Zur Bühnengeschichte des Faust: Sechs exemplarische Beispiele 1. Uraufführung von Faust I in Braunschweig (1829) 2. Beide Teile auf der Bühne: Eine Weimarer Jubiläumstat (1875/76) Nachdem Goethe im Jahr 1806 den ersten Teil seines Faust beendet hatte, wartete man vergeblich darauf, dass der Weimarer Theaterleiter sein eigenes Drama aufführen werde. Erste Versuche, eine Spielfassung zu finden, schlugen fehl, Goethe schrieb gar an den Grafen Brühl in Berlin, Faust stehe zu sehr von einer theatralischen Vorstellung ab. Als u. a. von Cornelius, Retzsch und Delacroix viele Szenen von Faust I illustriert worden waren, schien klar zu sein, Goethes Faust sei nur ein Lese- oder gar ein Illustrationsdrama. Die damalige Bühnentechnik hätte mit den vielen und raschen Szenenwechsel vor allem in den Gretchenszenen größere Mühen gehabt. Als man 1819 in Berlin in privater Sphäre einige Szenen einstudierte, bat man Goethe brieflich um Rat, wie beispielsweise der Erdgeist darzustellen sei, und der Dichter lieferte selbst eine zeichnerische Vorlage, die dann auch ausgeführt worden ist. 1828 wurde August Klingemann durch seinen Landesherrn Erzherzog Karl gebeten, Goethes Faust endlich auf die Bühne zu bringen. Der zunächst ratlose Regisseur wusste sich aber bald zu helfen, wie schon in den Berliner Szenenproben geschehen: Er nahm die Illustrationen von Retzsch und Cornelius zur Hand und baute danach nicht nur die Bühne, sondern er ließ auch nach diesen Vorlagen die Kostüme schneidern. Die gesamten Szenen wurden in sechs Akte eingeteilt, wobei alle Vorspiele gestrichen waren, die Aufführung also mit der Szene „Nacht“ begann. Problematisch war die Strichfassung insofern, weil jene Stellen, in denen die Kirche kritisiert oder Moralvorstellungen angeblich verletzt wurden, gestrichen oder umgedichtet worden waren. Gelegentlich griff auch die Zensur ein und ließ später noch „anrüchige“ Stellen streichen, wie beispielsweise in Tiecks Leipziger Aufführung. Trotz aller Widrigkeiten fand die Uraufführung in Braunschweig unter großem Jubel statt. Klingemann ließ seine Fassung drucken, sandte sie Goethe zu und bot sie anderen Theatern zur Nachahmung an. Mehrere Theater folgten dieser ersten Regietat noch im selben Jahr, in dem man Goethes 80. Geburtstag feierte. Anlässlich der 100. Wiederkehr des Tages, an dem Goethe nach Weimar gekommen war, verwirklichte Otto Devrient sein hehres Ziel, den gesamten Faust einem interessierten Publikum darzubieten. Devrient schuf für beide Teile eine Strichfassung, die er veröffentlichte und auch anderen Theatern zur Realisierung anbot. Dabei griff er leicht in Goethes Text ein, wobei er vor allem eigenständige Regieanweisungen verfasste. Um zeitraubende Umbauzeit zu sparen, ließ er eine dreistöckige Simultanbühne bauen, die für alle Szenen genutzt werden konnte: Zusätzliche Aufbauten charakterisierten dann die jeweiligen Spielorte. Devrient teilte Faust I in fünf Akte ein, zuvor ließ er das „Vorspiel auf dem Theater“ und den „Prolog im Himmel“ geben. Faust II wies größere Striche auf, wobei Devrient die Kontinuität und Verständlichkeit der Handlung als noch gegeben ansah. Auch er ließ seine Spielfassung drucken und bot sie ebenfalls anderen Theatern an, die Fassung und Bühnenbau übernahmen. So gab es im 19. Jh. viele Aufführungen des Faust, die von Klingemann und Devrient geprägt worden waren. Nachdem beide Teile für die Bühne erschlossen waren, gab es im dritten Viertel des 19. Jh. große Diskussionen und Theaterversuche um die Frage, ob man das Gesamtwerk an einem, zwei, drei oder vier Tagen zu spielen habe. www.klett-verlag.de [email protected] 3. Faust und der Imperialismus: Technische Meisterleistung in München (1895) Jocza Savits konnte sich eigentlich dafür rühmen, die Uraufführung beider Teile von Goethes Faust geleistet zu haben, denn er griff nicht in den Text ein, sondern erstellte lediglich eine Strichfassung, wie dies wohl auch Goethe bewerkstelligt hätte. Eine neuartige, moderne Bühnentechnik erlaubte rasche Szenenwechsel bei offenem Vorhang, und Savits musste nur im zweiten Teil einen großen Strich ansetzen, nämlich im 1. Akt, wo die Szene „Mummenschanz“ gestrichen worden war; sonst war er bemüht, den Text weit gehend vollständig © Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 2001 Zu Klettbuch 3-12-351231-2 (Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil“) Seite 1 zu geben: Er vermied Schwächen Otto Devrients, wo er 1876 den