Bausteine der Kantischen Erkenntnistheorie - UK

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Vorlesung: Kants Erkenntnistheorie (Folien)
Bausteine der Kantischen Erkenntnistheorie
I. Erkenntnistheoretische Grundlagen
- Empirismus, Rationalismus und Metaphysik-Kritik
- reine (apriorische) und empirische Erkenntnis
- analytische und synthetische Urteile
II. Die Quellen der Erkenntnis: Sinnlichkeit und Verstand
- Die Theorie der Sinnlichkeit: Raum und Zeit (Transzendentale
Ästhetik; Geometrie und Mathematik)
- Die Theorie des Verstandes:
a) formale und transzendentale Logik
b) Theorie der Begriffe und der Urteile
c) Deduktion der reinen Verstandesbegriffe
d) Schematismus der reinen Verstandesbegriffe
e) System der Grundsätze des reinen Verstandes
f) Idealismus und Realismus
III. Probleme der Kantischen Erkenntnistheorie
- Zur Rezeption der Kantischen Erkenntnistheorie
- Kant und die gegenwärtige Erkenntnistheorie
- Ausgewählte Probleme und aktuelle Forschung
Biographische Daten zu Kant
1724 Geburt Immanuel Kants am 22. April als viertes Kind des
Riemermeisters Johann Georg Kant und seiner Frau Regina, geb.
Reuter, in Königsberg.
1737 Tod der Mutter.
1740-1746, ab 24. Sept. Aufnahme des Studiums an der Universität
Königsberg in den Fächern Philosophie, Mathematik,
Naturwissenschaften.
1746 Tod des Vater.
1747-1754 Hauslehrer an diversen Stellen außerhalb Königsbergs.
„Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte“ (erschienen
1749).
1754 Tod Christian Wolffs (geb. 1679).
1755-März: „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“
17. April, Einreichung der Magisterarbeit: „De igne“
13. Mai, Magisterexamen
12. Juni Promotion
27. September, Habilitation mit der Schrift:
„Principiorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio“.
1756 10. April: Disputation Über „Monadologia Physica“.
1762 „Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren
erwiesen“.
1763 „Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des
Daseins Gottes“.
1764 Kant lehnt Professur der Dichtkunst in Königsberg ab.
„Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen“;
„Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen
Theologie und der Moral“.
2
1766 Kant wird Hilfsbibliothekar im königlichen Schloß. „Träume eines
Geistersehers“.
1768 „Von dem ersten Grunde des Unterschied der Gegenden im Raume“.
1769 Ablehnung des Rufs an die Universität Erlangen.
1770 Ablehnung des Rufs an die Universität Jena.
Kant wird ab 31. März ordentl. Professor für Metaphysik und Logik
an der Universität Königsberg mit der öffentlich verteidigten
Inauguraldissertation: „De mundi sensibilis atque intelligibilis forma
et principiis“.
1771 Aufnahme der Arbeit zur „Kritik der reinen Vernunft“.
1771-1781 „Stilles Jahrzehnt“, es erscheinen lediglich drei unbedeutende
Arbeiten.
1778 Ablehnung des Rufs an die Universität Halle.
1781 „Kritik der reinen Vernunft“ (erste Auflage = A).
1783 „Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik“. Kant erwirbt
ein eigenes Haus.
1784 „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“.
„Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“
1785 „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“.
1786 Kant wird zum Rektor der Universität Königsberg gewählt; Mitglied
der Berliner Akademie der Wissenschaften. „Mutmaßlicher Anfang
der Menschengeschichte“; „Metaphysische Anfangsgründe der
Naturwissenschaft“. Tod Friedrichs des Großen.
1787 „Kritik der reinen Vernunft“, zweite, stark überarbeitete Auflage
1788 „Kritik der praktischen Vernunft“.
1790 „Kritik der Urteilskraft“.
1791 Fichte besucht Kant.
1793 „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“.
3
1794 Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften.
Maßregelung Kants durch eine Königliche Kabinettsorder. „Das
Ende aller Dinge“.
1795 „Zum ewigen Frieden“.
1796 Beendigung der Vorlesungstätigkeit.
1797 „Die Metaphysik der Sitten“.
