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1
André Chatelain 30.1.03
Eigene kurze Übersichtszusammenfassung
Soziologie
Einführungsstudium
1.Semester WiSo 2002/03
Kapitel 1, Die soziologische Perspektive
Fünf Schlüsselbegriffe:
Wie andere Wissenschaften benutzt die Soziologie spezifische Begriffe, um ihre
Analyse sozialer Phänomene zu organisieren und spezifische Gegenstände und
Probleme
in den Vordergrund zu rücken. Viele soziologische Begriffe und
Fachausdrücke sind in die Alltagssprache eingedrungen, wie etwa „peer-group“ und
Sozialisation, allerdings haben sie im soziologischen Kontext eine präzisere
Bedeutung. Wir führen im folgenden 5 soziologische Schlüsselbegriffe ein, die es uns
erlauben, die wichtigsten Dimensionen des sozialen Lebens zu erfassen.
1. Sozialstruktur:
Bezeichnet ein Muster von Beziehungen, Positionen und Mengen von Individuen.
Dieses Muster bildet das Grundgerüst der sozialen Organisation einer Population,
gleichgültig ob Gruppe od. Gesellschaft. Beziehungen entstehen, sobald Menschen
in relativ stabile Muster spezifischer Interaktionen (Ehen etc.) eintreten. Positionen
(Status) sind anerkannte Plätze im Netz sozialer Beziehungen.
2. Soziales Handeln:
Bezeichnet ein Verhalten, für das wir uns bewusst entscheiden, das also nicht
instinktiv oder reflexhaft ist. Wir sprechen von sozialem Handeln weil es sich auf
andere Menschen bezieht und zweitens von Bedingungen abhängt, die andere
Menschen geschaffen haben. Gerade das Heranreifen zu einem Individuum
(„Menschwerdung“) ist ein sozialer Prozess. Wir lernen vorwiegend mittels sozialer
Beziehungen eine Sprache, Werte, Normen und ganz allgemein, wie man etwas
macht.
3. Kultur:
Kultur ist eine mehr od. weniger integrierte, den Lebensstil von Menschen prägende
Muster von Weisen des Denkens, Verstehens, Bewertens und Kommunizierens.
Viele unserer Merkmale, die für und das spezifisch Menschliche ausmachen Sprache, Moral, Technik und Fertigkeiten - sind kulturelle Elemente, die wir durch
soziale Beziehungen erlernen - zuerst innerhalb der Familie und später durch
Teilnahme an kulturellen Institutionen wie Schulen. Die Kultur stellt die gemeinsamen
Ressourcen des Denkens und Handelns bereit, dessen wichtigste die Sprache ist.
4. Macht:
Macht ist die Fähigkeit eines sozialen Akteurs, den Gang der Ereignisse oder die
Struktur einer sozialen Organisation zu bestimmen. Sie kann ausgeübt werden
gegen den Willen anderer Akteure, damit sie Dinge tun, die sie sonst nie täten, oder
um ihren Willen zu bestimmen.
5. Funktionale Integration:
Der Ausdruck „Funktion“ bezeichnet den Beitrag, den jede soziale Beziehung,
Position, Organisation, jeder Wert oder jede Eigenschaft einer Gesellschaft für das
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soziale System als Ganzes leistet. In einem funktional integrierten System wird jeder
Teil von seinen Beziehungen zu den anderen Teilen beeinflusst und ist von ihnen
abhängig. Gelegentlich kommt es vor, dass ein soziales Teilsystem das effiziente
Funktionieren des Gesamtsystems unterminiert, in welchem Fass es „dysfunktional“
ist. So behaupten Kritiker, die neuen Reproduktionstechnologien seinen
dysfunktional, weil sie erstens Ressourcen von anderen, dringenderen Bedürfnissen
abzögen (med. Versorgung, Ernährung etc.)
Die Soziologie als Wissenschaft:
Die wissenschaftliche Methode:
Wissenschaft: Systematische Naturbeobachtung, objektive Interpretation unserer
Wahrnehmungen, ständige Suche nach Kausalbeziehungen und logische Ordnung
unseres Wissens mittels Theorien. Alle Wissenschaften die wir heute kennen - von
der Physik über die Biologie bis zur Ökonomie und Soziologie - haben ihre Wurzeln
in dieser wissenschaftlichen Revolution.
Sie basiert auf zwei Grundprinzipien, die bis heute für die Wissenschaft von zentraler
Bedeutung sind. Das erste Prinzip ist die empirische Beobachtung. Die
wissenschaftliche Methode stützt sich auf empirische Beweise, nicht bloss auf
Meinungen, ungeprüfte Vermutungen oder Hörensagen. Das zweite Prinzip ist die
logische Analyse. Vom Standpunkt der Wissenschaft haben wir etwas erst
verstanden, wenn wir es rational erklären, wenn wir unser Verständnis in eine
logische Form bringen können.
Empirische Beobachtung:
Etwas empirisch zu beobachten, klingt ziemlich unproblematisch, als würde es
genügen, einfach hinzusehen. In Wahrheit ist es weit komplizierter. Soziologen
müssen ihre Beobachtungen in Daten umwandeln, d.h. in Informationen, die für die
Beantwortung soziologischer Fragen in besonderer Weise nützlich sind. Das erfolgt
in 3 Schritten:
1. Abstraktion, der Soziologe muss die Merkmale des beobachteten Phänomens
abstrahieren, die relevant sind.
2. Interpretation
3. Replikation, d.h. die gleiche Untersuchung muss in einer anderen Umgebung mit
anderen Probanden (Versuchspersonen) wiederholbar sein, so dass man feststellen
kann, ob sie zu dem gleichen Resultat führt.
Logische Analyse:
Im ersten Schritt müssen wir uns entscheiden, welche Fragen wir untersuchen
wollen. Die Analyseeinheiten sind ausdifferenzierte Teile eines grösseren,
komplexeren Ganzen. Als nächster Schritt erfolgt die Ermittlung der Beziehungen zw.
den Analyseeinheiten, seien dies Individuen, pers. Beziehungen, kulturelle
Überzeugungen oder Organisationsstrukturen. Eine wesentliche Aufgabe ist es
herauszufinden, welches der zahlreichen Elemente in einer sozialen Umgebung den
grössten Einfluss auf die anderen hat. Als dritter Schritt erfolgt die Theorienbildung.