Baccalaureus gespielt hatte, und zwar eine drastische Eigenmächtigkeit in den Regieanweisungen und größere Striche in vielen Szenen. Im Gegensatz zu Devrient setzte Savits die Regieanweisungen Goethes so weit wie möglich um, und er begründete auch, dass für ihn nur eine Fassung in Frage komme, die an zwei Tagen hintereinander beide Teile zeige; das habe Goethe so gewollt, sonst hätte er einen drei- oder vierteiligen Faust geschrieben, meinte er. Eine Besonderheit zeigte sich erstmals im Bühnenbild, denn im 5. Akt wurde deutlich, dass die Epoche der Industrialisierung, die zur Goethezeit in Deutschland begonnen hatte, weiter fortgeschritten ist, und so zeigte sich im Bühnenbild deutlich das Zeitalter des Imperialismus, u. a. mit einem rauchenden Fabrikschlot. 4. Die Entdeckung des Faust „für die Bühne“: Gründgens legendäre Hamburger Version (1957/58) Was bei Savits 1895 begonnen hatte, setzte Gründgens sechs Jahrzehnte später konsequent um. Gründgens’ vorangegangene Inszenierungen seit den 30er-Jahren waren noch von einem fast naturalistischen Bühnenbild geprägt, für die Szenen in Marthens Garten wurde also ein realistischer Garten gebaut, kein stilisierter, der dann in den Köpfen der Zuschauer sich zu vervollständigen hatte. Mit der Stilisierung in der Hamburger Inszenierung am Deutschen Theater beriefen sich Gründgens und sein neuer Bühnenbildner Teo Otto auf das „Vorspiel auf dem Theater“. Das Negative des menschlichen bzw. faustischen Wissensdrangs wurde verdeutlicht durch eine Art „Atomium“ in Fausts Studierzimmer, sowie die Einblendung einer Atombombenexplosion zu Beginn der „Walpurgisnacht“. Gründgens stellt das Drama u. a. damit hinein in seine Zeit, in die damalige Wirklichkeit, und erstmals wurde auch das Medium Film in einer Faust-Inszenierung eingesetzt. Gründgens spielt selbst in großer Virtuosität und Variabilität den Mephisto und erreichte damit eine Aufwertung der Mephistogestalt. Bis in unsere Tage werden immer wieder Inszenierungen an der Leistung von Gründgens gemessen. Die Kritik schrieb damals u. a., mit dieser Inszenierung sei erst das größte Drama der Deutschen für die Bühne gewonnen worden. www.klett-verlag.de [email protected] 5. Die Entdeckung des Faust „als Inbegriff des Theaters“: Peymanns brechtischheiterer Spielversuch (Stuttgart 1977) Im Jahre 1968 erlebte man in Ost-Berlin den „lustigsten Faust, den es je gab“, wobei sich die Regisseure Dresen und Heinz auf Brecht beriefen. Ihre Fassung und die unheldische, fast negativ-verzweifelte Verkörperung der Faust-Figur riefen die Zensur auf den Plan, und nach Texteingriffen und Absetzung von Faust I war es Achim Freyer verwehrt, als Bühnenbildner den zweiten Teil zu bearbeiten. Ein Jahrzehnt später gestaltete er das Bühnenbild für eine Gesamtaufführung beider Teile am Staatstheater Stuttgart, die ihrerseits viele Schlagzeilen machte. Peymann führte Regie und Hermann Beil erarbeitete die Strichfassung und ein fünfbändiges Programmbuch, in dem diese Spielfassung abgedruckt war. Ganz im Sinne Brechts wurden die komödiantischen Elemente im Faust erstmals betont, von denen Brecht sagte, sie seien die Rüpelszenen Goethes, geprägt von der Lektüre Shakespeares, wobei der Dramatiker vor allem die „Schülerszene“ und „Auberbachs Keller“ meinte. Beil betonte in einem späteren Bildband zu dieser Inszenierung, dass keine einzige Szene ganz gestrichen worden ist, es also nur innerhalb der Szenen Striche gab. Außerdem habe man die Regieanweisungen Goethes sehr ernst genommen und sie, so gut es ging, getreu umgesetzt. Peyman, Freyer und Beil erkannten auch, dass man mit einer adäquaten Inszenierung des Faust die Grenzen der herkömmlichen Guckkastenbühne sprengen muss, und so spielten der 1. und der 4. Akt von Faust II im Foyer des Kleinen Hauses, wo inmitten der Zuschauer mehrere Podien bzw. Raumsegmente bespielt worden sind. Der Karnevalszug musste also, wie es Goethe am römischen Corso erlebt hatte, mitten durch eine Zuschauermenge sich zwängen, eine besondere Art von Theatererlebnis. Das vielfältig Neuartige dieses Faust begeisterte vor allem ein junges Publikum, und die Inszenierung war impulsgebend für weitere Einstudierungen in beiden Teilen Deutschlands. Die Stuttgarter Aufführung stand, wenngleich nicht bewusst gewollt, in mehrerer Hinsicht in der Tradition der Bühnengeschichte des Faust: 1. Durch die Herausgabe der Spielfassung setzte das Stuttgarter Team die Arbeit von Klingemann und Devrient