Vorlesungsfolien - Universität Erfurt

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PD Dr. habil. Alexander Thumfart
Politische Theorie
Universität Erfurt
Elementare Felder der Sozialwissenschaften:
Einführung in die Politikwissenschaft
Erster Hauptteil
1. Was ist Politikwissenschaft: Einleitung
2. Was ist Politik als Gegenstandsbereich der
Politikwissenschaft?
3. Drei politikwissenschaftliche Schemata zur Analyse
politischer Prozesse (MINK-Schema, AGIL-Schema,
D. Easton)
4. Methoden der Politikwissenschaft (optional)
5. Gliederung des Faches/der Disziplin
Politikwissenschaft (optional)
6. Geschichte der Politikwissenschaft (optional)
7. Drei Theorie-Ansätze/Schulen in der
Politikwissenschaft (optional)
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Zweiter Hauptteil
Die Sub-Disziplinen der Politikwissenschaft etwas näher betrachtet;
Schwerpunkt Politische Theorie und Ordnungsreflexion
1. Politische Theorie und Ideengeschichte: Intentionen, Verfahren, Ziele
a)
b)
c)
d)
die klassische Antike (Platon und Aristoteles)
die Renaissance (Niccolò Machiavelli und Donato Giannotti)
die klassische Moderne (Thomas Hobbes, John Locke, JeanJacques Rousseau, Immanuel Kant, Friedrich Georg Wilhelm
Hegel, Karl Marx)
die Gegenwart (Jürgen Habermas, John Rawls, die
Kommunitarier)
2. Aktuelle Entwicklungen und Probleme
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Politikwissenschaft
Politikwissenschaft ist eine akademische,
intellektuelle, praktisch wie empirisch ausgerichtete
Disziplin, die Politik kritisch als ihr Erkenntnisobjekt
mit wissenschaftlichen Methoden beobachtet und
untersucht. Deshalb ist sie Aufklärungswissenschaft.
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Politikwissenschaft
Als eine Sozialwissenschaft ist Politikwissenschaft
nie „objektiv“ und „weltenthoben“, sondern immer auch
Teil dessen, was sie wissenschaftlich untersucht. Das hat
den großen Vorteil, dass sie permanent zur kritischen und
aufmerksamen Selbstreflexion gezwungen ist.
Das sichert ihr die Position relativer Distanz gegenüber
Gesellschaft und Politik. Deshalb ist Politikwissenschaft
auch immer eine kritische Reflexions- und
Orientierungswissenschaft.
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Politikwissenschaft
Politikwissenschaft ist weiterhin normativ nicht
desinteressiert, sondern implizit eine engagierte
Demokratiewissenschaft.
Und schließlich ist Politikwissenschaft unhintergehbar
eine plurale, nicht-dogmatische Form von Wissenschaft
(obwohl es in ihr durchaus Schulen gibt).
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Eine Langversion:
Politikwissenschaft ist eine kritische akademische,
intellektuelle, interdisziplinäre und praktisch-prognostisch
wie empirisch ausgerichtete, methodisch geregelte wie
methoden-pluralistische, der Aufklärung verpflichtete und an
demokratischen Prinzipien, Strukturen und Prozesse normativ
interessierte Disziplin, die Politik (politisches Handeln) als
ihr Erkenntnisobjekt mit wissenschaftlichen FalsifikationsMethoden beobachtet, analysiert und untersucht, und dabei
versucht, so weit wie möglich von über-historischen Werten,
Normen, Vorurteilsstrukturen und Idealmodellen Abstand zu
nehmen, ohne jedoch deren Relevanz gänzlich zu bestreiten.
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
1. Politik ist die Sicherung und Ordnung des
Zusammenlebens von Menschen;
das ist ein neuzeitlicher Begriff, wie er etwa auch von
Hobbes oder Locke favorisiert wird. Da ist was dran;
nur: erschöpft sich Politik dann nicht in Verwaltung?