1804 Kant verstirbt am 12. Februar in Königsberg.
4
Werkausgaben und Literatur zu Kant
Ausgaben:
- Immanuel Kant, Gesammelte Werke, hrsg. von der königlichen
preußischen (später deutschen) Akademie der Wissenschaften, Berlin
1900ff (abgek.: AA).
- Kritik der reinen Vernunft, hrsg. von Jens Timmermann, Neufassung
der Ausgabe von R. Schmid), Hamburg 1998 (und weitere
Studienausgaben, auch der übrigen Schriften Kants).
Einführende Literatur:
- Ernst Cassirer: Kants Leben und Lehre, ND: Darmstadt 1994
(kombinierte Darstellung von Kants Philosophie und Leben).
- Otfried Höffe: Immanuel Kant, München 1988.
- Georges Dicker: Kant’s Theory of Knowledge, Oxford 2004.
Weiterführende Literatur zu Kants Erkenntnistheorie:
- H. E. Allison: Kant’s Transcendental Idealism. An Interpretation
and Defense, New Haven/London 1983 (zweite Auflage 2004).
- G. Mohr/M. Willaschek (Hrsg.): Immanuel Kant. Kritik der reinen
Vernunft, Berlin 1998.
- N.K. Smith: A Commentary to Kant’s “Critique of Pure Reason”,
London 21930.
- H.J. Paton: Kant’s Metaphysic of Experience. A Commentary on the
first half of the Kritik der reinen Vernunft, 2 Bd.e, London 41965.
- P. Guyer: Kant and the Claims of Knowledge, Cambridge 1987.
- J. Bennett: Kant’s Analytic, Cambridge 1966.
- P. F. Strawson: The Bounds of Sense, London 1966.
- T. Grundmann: Analytische Transzendentalphilosophie,
- R. Hanna: Kant and the Foundations of Analytic Philosophy, Oxford
2001.
- J. Van Cleve: Problems from Kant, New York/Oxford 1999.
Zeitschriften zum Werk und zur Philosophie Kants:
- Kant-Studien
- Kantian Review
5
Ist Wissen gerechtfertigte, wahre Meinung?
Gettier bringt zunächst die Konzeption von Wissen als gerechtfertigter,
wahrer Meinung in folgende Form:
S weiß, daß p gdw.
(i) p wahr ist,
(ii) S glaubt, daß p,
(iii) S darin gerechtfertigt ist zu glauben, daß p.
Diese Erklärung von Wissen ist problematisch. Denn nehmen wir an:
Smith und Jones haben sich auf dieselbe Stelle beworben und Smith hat
gute Gründe zu folgender Meinung:
(a) Jones ist derjenige, der die Stelle erhalten wird und Jones
hat zehn Münzen in seiner Tasche.
Denn der Chef der Firma hat Smith versichert, nicht er, sondern Jones
werde wohl die Stelle erhalten; ferner hat Smith kurz zuvor die zehn
Münzen in Jones’ Tasche gezählt, so daß aus (a) folgt:
(b) Derjenige, der die Stelle erhalten wird, hat zehn Münzen in
seiner Hosentasche.
Smith akzeptiert den Zusammenhang von (a) und (b) und ist demnach darin
gerechtfertigt zu glauben, daß (b) wahr ist.
Der Zufall will es aber, daß Smith nun doch die Stelle erhalten wird, was
ihm zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht bekannt ist; ebenso wenig ist
ihm zu diesem Zeitpunkt bekannt, daß er selbst zehn Münzen in seiner
Hosentasche hat. In diesem Fall ist (b) wahr, obwohl (a) falsch ist. Dies
bedeutet, daß das Folgende wahr ist:
(i)
(b) ist wahr,
(ii)
Smith glaubt, daß (b) wahr ist, und
(iii)
Smith ist darin gerechtfertigt zu glauben, daß (b) wahr ist.
Damit zeigt sich, daß die Bestimmung von Wissen als gerechtfertigter,
wahrer Meinung problematisch ist.
