durch neuere neurophysiologische Erkenntnisse begründen, die damals am Chiemsee noch nicht vorgelegen hatten. Man hat Nervenbahnen gefunden, die vom Gehirn kommen, das Rückenmark hinunterlaufen und die Weiterleitung des Schmerzes, der aus der Peripherie kommt, schon im Rückenmark blockieren. Das Gehirn selbst ist somit unter günstigen Umständen in der Lage, sich abzuschirmen und zu verhindern, dass es von einem Schmerzreiz erreicht wird (wie beim indischen Guru, der schmerzfrei übers Feuer geht). Zudem war man inzwischen zu der Einsicht gelangt, dass auch das Schmerzgedächtnis selbst modulierbar, lernfähig sei und seinen Charakter verändern könne, wie überhaupt die ständige Veränderbarkeit, die Plastizität, das pausenlose Lernen des Gehirns bis ins hohe Alter heute stärker betont wird, während einige Jahre zuvor die Psychosomatiker am Chiemsee noch auf der Unveränderbarkeit des einmal entwickelten Schmerzgedächtnisses bestanden hatten. Man sieht, dass es vernünftig sein kann, pessimistische Aussagen von Medizinern zu relativieren. Nach über vier Jahren Schmerzsyndrom verschwanden die Beschwerden erstmalig für eine Frist von mehreren Monaten, solche Phasen hat es seitdem immer wieder gegeben. Die längste völlig schmerzfreie Phase dauerte ca. zweieinhalb Jahre. Doch wie ein trockener Alkoholiker, der besonders dann gefährdet ist, wenn er glaubt, der Alkohol sei niemals wieder eine Gefahr für ihn, war ich besonders rückfallgefährdet, wenn ich glaubte, das Schmerzsyndrom für immer überwunden zu haben. Dann nämlich begann ich mich unvernünftig zu verhalten und mentale und somatische Warnsignale nicht mehr ernst zu nehmen. Früher oder später tauchte das Schmerzsyndrom dann wieder auf, teilweise in alter Stärke, die ich nun aber besser verarbeiten konnte. Doch wie ein Freund, an dem man Verrat begangen hat, war es in solchen Fällen ~ 10 ~ durchaus nicht immer rasch wieder zu besänftigen. Es konnten Wochen und Monate vergehen, bis ich wieder für längere Zeit völlig schmerzfrei wurde. Der Schmerz bleibt somit als strenger Lehrmeister im Hintergrund und kann sich bei Missachtung der von ihm aufgestellten Regeln kräftig in Erinnerung bringen. Ein erneutes Erlebnis in dieser Hinsicht habe ich gerade hinter mir. Nachdem ich von ihm im letzten Jahr über viele Monate nichts gehört hatte, meldete er sich überraschend, nachdem Professor Gahl mich um diesen Beitrag gebeten hatte. Ich hatte mir vorgestellt, ich könnte ungeplagt und rein aus der Erinnerung etwas aufschreiben und vortragen, wie man von einem glänzend bestandenen Abenteuer am warmen Ofen berichtet. Dagegen hatte mein Schmerz etwas einzuwenden. Er schien zu sagen: So, Du denkst, Du kannst mich so einfach als eitles Demonstrationsobjekt Deiner psychosomatischen Kompetenz einsetzen. Unsere intime Beziehung so einfach vorzeigen vor allen Leuten. Ich werde Dir in Erinnerung rufen, was für eine fein austarierte Art von Beziehung wir haben. Und so war er also wieder da, der Schmerz, durchaus eine Plage für einige Wochen. Die Muskulatur war angespannt, noch so viel Sport half nichts, ich begann schlechter zu schlafen. Zuerst versuchte ich ihn wieder zu ignorieren, wegzuscheuchen wie eine lästige Fliege, aber natürlich, ich wusste es zu gut, half das nicht. Erst als ich meinen ehrwürdigen Meister wieder ernst nahm, ihm gewissermaßen in die Augen blickte, seine Botschaft empfing und meinen durchaus ambivalenten Gefühlen diesem Vortrag gegenüber Raum gab, wurde er wieder friedlicher. Es mag Ihnen erscheinen, als ob ich eine recht exotische Krankheitsgeschichte erzählt hätte, ein Fall der sich selten im medizinischen Alltag findet. Das Gegenteil ist Fall. Sogenannte somatoforme Störungen, bei denen Beschwerden nicht hinreichend mit einem krankhaften körperlichen Befund erklärt werden können, machen in der medizinischen Primärversorgung ca. 20 Prozent aus, in Schmerzambulanzen liegen die Raten sogar bis 50 %. Bis zu 35 % aller Rückenschmerzen entwickeln sich zu chronischen Syndromen, bei denen das Schmerzgedächtnis neben dem körperlichen Befund eine wichtige Rolle spielt (mixed pain). Auch primäre Verschleißerscheinungen wie Bandscheibenvorfälle oder Osteoporose können im weiteren Verlauf in ein psychosomatisch aufzufassendes chronisches Schmerzsyndrom übergehen. Ich denke, es ist klar geworden, dass solche Leiden ein hohes Maß an Motivation und Aktivität, auch mentaler Auseinandersetzung auf Seiten des Patienten erfordern, wenn eine Besserung erreicht werden soll. Doch nicht nur der Patient ist gefordert. Auch dem Arzt gegenüber ist das chronische Schmerzsyndrom ein fordernder Lehrmeister, der erzwingt, dass der Behandler der ganzen Vielfältigkeit und Dynamik einer Erkrankung gerecht wird, die Leib und Seele umfasst. Wird dies berücksichtig, können befriedigende therapeutische Erfolge erreicht werden. ~ 11 ~