Graduiertenkolleg der Universität Zürich 2008-2011 „Körper, Selbsttechnologien, Geschlecht: Entgrenzungen-Begrenzungen“ ABSTRACTS der DISSERTATIONS- und HABILITATIONSPROJEKTE Katharina BRANDENBERGER: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Psychopharmaka in Klinik und Gesellschaft. Die Einführung neuer Substanzen in psychiatrischen Kliniken der Schweiz (1950-1970) ________________________________________________________________________ Die psychiatrie- und wissenschaftshistorisch ausgerichtete Dissertation befasst sich mit der Phase der Einführung von Psychopharmaka in psychiatrischen Kliniken. Die Medikamente bilden den Ausgangspunkt der Untersuchung, die sich konzeptuell an einer „Geschichte der Dinge“ orientiert. Psychopharmaka bewegen sich aus dieser Sicht als Objekte in einem Netzwerk von zahlreichen Akteuren und stehen mit ihnen in Wechselbeziehungen. Konkret stellen sich Fragen nach den Methoden von Psychopharmaka-Prüfungen in der Klinik in Verbindung mit der pharmazeutischen Industrie. Am Beispiel der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) untersuche ich die Rolle des Pflegepersonals, der PatientInnen und PsychiaterInnen bei der Einführung der psychoaktiven Substanzen. Dabei interessiert mich vor allem der Umgang mit der Unsicherheit und dem Nichtwissen bezüglich der Psychopharmaka. Experimente mit Psychopharmaka gestalten sich in der Psychiatrie als äusserst heikel und stehen in engem Zusammenhang mit der (Non-)Compliance der PatientInnen. Die Kategorie Gender und der Einbezug der Patients’s View sind wichtige analytische Bezugspunkte, die für die Forschung fruchtbar gemacht werden. Der Vergleich mit vier weiteren Kliniken in der Deutschschweiz lässt Folgerungen über psychiatrische Ausdifferenzierungsprozesse zu und ermöglicht Erkenntnisse über den Austausch zwischen den Kliniken. Die Untersuchung legt Schlüsse über Indikationen und Verabreichungsformen, so genannte „Psychopharmaka-Stile“, nahe. Als Quellen liegen Verwaltungsakten und Krankengeschichten der psychiatrischen Kliniken vor. Fachzeitschriften, Medienberichte und Dokumente der pharmazeutischen Industrie bilden zusätzliches Material. Birgit CHRISTENSEN: Rechtswissenschaften Der menschliche Körper im Spiegel des Rechts. Konstruktionen von Körper und Geschlecht durch Recht (Habil.) _______________________________________________________________________ Die bio-medizinische Forschung der letzten 30 Jahre konfrontiert den menschlichen Körper mit neuen Ein- und Zugriffsmöglichkeiten. Während sich die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung seit Mitte der 1980er Jahre intensiv mit dem Körper beschäftigt, gibt es aus rechtswissenschaftlicher Perspektive keine Untersuchung, die Anhaltspunkte dafür liefern könnte, wie über den menschlichen Körper zu denken und zu legiferieren sei. Das vorliegende Projekt setzt an diesem Punkt an und will im historischen Rückblick ein genuin rechtswissenschaftliches Verständnis des menschlichen Körpers erarbeiten sowie ein spezifisch rechtliches Problembewusstsein im Zusammenhang mit den neuen Körpertechnologien entwickeln. Leitend ist dabei die von den Geistes- und Sozialwissenschaften formulierte These, dass zwischen menschlichem Körper und Gesellschaft eine Wechselwirkung besteht. Für das Recht bedeutet dies: Das Verhältnis von menschlichem Körper und Recht ist durch Interaktion und Interdependenz geprägt. Einerseits spiegelt das Recht die gesellschaftlichen, je wandelbaren Vorstellungen und Konzepte des menschlichen Körpers. Andererseits wird durch das jeweilige Rechtsverständnis nicht nur der Mensch als gesellschaftliches Wesen in seinen Handlungs- und Denkweisen geformt, sondern auch die Vorstellung des menschlichen Körpers massgeblich geprägt: Gesetze und Normen definieren den Körper und verändern seine Wahrnehmung, indem sie ihn schützen, Eingriffe regeln und den normalen vom nicht