Sind AD(H)S – Kinder eine Zumutung für die Schule oder ist die

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AD(H)S – Kinder in der Schule –
pädagogisch-psychologische Basishilfen
Vortrag
Dr. Helga Ulbricht Staatliche Schulberatung München
03-04/H.U.
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Die Problematik aus der Sicht des
Lehrers (1)
Lehrer erleben das betroffene Kind häufig als
eingeschränkt in ...
der grobmotorischen Koordination
• hohe motorische Aktivität und Unruhe
• „Herumfuchteln“ und ständig sich wiederholende Bewegungen mit
Armen und Beinen
• Besondere Unruhe in Warte- und Stillarbeitszeiten
• Motorische Ungeschicklichkeit, hohe Unfallgefahr
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Die Problematik aus der Sicht des
Lehrers (2)
Lehrer erleben das betroffene Kind häufig als
eingeschränkt in ...
der feinmotorischen Koordination
• uneinheitliches, unleserliches Schriftbild
• Zeilen werden nicht eingehalten
• Unleserlichkeit führt häufig zur Rechtschreibproblemen (Kinder
lassen Wörter aus, können eigene Schrift bei der Kontrolle nicht
lesen, usw.
• starker Druck und „Krampfhand“ führen häufig zu beschädigten
Stiften und Papier
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Die Problematik aus der Sicht des
Lehrers (3)
Lehrer erleben das betroffene Kind häufig als
eingeschränkt in ...
der Konzentration
• können nicht bei „einer Aufgabe“ bleiben
• unterbrechen immer wieder angefangene Arbeiten
• suchen und finden ständig neue Reize, die sie ablenken
• können wichtige nicht von unwichtigen Signalen unterscheiden
(Gespräche der Mitschüler – Anweisung des Lehrers)
• können nur schwer oder gar nicht eine Arbeit durchhalten, geben
oft sehr früh die Arbeit beim Lehrer ab
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Die Problematik aus der Sicht des
Lehrers (4)
Lehrer erleben das betroffene Kind häufig als
eingeschränkt in ...
der Planung der eigenen Arbeit und der Anwendung von
Problemlösestrategien
• die Kinder haben einen insgesamt impulsiven Arbeitsstil
• beginnen mit der Bearbeitung von Aufgaben noch bevor der
Arbeitsauftrag vollständig erklärt wurde
• verlieren während des Arbeitens die Übersicht und geben vorzeitig
auf
• sind schnell entmutigt, wenn sie Fehler entdecken und sich neue
Strategien überlegen müssten
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Die Problematik aus der Sicht des
Lehrers (5)
Lehrer erleben das betroffene Kind häufig als
eingeschränkt im ...
Beziehungsaufbau zu Erwachsenen und anderen Kindern
• sie können sich nicht in ihr Gegenüber einfühlen, haben keine
Perspektivenübernahme
• reagieren schnell über, verhalten sich impulsiv und „verschrecken“
damit andere Kinder
• halten sich oft nicht an Regeln und werden dadurch langfristig aus
der Gruppe gedrängt
• suchen Zuwendung und Anerkennung und sind dabei oft
distanzlos und wenig einfühlsam
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Was fordert ein AD(H)S-Kind vom
Lehrer?
Häufige, intensive
Zuwendung.
Zusatzerklärungen
und Zusatzkontrollen.
Permanente
Aufmerksamkeit.
Schnelles,
situationsadäquates
Reaktionsvermögen.
Verständnis und
Akzeptanz für
Unangepasstheit.
Verteidigung
gegenüber der
Klassengemeinschaft.
Verzicht auf „direkte,
pädagogische Erfolge“
und positive
Rückmeldungen für
den eigenen
Unterricht.
Die Überforderung Lehrers als
Verantwortlicher für den Einzelnen und
die Gemeinschaft ist vorprogrammiert.
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Wie sollte ein Lehrer auf diese
Herausforderung reagieren?
• Hilfe und Unterstützung suchen: „Ich muss nicht alles allein
schaffen.“ Eltern, Betreuer und Therapeuten einbeziehen.
• Ursachenzuschreibung überprüfen: „Das Kind will mich nicht
persönlich ärgern, es verhält sich einfach so, weil es nicht anders
kann.“
• Übersicht behalten: Rituale einführen, konsequent in immer gleicher
Weise reagieren.
• Beziehung erhalten: Systematisch beobachten. „Was war heute
positiv? Was hat funktioniert?“ Aufzeichnungen machen und
Rückmeldungen geben.
