"Verführt zum Helden" - Aspekte der Begutachtung jugendlicher

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‚Verführt zum Helden‘
Aspekte der Begutachtung jugendlicher Dschihadisten
DDr. Gabriele Wörgötter
22. Forensisch-Psychiatrische Tagung in Wien
04.12.2015
FALL 1
Eckdaten
1997
2006
2006
2006-2009
2009-2014
Geboren in Tschetschenien
Familie flüchtet nach Österreich
Scheidung der KE mit Verbleib im mütterlichen Haushalt
Besuch der Volksschule
Besuch des Gymnasiums
FALL 1
Familiäre Situation
1 ältere Schwester, 1 jüngerer Bruder - keine Auffälligkeiten bekannt
Die Familie flüchtet 2006 Schlepper unterstützt nach Österreich, nachdem der
Vater dort ‚Schwierigkeiten‘ hatte und ihr Haus bombardiert wurde.
Kurz nach der Ankunft in Österreich lassen sich die Eltern scheiden, die Kinder
verbleiben im mütterlichen Haushalt, der Vater wird nach Polen
abgeschoben, kehrt wieder nach Österreich zurück und gründet eine neue
Familie.
Die Mutter lebt in ständiger Angst vor einer Abschiebung, wechselt mit ihren
Kindern oft die Unterkünfte.
FALL 1
Psychische Entwicklung
Wird als Kind wiederholt Zeuge von Gewalttaten, beobachtet z.B. wie auf der
Straße liegenden russischen Soldaten der Kopf abgeschnitten wird - ‚ich habe
zugeschaut, habe dabei nichts gefühlt‘.
Sehr gute schulische Anpassung, erlernt rasch die Deutsche Sprache, die
Schule macht ihm Spaß, wechselt aufgrund seiner guten intellektuellen
Begabung nach der Volksschule ins Gymnasium.
Ab dem 15. LJ. zunehmendes psychisches Unwohlempfinden - ‚ich habe mich
in Österreich nicht zu Hause gefühlt, ich habe mich immer auf der Flucht
gefühlt‘, depressive Entwicklung mit SM-Gedanken, disziplinäre Probleme in
der Schule.
War 2013/2014 wegen Depressionen in psychologischer Betreuung bei der
Caritas.
Kein Alkohol, kein Drogenkonsum.
FALL 1
Radikalisierung
Die Familie ist muslimischen Glaubens, ohne die Moschee zu besuchen
oder zu beten.
Nimmt über Facebook Kontakt mit radikalen Islamisten auf, besucht
eine radikale Moschee, erfährt dort über das Leben in Syrien, das den
‚Gläubigen‘ viele Perspektiven eröffnet. Wird ‚ein Gläubiger‘,
verheimlicht das auf Anraten der ‚Brüder‘ seinen Eltern. Wird von
einem ‚Prediger mit einer 18-jährigen Afghanin verheiratet.
Fühlt sich verpflichtet, den von ASSAD Verfolgten zu helfen.
Macht sich 8/14 gemeinsam mit 4 Erwachsenen mit einem PKW auf
die Reise nach Syrien, wird an der Österreichisch/Ungarischen Grenze
festgenommen, kurz nach seiner Festnahme wegen Depressionen
stationär im NKH Rosenhügel aufgenommen.
