Ein neues Leben ohne Herzschlag - Klinikum der Universität München

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Münchner Merkur Nr. 260 | Montag, 11. November 2013
STIEFS SPRECHSTUNDE
Leben
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Ein neues Leben ohne Herzschlag
Bluthochdruck, ein
Infarkt, eine Infektion:
Die Ursachen für akute
Herzschwäche sind
vielfältig. Bei Franz R.
war eine kranke Mitralklappe schuld, dass sein
Herz versagte. Eine
Titanpumpe in seiner
Brust ermöglicht ihm
heute ein neues Leben.
des Körpers brach langsam
zusammen. Eine erneute Operation würde nicht helfen,
Medikamente nützten kaum
mehr. „Man spricht von einer
ausgebrannten
Klappenerkrankung“, sagt Hagl.
Schließlich war Franz R. zu
schwach, auch nur das Bett zu
verlassen. In der Klink unterstützten Maschinen seinen
Kreislauf. Doch die Ärzte
wollten noch nicht aufgeben.
Sie nahmen Kontakt mit den
Experten in Großhadern auf.
Hier gibt es ein Spezialzentrum für Herztransplantationen und auch Herzunterstützungssysteme. Der Leiter Dr.
Ingo Kaczmarek untersuchte
Franz R. in Harlaching – und
schlug einen Transport in die
Uniklinik vor. Möglich machte das ein hochmodernes Ge-
VON SONJA GIBIS
Als die Sprechstundenhilfe
Franz R.s Blutdruck messen
wollte, erschrak sie. „Da war
keiner“, erzählt der 69-Jährige
und lacht. Auch Puls konnte
sie keinen messen. Herzchirurg Prof. Christian Hagl legt
seine Finger auf das Handgelenk seines Patienten. „Tatsächlich! Kein Puls mehr“,
sagt der Direktor der Herzchirurgischen Klinik in Großhadern. Dennoch sitzt Franz R.
vor ihm und erzählt lebhaft.
Möglich macht das eine
kleine Pumpe aus Titan in seiner Brust – und eine schwarze
Tasche, die Franz. R. immer
über seiner Schulter trägt. Darin steckt seine Lebensversicherung: Ein Akku versorgt
über ein Kabel, das in seinen
Bauch führt, sein Herz mit
Energie. Eine zweiter, ebenfalls immer in das Steuerungssystem eingesteckt, dient als
Ersatz. Ein Ausfall wäre tödlich. „Doch es geht mir großartig gut“, sagt er.
Prof. Dr. Christian Stief
Als Chefarzt im Münchner
Klinikum Großhadern erlebe ich täglich , wie wichtig
medizinische Aufklärung
ist. Meine Kollegen und ich
(www.facebook.de/UrologieLMU) möchten den Lesern daher jeden Montag ein
Thema vorstellen, das für ihre Gesundheit von Bedeutung ist. Thema heute sind
Herzunterstützungssysteme.
Experte des Beitrags ist Prof.
Christian Hagl, Direktor der
Klinik für Herzchirurgie des
Klinikums Großhadern der
Universität München.
Akute Herzschwäche:
Franz R. wartete
bereits auf den Tod
Vor zweieinhalb Jahren
hatte Franz R. sich das kaum
vorstellen können. Im Klinikum Harlaching dämmerte er
auf der Intensivstation dahin.
Zuerst versagten die Nieren,
dann die Leber. Franz R. erinnert sich nur lückenhaft an die
Zeit. Doch weiß er noch, dass
er auf den Tod wartete. „Ich
dachte, das wird nichts mehr.“
Dabei hatten die Probleme
ohne Vorwarnung begonnen:
Im Sommer 2009 fühlte sich
Franz. R. noch fit, half seiner
Tochter beim Umzug. „Ich
war auf der Höhe meiner Leistungskraft“, erzählt er. Doch
plötzlich, auf einer Urlaubsreise im Herbst, fühlte der
Rentner sich schwach. „Ich
dachte, es wäre eine Sommergrippe“, sagt er. Doch die
wollte einfach nicht wieder
vergehen. Im Gegenteil: Bald
ging ihm schon nach ein paar
Treppenstufen die Luft aus.
Seine Frau schickte ihn
Herzchirurg Prof. Christian Hagl zeigt, wo das Kunstherz im Körper sitzt.
schließlich zum Hausarzt.
Beim Blick auf das Röntgenbild sagte er: „Sie haben ein
Riesenherz!“ – und überwies
ihn sofort zum Kardiologen.
