Musikstadt Hamburg Salons im Fanny-Hensel-Saal

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Musikstadt Hamburg
Salons im Fanny-Hensel-Saal
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April – Juli 2012
Musikstadt Hamburg
Salons im Fanny-Hensel-Saal
April – Juli 2012
Eine Veranstaltungsreihe der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
unter Leitung von Prof. Dr. Beatrix Borchard
in Kooperation mit Dr. Bettina Knauer und Prof. Marc Aisenbrey –
gefördert durch die ZEIT -Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und
die Gerhard Trede-Stiftung.
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Inhalt
Vorwort
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Salon I
Zwischenräume: Musik im Budge-Palais
8
Salon II
Von Schwänen und Hanseaten: Bürgerschaftsengagement in Hamburg
30
Salon III
Stars und Sterne: Hamburg als Auftrittsort
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Salon IV
Zwischen Alster und Elbe (und Bille)
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Tipps zum Lesen und Hören
Impressum
Bild- und Textnachweise
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Hamburg als neuentdeckte Stadt der Musik wird allerorten beschworen, aber was
könnte „Musikstadt Hamburg“ jenseits von Hochglanzbroschüren bedeuten? …
im Zusammenhang mit den diesjährigen Salons eine Öffnung von alten und neuen
­Räumen für Musik, das Aufzeigen von Orten kulturellen Handelns, die bei der Konzentration auf sog. „Leuchttürme“ und Stars mitunter in den Hintergrund geraten, die
aber die Basis ­einer lebendigen Musikkultur bis heute bilden.
Für das selbstbewusste Hamburger Bürgertum, das sich eine Oper am Gänsemarkt
baute, das in Privaträumen – wie im Fall des Senators und Dichters Barthold Hinrich
Brockes eine Passion aufführte, das – wie Friedrich von Hagedorn, Johann Valentin
Görner, Georg Philipp Telemann – das begleitete Sololied als Medium freundschaftlicher Geselligkeit entdeckte, das mit Louise Reichardt eine Musikvermittlerin, Kom­
ponistin und Veranstalterin in seinen Mauern besaß, die den Musikunterricht für
­höhere Töchter mit dem „Management“ geist­licher Musikfeste vor 5000 Besuchern zu
verbinden wusste, war vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert die Durchlässigkeit
zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Räumen konstitutiv. Und diese
Durchlässigkeit war für die Etablierung einer lebendigen ­Musikkultur entscheidend.
Bis zum Kulturbruch durch die NS-Zeit waren jüdische und nichtjüdische Häuser Orte
der kulturellen Selbstvergewisserung, oft auch des Experiments. So traten im Palais
von Emma und Henry Budge nicht nur die berühmten Sänger ihrer Zeit wie Enrico
­Caruso und Ottilie Metzger-Lattermann auf, sondern auch ein Komponist wie der umstrittene Paul Hindemith wurde eingeladen mit seinem Quartett. Musik, so praktiziert
und kommuniziert, ist Teil eines geselligen und gesellschaftlichen Beziehungsgefüges,
bei dem sich die Wege der Ausführenden verschiedentlich kreuzen und zwischen privatem Aufführungsort und öffentlichem ­Auftrittsort vielfältige Berührungen entstehen.
Durchlässigkeit, Korrespondenzen, gegenseitige Impulse, das gilt für die Beziehung
zwischen den einzelnen Salons unserer Reihe untereinander und es gilt grundsätzlich
für die Perspektiven, die vom quasi halböffentlichen Raum eines ehemaligen Privathauses über historische und aktuelle Institutionen sich auf Alster und Elbe erweitern.
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Salon I
Donnerstag, 26. April 2012
Zwischenräume:
Musik im Budge-Palais
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Fanny-Hensel-Saal
Fanny-Hensel-Denkmal und Fanny-Hensel-Platz in Hamburg, Fanny-Hensel-Weg in
Berlin, Fanny-Hensel-Grundschulen, Fanny-Hensel-Briefmarke – nun der Fanny-­
Hensel-Saal in der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Man mag solche
Taufaktionen für oberflächlich erachten, aber sie dienen dazu, einen Namen in das
­öffentliche Bewusstsein zu bringen. Aber wer war Fanny Hensel, warum wurde gerade
ihr in unserer Hochschule ein Saal gewidmet?
Zum einen weil sie Hamburgerin war, aber da war sie nicht die einzige. Dann war
sie die „große“ Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Fanny-Hensel-Saal
bildet also künftig das Pendant zum Mendelssohnsaal. Die Geschwister stammten aus
einer jüdischen Familie. Da unsere Hochschule in einem Stadtpalais untergebracht ist,
das bis zur NS-Zeit einer jüdischen Kaufmannsfamilie gehörte, die sehr viel für das
Kulturleben in Hamburg getan hat, soll der Name des Raums auch an die Geschichte
unseres Hauses erinnern. Viele Musiker der damaligen Zeit sind hier im Budge-Palais
aufgetreten, darunter internationale Stars wie der Tenor Enrico Caruso oder die später
in Auschwitz ermordete Altistin Ottilie Metzger-Lattermann.
Das Ehepaar Budge bot in seinem Haus allen ein Forum, selbst einem so umstrittenen zeitgenössischen Komponisten wie Paul Hindemith. Damit stand es in einer
großen Tradition, die mit einer Familie wie den Mendelssohns an der Wende vom
18. zum 19. Jahrhundert begann.
Denn besonders, aber nicht nur jüdische Familien haben in allen europäischen
Großstädten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Räume für Musik jenseits des
öffentli­chen Musiklebens geschaffen. Ihre Häuser waren Orte bürgerlicher Geselligkeit.
Wir würden heute von Salon sprechen und meinen damit einen Aufführungsort in den
eigenen vier Wänden vor geladenen Gästen, einen quasi ‚öffentlichen‘ Raum im Gegensatz zum nur der Familie vorbehaltenen Wohnzimmer bzw. den Privaträumen der
einzelnen Familienmitglieder und eine besondere Kommunikationsform: verschiedene Themen debattieren, gemeinsam musizieren, improvisieren, musikalische und
literarische Gesellschaftsspiele, Tee und Butterbrote. Ein weiteres wichtiges Defini­
tionsmerkmal für „Salon“ im deutschen Kulturraum: eine Frau bildete das Zentrum
der Geselligkeit, und der „Macht des Gespräches“ (Emilie Bilkski) wuchs an der Wende
vom 18. zum 19. Jahrhundert eine große politische Brisanz zu, und zwar sowohl im
Hinblick auf die zumindest zeitweise Überwindung von Standesunterschieden als
auch auf geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen. Die Veranstaltung von Salons
kann man historisch als ein vor allem von Frauen getragenes kommunikatives Experiment verstehen. Die Einrichtung eines Fanny-Hensel-Saals knüpft an diese Zwischenund Experimentierräume an, die Musik als Beziehungskunst und den Dialog von
­Wissenschaft und Kunst, Musik und Literatur erlebbar machen.
Der entscheidende Aspekt für die Namensgebung ist jedoch: Fanny Hensel war
eine der wichtigsten Musikerinnen des 19. Jahrhunderts. Mit ihrer Biographie, ihrem
Wirken als Konzertveranstalterin in den eigenen vier Wänden und vor allem mit ihren
Kompositionen sind bis heute aktuelle Fragen verbunden. Denn wer sich heute mit
den Werken von Fanny Hensel beschäftigt, ist sofort mit Grundsatzfragen konfrontiert.
Es beginnt schon mit dem Namen. Wie sie nennen: Fanny Zippora Mendelssohn?
­Fanny Cäcilie Mendelssohn Bartholdy? Fanny Hensel? Fanny Hensel-Mendelssohn?
Fanny Hensel-Mendelssohn-Bartholdy? Oder auch nur Fanny? Für die ersten drei
­Versionen gibt es Argumente, der erste ist ihr Geburtsname, der zweite ihr Taufname,
zu dem auch noch ein neuer Vorname, nämlich der Name der Schutzpatronin der
­Musik, hinzukam. Den dritten schließlich führte sie ab ihrer Eheschließung, unter ihm
publizierte sie auch. Keine Argumente gibt es für den Doppelnamen. Gleich in welcher
Gestalt, ist er eine Konstruktion aus der Sicht von heute und verknüpft im Verkaufs­
interesse von Schallplattenfirmen und Buchverlagen den unbekannten Komponistennamen Hensel mit einem berühmten, dem Namen des Bruders, Felix Mendelssohn
Bartholdy. Die Anrede Fanny schließlich ist Ausdruck unangemessener Familiarität,
die leider im Umgang mit den Namen von Frauen weit verbreitet ist. Also haben wir
uns bei der Namensgebung für die ehemalige Alte Bibliothek auf den Namen Fanny
Hensel geeinigt.
Während die Namensfrage qua Vereinbarung relativ leicht zu lösen ist, stellt sich die
Werkfrage sehr viel komplexer dar. Denn was ist das Werk von Fanny Hensel? Alles, was
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sie jemals komponiert hat? Nur die wenigen Werke, die sie selber noch veröffentlichen
konnte, also op. 1–7, einschließlich der Stücke, die sie bzw. ihr Bruder nach ihrem
überraschenden Tode 1847 noch zum Druck vorbereitet hat, also einschließlich der
Opusnummern 8–11?
Der größte Teil dessen, was Fanny Hensel komponiert hat, ist uns nur in mit vielen
Korrekturen übersäten Entwurfsfassungen überliefert, und selbst zu umfangreichen
Stücken wie ihren drei Kantaten, die sie nachweislich zur Aufführung gebracht hat,
fehlen Reinfassungen. Einer Handvoll autorisierter Opera in den Gattungen klavier­
begleitetes Sololied, Klavierlied, Chorlied, Klaviertrio stehen ca. 450 weitere Stücke
auch anderer Gattungen gegenüber, von denen wir nicht wissen, ob Fanny Hensel
mit ihrer Veröffentlichung einverstanden gewesen wäre, und wenn ja, in welcher
­Werkgestalt.
Die Frage nach Fanny Hensels Werk löst eine Fülle von Überlegungen aus, die
den Rahmen üblicher Editionsproblematik sprengen. Denn jede posthume Veröffent­
lichung ist mit der Konstruktion einer Werkgestalt verbunden, die durch die Kompo­
nistin selber nicht autorisiert ist. Das zwingt uns z. B., über unseren Werkbegriff, über
Autorschaft, die Bedeutung von Entstehungs- und Aufführungsbedingungen für ihre
Werke, der Adressierung ihrer Musik etc. neu nachzudenken.
Beatrix Borchard
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Zu Gast im Budge-Palais
Henry Budge (1840–1928)
Emma Ranette Budge, geborene Lazarus (1852–1937)
Der klassizistische Villenbau des Architekten Martin Haller am Harvestehuder Weg 12
wurde 1884 als Wohnhaus errichtet und später mehrfach umgebaut. Ab 1903 war er
der Wohnsitz von Henry und Emma Budge. In den Jahren 1909/1910 ließ Henry Budge
als Geburtstagsgeschenk für seine vielseitig kunstinteressierte Frau auf der Rückseite
einen im Stil des Historismus gehaltenen Saal anbauen, der, als Spiegelsaal eingerichtet, privaten Theater- und Musikaufführungen diente. Der Gesamtumbau zum BudgePalais dauerte bis 1913.
„Viele Hamburger nannten [das Palais] aber die ‚Badeanstalt‘, weil es so viele Bade­
zimmer hatte (20, so viel ich mich erinnere). Das kam daher, dass Budges von Amerika
kamen, wo Badezimmer unbedingte Notwendigkeiten der Leute guten Tones geworden sind […]“ – erinnert sich Peter Kahn, der Großneffe Henry Budges, der in seiner
Kindheit im Budge-Palais lebte.
Fanny Hensel, Portrait 1847. Stahlstich von Eduard Mandel
nach einer Zeichnung von Wilhelm Hensel
Da sich das Leben der Budges – auch das gesellschaftliche – vorwiegend im privaten
Rahmen abspielte, ist es heute schwierig, etwas Konkretes darüber zu sagen. Sicherlich
ist der prächtige Spiegelsaal des Öfteren Zeuge von Festen, Empfängen, Privatkonzer­
ten und Theateraufführungen, Lesungen etc. gewesen. Paul Hindemith trat mit seinem
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Quartett auf. Der große Enrico Caruso
hat im Budge-Palais gesungen. Am
9. März 1913 sang die Altistin Ottilie
Metzger-Lattermann dort Franz Schuberts Der Tod und das Mädchen. Sie war
von 1903 bis 1915 erste Altistin in Hamburg und trat bei Gastspielen von Enrico
Caruso in den weiblichen Titelrollen auf.
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Ottilie Metzger-Lattermann
Der Spiegelsaal im Budge-Palais –
heute: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Das Palais, das ganze Anwesen, muss
­ amals ein beeindruckendes Erscheid
nungsbild geboten haben. Die von Emma Budge liebevoll gepflegten Gärten (ca.
16.000 m²) reichten bis an das Alsterufer (auch ein Bootsstieg war dabei) und das Innere des Hauses barg eine schier unüberschaubare Fülle von Schätzen. Über die Jahre
hinweg hatte Emma Budge unter fachlicher Anleitung des damaligen Direktors des
Museums für Kunst und Gewerbe, Justus Brinkmann, systematisch eine Sammlung
von wertvollen Kunstgegenständen aufgebaut. Hierzu gehörten neben Silber, Porzellan, Fayence und Kleinplastiken auch Möbel und Tapisserien – 1020 Teile zählte man
1937 bei der Versteigerung des Nachlasses.
Paul Hindemith (rechts) 1933 beim Musizieren (mit Viola) – hier in Wien.
v. l. n. r.: Bronisław Huberman (Violine), Pablo Casals (Cello), Artur Schnabel (Klavier)
Ottilie Metzger-Lattermann zählte Anfang des 20. Jahrhunderts zu den herausragenden Altistinnen Deutschlands und
war insbesondere als Wagner-Interpretin
sehr gefragt. Von 1901 bis 1912 wirkte sie
bei den Bayreuther Festspielen u. a. als
Erda, Waltraute und 2. und 3. Norn mit.
In ihrem Stammhaus, dem Hamburger
Stadttheater, wurde sie 1910 neben
­Enrico Caruso als Carmen gefeiert. Sie
wirkte bei zahlreichen Ur- und Erstaufführungen mit, so in Hamburg 1905 bei
Siegfried Wagners Bruder Lustig, 1908
bei Leo Blechs Versiegelt und 1909 bei
Eugène d’Alberts Izëyl. Unter Gustav
Mahlers Leitung übernahm sie bei der
Uraufführung der 8. Symphonie (München, 12. 9. 1910) die 1. Altpartie des
1. Teils sowie die Partie der „Mulier
Sama­ritana“ des 2. Teils. Bereits ab 1902
wurde sie wiederholt ans Covent Garden
Opera House eingeladen, wo sie u. a. bei
Ottilie Metzger-Lattermann als Carmen
den englischen Erstaufführungen von
(Atelier Fr. Groth)
Richard Strauss’ Salome und Elektra mitwirkte. Neben Tourneen durch die USA,
wo sie hauptsächlich Wagner-Rollen sang, aber auch die amerikanischen Erstauf­
führungen von Wilhelm Kienzls Der Evangelienmann und Eugène d’Alberts Die toten
Augen mitgestaltete, brillierte sie schließlich während ihres letzten festen Engagements
an der Dresdner Hofoper vor allem in Wagner-, Verdi- und Strauss-Rollen. Neben ihrer
Bühnentätigkeit pflegte sie ein breit gefächertes Lied-Repertoire mit berühmten Begleitern wie Richard Strauss, Hans Pfitzner, Otto Klemperer und Karl Pembaur. Nach
ihrem Bühnenabschied 1925 war sie ab 1927 als Gesangspädagogin in Berlin tätig, ab
1933 waren ihr als Jüdin nur noch Auftritte beim Jüdischen Kulturbund möglich. 1939
ging sie nach Belgien ins Exil, wo sie 1942 verhaftet und nach Auschwitz deportiert
wurde.
