Von Kreaturen und anderem Getier

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Von Kreaturen und anderem Getier
Wer kennt sie nicht, die lachende Brigade bunter Kunststoffobjekte für Küche und Schreibtisch! Leicht ließe sich mit der
offerierten Vielfalt ein abwechslungsreicher Kreaturenpark
oder eine Arche Noah aus Heftmaschine, Scherenhalter,
Flaschenöffner &Co. zusammenstellen, so artenreich ist das
Angebot dieser Produktsparte. Ihr Erfolg spricht für sich: Von
diesen Kreaturen geht ein besonderer Reiz aus. Doch wie
ziehen uns diese Produkte in ihren Bann? Ist es das Animalische, das uns anzieht? Oder sind sie gleichsam gesellschaftsfähige „Kuscheltiere “ für Erwachsene,, derentwegen sich niemand zu schämen braucht? Ein einfaches Stofftier in der Edelküche eines er folgreichen Geschäftsmannes riefe unzweifelhaft
deutliche Irritation her vor, ein Handfeger in Hundeform
zeichnet ihn in den Augen vieler hingegen als modern und
trendorientiert aus. In ihrer Form folgen die an Tier- oder
Phantasiewesen erinnernden Objekte häufig dem sogenannten
„Kindchenschema “:Sie besitzen einen überdimensionierten
Kopf, große Augen, rundliche Formen und verkürzte, „knuffige“ Proportionen. Diese Signale verströmten bereits die
Stofftiere unserer Kindheit. Sie gaben uns Trost und Halt, lösten aber zugleich unseren Zuwendungs- und Fürsorgeinstinkt
aus. Welche faszinierende, positiv besetzte Anziehungskraft
Tiere generell auf uns haben, demonstrierte eindrücklich der
Wirbel um die Eisbären-Waisenkinder „Knut“ und „Flocke“
im Lauf des
letzten Jahres.
In beider Fall war
Toilettenbürste „Toq“
es wohl gerade die
Entwur f: Platt &Young (Robin
Platt,Cairn Young); Hersteller: Koziol
unnatürliche Partideas for friends GmbH, Erbach,2001
nerschaft von
Der Reiz des magischen Auges – eine
Mensch und wilToilettenbürste buhlt um
dem Tier – gewisAufmerksamkeit!
sermaßen das
lebendig gewordene Stoffkuscheltier – welche
den besonderen „Hype “ erklärt. Denn kleine
Eisbären gab es bereits häufiger in Zoos zu beSitzschale „Bilibo“
Entwurf: Alex Hochstrasser;
staunen – aber eben nicht mit einem menschVertrieb: Active people,Binningen, 2001
lichen Muttertier. Den kreatürlichen Objekten
Ein Smiley zum Sitzen und Spielen!
haftet zumeist auch eine gewisse Komik an.
Denn sie vereinen Dinge, die eigentlich nicht
zusammengehören. Beispielsweise Borsten einer Kehrschaufel, die als Hundebeine fungieren
oder eine Nagelschere, die zu einem Vogelgesicht wird. Aber Vorsicht! – Es gibt auch eine
Theorie,, nach der die bunt-humorigen Haushaltsgeräte lediglich für den nordeuropäischen und
nordamerikanischen Markt geeignet seien. Hier böten die Geräte den Kunden Ablenkung von
der langweiligen Hausarbeit. Nicht so auf dem mittel - südamerikanischen sowie südeuropäischen
Markt: Dort würden die Hausfrauen die Hausarbeit als seriöse Rolle in ihrem Leben betrachten,
die sie nicht trivialisiert und respektlos behandelt sehen wollen.
Just fun! – Produkte, die uns erheitern
Produkte erheitern uns auf vielfältige Art. Erheiterung lösen meist Situationen oder Gegenstände
aus, die als „witzig “ oder „komisch “empfunden werden. Eine der Hauptbedingungen für den
Eindruck des Komischen ist die Unvereinbarkeit bestimmter Dinge: Etwas wird zusammengefügt, was eigentlich nicht zusammengehört, es erscheint damit unsinnig und unlogisch. Diese
unerwartete, widernatürliche Nichtübereinstimmung löst eine mehr oder weniger starke Irritation
aus. Die zwischen den unvereinbaren Tatsachen bestehende Spannung findet ihr Ventil im Witz,
der gewissermaßen die Lösung des Rätsels ersetzt.
Als witzig empfinden wir beispielsweise viele der buntfarbigen Objekte aus dem Küchenutensilien- oder Büroartikelbedarf, die häufig unlogische Komponenten auf weisen: Hundebeine
mutieren zu Borsten einer Kehrschaufel und eine Nagelschere zum Vogelgesicht, oder einer
Wärmflasche entwachsen Beine. Unlogisch ist ebenso der „on/of f “ Schalter an einer Kerze, die
eigentlich keines mechanischen Schaltmechanismus bedarf. Werden beide Elemente dennoch
kombiniert, entsteht ein witziges Moment – genauso wie bei dem „Mann zum Selberbacken“
mittels Backmischung und Backform.
„Dog-end Mk1 “, "Dog-end Mk2 Spotty“ und „Cloth Cat “
Entwur f: Luke Haslam-Jones;
Hersteller: Slam Design Ltd.,Rugby, 2005
Ein Produkt, drei Gefühlsreaktionen: Neugier, Heiterkeit und Ekel. Erhält man Klarheit über die Funktion des Objektes, dürfte sich bei
manch einem das Ekelerleben deutlich verstärken: Es ist ein Handtuchhalter mit gewöhnungsbedürftiger, kreuzförmiger Halterung, in die
das Handtuch hineingesteckt wird.
© Badisches Landesmuseum Karlsruhe
Textauszug aus: Design+Emotion. Produkte, die Gefühle wecken. AK Karlsruhe 2008, S. 58 und 70; Text: Heidrun Jecht
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