Rasch war klar: Franz R.
machten keine Viren zu schaffen. Die Ursache für die Erschöpfung war das Herz. Die
Mitralklappe schloss nicht
richtig. „Die Herzklappen
funktionieren wie Rückflussventile“, erklärt Hagl. Das
Blut kann durchströmen, aber
nicht zurück. Durch die Mitralklappe strömt das Blut vom
linken Vorhof in die linke
Herzkammer. Von dort aus
wird es durch die Aorta, die
Hauptschlagader, in den Körper gepumpt. Ist die Klappe
undicht, entsteht ein Rück-
strom. „Das Herz kann das
lange ausgleichen“, sagt Hagl.
Und zwar, indem es stärker
pumpt. Für das Organ ist das
aber Hochleistungssport. Der
Herzmuskel wird dicker, das
Herz größer. Doch das lässt
auch das Leck im Rückflussventil größer werden. „Ein
Teufelskreis“,
sagt
Hagl.
Schließlich kommt es zu Beschwerden – und das oft innerhalb recht kurzer Zeit. Zu
wenig sauerstoffreiches Blut
gelangt in Organe und Muskeln. Die Betroffenen fühlen
sich erschöpft. Typisch für eine solche Herzinsuffizienz ist
Atemnot bei Belastung.
Darunter litt auch Franz R.
Sein Kardiologe in Agatharied
sah nur noch einen Weg: eine
FOTO: OLIVER BODMER
Operation – und das rasch.
Franz R. kam in die Herzchirurgische Klinik in Großhadern, damals geleitet von Prof.
Bruno Reichart. Bei der Operation durchtrennten die Chirurgen das Brustbein und legten das Herz still. Seine Funktion übernahm während des
Eingriffs eine Herz-LungenMaschine. Reichart versuchte, die defekte Herzklappe zu
rekonstruieren – mit Erfolg.
Nach der OP im Januar
folgte die Reha. Franz R. ging
es wieder besser, doch nur vorübergehend. Schon ein Jahr
später begannen Atemnot und
Erschöpfung von neuem.
„Der Herzmuskel war einfach
schon zu überlastet“, sagt
Hagl. Die Energieversorgung
rät, entwickelt von der Kardiotechnik in Großhadern:
Eine transportable Herz-Lungen-Maschine, nur zehn Kilo
schwer.
Nach gründlichen Untersuchungen war klar: Ein Herzunterstützungssystem könnte
Franz R. helfen. Das nur 160
Gramm schwere Gerät wird
unten in die Herzspitze eingesetzt. „Es reicht aber nicht, eine Pumpe einzusetzen“, sagt
Hagl. Möglich macht so einen
Eingriff nur ein Team aus Experten verschiedener medizinischer
Fachrichtungen.
Denn Patienten, die ein
Kunstherz erhalten, sind
meist bereits extrem geschwächt, Organe haben versagt, Wasser hat sich in Bauch
und Lungen angesammelt, die
Blutgerinnung ist gestört. Sie
müssen beatmet werden, zudem ist die Infektionsgefahr
hoch. Denn nach dem Eingriff
verlässt ein Kabel den Körper
des Patienten, die Driveline.
Über sie wird das Kunstherz
mit Energie versorgt. „Die Patienten hätten sonst keine
Chance“, sagt Hagl. Mit dem
künstlichen Herzen können
sie wieder eine recht gute Lebensqualität erreichen.
Doch zuvor wartet eine
schwere Zeit auf sie. Ständig
müssen Entscheidungen getroffen werden, etwa welche
Therapie ethisch noch zu verantworten ist. „Das geschieht
stets in engem Kontakt mit
den Angehörigen“, sagt Hagl.
Als Franz R. in den OP-Saal
gefahren wurde, dachte er:
„Ich hätte mich verabschieden sollen.“ Doch alles ging
gut. Die Organe erholten sich,
nach einer Woche kann er die
Intensivstation
verlassen.
„Die Schwestern waren rührend“, erzählt er. Doch einige
Monate später – ein Rückschlag. Wieder fühlte sich
Franz R. erschöpft. Er hatte eine Blutvergiftung. Die Ärzte
versuchten, sie mit Antibiotika in den Griff zu bekommen.
