Interview_Prof.UrsMeyer_PersonalisierteMedizin_0913

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Krankheiten ursächlich und präzise behandeln
Urs Meyer, Klinischer Pharmakologe, erklärt die Ursachen von Nebenwirkungen, die
Entwicklung massgeschneiderter Therapien und das Potential von persönlichen
Risikoanalysen.
Wie wirkt ein Medikament im menschlichen Körper?
Die Wirkungen von Medikamenten im menschlichen Körper sind so komplex wie unsere
Körperfunktionen selber. Die meisten Arzneimittel binden für ihre Wirkung an Proteine,
sogenannte Rezeptoren. Dadurch verdrängen diese Medikamente körpereigene Substanzen wie
zum Beispiel Hormone, welche die Rezeptoren aktivieren oder hemmen. Medikamente können
auch Substanzen beeinflussen, die das Zellwachstum beeinflussen oder die Weiterleitung von
Schmerzsignalen ermöglichen. Andere hemmen Enzyme und damit den Stoffwechsel
körpereigener Substanzen oder Transportvorgänge.
Warum treten bei gewissen Patienten nach Medikamenteneinnahme Nebenwirkungen auf?
Auch hier sind die Mechanismen äusserst komplex und oft nur teilweise bekannt. Je nach
Medikament und früheren Behandlungen kann das Immunsystem des Patienten eine
Überempfindlichkeit gegenüber von z.B. Antibiotika entwickeln. Solche Reaktionen können
lebensgefährlich sein. Andere Nebenwirkungen entstehen oft durch die individuellen
Unterschiede im Arzneimittelabbau oder im Arzneimitteltransport. Meist ist nur eine
beschränkte Zahl von Patienten betroffen
Warum gibt es Krankheiten - wie z.B. Krebs - bei denen noch keine heilende Therapie entwickelt
werden konnte?
Nur wenn die Ursache(n) einer Krankheit genau bekannt ist (sind), hat man die Möglichkeit, die
Krankheit „ursächlich“ zu behandeln oder zu heilen. Bei Krebs verstehen wir die Ursachen nach
wie vor nicht genau. Trotzdem haben wir durch ein Teilverständnis bei vielen Krebskrankheiten
beträchtliche Behandlungsfortschritte erzielt. Das ist z.B. bei der akuten Leukämie bei Kindern
der Fall.
Was ist eine Genvariante und wie nimmt sie Einfluss auf die Arzneimittelwirkung?
Alle Menschen sind einmalig in ihrer Genzusammensetzung – dem Erbmaterial – und auch in der
Art, wie die Gene in den Körperzellen die Proteinbildung steuern. Das Erbgut besteht aus etwa
zweimal drei Milliarden Buchstaben. Zwischen zwei nichtverwandten Menschen bestehen
mehrere Millionen Unterschiede. Wenn diese Unterschiede Genen zugeteilt werden können, wie
Verein Daten und Gesundheit, www.datenundgesundheit.ch, contact@datenundgesundheit.ch
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das bereits mehrere 10‘000 Mal geglückt ist, nennt man sie Genvarianten. Eine Genvariante kann
zum Beispiel zum Verlust eines arzneimittelabbauenden Enzyms führen. In der Folge wird das
Arzneimittel weniger schnell aus dem Körper entfernt, es akkumuliert. Wegen dessen zu hoher
Konzentration im Körper entstehen dann Nebenwirkungen.
Das Wissen um die spezifische Wirkung eines Stoffs bei einer bestimmten Genkonstellation macht
sich die Individualisierte Medizin zu Nutze, um dem Patienten eine massgeschneiderte Therapie
anbieten zu können. In welchem Umfang ist dies bereits heute möglich?
Zur Zeit ist dies bei ca. 20 Arzneimitteln möglich, empfohlen oder sogar vorgeschrieben. Dieses
Vorgehen aus dem Gebiet der Pharmakogenetik wird zunehmend angewendet. Dabei können
Genvarianten bei Patienten vor der Therapieentscheidung bestimmt werden. Das Resultat
beeinflusst die individuelle Auswahl des Arzneimittels oder die individuelle Dosierung eines
Medikaments.
Welche Bedeutung hat die Personalisierte Medizin für die zukünftige Gesellschaft? Wer profitiert
besonders von ihr?
Der Patient profitiert davon. Die Personalisierte Medizin trägt dazu bei, dass sein Problem
möglichst effizient gelöst wird und er sich wieder gesund fühlt oder sich seine Lebensqualität
verbessert.
Inwiefern kann die Personalisierte Medizin helfen, das Krankheitsrisiko von einzelnen Patienten
vorherzusagen?
Wir Forscher lernen zunehmend, das vererbte Risiko eines Individuums für eine Krankheit in
seiner Familiengeschichte und seiner Erbmasse zu erfassen. Wir müssen aber noch besser die
Umweltfaktoren verstehen, die im Zusammenspiel mit den Genen das Krankheitsrisiko
bestimmen. Neben den bekannten Risiken wie Rauchen, Alkohol, falsche Ernährung, Übergewicht
und körperliche Inaktivität wirken auch subtilere Faktoren wie diurnale Rhythmen oder die
Zusammensetzung von Darmbakterien. Das kombinierte Wissen wird künftig eine persönliche
Risikoanalyse ermöglichen. Diese zeigt Möglichkeiten auf, wie durch Veränderungen des
Lebensstils und andere präventive Massnahmen Krankheitsrisiken vermindert werden können.
Welche Rolle kann eine zentrale, genossenschaftlich organisierte Gesundheitsdatenbank spielen,
wenn es um den Fortschritt der Personalisierten Medizin geht?
Eine solche Gesundheitsdatenbank birgt grosses Potenzial, unsere Erkenntnisse und Konzepte
der Personalisierten Medizin zu verbessern. Sie kann individuelle Daten über Gesundheit und
Krankheit in grossem Umfang und bis ins Detail erfassen und verwalten. Unter strikter Wahrung
von Privatsphäre und Persönlichkeitsschutz können diese Daten dann für Forschungsfragen im
Sinne einer besseren Gesundheitsversorgung verwendet werden.
Rebecca Knoth, September 2013
Medienanfragen:
Mathis Brauchbar: 079 407 9362
contact@datenundgesundheit.ch
Verein Daten und Gesundheit
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