100 Deutsche Jahre - Goethe

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100 Deutsche Jahre - Didaktisierung
Folge 50: Grenzgänge - Nachbarn in Europa
Allgemeines
Themeneingrenzung
In dieser Folge geht es nur um die Beziehungen Deutschlands zu Frankreich und Polen; das
Verhältnis zu den anderen Nachbarstaaten wird nicht erwähnt, auch nicht Fragen der
Europäischen Union. Der zeitliche Schwerpunkt liegt einmal auf den Weltkriegen,
andererseits auf den Nachkriegsjahren bis zur Wiedervereinigung.
Durchgängiges Prinzip ist die Perspektive des Vergleichs der Beziehungen zwischen dem
östlichen und dem westlichen Nachbarn, die sich ja nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg so
eklatant unterschiedlich entwickelten. Ebenfalls sehr häufig wird - zumindest implizit - das
Thema nationale Vorurteile angesprochen.
Ausschnitte dieser Folge können z.B. im Zusammenhang einer Einheit "Deutschland in
Europa" oder "Vorurteile" eingesetzt werden. Besonders interessant ist die Folge sicherlich für
Lerngruppen in den unmittelbaren Nachbarstaaten der Bundesrepublik Deutschland,
insbesondere natürlich in Frankreich und Polen.
Vorschlag 1
Einstieg ins Thema Europa
Definition: Europa
Besonders mit Lerngruppen in europäischen Ländern bietet es sich an, erst einmal ein
allgemeines Gespräch über den Begriff "Europa" zu führen. Was verstehen die Lerner unter
diesem Begriff, wie definieren sie ihn? Hier werden schnell verschiedene Auffassungen von
Europa deutlich werden, die nicht miteinander kongruent sind: Europa als geographischer
Begriff deckt sich nicht mit Europa als politischem (Europäische Union) bzw. kulturellem.
Wo liegen hier jeweils die Grenzen?
1. Alternative des Einstiegs
Kartenarbeit
Mit Hilfe einer Karte (Wandkarte oder Overheadfolie) kann die geographische Lage der
Bundesrepublik und ihrer Nachbarstaaten wiederholt werden. Alternativ können die
Kursteilnehmer auch leere Kartenumrisse in Partnerarbeit mit den Ländernamen ausfüllen,
oder sie können versuchen, aus dem Gedächtnis eine Karte von Europa zu zeichnen. Hier
sollte es jedoch nicht darum gehen, Wissen zu überprüfen, vielmehr kann so die Bedeutung
der individuell geprägten Landkarte im Kopf verdeutlicht werden.
Im Anschluss an diese Phase sollte im Gespräch geklärt werden, welche Grenzen evtl.
besonders "brisant" und welche wohl weniger konfliktträchtig waren bzw. sind. Hier können
1
z.B. historische Aspekte (Kriegsgegner), kulturelle (Sprachgrenzen) und politische
(Mitgliedstaaten der Europäischen Union) genannt werden. Wichtig für die anschließende
Arbeit mit dem Video ist es, bewusst zu machen, dass die östliche Grenze der heutigen
Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung die Grenze Polen/DDR war. Kursteilnehmer aus
den Nachbarstaaten der Bundesrepublik sollten sich natürlich auch zu den Beziehungen ihrer
Heimatländer zu Deutschland äußern.
Vorschlag 2
Die Beziehungen zu Polen und Frankreich heute - Berührungs- und Reibungspunkte
(Filmsequenz vom Beginn bis "dass die Franzosen etwas oberflächlich sind", Dauer: ca. 3
Minuten)
In diesem kurzen Filmausschnitt werden schlaglichtartig einige Aspekte genannt, die für das
heutige Verhältnis der Nationen zwar durchaus aussagekräftig sind, keinesfalls aber ein
ausgewogenes Bild liefern - v.a. das Verhältnis zu Polen wird ausschließlich durch die
Feindseligkeit deutscher Neonazis gegenüber polnischen Bürgern charakterisiert. Hier muss
die Lehrkraft auf jeden Fall ergänzend eingreifen.
a) Wodurch wird in diesem Filmausschnitt das Verhältnis der Bundesrepublik zu Polen bzw.