normalen Körper scheiden. Zentral bis in die Neuzeit wird das Strafgesetz sein. Für das rechtliche Verständnis des menschlichen Körpers ebenfalls relevante Themenfelder sind privat-, teilweise auch verfassungsrechtlich geregelt: Geburt, Geschlecht, Sexualität, Krankheit bzw. Gesundheit, Freiheit, Tod. Ein weiterer Schwerpunkt besteht in der rechtlichen Hierarchisierung menschlicher Körper: Normen, die auf den ersten Blick für alle zu gelten scheinen, können versteckt ausschliessendenen Charakter haben. Geschlecht, Hautfarbe, soziale Stellung, Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie oder Minderheit, u.a. können Kriterien für eine Differenzierung menschlicher Körper bilden. Mengia HONG TSCHALAER: Ethnologie Körper, Islam und Recht im Kontext der Moderne(n) in Indien: Die soziale Konstruktion von Frauenkörpern vor dem Hintergrund des Rechtspluralismus in Lakhnau Schwerpunkt dieses Forschungsprojekt ist der indische Islam im Kontext von Geschlecht, Rechtspluralismus und der Moderne(n). Diese Ethnologische Untersuchung soll in der für die indisch-muslimische Geschichte wichtigen Stadt Lakhnau in Nordindien durchgeführt werden. Ziel dieses Forschungsprojekts ist es, die soziale Konstruktion von Körperbildern und Geschlechteridentitäten innerhalb staatlicher und nicht-staatlicher Rechtsinstitutionen im Rahmen der Theorie „Multipler Modernen“ zu untersuchen. Dabei sollen die Handlungsspielräume für die Thematisierung und Durchsetzung von gender-gerechten Reformen im Bereich des muslimischen Familienrechts ausgelotet werden. In diesem Zusammenhang interessiert einerseits die soziale Konstruktion weiblicher Körper mittels Normen- und Wertesetzung und andererseits die Handlungslogiken und –strategien sowie Selbstkonstituierungsmechanismen sozialer Akteure im Spannungsfeld staatlicher und nichtstaatlicher Arenen der Rechtssprechung. Als eine aussergewöhnliche Besonderheit innerhalb der Kategorie der nicht-staatlichen muslimischen Rechtsinstitutionen in Lakhnau ist das im Jahre 2005 von progressiv muslimischen Frauen gegründete Frauengericht das All India Muslim Women’s Personal Law Board zu erwähnen. Dieses Frauengericht kann als eine Alternative zu den staatlichen, als auch zu den nicht-staatlichen muslimischen Gerichtsbarkeiten, wie das Männer dominierte und auf nationaler Ebene angesiedelte All India Muslim Personal Law Board, den „traditionellen“ lokalen jamat-Räten sowie den zahlreichen religiösen Autoritäten betrachtet werden. Das All India Muslim Women’s Personal Law Board stellt somit einen Widerstandsraum und ein Diskursfeld dar, innerhalb deren auf der Grundlage der (Re-)Interpretation der Shariat essentialistische Diskurse zu Moderne und „Tradition“ und die damit im Zusammenhang stehende Artikulation von Recht („westlichliberal“, „muslimisch-traditionell“) herausgefordert und neu verhandelt werden. Dieses spezielle Frauengericht ist bis auf einige, wenige Zeitungsartikel undokumentiert. Indien ist die Heimat der zweitgrössten muslimischen Bevölkerung. Daher mag es erstaunen, dass es nur wenige Studien zum indischen Islam im Kontext von Geschlecht und der Moderne(n) gibt. Dieses Forschungsprojekt versteht sich als wissenschaftlicher Beitrag zum Themenkreis Islam, Geschlecht und Moderne(n) in Indien. Martina LAEUBLI: Germanistik KÖRPER, SELBSTTECHNOLOGIEN, GESCHLECHT: ENTGRENZUNGEN UND VERWERFUNGEN in Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser und W.G. Sebalds Austerlitz. Die Beschreibung versehrter Subjekte um 1800 und 2000 ________________________________________________________________________ Das Erzählen von versehrten, melancholischen männlichen Subjekten, denen es trotz zwanghafter Anwendung verschiedenster Selbsttechnologien nicht gelingt, ein stabiles Selbst zu entwickeln, bildet den Brennpunkt, an dem sich Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser und W.G. Sebalds Austerlitz