• Sonderstellung tolerieren: „Nicht alle Kinder sind gleich. Eine
Gemeinschaft akzeptiert auch eine „Sonderbehandlung“, wenn diese
erklärt wird.
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Manchmal hilft auch Umdenken ...
Sehen Sie das Kind nicht als ...
Sehen Sie es als ...
hyperaktiv
impulsiv
energisch
zerstreut
kreativ
Tagträumer
phantasievoll
unaufmerksam
offen für neue Eindrücke
spontan
unberechenbar
flexibel
streitsüchtig
unabhängig
störrisch
engagiert
unkonzentriert
einzigartig
(Thomas Armstrong)
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Die Problematik aus der Sicht der
Mitschüler
Die Mitschüler erleben das betroffene
Kind als eingeschränkt in ...
• seiner Einordnungsfähigkeit: Es will oft bestimmen, akzeptiert nicht die
getroffenen Regeln, stört den Ablauf. Folge: Die Mitschüler lassen das
betroffene Kind nicht mitspielen, grenzen es aus.
• seiner Gefühlsstabilität: Es ist einerseits sehr freundlich und
kontaktfreudig, will aber oft im Mittelpunkt stehen und wechselt ggf.
schnell seine Stimmungen, wird dann auch aggressiv.
• seiner Autonomie: Zunächst wirkt das betroffene Kind sehr selbständig
und mutig gegenüber Erwachsenen, nimmt aber dann schnell eine
Sonderrolle ein. Der Lehrer widmet ihm viel mehr Zeit und
Aufmerksamkeit als den anderen Kindern.
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Die Problematik aus der Sicht des
betroffenen Kindes
Das betroffene Kind erlebt sich selbst als ...
• anders als die Anderen
• oftmals abgelehnt und ausgestoßen
• zerrissen, weil sie „wollen“ und nicht
„können“
• permanent schuldig
• misserfolgsorientiert und chancenlos
• „ungerecht“ behandelt
• unrealistisch in der Selbsteinschätzung
und daher oft „erfolglos“
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Die Problematik aus der Sicht der
betroffenen Familie
Das Eltern-Kind-Schule-Verhältnis ist geprägt
von ...
• kräftezehrenden Interaktionen auch innerhalb der
Familie
• negativen Vorerfahrungen im Kindergarten und in
diversen Gruppen
• Häufigen Beschwerden der Schule über:
• störendes Verhalten des Kindes
• schwache oder schwankende Leistungen
• miserable Hausaufgaben
• Forderungen an die Eltern, dass sie sich „kümmern“
müssen
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Die Gesamtsituation des betroffenen
Kindes
Die familiäre
Situation wirkt sich
wiederum auf das
Verhalten in der
Schule aus.
mit den Lehrern
Das Lehrer-SchülerVerhältnis wirkt sich auf
die Situation in der
Klassengemeinschaft
aus.
Das Kind
hat
überall
Probleme
mit der Familie
mit den Mitschülern
Das Selbstbild wirkt
sich auf das
Verhalten und die
Interaktionen in der
Familie aus.
Das Verhältnis zu
den Mitschülern wirkt
sich auf das
Selbstbild und
Selbsterleben aus.
mit sich selbst
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Pädagogisch-psychologische Basishilfen
• Selbstwahrnehmung und Standortbestimmung
• Normen und Wertvorstellung
• Personenwahrnehmung
• Beziehungsaufbau
• Ursachenzuschreibungen - Attributionen
• Verhaltenssteuerung und pädagogischtherapeutische Intervention
• Umgang mit Konflikten
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Selbstwahrnehmung und
Standortbestimmung
Bin ich selbst hektisch oder besonnen?
Was möchte ich bei mir und anderen vermeiden?
Wie gehe ich mit Misserfolgen um?
Welche Ansprüche stelle ich an meine
pädagogische Wirksamkeit?
Welche Bedürfnisse bestimmen meinen Umgang
mit anderen – meine oder die des Anderen?
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Normen und Wertvorstellungen
Welches Schülerbild trage ich in mir?
Lasse ich Alternativen zu?
Muss ein Schüler dankbar für mein Engagement sein?
Welche pädagogischen Zielvorstellungen habe ich?
Kann ich andere Lebensentwürfe akzeptieren?
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Sehen und Wahrnehmen (1)
Ein oder zwei
Gesichter?
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Kaninchen oder
Ente?
Alte oder junge
Frau?
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Sehen und Wahrnehmen (2)
Alt und hässlich?
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Jung und schön?
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Personenwahrnehmung
• Wegen nicht sichtbaren Charakteristika (Intelligenz,
Freundlichkeit...) ist soziale Wahrnehmung sehr schwierig.
