Eine Klare Und Gegenwärtige Gefahr - Intermatik Consulting

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"Eine klare und gegenwärtige Gefahr"
oder "Bedingte Abwehrbereitschaft" am Beispiel des 3. Schnellbootgeschwaders während
der Kuba-Krise 1962
Die Kuba-Krise vom Oktober 1962 markiert den Höhepunkt des Kalten Krieges. Vierzig Jahre
danach scheint über den Ablauf und die Ursachen alles gesagt zu sein. Allein, über die parallel
dazu laufenden Ereignisse in Deutschland und die Beteiligung der Bundeswehr ist
bezeichnenderweise so gut wie nichts bekannt.
Rekapitulieren wir, wie alles anfing, zumal seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die
russischen Archive detaillierte Auskunft über die Planungen im Rahmen der sogenannten
Operation "Anadyr" geben. Anadyr ist der Name einer Bucht im Nordosten Sibiriens wie auch
der dort gelegenen Stadt und des dort mündenden Flusses. Der Sowjetführung aber diente er
seinerzeit als Deckname für die Stationierung einer etwa 50.000 Mann starken, mit strategischen
und taktischen Atomwaffen ausgerüsteten Kampfgruppe aus Heeres-, Luftwaffen- und
Marineverbänden auf der Karibikinsel Kuba und den angrenzenden Gewässern.
Diese Konfrontation zwischen den beiden Supermächten USA und UdSSR im "Hinterhof
Amerikas" wurde augenblicklich von Präsident John F. Kennedy nicht nur als Herausforderung
der amerikanischen Seemacht, sondern auch als eine Verschärfung der seit Jahren schwelenden
Berlin-Krise verstanden. In seiner Fernsehansprache an die Nation und die Welt am Abend des
22. Oktober 1962 unterstrich er darum seine Entschlossenheit, angesichts der "klaren und
gegenwärtigen Gefahr" wenn nötig militärisch einzugreifen: "Jedwede feindliche Bewegung, an
welchem Ort der Erde auch immer, gegen die Sicherheit und Freiheit derjenigen Völker, denen
wir verpflichtet sind - einschließlich und im besonderen der tapferen Bevölkerung von WestBerlin -, wird mit allen erforderlichen Aktionen begegnet werden."1 Kuba befand sich zwar im
Zentrum der Auseinandersetzung, doch der Aufmarsch erfolgte über See und zwar durch die
Meerengen der Ostsee, des Schwarzen Meeres und der Ochotkischen See. Die "Frontstadt"
Berlin aber war die Bühne, wo sich die Kontrahenten auf Sichtweite gegenüberstanden.
Vielfach wird angenommen, daß die Stationierung von Atomraketen auf Kuba den ersten
Versuch einer Dislozierung solcher strategischen Waffen außerhalb des Territoriums der
Sowjetunion darstellte. Dies geschah indes schon einige Jahre früher, als Nikita Chruschtschow
und Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin am 26. März 1955 die Stationierungsweisung Nr. 589365 für die mit atomaren Sprengköpfen bestückten Mittelstreckenraketen R5-M (NATO Code
SS-3) auf Basen in der DDR unterzeichneten2. Wegen Verzögerungen bei der Entwicklung der
Atomsprengköpfe begannen die Transporte aber erst im September 1958. Trotz intensiver
Geheimhaltung - nicht einmal die ostdeutschen Waffenbrüder wurden eingeweiht - gab es bei
den umfangreichen Bauarbeiten und Sondertransporten kleinere und größere Pannen. So
entdeckten V-Leute des Bundesnachrichtendienstes (BND) auf den Lastwagen die Aufschrift
"Atom", woraufhin der Agent V-16800 die Transportbewegungen3 und der Agent V-9771 die
1
Rede von Präsident John F. Kennedy, gehalten am 22.Oktober 1962, abgedruckt in: Robert F. Kennedy,
S. 170--171
2
Entscheidung des Zentralkomitees der KPdSU und des Ministerrats der Sowjet-Union, abgedruckt in: Pervoe
raketnoe soedinenie voornzennyeh sil strany: Voenno - istoricesky ocerk , S. 208--209
3
Bundesarchiv (BA), Standortkartei der Militärischen Auswertung des BND: Bericht E 14136, September 1959, S.
20
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
2
Ankunft des Raketenbataillons 635 der 72. Pionierbrigade in Fürstenberg und Vogelsang in der
Uckermark meldeten4.
Im Mai 1959 waren die Raketenstellungen einsatzbereit. Die Zielplanung richtete sich zum einen
gegen die von Amerikanern und Briten gemeinsam betriebenen "Thor"-Raketenstellungen in
Norfolk und Lincolnshire, zum anderen gegen die amerikanischen Flugbasen in Westeuropa und
die für den Nachschub unerläßlichen Atlantikhäfen. Und nicht zuletzt dienten sie als
Drohpotential gegen Paris, London und die Städte des Ruhrgebiets. Völlig überraschend wurden
diese Raketen im August 1959 in den Militärbezirk Königsberg zurückverlegt. Über die Gründe
kann man nur spekulieren. Neben ökonomischen und militärischen Erwägungen spricht viel
dafür, daß diese Rochade als Entspannungsgeste anläßlich des USA-Besuchs von Chruschtschow
im September 1959 gedacht war. Die Forcierung des Raketenprogramms zu immer größeren
Reichweiten und gewaltigeren Atomsprengköpfen ging jedenfalls ungehemmt weiter, weshalb
die Operation "Atom" immer mehr als eine Vorübung für die spätere Operation "Anadyr"
erscheint5.
Nach Chruschtschow's Ultimatum 1958, der die Vier-Mächte-Verantwortung für ganz Berlin in
den Status einer "Freien Stadt West-Berlin" umwandeln wollte, hatten die drei westlichen
Schutzmächte im April 1959 eine trilaterale Botschaftergruppe für Berlin gebildet. Am 05.