Frankreich gekennzeichnet?
b) Mit welchen filmischen Mitteln wird hier gearbeitet?
c) Welche der angesprochenen Barrieren lassen sich Ihrer Meinung nach leicht, welche
weniger leicht überwinden? i
Vorschlag 3
Der Erste Weltkrieg und die Folgen
(Filmsequenz von den Bildern vor "Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs" bis zu den Bildern
nach "In Deutschland sieht man das als großes Unrecht", Dauer: ca. 3 ½ Minuten)
Hier geht es v.a. um den Propagandakrieg im Westen und anschließend um die Folgen des
Versailler Vertrags für die Ostgrenze. Eine sinnvolle Ergänzung zur Darstellung dieses
historischen Abschnitts sind einerseits weitere Propagandaplakate, wie sie in vielen
Geschichtsbüchern abgebildet sind, andererseits eine Landkarte, die die im Film
angesprochenen Gebietsveränderungen verdeutlicht. Nachdem der Ausschnitt - evtl. auch nur
der erste Teil über die deutsch-französischen Beziehungen - einmal vorgeführt wurde, können
die Propagandaposter als Standbilder gezeigt und analysiert werden (vgl. b).
a) Mit welchen Gefühlen sind die Menschen in den Ersten Weltkrieg gezogen? Wie versucht
der Film diese Gefühle zu verdeutlichen?
b) Wie wird der "hässliche Deutsche" in den französischen Propagandabildern gezeigt?
Achten Sie auch auf die nationalen Symbole, die hier verwendet werden.
2
c) Wie wird das Schicksal Oberschlesiens in Kommentar und zeitgenössischen Bildern
dargestellt? Charakterisieren Sie auch die Sprache, die jeweils verwendet wird (z.B. neutrale
Stillage, polemisch etc.)ii
Vorschlag 4
Der Zweite Weltkrieg
(Filmsequenz von der Kriegserklärung Hitlers - "Ich habe mich daher nun entschlossen" - bis
"den französischen Patriotismus hier gestärkt", Dauer: ca. 4 Minuten)
Dieser Ausschnitt sollte nur behandelt werden, wenn der Kurs sich mit dem Nationalsozialismus schon eingehender beschäftigt hat. Vor allem die NS-Ideologie sollte den
Lernenden bereits bekannt sein. Eventuell sollten vor dem Betrachten des Filmes folgende im
Kommentar genannte Begriffe noch einmal geklärt werden: "Herrenrasse", "Untermenschen",
"Lebensraum", "Volksdeutsche". Deutlich gemacht werden sollte auch, dass derartige Begriffe
zur Sprache des Nationalsozialismus gehören und deswegen nur distanzierend verwendet
werden sollten, z.B. durch die Verwendung von Anführungszeichen in der geschriebenen
Sprache.
a) Vergleichen Sie das Schicksal von Frankreich und Polen während der
nationalsozialistischen Diktatur. Gehen Sie dabei besonders auf die Maßnahmen der
deutschen Besatzer ein. Tragen Sie Ihre Ergebnisse in einer Tabelle zusammen:
Frankreich und Polen unterm Hakenkreuz
Frankreich
Polen
b) Welche langfristigen Auswirkungen wird die Politik der Nationalsozialisten wohl auf die
Beziehungen der Staaten in der Nachkriegszeit gehabt haben?iii
Vorschlag 5
Annäherung an Frankreich
(Filmsequenz von "300 Studenten aus neun verschiedenen Nationen" bis "Es war dir lästig,
jeden zu küssen", Dauer: ca. 4 Minuten)
3
In dieser Filmsequenz wird die geglückte Annäherung der ehemaligen "Erbfeinde"
Deutschland und Frankreich dokumentiert - einmal auf der Ebene der "hohen Politik" (de
Gaulle), andererseits am Beispiel der Städtepartnerschaft zwischen Karlsruhe und Nancy auf
Bürgerebene.
a) Welche Schritte und Maßnahmen der Annäherung werden genannt?
b) Berichten Sie von eigenen Erfahrungen - hat Ihre Heimatstadt Partnerstädte, die Sie evtl.
schon besucht haben? Haben Sie einmal an einem Schüleraustausch teilgenommen?