Eine Theorie ist der systematische Versuch, Beziehungen explizit zu machen und
deren Wirkung zu erklären. Wissenschaftliche Theorien basieren auf
Gesetzeshypothesen und Fakten, die durch empirische Beobachtungen gewonnen
werden.
3
Alle Wissenschaften basieren sowohl auf empirischer Beobachtung wie auf logischer
Analyse.
Die Anfänge der Soziologie
Die Soziologie entstand im späten 18.Jh. und frühen 19.Jh., in einer Zeit des
tiefgreifenden sozialen Wandels sowohl in den westlichen Gesellschaften wie in der
übrigen Welt. Die den Europäern jahrhundertelang vertraute soziale Welt
verschwand allmählich und die moderne Ära begann.
Die Soziologie und die moderne Ära:
Der Faktoren spielten eine entscheidende Rolle bei der Herbeiführung dessen, was
wir jetzt die moderne Ära nennen.
1. Entstehung der urbanen, kapitalistischen Industriegesellschaft. Dieser Prozess
zerriss die traditionellen Sozialbeziehungen. Eine neue, auf die Warenproduktion und
den Handel spezialisierte Klasse kapitalistischer Unternehmer verdrängte die alte
Landaristokratie.
2. Die Entdeckung kultureller Unterschiede. Reisen in entlegene Weltgegenden, die
Zunahme des Fernhandelns und die Errichtung von Kolonialreichen zwangen die
Europäer zur Auseinandersetzung mit der Fülle anderer Kulturen, die alle ihre
besondere Sprache, ihre charakteristischen Sitten, Glaubensanschauungen,
Regierungssysteme und Lebensstile besassen.
3. Die politischen und geistigen Umwälzungen. Die Amerikanische und die
französische Revolution brachen mit den alten Vorstellungen von Pflicht, Tradition
und Gehorsam gegen die Obrigkeit und setzten neue an ihre Stelle: die allgemeinen
Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit - Ideen, die die Monarchien überall
bedrohten.
Entstanden in einer Ära politischer und geistiger Umwälzungen, plagt sich die
Soziologie noch immer mit den Herausforderungen ab, die diese Zeit aufwarf: der
soziale Wandel und die Faktoren, die Gesellschaften - selbst mitten im Wandel noch
- zusammenhalten; die diversen Gesellschaftstypen und Fragen über Ähnlichkeiten
und Unterschiede zwischen ihnen; schliesslich die Spannung zwischen
wissenschaftlichen Erklärungen der sozialen Realität einerseits und Tradition,
Common Sence und öffentlicher Meinung anderseits.
Adam Smith; Jeremy Bentham und die „rational choice“ - Theorie.
Nach Adam Smith (1723-1790) werden Gesellschaften nicht nur durch Macht und
Autorität eines Herrschers zusammengehalten, sondern auch durch die
wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit der Menschen und durch Marktkräfte.
Der Wettbewerb wirkt also wie eine „unsichtbare Hand“, er rationalisiert die
Produktion, maximiert die Profite und lenkt Arbeit und Investitionen in Bereiche, wo
die Nachfrage am grössten ist.
Karl Marx
Nach Marx wird die kapitalistische Gesellschaft beherrscht von jenen, die die
Produktionsmittel kontrollieren und sich die Profite aus der Arbeit anderer aneignen.
Die tiefe Spaltung zwischen den sozialen Klassen führt zu Kämpfen um die
gesellschaftliche Macht und schliesslich zur Revolution.
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Emile Durkheim
Nach Durkheim werden moderne Gesellschaften durch gemeinsame soziale Bande
zusammen gehalten. Gegenseitiges Vertrauen und die wechselseitige Abhängigkeit
erzeugen ein „Kollektivbewusstsein“, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Das
Ergebnis ist, dass die Gesellschaft als Ganze grösser als die Summer ihrer
individuellen Mitglieder und verschieden von ihr ist.
Max Weber
Sein Interesse galt dem Zusammenwirken ökonomischer, politischer und kultureller
Faktoren, die die charakteristische soziale Organisation moderner westlicher
Gesellschaften hervorgebracht haben. Für diesen Organisationstypus, so Weber,
müssen sich die Individuen rationalere und weniger traditionelle Orientierungen des
sozialen Handelns zu eigen machen.
George Herbert Mead
Sein Interesse galt den alltäglichen menschlichen Interaktionen und ihren
anthropologischen Grundlagen. Worte, Gesten und Mienenspiel sind für ihn Symbole
dessen, was wir denken und fühlen, und bilden die eigentliche Grundlage des
sozialen Lebens.
Kapitel 2, Methoden der Sozialforschung
(Am Anfang von Kap. 2 ist die Selbstmordstudie.)
Soziologie und wissenschaftliche Forschung
Durkheim ging es mit dieser Studie v. a. darum, die Soziologie als Wissenschaft zu
etablieren. Wie wir im ersten Kapitel sahen, ist die wissenschaftliche Methode durch
die systematische Sammlung empirischer Daten und deren logische Analyse
charakterisiert. Durkheim wollte in seiner Studie zum einen zeigen, dass die
wissenschaftliche Methode auch auf soziales Handeln anwendbar ist, und zum
anderen, dass die Ereignisse soziologischer Forschung unserem Wissen von Welt, in
der wir leben, und unserem Selbstverständnis eine neue Dimension hinzuzufügen.
Der Forschungsprozess
Durkheim ging in seiner Untersuchung in 7 exemplarischen Schritten vor:
1. Problemdefinition
2. Literaturrecherche
3. Hypothesenbildung
4. Wahl eines Untersuchungsplans
5. Datenerhebung
6. Datenanalyse
7. Schlussfolgerungen
Jeder dieser Schritte ist von entscheidender Bedeutung, doch erfolgen sie nicht
immer in genau dieser Reihenfolge. Bei der Durchführung ihrer Forschungen aber,
folgen alle Soziologen diesen Etappen des exemplarischen Forschungsprozesses,
wie aber eben gesagt, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
5
1. Problemdefinition:
Wie andere Wissenschaftler arbeiten auch Soziologen mit Variablen. Mit der
Definition der Variablen, die man untersuchen möchte, ist es freilich nicht getan. Ein
Forscher muss auch definieren, was er an diesen Variablen verstehen möchte, er
muss das Problem seiner Untersuchung formulieren.