Gudrun Föttinger
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Rollenverzeichnis Ottilie Metzger-Lattermann
Rolle
Stück
Komponist
Adriano
Rienzi
Richard Wagner
Altpartie
Das Lied von der
Erde
Gustav Mahler
Altsolo
Parsifal
Richard Wagner
Amme
Die Frau ohne
Schatten
Richard Strauss
Amneris
Aida
Giuseppe Verdi
Azucena
Der Troubadour
Giuseppe Verdi
Brangäne
Tristan und Isolde
Richard Wagner
Carmen
Carmen
George Bizet
Czipra
Der Zigeunerbaron
Dalila
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Klytämnestra
Rollendebüt
Elektra
Richard Strauss
Lucia
Cavalleria rusticana
Pietro Mascagni
Maddalena
Rigoletto
Giuseppe Verdi
Magdalena
Der Evangelienmann
Wilhelm Kienzl
1924
(US-amerikanische
Erstaufführung)
Maria von Magdala
Die toten Augen
Eugène d’Albert
Mary
Der fliegende
­Holländer
Richard Wagner
Magdalene
Die Meistersinger
von Nürnberg
Richard Wagner
Orfeo
Orpheus und
­ uridike
E
Christoph Willibald
Gluck
Johann Strauss
Ortrud
Lohengrin
Richard Wagner
Samson und Dalila
Camille Saint-Saëns
Page
Lohengrin
Richard Wagner
1898
Dritte Norn
(eigentlich Sopranpartie)
Götterdämmerung
Richard Wagner
Vermtl. 1902
Erda
Rheingold
Siegfried
Richard Wagner
Erste Altpartie im
1. Teil, sowie Mulier
Samaritana im 2. Teil
8. Symphonie
Gustav Mahler
Erste Norn
Götterdämmerung
Richard Wagner
Fidès
Der Prophet
Giacomo Meyerbeer
Flosshilde
Rheingold
Götterdämmerung
Richard Wagner
Vermtl. 1901
Fricka
Rheingold
Richard Wagner
Vermtl. 1898
Hänsel und Gretel
Engelbert Humperdinck
Gräfin
Der Wildschütz
Albert Lortzing
Grimgerde
Die Walküre
Richard Wagner
Vermtl. 1901
Herodias
Salome
Richard Strauss
1910 (Londoner
Erstaufführung)
1898
12. 9. 1910
(UA, München)
Schwertleite
Walküre
Richard Wagner
Ulrica
Maskenball
Giuseppe Verdi
Urme
Bruder Lustig
Siegfried Wagner
Waltraute
Götterdämmerung
Richard Wagner
Zweite Norn
Götterdämmerung
Richard Wagner
13. 10. 1905
(UA, Hamburg)
Partien in Opern ohne genaue Rollenangabe
Gertrud
Vermtl. Frau Gertrud
(Mezzosopran) oder
Frau Willmers (Alt)
Versiegelt
Leo Blech
1908 (UA)
Izëyl
Eugène d’Albert
1909 (UA)
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Steine des Anstoßes als späte Geste
Auf den Gehsteigen der Hamburger Straßen bieten sie inzwischen einen vertrauten
Anblick, die kleinen quadratischen Messingplatten mit eingravierten Namen und
­Daten: „Stolpersteine“ – über 4000 sind seit 2002 allein in Hamburg verlegt worden,
um die Erinnerung an ehemalige Hamburger Mitbürgerinnen und Mitbürger wach zu
halten, die Opfer der NS-Verfolgung wurden. Die Idee, kleine Gedenksteine für einzelne namentlich bekannte Opfer des nationalsozialistischen Regimes an ihrer letzten
Wohn- oder Wirkungsstätte zu setzen, geht zurück auf die Initiative des Künstlers
­Gunter Demnig, der die „Stolpersteine“ selbst fertigt und verlegt. Bereits an über
30.000 Menschen wird auf diese Weise in vielen Städten Deutschlands und europäi­
schen Nachbarländern erinnert.
Ottilie Metzger-Lattermann
(Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth)
In Ottilie Metzger-Lattermanns Fall ist bekannt, dass 1942 über hundert Hamburger
und Altonaer mit einer Petitionsliste zu erreichen versuchten, dass die von ihnen
verehrte Sängerin ihre Freiheit zurückerhielt; eine Aktion, die leider nicht nur vergeblich blieb, sondern den Petenten massive Drohungen eintrug. Einer der Petenten,
der Gewerbelehrer Jacob Gustav Holler, bekam vom Gauleiter Karl Kaufmann eine
scharfe Rüge. Im Jahr darauf wurde er aufgrund einer Denunziation verhaftet und
im KZ Neuengamme am 3. Dezember 1944 ermordet.
(Nachzulesen in: Berndt W. Wessling, Unser Friedhof – Stiller Weg Nr. 28,
­Kirchengemeinde Groß Flottbek, Hamburg 1997, S. 71–84; für den Hinweis
danken wir Joist Grolle).
Im Sommer 2007 auf zwei neue Stolpersteine vor dem Eingang der eigenen
Hochschule zu stoßen, dürfte jedoch
viele der hier Studierenden, Lehrenden
und Mitarbeitenden tatsächlich gedanklich zum Stolpern, zum Innehalten gebracht haben. Unmissverständlich geben sie zu verstehen, dass also auch das
Budge-Palais eines dieser vielen tausend
Hamburger Häuser ist, deren einstige
Bewohner zu Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Es war allgemein
kaum bekannt, dass auch bisher nicht benannte Verwandte des Hamburger Ehepaares
Budge in diesem Hause wohnten und persönlich die nationalsozialistische Verfolgung
erleiden mussten. Zwar informiert seit 1993 eine Wandtafel neben dem Haupteingang
der Hochschule für Musik und Theater über Daten zur Geschichte des Gebäudes, ihre
allzu knappen Zeilen geben jedoch vom tatsächlich geschehenen Unrecht nichts zu
erkennen: Von der unrecht­mäßigen Entziehung des immensen Budge-Nachlasses
durch die Nationalsozialisten und dem Pseudo-Wiedergutmachungsverfahren, das
nach dem Krieg bewusst an den rechtmäßigen Erben vorbei arrangiert wurde, von bis
heute fortdauernden Ungereimtheiten, geschweige denn von Todesopfern. Anlässlich
der offiziellen Rückbenennung des Altbaus als „Budge-Palais“ angebracht, wird sie der
Funktion als Gedenktafel auch nicht ansatzweise gerecht – immerhin gewährleistet
ihre Inschrift, dass der Name Budge in Hamburg im Gedächtnis bewahrt bleibt.
Die beiden „Stolpersteine“, die nun, wenige Schritte von der Wandtafel entfernt,
den Eintretenden in den Weg gelegt wurden, wirken als notwendige Ergänzung.
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­ llerdings dürften die eingravierten
A
­Namen einige Leser irritieren: Während
die Namen Emma und Henry Budge der
einstigen jüdischen Eigentümer des
Budge-Palais wohl allen, die heute in der
Hochschule zu tun haben, vertraut sein
werden, hat wohl kaum jemand von
Dr. Siegfried und Ella Budge, den letzten
rechtmäßi­gen Bewohnern des BudgePalais, gehört. Die Steine geben Anstoß,
nach dem Schicksal dieser Personen zu
fragen und sie so aus dem Dunkel des
Vergessenseins zu holen.
ihrer Lebensgeschichte. Lediglich einer
alten Meldekarte Siegfried und Ella
Budges, archiviert im Bestand des Ins­
titutes für Stadtgeschichte Frankfurt,
­lassen sich grobe Eckdaten entnehmen:
Als Ella Henriette Mayer wurde sie am
8. Mai 1875 in einer jüdischen Familie in
Frankfurt am Main geboren, ihre Eltern
waren Louis Mayer und Marie Mayer, geborene Strauß. Am 16. 8. 1897 heirateten
Ella und Siegfried Budge in Frankfurt.
Die Meldekarte vermerkt eine Tochter:
Nelly Budge, geboren am 30. 6. 1898 in
Frankfurt. Ella Budge und ihr Ehemann
waren nach Emma Budges Tod 1937 die
rechtmäßigen Bewohner des Budge-­
Palais, bevor es noch im gleichen Jahr
von den Nationalsozialisten in Beschlag
Ella Budge (1875–1943)
genommen und vom Gauleiter Karl
Kaufmann zur Reichsstatthalterei umfunktioniert wurde. Nach dem Tode
ihres Mannes wurde Ella Budge am 11. 4. 1942 von der Hamburger Gestapo verhaftet
und ins Konzentrationslager und Polizeigefängnis Fuhlsbüttel in Hamburg verschleppt,
wo sie – ohne ersichtlichen Grund – über drei Wochen festgehalten wurde. Es ist wahrscheinlich, dass ihr ein sogenanntes Devisenvergehen angehängt wurde, ein von der
Gestapo häufig konstruierter Vorwand zur Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung.
Dass Ella Budge 1942 ausgerechnet im KZ Fuhlsbüttel eingesperrt wurde, das von
demjenigen eingerichtet worden war, der nun die repräsentative Anlage ihres einstigen
Hauses für seine Machtausübung missbrauchte, zeigt den Zynismus der nationalsozialistischen Gewaltherrscher. Nur einige Wochen nach ihrer Entlassung aus der GestapoHaft erhielt sie den Deportationsbefehl. Am 19. 7. 1942 wurde Ella Budge zusammen
mit 700 anderen Hamburger Bürgern nach Theresienstadt deportiert. Den dort herrschenden unmenschlichen Bedingungen erlag sie am 6. November 1943.
Ihr Name ist einer von 8877 Namen, die im Gedenkbuch „Hamburger jüdische
­Opfer des Nationalsozialismus“ erfasst sind. Es dokumentiert die große Zahl der jüdi­
schen Bürgerinnen und Bürger Hamburgs, die während der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft verfolgt wurden und zu Tode kamen.
Siegfried Budge, am 18. 6. 1869 in Frankfurt am Main geboren, war ein Neffe
von Henry Budge, der Sohn von dessen
Bruder Max und seiner Frau Rosalie,
Dr. Siegfried Budge (1869–1941)
­geborene Samson aus Hamburg. Nach
dem Studium der Rechtswissenschaften
und der Heirat mit Ella Henriette Mayer
(1897) eröffnete Siegfried Budge eine Rechtsanwaltspraxis in Frankfurt. Er schloss ein
Studium der Nationalökonomie an, habilitierte sich 1921 an der Universität Frankfurt
bei Franz Oppenheimer und lehrte von 1925 bis 1933 als Professor für Nationalöko­
nomie an der Universität Frankfurt. Er wurde als Fachmann der Volkswirtschaft ins­
besondere auf dem Gebiet der Geldtheorie bekannt. Der philanthropischen Familientradition der Budges folgend, war er Vorstandsmitglied der „Max und Rosalie BudgeStiftung“ für sozial Bedürftige; auch betätigte er sich als Kunstsammler. Bereits im
März 1933 wurde ihm als Jude die Lehrbefugnis entzogen – ausgerechnet von der Universität, die sein Onkel Henry Budge als Gründungsmitglied mit großzügigen Spenden
bedacht hatte. Nach erfolglosen Bemühungen Siegfried Budges um eine Anstellung im
Ausland zogen er und seine Frau 1934 auf Einladung Emma Budges nach Hamburg in
ihr Palais an der Alster. Nach dem Tode Emma Budges am 14. 2. 1937 mussten sie die
Villa verlassen. Die folgenden vier Jahre in Hamburg sollten für sie eine demütigende
Suche nach Unterkunft bedeuten – viele Male mussten sie umziehen. Siegfried Budge
starb am 1. September 1941 infolge schwerer Krankheit.
Das Wissen über Ella Budge ist verschwindend gering. Es scheint, dass sie durch die
NS-Verbrechen nicht nur ihres Lebens beraubt wurde, sondern auch eines großen Teils
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Ein Brief von Ella Budge
Felix Mendelssohn Bartholdy
(1809–1847)
Fanny Hensel
(1805–1847)
Auf Flügeln des Gesanges
Wenn ich in deine Augen sehe
Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen trag’ ich dich fort,
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.
Wenn ich in deine Augen sehe,
so schwindet all mein Leid und Wehe;
Doch wenn ich küsse deinen Mund,
so werd ich ganz und gar gesund.
Dort liegt ein rothblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.
Wenn ich mich lehn an deine Brust,
kommt’s über mich wie Himmelslust;
Doch wenn du sprichst: „Ich liebe dich!“,
so muss ich weinen bitterlich.
Angesichts des heutigen geringen Wissens über Ella Budge kommt es einem Wunder
gleich, dass doch Worte dieser Frau bewahrt werden konnten, persönliche Worte als
Zeilen eines Briefes, den Ella Budge an ihre Enkel schrieb. Der Enkel Prof. Peter Kahn
(1921–1996) gibt beachtenswerte Gedanken dieses Briefes in seiner Denkschrift
­wieder:
„Bevor meine Großmutter aus Hamburg abtransportiert wurde, schrieb sie uns einen Brief, den ein Freund, wohl unter großer Gefahr, für uns (die Enkelkinder) bis nach
dem Krieg aufbewahrte und der uns dann nach großen Schwierigkeiten erreichte.
In diesem Brief schrieb unsere Großmutter“:
Nun will es das unerbittliche Schicksal, dass alle Juden aus Hamburg evakuiert werden, und zwar schon im Juli, so dass nunmehr keine Gewissheit für mich besteht, Euch –
wenn überhaupt – in absehbarer Zeit umarmen zu dürfen […]. Beim Verlassen Deutschlands habe ich unterschreiben müssen, dass ich dem Deutschen Reich mein Vermögen
freiwillig gebe […]. Ihr könnt diesen Gewaltakt als Amerikaner nach Kriegsende anfechten, sollte ich nicht mehr am Leben sein. (Peter Kahn 1986, S. 16)
Es sind Zeilen, geschrieben in auswegloser Lage, in der Ella Budge alles genommen
worden war, was ihre Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben hätte erhalten
­können. Sie hatte das Leid, unter nationalsozialistischer Gefängnisaufsicht Häftling zu
sein, im KZ Fuhlsbüttel schon erfahren müssen. Und dennoch sind diese Worte nicht
nur Ausdruck von Resignation und Verzweiflung, sondern lassen neben der Liebe zu
ihrer Familie auch den starken Gerechtigkeitssinn einer Persönlichkeit erahnen, die
auch in dieser extremen Situation ihre Würde bewahrte.
Die Veilchen kichern und kosen,
Und schau’n nach den Sternen empor;
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Mährchen in’s Ohr.
Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazell’n;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Well’n.
Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Ruhe trinken,
Und träumen seligen Traum.
Heinrich Heine (1797–1856)
Leise zieht durch mein Gemüt
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied.
Kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich laß sie grüßen.
Heinrich Heine (1797–1856)
Heinrich Heine (1797–1856)
Aus meinen Tränen sprießen
Aus meinen Tränen sprießen
viel blühende Blumen hervor,
Und meine Seufzer werden
ein ­Nachtigallenchor.
Und wenn du mich lieb hast, Kindchen,
schenk’ ich dir die Blumen all.
Und vor deinem Fenster soll klingen
das Lied der Nachtigall.
Heinrich Heine (1797–1856)
Im wunderschönen Monat Mai
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.
Heinrich Heine (1797–1856)
Morgenständchen
In den Wipfeln frische Lüfte,
fern melod’scher Quellen Fall,
durch die Einsamkeit der Klüfte
Waldeslaut und Vogelschall.
