N. Bischof: Einführung in das Studium der Psychologie

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Bischof WS06/07, 2/1
N. Bischof:
Einführung in das Studium der Psychologie
2. Leib und Seele (I)
Dualismus (Wechselwirkungslehre)
Die Auffassung, dass der Mensch im Schnittbereich zweier Welten (sinnlich-materiell und geistigideell) lebt, wurde grundgelegt durch PLATO.
Sie wurde dann von ARISTOTELES in eine Form gebracht, die bis weit in die Neuzeit hinein nachwirkte. Für ARISTOTELES sind Leib und Seele selbständige Substanzen. Die Seele hat zwei Funktionen.
Sie ist (1) Prinzip des Lebens, (2) Prinzip des Bewußtseins. Leib und Seele wirken wechselseitig
aufeinander ein (Wechselwirkungslehre).
DESCARTES (französischer Rationalismus, 17. Jhdt.) präzisierte und radikalisierte den aristotelischen
Dualismus. Seele und Leib stehen sich bei ihm als gänzlich unvereinbare Substanzen gegenüber. Die
Seele ist nur noch Prinzip des Bewußtseins (res cogitans); andererseits ist nur der Leib räumlich
ausgedehnt (res extensa). Alle leib-seelische Wechselwirkung erfolgt über die Zirbeldrüse, weil
diese das einzige unpaarige Organ im Gehirn ist.
Moderne Vertreter einer dualistischen Wechselwirkungslehre (Sir John ECCLES, etliche Psychosomatiker) denken sich die Interaktionszone auf größere Teile des Zentralnervensystems (ZNS) ausgedehnt.
Identitätstheorie (Parallelismus)
DESCARTES' Dualismus war so radikal, daß man sich fragen mußte, wie derart unterschiedliche Substanzen überhaupt interagieren können. Man suchte Zuflucht zunächst bei Hilfsvorstellungen wie der
Annahme eines vermittelnden göttlichen Eingreifens (concursus Dei), später bei einem Prinzip vermeintlich akausaler Synchronizität (Uhrengleichnis)
Hieraus ergab sich die Theorie von LEIBNIZ: Der Leib interagiert nicht mit der Seele, sondern zu allem,
was physisch vorgeht, laufen synchron psychische Prozesse ab (Psychophysischer Parallelismus).
Damit wird der Dualismus entleert; denn wenn Leib und Seele nicht mehr aufeinander wirken können, sondern nur parallel laufen wie Bild und Spiegelbild, dann ist nur noch ein kurzer Schritt, sie überhaupt als identisch zu betrachten. Diesen Schritt vollzog SPINOZA: extensio und cogitatio sind
einfach zwei Attribute derselben Substanz (Identitätsphilosophie).
Eine moderne Variante der Identitätstheorie wurde von der Berliner Gestalttheoretischen Schule (Max
WERTHEIMER, Wolfgang KÖHLER) ausformuliert. Nach dieser Theorie existiert ein Bereich innerhalb
des ZNS (das "Psychophysische Niveau", PPN), in dem die Prozesse eine Doppelnatur haben: Für
das Subjekt selbst sind sie Erlebnisinhalte (sie bilden seine "phänomenale Welt"); für den Außenbetracher sind sie physiologische Prozesse.
Diese Position hat sich in der Biologischen Psychologie am besten bewährt. Sie ist heuristisch am
fruchtbarsten, weil sie uns zwingt, zu wirklich allen Erlebnisinhalten eine physiologische Grundlage zu
erwarten und diese abzuklären.
Bischof WS06/07, 2/2
Phänomenologische Betrachtungsweise
(Analogie: Kinobesucher):
nähert sich der erlebten Welt in der Absicht der Deskription.
unterscheidet innerhalb derselben anschaulich-leibliche und anschaulich-seelische Phänomene
Funktionale (transzendentale, metapsychologische) Betrachtungsweise
(Analogie: Filmtechniker)
nähert sich der erlebten Welt in der Absicht der Erklärung.
Betrachtet die gesamte phänomenale Welt als psychisch insofern, als sie nur als Bewußtseinsinhalt
existiert und im Zustand der Bewußtlosigkeit verschwindet. Versucht, deren Gesetzmäßigkeiten aus
"dahinterliegenden" physischen Prozessen zu erklären.
Zwischen Seelischem und Leiblichem herrscht anschaulich Wechselwirkung.
Zwischen Psychischem und Physischem besteht die Relation des Parallelismus bzw. der Identität.