2. Literaturrecherche:
Welche Forschungsfragen sie stellen und wo sie nach Antworten suchen,
entscheiden Soziologen im Wesentlichen auf Grund der Durchsicht der Literatur zu
ihrem Thema.
3. Hypothesenbildung:
Eine Hypothese stellt versuchsweise einen Zusammenhang zwischen zwei oder
mehreren Variablen her.
4.+ 5. Wahl eines Untersuchungsplans und Datenerhebung:
Um ihre Hypothesen zu testen, brauchen die Forscher Fakten und Daten: Statistiken,
Interviewauswertungen etc. Ein Indikator ist eine Messgrösse die als „Ersatz“
fungiert: Ein Merkmal, das man empirisch messen kann, um Informationen über eine
abstrakte Variable, die nur schwer direkt zu messen ist, zu erlangen. Im zweiten
Schritt in der Datenerhebung muss ein Untersuchungsplan (auch Forschungsdesign)
d.h. ein konkreter Plan zur Gewinnung der erforderlichen Informationen, skizziert
werden. Einige Forscher gewinnen ihre Daten aus statistischen Erhebungen und
Befragungen, andere durch Beobachtung und wieder andere durch Experimente. Ziel
des Untersuchungsplans muss es sein, genügend Informationen zu gewinnen, um
ein solides Verständnis des Problems zu entwickeln und die vorgeschlagene
Hypothese zu testen.
6.+7. Datenanalyse und Schlussfolgerungen
Bei einer Analyse versucht man, wie in einem Puzzle, die Teile so
zusammenzusetzen, dass sie ein Muster oder Ganzes bilden, und überlegt, wie sie
zusammenhängen. Um Statistiken zu analysieren, wenden Soziologen eine Reihe
von Massen an. Die Analyse beginnt jedoch lange, bevor die Daten gesammelt sind.
Bereits bei der Problemdefinition entscheidet der Soziologe, welche Faktoren er
untersuchen will und wie sie gemessen werden können.
Analyse aus Durkheim’s Selbstmorduntersuchung:
4 Arten von Selbstmord:
- egoistischer S. (geringe bis gar keine soz. Bindung an Menschen od. Gruppen)
- anomischer S. (rascher Wandel in Sozialstruktur, Normverlust z.B. Verarmung)
- altruistischer S. (Gruppen v. soz. starken Bindungen können solche veranlassen,
Märtyrer, quasi das Gegenteil von egoistischem S.)
- fatalistischer S. (Menschen, welche an keine Zukunft mehr glauben, weil ev. mit
tödlichen Krankheiten versehen.)
Ein Forschungsprojekt kann einen wichtigen Untersuchungsgegenstand nie restlos
ausschöpfen, stets gibt es Raum für eine Folgeuntersuchung. Vielleicht werden
bessere Masse od. andere Indikatoren für wichtige Variablen entwickelt.
Probleme der empirischen Sozialforschung
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Die Untersuchung menschlichen Sozialverhaltens wirft eine Reihe von Problemen
auf, einige von ihnen gelten für alle wissenschaftliche Forschung, andere sind
charakteristisch für die Sozialwissenschaften.
Gültigkeit und Zuverlässigkeit:
Gültigkeit (Validität) eines Indikators bedeutet, dass eine Untersuchung misst, was
sie zu messen beabsichtig - bsp. dass Durkheim tatsächlich soziale Integration mass,
indem er Heiratsraten als Indikatoren verwendete. Zuverlässigkeit (Reliabilität) einer
Messung bedeutet, dass eine Wiederholungsuntersuchung zu den gleichen zu den
gleichen Ergebnissen kommt.
Noch mit einem anderen Problem sind die Forscher konfrontiert, sie mässen die Art
der Beziehung zw. den Variablen präzisieren. Am meisten sind Soziologen an
Kausalbeziehungen interessiert, Beziehungen also, in denen eine Veränderung in
einer Variablen eine Veränderung in einer anderen hervorruft. In vielen Fällen ist es
jedoch nicht möglich, eine Kausalbeziehung zw. den fraglichen Variablen
nachzuweisen. Oft kann man nur zeigen, dass zwei Variablen sich in irgendeiner
messbaren Weise gemeinsam verändern - korreliert sind. Wie erwähnt ist eine
Korrelation eine regelmässige Beziehung zw. 2 Variablen. Der Nachweis einer
Korrelation zw. Variablen bedeutet nicht, dass zw. ihnen eine Kausalbeziehung
besteht. Zwei Variablen können korreliert sein, ohne dass sie kausal miteinander
verknüpft sind. Man bezeichnet diesen Sachverhalt als Scheinkorrelation, eine immer
wieder vorkommende Fehlerquelle in empirischen Untersuchungen.
Ethische Fragen:
Soziologen sind fast per Definition „Schnüffler“. Für sie ist es aber unumgänglich, im
Leben des Patienten (Probanden) zu stochern. Zuallererst müssen sie ihre
Probanden vor Schaden bewahren. Wohl setzt die empirische Sozialforschung ihre
Probanden selten der Gefahr physischer Verletzungen aus, doch oft erfordert sie,
dass ihre Probanden private Informationen über sich preisgeben.
Anders als ein Anwalt, Priester oder Journalist ist ein Soziologe per Gesetz
verpflichtet, seine Aufzeichnungen auszuliefern und vor Gesetz auszusagen.
Ausserdem müssen Forscher gegenüber ihren Probanden ehrlich sein.
Forschungsstrategien
Wir können 2 Typen der Sozialforschung unterscheiden: eine quantitative und eine
qualitative. In der quantitativen Sozialforschung ermitteln Soziologen die Häufigkeit
eines sozialen Phänomens und versuchen, einen statistischen Zusammenhang mit
anderen sozialen Faktoren herzustellen. In der qualitativen Sozialforschung
verwendet man verbale Beschreibungen, direkte Beobachtungen und manchmal
Bilder, um die Bedeutung sozialer Handlungen zu interpretieren oder um
Gesetztesmässigkeiten des sozialen Lebens im Detail zu analysieren.
