4 Das diagnostisch Interview zur OPD

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1
Operationalisierte Psychodynamische
Diagnostik
Hausarbeit
in der Fachrichtung Psychologie
Seminar: Borderline-Persönlichkeitsstörung
vorgelegt von
Reinhold Vögerl
(Wutke WS 2005-2006)
2
Inhaltsverzeichnis
1 Theoretischer Hintergrund ........................................................................... 3
2 Aufbau der OPD ............................................................................................ 4
3 Konzeptualisierung und Operationalisierung............................................. 5
3.1 Achse I: Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen ................... 5
3.2 Achse II: Beziehung ..................................................................................... 8
3.2.1 Manual Achse II - Beziehung .................................................................. 10
3.2.2 Klinisches Fallbeispiel ............................................................................. 12
3.3 Achse III: Konflikt ...................................................................................... 13
3.3.1 Manual Achse III - Konflikt .................................................................... 16
3.3.2 Innere zeitlich überdauernde Konflikte ................................................... 18
Abhängigkeit versus Autonomie ....................................................... 18
Unterwerfung versus Kontrolle ......................................................... 20
Versorgung versus Autarkie .............................................................. 20
Selbstwertkonflikte (Selbst- versus Objektwert) ............................. 20
Schuldkonflikte (egoistische versus prosoziale Tendenzen) ........... 20
Ödipal-sexuelle Konflikte................................................................... 21
Identitätskonflikte .............................................................................. 21
Eingeschränkte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung .................... 21
Konflikthafte äußere Lebensbelastungen ......................................... 21
3.4 Achse IV: Struktur ...................................................................................... 22
Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung ................................................... 24
Fähigkeit zur Selbststeuerung ........................................................... 24
Fähigkeit zur Abwehr......................................................................... 24
Fähigkeit zur Objektwahrnehmung ................................................. 25
Fähigkeit zur Kommunikation .......................................................... 25
Fähigkeit zur Bindung........................................................................ 25
3.4.1 Manual Achse IV - Struktur .................................................................... 25
3.4.2 Allgemeine Charakteristika der Integrationsniveaus ............................... 26
Niveau: Gute Integration ................................................................... 26
Niveau: Mäßige Integration ............................................................... 27
Niveau: Gering integriert ................................................................... 27
Niveau: Desintegration ....................................................................... 28
3.4.3 Das gering integrierte Niveau .................................................................. 29
3.5 Achse V – Psychische und Psychosomatische Störungen .......................... 32
4 Das diagnostisch Interview zur OPD ......................................................... 33
Literaturverzeichnis ....................................................................................... 36
3
1 Theoretischer Hintergrund
Bei der „Operationalisierten psychodynamischen Diagnostik – OPD“ handelt
es sich um ein seit 1992 in mehrjähriger Arbeit im deutschsprachigen Raum
von insgesamt etwa 40 psychotherapeutischen Klinkern und Forschern
erstelltes System der Diagnostik im Bereich der psychodynamischen und
psychoanalytischen
Psychotherapie.
Psychodynamisch
orientierte
Psychotherapie klassifiziert psychische Phänomene meist auf dem Hintergrund
(meta)-psychologischer Konstrukte der psychoanalytischen Theorie. Freud
beschrieb in seiner Strukturtheorie erstmals die Persönlichkeit in den Instanzen
von Ich, Es und Überich und schuf damit die Grundlage für eine
psychoanalytische Klassifikation psychischer Phänomene.
Die historischen Wurzeln des Projektes OPD reichen recht weit in die
Vergangenheit. Auch wenn man der Psychoanalyse immer eine gewisse
Beliebigkeit, um nicht zu sagen Idiosynkrasie in ihren diagnostischen
Kategorien vorgeworfen hat, wurden bereits in den 30er Jahren die ersten
Versuche
der
Systematisierung
und
der
einheitlichen
Vermittlung
diagnostischer Kategorien unternommen. Als ein erster Ordnungsversuch ist
die Beschreibung der Abwehrmechanismen durch Anna Freud bekannt
geworden. In den folgenden Jahrzehnten war sie außerdem maßgeblich an der
Entwicklung des Hampstead-Index1 beteiligt, der als ein Versuch umfassender
psychoanalytischer Systematik in der Diagnostik zu verstehen war. Auch in
den folgenden Jahrzehnten gab es weiter diagnostische Modelle, wobei zuletzt
Otto
F.
Kernberg
mit
seinem
strukturellen
Ansatz
der
Persönlichkeitsorganisation zu nennen ist.
Trotz
dieser
Arbeiten
blieb
das
hohe
Abstraktionsniveau
der
psychoanalytischen Metapsychologie mit ihrem Bezug auf das – per
definitionem nicht beobachtbare – Unbewusste und die damit einhergehenden
Probleme
bei
der
Erreichung
eines
klinischen
Konsens
(Interrater-
Übereinstimmung) ein ungelöstes Problem.
Neben dem Wunsch, psychoanalytische Diagnostik kommunizierbar zu
machen lag ein weiteres Movens des Projektes in der raschen und weltweiten
Entwicklung kategorialer psychiatrischen Diagnosesysteme. Diese waren mit
1
Hampstead-Index: Ein metapsychologisches Persönlichkeitsprofil für Kinder (A. Freud 1962)
und für Erwachsene (A. Freud 1965)
4
ihrer scheinbar ätiologiefreien Orientierung von Beginn an eine Provokation
für psychoanalytische Kliniker: Neben dem Verzicht auf intrapsychische
Modelle als Erklärungs- und Ordnungsprinzip lag ihre Begrenzung aber auch
darin, dass die syndromalen Kategorien von DSM-IV und ICD-10 nur wenig
geeignet waren, Handlungsanleitungen für spezifische Therapieansätze in der
Psychotherapie zu geben.
Als sich der Arbeitskreis OPD 1992 konstituierte, hatte er sich deshalb
folgende Ziele gesetzt:
1. Es sollten klinisch-diagnostische Leitlinien geschaffen werden, die
sowohl psychodynamisch relevante Merkmale abbildeten, als auch
den
Anwendern
genügend
Spielraum
für
die
Entwicklung
individueller und idiographischer psychodynamischer Hypothesen
lassen konnten.
2. Das Instrument sollte für die Weiterbildung in psychoanalytischer und
psychodynamischer Psychotherapie nutzbar sein und unterschiedliche
Blickwinkel auf verschiedenen Ebenen des psychischen Geschehens
erlauben.
3. Die OPD verstand sich als Beitrag zur Forschung im Bereich der
psychodynamischen Psychotherapie. Hier sollte sie zunächst in der
Stichprobenbeschreibung,
bei
der
Erfassung
unterschiedlicher
Behandlungsvoraussetzungen und hinsichtlich seiner Vorhersagekraft
(prädiktiven Validität) geprüft werden, ebenso hinsichtlich der
Möglichkeit
der
Darstellung
von
Veränderungen
durch
Psychotherapie.
4. Die OPD sollte ein Instrument der Kommunikation unter Klinikern
und Forschern über die traditionellen Konstrukte psychodynamischer
und psychoanalytischer Theorie sein.
2 Aufbau der OPD
Als therapierelevante diagnostische Aspekte wurden entsprechend der
klinischen Erfahrung, aber auch der psychoanalytischen Denktradition
zunächst
das
bewusste
Behandlungsvoraussetzungen
Krankheitserleben
angesehen,
des
und
die
weiteren
subjektiven
typische
und
maladaptive Beziehungsmuster und zentrale vorbewusste Konflikte sowie
5
zuletzt die Einschätzung struktureller Fähigkeiten und Merkmale der
Persönlichkeit. Eine fünfte Achse nimmt die syndromale Diagnostik der ICD10 auf, ergänzt durch einige Aspekte psychosomatischer Störungen.
Die OPD konstituiert sich somit aus vier psychodynamischen und einer
deskriptiven Achse:
1. Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen
2. Beziehung
3. Konflikt
4. Struktur
5. Psychische und Psychosomatische Störungen
3 Konzeptualisierung und Operationalisierung
3.1 Achse I: Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen
Die Behandlungsmethode stellt große Ansprüche and die emotionale und
kognitive Bereitschaft und Belastbarkeit des Patienten. Je nach Krankheitsbild
und
Individualität
des
Patienten
stellt
sich
die
Frage
der
Behandlungskooperation (Compliance).
Unter
dem
Krankheitserleben
versteht
man
einen
Teilbereich
der
Krankheitsverarbeitung, der sich einerseits auf die Bewältigungskompetenzen
des Individuums auswirkt und andererseits im Sinne eines Prozessmodells von
den
Verarbeitungsmechanismen
des
Patienten
beeinflusst
wird.
Krankheitserleben und Krankheitsverhalten beinhalten emotionale und
kognitive Prozesse sowie offenes Verhalten auf dem Hintergrund der
spezifischen Erkrankung und der nachstehenden Variablen.
-
Art und Schwere der Krankheit kann grundsätzlich in vielfältiger Weise
das Krankheitserleben beeinflussen, z.B. über die mit der akuten oder
chronischen Erkrankung verbundenen körperlichen oder psychischen
Symptome und Behinderungen.
-
Die Arzt – Patient - Beziehung wirkt direkt auf das Krankheitserleben
und die Krankheitsverarbeitung des Patienten. Leider weist das
weitgehend
am
organischen
Krankheitsmodell
orientierte
Versorgungssystem dem Patienten im Prozess der Diagnosestellung
und bei der Behandlung in der Regel eine passiv-rezipierende Rolle zu,
6
dient meist der Bestätigung der psychischen Normalität und legt damit
bei Patienten, die eine solche Krankheitsvorstellung bevorzugen,
Somatisierungsneigungen nahe.