c) Inwiefern sind Sprachkenntnisse Ihrer Meinung nach tatsächlich Bedingung oder
Voraussetzung für den Abbau von nationalen Vorurteilen?iv
Vorschlag 6
Die Beziehungen zu Polen
(Filmsequenz von "Gegenüber Polen sind viele Westdeutsche" bis "werden diese Voreingenommenheiten immer bleiben", Dauer: ca. 7 Minuten)
Um die folgenden Aufgaben bearbeiten zu können, sollte der Lerngruppe bewusst sein, dass
Polen bis zur Wiedervereinigung an die DDR angrenzte (Kartenarbeit) und dass diese beiden
Staaten unter kommunistischer Herrschaft standen. Ebenso sollte bekannt sein, was der
Begriff Vertriebene bedeutet. Sprachlich schwächere Gruppen können vor Bearbeitung von c)
die Begriffe Wirtschaftsgefälle und Wohlstandsgrenzen analysieren.
a) Erläutern Sie die Beziehungen Westdeutschlands zu Polen. Welche Vorurteile von
Deutschen und Polen kommen im Filmausschnitt zur Sprache?
b) Fassen Sie die verschiedenen Stationen der Beziehungen zwischen der DDR und Polen
zusammen.
c) Wodurch ist das Verhältnis zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und Polen
gekennzeichnet? Füllen Sie den folgenden Lückentext aus, und überlegen Sie im Anschluss,
wie sich an derartigen Verhältnissen etwas ändern ließe.v
Aber die ___________________________ ist heute eine Grenze ganz anderer Art: die
__________________________________________________. Es gibt ein enormes
____________________________ zwischen den Orten diesseits und jenseits der Brücke. Mit
den typischen Folgen von ______________________________: Der Handel in polnischen
Grenzstädten orientiert sich an den kaufkräftigen deutschen Kunden. In allen Orten entlang
der Grenze sind die von den Deutschen so genannten "_______________________"
entstanden, in denen es für die D-Mark mehr gibt als zu Hause. Das Bild vom Nachbarn
reduziert sich bei den meisten Deutschen auf solche Einkaufsmöglichkeiten, die viele zwar
gern nutzen, aber doch insgeheim mit östlichem Chaos gleichsetzen. Ein zweite Folge von
Wohlstandsgrenzen ist der weitverbreitete _______________________. In den Augen vieler
Deutschen wird Polen daher mit
_____________________________________________________________________ in
Verbindung gebracht. Alte Vorurteile scheinen neue Nahrung zu erhalten.
4
Vorschlag 7
Schlussdiskussion
Mögliche Ansatzpunkte für eine Vertiefung und Problematisierung der Thematik können
neben den folgenden Fragen auch die oben genannten Aufgaben 5c) und 6c) bieten.
a) Eine Zeitzeugin meint zum Verhältnis der Vertriebenen zu den Polen: "Zwei Völker
zusammen in einem engen Raum würde nie gut gehen." Stimmen Sie dieser Aussage zu?
b) "Lerne die Sprache des Nachbarn" - ist diese Forderung mit der Weltsprache Englisch
nicht überflüssig geworden?
c) Diskutieren Sie Vorteile und Gefahren der Osterweiterung der Europäischen Union.
d) Europa der Bürger - Europa der Regionen. Wie können diese Schlagworte konkret mit
Leben gefüllt werden?
Hinweise
Thematisch gut zu dieser Folge passen Folge 18 "Große Brüder - Die Deutschen und die
Supermächte", Folge 49 "Flaggenwechsel - Die Deutschen als Nation" und Folge 51
"Standorte, Standpunkte - Die Deutschen in der Welt".
Links im Internet
http://www.dfjw.org/netzwerk/index.htm (Deutsch-französisches Netzwerk)
http://www.asg.physik.uni-erlangen.de/europa/index.htm (Datenbank Europa)
http://www.auswaertiges-amt.de/4_europa/index.htm (Informationen z.B. zu den bilateralen
Beziehungen der Bundesrepublik, u.a. zu Frankreich und Polen)
http://dfjw.org (Deutsch-Französisches Jugendwerk)
http://www.goethe.de/fr/ (Links in Frankreich)
http://www.dpjw.org/dpjw.htm (Deutsch-Polnisches Jugendwerk)
http://www.euv-frankfurt-o.de/index_de.html (Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder)
Elisabeth Demleitner,
im Auftrag von Inter Nationes
August 1999
Lösungsvorschläge
i
5
a) Während die Beziehungen zu Polen nur negativ dargestellt werden durch Angriffe und
Parolen von Neonazis, die verhindern wollen, dass polnische Bürger die Visafreiheit nutzen,
um die Bundesrepublik zu besuchen, wird das Verhältnis zu Frankreich viel positiver
dargestellt: Hier sind die Grenzen tatsächlich abgebaut, ohne dass dies Feindseligkeit
erzeugen würde. Das Bild der Deutschen von den Franzosen ist heute v.a. durch positive
Stereotype gekennzeichnet, in erster Linie durch das Klischee "Leben wie Gott in Frankreich";
dies will sich mancher Deutsche durch den Kauf französischer Waren in grenznahen
Supermärkten auch mit nach Hause nehmen. Die Kehrseite dieses Vorurteils ist die Meinung,
Franzosen seien oberflächlicher als Deutsche.