Umfrageforschung:
Soziologen verwenden Umfragen, um die öffentliche Meinung zu messen,
Annahmen über das Verhalten zu testen und das Handeln von Personen
vorauszusagen. In einer Umfrage (survey) sammelt man Daten über eine Gesamtheit
von Individuen (Population) indem man Interviews mit einer im voraus ausgewählten
Stichprobe von Personen durchführt und/oder Fragebogen an sie austeilt.
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Eine Stichprobe soll möglichst repräsentativ sein, d.h. relevante soziale Merkmale Alter, Geschlecht, soziale Schicht usw. - sollen in der Stichprobe prozentual gleich
häufig vorkommen wie in der Gesamtpopulation.
Experimente
Das Experiment ist in den Wissenschaften ein äusserst effizientes Instrument zum
Nachweis einer Kausalbeziehung. In Experimenten lassen sich Hypothesen testen d.h. es lässt sich überprüfen, ob eine Variable eine andere kausal beeinflusst - indem
Untersuchungspersonen in eine eigens konstruierte Situation versetzt werden, die es
erlaubt, externe Faktoren zu kontrollieren, die die fraglichen Variablen ev.
beeinflussen. Für Experimente mit einer Person od. kleineren Gruppen eignen sich
Laborexperimente, bei einer grösseren Population arbeitet man mit
Feldexperimenten. Doch aus praktischen & ethnischen Gründen (z.B. Zimbardo) sind
diese schwer durchzuführen und daher selten. Feldforscher leben oft rund um die
Uhr mit ihren Probanden, dies kann emotionale Reaktionen bei ihnen auslösen od.
bei ihren Probanden. Bis zu einem best. Grad wird der Feldforscher zu einer
Versuchsperson seiner eigenen Untersuchung!
manifest = offensichtlich, beabsichtigt
latent = zugrunde liegend, vielleicht unbeabsichtigt
Kapitel 3, Kultur
Kultur ist durchaus ein Schlüsselbegriff der Soziologie und ein spezieller
Forschungsgegenstand der Kultursoziologie. Kultur als Bedingung und Form
sozialen Handelns ist verwoben mit anderen Aspekten des sozialen Lebens und
deshalb mit anderen soziologischen Schlüsselbegriffen. Kulturelle Werte wie z.B.
Erfolgsorientiertheit, Toleranz etc. sind in die jeweilige Gesellschaft funktional
integriert. Unsere Werte beeinflussen ganz entscheidend, wie wir handeln und
denken, welche sozialen Beziehungen wir eingehen und welche Ziele wir uns setzen.
Kultur ist auch immer durch die Gesellschaftsstruktur geprägt. Sodann wird die
Ausbreitung kultureller Ideale auch dadurch vorangebracht, dass Menschen
existierende Gesellschaftsstrukturen in Frage stellen und herausfordern. Ein
Verständnis kultureller Übereinstimmungen und Differenzen ist ein Schlüssel für ein
soziologisches Verstehen der gesamten gesellschaftlichen Prozesse.
5. Phasen eines Kulturschocks:
1. Euphorie, eigene Kultur wird nicht in Frage gestellt.
2. Entfremdung, erste Kontaktschwierigkeiten
3. Eskalation, Schuldzuweisung an die fremde Kultur
4. Missverständnisse, Konflikte als solche wahrgenommen
5. Verständigung, unterschiedliche kulturelle Spielregeln werden geschätzt.
Die kulturelle Dimension
Kulturbegriffe:
Kultur ist ein vieldeutiges Wort, in der Antike bezeichnete colere (wohnen, pflegen,
anbauen) die agrarische Sicherung des menschlichen Lebens. Obwohl Kultur zuerst
vor allem mit Wissen, Kunst, Religion als nicht-materiellen Errungenschaften einer
Gesellschaft verbunden wird, meint sie im soziologischen Sinne doch das „gesamte
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soziale Erbe“, das die Mitglieder einer Gesellschaft in einer lebenslangen
Sozialisation erwerben. So konnte der Kulturbegriff weiterentwickelt werden zu einem
Begriff für historische unterschiedliche „Lebensordnungen“(Max Weber)
Distinktion = Abgrenzung
Seit dem 19. Jh. entstehen neue Kennzeichnungen für das Kulturfeindliche oder
doch zumindest der (eigenen) Kultur als „unterlegen“ Angesehene. Zwar wurden die
Ausdrücke Kultur, Zivilisation und Zivilisierung oft synonym gebraucht. Aber am
Anfang des 20. Jh. wurde eine folgenreiche Entgegensetzung von Kultur und
Zivilisation wirksam. Thomas Mann schrieb 1914 folgendes: „Zivilisation und Kultur
sind nicht nur nicht ein und dasselbe, sondern sie sind Gegensätze, sie bilden eine
der vielfältigen Erscheinungsformen des ewigen Weltgegensatzes und Widerspieles
von Geist und Natur.“
Kultursoziologie:
Max Scheler unterschied
Kultursoziologie (auch Geistlehre genannt) von
Realsoziologie (die er als Trieblehre verstand). Für einen systematischen Begriff von
Kultursoziologie ist folgende Unterscheidung wichtig: Zum einen ist Kultursoziologie
die übergreifende Bezeichnung für eine Gruppe „spezieller Soziologien“, d.h. der
soziologischen Analysen unterschiedlicher Lebens- und Handlungszusammenhänge.
So gibt es Religions-, Literatur-, Kunst-, Film-, Medien- oder Musiksoziologie und
viele anderer kultursoziologische Forschungsfelder. Kultur wird definiert als die
Gesamtheit der erlernten Normen und Werte, des Wissens, der Artefakte, der
Sprache und Symbole, die ständig zwischen Menschen einer gemeinsamen
Lebensweise ausgetauscht werden. Indem wir die Bestandteile unserer Kultur
hervorbringen und Tag für Tag leben, teilen wir uns gegenseitig unablässig mit, wie
wir unserer soziale n Beziehungen auffassen. Dadurch entstehen auch Spielräume
für die Veränderung der Kultur, für ihre Anpassung an neue Erfordernisse und
Situationen. Deshalb ist Kultur niemals statisch sondern verändert sich dauernd
Habitus = existenzielle Form der Persönlichkeit
Was eine Kultur beinhaltet ist von Ort zu Ort verschieden,
menschlichen Kulturen die gleichen Grundelemente:
- Wissen
- Sprache
- Symbole aller Art
- sittliche Werte
- Normen
- Artefakte
jedoch besitzen alle
Die materielle Kultur besteht aus all den Dingen oder Artefakten die von Menschen
geschaffen sind und denen sie Bedeutung zumessen wie Bücher, Kleider etc.