-
Durch das psychosoziale Umfeld wird das Krankheitserleben und die
Verarbeitung des Patienten im hohen Maße beeinflusst. Verfügbare
Ressourcen im sozialen Umfeld sowie soziale und emotionale
Unterstützung, die der Patient in Anspruch nehmen und mobilisieren
kann, sind von großer Wichtigkeit.
-
Von besonderer Bedeutung ist die Ich-Struktur, die Belastbarkeit bzw.
das Arsenal an Ich-Funktionen des Individuums, zu denen z.B. die Art
der Abwehrmechanismen, die Frustrations- und Angsttoleranz, die
Realitätsprüfung und die Beziehungsfähigkeit gehören. Weiterhin
spielen Aspekte des Selbstbildes und der Umgang mit dem Selbstbild
unter den Bedingungen der Erkrankung eine wichtige Rolle. Hier ist
von Bedeutung, ob der Patient in der Lage ist, sein Selbstbild trotz der
Erkrankung aufrechtzuerhalten oder adäquat zu verändern.
-
Behandlungsmotivation entsteht durch den Leidensdruck des Patienten,
der die Voraussetzung oder das Motiv dafür ist, dass das Individuum
mit einer seelischen oder körperlichen Störung Möglichkeiten der
Veränderung aktiv aufsucht (Arztbesuch oder Psychotherapie).
Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzungen werden im Rahmen
der OPD in insgesamt 18 Dimensionen abgebildet, die je nach Ausprägung
als niedrig, mittel und hoch eingeschätzt werden (Siehe Abbildung 1).
Dabei werden die Merkmalsbereiche so formuliert, dass sie sowohl für
Patienten mit psychischen als auf für solche mit psychosomatischen und
somatischen Krankheiten Geltung haben können. Besonderen Stellenwert
hat hierbei die Beurteilung der Symptomschwere bezogen auf den
Leidensdruck des Patienten. Ein wichtiges Ziel dieser Operationalisierung
besteht darin, ein hohes Maß an Praxisnähe und –relevanz zu erreichen, um
Aussagen für die Indikationsstellung zur Psychotherapie zu ermöglichen.
7
Abbildung
1:
Erhebungsbogen
Achse
I
–
Krankheitserleben
und
Behandlungsvoraussetung
Achse I –
Krankheitserleben und Behandlungsvoraussetzung
nicht
vor-
niedrig mittel
hoch
handen
(0)
01. Schweregrad der somatischen Symptome
02. Schweregrad der psychischen Symptome
03. Leidensdruck
04. Beeinträchtigung des Selbsterlebens
05. Ausmaß der körperlichen Behinderung
06. Sekundärer Krankheitsgewinn
07. Einsicht in psychodynamische/-somatische
Zusammenhänge
08. Einsicht in somatopsychische Zusammenhänge
09. Einschätzung des Patienten bzgl. geeigneter Behandlung:
Psychotherapie
10. Einschätzung des Patienten bzgl. geeigneter Behandlung:
Körperliche Behandlung
11. Motivation zur Psychotherapie
12. Motivation zur körperlichen Behandlung
13. Compliance
14. Somatische Symptomdarbietung
15. Psychische Symptomdarbietung
16. Psychosoziale Integration
17. Persönliche Ressourcen für die Krankheitsbewältigung
18. Soziale Unterstützung
19. Angemessenheit der subjektiven Beeinträchtigung
nicht
beurteilbar
(1)
(2)
(3)
(9)
8
3.2 Achse II: Beziehung
Psychische Erkrankungen sind
„Beziehungskrankheiten“, insofern gilt
traditionell interpersonelles Verhalten als zentraler Aspekt für die Entstehung
und Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen. Zahlreiche Forscher und
Klinker bemühen sich seit Anfang der 70er-Jahre, Beziehungsmuster
systematisch zu beschreiben und abzubilden. Beispielhaft sei hier „Strukturale
Analyse
Sozialen
Verhaltens“
(SASB)
und
„Zentrales
Beziehungskonfliktthema“ (ZBKT) erwähnt und kurz beschrieben.
Die von Benjamin entwickelte SASB erlaub eine differenzierte und
gleichzeitig reliable Abbildung auch komplexer Beziehungsereignisse. Die
Methode kann u.a. dazu verwendet werden, Stereotypien im beobachtbaren
dyadischen Interaktionsprozess zu identifizieren und relativ invariante
interpersonelle
und
intrapsychische
Verhaltensmuster
von
Personen
dazustellen.
Luborskys und Crits-Chrisophs Methode des Zentralen BeziehungskonfliktThemas beurteilt in Beziehungsepisoden von Patienten die Art der beim
Erzähler ausgedrückten Wünsche, die Reaktion anderer hierauf und die erneute
Reaktion des Subjekts. Diese Grundstruktur findet sich häufig in Erzählungen
(Narrativen) von Patienten wieder.
Gemeinsam ist den meisten Modellen eine Anordnung des interpersonellen
Verhaltens in bipolare Dimensionen: Kontrolle (dominant-kontrollierend
versus subversiv-unterwürfig) und Affiliation (liebevoll-zugewandt versus
feindselig-distanziert). Das Gesamt der interpersonellen Beziehungen kann als
Mischverhältnis dieser beiden Grunddimensionen bestimmt werden. Die
unendliche Vielzahl zwischenmenschlicher Interaktionen muss hierbei auf
wesentliche Grundkategorien, die reliabel und valide erschließbar sind,
reduziert werden.
Die Abbildung von dysfunktionalen bzw. maladaptiven Beziehungsmustern ist
in den letzten Jahren in das Zentrum der psychodynamischen und
psychotherapeutischen Forschung gerückt. Wie ein Mensch seine Beziehungen
zu anderen lebt und erlebt ist besonders in der psychodynamischen
Psychotherapie von zentraler Bedeutung. Aus Sicht der psychodynamischen
Psychotherapie
tragen
intrapsychische
Konflikte
ganz
wesentlich
zu
9
dysfunktionalem
Beziehungsverhalten
Beziehungsgestaltung
kann
wiederum
bei.
Von
der
individuellen
auf
intrapsychische
Konflikte
zurückgeschlossen werden.
Die Beziehungsdiagnostik im Rahmen der OPD greift einige Aspekte dieses
komplexen Geschehens an der Schnittstelle der intrapsychischen und
interpersonellen Ebene auf. Sie stützt sich dabei überwiegend auf
beobachtbares und beschreibbares Beziehungsverhalten. Um zu einem
psychodynamischen Verständnis für die Symptomentwicklung des Patienten zu
kommen,
achtet
der
Untersucher
auf
bewusste
und
unbewusste
Zusammenhänge zwischen der geschilderten Symptomatik eines Patienten und
seinen konflikthaften Beziehungen.
Das Beziehungsverhalten wird dabei als Ausdruck der Dynamik zwischen den
mehr oder weniger bewussten Beziehungswünschen verstanden, den damit
verbundenen intrapsychisch wirksam werdenden Ängsten des Patienten und
den Befürchtungen, wie das Gegenüber auf die Wünsche reagieren könnte. Das
habituelle Beziehungsverhalten des
Patienten kann als
überdauernde
psychosoziale Kompromissbildung zwischen seinen Wünschen und seinen
Befürchtungen
in
Beziehungen
Beziehungsverhalten
wird
also
verstanden
diejenige
werden.
Als
habituelles
interpersonelle
Einstellung
beschrieben, die bei einem Patienten nach außen hin als dominant und mehr
oder weniger durchgängig wirksam erscheint. Als dysfunktionales habituelles
Beziehungsmuster wird die spezifische – für den Patienten leidvolle –
Konstellation bezeichnet, die sich aus seinem habituellen Beziehungsverhalten
und den typischen Reaktionsweisen seiner Sozialpartner ergibt.
Im klinischen Erstgespräch erhält man diagnostische Informationen über das
Beziehungsverhalten
des
Patienten
aus
seinen
Erzählungen
von
Beziehungsepisoden mit anderen. Besonders festgefügte und wiederholte
Beziehungserfahrungen
werden
häufig
in
erinnerten
und
erzählten
Alltagsepisoden deutlich. Zusätzlich werden auch aus dem eigenen Erleben des
Therapeuten
innerhalb
der
Therapeut-Patient-Beziehung
während
des
Gespräches Informationen gewonnen. Die psychodynamische Diagnostik
basiert zentral auf der Annahme, dass in der therapeutischen Kontaktaufnahme
von Patienten unbewusst ein zentrales Beziehungsmuster induziert wird, das
dem Therapeuten eine bestimmte Übertragungsrolle zuweist. Diese ist der einer
10
signifikanten Bezugsperson nachgebildet. Die unbewussten Konflikte mit
dieser werden wiederholt. Von Krause wird Übertragung als ein spezifischer
Satz von Verhaltensweisen definiert, mit denen Sozialpartner dazu gebracht
werden, sich konkordant zu spezifischen unbewussten Erwartungen zu
verhalten. Anhand der bei sich beobachteten Reaktionen und Impulse kann der
Therapeut Rückschlüsse darauf ziehen, wie andere sich ihrerseits in der
Interaktion mit dem Patienten fühlen und eventuell verhalten. So kann das
Gegenübertragungserleben auch als Instrument für die interpersonelle
Diagnostik genützt werden.