August 1961 wurde der diplomatische Vertreter der Bundesregierung hinzugezogen und seitdem
war es die "3 + 1-Gruppe" oder einfach nur die „Botschaftergruppe.“6 Diese Gruppe und ihre
verschiedenen Untergruppen berieten angesichts der drohenden Konfrontation über die
notwendigen politischen, wirtschaftlichen sowie militärischen Sanktionen und
Gegenmaßnahmen. Hierfür wurde beim SACEUR (Supreme Allied Commander Europe) der
streng geheime Sonderstab "Live Oak" eingerichtet, der für die militärischen Planungen
zuständig war7. Das Krisenszenario sah abgestufte militärischer Aktionen besonders im
maritimen Bereich, den bewaffneten Durchbruch alliierter Herreseinheiten und -verbände auf
den Verbindungswegen nach Berlin, auf dem Territorium der DDR, sowie die Option des
Einsatzes nuklearer Waffen vor. Die maritimen Gegenmaßnahmen waren im September 1961
von den Deutschen vorgeschlagen worden, um Gegendruck in weit von Mitteleuropa und Berlin
entfernten Gebieten ausüben zu können. Bei SACLANT (Supreme Allied Commander Atlantic)
war hierfür der Sonderstab „Sea Spray“ eingerichtet worden. Deren Gegenmaßnahmen sahen
verstärkte Seeaufklärung, die Sperrung von Meerengen und Kanälen, und die Verhängung einer
Quarantäne oder Seeblockade vor8. Die Bundeswehr hatte für diese Planung nur Seestreitkräfte
nominiert.
4
ebenda, Bericht E 21235, Januar 1959, S. 6
5
Weitere Einzelheiten finden sich bei Matthias Uhl, Vladimir I. Ivkin, S. 299--306
6
"Live Oak" ("Lebende Eiche") war dem SACEUR unterstellt, bildete jedoch keinen Teil seines NATOMilitärstabes. Bis 1987 war selbst der Name "Live Oak" als Verschlußsache eingestuft. Heute arbeiten in dem
Gebäude die Mitglieder des Stabes "Partnerschaft für den Frieden." Davor befindet sich ein Mahnmal aus Resten der
Berliner Mauer, zusammen mit den Flaggen der Schutzmächte USA, Frankreich und Großbritannien, sowie
Deutschlands
7
Gregory W. Pedlow, S. 87--116
8
Die Akten über die Vorbereitungen von "Live Oak" sind weiterhin in den Archiven verschlossen und sollen erst
2005 freigegeben werden. Ein Teil der Darstellung stützt sich auf persönliche Kenntnisse des Autors und mündliche
Äußerungen von Zeitzeugen
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
3
Wie gesagt: diese Pläne waren zum Schutz Berlins vorbereitet worden. Als die Krise dann aber
an einem ganz anderen Ort ausbrach, nämlich in Kuba, hätten sie folgerichtig auf die neue Lage
übertragen werden müssen9. Aber im Herbst 1962 war nicht nur das Heer der Bundeswehr
"bedingt abwehrbereit," wie das DER SPIEGEL etwas später berichten würde, sondern auch "die
Einsatzbereitschaft der deutschen Flotte entsprach nicht den Erfordernissen."10 Als Gründe
wurden die typischen Aufbauschwierigkeiten wie fehlendes Personal, niedriger
Ausbildungsstand, zu häufige Stellenwechsel und unzureichende Ersatzteilversorgung
angegeben. Zum Stichtag 1. Oktober 1962 erfüllten zwar auf dem Papier die offensiv
einsetzbaren Flotteneinheiten die eher niedrig angesetzten NATO-Einsatzkriterien: 3 Zerstörer
der Fletcher-Klasse; 1 Fregatte "Köln"; 37 Schnellboote des 1., 2., 3. und 5.
Schnellbootgeschwaders und 18 Marinejagdbomber vom Typ "Seahawk". Die Zahl der wirklich
einsatzbereiten Einheiten lag aber erheblich darunter - sie machte nur etwa 60 Prozent des
Bestandes aus.
Das 3. Schnellbootgeschwader wurde am 1. Oktober 1959 der NATO einsatzfähig gemeldet. Es
war das erste Geschwader, das mit den neu gebauten Schnellbooten der Jaguar-Klasse
ausgerüstet wurde. Diese Boote waren mit 4 Torpedorohren und 2 Geschützen Kaliber 40 mm
zur See- und Luftzielbekämpfung samt Rundsuchradar besser bewaffnet, seetüchtiger und
ausdauernder als frühere Baumuster. Aber nicht nur wegen ihrer konventionellen Bewaffnung,
sondern vor allem wegen der fehlenden Systeme für radargesteuerte Feuerleitung und
elektronischen Kampf waren sie den sowjetischen Schnellbooten, Zerstörern und Kreuzern mit
Flugkörperbewaffnung hoffnungslos unterlegen.
Bild 1: Das Führerboot „Leopard“ im Seegang bei Marschfahrt 30 kn
Diese materielle Unterlegenheit wurde zunächst mit taktischen Aushilfen, intensiver
Einsatzausbildung und einem die Kommandeure und Kommandanten auszeichnenden Schneid
9
Sean M. Maloney, S. 3--15
10
Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA), Kapitel V.1: Zusammenfassendes Urteil über die Einsatzbereitschaft des
Bereich Kommando der Flotte, Zustandsbericht der Bundeswehr Nr. 2/62
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
4
wettgemacht. Seit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 führten alle Boote ständig
zwei Gefechtstorpedos und die Artilleriemunition an Bord mit. Zum 1. Oktober 1961 erfolgte
jedoch der Austausch der meist noch kriegsgedienten Kommandanten durch junggediente Kräfte,
die in die erst 1956/57 entstandene neue deutsche Marine eingetreten waren. Als Beispiel: der
nach Lebensalter jüngste, der Kommandant des "Tiger", war 1957 nach dem Abitur in die
Marine eingetreten, hatte 1958 als Kadett seine erste Seereise ins Mittelmeer absolviert, war
1960 als II. Wachoffizier (WO) auf dem "Jaguar" und 1961 als I. WO auf dem "Panther"
gefahren.