Den Unterschied zwischen Politik und Verwaltung kann
uns dieser Begriff nicht liefern. Und Administration
würden wir doch nicht als Politik überhaupt ansehen.
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
2. Politik ist das Bemühen um die gute Ordnung einer
Gesellschaft,
so Dolf Sternberger mit Aristoteles; auch da mag was dran
sein; nur, was bedeutet inhaltlich „gut“? Wohl dem Menschen
angemessen. Also ruht die Politik auf einer inhaltlich
bestimmten Anthropologie. Die ist in der Moderne aber
gerade strittig.
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
3. Politik ist Kampf um und Benutzung von Macht,
so Max Weber und Norbert Elias; auch das ist sicher richtig.
Wie aber sieht es mit dem Prozess der rationalen
Argumentation aus? Ist mit Gründen überzeugen
umstandslos Durchsetzung von „Macht“? Und ist die
politische Diskussion um bessere Argumente dann keine
Politik?
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
4. Politik ist die Unterscheidung von Freund und Feind
sowie die Auseinandersetzung mit dem Feind, so Carl
Schmitts berühmte Definition. Nun stellen wir aber fest, dass
es im Politischen z.B. so etwas gibt wie einen Kompromiss
oder gar Konsens zwischen politischen Gegnern, etwa im
Vermittlungsausschuss. Gegner sind nicht Freunde, also
Feinde, die man bekämpfen muß, so Schmitt. Wie aber
kann man damit politische Kompromisse erklären? Mit
Schmitt wäre all dies Nicht-Politik.
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
5. Politik ist die Kunst der Führung von Menschen und
Gruppen;
auch da ist was dran, nur jeder Unternehmer macht das, jede
Personalabteilung. Ist das dann schon „Politik“?
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
6. Politik ist Entscheidungsbildung auf öffentlichem
Wege,
so ganz unterschiedliche Denker wie Hannah Arendt
und Jürgen Habermas. Sehr richtig, aber Politik ist
ja auch die Umsetzung oder Implementation von
Entscheidungen, nicht nur die Entscheidungsfindung selbst;
abgesehen davon, dass Politik auch in Hinterzimmern und
nicht öffentlich gemacht wird; letzteres wäre dann keine
Politik, wie umgekehrt jede öffentliche Diskussion Politik
wäre.
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Sieben unterschiedliche Politikbegriffe
7. Politik ist der Kampf der Klassen,
so einige deutlich marxistische Vertreter; auch das ist nicht
gänzlich falsch, nur: was ist dann das, was seit 60 Jahren
ziemlich erfolgreich funktioniert hat? Ist das keine Politik?
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Eine Standard-Definition von Politik
(nach G. Lehmbruch, F. W. Scharpf, G. Göhler, W. Patzelt und
A. Waschkuhn)
Politik ist jenes menschliche (und soziale) Handeln,
das auf die Herstellung und Durchsetzung
allgemein verbindlicher Entscheidungen zur Lösung
öffentlicher Probleme bei nicht vorauszusetzendem
Konsens abzielt.
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Vier verschiedene Sphären, Ebenen oder
Dimensionen, die im sozialen Handeln
anwesend sind und dieses Handeln ausmachen.
1. Interessen, Normen, Werte und Weltbilder sind Faktoren, die das
Handeln prägen.
2. Sinn als intendierter Sinn, der das Handeln in konkreten
Situationen orientiert, und der Handeln in soziale Interaktion
verwandelt. Denn Handeln ist sinnhaftes MiteinanderHandeln (koordiniertes Handeln), und deshalb immer von Eigen-Sinn
und interpretiertem Fremd-Sinn durchzogen. Deshalb ist es immer
auch riskant und kann scheitern. Daraus entstehen in aller Regel
soziale Konflikte, wodurch ein Rekurs auf übersubjektiv verbindlich
geteilte Handlungsnormen nötig wird.