FALL 1
Diagnose
Jugendneuropsychiatrische Diagnose:
1. Achse: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen mit depressiver Störung
(F92.0 ICD-10)
2. Achse: Umschrieben Entwicklungsrückstände
Keine
3. Achse: Intelligenzniveau
Durchschnittliche Intelligenz
4. Achse: Krankheiten aus anderen Kapiteln der ICD-10
Keine
5. Achse: Assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände
Unzureichende elterliche Aufsicht und Steuerung
Abweichende Elternsituation
Lebensbedingungen mit möglicher psychosozialer Gefährdung
Migration
Allgemeine Unruhe in der Schule
6. Achse: Globale Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus
4 - ernsthafte soziale Beeinträchtigung
•
FALL 1
Motive
‚In Syrien hat man Perspektiven.‘
‚Der Prophet Mohamed ist mein
wichtigstes Vorbild.‘
‚Ich wollte in Syrien einen
Neuanfang machen.‘
‚Ich wollte den Verletzten in
Syrien helfen, zum Kämpfen wäre
ich zu feig gewesen.‘
‚Wenn ich erschossen worden
wäre, wäre ich zumindest ins
Paradies gekommen.‘
Gutachterliche Beurteilung
Traumatisierung in der frühen
Kindheit, Migration, Angst vor
Abschiebung, Aufwachsen ohne
haltgebende Vaterfigur haben eine
gedeihliche psychisch-emotionale
Entwicklung verhindert.
Im Selbstbild beeinträchtigter, haltund strukturloser Jugendlicher mit
fehlender ICH-Stärke.
Der Anschluss an eine radikale
Gruppe erfolgte in der Hoffnung,
dort Zugehörigkeit, Anerkennung,
Selbstbestätigung und Halt zu finden.
§11, § 21(2), § 4 (2) JGG werden verneint
FALL 2
Eckdaten
2000
2006
2006
2010
Geboren in der Türkei
Übersiedlung der Familie nach Österreich
Geburt der Schwester
Scheidung der Eltern, die Kinder verbleiben im mütterlichen
Haushalt, der Vater wird in die Türkei abgeschoben
FALL 2
Familiäre Situation
Eine Schwester * 2006 - keine Auffälligkeiten bekannt
Mutter - Ist bis heute der Deutschen Sprache nicht mächtig. Arbeitet als
Reinigungskraft. Bemüht, aber mit der Situation als berufstätige
Alleinerzieherin überfordert.
Vater - Gewalttätig. Wird nach einer Verurteilung wegen Körperverletzung
an seiner Frau in die Türkei abgeschoben.
FALL 2
Psychische Entwicklung
Erlernt rasch die Deutsche Sprache.
Wird (trotz durchschnittlicher Intelligenz) im SPZ eingeschult und verbleibt
dort.
Wird in der peer-group als ‚geistig behindert‘ beschimpft, leidet sehr unter
dem Status des Sonderschülers.
Verliert schließlich völlig das Interesse an der Schule, schwänzt ab 2013 die
Schule, beschimpft Lehrer und Mitschüler, wird als Einzelgänger beschrieben.
Wird immer verschlossener, spricht mit der Mutter kaum noch, beschimpft
sie als Alevitin, attackiert sie und seine Schwester auch tätlich.
War nie in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung.
Kein Alkohol, kein Drogenkonsum.
FALL 2
Radikalisierung
Stößt 2013 ‚zufällig‘ auf radikale Videos im Internet und ist fasziniert
davon ‚wie man mit Waffen herumschießt und mit den Autos
herumfährt‘. Kommt rasch auf die Idee, Krieger werden zu wollen und
für Allah zu kämpfen, wird zum ‚Gläubigen‘.
Beschimpft seine Mutter und seine Schwester, weil sie kein Kopftuch
tragen und droht ihnen mit Steinigung.
Recherchiert im Internet, wie man nach Syrien kommt und informiert
sich im Internet über den Bau einer Bombe, um mit einer solchen
‚viele Menschen für Allah zu töten‘.
Wird 10/14 festgenommen, kommt in U-Haft, wird mit Auflagen (u.a.
regelmäßiger Schulbesuch !) aus der U-Haft entlassen, taucht unter,
wird von der Polizei aufgegriffen, kommt erneut in U-Haft und wird zu
2,5 Jahren Haft verurteilt.