3.2.1 Manual Achse II - Beziehung
Voraussetzung für die Einschätzung der zentralen Beziehungsgestaltung eines
Patienten ist ein eingehendes klinisch-diagnostisches Gespräch. Die vom
Patienten im therapeutischen Gespräch geschilderten Beziehungserfahrungen
(Erlebensperspektive des Patienten: Perspektive A) und die szenischinteraktionellen Informationen aus der aktuellen Interaktion mit dem Patienten
(Erlebensperspektive der Anderen: Perspektive B) werden in die diagnostische
Beurteilung des zentralen Beziehungsverhalten einbezogen. Perspektive A
beschreibt
die
innere
Vorstellung
des
Patienten
von
seiner
Beziehungsgestaltung und welche Beziehungsaspekte er selbst in seinem
eigenen Verhalten und dem seiner Interaktionspartner erleben und benennen
kann. Unter der Perspektive B wird beurteilt, wie Interaktionspartner das
Beziehungsverhalten des Patienten immer wieder erleben und wie sie auf
dieses Verhalten reagieren. Dieses Urteil basiert auf unterschiedlichen
Informationen. Der Untersucher kann sich einmal auf der Grundlage der
Beziehungsepisoden in die Position der geschilderten Objekte hineinversetzen
und prüfen, wie er aus dieser Sicht das Verhalten des Patienten wahrscheinlich
erleben und darauf antworten würde. Er kann zweitens sein eigenes Erleben im
Kontakt mit dem Patienten untersuchen und die Impulse und Gefühle
beobachten, die der Patient in ihm auslöst.
Dysfunktionelle interpersonelle Beziehungsmuster werden als spezifische
Konstellationen a) des habituellen Verhaltens des Patienten und b) der
typischen Reaktionsweisen seiner Sozialpartner beschrieben. Der Fragebogen
organisiert
dementsprechend
die
diagnostische
Einschätzung
der
11
Beziehungsdynamik anhand der zwei interpersonellen Positionen, die für
Perspektive A und Perspektive B unterschiedlich zu formulieren sind (Siehe
Abbildung 2, mit einer zufälligen Auswahl von Items aus den zwei zur
Verfügung
stehenden
Itemlisten,
wobei
die
eine
interpersonelle
Verhaltensweisen des Patienten und die andere die seiner Interaktionspartner
beschreibt).
Abbildung 2: Achse II – Beziehung (Grundstruktur)
Perspektive A: Das Erleben des Patienten
Der Patient erlebt sich immer wieder so, dass
er (andere, bzw. an anderer)...
Der Patient erlebt andere immer wieder so,
dass sie ...
- besonders bewundert und idealisiert
- besorgt hilft, sie versorgt und beschützt
- belehrt und bevormundet
- bestimmt und beherrscht
- ...
- ihn besonders bewundern und idealisieren
- ihm besonders helfen, ihn versorgen und beschützen
- ihn belehren und bevormunden
- ihn bestimmen und beherrschen
- ...
Perspektive B: Das Erleben anderer/des Untersuchers
Andere, auch der Untersucher, erlebt/en, dass
der Patient (sie/ihn) immer wieder ...
- beschuldigt und anklagt
- ausbeutet und manipuliert
- aggressiv zurückweist
- trotzt und sich widersetzt
- ...
Andere/der Untersucher, erleben sich gegenüber
dem Patienten immer wieder so, dass sie/er ...
- ihn beschuldigen und anklagen
- ihn ausbeuten und manipulieren
- ihn angreifen und bedrohen
- ihm trotzen und sich widersetzen
- ...
Ausgangspunkt im praktischen Vorgehen sind die beiden Itemlisten, die
jeweils
30
Items
enthalten.
Die
erste
beschreibt
interpersonelle
Verhaltensweisen des Patienten, die zweite die seiner Interaktionspartner, also
auch des Untersuchers. Zunächst werden alle Items in den Itemlisten für jede
Erlebensperspektive markiert, die das Beziehungserleben des Patienten
(entsprechend seiner
Schilderungen) und das
Beziehungserleben
des
Untersuchers zutreffend beschrieben. Die Zahl der auszuwählenden Items ist
dabei nicht begrenzt. Bei der Markierung ist darauf zu achten, dass nur die
typischen und zugleich dysfunktionalen Verhaltensweisen erfasst werden.
In den Erhebungsbogen werden nur die wichtigsten Items aufgenommen,
deshalb ist es notwendig, aus den Itemlisten für jede interpersonelle Position
(Patientenverhalten bzw. Verhalten der Interaktionspartner) und für jede
Erlebensperspektive (Erleben des Patienten bzw. des Untersuchers) jeweils
maximal bis zu drei Items auszuwählen. Damit erhält man
-
maximal bis zu drei Items für das Verhalten des Patienten aus dessen
Erlebensperspektive,
12
-
maximal bis zu drei Items für das Verhalten der anderen aus der
Erlebensperspektive des Patienten,
-
maximal bis zu drei Items für das Verhalten des Patienten aus der
Erlebensperspektive der anderen (auch des Untersuchers) und
-
maximal bis zu drei Items für die Reaktionen der anderen (auch des
Untersuchers) aus deren Erlebensperspektive.
In einem weitern optionalen Schritt kann aus den beiden Erlebensperspektiven
A und B eine psychodynamische Formulierung des dysfunktionellen
Beziehungsverhalten des Patienten abgeleitet werden, die die verschiedenen
Beziehungsaspekte zu einem sinnvollen Ganzen integriert. Der Aufbau dieser
Formulierung besteht aus einer sequentiellen Anordnung der erfassten
Beziehungsaspekte, so dass ihr dynamischer Zusammenhang erkennbar wird.
3.2.2 Klinisches Fallbeispiel
Eine 44jährige schwer depressive Patientin beklagt sich darüber, dass sie zu
Haus alles machen muß. Sie kümmere sich um jede Kleinigkeit, käme selbst
aber zu kurz. Sie fühlt sich von ihren Kindern im Stich gelassen, weil keines
der Kinder die zugeteilten Haushaltspflichten übernimmt. Sie beschwert sich
auch über den Ehemann, den sie im Beruf ständig unterstützt und für den sie
Entscheidungen treffen muß.
Erlebensperspektive der Patientin:
Die Patientin ist gewohnt, der Versorger und Beschützer ihrer Familie zu sein.
Sie fühlt sich in der Familie in zentraler Position. Sie fühlt sich überfordert und
beklagt sich in depressiver Weise, weil sie von den anderen im Stich gelassen
wird.
Abbildung 2.1: Erhebungsbogen Perspektive A (Das Erleben der Patientin)
Die Patientin erlebt sich immer
wieder so, dass sie
Die Patientin erlebt andere immer
wieder so, dass sie
1. (3)2 hilft, versorgt, beschützt
1. (5) Ansprüche, Forderungen (haben)
2. (14) ignorieren
3. ...........................................................
2. (8) beschuldigt, anklagt
3. ...............................................
2
Die Zahl in der Klammer bezieht sich auf die Itemnummer in der Itemliste
13
Erlebensperspektive des Untersuchers:
Die Patientin spricht fast ohne Pause, wobei sie sich ängstlich immer wieder
vergewissert, ob sie die Aufmerksamkeit des Therapeuten besitzt. Kurz vor
Ende der Stunde schaut sie erwartungsvoll auf den Therapeuten, weil sie sich
jetzt Rat verspricht.
Die Patientin „füttert“ und versorgt unbewusst den Therapeuten mit
Information. Erst gegen Ende der Stunde spürt sie, dass sie womöglich zu kurz
kommt, wenn sie nicht auch etwas vom Therapeuten zurückbekommt.
Nach der Stunde
beschreibt der Therapeut, dass er immer wieder
„abschaltete“, weil ihm der Redeschwall zuviel wurde.
Abbildung2.2: Erhebungsbogen Perspektive B ( Das Erleben des Therapeuten)
Der Therapeut erlebt, dass die
Patientin (ihn) immer wieder
1. (6) bestimmt, beherrscht
2. (21) anklammert
3. ..............................................
Der Therapeut erlebt sich
gegenüber der Patientin immer
wieder so, dass er
1. (30) sich abschottet
2. ................................................
3. ................................................
Mögliche beziehungsdynamische Formulierung (optional):
Die Patientin erlebt sich in ihrer versorgenden, helfenden Haltung (3)
überfordert. Sie beschuldigt (8) andere wegen ihrer Ansprüche (5) und ihrer
Ignoranz (14). Es ist ihr wahrscheinlich unbewusst, dass sie andere dabei
bestimmt (6). Die anderen Beziehungspartner ziehen sich zurück (30), was bei
der Patientin möglicherweise zu anklammerndem Verhalten (21) führt.
3.3 Achse III: Konflikt
Konflikt meint in seiner allgemeinen Bedeutung das zusammentreffen
unterschiedlicher Positionen innerhalb einer Person (Widerstreit von Motiven,
Wünschen, Werten und Vorstellungen) oder zwischen mehreren Personen.
Konflikte
sind
ein
universelles
Phänomen.
Seit
Freud
wird
im
psychodynamischen Denken diesen inneren Konflikten eines Menschen ein
zentraler Stellenwert zugewiesen. Psychodynamische Konflikte sind innere,
14
unbewusste Konflikte und müssen abgegrenzt werden von äußeren
Belastungen oder konflikthaften Belastungen. Die Bedeutung innerseelischer,
unbewusster Konflikte bei der Entstehung seelischer und psychosomatischer
Störungen wird heute kaum noch in Frage gestellt. Aber auch äußere und
innere bewusste Konflikte können, sofern sie anhaltend und intensiv genug
sind, zu Störungen führen und in diesem Sinne konflikthaft wirken.
Unbewusste innerpsychische Konflikte sind innerseelische Zusammenstöße
entgegengerichteter Motivationsbündel, z.B. der Wunsch nach Versorgung und
der Wunsch, autark zu sein.
„Wenn ich mich ganz auf einen Menschen einlasse, werde ich über kurz oder
lang
enttäuscht,
die
dadurch
entstehende
Trennungsangst
oder
den
Trennungsschmerz kann ich nicht aushalten; aus diesem Grund habe ich
Abwehrmöglichkeiten entwickelt, die Beziehung zu einem anderen Menschen
niemals so intensiv werden zu lassen, dass ich von dieser Beziehung abhängig
werden könnte“ (Mertens 1992).