Das Jahr 1962 war von intensiven Gefechts- und NATO-Übungen, aber auch von vielen
außergewöhnlichen Ereignissen geprägt, in denen sich die gespannte außen- und innenpolitische
Lage widerspiegelte. Im Februar fuhren die Boote "Taktische Nahaufklärung" in der westlichen
und mittleren Ostsee. Dabei stießen sie am 7. und 8. Februar auf größere Übungsverbände der
sowjetischen Rotbannerflotte und der Volksmarine der DDR östlich von Saßnitz. Während der
Flutkatastophe lagen die Boote in Wilhelmshaven, viele Besatzungsangehörige wurden zur
Deichsicherung eingesetzt. Nach einem Torpedoschießen im März nahm das Geschwader im
Mai an der NATO-Übung "High Jump/Wolf Brun" mit Stützpunkt in Den Helder teil. Schon
damals kam es einem vor, als würden die Geleitzugschlachten des 2. Weltkriegs geübt - nur eben
18 Jahre später.
Als erstes Zeichen der von Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad
Adenauer besiegelten deutsch-französischen Aussöhnung und Zusammenarbeit besuchte die
französische Flotte mit zwei Flugzeugträgern, einem Kreuzer und zwölf Zerstörern vom 27. 31. Mai 1962 Hamburg. Als deutsche Gastschiffe waren die Zerstörer Z 1 - Z 6, das 1.
Schnellbootgeschwader und je zwei Boote des 2. und 5. Schnellbootgeschwaders abgestellt.
"Tiger" und "Iltis" waren als "Gastboote" des 3. Schnellbootgeschwaders dabei. Es war ein
fröhliches Wochenende, das eine unbelastete Generation junger Seeleute miteinander feierte.
Danach übten die Flotteneinheiten vom 1. - 4. Juni 1962 in der Deutschen Bucht. Der tobende
Sturm in der Nordsee machte den Zerstörern und Schnellbooten mehr zu schaffen, als die
taktischen Finessen während der Übung "Leopard". Nach einem erneuten Torpedoschießen in
der Deutschen Bucht verlegte das Geschwader im August zu offiziellen Besuchen nach
Cherbourg, Brest und Le Havre.
Am 15. Oktober 1962, Punkt 11 Uhr, beginnt mit dem Auslaufen aus dem Heimathafen
Flensburg die erneute Einsatzausbildung in der mittleren Ostsee. Stützpunkt ist der Tanker
"Frankenland," der in der Köge-Bucht südlich von Kopenhagen vor Anker liegt. Anders als
heute, konnten sich allenfalls die Kommandanten über die politische Lage informieren. Wenn
der Funker Zeit hatte, meistens aber war das nicht der Fall, konnte er per Tastfunk die "Presse"
aufnehmen. Die Tage vergingen im Rhythmus Ausbildung - Essen - Schlafen. Jeder, vom
Seemann und Heizer bis zum Kommandanten, war auf seine Funktion fixiert und funktionierte
entsprechend11.
Was war seitdem aber auf der weltpolitischen Bühne geschehen? Chruschtschow hatte 1961 den
neugewählten Präsidenten John F. Kennedy beim Gipfeltreffen in Wien politisch gewogen und
für zu leicht befunden. Woraufhin er sich entschloß, entgegen den Status-Quo-Absprachen von
Wien, seinen amerikanischen Gegenspieler zu täuschen und die strategische Lage durch die
Stationierung von Atomraketen in Kuba zugunsten der Sowjetunion dramatisch zu verändern.
11
Schiffstagebuch (STB) Tiger, BA/MA BM21 I, 2264--2268
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
5
Bei seiner politischen Lagebeurteilung benutzte Chruschtschow notgedrungen das, was man
seither die "umgekehrte Domino-Theorie" nennt12. Denn wollte er das Projekt der
entmilitarisierten "Freien Stadt West-Berlin" erneut voranbringen, im Streit mit Peking obsiegen
und in der Dritten Welt wieder die Oberhand gewinnen, würden sich, bildlich gesprochen, mit
dem Aufstellen des Domino-Steins "Kuba" die gefallenen Domino-Steine wieder aufrichten
lassen. Die geplante Machtverschiebung in Kuba selbst sollte durch die Stationierung einer
sowjetischen Kampfgruppe unter Führung des Generals Issa Pliev erreicht werden.
Die Grundidee war dem sprunghaften, impulsiven und bauernschlauen Chruschtschow im April
1962 gekommen. Am 24. Mai legte der Generalstab dem Parteipräsidium den Plan für die
Seelandung auf Kuba vor. Am 10. Juni erfolgte "die volle und einstimmige Zustimmung zu der
Operation ‚Anadyr'." Der Auftrag für die sowjetischen Truppen lautete, die Insel zur
uneinnehmbaren Festung auszubauen, eine amerikanische Feindlandung in Kuba zu verhindern
und die verschiedenen Raketentypen zur Abschreckung einsatzbereit zu machen. 36 Raketen
mittlerer Reichweite (etwa 1.800 km, NATO-Kode SS-4), 24 Raketen größerer Reichweite (etwa
3.500 km, NATO-Kode SS-5, die übrigens niemals ankamen), bildeten die strategischen
Atomwaffen zur Bedrohung amerikanischer Städte. 6 der 42 IL-28 Bomber und 60
Marschflugkörper konnten als taktische Atomwaffen auf dem möglichen Gefechtsfeld eingesetzt
werden. 24 Flugabwehr-Raketenstellungen und Jagdflugzeuge spannten den Schutzschirm über
der Insel auf. Zur Beherrschung der See war je ein Geschwader aus U-Booten sowie Kreuzern
und Zerstörern mit taktischen, atomar armierten Torpedos und Flugkörpern vorgesehen.
Insgesamt sollten ca. 50.000 Soldaten und Techniker im "Hinterhof der USA" stationiert
werden13.
Mitte Juli begannen die Schiffsverladungen. Am 25. September 1962 waren von den 114
Frachtschiffen und Tankern, die nach Kuba unterwegs waren, schon 94 angekommen.
Zusätzliche 35 Schiffe sollten folgen, wobei sämtliche Anladungen auf den 5. November
terminiert waren. Selbstverständlich waren Täuschungsmanöver angeordnet worden, angefangen
mit dem Abdecken des Großgeräts mit Persenningen. Und selbstverständlich durften die
Meeresengen nur des Nachts passiert werden. Aber wie konnte den dänischen, deutschen und
türkischen Beobachtern an den Meerengen wie den mächtigen Flotten der Briten und
Amerikaner auf dem Atlantik diese Armada von Handelsschiffen entgehen? Diese Armada, die
sich wie gesagt aus der Ostsee, dem Schwarzen Meer und dem Ochotkischen Meer nach Kuba
bewegte?