6
I. Erkenntnistheoretische Grundlagen
1.1. Empirismus, Rationalismus und Metaphysik-Kritik
Die systematische Grundlage einer Erkenntnistheorie:
a) Begriffsdefinition von Wissen und der Kriterien von Erkenntnis
(Probleme der Gettier-Fälle: Wissen als wahre, gerechtfertigte
Meinung)
oder
b) Analyse der Quellen der Erkenntnis (Kant: reine und empirische
Erkenntnis)
Der „sichere Gang“ einer Wissenschaft und die Kritik der Metaphysik
(Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft):
„Sicherer Gang“ einer Wissenschaft:
- Logik (Aristoteles)
- Mathematik (z. B. Thales)
- Physik (z. B. Bacon, Galilei)
Kein „sicherer Gang“ einer Wissenschaft:
- Metaphysik als
- metaphysica generalis: Lehre vom Seienden als solchen
(Ontologie)
- metaphysica specialis: Lehre von Seele, Welt, Gott als den
Objekten reiner Vernunfterkenntnis.
7
Metaphysikkritik und Kopernikanische Wende
- Ausgangsfrage: Geht die Metaphysik wie Mathematik und Physik
den „sicheren Gang“ eine Wissenschaft“?
- Forderung: Wie in Mathematik und Physik soll sich auch in der
Metaphysik eine „Revolution“ oder „Umänderung der Denkart“
vollziehen.
- Der Erkenntnisanspruch der Metaphysik: Erkenntnis a priori aus
reiner Vernunft.
- Zwei Grundmodelle der Erkenntnis:
a)
das Modell der Objektabhängigkeit der Erkenntnis: Erkenntnis
richtet sich nach den Gegenständen;
b)
das Modell der Erkenntnisabhängigkeit der Gegenstände: die
Gegenstände richten sich nach der Erkenntnis;
- Welchem Modell muß die Metaphysik folgen, um ihrem Anspruch
auf Erkenntnis a priori gerecht werden zu können? Kant Antwort:
Erkenntnis a priori kann nur im Modell der Erkenntnisabhängigkeit
der Gegenstände gerechtfertigt werden.
- Die „Revolution“ der Denkart als Kopernikanische Wende in der
Metaphysik (keine „Ptolemäische Gegenrevolution“, wie Russell
meint):
a) Im Ptolemäischen geozentrischen Weltbild: der Betrachter ruht,
die Sterne bewegen sich  Objektabhängigkeit der Erkenntnis.
b) Im Kopernikanischen heliozentrischen Weltbild: die Sterne ruhen,
der Betrachter dreht sich  Erkenntnisabhängigkeit der
Gegenstände.
[Literatur: Artikel „Kopernikanische Wende“ und „Kopernikus“ in der
Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Bd. 2, S. 469ff.]
8
- Problem: Die Metapher des Kopernikanischen geozentrischen
Weltbildes läßt sich nicht ohne weiteres auf das Modell der
Erkenntnisabhängigkeit der Gegenstände übertragen. Kant geht es
wohl lediglich um die Idee der „Revolution der Denkart“, wie sie in
der Astronomie durch Kopernikus vollzogen wurde und nicht um
eine Analogie im strengen Sinne.
- Experiment
der
Vernunft
mit
sich
selbst
analog
zur
Naturwissenschaft: Widersprüche der Metaphysik treten im Modell
der
Objektabhängigkeit
der
Erkenntnis
auf,
im
Modell
Erkenntnisabhängigkeit der Gegenstände belieben sie aus. Also: Das
Modell der Objektabhängigkeit der Erkenntnis ist nicht dazu
geeignet, Erkenntnis a priori in der Metaphysik zu erklären. Die
Möglichkeit apriorischer Erkenntnis als angeborenes Wissen
berücksichtigt Kant in diesem Zusammenhang nicht.
9
Drei Bedeutungen von „Kritik der reinen Vernunft“:
i. methodische Bedeutung von „Kritik“: Kritik, deren
Gegenstand die reine Vernunft ist;
ii. „Kritik“ als System rationaler Erkenntnis: Kritik, die
durch die reine Vernunft ausgeführt wird;
iii. selbstreflexive
Bedeutung
von
„Kritik“:
reine
Vernunft selbst als Subjekt und Objekt der Kritik;
„Selbstkritik“ der reinen Vernunft.
[vgl. Hans Vaihinger: „Kommentar zu Kants Kritik der reinen
Vernunft“, 117ff.; Smith: Commentary to Kant’s Critique of Pure
Reason, S. 1-3.]