Aber das war schwierig. „Infizierte Implantate sind ein großes Problem“, sagt Hagl. Die
Keime versteckten sich in Gewebetaschen. Die Ärzte vermuteten, dass nicht das
Kunstherz, sondern ein implantierter
Defibrillator
schuld sein könnte. Dieser
wurde Franz R. bei der ersten
Nachts steckt Franz R.
sein Herz an das
Stromnetz an
OP eingesetzt – zur Sicherheit, falls das Herz zu flimmern beginnt. Die Ärzte entfernten ihn und setzten einen
neuen auf der anderen Seite
ein. Franz R. hatte Glück. Die
Infektion klang ab.
Seither lebt er gut mit seinem Herz aus Titan. Er nimmt
blutverdünnende
Medikamente ein, alle vier bis fünf
Stunden wechselt er den Akku. Der Ausgang der Driveline
muss regelmäßig neu verbunden werden, die Haut sorgfältig desinfiziert. „Meine Frau
macht das prima“, sagt Franz
R. Einkaufen in der Stadt?
Kein Problem. Spazierengehen? Auch das macht ihm
wieder Freude. Nachts bekommt das Herz Strom über
die Steckdose, bei langen Autofahrten über den Zigarettenanzünder. Franz R. spürt
den Puls des Lebens wieder –
und das ohne Herzschlag.
Neue Entwicklungen beim künstlichen Herzen
Das Herz ist der Motor des
menschlichen Körpers. Versagt er den Dienst, gibt es am
Ende nur noch eine Lösung:
ein neues Herz. Erlauben es
Alter und Gesundheitszustand des Patienten, gilt als
beste Therapie noch immer
die Transplantation eines
Spenderorgans. Doch diese
ist nur bei wenigen Patienten
möglich. Seit dem Organspendeskandal hat sich der ohnehin dramatische Mangel an
Spenderherzen weiter verschärft. „Für die Patienten ist
das eine Katastrophe“, sagt
Prof. Christian Hagl, Direktor
der Herzchirurgischen Klinik
in Großhadern.
Manchen kann die moderne Medizintechnik dennoch
helfen: Bei der Entwicklung
von Kunstherzen hat es in den
vergangenen Jahren große
Fortschritte gegeben. Sogenannte Herzunterstützungssysteme kommen heute nicht
nur zum Einsatz, wenn das
Herz völlig versagt. „Man
nützt die Möglichkeit immer
17
öfter schon früher“, sagt Hagl.
Sind die Patienten erst mal
schwerstkrank, haben etwa
bereits einige Organe versagt,
stehen ihre Chancen, den Eingriff zu überstehen, nicht sehr
gut. Eine rechtzeitige Therapie erhöht die Chancen auf
mehr Lebensqualität.
Früher kam ein Kunstherz
indes nur als äußerste Notlösung zum Einsatz, vor allem
um die Zeit bis zur Transplantation zu überbrücken. Die
Geräte waren so konstruiert,
dass sie das Herz möglichst
exakt nachahmten, vor allem
auch seinen Puls. „Man dachte, dass dies auch für die
Funktion der Organe notwendig ist“, sagt Hagl. Die Geräte
waren relativ groß und
schwer. Die Pumpe befand
sich deshalb oft außerhalb des
Körpers und war über mehrere Schläuche mit dem Gefäßsystem verbunden. Andere
Kunstherzen wurden zwar
implantiert, doch saßen sie
wegen ihrer Größe unterhalb
des Herzens im Bauchraum
Unterstützung für das kranke Herz: Eine implantierte Pumpe
aus Titan befördert permanent Blut in den Kreislauf. HEARTWARE
des Patienten. Betrieben wurden sie mit Druckluft.
Der Durchbruch kam, als
man sich von diesem Prinzip
abwandte. So erkannte man
einerseits, dass es oft ausreicht, die Funktion der lin-
ken Herzhälfte zu ersetzen.
Diese ist dafür zuständig, das
sauerstoffreiche Blut durch
den Körper zu pumpen. „Die
rechte Hälfte wird dann quasi
mitgenommen“, sagt Hagl.
Zwar gibt es auch Rechts-
Herz-Systeme. Doch werden
diese seltener benötigt und
sind auch weniger erfolgreich.
Zudem erkannte man, dass
es für den Körper nicht entscheidend ist, dass das Kunstherz einen Puls erzeugt. Neue
Systeme pumpen das Blut daher gleichmäßig durch den
Körper. Die modernen Geräte
sind viel kleiner und werden
nicht nur implantiert, um die
Zeit zur Transplantation zu
überbrücken. In manchen
Fällen unterstützen sie das
Herz vorübergehend, um ihm
Zeit zur Erholung zu geben.