Diese
unbewussten
zeitlich
überdauernden
„neurotischen“
Konflikte
beschreiben die Fixierung in einem rigiden und unauflösbaren Entweder/Oder,
ohne dass es zu einer Lösung oder Entscheidung kommen kann. Äußere und
innere konflikthafte Belastungen hingegen sind bewusst und grundsätzlich dem
Menschen einer Verarbeitung und Lösung zugänglich. Als derartige Konflikte
sind z.B. zu nennen, die durch äußere Gründe als unaufhebbar geltende
Gegensätzlichkeit des Wunsches einer Frau nach Ehe und Familie gegenüber
dem Wunsch nach beruflicher Karriere. Die zeitlich überdauernden
psychodynamischen Konflikte sind hingegen gekennzeichnet durch festgelegte
Erlebensmuster eines Menschen. Dieser Mensch reagiert in entsprechenden
Situationen immer wieder mit ähnlichen Verhaltensmustern, ohne dass diese
dem Menschen bewusst wären.
Psychodynamische
Konflikte
wurden
mit
der
Entwicklung
des
Instanzenmodells durch Freud im wesentlichen als intersystemische Konflikte,
also Konflikte zwischen Ich und Es, Ich und Über-Ich, Ich und Realität
angesehen. Später wurden noch intrapsychische Konflikte, also Konflikte
zwischen unterschiedlichen Komponenten des „Über-Ichs“ oder des „Es“,
hinzugefügt.
Realitätsangemessene
Bescheidenheit
und
die
innere
15
Notwendigkeit, Großartiges leisten zu müssen, ist ein Beispiel für einen
intrapsychischen Konflikt zwischen zwei Überichforderungen.
Das Vorhandensein unbewusster, zeitüberdauernder Konflikte ist an bestimmte
Ich-strukturelle Voraussetzungen geknüpft, ohne die ein solcher Konflikt- und
Verarbeitungsprozess nicht möglich ist. Bestehen deutliche Ich-strukturelle
Störungen, kommt es nicht zur Ausprägung derartiger zeitüberdauernder
unbewusster Konflikte. Somit setzt die Diagnostik von Konflikten eine
Annahme zur psychischen Struktur voraus. Damit echte Konflikte entstehen
können, müssen abgegrenzte und definierte Motive bestehen, mögen sie auch
unbewusst sein. Das bedeutet auch, dass die strukturelle Basis der Person zu
einer Reihe von Funktionen (noch) in der Lage sein muss. Das Rating einer
desintegrierten Struktur schließt deshalb notwendig und das einer gering
integrierten Struktur (Siehe 3.4: Achse IV – Struktur) teilweise die
gleichzeitige Markierung umschriebener Konflikte aus – auch, wenn zahlreiche
Phänomene solcher Patienten „konflikthaft“ erscheinen.
Konflikt und Struktur stellen somit eine Ergänzungsreihe dar. Konflikte
wachsen vor dem Hintergrund einer konfikthaften Beziehungserfahrung, also
immer wiederkehrender Beziehungsmodi, die bis zur Traumatisierung gehen
können. Die Folgen extremer Traumata in der Entwicklung werden sich aber
eher als strukturelle Defizite nachweisen lassen. Konflikt und Struktur stellen
in diesem Verständnis Pole einer klinischen Ergänzungsreihe dar.
Eine nicht mehr aufrecht zu erhaltende Grundannahme der traditionellen
analytischen Theorie war, dass in sensiblen Entwicklungsphasen gewisse
Verhaltens- und Charakterbildungen geprägt werden. Die klassischen
Konfliktthemen, wie das Ringen um Nähe und Distanz (Intentionale Phase:
Strukturelle Störung), Geborgenheit und Versorgung (Orale Phase: Depression)
oder Kontrolle versus Unterwerfung (Anale Phase: Zwangsneurose), wie auch
die ödipale Konfliktthematik (Ödipale Phase: Konversionsneurose) wurden
gewissen Entwicklungsphasen zugeordnet. Die Auswirkungen (Fixierungen)
sollten sich in einer entsprechenden Charakterstruktur oder einer Störung
manifestieren. Die bisherige Forschung hat nun jedoch keinerlei Belege dafür
finden können, dass es eine „Phase“ gibt, in der gewisse Verhaltens- und
Charakterbildungen geprägt werden. Die aktuelle Diskussion um den
Zusammenhang von zentralen Konflikten und Fixierungen auf bestimmte
16
triebtheoretische Entwicklungsphasen geht dahin, dass man heute eher von
einem
Modell
Berücksichtigung
der
kontinuierlichen
zeitlich
begrenzter
Entwicklung
unter
Reifungsabschnitte
besonderer
ausgeht.
Das
Scheitern der Integration zentraler Grundkonflikte kann also prinzipiell in jeder
Lebensphase seinen Anfang nehmen.
Traditionelle psychoanalytische Termini werden in der OPD aufgrund dieser
Loslösung
von
entwicklungspsychologischen
Annahmen
und
der
schulenspezifischen Vieldeutigkeit so weit wie möglich vermieden.
Konflikte manifestieren sich in den wesentlichen Lebensbereichen eines
Menschen. Hierzu zählen Partnerwahl, Bindungsverhalten und Familienleben,
den Bereich der Herkunftsfamilie, den gesamten Arbeits- und Berufsbereich,
das Besitzverhalten, den umgebenden soziokulturellen Raum sowie das
Krankheitserleben.
Anhand dieser Lebensbereiche werden in der OPD folgende innere zeitlich
überdauernde Konflikte unterschieden:
-
Abhängigkeit vs. Autonomie
-
Unterwerfung vs. Kontrolle
-
Versorgung vs. Autarkie
-
Selbstwertkonflikte (narzisstische Konflikte, Selbst- vs. Objektwert)
-
Schuldkonflikte (egoistische vs. prosoziale Tendenzen)
-
Ödipal-sexuelle Konflikte
-
Identitätskonflikte (Identität vs. Dissonanz)
-
Eingeschränkte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung
-
Konflikthafte äußere Lebensbelastung
3.3.1 Manual Achse III - Konflikt
Widersprüchliche innerseelische oder zwischenmenschlich Interessen sind ein
Grundbestand menschlichen Lebens. Vielen Menschen gelingt es, diese
Spannungen den inneren und äußeren Anforderungen entsprechen zu
integrieren. Hier wird abgehoben auf Menschen, denen eine solche Integration
nicht gelingt. Bei den im folgenden aufgeführten Konflikten handelt es sich
vorwiegend um zunächst nicht erlebbare (unbewusste) Gegensätzlichkeiten
und Problembereiche des Erlebens und Handelns. Konflikt als unbewusstes
17
Geschehen muß somit von vorwiegend bewusst erlebter Spannung abgegrenzt
werden.
Die nachstehend beschriebenen Konfliktmuster finden sich im Leben des
Betroffenen immer wieder, ohne dass eine zufriedenstellende Bewältigung
möglich war. Die Konfliktmuster bleiben im Leben des Betroffenen lebendig
und über lange Lebenszeiträume erlebens- und handlungsbestimmend, wir
sprechen demzufolge von „zeitlich überdauernden Konflikten“.
In Ergänzung und Abgrenzung zu diesen zeitlich überdauernden Konflikten
stehen
aktuelle
„konflikthafte
Lebensbelastungen“:
Einschneidende
Lebensveränderungen und Belastungen führen auf dem Hintergrund einer
individuellen und soziokulturellen Vulnerabilität – ohne dass aber ein sich
wiederholendes Grundmuster vorliegt! – zu körperlichen und seelischen
Belastungserscheinungen. Verlusterlebnisse, Krankheit oder aktuelle Traumata
sind typische Beispiele. Oft kann eine Belastungsreaktion (ICD-10: F43.0 und
F43.1) oder Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) diagnostiziert werden (OPDAchse V). Die Belastungen sind begleitet von inneren Verarbeitungsprozessen,
die häufig einen Widerstreit von Gefühlen, Vorstellungen, Erleben und
Interessen auslösen, also „konflikthaft“ erscheinen, ohne dass aber ein zeitlich
überdauernder Konflikt vorliegt.
Die zeitlich überdauernden, unbewussten Konflikte erschließen sich aus der
klinischen Beschreibung wahrnehmbarer Verhaltens- und Erlebensweisen. Sie
manifestieren sich sowohl auf der Subjekt- wie auch auf der Objektebene
(innerpsychisch wie auch in der Interaktion mit anderen Personen), häufig
stehen Konflikte in Verbindung mit leitenden Affekten (z.B. Wut bei
narzisstischer Kränkung), und oft ergibt sich eine Unmittelbarkeit des
Konfliktes in Übertragung und Gegenübertragung.
In
jeder
Konfliktebene
findet
sich
ein
passiver
und
ein
aktiver
(kontraphobischer) Modus. In der Entwicklung und im Leben des Menschen
besteht eine grundsätzliche Bipolarität zwischen Passivität und Aktivität,
zwischen Selbstbezogenheit und Objektbezogenheit. Auf der einen Seite steht
der passive Rückzug auf das Selbst, die Selbstbezogenheit, am anderen Ende
die aktive Suche des Objektes, die Objektbezogenheit bis hin zur
Objektabhängigkeit. Diese gegensätzlich erscheinenden Tendenzen sind
natürlich nicht voneinander unabhängig, sondern interdependent. Gerade aber
18
die Betonung des passiven – selbstbezogenen oder aktiven – objektbezogenen
Modus entspricht häufig einer konflikthaften Verarbeitung, da eine integrative
„Sowohl-als-auch-Lösung“ nicht gefunden werden konnte.
