Dossier Toleranz - Landesbildungsserver Baden

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Landesbildungsserver Baden-Württemberg, Fachredaktion Deutsch – www.deutsch-bw.de
Wie viel Toleranz braucht unsere Gesellschaft?
M1: Für mehr Toleranz1
M2: Definition2
Toleranz ist a) die Duldsamkeit, die man gegenüber einem anderen besitzt, oder b) in der
Medizin die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegenüber schädigende Einflüsse und c) in
der Technik die Abweichung zwischen der gewünschten Norm und der tatsächlich
erhaltenen Größe.
M3: Henryk M. Broder: Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen
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[…] Dass es praktisch keine Selbstverständlichkeiten sind, hat damit zu tun, dass
der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden
ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz. Ja, sie haben sich nicht
verhört: Ich sagte Toleranz. Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen
Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war. Die einen waren oben und
die anderen waren unten, und dazwischen war wenig. Aber in horizontal
organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten, sondern ein
breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen
kann, in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den
schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der
Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.
Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und
Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu
erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat
den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als
GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den
Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche
umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten.
So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum
konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt
wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen
hatten.
Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und
Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang,
der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird.
2002. Die „Briefmarke wurde von der Deutschen Post AG im Auftrag des BMF verausgabt und ist nach § 5
Abs. 1 UrhG ein amtliches Wer. Nach dem deutschen Urheberrechtsgesetz ist sie somit gemeinfrei. Dies gilt
nicht mehr für Briefmarken ab 2010!
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http://wissen.woxikon.de/toleranz
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Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der
muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der
darf "Ehrenmorde" und andere Kleinigkeiten nicht mit dem "kulturellen Hintergrund"
der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige
wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer
anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen
als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und
gleichwertig sind.
Wer sich zur selektiven Intoleranz bekennt, der wird auch darauf achten, nicht in die
Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Inzwischen kann man auf
jeder Tupperware-Party Punkte sammeln, wenn man nur erklärt, George Bush und
Osama Bin Laden seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die
bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der
Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als
die islamischen Terroristen heute. So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen,
aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine
Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen
Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse
Einseitigkeit aus.
Vor kurzem hat ein Berliner Verwaltungsgericht zugunsten einer politischen Gruppe
entschieden, die zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen hatte. Der Berliner
Polizeipräsident hatte den Veranstaltern untersagt, bei der Demo Fahnen und andere
Symbole der Hisbollah zu führen. Die Demonstranten aber fühlten sich eines
Grundrechts beraubt und riefen das Gericht an. Das entschied, die Hisbollah sei
Partei in einem bewaffneten Konflikt, bei dem man sowohl die eine wie die andere
Seite unterstützen könne. Und so werden die Kinder und Enkel der Judenmörder von
gestern demnächst unter der Fahne der Judenmörder von morgen für eine gerechte
Endlösung der Nahost-Frage demonstrieren.
Womit ich wieder bei der Mutter aller Fragen wäre: Bin ich verrückt, weil ich so
etwas absurd und obszön finde, oder sind es die anderen, die nichts dabei finden?
Habe ich ein Wahrnehmungsproblem oder der Präsident des Frankfurter
Landgerichts, der mich wegen Beleidigung angezeigt hat, weil ich mir erlaubt habe,
darauf hinzuweisen, die Richter der Bundesrepublik seien "die Erben der Firma
Freisler"? Offenbar habe ich etwas übersehen. Die Bundesbahn ist die
Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundeswehr ist die Rechtsnachfolgerin der
Reichswehr und der Wehrmacht, die ganze Republik trägt schwer am Erbe des
Dritten Reiches. Nur die Wiege der bundesdeutschen Justiz stand ganz allein in einer
Suppenküche der Heilsarmee, wo sonst. […]
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Henryk M. Broder*.
Auszug aus der Dankesrede für den Ludwig-Börne-Preis
Online vollständig abrufbar: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/henryk-m-broder-toleranz-hilftnur-den-ruecksichtslosen-a-490497.html
*Der SPIEGEL- und SPIEGEL-ONLINE-Autor Henyrk M. Broder reagiert meist als einer der ersten auf die
aktuellen und spannenden Themen der Zeit. Dabei sagt er seine Meinung offen, eckt an und provoziert
regelmäßig. 2007 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis, der zu den bedeutendsten Literaturpreisen im
deutschsprachigen Raum zählt.
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M4: Erklärung von Prinzipien der Toleranz 3
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Artikel 1: Bedeutung von 'Toleranz'
1.1 Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer
Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all
ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit,
Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und
des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur
moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche
Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt
dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.
1.2 Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder
Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die
Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer.
Keinesfalls darf sie dazu mißbraucht werden, irgendwelche Einschränkungen dieser
Grundwerte zu rechtfertigen. Toleranz muß geübt werden von einzelnen, von
Gruppen und von Staaten.
1.3 Toleranz ist der Schlußstein, der die Menschenrechte, den Pluralismus (auch
den kulturellen Pluralismus), die Demokratie und den Rechtsstaat zusammenhält.
Sie schließt die Zurückweisung jeglichen Dogmatismus und Absolutismus ein und
bekräftigt die in den internationalen Menschenrechtsdokumenten formulierten
Normen.
1.4 In Übereinstimmung mit der Achtung der Menschenrechte bedeutet praktizierte
Toleranz weder das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder
Schwächung der eigenen Überzeugungen. Sie bedeutet für jeden einzelnen Freiheit
der Wahl seiner Überzeugungen, aber gleichzeitig auch Anerkennung der gleichen
Wahlfreiheit für die anderen. Toleranz bedeutet die Anerkennung der Tatsache, daß
alle Menschen, natürlich mit allen Unterschieden ihrer Erscheinungsform, Situation,
Sprache, Verhaltensweisen und Werte, das Recht haben, in Frieden zu leben und so
zu bleiben, wie sie sind. Dazu gehört auch, daß die eigenen Ansichten anderen
nicht aufgezwungen werden dürfen.
M5: Zitate
Kurt Tucholsky: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“
Theodor Fontane: „Ignorieren ist noch keine Toleranz“.
M6: Karikatur
Wegen der Urheberrechte kann die Karikatur an dieser Stelle nicht veröffentlicht werden,
bitte unter
http://de.toonpool.com/cartoons/Toleranz_248832
abrufen.
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Die Erklärung von Prinzipien der Toleranz wurde auf der 28. Generalkonferenz (Paris, 25. Oktober bis 16. November 1995)
von den Mitgliedstaaten der UNESCO verabschiedet. Online abrufbar: http://www.unesco.de/infothek/dokumente/unescoerklaerungen/erklaerung-toleranz.html
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