b) Die Bilder an der polnischen Grenze sind in einer düster-bedrohlichen Atmosphäre im
nebligen Halbdunkel aufgenommen; durch Zeigen des Hitlergrußes und durch das wiederholte
Gebrüll "Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!" wirken die teilweise vermummten
rechtsradikalen Angreifer, die aggressiv die polnischen Busse attackieren, noch bedrohlicher.
Auch im Westen werden auf den ersten Blick wenig positive Bilder gewählt - zur Illustration
des Begleittextes wird gezeigt, wie die ehemaligen Grenzanlagen "vergammeln" (zerbrochene
Fenster). Allerdings wird diese Entwicklung durch einen Franzosen sehr positiv gewertet. Die
Bilder aus dem Supermarkt verdeutlichen das positive Klischee des französischen "Savoir
vivre": Gezeigt werden appetitliche, mehr oder weniger typisch französische Waren wie
Baguettes, Käse, Shrimps und Wein.
c) Genannt werden "Sprache, Mentalität, Politik und Alltägliches". Während politische
Barrieren durch die EU und die geplante Osterweiterung ebenso wie durch andere
supranationale Organisationen wie die NATO allmählich abgebaut werden und sich das
Alltagsleben im Rahmen der globalisierten Gesellschaft, die von McDonald's bis zu "Star
Wars" weltweit zunehmend die gleichen Bezugspunkte besitzt, wohl immer weiter annähert,
scheinen die beiden erstgenannten Aspekte schwieriger zu überwinden. Auch wenn viele
Menschen in grenznahen Regionen die Sprache des unmittelbaren Nachbarn verstehen, ist
dies nicht auf die gesamte Bevölkerung übertragbar und schon gar nicht auf die Sprachen aller
Nachbarn. Mentalitäten schließlich sind nur sehr langfristig - wenn überhaupt - veränderbar;
Unterschiede in diesem Bereich sind die Basis vieler nationaler Stereotypen. Fraglich ist
natürlich auch, inwieweit eine einheitliche europäische Mentalität überhaupt wünschenswert
wäre - liegt hierin nicht die Gefahr des Identitätsverlustes, den so viele Bürger der EU
beklagen?
ii
a) Viele Deutsche wollten den "Erbfeind" Frankreich in einem kurzen - und von vielen
herbeigesehnten - Krieg besiegen. Diese Stimmung wird durch die schwungvolle
Marschmusik betont ebenso wie durch die Bilder, mit denen der Kommentar unterlegt wird:
Eine Männergruppe hält ein Schild mit der Aufschrift "Richtung Paris", als ob es sich um
einen Ausflug handelt; Soldaten beschriften Eisenbahnwaggons mit ähnlichen Parolen und
winken unbeschwert aus dem abfahrenden Zug.
b) Neben dem im Kommentar genannten "aggressiven deutschen Adler" wird Deutschland
v.a. durch die Pickelhaube symbolisiert, die drei der gezeigten Personifikationen Deutschlands
tragen: ein kräftiger, brutal aussehender Mann in Uniform mit aufgerissenem Mund, eine
Horrorgestalt, die mit bluttriefenden Armen und gefletschten Zähnen die Welt zu umgreifen
versucht, und eine unförmige Germania mit langen blonden Zöpfen. Frankreich - u.a. durch
6
die Trikolore gekennzeichnet - erscheint dagegen als schöner junger Mann, der den deutschen
Adler besiegt.