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Scheuer Träume Spielgenossen
steigen all beim Morgenschein
auf des Weinlaubs schwanken Sprossen
dir zum Fenster aus und ein.
Und wir nahn noch halb in Träumen,
und wir tun in Klängen kund,
was da draußen in den Bäumen
singt der weite Frühlingsgrund.
Regt der Tag erst laut die Schwingen,
sind wir alle wieder weit,
aber tief im Herzen klingen
lange nach noch Lust und Leid.
Joseph von Eichendorff (1788–1857)
Nachtwanderer
Er reitet nachts auf einem braunen Roß,
Er reitet vorüber an manchem Schloß:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag
erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!
Er reitet vorüber an einem Teich,
Da stehet ein schönes Mädchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind:
Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!
Er reitet vorüber an einem Fluß,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
Und stille wird’s über dem kühlen Haus.
Wann Tag und Nacht im verworrnen Streit,
Schon Hähne krähen im Dorfe weit,
Da schauert sein Roß und wühlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes
Grab.
Joseph von Eichendorff (1788–1857)
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Abendbild
Friedlicher Abend senkt sich aufs Gefilde,
sanft entschlummert Natur,
um ihre Züge schwebt der Dämmerung
zarte Verhüllung,
und sie lächelt, die holde,
Lächelt, ein schlummernd Kind,
in Vaters Armen,
der voll Liebe zu ihr sich neigt,
sein göttlich Auge weilt auf ihr,
und es weht sein Odem
über ihr Antlitz.
Nikolaus Lenau (1802–1850)
Warum sind denn die Rosen so blaß?
Warum sind denn die Rosen so blaß?
o sprich mein Lieb warum?
Warum sind denn im grünen Gras
die blauen Veilchen so stumm?
Warum singt denn mit so kläglichem Laut,
die Lerche in der Luft?
Warum steigt denn aus dem Balsamkraut
verwelkter Blütenduft?
Warum scheint denn die Sonn’ auf die Au,
so kalt und verdrießlich herab?
Warum ist denn die Erde so grau,
und öde wie ein Grab?
˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
Warum bin ich selbst so krank und trüb?
Mein liebes Liebchen sprich?
O sprich mein herzallerliebstes Lieb,
warum verließest du mich?
Heinrich Heine (1797–1856)
Wandrers Nachtlied
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest,
Ach ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)
Bergeslust
O Lust, vom Berg zu schauen
weit über Wald und Strom,
hoch über sich den blauen,
den tiefklaren Himmelsdom.
Vom Berge Vögelein fliegen
und Wolken so geschwind,
Gedanken überfliegen
die Vögel und den Wind.
Die Wolken ziehn hernieder,
das Vöglein senkt sich gleich,
Gedanken gehn und Lieder
Ihr Vöglein singt munter hernieder,
wir singen lustig hinaus,
wenn der Lenz kommt,
kehren wir wieder,
wieder in Nest und Haus,
von Süden! Jetzt aber hinaus!
Anonym
Richard Strauss
(1864–1949)
Mädchenblumen op.22
Gedichte von Felix Dahn (1834–1912),
für eine Singstimme mit Pianoforte­
begleitung
1. Kornblumen
Kornblumen nenn ich die Gestalten,
die milden mit den blauen Augen,
die, anspruchslos in stillem Walten,
den Tau des Friedens, den sie saugen
aus ihren eigenen klaren Seelen,
mitteilen allem, dem sie nahen,
bewußtlos der Gefühlsjuwelen,
die sie von Himmelshand empfahn.
Dir wird so wohl in ihrer Nähe,
als gingst du durch ein Saatgefilde,
durch das der Hauch des Abends wehe,
voll frommen Friedens und voll Milde.
Joseph von Eichendorff (1788–1857)
2. Mohnblumen
Nach Süden
Von allen Zweigen schwingen
sich wandernde Vögel empor,
weit durch die Lüfte klingen
hört man den Reisechor,
nach Süden, nach Süden
in den ewigen Blumenflor.
Mohnblumen sind die runden,
rotblutigen gesunden,
die sommersproßgebraunten,
die immer froh gelaunten,
kreuzbraven, kreuzfidelen,
tanznimmermüden Seelen;
die unter’m Lachen weinen
und nur geboren scheinen,
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die Kornblumen zu necken,
und dennoch oft verstecken
die weichsten, besten Herzen,
im Schlinggewächs von Scherzen;
die man, weiß Gott, mit Küssen
ersticken würde müssen,
wär’ man nicht immer bange,
umarmest du die Range,
sie springt ein voller Brander
aufflammend auseinander.
3. Epheu
Aber Epheu nenn’ ich jene Mädchen
mit den sanften Worten,
mit dem Haar, dem schlichten, hellen
um den leis’ gewölbten Brau’n,
mit den braunen seelenvollen Rehenaugen,
die in Tränen steh’n so oft,
in ihren Tränen gerade sind
unwiderstehlich;
ohne Kraft und Selbstgefühl,
schmucklos mit verborg’ner Blüte,
doch mit unerschöpflich tiefer
treuer inniger Empfindung
können sie mit eigner Triebkraft
nie sich heben aus den Wurzeln,
sind geboren, sich zu ranken
liebend um ein ander Leben:
an der ersten Lieb’umrankung
hängt ihr ganzes Lebensschicksal,
denn sie zählen zu den seltnen Blumen,
die nur einmal blühen.
4. Wasserrose
Kennst du die Blume, die märchenhafte,
sagengefeierte Wasserrose?
Sie wiegt auf ätherischem, schlankem
Schafte
das durchsicht’ge Haupt, das farbenlose,
sie blüht auf schilfigem Teich im Haine,
gehütet vom Schwan, der umkreiset sie
einsam,
sie erschließt sich nur dem Mondenscheine,
mit dem ihr der silberne Schimmer
gemeinsam:
so blüht sie, die zaub’rische Schwester
der Sterne,
umschwärmt von der träumerisch
dunklen Phaläne,
die am Rande des Teichs sich sehnet
von ferne,
und sie nimmer erreicht, wie sehr sie
sich sehne.
Wasserrose, so nenn’ ich die schlanke,
nachtlock’ge Maid, alabastern von Wangen,
in dem Auge der ahnende tiefe Gedanke,
als sei sie ein Geist und auf Erden gefangen.
Wenn sie spricht, ist’s wie silbernes
Wogenrauschen,
wenn sie schweigt, ist’s die ahnende Stille
der Mondnacht;
sie scheint mit den Sternen Blicke zu
tauschen,
deren Sprache die gleiche Natur sie
gewohnt macht;
du kannst nie ermüden, in’s Aug’ ihr zu
schau’n,
das die seidne, lange Wimper umsäumt hat,
und du glaubst, wie bezaubernd von
seligem Grau’n,
was je die Romantik von Elfen geträumt hat.
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Hugo Wolf
(1860–1903)
aus den Eichendorff-Vertonungen
Verschwiegene Liebe
Über Wipfel und Saaten
In den Glanz hinein Wer mag sie erraten,
Wer holte sie ein?
Gedanken sich wiegen,
Die Nacht ist verschwiegen,
Gedanken sind frei.
Errät’ es nur eine,
Wer an sie gedacht,
Beim Rauschen der Haine,
Wenn niemand mehr wacht,
Als die Wolken, die fliegen Mein Lieb ist verschwiegen
Und schön wie die Nacht.
Der Musikant
Wandern lieb ich für mein Leben,
Lebe eben wie ich kann,
Wollt ich mir auch Mühe geben,
Paßt es mir doch gar nicht an.
Schöne alte Lieder weiß ich,
In der Kälte, ohne Schuh
Draußen in die Saiten reiß ich,
Weiß nicht, wo ich abends ruh.
Manche Schöne macht wohl Augen,
Meinet, ich gefiel’ ihr sehr,
Wenn ich nur was wollte taugen,
So ein armer Lump nicht wär. –
Mag dir Gott ein’n Mann bescheren
Wohl mit Haus und Hof versehn!
Wenn wir zwei zusammen wären,
Möcht mein Singen mir vergehn.
Die Nacht
Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
Kommen so verworren her
In dem linden Wellenschlagen.
Wünsche wie die Wolken sind,
Schiffen durch die [stillen]1 Räume,
Wer erkennt im lauen Wind,
Ob's Gedanken oder Träume? -Schließ' ich nun auch Herz und Mund,
Die so gern den Sternen klagen,
Leise doch im Herzensgrund
Bleibt das linde Wellenschlagen.
Hans Pfitzner
(1869–1949)
aus den Eichendorff-Vertonungen
Der Gärtner
Wohin ich geh’ und schaue,
In Feld und Wald und Tal,
Vom Berg hinab in die Aue;
Viel schöne, hohe Fraue,
Grüß ich dich tausendmal.
In meinem Garten find’ ich
Viel’ Blumen schön und fein,
Viel’ Kränze wohl draus wind’ ich
Und tausend Gedanken bind’ ich
Und Grüße mit darein.
Ihr darf ich keinen reichen,
Sie ist zu hoch und schön,
Die müssen alle verbleichen,
Die Liebe nur ohnegleichen
Bleibt ewig im Herzen stehn.
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Ich schein’ wohl froher Dinge
Und schaffe auf und ab,
Und, ob das Herz zerspringe,
Ich grabe fort und singe,
Und grab mir bald mein Grab.
Der Kühne
Und wo noch kein Wandrer gegangen,
Hoch über Jäger und Roß
Die Felsen im Abendrot hangen
Als wie ein Wolkenschloß.
Dort zwischen den Zinnen und Spitzen
Von wilden Nelken umblüht,
Die schönen Waldfrauen sitzen
Und singen im Wind ihr Lied.
Der Jäger schaut nach dem Schlosse:
Die droben das ist mein Lieb! –
Er sprang vom scheuenden Rosse,
Weiß keiner, wo er blieb.
Abschied
Abendlich schon rauscht der Wald
Aus den tiefsten Gründen,
Droben wird der Herr nun bald
An die Sternlein zünden.
Wie so stille in den Schlünden,
Abendlich nur rauscht der Wald.
Alles geht zu seiner Ruh.
Wald und Welt versausen,
Schauernd hört der Wandrer zu,
Sehnt sich recht nach Hause.
Hier in Waldes stiller Klause,
Herz, geh endlich auch zur Ruh.
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˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
Salon II
Donnerstag, 24. Mai 2012
Von Schwänen und Hanseaten:
Bürgerschaftsengagement in Hamburg
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˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
Die Hamburger
Gänsemarktoper
Zwischen Gänsemarkt und Binnenalster eröffnete 1678 die Gänsemarkt­
oper, das „magnifique Operen-Hauß am
Gansemarckt“. Das Opernhaus war kein
Prunkbau, sondern ein unscheinbares
Hamburger Oper am Gänsemarkt.
Fachwerkhaus, in dem eine Bühne mit
Baubeginn 1677, Abriss 1757.
enormer Tiefe und ausgeklügelter BühZeichnung von Peter Heineken, 1726 (Staatsarchiv Hamburg)
nenmaschinerie rund 2000 Zuschauer
und Zuschauerinnen in biblische, antike
und mythologische Welten – aber auch in das damals aktuelle Hamburg versetzen
konnte. Die Gänsemarktoper wird vielfach als „Bürgeroper“ bezeichnet, aber hier muss
differenziert werden: zwar waren Eigner und Pächter bürgerlich, jedoch blieb der Einfluss des Adels prägend.
Zum Gründungskonsortium zählten: der Rechtsanwalt und spätere Ratsherr Gerhard
Schott, der Jurist Peter Lütkens, und der Organist der Hauptkirche St. Katharinen Jan
Adam Reinken – ideell und finanziell unterstützt wurde das Unternehmen durch Herzog Christian Albrecht von Holstein-Gottorf. Die Bühne wurde mit einem Opernstoff
über Adam und Eva eröffnet: Der erschaffene, gefallene und auffgerichtete Mensch
(Komposition: Johann Theile, Libretto: Christian Richter). Obwohl in den ersten Jahren
einige biblische Opernstoffe auf dem Spielplan standen, kämpfte der pietistisch aus­
gerichtete Teil der Geistlichkeit zunächst gegen die Gänsemarktoper als einen „Tempel
der Wollust.“
Die Oper war ein Wirtschafts- und Standortfaktor, wie auch der Hamburger Musiker,
Musiktheoretiker und Sekretär der englischen Gesandtschaft Johann Mattheson 1728
betonte: „Wissenschafften, Künste und Handwercker fahren wol dabey, und der Ort
macht sich so ausnehmend mit guten Opern, als mit guten Banken: denn diese nützen
und jene ergetzen. Die letzten dienen zur Sicherheit, die ersten zur Lehre.“ (Johann
Mattheson: Der Musicalische Patriot, Hamburg 1728, S. 176)
Trotz künstlerischer Hochleistungen war die Oper ein Verlustgeschäft und blieb angewiesen auf Zuschüsse aus Adels- und Diplomatenkreisen. Der Rat der Stadt unterstütz­
te die Oper nach dem Vorbild der Fürstenhöfe, auch wenn die Stadtkämmerer immer
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˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
wieder auf die Sparbremsen traten. Die Operndirektionen wechselten, einzig
­ argaretha Susanna Kayser (geb. Vogel, geb. zwischen 1685 und 1690, gest. nach 1749),
M
eine berühmte Sängerin, behauptete sich über einen längeren Zeitraum.
Fast 320 verschiedene Opern sind hier
aufgeführt worden und ermöglichen
so einen Streifzug durch europäische
Operngeschichte. Denn ein Großteil der
Opern sind deutschsprachige Bearbeitungen von italienischen oder französi­
schen Vorlagen, einige sind Neuschöpfungen, gelegentlich mit Hamburger
Lokalkolorit und plattdeutschen Einlagen. Rund 50 Opern, ein Sechstel, waren
Festopern (Singballette, Prologe, Epiloge),
Auftragswerke für Krönungen, Geburtstage von Fürstinnen und Fürsten oder
Siegesfeiern.
Gänsemarktoper Hamburg von der Lombardsbrücke,
Ölgemälde um 1760/70
(Museum für Hamburgische Geschichte)
Während fast alle Libretti erhalten sind, ist ein Großteil der Musik verloren gegangen,
da Partituren (in der Regel) nicht gedruckt wurden. Nur einige Opern sind komplett
überliefert – und einzelne Arien, die in gedruckte oder handschriftliche Sammlungen
übernommen wurden.
Es gab eine weitere Sehenswürdigkeit, ausgestellt in einem Nebenraum der Oper:
das Modell des Salomonischen Tempels, zwischen 1680 und 1692 nach den Plänen
des Rekonstruktionsversuches des Jerusalemer Tempels, den Nebukadnezar 586 v. Chr.
zerstörte, gefertigt. Heute kann es im Museum für Hamburgische Geschichte bewundert werden.
Im April 1738 wird das Hamburger „Theatro“ als „selbständiges Unternehmen“ geschlossen. Das Haus wurde fortan genutzt von Operngesellschaften, wie denen von
Angelo und Pietro Mingotti, oder von Theatertruppen (die z. B. geleitet wurden von
den Schauspielerinnen Caroline Neuber oder Sophie Charlotte Schröder). Ab Oktober
1751 stand das Haus leer und wurde dann 1757 abgerissen. An die Hamburger Gänsemarktoper erinnert heute nur noch eine Gedenktafel am Hotel Vierjahreszeiten.
Birgit Kiupel
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˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
Mattheson gegen Händel:
Sie waren Helden (!?)