3.3.2 Innere zeitlich überdauernde Konflikte
Im Folgenden werden die in der OPD benannten inneren zeitlich
überdauernden Konflikte kurz skizziert, wobei der Konflikt „Abhängigkeit vs.
Autonomie“ exemplarisch für alle anderen genauer dargestellt wird.
Abhängigkeit versus Autonomie
Es geht hierbei um die existentielle Bedeutung von Bindung und Beziehung.
Die gegensätzlichen Pole sind einerseits die Suche nach Beziehungen sowie
andererseits das Streben nach Autonomie und die Ängste um Selbstständigkeit
und Verantwortung. Beides entspricht der grundlegenden Bedeutung, die
Bindung und Autonomie im Leben eines jeden Menschen besitzen.
Abhängigkeit und Autonomie sind Grundkategorien im menschlichen Erleben
und in allen Konfliktbereichen enthalten. Ein Autonomie-AbhängigkeitsKonflikt liegt nicht vor, wenn die Menschen zu flexiblen und wechselseitigen
Beziehungen in der Lage sind und diese vertiefen können. Hier ist jedoch nicht
diese grundlegende Bipolarität des menschlichen Lebens gemeint, sondern die
konfikthafte Polarisierung.
Ein Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt als lebensbestimmendes Thema zeigt
sich in der existentiellen Bedrohung, die sich im Leben eines Betroffenen
immer wieder findet und die alle anderen Konflikte überragt. Klinisches
Beispiel sind schizoide Charakterstrukturen (als Beispiel für die aktive
Verarbeitung) oder auf die Autonomie verzichtende, verschmelzende
Beziehungsaufnahmen (passiver Modus). Leitaffekt ist die durch Nähe und
oder Distanz ausgelöste Angst.
Passiver Modus:
Eigene Autonomiewünsche werden unzureichend wahrgenommen und den
Wünschen bedeutsamer Bezugspersonen untergeordnet, um die Bindung nicht
zu gefährden oder die Selbstverantwortung nicht zu forcieren. Es besteht eine
ausgeprägte Abhängigkeit, verbunden mit einer Selbstwahrnehmung in
19
Richtung von Hilflosigkeit und Schwäche. Konflikte in Beziehungen werden
demzufolge verleugnet, bagatellisiert und rationalisiert. Ziel dieses Modus ist
es, die Beziehung nicht zu gefährden. Diese Menschen erscheinen abhängig,
was in der Untersuchungssituation charakteristischerweise durchgängig erlebt
werden kann. In der Gegenübertragung entstehen Gefühle von Sorge und
Verantwortung. Den Patienten spürbar ist eine starke Angst, Bindungen zu
verlieren.
-
Der Patient nimmt in Familie und Partnerschaft freiwillig einen
nachgeordneten, nicht aktiven Part in Beziehungen ein und bleibt in
dieser Stellung regelhaft ...
-
Es besteht ein psychisches „Nicht-Erwachsen-Werden“ ...
-
Die Patienten üben im Beruf meist eine nachgeordnete Tätigkeit aus ...
-
Oft besteht Bedürfnislosigkeit, weil Eigentum eher zu Verantwortung
verpflichtet ...
-
Im gesellschaftlichen Umfeld werden Gruppenzugehörigkeit mit Einund Unterordnung bevorzugt ...
-
Erkrankungen schaffen Möglichkeiten, die Abhängigkeit nun verstärkt
„zurecht“ auszuleben ...
Aktiver Modus:
Vorrangiges Lebensziel ist der Aufbau einer übersteigerten emotionalen und
existentiellen Unabhängigkeit. Es besteht ein ständiges Ringen mit anderen
Menschen um Autonomie. Eigene Bedürfnisse, sich anzulehnen und sich zu
binden, werden entsprechend unterdrückt. Menschen mit diesem Modus sind
selten in psychotherapeutischen Institutionen zu finden, da sie Abhängigkeiten
vermeiden. In der Gegenübertragung entwickelt sich trotz massiver
Symptomatik wenig Verantwortungs- und Versorgungsgefühl, man ist bereit,
den Patienten „ziehen“ zu lassen, da starke abgewehrte Wünsche spürbar
werden.
-
In der Partnerwahl wird eine ausgeprägte Unabhängigkeitsposition
angestrebt ...
-
Häufig findet sich eine forcierte Loslösung ...
-
Unabhängig von der hierarchischen Position werden Berufsnischen mit
Autonomie angestrebt ...
20
-
Es
werden
sichere
finanzielle
Verhältnisse
als
Basis
der
Eigenständigkeit bevorzugt ...
-
Gruppenzugehörigkeiten werden eher selten gesucht ...
-
Krankheit ist eine zentrale Bedrohung ...
Unterwerfung versus Kontrolle
Gehorsam/Unterwerfung (passiver Modus) versus Kontrolle/Sich-Auflehnen
(aktiver Modus) bestimmen die interpersonellen Beziehungen und das innere
Erleben. Erkrankungen werden „bekämpft“ oder sind ein zu erleidendes
Schicksal, dem man sich (wie auch dem Arzt) „fügen“ muss.
Versorgung versus Autarkie
Die Wünsche nach Versorgung und Geborgenheit führen zu starker
Abhängigkeit (passiver Modus) oder werden als Selbstgenügsamkeit und
Anspruchslosigkeit abgewehrt (altruistische Grundhaltung, aktiver Modus). Bei
Krankheit erscheinen diese Menschen passiv-anklammernd oder wehren Hilfe
ab.
Selbstwertkonflikte (Selbst- versus Objektwert)
Das Selbstwertgefühl erscheint brüchig bzw. resigniert, aufgegeben (passiver
Modus) oder die kompensatorischen Anstrengungen zur Aufrechterhaltung des
ständig bedrohten Selbstwertgefühls dominieren (pseudoselbstsicher, aktiver
Modus).
Schuldkonflikte (egoistische versus prosoziale Tendenzen)
Schuld wird bereitwillig bis hin zu masochistischer Unterwerfung auf sich
genommen und Selbstvorwürfe herrschen vor (passiver Modus) oder es fehlt
jegliche Form von Schuldgefühlen, diese werden anderen zugewiesen und auch
für Krankheit sind andere verantwortlich (aktiver Modus).
21
Ödipal-sexuelle Konflikte
Erotik und Sexualität fehlen in Wahrnehmung, Kognition und Affekt (passiver
Modus) oder bestimmen alle Lebensbereiche ohne dass Befriedigung gelingt
(aktiver Modus).
Identitätskonflikte
Es bestehen hinreichende Ich-Funktionen bei gleichzeitig konfikthaften
Selbstbereichen (Identitätsdissonanz): Geschlechtsidentität, Rollenidentität,
Eltern-/Kindidentität, religiöse und kulturelle Identität. Der Annahme des
Identitätsmangels (passiver Modus) steht das kompensatorische Bemühen,
Unsicherheiten und Brüche zu überspielen, entgegen (aktiver Modus).
Eingeschränkte Konflikt- und Gefühlswahrnehmung
Gefühle und Bedürfnisse bei sich und anderen werden nicht wahrgenommen
und Konflikte übersehen (passiver Modus) oder durch sachlich-technische
Beschreibung ersetzt (aktiver Modus).
Konflikthafte äußere Lebensbelastungen
Es besteht eine aktuelle äußere Lebensbelastung, deren Ausmaß und
konflikthafte Verarbeitung zur Erklärung der seelischen und körperlichen
Symptomatik
ausreicht.
Eine
Wiederholung
der
oben
erfassten
lebensbestimmenden Konflikte im Sinne eines repetitiven Musters liegt mit
großer Wahrscheinlichkeit nicht vor. Typische Beispiele sind Trauer nach
Verlust, Erkrankung, Lebenskrisen oder Angst nach Traumata.
Die oben aufgeführten Grundkonflikte sowie die Kategorie der „mangelnden
Konfliktwahrnehmung“ werden aufgrund von Idealtypen-Beschreibungen nach
dem Grad des Vorhandenseins beurteilt (dimensionale Wertung: nicht
vorhanden, wenig bedeutsam, bedeutsam, sehr bedeutsam). Darüber hinaus
werden für jeden Patienten noch die zwei Hauptkonfliktbereiche und der
Modus der Verarbeitung des wichtigsten Konflikts angegeben (Siehe
Abbildung 3).
22
Abbildung 3: Erhebungsbogen Achse III - Konflikt
nicht
wenig
bedeutsam
sehr
vorhanden bedeutsam
bedeutsam
Achse III - Konflikt
(0)
(1)
(2)
(3)
nicht
beurteilbar
(9)
1.1 Autonomie vs. Abhängigkeit
1.2 Unterwerfung vs. Kontrolle
1.3 Versorgung vs. Autarkie
1.4 Selbstwertkonflikte
1.5 Schuldkonflikt
1.6 Ödipal-sexueller Konflikt
1.7 Identitätskonflikt
2 Eingeschränkte Konflikt- u. Gefühlswahrnehmung
3 Konfikthafte äußere Lebensbelastung
wichtigster Konflikt
Modus der
Verarbeitung des
wichtigsten
Konflikts
vorwiegend
aktiv
zweitwichtigster Konflikt
gemischt eher
aktiv
gemischt eher
passiv
vorwiegend
passiv
nicht
beurteilbar
3.4 Achse IV: Struktur
Der Begriff „Struktur“ umfasst die Gesamtheit von Persönlichkeitsmerkmalen,
die im Zuge der lebensgeschichtlichen Entwicklung zu „festgefügten“
psychischen Dispositionen geworden sind, sie umfassen alles, was im
Verhalten und Erleben des Einzelnen regelhaft und repetitiv abläuft.