Nichtmaterielle Kultur besteht aus menschlichen Schöpfungen, die nicht in
physischen Gegenständen verkörpert sind, wie Werte, Normen, Wissen,
Regierungsformen etc.
Eine weitere Unterscheidung stammt von Georg Simmel, er unterschied sachliche,
objektive sowie individuelle / subjektive Kultur.
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Werte:
Ein Wert ist eine von der Mehrheit einer Gruppe (Profession, Schicht) geteilte
allgemeine Vorstellung darüber, was gut oder schlecht, was wünschenswert oder
unerwünscht ist. Wenn Werte wiederholt in scharfe Konflikte zueinander geraten und
eine Versöhnung zwischen ihnen schwer fällt, kann daraus sozialer Änderungsdruck
entstehen. Verbunden mit historischen Ereignissen und sozialen Umständen
verändern sich Werte.
Norm:
Eine Norm ist eine spezielle Richtlinie, eine Regel, die aussagt, wie man sich in
bestimmten Situationen verhalten soll. Normen variieren von Gruppe zu Gruppe
innerhalb ein und derselben Gesellschaft, aber auch im Laufe der Zeit. Es ist wichtig,
den Unterschied zw. Normen und Werten zu verstehen. Normen variieren
ausserordentlich in der Bedeutung die ihnen beigemessen wird oder in der Intensität
der Reaktionen, wenn sie verletzt werden. Bräuche sind konventionell eingewöhnte
Alltagsregeln, denen man ohne viel Nachdenken gehorcht. Max Weber schlug vor,
Bräuche, die „auf langer Eingelebtheit beruhen“ Sitte zu nennen. Wer solche
eingespielte Regeln verletzt, mag als ungehobelt, bestenfalls als Exzentriker gelten,
wir normalerweise aber nicht scharf sanktioniert. Demgegenüber löst die Verletzung
von sittlichen Geboten intensivere Reaktionen aus. Solche Vorschriften werden als
zentrale grundlegende Bestandteile des Zusammenlebens angesehen und sind
Ausdruck der am meisten hochgehaltenen Werte. Viele Normen sind als Gesetze
oder Verordnungen formalisiert, als Regeln, die in parlamentarischen Systemen von
der Legislative beschlossen werde nun deren Durchsetzung mit staatlicher
Sanktionsmacht garantiert wird.
Symbole:
Als Zeichen werden Träger einer relativ einfachen Verweisung auf einen bestimmten
Gegenstand oder eine bestimmte Vorschrift verstanden, man denke etwa an
Verkehrszeichen. Symbol ist demgegenüber der Begriff für komplexere
Verweisungsmedien. Symbole ermöglichen zumeist auch die Präsenz von etwas
Abwesendem durch Verkörperung. (Kreuz für Jesu)
Sprache:
Sprache ist ein System phonetischer Zeichen, in dem Bedeutungen erzeugt und
einander zugeordnet werden und deren Anwendung auf konventionell festgelegten
Regeln beruht. Es ist die Fähigkeit der Sprache, durch die kognitive Strukturen
geschaffen werden, die es uns ermöglichen, Bedeutungen und Erfahrungen
festzuhalten und frei zu kombinieren.
Wissen:
Wissen ist eine Gesamtheit von Fakten, Annahmen und praktischen Fähigkeiten, die
Menschen im Laufe ihres Lebens sammeln. Praktisches Wissen, aber auch unsere
emotionalen Erfahrungen sind häufig nonverbal oder scher verbalisierbar.
Kulturelle Unterschiede und Integration
Kulturelle Integration:
Die Elemente der Kultur sind funktional auch mit anderen Aspekten der Gesellschaft
integriert, z.B. mit der Sozialstruktur oder den Herrschaftsverhältnissen. Menschen,
die bruchlos in ihre Kultur eingebunden sind, empfinden zwischen der Art und Weise,
wie sie denken und handeln, wenig Widersprüchlichkeiten. Ihr religiöses oder
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wirtschaftliches Handeln oder ihr Familienleben scheinen wie aus einem Guss.
Eingelebten Traditionen folgend, können die Mitglieder solcher Gesellschaften ihr
Leben mit minimalen Orientierungskonflikten gestalten, aber hoch integrierte
Kulturen
sind
zugleich
sehr
verletzbar.
Denn
Bräuche,
Werte,
Glaubensüberzeugungen und technisches Wissen sind vielfältig ineinander
verflochten, d.h. kaum voneinander entkoppelbar und funktional ausdifferenzierbar.
Wandlungen in einem Teilbereich können dann zum Gleichgewichtsverlust eines
gesamten Systems führen.
Kulturelle Unterschiede und Subkulturen:
2 Gründe kann es geben, damit eine Gesellschaft über lange Zeit kulturell schwach
integriert bleiben. Einerseits können sich kulturelle Minderheiten einer Assimilation
durch die dominante Kultur widersetzen, also wichtige Werte, Normen, die als
„normal“ gelten, nicht übernehmen und die Hochschätzung ihrer besonderen und
getrennt bleibenden Glaubensüberzeugungen, Sitten und kulturellen Identitäten
dagegensetzen. Zum anderen können sich kulturelle Unterschiede aber auch
dadurch verfestigen, dass dominante Gruppen und Eliten alles tun, um Minderheiten
von der Mehrheitskultur fernzuhalten, so dass Ungleichheit zugunsten der Macht und
der Privilegierung der herrschenden Gruppen gefestigt wird. In der Realität kommen
selbstverständlich beide Gründe für die Aufrechterhaltung kultureller Unterschiede
vor: Mitglieder der dominanten Kultur schränken die Chancen der Assimilation ein,
während gleichzeitig Mitglieder kultureller Minderheiten dagegen opponieren, dass
ihre unterschiedliche Identität durch Assimilation aufgelöst werden könne.