Nun, sie ist den Beobachtern auch gar nicht entgangen14. Der BND jedenfalls hatte ab Juli 1962
Erkenntnisse aus der DDR-Aufklärung über die Seetransporte nach Kuba und hatte diese
ordnungsgemäß der Bundesregierung und über den BND-Residenten in Washington dem CIA
(Central Intelligence Agency) gemeldet. Aber, um mit Morgenstern zu sprechen, "Weil nicht
sein kann, was nicht sein darf", wurden die Berichte nicht ernstgenommen, womit wir beim
eigentlichen Rätsel wären, das die Geheimdienste und Historiker immer wieder beschäftigen
wird, solange sie nicht die Psychologie zu Rate ziehen.
Immerhin, am 23. August 1962 hatte John McCone als Direktor des CIA Präsident Kennedy
erstmalig über die sich entwickelnde Gefahr der anfangs lediglich als Defensivwaffensysteme
12
Christopher Andrew, S. 280--301
13
Einsatzbefehl für Operation "Anadyr," abgedruckt in: New Evidence on the Cuban Missile Crisis, InternetAdresse: www.cwihp.si.edu, abgerufen am 21. Juli 2002
14
Reuters vom 29.11.2002
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
6
eingestuften Raketen auf Kuba informiert. Die Angaben über die sowjetischen
Waffenlieferungen nach Kuba stammten dieses Mal aus Berichten kubanischer Flüchtlinge und
Agenten - darüberhinaus aber auch aus Quellen der fernmelde-, elektronischen- und
Photoaufklärung. Die Ergebnisse der Photoaufklärung wurden zudem mit anderen Erkenntnissen
aus der Spionage abgeglichen und verifiziert. Nicht zuletzt der GRU-Offizier Penkovsky hatte
dem englischen Geheimdienst MI 6 und der CIA die Nuklear-Strategie der UdSSR,
einschließlich technischer Waffendetails, verraten. Diese Informationen waren für die
Interpretation der eigenen, technischen Aufklärungsergebnisse von immenser Bedeutung. Sein
letzter Bericht datierte vom 27. August. Kurz darauf enttarnte ihn der KGB, woraufhin er 1963
verurteilt und erschossen wurde15.
Präsident Kennedy äußerte sich erstmalig am 4. September öffentlich über offensive
Waffensysteme auf Kuba16. Diese Presseverlautbarung hatte den doppelten Zweck, zum einen
seine innenpolitischen Gegner und zum anderen Chruschtschow vor Abenteuern zu warnen. Bis
dahin hatte Kennedy ja nur über die schon länger bekannten Flugabwehr-Raketen gesprochen,
weshalb Chruschtschow glaubte, der sowjetische Aufmarsch der strategischen und taktischen
Atomwaffen sei unbemerkt geblieben. Zudem wiegte er sich in Sicherheit, nachdem er während
des Sommerurlaubs auf seiner Datscha in Pitsunda die "Anadyr"-Planung in einigen Punkten
eigenhändig geändert hatte17. So wurde, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, der Einsatz der
Flotte aus U-Booten, Kreuzern und Zerstörern zurückgestellt, wie auch die Zusammenstellung
der taktischen Atomwaffeneinheiten aus Bombern, Marschflugkörpern und Kurzstreckenraketen
des Typs Luna verändert.
Im Oktober 1962 aber konnten weder die Bauernschläue Chrutschows noch die
Begriffstutzigkeit der westlichen politischen Apparate verhindern, daß "die Nachrichtendienste
dem Präsidenten die Zeit kauften", die er brauchte, um mit seinen Beratern im "Executive
Committee" des Nationalen Sicherheitsrats eine wohlüberlegte Planung der „flexiblen
Erwiderung“ zu erarbeiten. Am 14. Oktober entdeckt eine Maschine vom Typ des
hochfliegenden Aufklärungsflugzeuges U 2 die Raketenstellung in San Cristobal. Am 16.
Oktober findet die erste Krisensitzung beim Präsidenten statt. Nun überschlagen sich die
Ereignisse. Gleichwohl behält Kennedy "auch in der Hitze des Gefechts seine Nerven" und
strahlt auf seine Umgebung Ruhe und Entschlossenheit aus. Vor aller Öffentlichkeit setzt der
Präsident wie gewohnt seine Wahlkampagne für die Herbstwahlen fort. Sein Beraterkreis
erarbeitet, zum Teil in heftigem Meinungsstreit, im geheimen und von den Medien unentdeckt
die fünf möglichen Optionen: Invasion von Kuba, Luftangriffe auf die Raketenstellungen und
spätere Landung, eine Seeblockade, Diplomatie und ganz bewußtes Nichts-Tun18.
Am 17. Oktober werden zusätzliche sechs U 2-Einsätze geflogen. Die Lagebeurteilung ergibt,
daß von den offensichtlich geplanten 24 Raketenstellungen schon 8 Abschußrampen
einsatzbereit sind. Am 20. Oktober entscheidet sich Kennedy für die Option der Seeblockade,
euphemistisch "Quarantäne" genannt, in Verbindung mit den erforderlichen diplomatischen
Maßnahmen. Kritiker haben dies eine überflüssige Krise genannt19. Doch nachher ist gut streiten
15
Stephen Dorril, S. 704--708
16
Präsident Kennedy's Presseverlautbarung über sowjetische militärische Lieferungen an Kuba vom 04. September
1962 (New York Times, 5. September 1962)
17
Aleksandr Fursenko, Timothy Naftali, S. 223--225
18
Christopher Andrew, ebenda
19
Arthur M. Schlesinger, S. 537 ff
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
7
und so dürfte Friedrich der Große wohl Recht haben mit seiner Einschätzung, daß Diplomatie in
Krisensituationen ohne den gezogenen Degen nur Geschwätz ist.