Struktur ist nicht starr und unveränderlich, sonder zeigt lebenslang
Entwicklungsprozesse. Gleichwohl ist die Veränderungsgeschwindigkeit
dieser Prozesse so langsam, dass der Eindruck von Konstanz überwiegt. Um
einer allzu statischen Konzeption von Struktur entgegenzuwirken, sei auf die
Argumente verwiesen, die es nahe legen, Struktur unter dynamischen
Gesichtspunkten zu betrachten: Psychische Strukturen sind, aus einer
Entwicklungsperspektive betrachtet, dynamisch, da sie sich lebensgeschichtlich
bilden. Zwar gründen sie auf angeborenen Persönlichkeitsdispositionen,
23
werden aber während der Kindheit erst geformt und unterliegen im Verlauf der
Lebensentwicklung mehr oder weniger großen Veränderungen. Des weiteren
sind psychische Strukturen Dispositionen und als solche nicht beobachtbar; sie
realisieren sich nur in konkreten, aktuellen Situationen, von denen aus auf
überdauernde Strukturmerkmale zurückgeschlossen wird. Solche Rückschlüsse
sind niemals erschöpfend; die Beschreibung von Persönlichkeitsstrukturen ist
immer vorläufig und unabgeschlossen. Zudem impliziert der Strukturbegriff
eine zeitüberdauernde Stabilität, die ihm auf der psychologischen Ebene nur
eingeschränkt zukommen dürfte: Auf der Hintergrundsannahme von potentiell
lebenslang möglicher Entwicklung und Wachstum der Persönlichkeit
beinhaltet der Strukturbegriff auch Aspekte von Entwicklungsdynamik mit
einem zeitlichen, wenn auch langsamen Veränderungspotential. Strukturen
verändern sich durch Integration neuer Informationen, stellen damit erneut
Regelhaftigkeit her, bis sie sich durch Integration neuer Informationen erneut
verändern.
Somit bezieht sich der in der OPD verwendete Strukturbegriff nicht auf das
topographische Strukturmodell von Freud (Es, Ich, Über-Ich) und auch nicht
auf das traditionelle Modell der Neurosenstruktur (schizoid, depressiv,
zwanghaft, hysterisch). Es finden sich eher Überschneidungen mit dem
traditionellen Konstrukt der Ich-Funktionen. Als wichtige Ich-Funktionen sind
zu nennen: Fähigkeit, innere und äußere Reize adäquat zu beurteilen
(Realitätsprüfung); adäquates inneres Erleben der äußeren/inneren Welt mit
Aufrechterhaltung von Ich-Grenzen (Sinn für Realität); Fähigkeit, Gefühle und
Antrieb zu steuern (Kontrolle von Impulsen); Fähigkeit, Kontakte aufzubauen,
Beziehungen aufrechtzuerhalten und wechselseitig zu gestalten (Fähigkeit zur
Objektbeziehung); adäquater Einsatz von Abwehrmechanismen (Defensive
Funktion).
Die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Grundkonflikte sind für alle
Menschen von großer Bedeutung. Ihre Integration hängt aber von den
strukturell vorgegebenen Verarbeitungsmöglichkeiten bzw. Defiziten des
Einzelnen ab. Dabei wird davon ausgegangen, dass strukturelle Defizite vor
allem in der Folge von (sequentiellen) Traumatisierungen und schweren
Beziehungsbeeinträchtigungen entstehen.
24
Die in der OPD verwirklichte Erfassung der Struktur verfolgt einen
integrativen, psychodynamischen Ansatz, verzichtet jedoch ebenso wie im
Bereich der Konflikte auf die Verwendung überlieferter psychoanalytischer
Begriffe, um statt dessen das Verhalten und Erleben von Patienten und
Therapeuten in der diagnostischen Situation möglichst beobachtungsnahe zu
erfassen. Die psychische Struktur wird hierbei als die Struktur des Selbst in
Beziehung zu anderen betrachtet.
Anhand von sechs wesentlichen beobachtbaren Funktionen kann die
zugrundeliegende Struktur gekennzeichnet werden.
Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung
Die Fähigkeit, sich selbst reflektieren (Selbstreflexion) und dadurch ein
Selbstbild zu gewinnen (was voraussetzt, sicher zwischen Selbst und Objekt
differenzieren zu können); die Fähigkeit, das Selbstbild hinsichtlich seiner
psychosexuellen und sozialen Aspekte kohärent und über die Zeit konstant zu
halten (Identität); die Fähigkeit, innerseelische Vorgänge, vor allem deren
affektive Seite, differenzieren zu können (Introspektion).
Fähigkeit zur Selbststeuerung
Die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren, so dass das Selbst als Urheber
kompetenten Handelns erlebt werden kann; die Fähigkeit, mit seinen
Bedürfnissen und Affekten steuernd und integrierend umzugehen, Belastungen
auszuhalten
und
Gleichgewichte
wiederherzustellen.
Von
besonderer
Bedeutung ist die Fähigkeit, das Selbstwertgefühl auf realitätsgerechtem
Niveau zu errichten und seine Schwankungen regulieren zu können.
Fähigkeit zur Abwehr
Die Fähigkeit, sich bestimmter Mittel (Abwehrmechanismen)3 zu bedienen, um
das seelische Gleichgewicht in inneren und äußeren Belastungs- und
Konfliktsituationen aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.
„Abwehrmechanismen (oder Copingstile) sind automatische psychologische Prozesse, die die
Person vor Angst und vor dem Bewusstsein innerer oder äußerer Gefahren oder
Belastungsfaktoren schützen. Betroffene sind sich des Wirkens dieser Prozesse oft nicht
bewusst“ (Saß, Wittchen &Zaudig 1996, S. 842)
3
25
Fähigkeit zur Objektwahrnehmung
Die Fähigkeit, zwischen innerer und äußerer Realität zu unterschieden und
infolgedessen die äußeren Objekte als ganzheitliche Personen, mit eigenen
Absichten und Rechten und mit ihren Widersprüchen wahrzunehmen und sich
ihnen empathisch nähern zu können.
Fähigkeit zur Kommunikation
Die Fähigkeit, sich emotional auf andere auszurichten, sich ihnen anzunähern,
sich ihnen mitzuteilen und die affektiven Signale der anderen zu verstehen.
Fähigkeit zur Bindung
Die Fähigkeit, innere Repräsentanzen des Gegenübers zu errichten (ObjektInternalisierung) und längerfristig affektiv zu besetzten (Objektkonstanz); die
Fähigkeit, zwischen Bindung und Lösung wechseln zu können (Fähigkeit zu
Abschied und Trauer); die Fähigkeit zum Schutz der Bindung Regeln für die
Interaktionen mit wichtigen Anderen zu entwickeln.
Die genannten strukturellen Dimensionen sind logisch nicht voneinander
unabhängig. Sie bilden den Gegenstand der Struktur (das Selbst in Beziehung
zum Anderen) aus verschiedenen Perspektiven ab und erfassen die komplexen
Funktionsmuster in verschiedenen Zusammenhängen.
3.4.1 Manual Achse IV - Struktur
Die vom Patienten in der diagnostischen Beziehung inszenierte Interaktion und
die von ihm berichteten Interaktionen seines Lebens stellen das „Material“ dar,
das es unter strukturellen Gesichtspunkten zu untersuchen gibt. Dabei orientiert
sich die diagnostische Einschätzung der Struktur nicht notwendigerweise an
der aktuellen krankheitswertigen Störung, sondern vor allem an der
zugrundliegenden strukturellen Bereitschaft, wie sie im interaktionellen
Handeln der letzten ein bis zwei Jahre sichtbar wurde. Aktuelle Störungen,
insbesondere auch regressive Zustände und Krisen bestimmen nicht für sich
allein genommen das strukturelle Niveau, sondern stellen Indikatoren für die
strukturelle Bereitschaft dar.
26
Zur abschießenden Einschätzung des Strukturniveaus (gut integriert, mäßig
integriert, gering integriert, desintegriert) gilt es zu prüfen, welche im Manual
gegebenen Operationalisierungen auf den Patienten zutreffen. Dabei können
auf
den
sechs
Integrationsniveaus
Befunddimensionen
beschrieben
durchaus
werden.
Die
unterschiedliche
abschließende
Gesamteinschätzung des Strukturniveaus bildet einen Durchschnittswert aus
den sechs strukturellen Dimensionen (Siehe Abbildung 4).
Abbildung4: Erhebungsbogen Achse IV - Struktur
Achse IV-Struktur
gut
integriert
(1)
(1,5)
mäßig
integriert
(2)
(2,5)
gering
integriert
(3)
(3,5)
desintegriert
(4)
nicht
beurteilbar
(9)
1.1 Selbstwahrnehmung
1.2 Selbststeuerung
1.3 Abwehr
1.4 Objektwahrnehmung
1.5 Kommunikation
1.6 Bindung
2 Gesamteinschätzung
3.4.2 Allgemeine Charakteristika der Integrationsniveaus
Niveau: Gute Integration
Das gut integrierte Niveau der Struktur ist dadurch gekennzeichnet, dass die
intrapsychisch und interpersonell regulierenden Funktionen für den Patienten
prinzipiell verfügbar sind, d.h. dass sie über längere Lebensperioden hinweg
und unabhängig von inneren und äußeren Belastungssituationen erhalten oder
rasch wiedergewonnen werden können.
Die vorhandene, gut integrierte psychische Struktur stellt einen psychischen
Innenraum zur Verfügung, in dem intrapsychische Konflikte ausgetragen
werden können. Diese ereignen sich zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen
27
sowie zwischen Bedürfnisregungen einerseits und internalisierten Normen (in
Gestalt eines ausgereiften Über-Ichs) und Idealen andererseits.