Duelle vor und auf der Opernbühne
Hamburg im Dezember 1704, ein Markt in der Nähe der Gänsemarkt-Oper. Eben
­drangen noch Klänge aus Johann Matthesons Oper Cleopatra zwischen Pferde­
getrappel und lauten Ausrufen, als zwei wütende junge Herren aus dem Opernhaus
heraus rannten. Mit gezogenen Degen setzten sie auf der Straße die Opernprobe fort,
so wollte es zunächst scheinen. Doch es handelte sich um blutigen Ernst. Und schnell
waren die beiden Hitzköpfe identifiziert und umringt, der 23-jährige Johann Mattheson und der 19-jährige Georg Friedrich Händel.
Ob auf der Bühne der Gänsemarkt-Oper oder in den Straßen Hamburgs: adlige oder
bürgerliche Männer markierten gern die wehrhaften Helden und lieferten sich blutige
„Raufhändel“ oder fast tödliche Duelle, natürlich im Namen der Ehre. Dabei hatte die
Obrigkeit immer wieder solche Gewaltakte verboten und mit strengen Strafen bedroht.
Bereits in einem Mandat vom 16. Februar 1664 heißt es, dass „auch keiner des Nachts
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˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
mit geladenem und bloßem Gewehr und ohne […] Laterne sich auf den Gassen finden
lasse“. 1720 bekräftigte der Rat für „die Stadt und dero Gebiete“ auch ein Edikt des
­Kaisers und alle bisher gedruckten und verkündeten Mandate und Verordnungen und
untersagte:
alle Schlägereyen, Ausforderungen, und deren Annehmungen, Duelle, verdächtige Recontres, Zuschickungen der Cartellen, Edikte, und sonsten alle eigenmächtige und frevelmüthige Ueberfälle und gewaltthätige Angriffe, woraus
nicht allein gefährliche Leibes = Verwundung und Beschädigung, sondern auch
oftmahls vorsetzliche Todtschläge und Verluste zeitlicher und ewiger Wohlfahrt
erfolgen, allen und ieden Ein = und Ausheimischen, wes Standes, Würden oder
Condition dieselben seyn mögen, ernstlich und, nach Befinden, bey Leib = und
Lebens = Strafe […].
Doch gegenüber solchen Ermahnungen erwiesen sich auch sonst so sensible Operis­
ten, Komponisten und Musiker als taub. Johann Mattheson erinnert sich an seinen
Zweikampf mit (oder gegen) Händel in der Nähe der Gänsemarkt-Oper, Dieser endete
glimpflich, Dank eines stabilen Rockknopfes auf Händels Rock. Aus diesem farbigen
Dokument „männlicher“ Selbstdarstellung soll ausführlicher zitiert werden: Händel
saß am Cembalo, Mattheson dirigierte und sang zugleich den Antonius, der sich vor
dem Ende des Schauspieles mit seinem Schwert umbringt. Da:
entstund ein Misverständniß: wie solches bey jungen Leuten, die, mit aller
Macht und wenigem Bedacht, nach Ehren streben, nichts neues ist. Ich dirigirte,
als Componist, und stellte zugleich den Antonius vor, der sich, wohl eine halbe
Stunde vor dem Beschluß des Schauspiels, entleibet, war ich bisher gewohnt,
nach dieser Action, ins Orchester zu gehen, und das übrige selbst zu accompag­
niren: welches doch unstreitig ein jeder Verfasser besser, als ein andrer, thun
kann; es wurde mir aber diesesmahl verweigert.
Der junge Händel verweigerte die Selbsteinwechselung von Mattheson, wollte ihm
nicht den Platz am Cembalo überlassen:
Darüber geriethen wir, durch einige Anhetzer, im Ausgange aus der Oper, auf
öffentlichem Marckte, bey einer Menge Zuschauer, in einen Zweikampf, welcher
für uns beide sehr unglücklich hätte ablauffen können; wenn es Gottes Führung nicht so gnädig gefüget, daß mir die Klinge, im Stossen auf einem breiten
metallenen Rockknopf des Gegners zersprungen wäre.
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˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜˜
Zum Glück waren besonnene Hamburger Ratsherren zugegen und auch der damalige
Opernpächter, die dafür sorgten, dass die beiden Duellanten sich wieder vertrugen
und nicht weiter strafrechtlich belangt wurden. Kurz vor Jahreswechsel dann, am
30. Dezember 1704 hatte Mattheson die Ehre:
Georg Philipp Telemann
(1681–1767)
aus den Singe-, Spiel- und Generalbaß-Übungen (1733)
Falschheit
Händeln bey mir zu bewirthen, wonächst wir beide, auf den Abend, der Probe
von seiner Almira beiwohnten, und bessere Freunde wurden, als vorhin. Syrachs
Worte cap. 22 traffen also hier ein: Wenn du gleich ein Schwerdt zückest über
deinen Freund, so machst du es nicht so böse, (als mit schmähen.) Denn ihr
könnet wohl wieder Freunde werden, wenn du ihn nicht meidest, und redest
mit ihm.
Also alles nur ein „Missverständnis“, noch dazu von anderen angestachelt? Jedenfalls
Glück für die Opernwelt – nicht nur am Gänsemarkt. Sind aus Händels Hamburger Zeit
nur die Oper Almira und das „Laudate pueri“ erhalten und Teile seiner Cembalowerke,
so gelangten später viele seiner Erfolge aus Italien und London auch in Hamburg zur
Aufführung – wie z. B. Aggrippina, Rodelinda, Richardus, manche von seinem Freund
und Hamburger Musikdirektor Georg Philipp Telemann mit deutschen Rezitativen versehen und bearbeitet.
Die Musikgeschichte ist reich an männlichen Hitzköpfen, behütet von Zufällen und
beherzten Mitmenschen. So wird auch vom 20-jährigen Johann Sebastian Bach berichtet, dass er als Organist in der Neuen Kirche von Arnstadt in einen Rauf- und Ehrenhändel mit einem Schüler verwickelt war, in dessen Verlauf er den Degen zog. Hier
­verhinderte seine Base Schlimmeres.
Auf der Opernbühne lieferten sich singende Cavalliere Gefechte, oft von Trompeten
oder Barockoboen begleitet, die ebenfalls in der Regel schnell unterbunden wurden.
Endete so ein Kampf tödlich, folgten endlose blutige Verwicklungen.
Birgit Kiupel
Es herrschet in der Welt die Falschheit
aller Orten;
Die Wahrheit ist verbannt, die Redlichkeit
verjagt;
Die Freunde dieser Zeit sind Freunde
bloß in Worten:
Der allerehrlichste tut anders, als er sagt.
Der, so dich herzt und küsst, wird dich
unfehlbar fällen,
So bald er glaubt, dein Fall könn’ ihm
ersprießlich sein.
Kein Mensch ist, was er scheint: man weiß
sich zu verstellen,
Nie stimmt mit dem Gemüt das Anseh’n
überein.
Georg Philipp Telemann,
Kupferstich von Georg Lichtensteger (um 1745)
Der Spiegel
Ein Schäfer pflegt in reinen Quellen
Ihm seine Bildung vorzustellen;
Dem Thoren, der dem Wucher hold,
Zeigt sein Gesicht das blanke Gold;
Ein schmeichelnd Glas muß Doris lehren,
Sich selbst, als Engel, zu verehren.
Auf Freunde! Lasst uns klüger sein:
Bespiegelt euch in klarem Wein!
Friedrich von Hagedorn (1708–1754)
Doch dieses alles muss man nicht von
Weibern meinen,
Weil ihrer keine fast uns je betrogen hat,
Indem sie insgeheim von außen boshaft
scheinen,
Und wenn man’s untersucht, so sind sie’s
in der Tat.
Barthold Hinrich Brockes (1680–1747)
Sommerluft
Auf den bunt beblümten Feldern,
in den schattenreichen Wäldern
herrscht, in stiller Einsamkeit,
Unschuld und Zufriedenheit.
Fern vom städtischen Getümmel,
als in einem ird’schen Himmel,
find ich hier die güld’ne Zeit.
Barthold Hinrich Brockes (1680–1747)
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Wechsel
Glück
Die Nacht muss in die Fremde wandern,
Sobald der Tag nach Hause kömmt.
Bei Lust und Last folgt eins dem andern;
Die Freude wird zwar oft gehemmt
Und von Betrübnis unterdrückt,
Doch aber niemals ganz erstickt.
Das Glücke kömmt selten per Posta zu
Pferde,
Es geht zu Fuße, Schritt vor Schritt;
Sein Eigensinn ist nicht zu zwingen,
Man mag auch noch so sehr nach seiner
Ankunft ringen;
Es ändert darum nicht den langsam
fortgesetzten Tritt.
Dringt dich die Not mit vollen Haufen,
So merke diesen Trost mein Geist!
Das Wasser kann sich leicht verlaufen,
Das alle Ufer niederreißt;
Je größer Kummer, Angst und Pein,
Je näher wird ihr Ende sein.
Daniel Stoppe (1697–1747)
Daniel Stoppe (1697–1747)
Ohnesorge
Geht schlafen, geht, macht Feierabend,
Ihr Sorgen! Hört ihr’s? Legt euch doch!
Schweigt und schreit mir nicht den Kopf
noch weiter voll!
Ihr habt wahrhaftig hohe Zeit
Hier seht ihr die Zufriedenheit,
Die euch zu Bette leuchten soll.
Mein! Sagt mir: was verzieht ihr noch?
S. [sic]
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„Die Alster lehrt gesellig sein“ –
Hagedorn und das Hamburger Lied
der Aufklärung
„Den Ort, der Hamburgs Flur zum neuen Eden macht,
Um den der Scherze Heer mit muntrer Sorgfalt wacht,
In dem, wohin man sieht, auch Liebesgötter schweben,
Der Alster kühlen Fluß soll mein Gesang erheben.“
Nicht weniger als 19 Strophen lang ist eine Ode mit dem Titel Das Lob der Alster, die
1747 – nach gängiger Praxis der Epoche anonym – in der Hamburgischen Wochenschrift Poetische Gedancken über die neuesten und merckwürdigsten Begebenheiten
­abgedruckt wurde. Ausführlich finden sich dort die Naturschönheit wie die geselligen
Freuden geschildert, die der Aufenthalt an oder auf der Alster bereithielt.
Dieses bevorzugte Sommervergnügen der Hamburgerinnen und Hamburger wurde
vielfach geschildert, u. a. in dem 1760 erschienenen Tractat Die Stadt Hamburg in
­Ihrem politischen, öconomischen und sittlichen Zustande des Kameralisten Christian
Ludewig von Griesheim: „Vorwärts ist die Alster in ein Baßin eingefaßt, darauf schwimmen Gondeln, wovon man öfters um ein Spottgeld, zuweilen aber vor vier Reichsthaler
etliche Stunden Gebrauch machen kann. Es fladdern eine Menge zahmer Schwäne herum, und erwarten, ob man ihnen was Brod zuwerfen wolle. Musik und Erfrischungen
vergnügen alle Sinnen.“ Schon 1724 findet sich in der Wochenschrift Der Patriot die
Beschreibung einer solchen Lustfahrt auf der Alster mit „gar angenehmer Wasser = ­Music“: „Wir stiegen daselbst […] in eine so genannte Schüte, und die Hoffnung
einer sattsamen Ergetzlichkeit ward desto grösser, da wir sahen, daß sich neben uns zu
gleicher Zeit eine Gesellschaft der besten Hamburgischen Virtuosen, mit ihren Instrumenten, in ein anderes Fahr = Zeug begab.“ Georg Philipp Telemanns Alster-Ouvertüre
zählt unter anderem zu dem Repertoire, das bei solchen Gelegenheiten zu Gehör
­gebracht werden konnte. Auch die oben bereits zitierte Ode Lob der Alster beschreibt
diese Form der Instrumentalmusik:
„Itzt zieht ein ganzes Heer von Schüten durch den Baum
Und die Lustflotte faßt der Alster innrer Raum.
Bey heller Paucken Schall, bey sanfter Saiten Thönen
Folgt ihr ein froher Zug, von Neugiers = vollen Schwänen.“
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Die letzten beiden Strophen dieser Ode schließen mit einer Reverenz an den prominentesten Dichter der Hamburger Aufklärung, an Friedrich von Hagedorn:
„Die stille Dämmerung, der Abend bricht herein,
Die lustge Flott erhellt, der Lichter Pracht und Schein;
Da sieht man die Apolls, der Gluterfüllten Dichter,
Die Ehrfurchts würdigsten, die reitzendsten Gesichter.
Doch für so grosse Pracht ist mein Witz viel zu klein,
Sie kann von Hagedorn nur groß besungen seyn;
Drum Musen, fliehet nur, ich will viel lieber schweigen,
Als bey zu schwacher Glut, mich unvollkommen zeigen.“
Wieso der Autor auf Hagedorn verweist, ist klar: Hagedorn hatte in seiner Lyrik wiederholt die Alster als poetischen Idealort entworfen, an dem sich freundschaftliche Geselligkeit mit künstlerischer Inspiration verband.
1744 erschien in einem Liederbuch Hagedorns Die Alster mit einer Vertonung von
­Johann Valentin Görner, wobei die Besetzung mit Waldhörnern eine Aufführung im
Freien prädisponiert. Unentwirrbar durchflechten sich Imagination und Praxis,
­poetischer Entwurf und Wirklichkeitswahrnehmung. „Das Ufer ziert ein Gang von
­Linden, / In dem wir holde Schönen sehn, / Die dort, wann Tag und Hitze schwinden, / Entzückend auf- und niedergehn.“ Hagedorn hatte, so beschreiben es mehrere zeit­
genössische Quellen, einen Lieblingsplatz, an den er sich mit Freunden traf oder auch
zum Schreiben zurückzog. So erinnert der Hamburgische Jurist Johann Friedrich Lorenz Meyer in seinen um 1800 erschienenen Skizzen zu einem Gemälde aus Hamburg
anlässlich seiner Beschreibung des englischen Gartens in Harvestehude: „Hier stand
einst Hagedorn’s Linde […]. Der Sitz unter dieser Linde war sein täglicher Lieblingsplatz; hier saß er oft mit seinen Freunden, Klopstock und Karpser, in fröhlichem Gespräch, noch öfter einsam, Lieder der Freude und der Liebe dichtend. Die Linde war
so ganz sein, und er an dem Ort so allbekannt, dass, wenn andere Gäste dort sassen
und Hagedorn nur in der Ferne erschien, sie aufstanden, um ihm diese Stelle unter
der Linde zu räumen.“
Dass viele Lieder des mittleren 18. Jahrhunderts die freie Natur feiern oder den locus
amoenus als Szenerie tändelnder Liebeslyrik nutzen, steht komplementär zu der Tat­
sache, dass das Lied eine stadtbürgerliche Gattung war: Sie fand ihren sozialen Ort in
den Geselligkeiten der Familien von Bildungsbürgern und Kaufleuten. Hamburg zählte
schon im 17. Jahrhundert neben Königsberg, Nürnberg und den mitteldeutschen Städ-
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ten zu den interessantesten Orte der geistlichen wie der weltlichen Liedproduktion.
Dies verband sich zunächst vor allem mit den Dichtern Johann Rist und Philipp von
Zesen, die in ihren Sprachgesellschaften auch Lieddichter und -komponisten um sich
scharten. Doch dann setzte ab 1670 der Druck weltlicher Liederbücher über ein halbes
Jahrhundert aus. In Hamburg fällt das mit der Zeit der Gänsemarktoper in eins, allerdings ist die sogenannte „liederlose Zeit“ deutschlandweit zu beobachten und ein
noch unverstandenes Phänomen der Gattungsgeschichte. Nach 1740 ist wieder eine
große Produktivität zu verzeichnen, initiiert maßgeblich durch den Dichter Friedrich
von Hagedorn und die Komponisten Georg Philipp Telemann und Johann Valentin
Görner.