treffen und trotz ihrer historischen Distanz stupende Ähnlichkeiten aufweisen. Beide Texte erzählen auf je eigene radikale Weise von der Unmöglichkeit eines Selbst. Dementsprechend steht die literarische Darstellung von problematischer Subjektivität im Fokus des Dissertationsprojekts. Dabei ist einerseits Michel Foucaults Konzept der Selbsttechnologien erkenntnisleitend, werden doch beide untersuchten Texte in hohem Mass von der Frage nach dem Selbst angetrieben: Selbsttechnologien werden als aktive Einflussnahme der Protagonisten auf sich selbst vollzogen, beschrieben und reflektiert (Selbstinszenierung z. B. in Bezug auf Kleidung, geschlechtsspezifische Rollen oder Theaterspiel, Bildungswege, Reisen und vor allem die allgegenwärtige Selbstreflexion), werfen aber auch Fragen zur Poetologie der Texte auf: Inwiefern ermöglicht (auto)biographisches Erzählen Selbst-Erschreibung oder Selbstreflexion? Und inwiefern strukturiert und problematisiert die versehrte Subjektivität der Figuren das Erzählen selbst? Hier werden weitere Perspektiven wichtig, wie die beiden Texten hintergründige Figur des Traumas, welche Selbsttechnologien als Versuche der Subjektkonstitution immer wieder scheitern lässt und somit eine kritische Perspektive auf Foucualts disksurstheoretisches Modell von Subjektivität ermöglicht. Dabei soll auch die Anwendbarkeit dieses Konzeptes der Selbsttechnologien auf spezifisch narrative Diskurse überprüft werden. Die nachhaltige Versehrung der männlichen Protagonisten Anton Reiser und Austerlitz stellt weiter nicht nur diese Personen als Subjekte in Frage, sondern problematisiert auch ihren Körper und ihr Geschlecht. Die literarische Inszenierung und Verhandlung von – sowohl bei Moritz als auch bei Sebald nicht unproblematischer – Männlichkeit und Körper-Bildern werden im Rahmen der entsprechenden historischen Diskurse sowie der Selbsttechnologien beleuchtet und auf ihre Konsequenz für die Subjektkonstituierung hin befragt. Katrin LUCHSINGER: Kunstgeschichte Werke aus psychiatrischen Kliniken in der Schweiz 1848 -1930 ________________________________________________________________________ Während das Werk Adolf Wölfli’s seit den 70-er Jahren der Kunst zugeordnet wird, sind die meisten anderen Werke unbekannt oder in ihrer Rezeption nicht klar zugeordnet. Dies ist an sich positiv zu bewerten, denn es eröffnen sich so viele Fragen, die mit einem interdisziplinärer Ansatz anzugehen sich lohnt. Die Werke sind in einem sehr ungewöhnlichen Kontext entstanden, meist nicht in der Absicht, Kunst zu produzieren sondern viel eher mit dem Anliegen, obschon oft entmündigt, dennoch in einem Selbstverständnis als Bürgerin, als Bürger aus einer Position der Isolierung heraus einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Dieser entsteht aus einer Variation der angestammten beruflichen Tätigkeit, in Form einer neu gefundenen Professionalität oder zum Zeitvertreib im aller ernstesten Sinn des Wortes. Es wird das jeweilige Gesamtwerk von vier Frauen und vier Männer vorgestellt und versuchsweise diskursiv behandelt. Die Doktorarbeit stützt sich auf die Inventare von 1664 Werken aus den Kliniken Königsfelden, Rheinau und Waldau, die 2006 – 208 katalogisiert und konserviert wurden. (SNF / DORE 112355). Eine Bestandsaufnahme der Sammlungen in den vor 1900 erbauten Kliniken in der Schweiz ist Inhalt eines begleitenden Projektes (SNF / DORE 13DPD6-122460 / 1); www.kulturgueter.ch. Seraina RENZ: Kunstgeschichte Performanz von Körper und Geschlecht in der osteuropäischen Performance-Kunst der Neoavantgarde ___________________________________________________ Die Performance-Kunst aus dem Raum des ehemaligen Jugoslawien unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Slowenien bildet den Schwerpunkt des hier skizzierten Forschungsprojekts. Die weite Verbreitung und der hohe Stellenwert dieser Kunstform in der Zeit der Neo-Avantgarde