Drei Rahmensätze
1. Phänomenologisches Postulat (aus METZGER "Psychologie", S. 12)
Das Vorgefundene einfach hinzunehmen, wie es ist; auch wenn es ungewohnt, unerwartet, unlogisch, widersinnig erscheint und unbezweifelten Annahmen oder vertrauten Gedankengängen
widerspricht. Die Dinge selbst sprechen zu lassen, ohne Seitenblicke auf Bekanntes, früher
Gelerntes, "Selbstverständliches", auf inhaltliches Wissen, Forderungen der Logik, Voreingenommenheiten des Sprachgebrauchs und Lücken des Wortschatzes. Der Sache mit Ehrfurcht und
Liebe gegenüberzutreten, Zweifel und Mißtrauen aber gegebenenfalls zunächst vor allem gegen die
Voraussetzungen und Begriffe zu richten, mit denen man das Gegebene bis dahin zu fassen suchte.
Gegenposition zu: eleatischer Grundsatz
"Das schlußfolgernde Denken ist unfehlbarer Richter über Sein und Nichtsein. Nichts unmittelbar Gegebenes darf ohne weiteres als wirklich hingenommen, alles muß erst "begründet" werden. Nur das Erklärbare ist wirklich. Was man nicht in widerspruchsfreie Aussagen fassen
kann, das gibt es nicht. Daß der Widerspruch durch Mängel der Begriffe verursacht sein könnte,
steht außerhalb jeder Erörterung." (ebd. S. 8)
Bezieht sich auf die vorsokratische Philosophenschule von ELEA in Unteritalien (PARMENIDES,
ZENON, um 500 v. Chr.). Diese lehrten unter anderem, es könne keine Bewegung, keine Veränderung geben (Parabel von Achilles und der Schildkröte).
Die Eleatische Denkhaltung ist das Erfolgsgeheimnis der neuzeitlichen Naturwissenschaft.
Sie ist berechtigt, solange es um die Frage geht, wie zuverlässig die subjektiven Erlebnisinhalte die objektive Wirklichkeit abbilden. Sie wird aber problematisch, wenn man fragt, ob denn
vielleicht auch die Erlebnisinhalte selbst anders geartet sein könnten als sie uns erscheinen.
Bischof WS06/07, 2/3
2. Neuronales Postulat:
Die psychophysisch relevanten Prozesse im Gehirn werden kanalisiert durch ein Netzwerk von
Nervenzellen (Neuronen), die gegeneinander isoliert sind und nur an diskret verteilten Stellen
(Synapsen), in spezifisch festgelegte Verbindung treten.
3. Isomorphie-Postulat
Die ganze phänomenale Welt ist umkehrbar eindeutig (isomorph) auf einen Teil der Gehirnvorgänge (das "psychophysische Niveau" des Zentralnervensystems) abbildbar. (KÖHLER)
Die Vertreter einer dualistischen Lehre, die die psycho-physische Beziehung gern mit der eines
Künstlers zu seinem Instrument vergleichen, unterstellen lediglich einen Homomorphismus von
Seele und Gehirn, d.h. alles Seelische bilde sich zwar eindeutig auf Gehirnprozesse ab, aber mit einem und demselben Hirnzustand seien verschiedene seelische Verfassungen vereinbar.
Das Problem der Willensfreiheit
Gegenwärtig herrscht unter Hirnforschern die Meinung vor, wenn die Bewußtseinsinhalte den Vorgängen im PPN streng parallel liefen, seien sie nur noch deren passive Begleiterscheinung. Da in der
Physik das Kausalitätsprinzip gilt und also nichts abläuft, was nicht von anderen materiellen Ursachen abhängt, bleibe kein Raum mehr für einen freien Willen, der "von oben" in das Geschehen eingreift.
Dabei bezieht man sich auf Experimente von Hans KORNHUBER und Benjamin LIBET, aus denen hervorgeht, dass sich schon ca. 0.3 Sekunden vor dem bewußten Entschluß zu einer Bewegung in den
Hirnströmen ein "Bereitschaftspotential" aufbaut.
Offenbar "beschließt" das Gehirn also, die Handlung zu initiieren, bevor ein mitteilbares subjektives
Bewußtsein vorliegt, daß ein solcher Entschluß gefaßt worden ist.
Frage fürs Arbeitsblatt
Namhaften Neurowissenschaftler vertreten die These, dass das Libet-Experiment die Willensfreiheit
widerlegt. Nehmen Sie zu dieser These Stellung.
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