FALL 2
Diagnose
Kinderneuropsychiatrische Diagnose:
1. Achse: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen (F91.1 ICD-10)
2. Achse: Umschrieben Entwicklungsrückstände
Keine
3. Achse: Intelligenzniveau
Durchschnittliche Intelligenz
4. Achse: Krankheiten aus anderen Kapiteln der ICD-10
Keine
5. Achse: Assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände
Unzureichende elterliche Aufsicht und Streuung
Abweichende Elternsituation
Lebensbedingungen mit möglicher psychosozialer Gefährdung
Migration
Allgemeine Unruhe in der Schule
6. Achse: Globale Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus
4 - Ernsthafte soziale Beeinträchtigung
•
FALL 2
Motive
‚Das ist der richtige Glaube‘.
‚Ich will für Allah kämpfen‘.
‚Ich liebe den Krieg und die
Krieger‘.
‚Für Allah wäre ich gerne
gestorben‘
Gutachterliche Beurteilung
Migration, soziale Entwurzelung,
fehlende Vaterfigur, fehlende haltund strukturgebende familiäre
Strukturen,
Minderwertigkeitsgefühle.
Erlebt sich weder in der Familie noch
in der Schule in seiner Not und
seinen Bedürfnis nach Anerkennung
wahrgenommen und sucht in der
radikalen Gruppe Ideale,
Selbstbestätigung und Anerkennung.
§11, § 21(2), § 4 (2) JGG werden verneint
FALL 3
Eckdaten
1998
2002
Ab 2004
2005-2008
2006
2008
2011
2014
Geboren in Wien als Kind Österreichischer Eltern
Scheidung der Eltern, Verbleib im mütterlichen Haushalt
Wiederholte Unterbringung in diversen Krisenzentren
Fremdunterbringung (Kinderheim) wegen
Erziehungsinsuffizienz der KM
Übertragung der Obsorge an das AJF
Rückführung zur KM
Erneute Unterbringung in einem Krisenzentrum mit
anschließender Unterbringung in einer betreuten WG
Einzug in eine eigene (betreute?) Wohnung
FALL 3
Familiäre Situation
Eine mütterliche Halbschwester * 1995 - schwer verhaltensauffällig
Ein leiblicher Bruder *1996 - Intelligenzminderung, schwer
verhaltensauffällig, mehrfach straffällig
Mutter - erziehungsinsuffizient, häufig wechselnde Männerbekanntschaften,
vernachlässigt die Kinder, ständige Übersiedlungen, sprunghaft und
unstet. Kann ihr Leben trotz intensiver Unterstützungen nicht in
geordnete Bahnen bringen. Konvertiert (während einer Beziehung zu
einem Ägypter) zum Islam.
Vater - nimmt nach der elterlichen Scheidung 2002 keine erzieherischen
Aufgaben wahr, jahrelang kein Kontakt zu den Kindern, dann
Telefonate, keine gefestigte Beziehung zu seinen Kindern. Lebt in
einer neuen Partnerschaft.
FALL 3
Psychische Entwicklung
Ab der Fremdunterbringung 2005 verhaltensauffällig:
Außenseiter in der Gruppe, sucht Streit, provoziert. Spielt gerne
Ego- und Shooter-Spiele.
Leidet unter der Trennung von seiner Mutter.
Beginnt nach Absolvierung der Schulpflicht eine Lehre, fällt
durch ‚komisches‘ Verhalten auf, wird nach einem Jahr (8/14)
wegen häufigem Nichterscheinen am AP gekündigt.
War nie in psychiatrischer oder psychotherapeutischer
Behandlung.
Kein Alkohol, gelegentlicher Cannabiskonsum.
FALL 3
Radikalisierung
War im Alter von 11 Jahren erstmals in einer Moschee, als seine
Mutter dort einen Moslem geheiratet hat.
Konvertiert 5/14 zum Islam - ‚im Volksgarten mit Freunden‘.
Besucht eine radikale Moschee, lernt dort eine afghanische
Familie und Deutsche Jugendliche kennen, die ihn davon
überzeugen, dass man als Moslem kämpfen muss.