Ab dem 21. Oktober werden Kennedy's Kabinett, die Führer im Kongreß und die wichtigsten
Verbündeten, nämlich der britische Premier Harold MacMillan, der französische Präsident
Charles de Gaulle, der kanadische Premier John Diefenbaker und der deutsche Bundeskanzler
Konrad Adenauer persönlich informiert. Nach 17 U 2-Einsätzen ist klar, daß 3 SS-5-Basen mit
12 Abschußrampen, 6 SS-4-Basen mit 24 Abschußrampen, davon 16 einsatzbereiten, existierten.
Die nuklearen Sprengköpfe scheinen dagegen noch nicht angekommen zu sein. Am Abend
dieses Montags, des 22. Oktobers – in Deutschland ist es bereits Dienstag, 1 Uhr MEZ - spricht
Kennedy über Radio und Fernsehen zur Nation und zur Welt. Diese eindringliche, dramatische
wie eindrucksvolle Rede ist für den Westen ebenso eine Überraschung, wie für Chruschtschow,
der bis zu diesem Augenblick geglaubt hatte, daß sein Coup unentdeckt geblieben sei.
Beginnend am 24. Oktober, 11 Uhr Ostküstenzeit, ist die „Quarantäne“ in Kraft. Die Schiffe
"Gagarin" und "Komiles" nähern sich der 500 sm-Quarantänegrenze um Kuba, stoppen jedoch
vor Erreichen der Linie. US-Außenminister Dean Rusk, der bisher eine eher marginale Rolle
gespielt hatte, wird mit dem später sprichwörtlich gewordenen Satz zitiert: "Wir sahen einander
ins Weiße des Auges [...], der andere hat gerade gezuckt." Die ersten Nachrichten aus Moskau
sprechen ohnmächtig vor Wut von "piraten-ähnlichen Aktionen". Später drehen insgesamt 14 der
22 im Seegebiet vor Kuba befindlichen sowjetischen Schiffe ab. Am 25. Oktober legen der UNBotschafter Adlai Stevenson und der Berlin-erfahrene John McCloy in einer dramatischen und
durch das noch junge Medium Fernsehen in die ganze Welt übertragenen Sitzung des UNSicherheitsrats die Beweise für den Aufbau der Raketenstellungen in San Cristobal und
Guanajay vor. Zum ersten Mal werden Ergebnisse der Photoaufklärung durch U 2-Flugzeuge
und die gerade erst einsatzfähig gewordenen Discoverer-Satelliten der Öffentlichkeit zugänglich.
Hiermit wird gleichzeitig die eindeutige amerikanische Überlegenheit bei der technischen
Aufklärung demonstriert.
Der 26. Oktober ist der Tag der Geheimdiplomatie. Der amerikanische Vorschlag lautet, die
territoriale Integrität Kubas zu respektieren, oder anders ausgedrückt, keine Invasion zu planen,
wenn die Atomraketen abgezogen werden. Chruschtschow antwortet in einem sehr persönlichen
wie verworrenen Brief, daß er auf das Angebot eingehen werde. In seiner plastischen Sprache
benutzt er die Allegorie des "Kriegsknotens" und stellt fest, "je mehr wir beide ziehen, desto
enger wird der Knoten". In Washington findet an diesem Freitag ein geheimes Treffen zwischen
dem sowjetischen Botschafter Anatoly Dobrynin und dem Bruder des Präsidenten, Justizminister
Robert F. Kennedy, statt, in dem dieser die amerikanische Doppelstrategie verdeutlicht. Er
verspricht die Garantie der Integrität Kubas und verlangt den Abzug der Atomraketen.
Gleichzeitig bietet er den Abzug der in der Türkei und Italien stationierten "Jupiter"-Raketen zu
einem späteren Zeitpunkt und unabhängig von der Einigung im ersten Punkt an20. Durch eine
Vorabmeldung der Presseagenturen wird am 27. Oktober der zweite Brief Chruschtschow's
bekannt, der nun den Tauschhandel öffentlich vorschlägt. In Kuba sollen die sowjetischen, in der
Türkei und Italien die NATO-Raketen abgebaut werden. Kennedy beantwortet nur den ersten
Brief Chruschtschow's und geht auf das Angebot des zweiten Briefs nicht ein. Trotz des
Abschusses einer U 2 über Kuba bleibt Kennedy bei seiner Linie und untersagt den für einen
solchen Fall eigentlich vorgesehenen Gegenangriff. Am 28. Oktober geht die alle erleichternde
Antwort Chruschtschow's ein, daß die Raketen von Kuba abgezogen würden. Wie vereinbart,
wird am 30. Oktober im Gegenzug die Planung für die Invasion Kubas und damit auch für die
20
Arthur M. Schlesinger, ebenda
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
8
Operation "Mongoose" vom Nationalen Sicherheitsrat für beendet erklärt. Das drohende
Armageddon ist abgewendet.
Was geschah nun aber in der Bundesrepublik Deutschland, während die Supermächte mit
Atomraketen pokerten? "Von der Kuba-Krise wird Adenauer genauso überrascht, wie die
gesamte deutsche Öffentlichkeit", so urteilt sein Biograph Hans-Peter Schwarz. Am 22. Oktober,
19.15 Uhr, wird Adenauer durch den US-Botschafter Walter Dowling und den CIA-Direktor R.
Jack Smith über die Lage und die Absichten der USA informiert. Adenauer sagt den Emissären
Kennedy's seine uneingeschränkte Unterstützung zu. Am nächsten Tag richtet Adenauer "in aller
Form eine Botschaft an Kennedy, in der er dessen Vorgehen vorbehaltlos billigt."21 Am 24.
Oktober tagt der Bundesverteidigungsrat und läßt routinemäßige Krisenmaßnahmen anlaufen.
Eine realistische Vorbereitung auf den drohenden und möglichen Krieg findet jedoch nicht statt.
Und obwohl es offensichtlich war, daß bei einer kriegerischen Konfrontation der Supermächte
die NATO-Bündnispartner nicht abseits stehen würden, und obwohl Adenauer sehr entschieden
hinter den Maßnahmen Kennedy's steht, ist eine politische Führung, die die Bevölkerung auf den
Ernstfall vorbereitet hätte, nicht erkennbar.