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Vier verschiedene Sphären, Ebenen oder
Dimensionen, die im sozialen Handeln
anwesend sind und dieses Handeln ausmachen.
3. Aus identisch wiederholten und gelungenen sozialen Interaktionen
entstehen Rollen, die als schematisierte Handlungsweisen ein
Rollenverhalten, Rollenorientierungen und Rollenerwartungen
beinhalten und ihre Befolgung vom Rollenträger fordern. Aus der
Vernetzung von Rollen entstehen Institutionen, die ihrerseits Rollen
ausprägen und standardisieren. Dadurch wird soziales Handeln
planungssicherer und erwartbarer.
4. Die soziale Wirklichkeit insgesamt ist Produkt sozialen Handelns
und wird nur im sozialen Handeln reproduziert, kann (und wird)
aber durch soziales Handeln permanent modifiziert oder kann gar
(in Teilen) vernichtet werden.
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Eine Definition für „öffentliche Probleme“
mit John Dewey:
Öffentliche Probleme sind all jene aktuellen oder
unter speziellen Bedingungen auch nur möglichen
Folgen sozialer Interaktion, die jene nicht an dieser
Interaktion Beteiligten direkt und indirekt (positiv
wie vor allem negativ) mit betreffen. Mit der
allgemein verbindlichen Regelung dieser Probleme
befasst sich Politik.
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Politik ist also ein offener, unanschließbarer, pluraler,
konfliktorischer sozialer und in diversen Arenen
institutionalisierter Interaktionsprozess zwischen einer
(flexiblen) Anzahl politischer Akteure zur Erzielung und
Durchsetzung von allgemein akzeptierbaren und
akzeptierten Lösungen für öffentliche, d.h.
gesellschaftliche Probleme – dessen Ergebnisse immer
wieder von politischen Akteuren korrigiert und verändert
werden können.
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Policy
Politische Inhalte (worum geht es eigentlich? Steuerpolitik,
Agrarförderung, Rechtschreibreform, alternative Energien)
Politics
Politische Prozesse (wer interagiert wann wie mit wem mit
welchen Ergebnissen? EU-Kommissar, Lobbies, Bürgerinitiative,
Landwirtschaftsminister, Bundesgerichtshof)
Polity
Politische Institutionen und Strukturen (welchen Regeln, Rollen,
normierten Verfahrensschritten folgt das Handeln? Stadtteilinitiative,
Fraktion, Ausschuss, Stadtrat)
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Gliederung der Disziplin
a) Politische Theorie und Ideengeschichte
Sie umfaßt: Empirische Politische Theorie; Politische Ideengeschichte;
Politische Philosophie.
Prominente Vertreter: Herfried Münkler, Klaus von Beyme, Claus
Offe, Gerhard Göhler, Fritz W. Scharpf, Peter Graf Kielmansegg,
Michael Th. Greven, Iring Fetscher, Wilhelm Hennis, Jürgen
Gebhardt.
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Gliederung der Disziplin
b) Methoden
Dazu zählen Methodologie und Wissenschaftstheorie; qualitative (z.B.
Interviews) und quantitative (Datenerhebung) Methoden; Methoden
der Nachbarwissenschaften (etwa Rechtswissenschaft, Geschichte,
Soziologie).
Prominente Vertreter: Ulrich von Alemann, Jürgen W. Falter, Franz
Urban Pappi, Klaus von Beyme, Max Kaase, Hans-Dieter
Klingemann, Manfred G. Schmidt, Ulrich Druwe, Hartmut Esser,
Dirk Berg-Schlosser.
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Gliederung der Disziplin
c) Politisches System der Bundesrepublik Deutschland
Das heißt Exekutive; Föderalismus; Grund- und Menschenrechte;
Judikative; Kommunalpolitik; Parlament und Gesetzgebung; Politik
in den Ländern; Verfassungsrecht und Verfassungstheorie.