1708 in Hamburg geboren, ging Hagedorn nach seiner Schulzeit am akademischen
Gymnasium zum Jurastudium nach Jena, lebte zwei Jahre in London und kam 1731 in
die Hansestadt zurück. Er selbst war offenbar eher unmusikalisch, sein Bruder schrieb
ihm einmal: „Es ist besonders, daß ein Mensch, der weder singen noch Ton halten
kann, Chansons schreibt. Liskow meldet, daß, um die Andacht der Gemeine nicht zu
stören, die englische Gemeine in Hamburg bloß deinetwegen eine Orgel habe bauen
müssen, damit man deine Stimme nicht hören dürfe.“ Aber Hagedorn war in ganz
Deutschland in den Jahren zwischen 1740 und 1760 einer der am häufigsten vertonten
Lyriker, und in Hamburg erschien in diesem Zeitraum kein Liederheft ohne HagedornText. Er war Pionier eines neuen Tons der Lyrik, der die als schwülstig empfundene
­Barockdichtung ablöste: mit unprätentiöser Bildlichkeit, einem natürlichen Fluss der
Verse und stilistischer Eleganz. Und das gab Impulse für die Liedkomposition. Als
­erster Komponist überhaupt hat 1733 Telemann in seinen Singe-, Spiel- und Generalbassübungen einen Hagedorn-Text vertont. 1741 veröffentlichte Telemann dann seinen
wichtigsten Lieddruck, die Vier und zwanzig, theils ernsthaften, theils scherzenden
Oden, die fünf Hagedorn-Texte enthalten. Kurz darauf brachte Hagedorn selbst drei
Bände Sammlungen neuer Oden und Lieder mit Vertonungen von Johann Valentin
­Görner heraus. Görner stammte ursprünglich aus dem Erzgebirge und war nach dem
Studium in Leipzig nach Hamburg gekommen, wo er zur Zeit der Liedkomposition als
Klavierlehrer arbeitete, später wurde er Musikdirektor am Hamburger Dom.
Hagedorn gehörte „nicht zu den Dichtern, die Wein und Liebe besingen und beide
nicht kennen“, wie sein früher Biograph Johann Henrich Herold bekundet. Auch andere zeitgenössische Quellen belegen, dass Hagedorn ein sehr geselliger Mensch gewesen sein muss. Konkret spielte sich dies etwa in Dressers Kaffeehaus als Treffpunkt der
„besten Kaufleute und Gelehrten“ ab, doch für seine Lieder lässt sich ein noch wichti­
gerer sozialer Kontext konkretisieren, nämlich der Kreis um Peter Carpser. Carpser war
ein hochanerkannter Chirurg, und darüber hinaus ein ungewöhnlich gebildeter und
kunstinteressierter Mann, bei dessen berühmten Freitagsgesellschaften zahlreiche einheimische und auswärtige Künstler und Intellektuelle verkehrten – er spielte auch in
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der Geschichte der Hamburger Freimaurerei eine wichtige Rolle. Bemerkenswert war
offenbar Carpsers Geschick, im besten aufklärerischen Sinne ständische Hierarchien
vergessen zu machen im gemeinsamen Enthusiasmus für die Künste und Wissenschaften. Eine Quelle berichtet: „Ohne Rangordnung, ohne Zeremoniell sitzt man bei
höchstens sechs Gerichten beisammen. Es wird gesagt, seine Gastlichkeit koste ihn im
Jahr mehr als 2000 Reichstaler.“ Der mit Lessing verschwägerte Schriftsteller Christlob
Mylius schilderte seinen Besuch bei dem berühmten Arzt: „Den 26sten May speisete
ich in großer und artiger Gesellschaft bey dem berühmten und überaus geschickten
Chirurgus Herrn Carpser. Er ist über dieses ein gelehrter, belesener, witziger und aufgeräumter ehrlicher Mann; ein großer Liebhaber und Kenner der Wissenschaften und
Künste und wahrer Menschenfreund.“ Eine humoristische Charakteristik lieferte noch
1804 Jean Paul in seinen Flegeljahren. Auf die Frage, wer Carpser sei, wird geantwortet:
„Balbieramtsmeister in Hamburg […]; ein Mann […] von so feinen Sitten, so voll belebter Reden, so zauberisch, daß Fürsten und Grafen, die nach Hamburg kamen, ihr
erstes und größtes Vergnügen nicht im Pestilenzhaus oder auf dem Dreckwall oder im
Scheelengang und in den Alster-Alleen suchten und fanden, sondern lediglich darin,
daß unser Balbier zu Hause war und sie vorlassen wollte.“
Titelvignette von Richey, Michael: Deutsche Gedichte. Mit einer Vorrede Gottfried Schützens, Bd. I,
Hamburg: bey Johann Georg Fritsch 1764
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Carpser dichtete selbst, und Hagedorn war sein guter Freund. Des weiteren trafen sich
in dem Zirkel u. a. der Dichter Barthold Hinrich Brockes, der Jurist Matthäus Arnold
Wilckens, die Journalisten Joachim Friedrich Liscow und Barthold Joachim Zinck, Hagedorns Verleger Johann Carl Bohn, der Prediger Joachim Johann Daniel Zimmermann,
der Kaufmann Georg Behrmann und der Dichter Johann Matthias Dreyer, der in Telemanns Vierundzwanzig Oden mehrfach vertreten ist. Während Telemanns Verkehr im
Hause Carpser nur als wahrscheinlich anzunehmen ist, machte Görner hier sogar „die
Honneurs“, wenn der Arzt „zu einem Kranken gerufen“ ward, vertrat also Gastgeberstelle. In diesem Kreis trafen demnach wichtige Akteure der Liedkultur zusammen:
Nicht nur Dichter und Komponist, sondern auch Verleger und Kritiker: Zincks Hagedorn-Rezensionen wurden z. B. in Zürich nachgedruckt und unterstützten damit auch
überregional die positive Aufnahme von Hagedorns Liedern. Obgleich die Quellenliteratur über Peter Carpsers Gesellschaften nur (bekannte) Männer als Gäste erwähnt,
waren wohl Frauen gerade als Singende wesentlich beteiligt. So berichtet Herold über
Görners Oden: „Diese Melodien wurden bei ihrer Herauskunft und einige Zeit nachher,
wo man noch nicht, wie nur zu oft itzt, sich die unbillige Forderung erlaubte, in den
deutschen Mädchen und Frauen lauter Virtuosinnen im Singen zu verlangen, sondern
wo man, wie mich dünkt, mit Recht, zufrieden war, wenn jede durch ihren Gesang etwas zum gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Vergnügen beitrug, häufig bei Tische
und oft in dem Zirkel, wo Hagedorn selbst gegenwärtig war, gesungen.“
Das „Publikum“ – die versammelten Gastgeber und Gäste – hörte nicht nur zu, sondern konnte sich auch am Gesang beteiligen. Denn Geselligkeit war nun nicht nur der
soziale Rahmen der Liedkultur, sondern der Modus der Geselligkeit ist buchstäblich in
die musikalische Struktur eingeschrieben. Typisch für das Lied in Hamburg war nämlich
der Chorrefrain, den Goerner in mehreren seiner Lieder explizit vorschreibt und der auch
in Telemanns Liedern teilweise naheliegt oder zumindest ohne Probleme möglich ist.
So auch in dem ersten Stück von Telemanns 24 Oden, der Hagedorn-Vertonung
­Indoctum sed dulce bibenti, deren Titel einen Vers aus Horaz Epistulae zitiert:
„quin etiam canet, indoctum, sed dulce bibenti.“ (Selbst auch singet er, zwar kunstlos,
doch lieblich dem Zecher, Ü. Johann Heinrich Voss)
„Ihr Freunde! Zecht bei freudevollen Chören!
Auf! stimmt ein freies Scherzlied an.
Trink ich zu viel, so trink ich euch zu Ehren,
und daß ich heller singen kann.
Der Rundtrunk muß der Stimmen Rund beleben,
so schmeckt der Wein uns doppelt schön
Uns soll der Durst des Heuchelns überheben,
das Glas so lange voll zu sehen.“
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Freundschaft – Freude – Wein – Gesang. Mit dieser Konstellation von Begriffen formuliert Hagedorn quasi die Poetik des geselligen Liedes der Aufklärung. Das Singen ist in
einem sozialen Kontext freundschaftlicher Geselligkeit situiert, als Ausdruck und zugleich Anlass von Freude, und es wird steigernd parallelgeführt mit dem Weingenuss:
Das Trinken ermuntert zum Singen, und das Singen regt wiederum zum weiteren Trinken an. Der Wein ist ein Kernmotiv der Anakreontik, zu deren Protagonisten Hagedorn
zählt, und er wird bei ihm auch zur „poetologischen Kategorie“, denn der Wein fördert
die Produktion und die Rezeption von Dichtung, indem er den Dichter inspiriert und
zugleich dessen Publikum aufnahmefähig macht. Gleichermaßen aber steht der Wein
auch in einem Zusammenhang mit der Liebe, dem zweiten zentralen Thema der Anakreontik, denn der Wein erhitzt die Sinne und macht die Küsse kräftig. Ausgelassene
Geselligkeit und sinnenfreudige Liebe seien das Gebot der Gegenwart.
Auch in Die Alster erscheinen alle diese Signalbegriffe einer aufgeklärten Lebensfreudigkeit wieder. Die „singenden Chöre“ huldigen der Schönheit der Natur, die Freude resultiert aus freundschaftlicher Geselligkeit: „In schwimmenden Nachen / Schifft
Eintracht und Lust, / Und Freiheit und Lachen / Erleichtern die Brust“. Der Weingenuss
und die gemütsaufhellende Wirkung der Musik vereinigen sich zur Erfahrung „froher
Freiheit“: „O glückliche Stunden! / O liebliche Fahrt!“ Und die Musik baut durch den
Taktwechsel – die erste Strophenhälfte steht im 3/4-Takt, die zweite im 3/8-Takt – eine
Beschleunigung des Pulses ein, die den Affekt der Fröhlichkeit in jeder Strophe wieder
frisch erfahrbar macht.
Giebichenstein, Blick vom Garten auf das Reichardtsche Gehöft
Louise Reichardt
(1779–1826)
Katharina Hottmann
Louise Reichardt war eine Liedkomponistin und -interpretin, die von dem auf dem
elterlichen Gut Giebichenstein weilenden romantischen Dichterkreis (Ludwig Tieck,
Achim von Arnim, Clemens Brentano, die Brüder Schlegel und Grimm, Friedrich
Schleiermacher u. a.) hoch geschätzt wurde. 1809 ging sie nach Hamburg, um sich
als Gesangs- und Klavierlehrerin sowie als Komponistin eine berufliche Existenz aufzubauen. Zusammen mit Johann Heinrich Clasing gründete sie den „Musikalischen
Verein für geistliche Musick“ und veranstaltete vielbeachtete Aufführungen oratorischer Werke, vor allem Georg Friedrich Händels, Mozarts und italienischer Komponisten. Das Musikfest von 1818 gilt als Vorläufer der 1819 gegründeten Hamburger
Sing-Akademie. Als Chorleiterin, Organisatorin von Konzerten und Beraterin leistete
sie einen wichtigen Beitrag zur Etablierung eines bürgerlichen Musiklebens in der
Hansestadt.
Ellen Freyberg
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Wer die großen Schwierigkeiten kennt, welche im nördlichen Deutschland der Aus­
führung bedeutender Kirchenmusiken im Wege stehen, wird sich, selbst mit Berücksichtigung der grossen Kunstmittel, welche Hamburg darbietet, wundern, wie es möglich
­gewesen, eine Versammlung von 360 bis 400, theils Tonkünstler vom Fache, theils Dilettanten zu versammeln, welche die Meisterwerke Händels und Mozarts, den Messias und
das Requiem, auf eine Vollendung sich nähernde Weise auszuführen vermochten. Der in
neuen Zeiten gänzlich erstorbene, ja man dürfte sagen, unterdrückteste Sinn für geist­
liche Musik, die Beschwerlichkeit und Kostbarkeit der Reisen, vielleicht auch das grössere
Phlegma der Norddeutschen, sind Hindernisse, welche nur durch den höchsten Enthusiasmus und unermüdete Thätigkeit ganz uneigennütziger, selbst zu bedeutenden Opfern
fähiger Freunde der Musik besiegt werden können.
Vor wenigen Jahren noch würde die Ausführung einer solchen Musik in Hamburg ein
frommer Wunsch gewesen seyn. Zuerst verdient hier also genannt zu werden, die sinnige
Künstlerin, Dem. Louise Reichardt, würdige Tochter des unvergessenen Kapellmeisters
Reichardt. Ihre unermüdete Thätigkeit, ihr sorgfältiger Unterricht, und ihre Uneigen­
nützigkeit bey der Bildung und Pflege der weiblichen Stimmen, hat es möglich gemacht,
einen Chor zu bilden, und Sängerinnen an die Spitze der Ausführung zu stellen, die,
­obgleich sie nur für Dilettanten gelten wollen, wahren Virtuosen gleich zu achten sind.
In Verbindung mit Herrn Clasing, dessen ich weiter unten erwähnen werde, haben mehrere Jahre auf ihre Veranlassung regelmässige Uebungen stattgefunden, an welchen bald
die gebildeten Liebhaber der Musik Antheil nahmen, und welche hauptsächlich würdige
Kirchenmusik zum Gegenstande haben. Im November vor. Jahres unternahmen diese
beyden Künstler es zuerst, mit diesem engern Verein zur Feyer des Reformationsfestes in
der Waisenhauskirche aufzutreten. Der 100ste Psalm und einige Stücke aus dem Judas
Maccabäus, beyde von Händel, wurden vor und nach der Predigt ausgeführt, und
lohnten die Unternehmer mit ungetheiltem Beyfall. […] Ein zahlreiches Publikum
(es waren in jeder Aufführung wenigstens 5000 Zuhörer) lohnte die Unternehmer durch
seinen Besuch und durch eine stille Aufmerksamkeit, welche bey einer so eng zusammen
gedrängten Menschenmasse wol nur durch die himmlische Kraft der Musik zu bewirken
seyn möchte, zugleich aber auch ein schönes Zeugnis für den Kunstsinn der Hamburger
abgiebt. (Allgemeine Musikalische Zeitung, 20, 1818, Sp. 713ff.)
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Salon III
Donnerstag, 21. Juni 2012
Stars und Sterne:
Hamburg als Auftrittsort
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Erinnerungen an ein Konzert
Franz Liszts im Hotel „Alte Stadt London“
heute, nach beinahe sechzig Jahren, klar
vor der Seele stehen, ­waren das Septett
von Hummel, die chromatische G-durEtüde von Moscheles, das Schubertsche
Ständchen und die schon erwähnten
beiden Sätze aus der Beethovenschen
sogenannten Mondscheinsonate. Sehr
imponirte es mir, daß Liszt zwischen
den einzelnen Vor­tägen sich nicht zurückzog, sondern vom Podium herabstieg und als vollendeter Cavalier mit der
schönen Damenwelt plauderte.
Franz Liszt, 1858 (Fotografie Franz Hanfstaengl)
Mein erstes Begegnen mit Franz Liszt
war kein persönliches: Liszt, im Zenith
seines Ruhmes als Virtuose stehend,
gab in Hamburg ein Concert, und ich,
als obscurer clavierspielender Knabe,
hatte selbstverständlich keinen heißeren
Wunsch als ihn, den größten Clavierspieler seiner Zeit, zu hören, einen
Wunsch, den der gütige Vater erfüllte.