Die zentrale Angst gilt dem Verlust der Liebe des Objekts.
Niveau: Mäßige Integration
Zur Charakteristik des mäßig integrierten Niveaus gehört es, dass die
Verfügbarkeit über die beschriebenen Fähigkeiten und Funktionen prinzipiell
erhalten, zugleich aber situativ herabgesetzt ist. Auch hier herrschen
intrapsychische Konflikte vor, die nun aber andere Inhalte und einen anderen
Umgang als die beim integrierten Niveau aufweisen: Auf der Bedürfnisseite
stehen unbewusste Regungen der gierigen Bedürftigkeit, der Bemächtigung,
der Unterwerfung; auf der steuernden Gegenseite finden sich strenge, rigide
und strafende Normen („unreifes Über-Ich“) sowie überzogene Ideale.
Die zentrale Angst gilt dem Verlust oder der Zerstörung des stützenden,
steuernden Objekts.
Niveau: Gering integriert
Im Gegensatz zu den vorher beschriebenen Strukturniveaus ist hier die
Verfügbarkeit über die intrapsychisch und interpersonell regulierenden
Funktionen deutlich reduziert und zwar entweder dauerhaft (im Sinne eines
Entwicklungsdefizits: Strukturelle Störung kann bedeuten, dass im Sinne eines
Entwicklungsdefizits
bestimmte
strukturelle
Differenzierungen
und
Integrationsschritte nicht erfolgt sind. Das Selbst vermag weder autonom zu
sein noch sich selbst ausreichend zu organisieren noch sich zu reflektieren;
eine verlässliche Bindung an haltgebende Andere konnte nicht entwickelt
werden) oder immer wieder im Zusammenhang mit Belastungssituationen (im
Sinne
einer
strukturellen
Vulnerabilität:
Im
Falle
der
strukturellen
Vulnerabilität hat sich die Struktur zwar entwickelt, aber sie ist nicht stabil
genug ausgebildet, so dass in Situationen innerer und äußerer Belastung
regressive Prozesse einsetzen, strukturell verankerte Funktionen verloren gehen
und affektive Spannungszustände und Desintegrationszustände aktiviert
werden). Ausgeschlossen sind kurzfristige Desintegrationen z.B. im Rahmen
posttraumatischer Belastungsstörungen. Im Gegensatz zu den vorgenannten
28
Strukturniveaus ist der seelische Binnenraum wenig entwickelt; die
Idealstruktur ist wenig differenziert; die normative Struktur (im Sinne des
Über-Ichs) ist dissoziiert. Unbewusste Bedürfnisregungen werden nicht
intrapsychisch gebunden, sonder richten sich direkt nach außen. So kommt es
weniger zu intrapsychischen Konflikten als zu einem Vorherrschen
interpersoneller Konflikte (in Partnerschaft, Beruf und sozialem Umfeld).
Die zentrale Angst gilt der Vernichtung des Selbst durch das böse Objekt oder
durch den Verlust des guten Objekts.
Der Tendenz zur Realisierung intrapsychischer Konflikte in den jeweiligen
Interaktionen entspricht auch die Gegenübertragung: Sie ist durch Heftigkeit
gekennzeichnet, durch abrupte Veränderungen des Erlebens; gelegentlich
wirken aufgewühlte Gefühlsregungen über die Realpräsenz des Patienten nach.
Diese Patienten wiederholen nicht an ihrem Gegenüber biographisch relevante
Konflikte, sondern mobilisieren im Anderen Teil-Ich-Funktionen, über die sie
selbst nicht verfügen.
Niveau: Desintegration
Da keine kohärente Selbststruktur ausgebildet ist, besteht bei Belastungen die
Gefahr der Desintegration oder Fragmentierung. Dem psychotischen
Zusammenbruch kann eine psychotische Restituierung folgen.
Eine Stabilität der fragilen Struktur wird dadurch zu erreichen versucht, dass
wesentliche Triebimpulse und narzisstische Bedürfnisse abgespalten oder
verleugnet werden. Diese sind dann langfristig einer bewussten Wahrnehmung
nicht mehr zugänglich. Wenn das bisherige labile Gleichgewicht nicht mehr
aufrecht erhalten werden kann, kommt es im Rahmen der psychotischen
Dekompensation zu einer projektiven Verarbeitung. Die bislang unbewussten
Bedürfnisregungen werden nun als von außen kommend und nicht der eigenen
Person entstammend erlebt. (Die Gedanken werden gemacht oder eingegeben,
spontane sexuelle Erregung wird durch Manipulation von Außen erzeugt, nur
die anderen sind aggressiv und bedrohlich).
Falls ein umschriebener Konflikt auszumachen ist, betrifft er die Gefahr einer
Fusion mit dem Objekt versus einer isolierenden Abgrenzung oder die
narzisstische
Selbstüberhöhung
Selbstwertzweifel.
als
Kompensation
schwerster
29
3.4.3 Das gering integrierte Niveau
Wiederum soll das gering integrierte Niveau exemplarisch anhand der sechs
strukturellen Beurteilungsdimensionen dargestellt werden.
Selbstwahrnehmung
Eine reflexive Selbstwahrnehmung ist nicht möglich; ein Gefühl der psychosexuellen und sozialen Identität wurde nicht entwickelt, es stehen
widersprüchliche Selbstaspekte dissoziiert nebeneinander; eigene Affekte
können wenig differenziert wahrgenommen werden; das affektive Erleben ist
von chronischer Verachtung, Ekel und Wut gekennzeichnet; im Ausdruck
tauchen vor allem Verachtung und Ekel auf; an die Stelle affektiven Erlebens
können
Entfremdung,
Affektleere,
Depressivität
treten;
Innen-
und
Außenattribuierung beim Zustandekommen der Affekte kann nicht klar
unterschieden werden.
Selbststeuerung
Die Möglichkeit, sich Triebwünsche sozial adäquat und gemäß den eigenen
Wertvorstellungen
zu
erfüllen,
ist
gering,
ebenso
die
Möglichkeit,
Triebbefriedigungen aufzuschieben oder zu verlagern; es resultiert also ein
impulsives Verhalten, das vom Betroffenen selbst zeitweise als dyston,
überwältigend und leidvoll erlebt wird oder das von der Umwelt als inadäquat,
feindselig oder überwältigend zurückgewiesen wird. Diese Umweltreaktionen
können aber nicht antizipiert werden oder zur Verhaltenskontrolle eingesetzt
werden. Die mangelnde Einfühlung in die Reaktion der Objekte (z.B.
mangelndes Mitgefühl) kann zum Überwiegen aggressiver Impulse führen.
Steuerungsversuche erweisen sich meist als abrupt und ineffektiv. Die selbstund fremddestruktiven Tendenzen sind in Phantasien oder Handlungen
offensichtlich. Schuldgefühle werden nicht intrapsychisch bearbeitet, sondern
führen zu Selbstbestrafungen, u.U. in Form autodestruktiver Tendenzen. Im
Unterschied zum mäßig integrierten Niveau überwiegt die Untersteuerung. Das
impulsive Verhalten wird oft ausgelöst durch unangenehme Affekte, die nicht
intrapsychisch
verkraftet
Verhaltensänderungen führen.
werden
und
deshalb
zu
abrupten
30
Abwehr
Auf dieser Stufe reicht die Abwehr gegen innere Triebwünsche und Affekte
nicht aus; kennzeichnend ist hier die Veränderung, d.h. verzerrte, überhöhte
oder entwertete Ausformung der inneren Bilder des Selbst und des Anderen
(Selbst- bzw. Objektrepräsentanzen) durch die Abwehrmechanismen. Die
Abwehr wird hier wie auf der nächsttieferen Stufe (desintegriertes Niveau)
interpersonal.
Typische Abwehrmechanismen: Der kennzeichnende Abwehrvorgang dieser
Stufe ist die Spaltung der Selbst- und Objektimagines; aus der Spaltung leiten
sich andere Abwehrmechanismen dieser Stufe ab, z.B. die projektive
Identifizierung und die Idealisierung bzw. Entwertung äußerer Objekte.
-
Spaltung: Das Selbst und äußere Objekte werden nicht ambivalent, mit
guten und schlechten Merkmalen erlebt, sondern einseitig als nur gut
oder nur böse, wobei die Zuordnung zum „Gut/Böse-Schema“ von
Person zu Person hin- und herwechseln kann und auch bei der gleichen
Person zeitlich rasch wechseln kann. Widersprüchliche, oft in Bezug
auf dieselbe Person geäußerte Gefühle (wie Idealisierung und
Entwertung) stehen unverbunden nebeneinander, das Wissen um diese
Widersprüchlichkeit löst nicht die zugehörigen Affekte bzw. eine
Konfliktspannung aus, und führt nicht zu einer Korrektur der völligen
Umkehrung aller bisher geäußerten Gefühle oder Vorstellungen.
-
Projektive Identifizierung: Projektion und Identifizierung finden sich
hier verknüpft. Das Subjekt erlebt abgespaltene Selbstanteile beim
Anderen wieder; anders als bei der Projektion kann damit jedoch keine
Distanz vom Anderen geschaffen werden. Vielmehr wirkt der Andere,
der die – bedrohlichen – Selbstanteile „enthält“, seinerseits bedrohlich,
er muß daher ständig überwacht und kontrolliert werden. In dieser
Bedrohlichkeit „rechtfertigt“ er gegen ihn (Untersuche/Therapeut)
gerichtete Aggressivität. Projektive Identifizierung entspricht einer
unvollständigen Projektion, vom Standpunkt der Selbst-ObjektDifferenzierung aus gesehen. Der Untersucher bemerkt, dass er vom
Patienten in eine Szenerie nach einem „Täter-Opfer-Schema“
einbezogen worden ist, indem er stellvertretend für den Patienten
dessen inakzeptable Impulse ausdrückt und dafür vom Patienten
31
kontrolliert und gefürchtet wird. Der Untersucher fühlt sich immer
wieder veranlasst, gegen seinen Willen in ein bestimmtes, ihm sonst
fremdes Rollenmuster zu geraten.