sowie die rege Aktivität der Institutionen in Ljubljana in der Gegenwart versprechen repräsentatives Material, das einer spezifischen Untersuchung unterzogen werden kann (siehe Fragestellungen / Ziele). Die zeitliche Eingrenzung auf die Zeitspanne der sechziger, siebziger und achtziger Jahre erscheint insofern als sinnvoll, als die Kunstgeschichte in den Sechzigern und Siebzigern entscheidende Wendungen erfahren hat, denen für den Bereich Osteuropa noch zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Besonders interessant ist der Zeitraum auch dadurch, dass hier die Neo-Avantgarde im kulturellen Kontext des Sozialismus auftaucht und sich entwickelt. Denn im Westen war die Neo-Avantgarde explizit antikapitalistisch und richtete sich gegen die Kulturindustrie (vgl. Buchloh 2000). Die Kunstproduktion fand somit im Osten und Westen unter grundverschiedenen Voraussetzungen statt. Abramović ist die bekannteste Vertreterin der Performance-Kunst, aber bei weitem nicht die einzige. Performance wurde in West- und Osteuropa praktiziert, wobei Jugoslawien aber innerhalb des kommunistischen Raums eine besondere Stellung zukommt. Performance war im sozialistischen Jugoslawien keine Underground-Kunst, die Künstlerinnen keine Dissidentinnen. Im Gegenteil: Performance wurde der „Neuen Kunst“, der Post-Objekt-Kunst zugerechnet, zu der unter anderem auch Prozess-Kunst, Konzept-Kunst, Land Art oder Arte Povera zählten (Jappe 1993). „Neue Kunst“ wurde von staatlich subventionierten Institutionen gefördert, nachdem im Zug der Ablösung vom sowjetischen Staatsmodell in den fünfziger Jahren der sozialistische Realismus als offizielle Staatskunst abgeschafft worden war (Jappe 1993). In der Folge dessen entwickelte sich eine lebhafte Szene, deren Zentren Zagreb, Belgrad und Ljubljana waren. Bis heute steht Ljubljana im Zentrum des kulturellen Geschehens, was sich unter anderem daran zeigt, dass die Stadt mit der Moderna galerija Ljubljana über die umfangreichste und bedeutendste Sammlung von Kunst aus Osteuropa verfügt (Groys 2001, Weibel 2001). Zu subtiler politischer Kritik diente die Körperkunst zum Teil auch bei den Künstlerinnen und Künstlern Sanja Iveković, Leonora Mark, Tanja Ostojić, Milica Tomić, Maja Bajević, Tomislav Gotovac und Raša Todosijević. Christina RICKLI: Anglistik Traumatized Culture or Cultured Trauma: American Literature and Film Post-9/11 ________________________________________________________________________ „Trauma“ zwängt sich einer kulturwissenschaftlichen Untersuchung der amerikanischen Literatur und Film nach dem 11. September als Komponente auf, denn dieser Begriff wurde den Terrorattacken von Anfang an zugeschrieben. Bereits am Folgetag der Anschläge bezeichnete USA Today den 11. September als nationales Trauma. Obwohl der Anteil der direkt betroffenen Opfer innerhalb der amerikanischen Bevölkerung prozentuell gering ist, weisen die USA als Nation Anzeichen eines kollektiven Traumas auf. Zeitgenössische amerikanische Literatur- und Filmproduktionen bewegen sich somit in einer von den traumatischen Anschlägen tief geprägten Kultur. Mein Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit sich Theorien der Traumaforschung zur Untersuchung fiktiver 9/11-Erzählungen (sei es in Romanen oder Filmen) eignen. Bezüglich Romanen soll untersucht werden, welche Erzählstrategien im Hinblick auf Aspekte von Trauma angewendet werden und inwieweit die beigezogenen Werke als „kollektives narratives Gedächtnis“ aus der Starrheit eines kollektiven Traumas herausführen können. Hinsichtlich einer filmischen Verarbeitung der Anschläge stellt sich zusätzlich die Frage, wie ein Film mit 9/11 zum Thema mit der traumatischen Bildpräsenz der Terroranschläge umgeht. Wie wird eine visuelle Narration zum meistdokumentierten Ereignis der Weltgeschichte kreiert? Seraina ROHRER: Filmwissenschaft Crossing Borders: "Cine fronterizo" Goes