Häufige Fehleinschätzungen sind die Folge. Gemachte Fehler
sind oft schwer aufzudecken.
• Wir nehmen praktisch nie unvoreingenommen Informationen
auf. Gefühle, Einstellungen, Motivationen haben großen
Einfluss auf die Wahrnehmung.
• Unsere Wahrnehmung wird beeinflusst durch unser Wissen
und unsere Erfahrung sowie durch dominante Details (lautes
Geschrei, grelle Farben .. ).
• Die meisten Merkmale sind nur ungefähr beschreibbar.
• Selektive Wahrnehmung ist für die Reaktionsfähigkeit
lebenswichtig.
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Beziehungsaufbau
• Menschen leben als soziale Wesen in Beziehung zu anderen.
• Das Verhalten ist Ergebnis und Ziel unterschiedlicher
Beziehungen.
• Eine stabile, angstfreie Beziehung hält mehr Belastungen aus aus
als eine instabile, von Widersprüchen geprägte.
• Die Beziehung zwischen Lehrer und dem AD(H)S-Kind muss in
belastungsfreien Situationen aufgebaut werden (Freizeit, musischer
Unterricht, Vorviertelstunde ...)
• Gespräche, gemeinsame Aktivitäten, Zuwendung sind die
Grundlagen für den Beziehungsaufbau.
• Störungen und Probleme können nur auf der Grundlage einer
stabilen, grundsätzlich positiven Beziehung bearbeitet werden.
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Peters Geschichte
Peter geht in die 1. Klasse einer Grundschule. Er hat AD(H)S. Sein
Ruf ist ihm bereits vom Kindergarten aus vorausgeeilt. Er ist
äußerst unruhig, kann keine Kontakte zu anderen Kindern
aufbauen und befolgt keine Regeln.
Am Ende des ersten Schuljahres kann Peter noch nicht lesen.
Welche Gründe erscheinen Ihnen wahrscheinlich?
o Peter hat zu wenig aufgepasst.
o Peter hat möglicherweise eine Legasthenie.
o Peters Eltern haben sich zu wenig um ihn gekümmert.
o Das permanente Störverhalten im Unterricht hat Peter am Lernen
gehindert.
o Peter hatte eine unerfahrene Lehrerin.
o Peter will sich nicht den schulischen Anforderungen beugen.
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Ursachenzuschreibungen - Attributionen
• Wahrnehmungen werden in der Regel durch Ursachenzuschreibungen / Attributionen begleitet.
• Bei der Ursachenzuschreibung stellen wir Vermutungen an
über Persönlichkeitseigenschaften, über die Absicht der
Handlung und über die Stabilität und Qualität der Eigenschaft.
• Attributionen sind Alltagstheorien. Sie sind eine Folge der
Lebenserfahrung und des Wissens einer Person.
• Auch Attributionsfehler sind „normal“. Sie dürfen aber nicht zu
einer unangemessenen Behandlung des AD(H)S-Kindes
führen.
• Auch das Verhalten des AD(H)S-Kindes hat unterschiedliche
Ursachen und Intentionen.
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Verhaltenssteuerung und pädagogischtherapeutische Intervention
• Verhaltenssteuerung soll Hilfen anbieten, nicht verurteilen.
• Angemessenes und unangemessenes Verhalten muss
miteinander besprochen, beschrieben und bewertet werden.
• Wenige, überschaubare Verhaltensweisen werden
herausgegriffen und für einen bestimmten Zeitraum in einen
Zielkatalog aufgenommen.
• Positiver Verhaltensaufbau findet über Verstärkung statt.
• Auf negatives Verhalten folgen mit dem Kind abgesprochene,
konsequente Reaktionen.
• Die Konsequenzen sollen nicht das Selbstwertgefühl des
betroffenen Kindes gefährden.
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Umgang mit Konflikten
• Mit Konflikten im Schulalltag muss gerechnet werden.
• Das Verhalten des Kindes kann kritisiert werden, es ist ihm aber als
Person Respekt und Achtung zuzusichern.
• Sinnvoll ist, auf vorher besprochene Maßnahmen zurückzugreifen.
• Mit vereinbarten Zeichen und Hinweisen arbeiten.
• Im „Akutfall“, wenn das AD(H)S-Kind ein zu hohes Erregungsniveau
erreicht hat, sollte eine Auszeit angeordnet werden.
• Für die aktuelle, inhaltliche Problemlösung Zeit nehmen, Gespräche
anbieten.
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