Prominente Vertreter: Thomas Ellwein, Carl Böhret, Joachim Jens
Hesse, Klaus von Beyme, Fritz W. Scharpf, Wolfgang Rudzio,
Manfred G. Schmidt, Hans-Hermann Hartwich, Gerhard
Lehmbruch, Eckard Jesse
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Gliederung der Disziplin
d) Politische Soziologie
Dazu zählen Eliteforschung; Interessengruppen; Minderheiten in der
Politik; Politik und gender; Politische Einstellungen und Verhalten;
Politische Kommunikation; Politische Kultur und Parteien; Religion
und Politik; Soziale Bewegungen; Wahlsysteme, Wahlen.
Prominente Vertreter: Hans-Dieter Klingemann, Max Kaase, Jürgen
W. Falter, Claus Offe, Oscar W. Gabriel, Franz Urban Pappi,
Joachim Raschke, Wilhelm P. Bürklin, Ulrich von Alemann,
Hans Rattinger.
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Gliederung der Disziplin
e) Politikfelder und Politikimplementation
Umfaßt: Politik und Planung; Politikevaluation; Politische
Steuerung; Verfassungs- und Rechtspolitik; Arbeitsmarktpolitik;
Bildungspolitik, Energiepolitik und alle anderen Politikfelder
f) Verwaltungswissenschaft
Beinhaltet: Bürokratie und Organisation; Öffentliche Finanzen und
Haushalte; Planung und Entscheidung.
Prominente VertreterInnen: Fritz Scharpf, Adrienne Héretier, Carl
Böhret, Renate Mayntz, Thomas Ellwein, Werner Jann, Manfred G.
Schmidt, Joachim Jens Hesse, Gerhard Lehmbruch, Hellmut Wollmann.
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Gliederung der Disziplin
g) Vergleichende Politikforschung (Vergleichende
Systeme- oder Regierungslehre)
Befaßt sich mit: Theorien und Methoden der vergleichenden
Politikforschung; Regimetypen; Institutionen; Politischer Kultur;
Politischer Partizipation; Transformation/ Transition;
Vergleichende Policy-Forschung/Staatstätigkeitsforschung.
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Gliederung der Disziplin
(zu g) Aufgeteilt in folgende Kategorien und Regionen:
Industriegesellschaften, Schwellenländer, Entwicklungsländer;
Afrika, Australien/Neuseeland, Balkan, Baltikum, Karibik,
Mittelamerika, Naher Osten, Nordamerika (ohne USA), Ostasien,
Osteuropa, Skandinavien, Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
Südafrika, Südamerika, Südasien, Südeuropa, Südostasien, USA,
Westeuropa, Zentralasien.
Prominente VertreterInnen: Manfred G. Schmidt, Wolfgang Merkel,
Claus Offe, Klaus von Beyme, Max Kaase, Oscar W. Gabriel, HansDieter Klingemann, Fritz Scharpf, Dieter Nohlen, Adrienne Héretier.
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Gliederung der Disziplin
h) Internationale Politik und Außenpolitik
(Internationale Beziehungen)
Behandelt Außenpolitik; Entwicklungspolitik und –theorie;
Europäische Integration; Internationale Institutionen/ Organisationen;
Internationale Konflikte und Konfliktregelung; Internationale
Politische Ökonomie; Sicherheit und Frieden; Theorien
Internationaler Beziehungen.
Prominente VertreterInnen: Ernst Otto Czempiel, Beate
Kohler-Koch, Volker Rittberger, Dieter Senghass, Helga
Haftendorn, Michael Zürn, Karl Kaiser, Thomas RisseKappen, Franz Nuscheler, Hartmut Elsenhans.
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Manchmal finden Sie in der Literatur auch eine ViererTeilung oder Fünfer-Teilung. Dort werden c) und e) und
f) zusammengefasst, und b) und c); bzw. c-f, während a, b,
g und h so bestehen bleiben. Halten Sie sich am Besten an
dieses Achter-Schema.
Ende.
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