Trash _________________________________________________________________________ Grenzproblematiken sind ein lokales und gleichzeitig ein globales Phänomen, das in Filmen häufig aufgegriffen wird (z.B. Babel 2006, The Syrian Bride 2004, etc.). Die Thematik der Entgrenzung kultureller beziehungsweise der Begrenzung geographischer Räume ist dabei zentral. Die Dissertation beleuchtet die als Paradebeispiel geltende Grenze zwischen den USA und Mexiko und untersucht ein bis anhin unerforschtes Korpus: Es handelt sich um Billigproduktionen, entstanden zwischen den 1970er Jahren und heute (Kurzfilme auf Youtube), in denen die Grenze eine zentrale Rolle spielt und die bei der in der Grenzregion lebenden mexikanischen Unterschicht und bei in den USA lebenden Mexikanern auf grossen Anklang stossen, während sie von Filmkritikern als reaktionär und sexistisch eingestuft werden. Anhand theoretischer Ansätze und Debatten aus unterschiedlichen Disziplinen (Film-, Literaturwissenschaft, Geschlechterforschung, Philosophie und Politik) werden die Filme gerahmt. Der Versuch wird unternommen eine Border-Ästhetik und -Ikonografie dieser TrashFilme zu skizzieren. Die Inszenierung von Körper und Geschlecht steht im Zentrum, wobei die Fragestellungen sich stets auf die gesamte filmische Praxis bezieht. Die stereotypen, auf Körperlichkeit, ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht reduzierten Figuren werden von Filmemachern und Produzenten der Gemeinschaft gestaltet, sie zirkulieren über unterschiedliche Distributionskanäle (Kino, VHS, DVD, Internet) in der Gemeinschaft und werden von Zuschauern, die aus dem gleichen Umfeld stammen, angeschaut. Die Filme bilden folglich eine Referenz für die community. Unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen, von Produktionsstrukturen, Distributionskanälen und Rezeptionssituationen, werden unterschiedliche Lektüremöglichkeiten der Filme beschrieben. In Anlehnung an theoretische Konzepte des diasporic cinema, des Paracinemas und des Familienfilms sowie Stuart Halls Dekodierungsmodi ist anzunehmen, dass Formen der „ausgehandelten“ oder „oppositionellen“ Lektüre in unterschiedlichen Ausprägungen überwiegen. Die Billigproduktionen der Grenzregion sind folglich eine Form kinematografischer Gegenbewegung, die aber nicht einen Gegenentwurf vorlegt, sondern bereits vorhandene Rollen, Strukturen etc. aufgreift, diese performativ ausstellt und zum Teil umdeutet – so meine These. Das Hinterfragen der Machtstrukturen geschieht mittels unterschiedlicher Selbsttechniken (Foucault, Bourdieu, Butler) auf der Ebene des filmischen Textes (Inszenierung von Körper und Geschlecht) oder in Prozessen der Aneignung innerhalb der Gemeinschaft. Sabrina SAHLI: Anglistik Sexual Violence / Violent Sexualities: Perversion and Gender in the United States of America _________________________________________________________________________ Generell wird perverses Verhalten als von der gängigen Norm abweichend betrachtet. Ironischerweise ist die Definition eines perversen Subjekts aber, dass er/sie sich mit dem Gesetz identifiziert, das die Mechanismen innerhalb einer Gesellschaft reguliert. Daher bemüht sich das perverse Subjekt vermutlich sogar stärker, Teil dieser Gesellschaft zu werden, als ‚normale’ Subjekte. In dieser Dissertation aber möchte ich argumentieren, dass die Beziehung zwischen dem perversen Subjekt und der Gesellschaft sogar noch komplizierter ist: für ihn/sie ist seine/ihre Perversion eine Möglichkeit, seinen/ihren Hass auf das System (die Gesellschaft) auszuleben. Dieser Hass, oder diese Aggression, kann sich auf zwei verschiedene Weisen äussern: einerseits kann dieser Hass aus einer Art ‚ÜberIdentifikation’ mit dem System entstehen, oder aber – ganz im Kontrast hierzu – er kann sich gegen das System richten, das ja eben nicht fähig ist, das perverse Subjekt zu inkorporieren. Aber, woher kommt diese