Die Stimmung in der Bevölkerung ist inzwischen gedrückt. In Schleswig-Holstein kommt es zu
"Fluchtbewegungen" auf den Straßen nach Norden, in das vermeintlich weniger gefährdete
Dänemark. Auf der Bonner Hardthöhe im Bundesministerium der Verteidigung erscheinen zivile
Mitarbeiter nicht zum Dienst, Soldaten melden sich krank. Trotzdem findet sich im Militärischen
Tagebuch (MTB) des Flottenkommandos nicht ein einziger Eintrag über die Kuba-Krise.22
Offensichtlich waren die vom Bundesverteidigungsrat beschlossenen Krisenmaßnahmen beim
Befehlshaber der deutschen Flotte nicht angekommen. Im MTB der Schnellbootsflottille ist als
einzige Maßnahme verzeichnet, daß im Kommandobereich der Wochenendurlaub am 27./28.
Oktober eingeschränkt wurde. In beiden Tagebüchern fehlen die Beschreibung und die
Beurteilung der Lage. Die spärlichen Informationen wegen der bis Ende 2002 immer noch
verschlossenen Archive lassen keine genauere Bewertung zu, wie die Bundeswehr und die
Bundesmarine die militärische Lage beurteilte23. Die wenigen Indizien erlauben allerdings
zweifelsfrei den Schluß, daß die Verantwortlichen den Kopf in den Sand gesteckt haben. Die
Süddeutsche Zeitung stellt fest, daß in Deutschland "die größte Gruppe wohl mit einer gewissen
Dickfelligkeit an der Krise vorbeigelebt haben dürfte."24
Das 3. Schnellbootgeschwader mit seinen acht Booten und dem Tanker befindet sich zu diesem
Zeitpunkt noch in der Ostsee. Wegen des drohenden Krieges und ohne Befehle seiner
Vorgesetzten entschließt sich der Kommandeur, Fregattenkapitän "Charly" Künzel, am 24.
Oktober den Rückmarsch nach Flensburg anzutreten. Die Befehlslage bleibt unklar. Die anderen
Kommandeure führen ihre gerade laufenden Aufgaben - "Taktische Nahaufklärung" in der
westlichen Ostsee, Torpedoschießen im Kattegat oder Hafenliegezeit - fort. Der Kommandeur
des 3. Schnellbootgeschwaders, "läßt nichts anbrennen" und befiehlt die kriegsmäßige
Ausrüstung seiner Boote. Am 27. Oktober ist Befehlsausgabe, am Sonntag, den 28. Oktober,
10.20 Uhr, laufen die acht Boote wieder gen Osten aus. Während der Motoren-Standprobe und
21
H. P. Schwarz, S. 770--773
22
MTB Flottenkdo, BA-MA, BM1/1261
Vor kurzem wurden die Akten zur Kubakrise im Militärarchiv auf „offen“ herabgestuft und stehen nun für eine
Auswertung zur Verfügung. Dies gilt jedoch nicht für die Akten des Bundeskanzleramtes, hier die
Sitzungsprotokolle des Bundesverteidigungsrates oder die Akten des Bundesnachrichtendienstes
23
24
Süddeutsche Zeitung vom 27.10.1962
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
9
den Besatzungsmusterungen stehen die Angehörigen hinter dem nahen Zaun des Stützpunktes
und winken zum ungewissen Abschied. Nach dem Auslaufen machen sich die Kommandanten
und die "Torpedomixer" mit dem schulmäßigen Einsetzen der Gefechtspistolen in die Torpedos
vertraut. Ankerplatz ist erneut die Köge-Bucht, diesmal längsseits des Tankers "Claire Jung."
Auf der einen Seite wird routinemäßig die taktische Ausbildung fortgesetzt, als ob nichts
geschehen wäre, auf der anderen Seite lastet über allem die Ungewißheit der drohenden
Kriegsgefahr. Als willkommene Abwechslung wird am 1. und 3. November im Hafen von Köge
Frischwasser übernommen und beim Bäcker Brötchen eingekauft. Währenddessen brütet der
Kommandeur in seiner Kammer über dem Problem, wohin er den Tanker im Gefechtsfalle
ordern soll. Auf der einen Seite muß der unbewaffnete Tanker so schnell wie möglich aus der
Gefahrenzone herauskommen, um sich in der dänischen Inselwelt verstecken zu können. Auf der
anderen Seite muß er in der Nähe sein, um für die täglich erforderliche Brennstoffübernahme der
Boote bereitzustehen. Am 29. Oktober endlich löst sich die Spannung, als in der "Funkpresse"
gemeldet wird, Chruschtschow habe am Vortag den Abzug der Raketen aus Kuba befohlen.
Bild 2: Im Vordergrund das Schnellboot „Panther“ des 3. Schnellbootgeschwaders,
dahinter der Kotlin-Zerstörer
In kompletter Umkehrung der Verhältnisse wird am 2. November in einer Aufklärungsmeldung
das Einlaufen eines sowjetischen Verbands in die Ostsee angekündigt. Er besteht aus einem
"Kynda"-Kreuzer, dem damals modernsten, mit mächtigen Raketen bestückten Schiff der
Rotbannerflotte, und einem "Kotlin"-Zerstörer. Nun kommt es doch noch zum Einsatz,
wenngleich alle froh sind, daß es nur ein photographischer Einsatz werden wird. Am 3.
November, 14.25 - 14.43 Uhr, wird der Kynda/Kotlin-Verband westlich von Gedser Rev durch
die Schnellboote "Leopard", "Iltis" und "Panther" aufgeklärt und photographisch erfaßt. Für die
NATO sind dies die ersten gut auswertbaren Nahaufnahmen des neuartigen Kreuzer-Typs der
sowjetischen Flotte. Beinahe kommt es zu einem Zwischenfall, als die Schnellboote versuchen,
so nah wie möglich für die Kameras in "Schußposition" zu kommen. Der Kotlin-Zerstörer
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versucht die wendigen Boote abzudrängen. Als dies nicht gelingen will, ergibt auch er sich in
sein Schicksal, aus allen Winkeln photographiert zu werden25. Am 5. November erfolgt der
Rückmarsch nach Flensburg. Auch für das 3. Schnellbootgeschwader ist nun die Kuba-Krise und
der erste "Kriegseinsatz ohne scharfen Schuß" beendet.