So wanderte ich denn klopfenden Herzens von der Nachbarstadt Altona nach
dem Hotel Alte Stadt London auf dem
Hamburger Jungfernstieg. Es war noch
zur Zeit vor dem schrecklichen Hamburger Brande und zur Zeit der kleinen intimen Concertsäle. Der fashionabelste
Saal Hamburgs war der im genannten
Hotel, er faßte nur vier- bis fünfhundert
Hörer. Liszt war meines Wissens der ers­
te Claviervirtuose, welcher seine Concerte ganz allein, ohne jegliche Mitwirkung anderer Künstler bestritt. Das that
er auch in diesem Concerte, abgesehen
davon, daß er das berühmte Septett in
D-moll von Hummel mit Begleitung einiger Hamburger Künstler vortrug. ­Liszt,
eine überaus schlanke, elegante Gestalt,
begann mit der Sonate quasi una fantasia in Cis-moll von Beethoven, und ich
erinnere mich genau, daß ich ebenso
entzückt war von dem unvergleichlichen
Vortrage der ersten beiden Sätze wie erstaunt über die rhythmi­schen Gewalt­
thätigkeiten, welche er im letzten Satze
verübte. […] Unvergleichliche, durch
nichts getrübte Leistungen, die mir noch
(aus: Carl Reinecke, … und manche liebe
Schatten steigen auf: Gedenkblätter an
berühmte Musiker, Leipzig 1900, S. 11–13)
Auftritte von Clara Wieck/Clara Schumann
in Hamburg
14. März 1835
20. März 1835
4. April 1835
1. April 1837
8. April 1837
8. Februar 1840
5. März 1842
16. März 1850
19. März 1850
23. März 1850
13. November 1854
16. November 1854
12. Dezember 1855
21. November 1863
23. November 1867
24. November 1867
Clara Schumann, Fotografie 1854
im 29. Philharmonischen Privat-Concert
ein „Großes Concert“
im Abschiedskonzert von Georg Albert
im 37. Philharmonischen Privat-Concert
eine Musikalische Soiree
im 47. Philharmonischen Privat-Concert
im 56. Philharmonischen Privat-Concert
im 78. Philharmonischem Privat-Concert
eine Musikalische Soiree
eine Musikalische Soiree
im 99. Philharmonischen Privat-Concert
eine Musikalische Soiree
im Großen Extra-Concert
im 1. Abonnent-Concert
im 3. Großen Abonnement-Concert
in der 4. Kammermusik-Soiree: Schumann-Abend
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Am 13. Juli 1861 bezog Brahms in dem
Hamburger Vorort Hamm (Schwarze
Straße 5) eine Wohnung im Hause von
Elisabeth Rösing, der Witwe eines
­Privatgelehrten; Frau Dr. Rösings
Nichten, Betty und Marie Völckers,
die im Nachbarhaus wohnten, waren
Stützen des von Brahms zwischen Juni
1859 und Mai 1861 geleiteten Hamburger Frauenchores gewesen. Zusammen
mit ihren Freundinnen Laura Garbe
und Marie Reuter bildeten sie noch
immer jenes Vokalensemble, das
Brahms zärtlich „mein Mädchenquartett“ nannte. Bis zu Brahms’ Abreise
nach Wien (September 1862) sollte
Brahms Mädchenquartett des Hamburger Frauenchores:
Hamm seine Künstlerresidenz bleiben.
v. l. Laura Garbe, Marie und Betty Völckers, Marie Reuter,
Der damals noch ganz ländliche Ort
Foto von 1862
am linken Alsterufer war von der Stadt
(Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck)
aus bequem zu erreichen, und Brahms
konnte den ihn besuchenden Freunden sein verwaistes Zimmer im Elternhaus anbieten. Zu den Gästen, die Brahms
hier schon in den ersten Monaten seines Aufenthaltes besuchen sollten, gehörten –
allen voran – Clara Schumann aus Berlin und Joseph Joachim aus Hannover.
[…] Die schwarze Straße ist doch eine der lichtesten und freundlichsten Erinne­
rungen für mich, wie gern denke ich an ihre gemütlichen Häuser, die gemüthvollen
Menschen darin u[nd] ihre Herzlichkeit für mich […].
(an Marie Völckers, Sept. 1872)
Ihre freundlichen Plaudereien aber machen, daß ich noch eins so gern
zurückdenke […]. Von wie Vielem könnte ich dann weiter plaudern, das Ihnen
deutlich zeigte, wie die Erinnerung an Ihr Vaterhaus u das nachbarliche mir
eine der theuersten u wohlthuendsten meines Lebens ist. (25. August 1896)
Johannes Brahms Geburtshaus, Nr. 24 Specksgang, später: Nr. 60 Speckstraße
(Museum für Hamburgische Geschichte)
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Anneliese Rothenberger
Glück im Pech
Hamburger Abendblatt, 2. November 1950
Für New Yorker Konzerte verpflichtet.
Das Pech bestand darin, daß man Anneliese Rothenberger, die junge Sopranis­
tin der Hamburger Oper, angesichts der
Freiheitsstatue auf dem heute vielgenannten Ellis Island festhielt. Ihr Glück
war, daß sie die Adresse eines ihr von
südamerikanischen Freunden empfohlenen New Yorker Gentlemans wußte,
der die gesetzlich vorgesehene Kaution
von 500 Dollar hinterlegte.
Anneliese kam nicht nur nach New
York herein, sie hatte zugleich die märchenhafte Gelegenheit, vor einer illustren Gesellschaft der Silvermine Gild of
Artists und an der Seite zweier Stars der
Metropolitan Oper in einem Konzert zu
gastieren! Daß sie dann stürmischen
Beifall erntete, dankt sie zwar ihrem
Können. Aber daß sie gleich für zwei
weitere Konzerte im Januar und Februar
kommenden Jahres abschließen durfte, war wieder Glück …
Anneliese Rothenberger ist im Herbst 1945 nach Hamburg gekommen und sang
schon im Winter in nicht weniger als 146 Konzerten. Direktor Ruch bat sie zum Vor­
singen, und der eben aus München eingetroffene Dr. Rennert verpflichtete die junge
Mannheimerin ans Haus in der Dammtorstraße. Dort hat man ihr inzwischen eine
hübsche Reihe begehrter Partien wie die Lucy in Brittens „Beggars Opera“, die Uhr­
machersgattin in Ravels „L’heure espagnol“ und das Blondchen in Mozarts „Ent­
führung“ anvertraut. Die junge Sängerin empfahl sich gleichzeitig auch als hochveranlagte Darstellerin. Ihre Grazie, ihr rheinisches Temperament waren an ihren Erfolgen
in Curaqao, Baranquilla, Bogota und Caracas zweifellos nicht unbeteiligt. Annelieses
Wunschtraum: einmal die Traviata singen und spielen zu dürfen […]. (Werner Knoth)
Hamburger Abendblatt, 22/23. September 1967
Triumphaler Erfolg der Hamburger „Lulu“
Hamburger Abendblatt, 19. Juni 1967
Die erste Aufführung von Alban Bergs „Lulu“ ist in Montreal nach dem konzertant aufgeführten „Freischütz“ und „Mathis der Maler“ zu dem bisher größten Erfolg der Hamburgischen Staatsoper auf ihrer Amerika-Tournee geworden. Nicht nur die Kritik zeigte
sich begeistert, auch das Publikum wurde mitgerissen und sparte nicht mit Beifall.
Entscheidenden Anteil an dem Erfolg hatte Anneliese Rothenberger. Sie wurde von
der Kritik als die ideale Verkörperung der „Lulu“ angesehen. Aber auch dem Dirigenten
Leopold Ludwig und dem Regisseur Günther Rennert galt die einhellige Bewunderung
der Kritik.
Die Montrealer „Gazette“ schrieb über die „Lulu“-Aufführung: „War die Rothenberger hervorragend, so konnte doch jedes Mitglied des Ensembles mit ihrer Stimme und
Leidenschaft mithalten. Kein Zweifel, jeder Sänger in dieser Operngesellschaft muß zu
den am besten erzogenen und am höchsten gebildeten Musikern in der Welt gehören.“
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Um Mitternacht:
Die Callas in Hamburg
Hamburger Abendblatt, 15. Mai 1959
Trotz der mitternächtlichen Stunde
­hatten sich Hunderte vor dem AtlanticHotel in Hamburg eingefunden, um
­Maria Meneghini-Callas stürmisch zu
begrüßen. Um 23.30 Uhr war die berühmte Sängerin auf dem Fuhlsbüttler
Flughafen gelandet. Mit ihrem Lieblingspudel Toy schritt die Callas durch das
Spalier der Hamburger. Heute abend
wird sie in der Musikhalle ihr erstes
Deutschland-Konzert geben.
Triumph des Gefühls
Jubel um die neue Callas
Hamburger Abendblatt, 17. März 1962
Hamburger Abendblatt, 17./18. März 1962
Sie zauberte den Glanz einer Galavorstellung in die blumengeschmückte
­Musikhalle: Maria Callas, eine strahlend
junge Königin auf dem Podium! Sie trägt
eine Extravaganz zur Schau, die ihre herbe Anmut noch unterstreicht. Sie scheint
nicht nur äußerlich verwandelt, ihre Stimme klingt lyrischer denn je. Die Hamburger jubelten der neuen Callas zu. Das
Konzert begann mit der Ouvertüre zum
„Römischen Carneval“ von Berlioz. Der
französische Dirigent Georges Prêtre
führte das NDR-Sinfonieorchester mit
einer zackigen Eleganz, die fast etwas
Militärisches hatte. Aber an der bravourösen Genauigkeit, mit der er virtuose
Pointen als Überraschungseffekte setzte
und rasante Strettawirkungen heraus-
Hamburg, 1959
Hamburg, 1962
brachte, erkannte man den geborenen Operndirigenten. Als scharf gewürzte Temperamentsleistungen servierte er auch das Carmen-Vorspiel und die Ouvertüren von Rossini und Verdi.
Die Lichter im Saal verdunkelten sich, Maria Callas erscheint. Die Ausstrahlung
­ihrer Persönlichkeit ist so faszinierend, daß man sich mit der Stimme „an sich“ erst
­beschäftigt, wenn ein Ton, eine Phrase nicht ganz „sitzt“. Verlangt man doch gerade
von ihr stets das Außerordentliche. Die Stimme ist dunkler, weicher geworden, jedenfalls wirkt sie in der Mittellage, im Mezzo- und Altklang, am natürlichsten. Wo sie das
große Espressivo der Leidenschaft trägt, hört man über gelegentliche Höhenschärten
und kleine Brüche hinweg. Aber da, wo es um perfekte Virtuosität geht (in der Arie der
Elvira aus „Ernani“ von Verdi und der Angelina-Partie von Rossini) stockt einem der
Atem. Wer raffinierte Stimmartistik erwartet, ist enttäuscht (…)
Das Unverwechselbare ihrer Kunst aber ist die Hingabe an das große Gefühl, die
Gespanntheit des dramatischen Ausdrucks, der sich auch in Haltung und Bewegung
widerspiegelt. Ihre Carmen ist im Stimmtyp gewiß nicht konkurrenzlos. Aber wie sie
die Habanera und die Seguidilla „erlebt“? Dieses schwingende sinnliche Vibrato, dieses
nuancierte Parlando haben wir von ihr noch nie gehört. Im exaltierten Schmerz, im
faszinierenden Wechsel von Resignation zum ausbrechenden Affekt, auf dieser Skala
der großen Gefühle spielt sie seit jeher meisterhaft. Auf solche Steigerung hin war auch
das Programm angelegt, in dem die große Szene der Eboli aus Verdis „Don Carlos“ zum
glanzvollen Höhepunkt wurde. (Sabine Tomzig)
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Placido Domingo
Der 28. September 1975 war eines der wichtigsten Daten in meiner Karriere. An diesem
Abend gestaltete ich in Hamburg zum ersten Mal die Rolle des Othello.
Die Herausfor­derung war so unglaublich groß, weil in „Othello“ zwei Elemente gleich
wichtig sind: der Gesang und die Schauspielkunst. „Othello“ ist das Nonplusultra, eine
starke B
­ elastung für die Stimme, eine technisch äußerst anspruchsvolle Arbeit.
(aus: Helena Matheopoulos, Placido Domingo, meine Rollen – mein Leben,
Berlin 2001)
Placido Domingo:
Meine heimliche Romanze
mit Hamburg
Hamburger Abendblatt,
27. Februar 2006
Abendblatt-Reporterin Nataly Bombeck
traf den Sänger in New York. Im Sommer
ist Konzert am Rothenbaum. Open-AirGala am 2. Juli mit Hamburger Sym­
phonikern und Sopranistin Ana Maria
Martinez – einziger Solo-Auftritt in
Deutschland.
„Aber jetzt freue ich mich erst mal sehr
auf Hamburg, wo ich zuletzt vor fünf
Jahren war. Hamburg war meine erste
deutsche Stadt zu Beginn meiner Karriere als junger Tenor. Daher ist Hamburg
ein ganz wichtiger Teil meiner persönli­
chen Geschichte“, sagt Placido Domingo.
1967 bis 1970 hatte er einen Vertrag an
der Staatsoper, brillierte als Cavaradossi
in „Tosca“. Später dirigierte er in Hamburg den „Troubadour“, feierte hier 1992
sein 25. Bühnenjubiläum als Othello.
Placido Domingo als Othello
Hamburger Abendblatt, 27. Dezember 1967
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„In Hamburg habe ich eine meiner besten Zeiten verbracht. Hier ist mein Sohn
­ lvaro in Blankenese aufgewachsen, und ich schätze das enthusiastische Hamburger
A
Publikum sehr. Das Wetter ist zwar oft kalt, das Publikum aber umso wärmer. Mit
Hamburg habe ich eine heimliche Romanze“, sagt Placido Domingo. […]
„Ich werde meine Familie mit nach Hamburg bringen, schließlich haben wir dort
viele Bekannte und Freunde an der Staatsoper“, sagt Placido.
Und dann: „Ich suche dringend noch ein paar Tickets für die WM-Spiele und will
mir unbedingt das Viertelfinale in der AOL-Arena anschauen. Für das Endspiel hoffe
ich auf Spanien oder Mexiko als Teilnehmer. Aber auch für die Deutschen und Italiener
stehen die Chancen gut, Weltmeister zu werden“, meint der Fußballfan. Er ist Mitglied
bei Real Madrid, war früher ein erstklassiger Mittelstürmer. „Heute spiele ich lieber in
der Verteidigung, aber das leidenschaftlich“, erzählt Placido Domingo.
Und dann erinnert er sich an das Jahr 1974. Auch damals war Fußball-WM in
Deutschland. Die Bundesrepublik spielte gegen die DDR im Volksparkstadion. „Für
mich war extra die Vorstellung von „Aida“ nach vorne verlegt worden. Als ich fertig gesungen hatte, bin ich ins Stadion gerast. Da hörte ich schon die lauten „Netzer, Netzer“und „Uwe, Uwe“-Rufe. Die Stimmung war unglaublich – besonders, als dann die BRD
gegen die DDR 1:0 verlor. Das werde ich nie vergessen“, erzählt Placido Domingo und
schmunzelt.
Und der Tenor hofft auf ein Wiedersehen mit Staatsoper-Intendantin Simone Young,
sagt: „Sie ist eine bewundernswerte Kämpferin, eine tolle Dirigentin, mutige Frau und
wirkliche Freundin. Es gibt Pläne, daß ich im Februar 2007 an der Staatsoper gastiere.“
„Ich habe mein ganzes Leben an der Oper verbracht. Schon als kleiner Junge habe
ich meine Eltern, zwei populäre Zarzuela-Sänger in Spanien, auf ihren Reisen begleitet.