Aggression? Einer der Hauptgründe findet sich gewiss im Bereich der sogenannten gender troubles. Daher ist das Ziel dieser Dissertation, neben einer allgemeinen Analyse der Aggression des Subjekts gegen das und seine/ihre Identifikation mit dem System in den jeweiligen Werken, eine Investigation der Frage, in welcher Weise die Perversion der mehrheitlich männlichen Protagonisten durch ihre problematische gender role verursacht wird. Perversion wird hier also als Instrument betrachtet, um soziale Beziehungen im Allgemeinen und gender-Beziehungen im Speziellen innerhalb einer bestimmten Gesellschaft besser zu verstehen, wobei der Körper des Opfers als site für ein sehr physisches Ausleben dieser gender troubles dient. Die Romane, und einige Filme, die behandelt werden sollen, sind ausschliesslich US-amerikanisch. Dies aus dem Grund, dass in jenen Texten die ansonsten stark codierte bzw. verdrängte Gewalt und Sexualität bewusst reflektiert werden. In Mark Seltzer’s Worten gesagt: „[t]he spectacular public representation of violated bodies, across a burgeoning range official, academic, and media accounts, in fiction and film, has come to function as a way of imagining and situating our [i.e. American] notions of public, social, and collective identity“. In ähnlicher Weise ist es meine Absicht, Perversionen durch das 19., 20. und 21. Jahrhundert aus einer kulturhistorischen Perspektive zu verfolgen und zu analysieren. Christa SCHOENFELDER: Anglistik Narrativizing Fragments of Selves and Lives – Childhood and Family Trauma in Romantic and Contemporary Fiction ________________________________________________________________________ In unserer Zeit des „Trauma Booms“ wird „Trauma“ oft als ein spezifisches Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts betrachtet. Traumatische Erfahrungen und ihre komplexen kurzund langfristigen Auswirkungen stehen jedoch nicht nur in zeitgenössischen Romanen, sondern auch in einer beträchtlichen Zahl von Romanen der britischen Romantik im Zentrum. Durch den Dialog zwischen Traumatexten der Romantik, die noch kein psychologisches Traumakonzept kannte, und der Gegenwart, mit ihrer anhaltenden Hochkonjunktur des Traumadiskurses, sollen sich neue Perspektiven sowohl auf die literarischen Darstellungen von Trauma beider Epochen als auch auf traumatheoretische Fragestellungen eröffnen. Welche Rolle spielen das Traumatische und das Posttraumatische in diesen Texten? Wie wird das „unspeakable“ ausgedrückt? Wie werden die Folgen einer Traumatisierung für Psyche und Körper konzeptualisiert und dargestellt? Was für kulturelle und soziale Anliegen und Ängste manifestieren sich in diesen Traumatexten? – Den Fokus des Textkorpus bilden Romane über individuelle Traumata in der Kindheit und der Familie, die gerade in der Romantik und der Gegenwart eine besonders wichtige Rolle spielen, bisher aber in der Forschung im Vergleich zu historischen und kollektiven Traumata noch verhältnismässig wenig Beachtung gefunden haben. Diese trauma novels bilden wichtige Schnittpunkte zwischen verschieden Diskursen, in denen zentrale Topoi wie Selbst und Identität, Gedächtnis und Körper, Gesundheit und Krankheit, gender, life-writing, aber auch das Subjekt im Verhältnis zu Familie und Gesellschaft verhandelt werden. „Trauma“ ist in den Literatur- und Kulturwissenschaften zu einem Schlüsselkonzept geworden, wobei der Traumabegriff jedoch oft in allzu universalistischer, inflationärer Weise verwendet wird (z.B. Cathy Caruth). Demgegenüber plädiert diese Arbeit mit ihrem dezidiert interdisziplinären Ansatz für einen differenzierteren Umgang mit dem Traumabegriff, indem sie das Spannungsfeld zwischen literatur- und kulturwissenschaftlichen und psychologischen und psychiatrischen Traumatheorien in den Blickpunkt rückt. Durch den Dialog zwischen Traumadiskursen verschiedener Disziplinen einerseits und zwischen romantischen und