Am 6. November finden in den USA die Kongreßwahlen statt, Kennedy gewinnt die Mehrheit in
beiden Häusern, während sich in Bonn der Deutsche Bundestag in öffentlicher Debatte mit der
Bild 3: Der Kreuzer der Kynda-Klasse mit seiner mächtigen Raketenbewaffnung
"Spiegel-Affäre" auseinandersetzen muß, die bald zur "Spiegel-Krise" der Regierung wird und
die Kuba-Krise in den Schatten stellt. Am 10. Oktober war DER SPIEGEL mit der
Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit" erschienen, die vordergründig auf die
Atombewaffnungs-Politik von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß zielte, aber in Wahrheit
den Bundeskanzler meinte. Adenauer übersteht die Regierungskrise nur kurzfristig. Die
Verhaftung von Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein und seinem Chefredakteur Conrad
Ahlers, der unter Bundeskanzler Willy Brandt als Staatssekretär das Presse- und
Informationsamt der Bundesregierung leiten wird, und die Umstände bei der vorangegangenen
polizeilichen Durchsuchung der Hamburger Redaktionsräume am 16. und 17. Oktober empört
die Republik. Adenauer sieht sich gezwungen, erst seinen Verteidigungsminister zu opfern, um
dann selbst im Oktober 1963 auf die so geliebte Macht zu verzichten. Präsident Kennedy wird
25
STB Leopard, BA-MA, BM21 I/8014
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einen Monat darauf ermordet und Chruschtschow wiederum stürzt ein knappes Jahr später,
nämlich im Oktober 1964. Nur Fidel Castro bleibt übrig. Er aber überlebt sich bekanntlich selbst.
Summa summarum: die Kuba-Krise bleibt ein Lehrstück über die rationale Bewältigung einer
aussichtslos erscheinenden Konfrontation. Chruschtschow befreite sich aus einer für ihn
hoffnungslosen militärischen Situation. Eine amerikanische Invasion Kubas hätte schließlich
schon damals den Zusammenbruch des revolutionären Anspruchs der UdSSR in der Welt
bedeutet. Darüberhinaus wäre offenbar geworden, daß die UdSSR weder die konventionelle
militärische Überlegenheit in der Karibik, noch die strategische in der übrigen Welt besaß.
Kennedy's Politik war ein Triumph der später so bezeichneten Strategie der "flexible response."26
Er bewältigte die Krise mit diplomatischen Mitteln, nachdem die militärischen Vorbereitungen
die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Politik geschaffen hatten.27 Anders gesagt: ohne die
glaubhafte Drohung mit militärischer Macht hätte die Diplomatie nur die Wirkung einer
belanglosen Predigt gehabt. Die Bundesrepublik Deutschland aber, wegen der doch überhaupt
die Krise ausgebrochen war, blieb trotz großzügiger Hilfsangebote ihres amerikanischen
Verbündeten untätig. Statt nun endlich Vorbereitungen für den möglichen Ernstfall zu treffen,
sich zumindest der vom SPIEGEL aufgedeckten mangelhaften Verteidigungsfähigkeit der
Bundeswehr zu stellen, erging man sich in Bonn in innenpolitischen Streitereien über die
"Spiegel-Affäre" wie die Kanzlernachfolge. Nicht minder entbrannten die außenpolitischen
Streitereien zwischen „Atlantikern“ und „Gaullisten,“ während die Bevölkerung an der Krise
vorbeilebte und noch entschiedener den Rückzug ins Private antrat.
Literaturverzeichnis:
Bundesarchiv (BA) Koblenz:
B 206/114
Standortkartei der Militärischen Auswertung des BND: Bericht E 14136,
September 1959 und Bericht E 21235, Januar 1959
Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA) Freiburg:
BW 2-2460
Kapitel V.1: Zusammenfassendes Urteil über die Einsatzbereitschaft des
Bereich Kommando der Flotte, Zustandsbericht der Bundeswehr Nr. 2/62
BM 1/1261
Militärisches Tagebuch (MTB) Flottenkommando
BM 21 I, 2264-2268 Schiffstagebuch (STB), Schnellboot „Tiger“
BM 21 I/8014
STB, Schnellboot “Leopard”
Bücher und Zeitschriftenartikel:
"Anadyr," Einsatzbefehl für Operation […], abgedruckt in: New Evidence on the Cuban Missile
Crisis: Krushchev, Nuclear Weapons and the Cuban Missile Crisis (Washington, DC: Woodrow
Wilson International Center for Scholars, 2002), Internet-Adresse: www.cwihp.si.edu, abgerufen
am 21. Juli 2002
Die Entwicklung der Strategie „der vorbedachten Eskalation“ („flexible response“ der MC 14/3) in der NATO ist
eng mit der Entwicklung der Eventualpläne für Berlin durch „Live Oak“ verbunden. Als offizielle NATO-Strategie
löste sie 1967 die starre Strategie der „massiven Erwiderung“ („massive retaliation“ der MC 14/ 2) ab
26
27
Ernest R. May, Philip D. Zelikow (editors), S. 411--414
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
12
Andrew, Christopher, For the President's Eyes Only (London: Harper Collins Publishers, 1995)
Dorril, Stephen, MI 6: Inside the Covert World of Her Majesty's Secret Intelligence Service
(New York: The Free Press, 2000)
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Weapons, abgedruckt im Bulletin No. 10 des Cold War International History Project (CWIHP)
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Kennedy, Robert F., Thirteen Days - A memoir of the Cuban missile crisis (New York: W. W.
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During The Cuban Missile Crisis (New York: W. W. Norton, 2001/2002)
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Uhl, Matthias, Ivkin, Vladimir I., Operation "Atom", abgedruckt im Bulletin No. 12/13 des
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Zentralkomitee der KPdSU und des Ministerrats der Sowjet-Union, Entscheidung des [...],
abgedruckt in: Pervoe raketnoe soedinenie voornzennyeh sil strany: Voenno - istoricesky ocerk
(Moskau: CIPK, 1996)
Autoren-Kurzbiographie:
Dr. Sigurd Hess ist Konteradmiral a.D. und hat im Oktober 1962 als Kommandant des
Schnellboots „Tiger“ an den Operationen in der Ostsee teilgenommen. Er studierte
Elektrotechnik, Mathematik und Physik an der Naval Postgraduate School, Monterey, Calif. und
schloß sein Studium 1970 mit einem Ph.D. in „Information and Control Systems“ ab. Nach
seinen Verwendungen auf See absolvierte er Stabsstellungen beim Befehlshaber der Flotte, im
Bundesministerium der Verteidigung und beim Supreme Allied Commander Europe. Er wurde
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
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1998 als Chef des Stabes des NATO-Hauptquartiers Ostseezugänge in Karup/Dänemark
pensioniert. Seine Veröffentlichungen behandeln sicherheitspolitische, historische und
naturwissenschaftliche Themen, z. B.