Reist 8/2014 über die Türkei nach Syrien und schließt sich der IS
an, verwüstet davor seine Wohnung, in der eine Waffe, und
umfangreiches IS-Propagandamaterial gefunden wurden.
Wird in Syrien bei einem Bombenangriff schwer verletzt, kehrt
3/15 nach Österreich zurück und wird in U-Haft genommen und
schließlich zu einer Haftstrafe verurteilt.
FALL 3
Diagnose
Jugendneuropsychiatrische Diagnose:
1. Achse: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen (F92 ICD-10)
V.a. posttraumatische Belastungsstörung
2. Achse: Umschrieben Entwicklungsrückstände
Keine
3. Achse: Intelligenzniveau
Normvariante
4. Achse: Krankheiten aus anderen Kapiteln der ICD-10
Keine
5. Achse: Assoziierte aktuelle abnorme psychosoziale Umstände
Mangel an Wärme in der Eltern-Kind-Beziehung
Unzureichende elterliche Aufsicht und Steuerung
Erziehung in einer Institution
Abweichende Elternsituation
Lebensbedingungen mit möglicher psychosozialer Gefährdung
6. Achse: Globale Beurteilung des psychosozialen Funktionsniveaus
4 - Ernsthafte soziale Beeinträchtigung
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FALL 3
Motive
‚Der Islam hat mir
Orientierungspunkte und Ziel
gegeben.‘
‚Ich komme ohnehin ins
Paradies, wenn ich sterbe‘.
‚Es war der Nervenkitzel‘.
‚Syrien ist ja nichts
Alltägliches‘.
‚Die Glaubensbrüder haben
gesagt, in Syrien kann man
leben ohne zu arbeiten,
bekommt eine Wohnung und
eine Frau‘.
Gutachterliche Beurteilung
Desolate und pathogen wirkende
Sozialisationsbedingungen, fehlende
haltgebende familiäre Strukturen,
fehlende Geborgenheit, fehlende
Wertschätzung.
Die emotionalen Defizite, der
verminderte Selbstwert und die
daraus resultierende Ohnmacht
werden durch Gewalt kompensiert.
Hohe Verführbarkeit durch
Menschen, die vermeintlich
Anerkennung, Liebe und
Geborgenheit geben.
§11, § 21(2), § 4 (2) JGG werden verneint
Die Pubertät
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Biopsychosoziale Veränderung
Umbruch, Selbstfindung, Neuorientierung
Abgrenzung von den Eltern
Suche nach Konflikten
Ablehnung von, aber auch Suche nach
Autoritäten
Suche nach Identität, Suche nach Identifikation
Sinnsuche
Abenteuerlust
Selbstzweifel, Verletzlichkeit, Irritierbarkeit
Das Angebot des Radikalismus
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Einfache Wahrheiten
Gemeinschaftsgefühl
Klare Identitäten
Markante Feindbilder
Machtvolle Rhetorik
Nervenkitzel, Abenteuer
Sinngebung
Gemeinsamkeiten
Keine forensisch relevante psychische Erkrankungen
Bedeutung der Achse-5 der multiaxialen Diagnostik
Frühe Bindungsstörung
Fehlende Vaterfigur
Soziale Isolation und Ausgrenzung
Heimatlosigkeit
Kein muslimisch orientiertes Leben vor der
Radikalisierung
• Keine spezifische Kenntnis des Koran
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Fazit
• Radikalisierung ist keine psychische Erkrankung
• Den klar definierten Typus des jugendlichen Attentäters gibt
es nicht
• Die individuelle Biologie und die gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen sind entscheidend
• Der Prozess der Radikalisierung ist nicht geradlinig, sondern
durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren gekennzeichnet
• Bestimmte Risikofaktoren erzwingen nicht Radikalisierung,
lassen sie jedoch wahrscheinlicher werden
Herzlichen Dank
für Ihre
Aufmerksamkeit
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