zeitgenössischen trauma novels andererseits soll das komplexe, vielschichtige und höchst aktuelle Phänomen Trauma in der Literatur aus neuen Perspektiven beleuchtet werden. Cécile STEHRENBERGER: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Francos TänzERinnen auf Tournee Zur Geschlechtskörperkonstruktion bei den Folkloregruppen der Sección Femenina der Falange, 1945-1975 Nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs übertrug Francisco Franco die Aufgabe der „Formierung der spanischen Frau“ der weiblichen Abteilung der faschistischen FalangePartei. Bereits 1938 schuf diese ein Kulturdepartement, das sich unter anderem der „Bewahrung“ der spanischen Folklore widmete. In allen Provinzen wurden sogenannte Coros y Danzas-Gruppen gebildet, die „beinahe vergessene“ Tänze „aufspürten“ und vor Publikum nachtanzten. Ab 1942 traten verschiedene Formationen auch im Ausland auf. Es fand Tourneereisen innerhalb Europas und den USA statt, aber auch in spanische Kolonien und Exkolonien in Lateinamerika, Marokko und Äquatorial Guinea. Umfangreich vorhandenes Text- und Bildmaterial berichtet von den Auftritten und von den Ereignissen in deren Umfeld. Ziel des Dissertationsprojektes ist die Analyse der in den Performances und den Quellendokumenten stattgefundenen Geschlechtskörperkonstruktion. Diese vollzogen sich in rhizomatischen Prozessen, die Disziplinar- und Selbsttechnologien umfassten. Sie formten materiell-semiotisch auf einer textuellen und auf einer ‚fleischlichen’ Ebene weibliche Tänzerinnen und männliche Zuschauer. Die post-/koloniale Situation, in der die Coros y Danzas tanzten, stellte eine wesentliche Produktionsbedingung in der Formierung dieser Körper dar. Immer wieder kam es dabei zu performativen Widersprüchen, welche geschlechtlich uneindeutige Wesen auftreten liessen. Dabei handelte es sich um ein ‚Scheitern’, das seinerseits aus jener kolonialen Situation resultierte. Es soll in der Dissertation auch im Zusammenhang mit einer dem Tanz als Bewegung inhärenten différance untersucht werden. Magali TORNAY: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Psychopharmaka in Klinik und Gesellschaft: medikamentengestützte Therapie, Gender und Persönlichkeitskonzepte in der Nordostschweiz (1950-1990) __________________________________________________________________________ Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert spielen die auf wissenschaftlicher Grundlage entwickelten Arzneimittel in der Medizin eine zentrale Rolle. Den Erfolgen in der somatischen Medizin entsprachen jedoch – obwohl auch schon vor 1900 entsprechende Versuche unternommen wurden – keine Durchbrüche bei der Therapie geistiger Störungen. Erst anfangs der 1950er Jahre waren die ersten Neuroleptika verfügbar, welche in der Folge nicht nur die Behandlungspraxis, sondern auch die Krankheitsdefinitionen und die therapeutischen Leitbilder innerhalb der Psychiatrie zu verändern begannen. Gleichzeitig boten weitere neue Medikamente (sog. Halluzinogene) die Möglichkeit, über experimentell angeleitete BewusstseinsveränderungenModellpsychosen zu erzeugen, was der Forschung neue Wege eröffnete. Mit Schlagworten wie „chemische Revolution“ (Roy Porter) oder „psychopharmakologisches Zeitalter” (Edward Shorter) wird versucht, diesen einschneidenden Wandel innerhalb psychiatrischer Kliniken, in der Psychiatrie und darüber hinaus in der Gesellschaft zu charakterisieren. Die Verwendung von Medikamenten blieb keineswegs auf „Anstalten“, wie psychiatrische Kliniken noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bezeichnet wurden, beschränkt. Vielmehr erleichterten und ermöglichten die neuen psychoaktiven Wirkstoffe neue Formen einer ambulanten psychiatrischen Behandlung und verkürzten die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in den psychiatrischen Kliniken. Auch wurde die Verwendung von Psychopharmaka in der Gesellschaft in