10
Idealtypische Grundthesen des Empirismus:
- es gibt zwei Arten von Wahrheiten: apriorische Vernunftwahrheiten und
empirische Tatsachenwahrheiten (vor allem Hume);
- Vernunftwahrheiten sind analytisch (Beziehungen von Vorstellungen,
Hume) und notwendig, handeln aber nicht von der Welt, da sich in der
Welt keine notwendigen Tatsachen entdecken lassen;
- Wissen von der Welt ist immer durch Ideen oder Vorstellungen
vermittelt, die der Welt entsprechen;
- alle Ideen oder Vorstellungen werden durch sinnliche Erfahrung
erworben, so daß es keine angeborenen bzw. apriorischen Ideen oder
Vorstellungen geben kann;
- alle wahren Urteile über die Welt gehen einzig auf die Erfahrung
zurück.
Idealtypische Grundthesen des Rationalismus:
- es gibt zwei Arten von Wahrheiten: apriorische Vernunftwahrheiten und
empirische Tatsachenwahrheiten (vor allem Leibniz);
- Vernunftwahrheiten beschreiben die Welt objektiv; in der Welt lassen
sich notwendige Tatsachen entdecken;
- Wissen von der Welt ist immer durch Ideen oder Vorstellungen
vermittelt, die der Welt entsprechen;
- nicht alle Ideen oder Vorstellungen werden durch sinnliche Erfahrung
erworben; es gibt angeborene, apriorische Ideen oder Vorstellungen, die
ein notwendiges Wissen über die Welt repräsentieren;
- Quelle unserer wahren Urteile ist die reine Vernunft, durch die wir
angeborene Ideen als Repräsentationen notwendiger wesenhafter
Sachverhalte erkennen.
11
[Literaturhinweis: R. Hanna: Kant and the Foundations of Analytic Philosophy, S.
25ff.]
12
1.2. Reine und empirische Erkenntnis
Drei Unterscheidungen:
- rein – empirisch = epistemische Unterscheidung aufgrund
der Quellen der Erkenntnis
- notwendig – zufällig = modale oder metaphysische
Unterscheidung aufgrund zweier unterschiedlicher Arten
von Wahrheit
- analytisch – synthetisch = semantische Unterscheidung
aufgrund der Bedeutung der verwendeten Begriffe
Erkenntnisanfang und Erkenntnisursprung:
- zeitlicher Anfang der Erkenntnis mit der Erfahrung
- logischer Ursprung der Erkenntnis vor der Efahrung
Reine und empirische Erkenntnis
Rechtfertigung Rechtfertigung
unabhängig v. abhängig von
Reine
notwendig
streng
Erfahrung
Erfahrung
allgemein
Ja
Nein
Ja
Ja
Nein
Ja
Nein
Nein
Erkenntnis
Empirische
Erkenntnis
13
Analytische und synthetische Urteile
Kants Definition analytischer Urteile:
Ein Urteil, in dem das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat gedacht
wird, ist analytisch = „das Prädicat B gehört zum Subject A als etwas, was
in diesem Begriffe A (versteckter Weise) enthalten ist“. (KrV, B 10).
Grundsätzliches zum analytischen Urteil – drei Typen:
1.) analytisch wahr aufgrund der Bedeutung der verwendeten Begriffe;
2.) analytische Urteile als begriffliche Wahrheiten;
3.) analytische wahr aufgrund der logischen Form von Urteilen.
Kennzeichen analytischer Urteile nach Kant:
- Satz vom Widerspruch als allgemein hinreichendes
Kriterium der Wahrheit;
- Unabhängigkeit seiner Wahrheit von Erfahrung;
- Erkenntnis a priori;
- Notwendigkeit und strenge Allgemeinheit;
- bejahende analytische Urteile beruhen auf Identität von
Prädikat und Subjekt;
14
Kants Beispiele für analytische Urteile:
 „Alle Körper sind ausgedehnt.“ (KrV, B 11);
 Der Begriff des Körpers besitzt die „Merkmale der Ausdehnung, der
Undurchdringlichkeit, der Gestalt“ (KrV, B 12);
 „a=a, das Ganze ist sich selber gleich“ (KrV, B 17);
 „(a+b)>a, d.i. das Ganze ist größer als sein Theil“ (KrV, B 17);
 „Keinem Dinge kommt ein Prädicat zu, welches ihm widerspricht“
(Satz des Widerspruchs, KrV, B 190);
 „Kein ungelehrter Mensch ist gelehrt“ (KrV, B 192);
 „Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen,
dessen ich mir bewußt bin, ist ein eben so wohl in den Begriffen
selbst liegender, mithin analytischer Satz“ (KrV, B 408);
 „Gold ist ein gelbes Metall“ (Prolegomena, §2, b);
 „Ein jeder Körper ist theilbar“ (Über eine Entdeckung, AA VIII,
229)
 „der Mensch ist Mensch“ (analytischer als tautologischer Satz;
Jäsche Logik, AA IX, 111).
