Fenster und Fassaden als „Solarkraftwerk“

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Publikation – ift Rosenheim
Dipl.-Phys. Michael Rossa
Fenster und Fassaden als „Solarkraftwerk“
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Dipl.-Phys. Michael Rossa
ift Rosenheim
Fenster und Fassaden als „Solarkraftwerk“
Solar Power contra Sonnenschutz und Behaglichkeit
1 Solare Gewinne überall
Der Begriff „erneuerbare Energien“ ist in aller Munde und zum Synonym für saubere
Energien geworden. Diese Bezeichnung ist physikalisch gesehen jedoch eigentlich nicht
richtig: Energie wird umgewandelt, aber sie kann nicht erneuert werden. Wir haben –
nüchtern betrachtet – auch gar kein Energieproblem, denn wir sind von Energie umgeben.
Das Problem dabei ist, sie liegt nicht immer in der gewünschten und technisch nutzbaren
Form vor oder das Energieangebot der Ressource schwankt zeitlich.
Gerade dieser Umstand gilt für die Nutzung der solaren Gewinne in Gebäuden. Während
der Wintermonate ist die solare Strahlung begrenzt und schwankt je nach Wetterlage. Im
Sommer, wenn das Solarangebot kaum benötigt wird, ist es jedoch im Überfluss
vorhanden. Leider in einer Form, die wir so technisch nicht direkt nutzen können. Dies
führt bei falscher Planung sogar dazu, dass wir im Sommer Energie zur Kühlung
aufwenden müssen, um die solaren Gewinne zu beseitigen und ein behagliches
Raumklima zu schaffen.
Die Nutzung solarer Gewinne für Gebäude muss daher gut überlegt und geplant werden.
Eine reine Ug- und g-Wert Betrachtung ist nicht ausreichend. Nur eine ganzheitliche
Betrachtung des Gebäudes unter Berücksichtigung der Nutzung, der solaren Gewinne,
des erforderlichen Sonnenschutzes, des Tageslichtangebotes und ggf. eines
Blendschutzes schafft ein für den Nutzer in jeder Hinsicht befriedigendes Umfeld.
2 U-Wert contra solare Gewinne
Der U-Wert ist die maßgebliche Größe für den Wärmeschutz eines Gebäudes. Wertvolle
Heizenergie muss eingespart werden. Ein aus Sicht des Wärmeschutzes ideal
ausgeführtes „Gebäude“ ist eine Thermoskanne: ideale Isolation, aber auch kein
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Tageslicht, kein Sichtkontakt nach außen und keine Nutzung solarer Gewinne. Eine aber
nicht wünschenswerte Zukunft.
Glas, Fenster und Fassaden haben zugegebenermaßen einen geringeren U-Wert als
z. B. eine massiv gedämmte Wand. Sie kompensieren dieses Manko jedoch durch
hervorragende Eigenschaften, die eine Wand nicht besitzt. Sie lassen Tageslicht in den
Raum, sie stellen dem Nutzer den Kontakt zur Außenwelt her, und durch die Verglasung
gelangt Solarstrahlung in das Gebäude, die das Gebäude beheizt. Kostenlose Energie
durch das Fenster. Die solare Energie wird oft unterschätzt. Welchen Anteil sie im
Vergleich zu den Wärmeverlusten hat, zeigt Bild 1.
Bild 1 Wärmegewinne decken einen Großteil der Heizkosten
Als erste Aufgabe bei der Planung gilt es daher, den g- und den U-Wert der Verglasung
zu optimieren. Eine einseitige Ug-Wert-Optimierung ohne Berücksichtigung der solaren
Gewinne kann sogar zu einem Mehrverbrauch führen, wie das Berechnungsbeispiel in
Bild 2 zeigt.
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Bild 2 Optimierungsstrategie Ug und g
Die einfache Betrachtungsweise in Form des äquivalenten U-Wertes Ueq
Ueq = Ug – S x g
g = Gesamtenergiedurchlassgrad
S = Strahlungsgewinnkoeffizient
Ug = U-Wert der Verglasung
verdeutlicht dies, ist aber als Planungsinstrument ungeeignet. Letztendlich ist eine
gesicherte Aussage erst unter Berücksichtigung aller Einflussgrößen wie etwa des
erforderlichen Sonnenschutzes und des geplanten Fensterflächenanteils usw. möglich.
Eine komplexe Aufgabe, die durch einen Planer geleistet werden muss.
3 Solare Gewinne contra Sonneschutz
Im Sommer ist das Strahlungsangebot der Sonne besonders groß. Die
Außentemperaturen sind im Regelfall jedoch so hoch, dass eine Beheizung des
Gebäudes nicht notwendig ist. Die Folge: unbehaglich hohe Innenraumtemperaturen.