Abgrenzungsnormen sowie eigene Sprache etc. können eine Subkultur bilden. Es
sind verschiedene Subkulturen zu unterscheiden:
1. Tradierungs-Subkulturen: Erhalt eigener Kultur gegen Assimilationszwänge von
Mehrheit.
2. Subkulturen der Ausgrenzung: Drogenszenen, Armutslagen, Prostitution.
3. Sozialstrukturelle Subkulturen: ganz egal ob auf Armut od. elitären Positionen
beruhen.
4. Protestkulturen
5. Damit eng verbundenen Ausstiegskulturen, wie z.B. Fluchkulturen oder autarke
Parallelkulturen.
Soziologen sehen Kultur nicht als gegeben an, sondern als Ergebnis sozialen
Handelns.
Kultur und Massenmedien:
Kultur ist niemals statisch, sondern einem dauernden Wandel unterworfen. In der
heutigen Welt sind es vor allem die Massenmedien, besonders Fernsehen und
Computer, welche kulturelle Wandlungen beeinflussen. Bücher spielen aber eine
wichtige Rolle, indem Bücher für ein grosses Publikum zugänglich werden, können
sich neue Ideen schneller verbreiten. Bilder im Gegenteil (TV) ist eine andere Sparte,
da
bewegte
Bilder
im
Gegensatz
zum
geschriebenen
Wort
ein
Kommunikationsmedium ist, das wesentlich fürs Dramatische geschaffen ist und
nicht für die Analyse.
Kulturelle Globalität:
Eine der bemerkenswertesten Konsequenzen de massenmedialen Vernetzung ist die
Internationalisierung der Kultur. Sich stark voneinander unterscheidende lokale
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Kulturen werde zunehmend überformt durch eine einzige globale Kultur, an der
jedermann
teilhaben
kann.
Dass
verschiedene
Kulturen
von
einer
grenzübergreifenden, heute: internationalen Kultur überformt und beeinflusst werden,
ist nichts Neues. Eine Vereinheitlichung des Geschmacks (Cola, Jeans,
südamerikanische Rhythmen etc.) ist nur ein Aspekt der Entwicklung. Erwartbar ist
eine synkretistische Vermischung von globalen und lokalen Momenten der Kultur, ein
widersprüchlicher Prozess, der mit einem neuen Kunstwort „Glokalisierung“ genannt
wird. Die Internationalisierung der Kultur spielte auch eine entscheidende Rolle für
politisch wichtige Ereignisse wie z. B. 1989, der auf dem „Platz des himmlischen
Friedens“ in Peking blutig niedergeschlagene Demokratiebewegung Chinas
Studenten.
Kapitel 5, Sozialisation
Unterschiedliche Erziehungsmethoden bringen nicht nur ganz verschiedene
Individuen, sonder auch verschiedene Gesellschaftstypen hervor. (westl:
Leistungsgesellschaft, Japan: Teamgesellschaft, China: Gruppenloyalität etc.) Den
Prozess, durch den solche grundlegenden Kulturelemente den Mitgliedern einer
Gesellschaft vermittelt werden, nennen wir Sozialisation. Die Sozialisation, die ein
Individuum in einer Gesellschaft erfährt, kann unter Umständen dazu führen, dass es
sich später in einer Weise verhält, die nicht mit den Werten dieser Gesellschaft
konform, also in diesem Sinne abweichend ist. Die Struktur einer Gesellschaft
beeinflusst die Sozialisation, indem sie festlegt, welche Fertigkeiten und Motivationen
gebraucht werden und wer welche Sozialisation durchläuft. Durch die Sozialisation
entwickeln Menschen spezifische Einstellungen zum sozialen Handeln. Dazu
gehören die umfassenden Kulturstile. Wenn wir den Einfluss der
Gesellschaftsstruktur und Machtverteilung auf die Sozialisation betrachten, so wird
deutlich, dass jedes Individuum sie zwar anders erfährt und mit seinen
Entscheidungen beeinflussen kann. Sozialisation ist aber nicht etwas, das sich das
Individuum frei aussuchen kann. Vielmehr ist sie ein Prozess, in der das Individuum
geformt wird - sowohl von der Gesellschaft als Ganzes wie auch von seinem
besonderen Ort innerhalb der Gesellschaft.
Sozialisation: Anlage und Umwelt:
Wird das Verhalten einer Person vorwiegend durch ihre biologische Anlage oder die
Umwelt, in der sie aufwächst bestimmt? Dieser Frage wird seit langem in den
Wissenschaften diskutiert. Die eine Seite behauptet, der menschliche Säugling sei
eine weitgehend leere Tafel, die bereit ist, beschreiben zu werden. Danach würde
ausschliesslich durch die Umwelt bestimmt, zu was für einer Person sich ein
Säugling entwickelt. ( z. B. Watson) Die Gegenseite argumentiert, dass viele
menschliche Verhaltensweisen starke biologische Wurzeln haben: Erfahrung könne
diese Verhaltensweisen zwar in gewissem Masse modifizieren, aber selten von
Grund auf ändern. Eine relative neue Forschungsrichtung, die Soziobiologie, vertritt
diese Position. Danach haben die Menschen im Evolutionsprozess nicht nur gewisse
anatomische Merkmale, sondern auch gewisse Verhaltensmerkmale entwickelt, die
ihnen einen Selektionsvorteil gegenüber anderen Spezies verleihen.
Die Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt:
Zwar begrenzt das ererbte Potenzial den Spielraum der Sozialisation, doch
beeinflusst die soziale Umwelt stark das Ausmass, in dem das ererbte Potenzial
verwirklicht werden kann.
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Nach Ansicht mancher Wissenschaftler hat, ähnlich wie im Tierreich, auch der
Mensch eine bestimmte „Hackordnung“. Wie dem auch sei: Die spezifische
Ranghierarchie einer Gesellschaft wird weitgehend von ihrer Struktur, ihren
Machtbeziehungen und ihrer Kultur geformt.
Gene legen also nie fest, wie Menschen sich verhalten, vielmehr werden wir mit einer
Reihe von Entwicklungsmöglichkeiten geboren, die anschliessend von der Umwelt, in
der wir leben, geformt wird. Durch Umwelteinflüsse können sie ständig verändert
werden.
Sozialisation im Lebenslauf:
Physische Pflege allein genügt für die normale Entwicklung von Kindern nicht, sie
brauchen auch sensorische und soziale Anregungen, um sich zu vollen Menschen zu
entwickeln.