c) Der Kommentar formuliert distanziert und vorsichtig, Beispiele hierfür wären
Formulierungen wie die folgenden: "gegen den als ungerecht empfundenen Vertrag", "in
Deutschland sieht man das als großes Unrecht". Ganz anders dagegen die zeitgenössischen
Bilder: hier werden die Deutschen als unschuldige Opfer dargestellt. Die Emotionalisierung
wird durch die Begleitmusik unterstützt, etwa als anonyme Hände der deutschen Landkarte
große Stücke entreißen. Besonders krass ist diese Propaganda in den Zwischentiteln, in denen
ebenfalls schwarz-weiß Malerei und eindeutige Schuldzuweisung betrieben wird: "Polnische
Banden auf ihrem Raubzug in Oberschlesien" oder "Von Haus und Hof verjagt" und "wehrlos
- heimatlos". Hier wird die Wirkung wiederum durch die getragene Trauermusik verstärkt, die
die Bilder der Flüchtlingstrecks im Schnee weiter emotional auflädt.
iii
a)
Frankreich und Polen unterm Hakenkreuz
Frankreich
Teilung, Annexion von Elsass und
Lothringen, Besetzung des Großteils von
Frankreich
Polen
Teilung, Annexion des westlichen Teils,
Besetzung des mittleren Teils
("Generalgouvernement")
Unterdrückung alles Französischen im Elsass:
Verbot des Französischen in der Schule,
Verbot der Baskenmütze, Germanisierung der
Namen
Überwachung der Maßnahmen durch Gestapo
und SS
Terrormaßnahmen gegen die Bevölkerung:
Polen gelten als "Untermenschen"
Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung,
Ermordung der Führungsschicht
Deportation in Isolierungslager,
Verschleppung nach Deutschland (als
Zwangsarbeiter)
Verbote im Alltagsleben ("nur für Deutsche")
Enteignung des Landes und Ansiedlung von
Deutschen
Wie aus der -lückenhaften - Auflistung deutlich wird, waren die Maßnahmen der Nationalsozialisten in Polen noch weitaus brutaler als in Frankreich, was unmittelbar mit der
nationalsozialistischen Ideologie zusammenhängt, vor allem mit Rassentheorie und
Lebensraumpolitik.
b) Beide Staaten wurden von Nazideutschland überfallen, mit Krieg überzogen, geteilt und
besetzt. Dies und die Besatzungsherrschaft führten für lange Zeit zu Misstrauen und Hass den
Deutschen gegenüber, was zum Teil heute noch nicht vollständig überwunden ist. Die
ungleich brutalere Herrschaft im Osten führte hier zu einer noch wesentlich stärker
ablehnenden Haltung den Deutschen gegenüber und erschwerte jegliche Annäherung. An der
unmittelbaren Westgrenze Deutschlands definierte sich das bilinguale Elsass gerade durch die
Zwangsgermanisierung als eindeutig zu Frankreich gehörig.
7
iv
a) Schon 1950 verbrannten Studenten an der deutsch-französischen Grenze Grenzpfähle und
Schlagbäume als Symbole der Grenzziehung. Zentral war in den folgenden Jahren die
Vorbildwirkung de Gaulles, der gemeinsam mit Adenauer wesentlich dazu beitrug, dass aus
den ehemaligen Kriegsgegnern Partner und schließlich Freunde wurden. Durch das Eintreten
der Symbolfigur de Gaulle für eine Annäherung an die Bundesrepublik wurde es auch der
französischen Bevölkerung erleichtert, ihr Misstrauen und ihre Abneigung den Deutschen
gegenüber zu überwinden. Ergänzend könnte die Lehrkraft darauf hinweisen, dass am 22.
Januar 1963 der Deutsch-Französische Vertrag (oder Élysée-Vertrag) von de Gaulle und
Adenauer unterzeichnet wurde, was als bahnbrechender Schritt empfunden wurde. Von nicht
zu überschätzender Bedeutung waren und sind schließlich die Kontakte der Bürger beider
Staaten etwa im Rahmen von Städtepartnerschaften und Schüleraustausch.
b) Die Antworten sind abhängig von den jeweiligen Erfahrungen der Kursteilnehmer.
c) Bei der Frage, inwieweit Sprachkenntnisse und "der Einblick in den Alltag des jeweils
anderen Landes" Vorurteile abbauen helfen, kann auf eine Untersuchung des Goethe-Instituts
hingewiesen werden, nachdem britische Schüler, die Deutsch lernen und bereits in
Deutschland waren, ein deutlich positiveres Bild der Bundesrepublik haben als ihre
Schulkameraden, die noch nie in Deutschland waren und auch kein Deutsch lernen (vgl.