den 1960er Jahren durch eine Angebotsdifferenzierung verstärkt. Mit den Antidepressiva und Tranquilizern wurden neue Substanzen verfügbar; zudem dienten andere Pillen als „kleine Helfer“ in verschiedenen Alltagssituationen der chemischen Moderation der eigenen Befindlichkeit. Der Befund einer „Psychopharmakologisierung der Gesellschaft“ bezieht sich ebenso auf diesen Sachverhalt wie die These, dass sich seit den 1980er Jahren neue Formen einer „neoliberalen Subjektivität“ durchgesetzt hätten, mit der ein verstärkter Konsum eines breiten Spektrums psychoaktiver Drogen einherging. Das Projekt untersucht den Aufstieg der Psychopharmaka, ihre Formen der Inkorporation und die damit einhergehende Veränderung von Körper- und Selbstbildern und fokussiert dabei auf die Wechselwirkungen zwischen Pharmaka und „Persönlichkeit“. Hier stellt sich die Frage, wie psychoaktive Medikamente und die neurowissenschaftlichen Konzepte, mit denen ihre Wirkung erklärt wird, das Ich-Bewusstsein von Menschen und die psychischen Probleme, die sie zu Kranken machen können, verändern. Bei diesen Selbsttechnologien spielt auch die Kategorie Geschlecht eine zentrale Rolle, die untersucht werden soll. Julia ZUTAVERN: Filmwissenschaft «Krawall und Krise – Protest- und Bewegungsfilme (seit 1968)» Protestfilme gibt es seit Beginn des Kinos – und von Anfang an standen sie im Kontext sozialer, politischer und/oder künstlerischer Bewegungen. Eine grosse Welle von Protestbeziehungsweise Bewegungsfilmen gab es Ende der 1960er Jahre, in denen sich nicht nur die so genannten «Neuen sozialen Bewegungen» formierten, sondern sich auch weltweit Filmemacher und Filmemacherinnen zusammenschlossen, um die Filmkultur ästhetisch und politisch zu erneuern. Das Jahr 1968 bildet den Ausgangspunkt der geplanten diachronen Untersuchung sowohl fiktionaler als auch nichtfiktionaler (Selbst-)Repräsentationen sozialer, politischer und künstlerischer Protestbewegungen: Anhand eines exemplarischen Korpus (überwiegend) Schweizer Dokumentar-, Experimental- und Spielfilme wird versucht, die sich wandelnden ikonografischen Muster filmischen Protests sowie deren Produktions- und Rezeptionsbedingungen zu analysieren und entlang thematischer, formaler und pragmatischer Kriterien zu typologisieren. Auf der Grundlage interdisziplinärer Ansätze und Theorien zur kulturellen beziehungsweise ästhetischen Dimension von Politik und Macht einerseits und der politischen Dimensionen von Kunst und Kultur andererseits (u.a. Foucault, Bourdieu, Rancière, Butler) wird versucht, den Protest- und Bewegungsfilm innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen Kunst und Politik zu verorten; das heisst, zu untersuchen, unter welchen theoretischen, textuellen und pragmatisch-historischen Voraussetzungen die Filme als «politisch» aufgefasst werden können. Mit Foucault lässt sich der (filmische) Protestakt als Selbsttechnik im Rahmen der Selbsttechnologie Film begreifen, die (unter anderem) Individuen und soziale Gruppen in ihrem politischen Ausdruck und als (Bewegungs-)Subjekte konstituiert. In diesem Zusammenhang sind nicht nur ein erweiterter Ideologiebegriff zu diskutieren, sondern auch die diskursiven Kategorien Körper, Geschlecht und Ethnie: Es wird untersucht, welche ethnisch geprägten und geschlechtsspezifischen Subjektivierungsformen die Filme über den performativen, körperlichen Akt des Protests anbieten und welche (historischen) Geschlechterdiskurse sich in ihnen abzeichnen. Im Hinblick auf neue Entwicklungen im Bereich der Medientechnologie (VHS, DVD, Internet) und einer zunehmenden Fragmentierung und Dezentrierung des Sozialen im Zuge internationaler Verflechtungsprozesse ist darüber hinaus die Frage nach dem Strukturwandel der Öffentlichkeit zu stellen, der sich auch – so ist anzunehmen – konstituierend auf die Subjektpositionen sozialer Bewegungen und deren (filmische) Protestformen auswirkt.