Klassische Beiträge zur Sozialisationstheorie
⇒ Siehe im Buch: Seite 128-130 Klassische Beiträge zur Sozialisationstheorie.
Varianten der Sozialisation:
- geschlechtsspezifisch: Wer wir sind und wie wir zu denken und zu handeln lernen,
ist von Geburt an in hohem Masse durch unser Geschlecht bestimmt. Unserer
geschlechtsspezifische Sozialisation wirkt sich auf mehr als nur oberflächliche
Attribute wie Kleidungs- oder Sprachstile aus.
- schichtenspezifisch: Gewisse Elemente der Gesellschaftsstruktur, wie Zugang zur
Bildung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt, spielen eine wichtige Rolle. Dass
Positionen in der Gesellschaftsstruktur partiell durch die von den Eltern vermittelten
Werte konserviert werden, belegen die bahnbrechenden Arbeiten des Soziologen
Melvin Kohn. Angehörige unterer Schichten legen eher Wert auf Konformität
gegenüber äusseren Autoritäten und entsprechende Verhaltensmerkmale,
Angehörige oberer Schichten eher auf persönliche Autonomie und damit verbundene
Persönlichkeitsmerkmale.
Wahlmöglichkeiten und Wandel der sozialen Integrität:
Wahlfreiheit schliesst auch ein, dass wir uns der Sozialisation zu Rollen widersetzten
können, die wir nicht mögen. Mädchen können sich z. B. weigern, an
Schönheitswettbewerben teilzunehmen und lieber Basketball spielen oder Botanik
lernen wollen. Solche Veränderungen sind möglich, weil unsere Kultur nicht etwas
Starres ist. Ständig vollziehen sich Veränderungen der Identitäten, die kulturell
legitimiert sind und zum Kristallisationskern sozialer Gruppen und Bewegungen
werden können. Man nennt diese Auffassung, wonach die soziale Identität in
gesellschaftlichen Prozesse konstruiert und daher veränderlich ist, Konstruktivismus.
Als Essenzialismus bezeichnet man die gegenteilige Auffassung, wonach die soziale
Identität biologisch bedingt, immun gegen soziale Kräfte und daher relativ starr ist.
Da der Essenzialismus die Rolle des individuellen Handelns und der individuellen
Wahlmöglichkeiten herunterspielt, neigen die meisten Soziologen eher zum
Konstruktivismus.
Instanzen der Sozialisation in der Kindheit:
In den meisten Gesellschaften ist die Familie die entscheidende
Sozialisationsinstanz. Allerdings sind in den heutigen westl. Gesellschaften auch die
Massenmedien sehr einflussreich!
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Peer-Groups: (Gleichaltrigen)
In einer Gruppe von Kindern sind alle, Kraft Definition, ihren Altersgenossen
gleichgestellt. Dieser gleiche soziale Status macht peer-groups zu einem idealen
Rahmen für das Erlernen von Normen des Teilens und der Reziprozität
(Gegenseitigkeit)
Sozialisation im Erwachsenenalter:
Früher glaubte man, dass die Sozialisation im Erwachsenenalter als blosse
Ergänzung galt, als ein Lernen, das eine Person nicht mehr grundlegend verändern
kann. Heute ist diese traditionelle Auffassung in erheblichem Masse revidiert worden.
Desozialisation und Resozialisation:
Einige der neu zu erlernenden Werte und Normen können im Widerspruch zu denen
stehen, die das Individuum früher verinnerlicht hat und die jetzt nicht mehr für es
gelten. Insofern könnte man von Resozialisation sprechen, die in gewissem Masse
immer auch eine Desozialisation im Hinblick auf das früher Gelernte impliziert.
Extreme Fälle der De- und Resozialisation spielen sich in Organisationen ab, die sich
bewusst von der Aussenwelt abschirmen und ein äusserst isoliertes Leben führen,
das formal durchorganisiert und scharf kontrolliert ist. Solche Organisationen nennt
man auch totale Institutionen, weil sie die Gedanken und Handlungen ihrer Mitglieder
total beherrschen. Beispiele sind z. B. Rekrutenschulen, Gefängnisse und
psychiatrische Anstalten. Die Neuankömmlinge in einer totalen Institution
durchlaufen einen Prozess, den der Soziologe Erving Goffman als Demütigung und
Abtötung bezeichnet hat. Diese Prozeduren zerstören das Selbstwertgefühl und
richten die Menschen zur Unterwerfung ab. Totale Institutionen erzwingen die
psychische Regression: Sie fördern kindliche Gefühle der Hilflosigkeit und
Abhängigkeit, um das Leben ihrer Insassen leichter zu kontrollieren. Sind diese
einmal soweit regrediert, können sie zu einer neuen, von der totalen Institution
vorgesehenen Rolle resozialisiert werden. Sozialisation für einen bestimmten
Arbeitsplatz nennt man auch berufliche Sozialisation. Es ist von erheblicher
Bedeutung, ob jemand individuell oder in einer Gruppe zu einem Beruf sozialisiert
wird. Oft versuchen wir uns auf die Sozialisation zu einer neuen Arbeitsrolle
vorzubereiten. Was die Berufsanfänger tun, läuft darauf hinaus, sich selbst unter
Vorwegnahme der Sozialisation, der sie sich gerade unterziehen, „umzumodeln“. Alle
diese Veränderungen fassen wir unter dem Begriff antizipatorische Sozialisation
zusammen.
Kapitel 9, Klassenstruktur und soziale Schichtung
Reichtum, Macht und Prestige: Die Dimensionen der sozialen Schichtung:
Neben der Beschreibung statistischer Verteilungen geht es der Soziologie um
Erklärungen für die Ursachen sozialer Ungleichheit, um die Folgen ungleicher
Lebensbedingungen und Lebenschancen sowie um die Formen und Dimensionen
sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften. Kurz, sie versucht,
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institutionalisierte Muster sozialer Ungleichheit zu erklären, und will herausfinden,
wer was bekommt - und warum.