Seitdem ist die Oper ein Teil von mir, sie ist mein Leben“, sagt Placido Domingo. In
­seinem Terminkalender stehen Auftritte in London, Tokio, Madrid und eine Operngala
in New York. Außerdem gibt er jetzt vier neue Opernaufnahmen heraus. Ein rastloser
Placido Domingo? „Nein, ich arbeite nur sehr gerne. Aber vier Stunden vor jedem Auftritt verordne ich mir strikte Ruhe. Ich lese, schlafe oder mache einfach nichts. Und bevor ich auf die Bühne gehe, bete ich. Für die heilige Cäcilia, die Patronin der Musiker
und Künstler, und für den heiligen Blasius, Schutzheiliger für Halsleiden und Musiker“,
sagt er.
Und dann, zum Abschluß, sagt Placido Domingo noch etwas über die junge, nachfolgende Operngeneration, für die er 1993 den jährlichen und größten Gesangswett­
bewerb, die Operalia, gründete. „Es macht mich sehr glücklich, diese jungen Talente
zu fördern. Wenn ich mit ihnen arbeite, möchte ich ihnen Impulse geben.“ Er meint,
wer auf der Bühne stehe, singe für das Publikum, das dann für eine kurze Zeit seine
Sorgen vergessen möge. Placido Domingo: „Ich möchte das Publikum weinen oder
­lachen sehen.“
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Renate Behle
„Eine Wagnersängerin von Jubelformat“ (Die Welt)
„She can produce every Wagnerian effect from dulcet velvety tones
to clarion outbursts of passion“ (Daily News)
Renate Behle hat viele Jahre als eine der führenden dramatischen Sopranistinnen
das Wagner- und Strauss-Repertoire auf den Opernbühnen der Welt geprägt. Seit 2007
ist sie – der „Sonderfall einer Wagner-Heroine mit Herz und Intellekt“ (Kölner Stadt­
anzeiger) – als dramatischer Mezzosopran international tätig.
Über anderthalb Jahrzehnte zählte Renate Behle weltweit zu den bedeutendsten
­Interpretinnen im dramatischen Fach. Mit ihrer „warmen, üppigen, großzügigen
­Stimme“, deren „Klang sich ins Gedächtnis einbrennt“ (Financial Times), begeisterte
sie Publikum und Presse auf nahezu allen bedeutenden Opernbühnen dieser Welt.
Im Laufe ihrer mittlerweile über vier Jahrzehnte währenden Karriere hat Renate
Behle eine außergewöhnliche stimmliche Vielseitigkeit bewiesen. Angefangen hat sie
ihre Gesangslaufbahn als lyrischer Mezzosopran. Nach ihrem Studium in Graz und
Rom war Renate Behle zwei Jahre am Badischen Staatstheater Karlsruhe beschäftigt.
Um nach der Geburt ihres Sohnes mehr Zeit für ihre Familie zu haben, wechselte sie
1974 als 1. Alt in den Chor des Norddeutschen Rundfunks. Fünf Jahre später folgte eine
Verpflichtung als Lyrischer Mezzosopran ans Musiktheater im Revier Gelsenkirchen.
1982 wurde sie an die Niedersächsische Staatsoper Hannover engagiert, wo sie
trotz ständig wachsender internationaler Bekanntheit 15 Jahre lang Ensemblemitglied
blieb – eine wichtige Zeit der Entwicklung, in der sie sich ein weitgespanntes Repertoire aus Partien von Hänsel bis Eboli erarbeiten konnte. 1987 wurde sie zur Kammersängerin ernannt.
Im selben Jahr leitete sie – nachdem sie zuletzt Partien wie Adalgisa (Norma) und
Adriano (Rienzi) gesungen hatte – einen Fachwechsel ein. Zunächst übernahm sie
­Aufgaben des jugendlichen Sopranfachs wie Sieglinde, Ariadne und Marschallin
(„Da schwebt die Behle auf einem Klangpolster und die Zuhörer halten den Atem an,
um nichts zu versäumen von den Zwischentönen“, Hannoversche Allgemeine), wenig
später kamen die großen dramatischen bis hochdramatischen Partien wie Leonore
(Fidelio), Isolde und Brünnhilde hinzu.
Der Durchbruch für ihre internationale Karriere ereignete sich 1991, als Renate
Behle in der Titelpartie von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk an der Hamburgischen Staatsoper einsprang. Seitdem führten sie Auftritte an die bekanntesten
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Renate Behle in der Uraufführung von Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexiko“
(Staatsoper Hamburg, 1991)
Opernhäuser und Festivals der Welt: Sie sang die Leonore an der Metropolitan Opera
in New York, an der Wiener Staatsoper, an der Hamburgischen Staatsoper, an der
Dresdner Semperoper und bei den Salzburger Festspielen. Sie interpretierte die Isolde
in Los Angeles, Houston (hier unter der Leitung von Christoph Eschenbach), Dresden
und Savonlinna. Als Salome trat sie an der Mailänder Scala, in Dresden und Buenos
Aires auf. Viele weitere deutsche und italienische Partien gehörten und gehören zu
­ihrem Repertoire, beispielsweise Senta, Sieglinde, Brünnhilde, Ariadne, Marschallin
(u. a. in Hamburg unter Christian Thielemann), Chrysothemis (u. a. unter Peter Schneider in München) und Färberin ebenso wie Fanciulla, Tosca und Verdis Lady Macbeth.
Über ihre Interpretation der letztgenannten Partie schrieb die Kölner Rundschau:
„Ihre Stimme wird perfekt geführt, besitzt das dunkle Timbre des ehemaligen Mezzos,
die feste Durchschlagskraft in der Höhe, die Beweglichkeit in den Koloraturen, wo der
Sopran quirlt und perlt wie Sekt.“
2007 nahm Renate Behle von diesem Repertoire Abschied und singt mittlerweile
vorwiegend Partien für dramatischen Mezzosopran wie beispielsweise Herodias und
Klytämnestra.
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Neben ihrem umfangreichen klassischen Repertoire widmete sich Renate Behle
von jeher mit großer Leidenschaft der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Die ersten
wesentlichen Aufgaben in diesem Bereich waren die Partie der Regine in der deutschen Erstaufführung von Rolf Liebermanns La Forêt (Der Wald) bei den Schwetzinger
Festspielen (1988; 1989 an der Oper Frankfurt) und die Kassandra in Aribert Reimanns
Troades. Eine besonders enge Zusammenarbeit verbindet sie mit Wolfgang Rihm,
von dem sie bislang drei bedeutende Werke zur Uraufführung brachte: Die Eroberung
von Mexico (Hamburgische Staatsoper, 1991, unter Ingo Metzmacher), Das Gehege
­(Bayerische Staatsoper, 2009, unter Kent Nagano) und Penthesilea Monolog für dramatischen Sopran und Orchester (Theater Basel, 2009/10). Außerdem sang sie die Hauptpartie in Dukas’ Ariane et Barbe-Bleue in Hamburg und New York und die Agaue in
Henzes Die Bassariden in Hamburg und München.
Eine Reihe von Einspielungen dokumentiert Renate Behles Gesangskunst. Auf
CD sind Zemlinskys Der Kreidekreis (musikalische Leitung: Stefan Soltesz), Spohrs
­Jessonda (Gerd Albrecht), Schumanns Genoveva (Gerd Albrecht), Schoecks Penthesilea
(Mario Venzago) und Rihms Die Eroberung von Mexico (Ingo Metzmacher) erschienen,
außerdem Beethovens Neunte Sinfonie (Michael Gielen). Auf DVD wurden zwei
­Stuttgarter Inszenierungen mit Renate Behle in Hauptpartien veröffentlicht: Fidelio
(musikalische Leitung: Michael Gielen, Regie: Martin Kušej) und Die Walküre (Lothar
Zagrosek, Christof Nel).
Die gebürtige Österreicherin lebt seit 1971 in ihrer Wahlheimatstadt Hamburg,
wo sie von 2000 bis 2010 an der Hochschule für Musik und Theater eine Professur für
Gesang innehatte.
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Salon IV
Donnerstag, 5. Juli 2012
Zwischen Alster und Elbe (und Bille)
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Die Alster (1757)
Ertönt, ihr scherzenden Gesänge,
Aus unserm Lustschiff um den Strand!
Den steifen Ernst, das Wortgepränge
Verweist die Alster auf das Land.
Du leeres Gewäsche,
Dem Menschenwitz fehlt,
O fahr in die Frösche;
Nur uns nicht gequält!
Befördrer vieler Lustbarkeiten,
Du angenehmer Alsterfluß!
Du mehrest Hamburgs Seltenheiten
Und ihren fröhlichen Genuß.
Dir schallen zur Ehre,
Du spielende Fluth!
Die singenden Chöre,
Der jauchzende Muth.
Der Elbe Schifffahrt macht uns reicher;
Die Alster lehrt gesellig seyn!
Durch jene füllen sich die Speicher;
Auf dieser schmeckt der fremde Wein.
In treibenden Nachen
Schifft Eintracht und Lust,
Und Freyheit und Lachen
Erleichtern die Brust.
Das Ufer ziert ein Gang von Linden,
In dem wir holde Schönen sehn,
Die dort, wann Tag und Hitze schwinden,
Entzückend auf- und niedergehn.
Kaum haben vorzeiten
Die Nymphen der Jagd,
Dianen zur Seiten,
So reizend gelacht.
O siehst du jemals ohn Ergetzen,
Hammonia! des Walles Pracht,
Wann ihn die blauen Wellen netzen
Und jeder Frühling schöner macht?
Wann jenes Gestade,
Das Flora geschmückt,
So manche Najade
Gefällig erblickt?
Hier lärmt, in Nächten voll Vergnügen,
Der Pauken Schlag, des Waldhorns Schall;
Hier wirkt, bei Wein und süssen Zügen,
Die rege Freyheit überall.
Nichts lebet gebunden,
Was Freundschaft hier paart.
O glückliche Stunden!
O liebliche Fahrt!
Friedrich von Hagedorn (1708–1754)
Man siehet jetzt fast über all mit Haufen / Viel bunte Käferchen, gefärbte kleine Fliegen / Zu unsrer Augenlust ein Leben kriegen / Und in dem Gras, auf Kraut und Blumen laufen. […]
Wie manche Art von Wespen und von Bienen / Erblicket man in dem beblümten Grünen! / Die Hummel fliegt mit Brummen hin und her; / Ihr Körper scheinet in sich schwer, / Als wenn er in der Luft ein kleiner Bär / Mit Flügeln wär.
Barthold Hinrich Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott
Kirsch-Blühte bey der Nacht
Ich sahe mit betrachtendem Gemüthe
Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blühte,
In kühler Nacht beym Mondenschein;
Ich glaubt’, es könne nichts von größrer
Weisse seyn.
Es schien, ob wär’ ein Schnee gefallen.
Ein jeder, auch der klein’ste, Ast
Trug gleichsam eine schwere Last
Von zierlich weissen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nemlich
jedes Blatt,
Indem daselbst des Mondes sanftes Licht
Selbst durch die zarten Blätter bricht,
So gar den Schatten weiß und sonder
Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
Was weissers ausgefunden werden.
Indem ich nun bald hin und her
Im Schatten dieses Baumes gehe;
Sah’ ich von ungefähr
Durch alle Blumen in die Höhe,
Und ward noch einen weissern Schein,
Der tausend mal so weiß, der tausend mal
so klar,
Fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blühte Schnee schien schwarz zu seyn
Bey diesem weissen Glanz. Es fiel mir ins
Gesicht
Von einem hellen Stern ein weisses Licht,
Das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich am Irdischen ergetze,
Dacht’ ich, hat Gott dennoch weit größre
Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
Kann mit der himmlischen doch nicht
verglichen werden.
Barthold Hinrich Brockes (1680–1747)
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Felicitas Kukuck
Illustration zu Brockes Irdisches Vergnügen in Gott (erste Hälfte 18. Jh.)
Felicitas Kukuck, geb. Cohnheim, wurde
am 2. November 1914 in Hamburg geboren. Ihr Vater, Prof. Dr. med. Otto Cohnheim, und ihre Mutter Eva Cohnheim
förderten die künstlerische Entwicklung
von Felicitas von Kindheit an. 1916 änderte ihr Vater auf Wunsch seiner Mutter
seinen jüdischen Namen in Kestner um.
Felicitas besuchte die Lichtwarckschule, die bis zur Machtergreifung der
Nationalsozialisten Wert auf eine welt­
offene Kulturkunde und Erziehung zu
selbständigem Denken und Urteilen gelegt hatte, bis zum Jahre 1933. Ihr Abitur
machte sie 1935 im Landschulheim der
Odenwaldschule.
An der Berliner Musikhochschule
­studierte Felicitas zunächst Klavier und
Querflöte. 1937 bestand sie die Privatmusiklehrerprüfung für Klavier, bekam
jedoch sogleich Unterrichtsverbot
Felicitas Kukuck, ca. 1950
­wegen ihrer teiljüdischen Abstammung.
Bei Paul Hindemith studierte sie bis
zu dessen Emigration nach Amerika
Komposition. 1939 schloss sie ihr Musikstudium mit der künstlerischen Reifeprüfung für Klavier ab.
Dass sie nicht von den Nazis ermordet wurde, verdankt sie Dietrich Kukuck, der
­Felicitas 1939 heiratete. Er fand einen vernünftigen Standesbeamten, dem er mutig
und entschlossen eine „astreine“ Geburtsurkunde mit dem Namen Kestner vorlegte.
1940 wurde ihr erster Sohn Jan geboren.
Felicitas Kukuck hat sich in der Nazizeit, vor allem als Komponistin, nie entmutigen
lassen. In Berlin war ihre teiljüdische Herkunft unbekannt. Sie nahm eine Jüdin bei
sich auf. Die rettende Bleibe brannte 1945 am 3. Mai, dem letzten Kriegstag in Berlin,
nieder. Während ihr Sohn Jan mit der „Aktion Storch“, die die Engländer für die hungernden Kinder organisierten, im Oldenburger Land war, siedelte Felicitas Kukuck
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1945 mit einem Flüchtlingstransport nach Hamburg um. 1946 wurden dort ihre
Zwillin­ge Margret und Irene geboren. 1948 zog sie mit ihrer Familie nach HamburgBlankenese, wo ihr jüngster Sohn Thomas geboren wurde.
Ihr Kompositionslehrer Paul Hindemith hat Felicitas Kukuck nachhaltig beeinflusst.
Sein Bekenntnis zur ethischen Verpflichtung des Komponisten ist für sie richtungweisend geworden. Die konkreten Bedingungen einer Aufführung, d. h. den Anlass, das
Können der Ausführenden, das Publikum, den Ort bereits bei der Komposition selbst
zu berücksichtigen, ist für sie nie eine Einengung, sondern eine musikalische Herausforderung gewesen. Wie für Hindemith bestimmen Techniken wie die übergeordnete
Zweistimmigkeit und harmonisches Gefälle sowie Sekundbrücken ihren Komposi­
tionsprozess.
In über sechs Jahrzehnten hat Felicitas Kukuck neben Instrumentalwerken eine
­reiches Werk geistlicher und weltlicher Vokalmusik geschaffen und dabei einen sehr
eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelt. Von herausragender Bedeutung für die
Komponistin war die freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Lektor des Möseler
Verlages und Leiter des Norddeutschen Singkreises, Gottfried Wolters . Aus ihrem umfangreichen Werkverzeichnis seien zwei Oratorien und zwei Kirchenopern erwähnt:
Das kommende Reich, Uraufführung 1953 in Hamburg, Der Gottesknecht, Uraufführung 1959 in Hamburg und Berlin, Der Mann Mose, Uraufführung 1986 in Hamburg
und 1989 beim Evangelischen Kirchentag in Berlin wiederaufgeführt, und Ecce Homo,
Uraufführung 1991 in Hamburg. Mit ihrem eigenen „Kammerchor Blankenese“ hob
Felicitas Kukuck beide Stücke in der Blankeneser Kirche aus der Taufe.