[Literaturhinweise: Konrad Cramer: Die Einleitung, in: Mohr,
G./Willaschek, M. (Hrsg.): Immanuel Kant. Kritik der reinen Vernunft,
Berlin 1998, S. 57-79; Dicker: Kant’s Theory of Knowledge, S. 10ff.;
Hanna: Kant and the Foundations, S. 120ff; Saul Kripke: Naming and
Necessity, Oxford 1972, 54ff, 128ff; Quine, W.V.O.: Two dogmas of
Empiricism, in: Ders., From a Logical Point of View, Cambridge/London
1980, S. 20-46].
15
Analytische und synthetische Urteile
Welche Urteilsarten gibt es?
a priori
a posteriori
?
?
Urteile
?
?
Empirismus
a priori
a posteriori
ja
nein
Urteile
nein
ja
Rationalismus
a priori
a posteriori
ja
nein
ja
ja
Möglichkeiten
analytische
Urteile
synthetische
analytische
Urteile
synthetische
analytische
Urteile
synthetische
Urteile
16
Das synthetische Urteil a priori
Urteilsarten bei Kant:
Kant
a priori
a posteriori
ja
nein
ja
ja
analytische
Urteile
synthetische
Urteile
Die Rechtfertigung von synthetischen Urteilen a priori:
Kant
analytische
wahr aufgrund
empirische
von Bedeutung
Anschauung
reine
(SvW)
(Erfahrung)
Anschauung
X
Urteile
synthetische
Urteile
X
a posteriori
synthetische
Urteile
X
a priori
17
Sinnlichkeit und Verstand:
Der systematische Aufbau der Kantischen Erkenntnistheorie
Sinnlichkeit
Verstand
Theorie der reinen Anschauung:
Theorie des reinen Verstandes
Transzendentale Ästhetik
(Begriffe a priori/Kategorien):
 Raum
Transzendentale Logik
 Zeit
Transzendentale Analytik
 Urteilstafel (formale Logik)
 Kategorientafel (transzendentale Logik)
 Transzendentale Deduktion
der reinen Verstandesbegriffe (Beweis der
objektiven Gültigkeit der
Kategorien)
Möglichkeit objektiver Erkenntnis in der Transz. Analytik gezeigt durch:
- Schematismus der reinen Verstandesbegriffe (Anwendungsbedingungen
von Kategorien auf sinnliche Anschauungen).
- Grundsätze des reinen Verstandes (als allein mögliche synthetische
Urteile a priori und allgemeinste Sätze über die Erkenntnis der Natur)
18
Thesen der Raum- und Zeitargumente der Transzendentalen Ästhetik
(Kritik der reinen Vernunft, B 37ff., B 46ff.)
Raumargumente:
1) Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen
abgezogen worden.
2) Der Raum ist eine notwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren
Anschauungen zum Grunde liegt.
3) Der Raum ist kein diskursiver oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff
von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.
4) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt.
Zeitargumente:
1) Die Zeit ist kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung
abgezogen worden.
2) Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum
Grunde liegt.
3) Auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit
apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomen
von der Zeit überhaupt.
4) Die Zeit ist kein diskursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung.
5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle
bestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum
Grunde liegenden Zeit möglich sei.