Der Terminus soziale Schichtung bezeichnet die Gliederung einer Gesellschaft in
Schichten, deren Mitglieder über ungleiche Mengen an knappen, aber begehrten
Ressourcen verfügen, ungleiche Lebenschancen besitzen und einen ungleich
grossen gesellschaftlichen Einfluss haben. Entsprechend der relativen „Höhe“ ihrer
Schicht haben die Individuen Statuspositionen inne, von denen ihr Zugang zu den
drei Hauptdimensionen der sozialen Schichtung:
- Reichtum
- Macht
- Prestige
…abhängt.
Ein Schichtungssystem gilt als geschlossen, wenn es schwierig oder unmöglich ist, in
der sozialen Hierarchie aufzusteigen (z.B. Kastensystem in Indien, Apartheidregime
in Afrika). Hingegen ist das Schichtungssystem in westl. Industriegesellschaften
vergleichsweise offen. Unbestritten spielt die individuelle Leistung eine Rolle, doch
nach wie vor ist der sozio-ökonomische Status der Eltern die beste
Voraussagevariable (Prädikator) der sozialen Position, die ihre Kinder einnehmen
werden.
In west. Ländern wie USA od. westeuropäischen Ländern spielen Reichtum und
Einkommen als Kriterien der sozialen Schichtung eine herausragende Rolle.
Einige Berufe sind nach der Davis-Moore-Theorie für die funktionale Integration
komplexer Gesellschaften wichtiger als andere: Gesellschaftliche Ungleichheit sei
daher funktional notwendig. Eine Gesellschaft, die es unterlasse, die Menschen zur
Erfüllung dieser wichtigen Berufe (z.B. Arzt) zu motivieren (mehr Lohn), breche
zusammen. Schliesslich sind die Chancen der Individuen auf dem Arbeitsmarkt von
ihrer Rasse, ethnischen Herkunft und von ihrem Geschlecht abhängig.
Kultur:
Nicht einmal Reichtum und Macht zusammen können nach Weber die
Schichtungssysteme in modernen Gesellschaften vollständig erklären. Auch
kulturelle Faktoren müssen einbezogen werden, sowohl als spezifische Quelle der
Schichtung wie als Dimension der Ungleichheit. Prestige ist die gesellschaftliche
Achtung, der Respekt oder die Billigung, mit der belohnt wird, wer Eigenschaften
besitzt, die in der Gesellschaft als bewundernswert gelten. Prestigeüberlegungen
spielen zwar in akademischen Berufen die grösste Rolle, finden aber auf allen
Ebenen der Berufshierarchie Anwendung.
Soziales Handeln:
Das Beispiel des kulturellen Kapitals zeigt, dass Statuspositionen durch soziales
Handeln geformt werden.
Nach Marx braucht das kapitalistische System, um zu funktionieren, eine grosse Zahl
Arbeiter und nur eine geringe Anzahl Kapitalisten.
Davids und Moore hingegen betonen stärker das individuelle Handeln, da für sie das
Problem der funktionalen Integration im Vordergrund steht. Ihnen erscheint das
gesellschaftliche Ziel, die Individuen zur Arbeit zu motivieren, als zu wichtig, um es
dem Zufall zu überlassen: Auf eine gesellschaftlich organisierte Weise müsse
sichergestellt werden, dass die Individuen die notwendige Ausbildung erhalten und
die notwendige Arbeit tun - und Strukturen der Ungleichheit erfüllten diesen Zweck.
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Fassen wir zusammen:
Die heutige Soziologie folgt Marx, indem sie von der ökonomischen Struktur als dem
wichtigsten einzelnen Faktor für die soziale Schichtung ausgeht. Doch sie folgt auch
Weber, indem sie erkennt, dass nicht allein Reichtum soziale Schichtung bedingt.
Indikatoren und Zahlen:
Der materielle Wohlstand oder die Knappheit dient hier als ein Indikator für die
Teilhabemöglichkeit der Menschen am Lebensstandart einer Gesellschaft. Zudem
bietet ein höherer materieller Wohlstand auch eine bessere Absicherung gegenüber
Risiken im Lebenslauf.
Soziale Mobilität
Soziale Mobilität bezieht sich auf Bewegungen von einer sozialen Position in eine
andere, von einer sozialen Schicht in eine höhere oder tiefere. Sie kann die Form
einzelner kleiner Schritte aufwärts bzw. abwärts, eines schnellen Kletterns an die
Spitze oder eines jähen Absturzes ganz nach unten annehmen. Unter
intragenerationeller oder Karrieremobilität versteht man Berufswechsel oder Wechsel
der Schicht- bzw. Klassenzugehörigkeit im jeweiligen Lebenslauf; unter
intergenerationeller oder Generationenmobilität Statusveränderungen zwischen den
Eltern- und Kindergenerationen
- intragenertionelle od. Karrieremobilität (Berufswechsel, Wechsel der Schicht)
- intergenerationelle od. Generationsmobilität (Statusveränderung in Familie)
Probleme mit Schichtwechseln:
Mit dem Herauslösen aus vertrauten Sozialmilieus können Berufs- und
Lebenserfahrungen „entwendet“ werden, wodurch Orientierungsschwierigkeiten und
Identitätsprobleme hervorgerufen werden. Soziale Mobilität und sich häufende
Statusunsicherheiten können zudem zum Verlust tradierter Bindungen führen und mit
sozialer Desintegration bis hin zur Anomie in Verbindung gebracht werden insbesondere dann, wenn bei steigender oder anhaltend hoher Arbeitslosigkeit die
Chancen eines (Wieder-)Einstiegs in das Erwerbssystem schwinden.
Chancen von sozialer Mobilität:
Dagegen kann ein hohes Mass an sozialer Mobilität auch als ein Indikator für die
notwenige Offenheit und Pluralität einer modernen Gesellschaft aufgefasst werden,
denn soziale Mobilität bringt zugleich neue Lern- und Selbstverwirklichungschancen
mit sich. Dies kann in ökonomischer Hinsicht zu grösserer Flexibilität und
Anpassungsfähigkeit der Gesellschaft führen. Diese positiven Funktionen sozialer
Mobilität stehen jedoch in Frage wenn sich Anzeichen dafür finden lassen, dass
bestimmte Bevölkerungsgruppen - etwa „die Armen“ - dauerhaft ausgegrenzt
werden.
Soziologen weisen jedoch darauf hin, dass soziale Mobilität oft aus strukturellem
Wandel und nicht aus individuellem Erfolg resultiert.
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