fort. © Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 2001 Zu Klettbuch 3-12-351231-2 (Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil“) Seite 2 2. Durch das extreme Betonung des Komödiantischen wurden die Ansätze von Brecht weiterentwickelt bzw. verwirklicht, was 1968 in Ost-Berlin nicht mehr möglich gewesen war, gerade durch das Ausspielen der „Rüpelszenen“ und der Komik, auch im zweiten Teil. 3. Durch die Ausweitung der Spielräume wurden die Grenzen des bürgerlichen Guckkastentheaters in Bezug auf den Faust erkannt, wie dies bereits der glühende Faust-Verehrer Richard Wagner gefordert hatte. Die Kritik fiel extrem aus, von begeisterter Zustimmung bis zur Abwertung dieses „Kasperltheaters“. In Theater heute schrieb Günter Rühle, das Stuttgarter Regieteam habe Goethes Faust endlich als Spieltext entdeckt und „als Inbegriff des Theaters erfaßt“. 6. Peter Stein und seine „Uraufführung“: Der ungestrichene Faust auf der EXPO (Hannover 2000) II sonntags von 10 bis ca. 23:30 Uhr beiwohnten. Nicht zu vergessen sei der Spott, der dem Regisseur während der Konzeptionsphase von Teilen der Presse entgegengebracht wurde; man lese nur die Äußerungen Stadelmaiers in der Frankfurter Allgemeinen seit dem Jahr 1997. Da die Fassung keine Striche aufweist und man bemüht war, die Kostüme und Figuren nach Vorbildern in Historie oder der Bildenden Kunst zu gestalten, war man vor allem gespannt auf die Spielräume, die von Stein in öffentlichen Veranstaltungen schon angepriesen worden sind. Hier seien exemplarisch einige Erläuterungen gegeben: In den „Studierzimmer“-Szenen waren die sechs Podien angeordnet zum traditionellen Guckkastentheater, in der Szene „Vor dem Tor“ waren links und rechts einer bespielbaren Theaterfläche jeweils drei der Tribünen gestellt. In der „Mummenschanz-Szene“ im 1. Akt von Faust II standen die Zuschauer links und rechts wie auf dem Gehweg einer Straße, im HelenaAkt waren die sechs Tribünen kreisförmig angeordnet, vergleichbar dem antiken Theater in Epidauros, und am Ende des Runds war die Szene, wo die Schauspieler wie in der Antike auftraten. Eine Sehenswürdigkeit erster Güte war Steins Konzeption der Bergschluchten: die Zuschauer saßen im 5. Akt wieder auf drei Tribünen links und rechts einer Spielfläche, an deren linkem und rechtem Ende sich der Palast Fausts und das Hüttchen von Philemon und Baucis befinden. Bis zur Grablegung spielt sich das Geschehen auf diesem Simultanschauplatz ab, dann lässt Stein die „Bergschluchten“ spielen. Eine große Spirale senkt sich von der Decke herab, auf der später die Seele Fausts nach oben geleitet werden kann. Das gesamte Spiel begeisterte die Zuschauer und vor allem auch die Kenner von Goethes „Hauptgeschäft“ Faust, und das gesamte Geschehen wurde in der Berliner Version mit dem wieder genesenen Bruno Ganz mehrfach im Fernsehen übertragen. Das Theater um Goethes Faust hat in dieser Inszenierung einen auch medienwirksamen Höhepunkt erreicht und der Sprechkunst im deutschen Theater einen großen künstlerischen Impuls gegeben bzw. Alternativen aufgezeigt. Einen extremen Bruch mit der Tradition und zugleich eine extreme Hinwendung zu den von Goethe erträumten theatralischen Möglichkeiten und ersehnten Bühnenräumen leistete Peter Stein mit einer ungestrichenen Inszenierung des gesamten Faust, gezeigt auf der EXPO in Hannover, danach in Berlin und Wien. Zuvor war die wohl größte logistische Leistung nötig, die je ein Theaterprojekt erfordert hatte. Stein sammelte nicht nur die notwendigen Millionen, um 35 Schauspielern sowie weiteren 45 Mitarbeitern für die Dauer von fast drei Jahren Arbeit und Brot zu geben, sondern auch andere Erfordernisse waren optimal auszugestalten: Stein ließ in einer größeren angemieteten Lagerhalle die ersten Proben anlaufen sowie die Dekorationen und Kostüme anfertigen, ehe es einen Umzug auf das EXPO-Gelände gab, wo in der Faust-Halle 23 zwei identische Bühnen mit jeweils 6-mal 77 Sitzen gebaut worden waren. Später mussten die gesamten Materialien durch 35 Tieflader nach Berlin transportiert werden, danach schließlich nach Wien. Selbst theaterungewöhnliche Schwierigkeiten mussten gemeistert werden, wie die Schaffung von Sanitärräumen oder die „Abspeisung“ jener Zuschauer, die einer Marathonfassung von Faust Bernd Mahl www.klett-verlag.de [email protected] © Ernst Klett Verlag GmbH, Stuttgart 2001 Zu Klettbuch 3-12-351231-2 (Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil“) Seite 3