Sammon, Geoff: Stereotype im Deutschlandbild britischer und irischer Schüler und
Schülerinnen. In: Löschmann, Martin, Magda Stroinska (Hrsg.): Stereotype im
Fremdsprachenunterricht. Frankfurt am Main 1998, S. 73-107).
Vgl. auch folgende Passage aus dem Deutsch-Französischen Vertrag:
Die beiden Regierungen erkennen die wesentliche Bedeutung an, die der Kenntnis der Sprache des anderen in
jedem der beiden Länder für die französisch-deutsche Zusammenarbeit zukommt. Zu diesem Zweck werden
sie sich bemühen, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahl der französischen Schüler, die Deutsch
lernen, und die der deutschen Schüler, die Französisch lernen, zu erhöhen.
Andererseits hat die Vorurteilsforschung gezeigt, dass Vorurteile sehr stabil sind und nicht
durch abweichende persönliche Erfahrungen revidiert werden.
v
a) Lange Zeit wurde die Oder-Neiße-Grenze in Westdeutschland nicht anerkannt. Vor allem in
Vertriebenenverbänden hielt sich eine ablehnende bis feindselige Stimmung gegenüber Polen,
die in den Zitaten der Zeitzeugen sehr deutlich wird. Hier werden offen nationale Stereotype
geäußert: "Die Polen" hätten ein zu großes Nationalbewusstsein, sie seien anders als die
Deutschen, v.a. weniger ordentlich und fleißig (vgl. der stereotypische Ausdruck "polnische
Wirtschaft"). Zumindest indirekt wird auch der Verdacht geäußert, "die Polen" seien Diebe.
Andererseits äußert auch der polnische Interviewpartner Vorurteile den Deutschen gegenüber,
nämlich dass sie arrogant und militaristisch seien.
Erst die Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt leitete eine neue Politk
gegenüber Osteuropa ein. Nach dem Moskauer Vertrag wurde im Warschauer Vertrag die
Oder-Neiße-Linie als unverletzliche Grenze anerkannt. Während der Vertrag in der Bundesrepublik sehr kontrovers aufgenommen wurde (worüber sich das Video ausschweigt), war er
für Polen die grundlegende Voraussetzung dafür, "den Deutschen langsam wieder zu trauen
und wieder an Deutschland zu glauben", wie ein Zeitzeuge es formuliert.
8
b) Schon an frühere Stelle wird im Video erwähnt, die DDR habe bereits 1950 im Görlitzer
Vertrag die Oder-Neiße-Grenze anerkannt; allerdings blieb diese Grenze außer zu besonderen
Feierlichkeiten für die Bevölkerung unpassierbar. 1972 wird dann der visafreie Reiseverkehr
ermöglicht, u.a. um der DDR-Bevölkerung ihren relativen Wohlstand vor Augen zu führen.
Die Öffnung der Grenze führt v.a. zu Einkaufsfahrten ins benachbarte Ausland, wodurch
wiederum negative Gefühle und Stereotype verstärkt werden. Sehr interessant ist der teilweise sehr bürokratische - Originalton aus der DDR, in dem alles andere als sozialistische
Brüderlichkeit mitschwingt. Vielmehr werden Ängste und Missmut der eigenen Bevölkerung
gegenüber den angeblich die DDR leer kaufenden Polen gezielt verstärkt. Als in Polen mit der
Solidarnosc der Demokratisierungsprozess beginnt, dienen derartige Propagandabemühungen
auch als Rechtfertigung für die erneute Schließung der Grenze 1980, die bis zur Wiedervereinigung und dem deutsch-polnischen Grenzvertrag vom 14.11.1990, in dem die
Oder-Neiße-Linie endgültig als Westgrenze Polens völkerrechtlich anerkannt wurde, wieder
weitgehend unpassierbar war.
c) Lösungen für den Lückentext:
Oder-Neiße-Linie / Außengrenze der wohlhabenden EU / Wirtschaftssgefälle /
Wohlstandsgrenzen / Polenmärkte / Schmuggel / Zigarettenschmuggel, Schwarzarbeit und
Autodiebstahl
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