Kommt eine Transplantation
nicht infrage, werden sie auch
als Dauertherapie eingesetzt.
Wie lange das möglich ist, ist
noch unklar. Manche Patienten leben allerdings schon einige Jahre lang mit einem
Kunstherz.
Auch das Kunstherz, das
Hagl Franz R. implantiert hat,
ist als Dauertherapie gedacht.
Um es einzusetzen, wird unten in die linke Kammer des
Herzens ein kleines Loch ge-
schnitten. Dort wird ein stabiler Ring eingesetzt und die
Pumpe darin befestigt. Diese
besteht aus einem zylinderförmigen Hohlraum, in dem ein
starkes Magnetfeld herrscht.
In diesem dreht sich schwebend im Blutstrom ein kleiner
Propeller. Das Blut wird so
gleichmäßig in den Körper befördert, bis zu zehn Liter pro
Minute.
Ein Problem ist derzeit
noch die externe Energieversorgung. Dazu führt ein Kabel
in den Körper des Patienten.
Die Zukunft sieht Hagl in
Kunstherzen, die durch Induktion mit Energie versorgt
werden können. Der Patient
trägt dazu eine Weste, die ein
Magnetfeld erzeugt. Das lädt
den Akku im Kunstherz auf.
„Das Problem ist derzeit noch
die Hitze, die dabei entsteht“,
sagt Hagl. Doch ist er überzeugt, dass auch dieses bald
gelöst werden wird.
sog
Leserfragen an Prof. Hagl:
[email protected]
HERZSCHWÄCHE
FRÜH ERKENNEN
Anzeichen für ein
schwaches Herz
Die Beschwerden beginnen oft scheinbar harmlos:
Ist man früher ohne Probleme die vier Stockwerke
zur Wohnung hinaufgestiegen, muss man plötzlich nach zwei Treppen
pausieren. Die Knöchel
sind geschwollen, denn
Wasser hat sich eingelagert. Wer so etwas bemerkt, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen. Denn:
Wird eine Herzschwäche
früh erkannt, kann man
den Verlauf meist deutlich
verlangsamen.
Die Zahl der Patienten, die
an einer Herzinsuffizienz
leiden, nimmt stark zu. Eine Ursache: Heute überleben mehr Menschen einen
Herzinfarkt. Dabei stirbt
oft Herzmuskelgewebe ab.
Nach dem Infarkt kann
sich eine Herzschwäche
entwickeln. Derzeit leiden
schätzungsweise zwei bis
drei Millionen Menschen
in Deutschland an Herzinsuffizienz. Beinahe 50 000
sterben jährlich daran.
Einer Herzschwäche geht
oft ein Infarkt voraus. DPA
Bluthochdruck
Eine häufige Ursache für
Herzschwäche ist zudem
Bluthochdruck.
Dieser
lässt sich zwar meist gut behandeln. Dennoch sind
viele Patienten schlecht
mit Medikamenten eingestellt. Das Herz steht dann
chronisch unter zu hohem
Druck. Das kann dazu führen, dass sich der Herzmuskel vergrößert und das
Herz schwächer wird. Zu
hoher Blutdruck ist zudem
Hauptursache der sogenannten
diastolischen
Herzschwäche.
Hierbei
verliert der Herzmuskel an
Elastizität – er versteift. Die
linke Herzkammer kann
nicht mehr genug Blut aufnehmen. Auch wenn das
Herz noch stark pumpt, gelangt dann weniger Blut in
den Körper.
Schadet dem Herzen: zu
hoher Blutdruck.
DPA
Herz-Ultraschall
Gut beurteilen lässt sich
das Herz bei einer Ultraschalluntersuchung, der
Echokardiografie. Sie lässt
etwa erkennen, wie dick
der Herzmuskel ist. Zu sehen sind so auch Defekte
der Herzklappen. Auch
das Elektrokardiogramm,
kurz EKG, gibt Hinweise,
etwa auf einen zurückliegenden Infarkt. Das Belastungs-EKG kann zeigen,
ob eine koronare Herzkrankheit vorliegt, also die
Herzkranzgefäße verengt
sind. Eine Röntgenaufnahme macht die genaue Herzgröße sichtbar und lässt erkennen, ob Flüssigkeit in
der Lunge ist. Auch das
Blut gibt Anhaltspunkte:
So findet sich bei Herzschwäche oft eine erhöhte
Konzentration eines bestimmten Eiweißes, des
NT-proBNP. Es kann daher als Biomarker verwendet werden.
sog
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