Bereits im Frühling und Herbst können nicht mehr alle solaren Gewinne genutzt werden.
Das Zuviel ist eine Aufgabe für einen gut funktionierenden Sonnenschutz. Der
Sonnenschutz soll also den g-Wert der Verglasung reduzieren. Hierzu existieren mehrere
Möglichkeiten:
Sonnenschutzgläser sind statische Systeme mit niedrigem, konstantem g-Wert. Sie
reduzieren die solaren Gewinne auch dann, wenn sie benötigt werden. Außenliegende,
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nach Möglichkeit variable Sonnenschutzsysteme sind am effektivsten, da sie die
Solarstrahlung reduzieren, noch bevor sie ins Gebäude gelangt. Sie haben aber den
Nachteil der Witterung ausgesetzt zu sein und müssen ggf. durch Windwächter bei Sturm
vor Zerstörung geschützt werden. Es gibt jedoch auch Systeme, die hohen
Windgeschwindigkeiten widerstehen. Ein weiteres Thema ist ggf. die Wartung und
Reinigung. Diese Nachteile vermeiden Systeme, die im Scheibenzwischenraum des
Isolierglases eingebaut sind. Diese sind vor Beschädigung und Verschmutzung geschützt,
müssen aber eine hohe Dauerhaftigkeit aufweisen, da der Sonnenschutz für Wartung und
Reparatur nicht mehr zugänglich ist. Ein im Raum angebrachter Sonnenschutz ist am
wenigsten effektiv, insbesondere dann, wenn er als Notbehelf nachträglich geplant wurde,
da sich die Strahlung bereits im Raum befindet. Hier besitzen nur nach außen
reflektierende Systeme eine befriedigende Leistung. Neben den hier angesprochenen
klassischen Systemen gibt es noch eine Reihe innovativer Entwicklungen im
Sonnenschutzbereich wie z. B. elektrochrome Verglasungen und speziell gefertigte
Lamellensysteme, die auch zur Tageslichtlenkung dienen.
DIN 4108 und DIN V 18599 enthalten Planungsvorgaben für ein „behagliches Raumklima“
und die Nutzung solarer Gewinne. Die gestellten Anforderungen an den Sonnenschutz
sind jedoch Mindestanforderungen, die nicht immer ein behagliches Innenklima
sicherstellen.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass auch passive System nur unterstützen könne.
In Hitzephasen mit tropischen Außentemperaturen über einen langen Zeitraum kann auch
ein Sonnenschutz keine Innentemperaturen sicherstellen, die unter der Außentemperatur
liegen. Maßnahmen zu Nachtauskühlung durch ein Lüftungskonzept können unterstützen.
4 Zusammenfassung
Wärmeschutz, solare Gewinne und Sonnenschutz sind eine ganzheitliche
Planungsaufgabe, um den Energieverbrauch eines Gebäudes zu minimieren und ein
behagliches Raumklima für den Nutzer sicher zu stellen. Hierbei muss das Gebäude in
seinen Funktionen und Energieströmen als Ganzes betrachtet werden. Einseitige
Teiloptimierungen, z. B. beim Wärmeschutz, führen oft in eine Sackgasse und für den
Nutzer zu unbefriedigenden Lösungen. Fenster und Fassaden brauchen in jedem Fall
einen Sonnenschutz, der – sofern sinnvoll und erforderlich – variabel sein sollte. Nur so
wird aus dem Solarkraftwerk Fenster und Fassade ein Kraftwerk, hinter dem
Wohnkomfort und niedriger Energieverbrauch herrscht.
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Wissenswertes in Kürze
Worauf ist bei der Nutzung solarer Gewinne zu achten?
1
Es zählt die Energiebilanz. Daher den Ug-Wert und den gWert der Verglasung sowie Ausrichtung und
Fensterflächenanteil in der Planung optimieren.
2
Bei Fenstern immer einen zusätzlichen Sonnenschutz
berücksichtigen. Fenster ohne Sonnenschutz erfüllen in der
Regel nicht die Anforderung der EnEV und sorgen für
unbehaglich hohe Raumtemperaturen.
3
Ein variabler Sonnenschutz garantiert hohe solare Gewinne,
behagliche Innentemperaturen und eine ausreichende
Tageslichtversorgung.
4
Bei Arbeitsplätzen auf einen Blendschutz achten. Eine
Kombination aus Sonneschutz und Blendschutz ist ideal.
5
Großzügige Verglasungen benötigen immer einen gut
funktionierenden Sonnenschutz
6
Klimatische Randbedingungen berücksichtigen! In Helsinki
benötigt der Planer andere Lösungsstrategien als in Frankfurt
oder Rom.
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