In ihren neuesten Werken setzt sich Felicitas Kukuck mit existenziellen Fragen unserer Zeit – mit Krieg und Frieden, mit Auschwitz, Hiroshima und Tschernobyl – aus­
einander. Im Gedenken an die atomare Vernichtung von Hiroshima und Nagasaki wurde am 11. August 1995 im Rahmen einer Weltfriedenswoche in Hamburg ihre Kantate
Und es ward: Hiroshima. Eine Collage über Anfang und Ende der Schöpfung in der
Turmruine St. Nikolai, die heute ein Mahnmal ist, uraufgeführt.
Anlässlich der 800-Jahrfeier der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai 1995 entstand
die szenische Kantate Wer war Nikolaus von Myra? Wie ein Bischof seine Stadt aus einer
Hungersnot rettete und vor Krieg bewahrte. Aus den Schlussworten der Kantate spricht
die Überzeugung der Komponistin, für die der Frieden in der Welt und zu Hause ein
höchstes Gut ist: „Möge Nikolaus behüten / unsere Freunde in der Fremde / und die
Fremden in der Stadt.“ Die Kantate wurde am 3. Dezember 1995 von drei Chören in
der Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern uraufgeführt.
1996 entstanden unter dem Titel Und kein Soldat mehr sein zehn Lieder gegen
den Krieg, die anläßlich des Anti-Kriegstages am 1. September im Monsun-Theater
­uraufgeführt wurden. Ich bin in Sehnsucht eingehüllt ist der Titel ihrer jüngsten Veröffentlichung (1999) von sieben Klavierliedern auf Gedichte eines jüdischen Mädchens
an ihren Freund. Es sind Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, die achtzehnjährig
in einem Konzentrationslager starb.
Die Freie und Hansestadt Hamburg ehrte Felicitas Kukuck 1989 für ihre Verdienste
um Kunst und Kultur in Hamburg mit der Biermann-Ratjen-Medaille und verlieh ihr
1994 für ihre Verdienste um das Hamburgische Musikleben und als Auszeichnung für
hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Musik die Johannes Brahms-Medaille .
Auch im Alter von 86 Jahren komponierte Felicitas Kukuck noch täglich. Ständig war
sie auf der Suche nach guten Texten, denn es waren, wie sie selbst einmal sagte, „die
Worte“, die sie „entzünden“. Sie starb am 4. Juni 2001.
Margret Johannsen
Felicitas Kukuck mit ihrem Lehrer Paul Hindemith in Berlin, 1937
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Hamburg im Fahrtwind
Man macht sich auf dich
so leicht keinen Reim,
man tanzt an der Elbe auch nicht
in den Himmel hinein.
Du hältst dich bedeckt
und bist doch so frei:
Was kostet die Welt? Mit ‚nem Scheck
bist du immer dabei.
Hamburg im Fahrtwind
geht die Puste nie aus.
Hamburg im Fahrtwind,
hier bin ich zu Haus.
Hamburg im Fahrtwind,
Hamburg im Fahrtwind,
sturmerprobt und wetterfest,
Start und Ziel für Ost und West.
Du hältst deinen Kurs
bei Ebbe und Flut.
Egal ob ‚ne Baisse oder Hausse
Hamburg, mach’ s gut.
Hamburg im Fahrtwind
geht die Puste nie aus.
Hamburg im Fahrtwind,
hier bin ich zu Haus.
Hamburg im Fahrtwind,
Hamburg im Fahrtwind,
Kaufmannsvolk und Schipperslüd,
Start und Ziel für Nord und Süd.
Hamburg im Fahrtwind
geht die Puste nie aus.
Hamburg im Fahrtwind,
hier bin ich zu Haus.
Margret Johannsen
Gutachten von Paul Hindemith für seine Schülerin Felicitas Kestner,
vom 28. Dezember 1938
In Hamburg heißen alle Möwen Emma
1.
In Hamburg hängt der Himmel nicht voll
Geigen,
doch manchmal ist er sogar am Sonntag
blau.
Wenn dann vom Elbstrand Drachen steigen,
fliegt Emma ihre Sonntagssonderschau.
In Hamburg heißen alle Möwen Emma.
So heißen Möwenfrau und Möwenmann.
In Hamburg ist sowas kein Dilemma:
Hier kommt es auf die wahren Werte an.
2.
Hier kämmt man sich in himmelgrauen
Pfützen
und föhnt sich frau das Haar im Gegenwind,
und Rentner zieh’n in Schippermützen
für Emma aus der Alster Butt und Stint.
In Hamburg heißen alle Möwen Emma.
So heißen Möwenfrau und Möwenmann.
In Hamburg ist sowas kein Dilemma:
Hier kommt es auf die wahren Werte an.
3.
In Hamburg bläst der Wind zumeist aus
Westen,
bei Ostwind trifft man sich mit frau am
Strand,
und was sie übrig lassen von den Festen,
pickt sich die Möwe Emma aus dem Sand.
In Hamburg heißen alle Möwen Emma.
So heißen Möwenfrau und Möwenmann.
In Hamburg ist sowas kein Dilemma:
Hier kommt es auf die wahren Werte an.
Margret Johannsen
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Fünfzig Jahre
In Hamburg sagt man Prost
Ich halte still auf meiner Fahrt
Und schaud’re, dass ich fünfzig ward.
Ich dachte, dass auf Erden
Bloß andere fünfzig werden.
Die Welt vertost, die Ahnung spricht:
So stirbt man einst und glaubt es nicht.
1.
An einem blauen Sonntag in Hamburg an
der Elbe,
da fuhren Hein und Fiete mit ‚m Kutter auf
dieselbe.
Geladen hatten Hein und Fiete nur vom
Besten,
der Wind kam aus Südosten und sie fuhren
nach Nordwesten.
Fiete hielt das Steuer und Hein, der hielt die
Buddel.
Sie nahmen Kurs auf Stade, doch da gab’s
ein Kuddelmuddel:
Aus der grauen Suppe kam ein
ausgeflaggter Tanker,
Fiete hielt drauf zu, und bei Tonne 100 sank
er.
Alfred Kerr (1867–1948)
Sterbelied
Lass wenn ich tot bin, Liebste
Lass du von Klagen ab.
Statt Rosen und Zypressen
wächst Gras auf meinem Grab.
Ich schlafe still im Zwielichtschein,
in schwerer Dämmernis.
Und wenn du willst gedenke mein,
und wenn du willst vergiss.
Ich fühle nicht den Regen,
ich seh’ nicht ob es tagt.
Ich höre nicht die Nachtigall,
die in den Büschen klagt.
Vom Traum erweckt mich keiner,
die Erdenwelt verblich.
Vielleicht gedenk ich deiner,
vielleicht vergaß ich dich.
Alfred Kerr (1867–1948)
In der Frühe
Goldstrahlen schießen übers Dach,
Die Hähne krähn den Morgen wach;
Nun einer hier, nun einer dort,
So kräht es nun von Ort zu Ort.
Und in der Ferne stirbt der Klang Ich höre nichts, ich horche lang.
Ihr wackern Hähne, krähet doch!
Sie schlafen immer, immer noch.
Theodor Storm (1817–1888)
Meeresstrand
Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmerung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen –
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
Theodor Storm (1817–1888)
Refrain: Junge, roll ein Faß an Bord!
Bei 53° N (gesprochen: dreiundfünfzig
Nord)
und 10° O (gesprochen: zehn Grad Ost)
In Hamburg sagt man Prost.
2.
Bei Glückstadt war die Buddel leer, die
Kehlen waren trocken,
da muß ‚ne neue Ladung her, rief Fiete
unerschrocken.
In ihrem Elend enterten sie einen Italiener
und löschten ihren Brand mit Vino Rosso
im Container.
So schafften sie Brunsbüttel und wollten
durch die Schleuse,
doch da entdeckte Hein in seiner Koje
weiße Mäuse.
Ins Deck und in die Planken schlugen sie
die spitzen Zähne,
da stellte Fiete Schiff und Mannschaft unter
Quarantäne.
Refrain: Junge, roll ein Faß an Bord!
Bei 53° N (gesprochen: dreiundfünfzig
Nord)
und 10° O (gesprochen: zehn Grad Ost)
In Hamburg sagt man Prost.
3.
Sie trieben weiter Richtung West, der Wind
war eingeschlafen,
und landeten zu guter Letzt doch
schließlich in Cuxhaven.
Da luden sie zwei Ladies an Bord von ihrem
Kutter,
die hatten eines nur im Sinn, und das war –
was wohl? – Butter!
Dann fuhr’n sie los nach Helgoland, doch
sind nie angekommen,
sie haben dort auf hoher See ‚n neuen Kurs
genommen.
Ja, das ist die Geschichte von zwei Männern
aus dem Norden,
zuletzt sind sie im Hafen von Shanghai
gesichtet worden.
Refrain: Junge, roll ein Faß an Bord!
Bei 53° N (gesprochen: dreiundfünfzig
Nord)
und 10° O (gesprochen: zehn Grad Ost)
In Hamburg sagt man Prost.
Margret Johannsen
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Tipps zum Lesen
Marie-Agnes Dittrich, Musikstädte
der Welt: Hamburg. Hamburg 1990.
Rüdiger Thomsen-Fürst, Hamburg
­ usikalisch: Spurensuche in der Neum
stadt. Hamburg 2000.
Birgit Kiupel, Zwischen Krieg, Liebe
und Ehe. Studien zur Konstruktion von
Geschlecht und Liebe in den Libretti
der Hamburger Oper am Gänsemarkt
(1678–1738). Freiburg/Breisgau 2010.
Hermann Rauhe, Musikstadt Hamburg.
Eine klingende Chronik. (Buch mit 7 CDs).
2. Aufl. Hamburg 2010.
Birgit Kiupel, Kirsten Reese, Cornelia
Geissler, Dienstmädchen auf der
­Opernbühne des 18. Jahrhunderts,
MUGI (Musikvermittlung und Genderforschung), Hochschule für Musik und
Theater. Hamburg 2005.
http://mugi.hfmt-hamburg.de/dienstmaedchen/
Cordula Sprenger, Felicitas Kukuck als
Komponistin von Solo- und Chorliedern.
Tectum Verlag 2008.
MUSICA SACRA HAMBURGENSIS
Die elfteilige klingende Denkmäler-Reihe Musica sacra Hamburgensis 1600–1800
möchte ein nachhaltiges Interesse für diese Glanzzeit der Hamburger Kirchenmusik
wecken. Anhand exemplarisch ausgewählter, oftmals unbekannter Kompositionen,
dargeboten von renommierten Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik, sollen die
Vielfalt wie auch manche Besonderheiten der in Hamburg entstandenen Kirchenmusik von der frühen Neuzeit an bis zur beginnenden Romantik vermittelt werden. Die
Reihe wurde von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius initiiert. Beratende Unterstützung erfuhr sie von Seiten der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, weitere Kooperationspartner waren Deutschlandradio Kultur sowie das Klassiklabel cpo.
Tipps zum Hören
Musica Sacra Hamburgensis 1600–1800
Wiederentdeckungen Hamburger Kirchen­
musik 1600–1800. Hrsg. von der ZEITStiftung Ebelin und Gerd Bucerius. CPO.
Felicitas Kukuck: Von den Anfängen
bis zum Spätwerk. Doppel-CD.
Gespräche mit Felicitas Kukuck über
die Musik. Von ihren musikalischen
Anfängen in der Kindheit bis zu ihrem
80. Lebensjahr.
Bezug beider CDs über
[email protected]
Übersicht der erschienenen CDs unter:
www.zeit-stiftung.de
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Impressum
Textnachweise
Texte (wenn nicht anders angegeben) und Redaktion:
Prof. Dr. Beatrix Borchard, Dr. Bettina Knauer
Gestaltung: Veronika Grigkar (grigkar.de)
Druck: diedruckerei.de
Salon I
Zu Gast im Budge Palais. S. auch: Hanns-Werner Heister (Hrsg.),
Kunsträume Studium Innenansichten. 50 Jahre Hochschule für
Musik und Theater Hamburg. Hamburg 2000
(www.hfmt-hamburg.de/hochschule/historie/das-budge-palais).
Gudrun Föttinger, Ottilie Metzger-Lattermann, MUGI (Musik­
vermittlung und Genderforschung), Hochschule für Musik und
Theater (http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.
php?id=metz1878).
Rollenverzeichnis Ottilie Metzger-Lattermann erstellt von
Raika Simone Maier
Peter Kahn, Das Budgehaus am Harvestehuder Weg. In:
Charlotte Ueckert-Hilbert (Hrsg.), Fremd in der eigenen Stadt.
Erinnerungen jüdischer Emigranten aus Hamburg. Hamburg
1989.
Bildnachweise
sofern nicht im Text angegeben:
Salon I
S. 10 Budge-Palais, Fanny-Hensel-Saal (Torsten Kollmer)
S. 13 Portraits Emma und Henry Budge (Hochschule für Musik und
Theater Hamburg)
S. 14 Paul Hindemith und sein Quartett (www.wikipedia.de)
S. 15 Ottilie Metzger-Lattermann als Carmen – MUGI (Musikvermittlung und Genderforschung), Hochschule für Musik und
Theater (http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.
php?id=metz1878)
S. 18 Ottilie Metzger-Lattermann
(Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth)
S. 19 Stolpersteine (Torsten Kollmer)
S. 20 Siegfried Budge (Universitätsarchiv Frankfurt a. M.)
S. 21 Ella Budge (Privatarchiv Wolf Kahn)
Salon II
S. 31 Zeichnung von Birgit Kiupel, Die Opernchefin Madame
Kayserin privat
S. 37 Georg Philipp Telemann, Kupferstich von Georg Lichtensteger
(www.wikipedia.de)
S.45 Giebichenstein (www.wikipedia.de)
S.46 Furore-Verlag, Von Goethe inspiriert. Lieder von
Komponistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts
Salon III
S. 49 Anneliese Rothenberger als Lulu
(www.annelieserothenberger.ch)
S. 50 Franz Liszt 1858 (Fotografie Franz Hanfstaengl,
www.wikipedia.de)
S. 55 Archiv des Hamburger Abendblatts
S. 58 Placido Domingo, Autogrammkarte
(www.cs.princeton.edu/~san/domingo28.jpg)
S. 62 Renate Behle/Hamburgische Staatsoper
Salon IV
S. 65 Hans Albers (dradio.de)
S. 68 Illustration zu B. H. Brockes Irdisches Vergnügen in Gott
(www.wikipedia.de)
S. 69/70 Felicitas Kukuck (www.felicitaskukuck.de)
Salon II
Birgit Kiupel, Die Hamburger Gänsemarktoper. S. auch Birgit
Kiupel, Dienstmädchen auf der Opernbühne. Multimediale
Präsentation. MUGI (Musikvermittlung und Genderforschung),
Hochschule für Musik und Theater (http://mugi.hfmt-hamburg.
de/dienstmaedchen/).
Birgit Kiupel, Mattheson gegen Händel: Sie waren Helden (!?).
Zuerst erschienen in: Journal, das Magazin der Hamburgischen
Staatsoper 2011/12 September, Oktober.
Ellen Freyberg, Louise Reichardt. MUGI (Musikvermittlung und
Genderforschung), Hochschule für Musik und Theater (http://
mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=reic1779).
Salon III
Archiv Hamburger Abendblatt
Salon IV
Margret Johannsen über Felicitas Kukuck (www.felicitaskukuck.de)
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Eine Veranstaltungsreihe der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
unter Leitung von Prof. Dr. Beatrix Borchard
in Kooperation mit Dr. Bettina Knauer und Prof. Marc Aisenbrey
Fanny-Hensel-Saal
der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
Harvestehuder Weg 12 (Eingang Milchstraße)
20148 Hamburg
www.hfmt-hamburg.de
Gefördert durch
die ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und
die Gerhard Trede-Stiftung
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