Objektwahrnehmung
Die Schilderung anderer Menschen rufen beim Untersucher das Gefühl
hervor, solche Menschen könne es doch gar nicht geben. Jeder müsste doch
starke und schwache Seiten haben, aber gerade die sind in den
Schilderungen des Patienten über andere Menschen nicht zu erkennen.
Dem Patienten fehlt ein Verständnis dafür, dass sein jeweiliges Gegenüber
eine eigene Geschichte hat, mit der Folge persönlicher Schwächen und
Stärken. Jemand muss ihm entweder ganz entsprechen, oder mit einer
anderen Person kann er nichts anfangen. Die Fremdschilderungen wirken
flächig, tupferhaft, nicht „dreidimensional“, gestalthaft-abgegrenzt. Auf
Befragen nach dem „idealen Partner“ kennzeichnet der Patient einen
Supermenschen, mit dem alles möglich ist, der aber seinerseits keine
eigenen Ansprüche stellen und keine Unzulänglichkeiten aufweisen darf.
Kommunikation
Es liegen erhebliche Schwierigkeiten im Verstehen eigener und fremder
Affekte sowie in der Mitteilung eigener Affekte vor; der Patient wirkt
unbeteiligt gegenüber Gefühlen anderer, es fällt ihm schwer, warme und
zärtliche Gefühle zu erleben und Ärger zu zeigen. Im Extremfall erfolgen
Kommunikationsabrisse. Die Beziehungsstörung zeigt sich im Vorbeireden
und Missverständnissen, der Patient neigt zu Übergriffen, Manipulationen
und Distanzlosigkeit. Verwirrung und Leere werden u.U. durch rationales
Argumentieren und Als-Ob-Kommunikation überdeckt.
Bindung
Im Unterschied zum mäßig integrierten Niveau ist hier die Fähigkeit,
innere Bilder von Menschen zu entwerfen und so unabhängiger von ihrer
Präsenz zu sein (Objektinternalisierung), ernsthaft gestört, ebenso die
Fähigkeit, stabile, d.h. andauernde und einigermaßen ausgeglichene innere
Bilder zu entwerfen (Objektkonstanz). Daraus folgt, dass die emotionale
32
Bindung an wichtige Menschen im Zeitverlauf inkonstant und ihre
Schilderung von in sich widersprüchlichen Bildern beherrscht ist. Die
Beziehungsmuster wirken sehr ambitendent, z.B. schwanken zwischen
übergroßer Liebe und starkem Hass oder großer Distanz und intensiver
Nähe.
Ebenso ist die Möglichkeit, sich in die Welt der Anderen einzufühlen
(Objekteinfühlung),
behindert.
Sie
werden
schwer
einschätzbar,
unberechenbar; die Form, wie sie erlebt werden, ist von Extremen
gekennzeichnet: sie erscheinen einseitig, entweder als besonders gut oder
als besonders schlecht, die diese Objektbeziehungen begleitenden Affekte
sind stark und neigen zu Extremen, Hassgefühle werden z.B. ungefiltert
und daher besonders zerstörerische erlebt.
Die zentrale Angst ist es, dass das Selbst durch das böse Objekt oder den
Verlust des guten Objekts vernichtet werden könnte.
3.5 Achse V – Psychische und Psychosomatische Störungen
In dieser Achse werden die syndromal-deskriptiven Diagnosen nach ICD-10
Kapitel V (F) abgebildet. Mit diesem Vorgehen trägt die OPD der Bedeutung
einer weltweiten Verständigung auf einheitliche Kategorien psychiatrischer
und neurotischer Krankheitsbilder Rechnung. Den besonderen Bedürfnissen
der psychotherapeutischen und psychosomatischen Praxis entsprechend werden
von der OPD Ergänzungen im Bereich der Persönlichkeitsstörungen
(Übernahme der narzisstischen Persönlichkeitsstörung aus dem DSM-IV:
F60.81) sowie der Kategorie der psychischen Einflüsse auf andernorts
klassifizierte Erkrankungen (z.B. Asthma: F54 und J45) vorgeschlagen (Siehe
Abbildung 5).
33
Abbildung5: Erhebungsbogen Achse V - Psychische und Psychosomatische
Störungen
Va: Psychische Störungen:
ICD-10
DSM-IV (optional)
Hauptdiagnose:
F . 
. 
Weitere Diagnose 1:
F . 
. 
Weitere Diagnose 2:
F . 
. 
Weitere Diagnose 3:
F . 
. 
Vb: Persönlichkeitsstörungen:
ICD-10 (F60.xx oder F61.xx)
DSM-IV (optional)
Hauptdiagnose:
F . 
. 
Weitere Diagnose 1:
F . 
. 
Bei Diagnosen sowohl auf Achse Va als Welche Störung steht klinisch im
auch auf Achse Vb:
Vordergrund? (1=Achse Va;
2=Achse Vb)
Bei Diagnosen nach DSM-IV (sowohl
Welche Störung steht klinische im
psychische als auch
Vordergrund? (1=psychische;
Persönlichkeitsstörungen):
2=Persönlichkeitsstörung)

Vc: Körperliche Erkrankungen:
ICD-10 (nicht Kapitel V (F)!)
DSM-IV (optional)
Hauptdiagnose:
. 
. 
Weitere Diagnose 1:
. 
. 
Weitere Diagnose 2:
. 
. 
Weitere Diagnose 3:
. 
. 

4 Das diagnostisch Interview zur OPD
Unerlässlich für die Einschätzung der fünf verschiedenen Achsen ist ein
ausführliches diagnostisches Interview. Voraussetzung für die Durchführung
solcher Interviews sind die Akzeptanz des psychodynamischen Zugangs,
Erfahrungen in der psychodynamischen Erstinterviewtechnik und hinreichende
Selbst- und Behandlungserfahrungen. Die Diagnostik beruht auf dem
beobachtbaren szenischen Material und den verbalen Mitteilungen. Es werden
also
Elemente
des
tiefenpsychologischen
psychoanalytischen
biographischen
Erstinterviews
Anamnese
und
der
zusammengefügt.
Der
Interviewfaden ist wie ein semistrukturelles Interview angelegt. Am Anfang
34
sollte das Gespräch weitgehend offen geführt werden und im weiteren Verlauf
kann eine zunehmende Strukturierung notwendig werden.
Eröffnungsphase
In der Eröffnung sind dem Patienten das Ziel des Gespräches und der
Zeitrahmen
mitzuteilen.
Der
Patient
wird
in
der
Regel
mit
Beschwerdeschilderungen beginnen, denn er kommt mit spezifischen
psychischen oder somatischen Problemen, um darüber mit dem Therapeuten
ein Gespräch zu führen. Der Therapeut sollte in der Lage sein, die
Kernsymptome
nach
ICD-10
zu
erfassen.
Weiterhin
können
erste
Anhaltspunkte über das Krankheitserleben und die Behandlungsvoraussetzung
gewonnen werden, auch der Schweregrad der psychosomatischen Krankheit
und der Leidensdruck des Patienten werden hier erfasst.
Beziehungsepisoden
Es wird die Beziehung zum Interviewer in ihrer szenischen Darstellung erfasst
(Beziehungsepisode Arzt – Patient). Der Interviewer greift des Weiteren erste
Beziehungsschilderungen als Hinweise auf und fragt nach typischen
Beziehungssituationen (Episoden): „Ich habe Ihre Beziehung zu Ihrer Mutter
noch nicht recht verstanden, vielleicht können Sie mit ein Beispiel aus letzter
Zeit geben“.
Selbsterleben und relevante Lebensbereiche
Wie sieht der Patient sich selbst und sein Verhalten in Gegenwart und
Vergangenheit. „Wie sehen Sie sich selbst heute? Wie waren Sie früher?“
Hierbei werden nicht nur das aktuelle Selbstverständnis, sondern auch die
Konflikte im Umgang mit anderen sowie die persönliche Identität des
Einzelnen geklärt.
Objekterleben und Lebensgestaltung
Hierbei geht es um die Frage, wie der Patient andere Menschen im Hier und
Jetzt und Dort und Damals sieht und einschätzt: „Wie sehen Sie denn andere
und wie werden Sie von anderen gesehen?“
35
Psychotherapiemotivation,
Behandlungsvoraussetzungen
und
Einsichtsfähigkeit
In dieser Phase gilt es, das Hauptproblem des Patienten herauszuarbeiten und
erste gemeinsame Überlegungen mit dem Patienten durchzuführen. Der Patient
muss einen Hinweis über das weiter Vorgehen erhalten.
Der Ablauf dieser Phasen erfolgt nicht schematisch, sondern ist als innerer
diagnostischer Leitfaden zu handhaben. Je nach Umfang und Zielsetzung des
Interviews können auch nur einzelne Achsen (z.B. Konflikt und Struktur)
erhoben werden.
36
Literaturverzeichnis
Arbeitskreis
OPD.
Operationalisierte
Psychodynamische
Diagnostik.
Grundlagen und Manual. 4.Aufl. Bern: Huber; 2004
Schauenberg
H,
Buchheim
P,
Cierpka
M,
Freyberger
HJ
(Hrsg.)
Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik –Konzepte, Ergebnisse,
Anwendungen. Bern, Hans Huber
Senf W, Broda M (2005) Praxis der Psychotherapie. Stuttgart: Thieme
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