The British Baltic Fishery Protection Service and the Clandestine Operations of Hans Helmut
Klose, 1949-1956 (The International Journal of Intelligence History, Vol. 1, No. 2, 2002, S. 169-178, erweiterte deutsche Version in: Marineforum 3-2001, S. 21--25 und 4-2001, S. 29--32)
Marineführungssysteme-Von der Löschfunkentelegrafie zum MHQ, in: Die Deutsche MarineHistorisches Selbstverständnis und Standortbestimmung (Herford: E. S. Mittler & Sohn, 1983, S.
315--336)
Die Bedeutung der Bundeswehr in einem neuen Europa, in: Europäische Friedenssicherung im
Umbruch, hrsg. Andreas M. Rauch (München: Verlag für Wehrwissenschaften, 1991, S. 168-180)
Information Security and Protection of Critical Infrastructure (European Security and Defence,
No. 2, 2002, S. 23--27, deutsche Version in: Europäische Sicherheit, No. 2, 2003)
Kurzfassung:
Die Kuba-Krise im Herbst 1962 wurde durch die atomare Konfrontation zwischen den
Supermächten USA und UdSSR im „Hinterhof Amerikas“ verursacht. Zum ersten Mal versuchte
Nikita Chruschtschow 1958/59 durch die Stationierung von Atomraketen auf dem Territorium
der DDR die strategische Balance zu verändern und Westeuropa zu bedrohen. Mit der am 10.
Juni 1962 beschlossenen Operation „Anadyr“ sollten mit einer Armada von Kriegs- und
Handelsschiffen etwa 50.000 sowjetische Soldaten und Techniker und ihre offensiven, atomar
bestückten Waffensysteme auf Kuba stationiert werden. Die der historischen Forschung
inzwischen verfügbaren Planungsunterlagen erlauben eine Neubewertung der sowjetischen
Seeoperation zur Landung auf der Karibikinsel. Die Verbindungslinien von den sowjetischen
Seehäfen nach Kuba betrugen mehr als 5.000 Seemeilen (etwa 9.000 km). Bei einer länger
andauernden militärischen Konfrontation ergaben sich für den Nachschub und damit für die
Durchhaltefähigkeit der sowjetischen Truppen unüberwindliche Schwierigkeiten. Die
Verbindungslinien konnten weder mit See-, noch mit Luftstreitkräften geschützt werden. So
stellte sich die Operation „Anadyr“ beim ersten gegnerischen Widerstand als gewagter Bluff
eines sprunghaften politischen Hasardeurs heraus. Kennedy rettete Chruschtschow vor einer
blamablen Niederlage, indem er eine rationale Politik der Kriseneindämmung verfolgte und dem
Kontrahenten half, sein Gesicht zu wahren. Diese Politik der „flexiblen Erwiderung“ war dem
Präsidenten der USA umso eher möglich, als es die amerikanischen Geheimdienste waren, die
ihm „die Zeit kauften,“ die er brauchte, um die fünf möglichen Optionen für diplomatische und
militärische Gegenmaßnahmen erarbeiten zu lassen. Während der gesamten Periode der
Konfrontation, bei der sich die Kontrahenten wie „zwei Skorpione in einer Flasche“ bereit zum
tödlichen Stoß belauerten, verhalf die überlegene technische Aufklärung der amerikanischen
Regierung zu der rechtzeitigen und geheimen Lagefeststellung und –beurteilung, die es ihr
ermöglichte, Herr der Lage zu bleiben. Am 20. Oktober entschied sich Kennedy für die Option
der Seeblockade Kubas, eupehemistisch „Quarantäne“ genannt. Am 28. Oktober befahl
Chruschtschow den Rückzug der Atomraketen aus Kuba. Die parallel zu den Hauptereignissen
verlaufenden Reaktionen der jeweiligen Verbündeten sind bislang kaum untersucht worden.
Warum wurde der sowjetische Aufmarsch über See nicht früher erkannt, obwohl an den
Ostseeausgängen, dem Bosporus und der Straße von Gibraltar die Seeaufklärer der verbündeten
Marinen auf Wache standen? In Deutschland überlagerte die Spiegel-Affäre das Geschehen der
Kuba-Krise. Am 10. Oktober war DER SPIEGEL mit der Titelgeschichte „Bedingt
abwehrbereit“ erschienen, die in den nachfolgenden Tagen eine Regierungskrise auslöste.
Obwohl Bundeskanzler Konrad Adenauer der amerikanischen Regierung die uneingeschränkte
Unterstützung zusagte und am 24. Oktober der Bundesverteidigungsrat deutsche
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Krisenmaßnahmen beschloß, fand eine realistische Vorbereitung auf den drohenden Krieg nicht
statt. Am Beispiel der Bundesmarine wird dargelegt, daß es mehr auf die Eigeninitiative der
Kommandeure ankam, ob sich die jeweiligen Einheiten kriegsbereit machten. Das 3.
Schnellbootgeschwader stand als einzige deutsche Verteidigungslinie auf Wacht in der mittleren
und östlichen Ostsee. Zusammenfassend kann man sagen, daß in Deutschland „die größte
Gruppe [der Bevölkerung] wohl mit einer gewissen Dickfelligkeit an der Krise vorbeigelebt
haben dürfte.“
Illustrationen:
1. Bild: Das Führerboot „Leopard“ im Seegang bei Marschfahrt 30 kn (Datei
„SbootSeegang.jpg“)
2. Bild: Im Vordergrund das Schnellboot „Panther“ des 3. Schnellbootgeschwaders, dahinter der
Kotlin-Zerstörer (Datei „3.SG-Boot-Kotlin.jpg“)
3. Bild: Der Kreuzer der Kynda-Klasse mit seiner mächtigen Raketenbewaffnung (Datei
„Kynda.jpg“)
Kuba-Krise 1962, 13.05.16
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