19
Anschauung und Begriff
Sinnlichkeit
Verstand
= Vermögen der sinnlichen
= Vermögen, Vorstellungen selbst
Gegebenheitsweise von
hervorzubringen, zu denken
Vorstellungen
Sinnliche Affektion
Funktion
Rezeptivität
Spontaneität
Anschauung als
Begriff als
repraesentatio singularis
repraesentatio universalis
Anschauung:
Begriff:
- unmittelbarer Gegenstandsbezug
- mittelbarer Gegenstandsbezug
- Gegebenheitsweise von rezeptiven - gedachte Vorstellung
Vorstellungen
- angewiesen auf Funktion
- angewiesen auf sinnliche Affektion - abstrakte, diskursive Vorstellung
Reine und empirische Anschauung:
- empirische Anschauung: Empfindung ist die Wirkung durch sinnliche
Affektion; ist „Empfindung“ der Grund der Beziehung einer Anschauung
auf einen Gegenstand, so ist sie empirisch;
- Erscheinung = unbestimmter Gegenstand einer empirischen Anschauung;
- Materie und Form der Erscheinung:
Erscheinung
Materie
(emp. Empfindungsgehalt)
Form
(apriorische Anordnungsgrundlage
des empirischen Mannigfaltigen
= reine Anschauung)
20
Das Problem inkongruenter Gegenstücke
(Kant: Vom ersten Grunde des Unterschieds der Gegenden im Raum, 1768)
Problem: Ist der Raum relational oder absolut?
Leibniz: Der Raum ist relational, weil er aus den Verhältnissen von
unräumlichen Substanzen konstituiert wird.
Newton: Der Raum ist absolut, weil er unabhängig von der Materie
existiert.
Kants These:
„daß
und
der absolute Raum unabhängig von dem Dasein aller Materie ist
selbst
als
der
erste
Grund
der
Möglichkeit
ihrer
Zusammensetzung eine eigene Realität habe.“
Dies zeigt das Phänomen der inkongruenten Gegenstücke:
Definition: „Gegenstück“
Das Gegenstück eines Körpers ist sein Spiegelbild, so daß die
perpendikulare Projektion jedes Punktes entlang einer Linie auf jeder
Seite dieselbe Entfernung misst. – Beispiel: Spiegelung einer Hand
21
Definition: „inkongruente Gegenstücke“
Der Körper x ist das inkongruente Gegenstück des Körpers y, wenn x
und y einander „völlig gleich und ähnlich“ sind, x aber nicht in
denselben räumlichen Grenzen umschlossen werden kann wie y (gilt
auch für Flächen). – Beispiel: „rechte-linke Hand“
Interne Relationen inkongruenter Gegenstücke:
Kants Argument:
Nach Leibniz’ Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren müssten die
rechte und die linke Hand identisch sein, da alle ihre internen Relationen
identisch sind. In der Realität sind die rechte und die linke Hand aber
numerisch verschieden, also ist die Leibnizsche Raumauffassung unhaltbar
(weiter Beispiele: Schraubengänge, (sphärische) Dreiecke etc.).
Literatur:
Holger Lyre: Metaphysik im „Handumdrehen“: Kant und Earman, Parität und moderne
Raumauffassung, in: Philosophia naturalis 42, 1 (2005)
22
James Van Cleve/R.E. Frederick (Hrsg.): The Philosophy of Left and Right, Dordrecht
1991.
23
Die „Metaphysische Erörterung“ von Raum und Zeit
(KrV, B 37ff.; 46ff.)
Erstes Raumargument:
„1) Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen
abgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwas außer
mir bezogen werden (d.i. auf etwas in einem andern Orte des Raumes, als
darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außer und neben
einander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenen
Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes schon zum
Grunde liegen. [...].“
Erstes Zeitargument:
„Die Zeit ist 1) kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung
abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde
selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit
nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzung kann man
sich vorstellen: daß einiges zu einer und derselben Zeit (zugleich) oder in
verschiedenen Zeiten (nach einander) sei.“
24
Zweites Raumargument:
„2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allen äußeren
Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine Vorstellung
davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken
kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also als die
Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen und nicht als eine von ihnen
abhängende Bestimmung angesehen und ist eine Vorstellung a priori, die
nothwendiger Weise äußeren Erscheinungen zum Grunde liegt.“
Zweites Zeitargument:
„2) Die Zeit ist eine nothwendige Vorstellung, die allen Anschauungen
zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die
Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus
der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein
ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können insgesammt
wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit)
kann nicht aufgehoben werden.“
25
Drittes Raumargument:
„3) Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeiner Begriff
von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.
Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen, und wenn
man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter nur Theile eines
und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile können auch nicht vor dem
einigen allbefassenden Raume gleichsam als dessen Bestandtheile (daraus
seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen, sondern nur in ihm
gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltige in ihm, mithin
auch der allgemeine Begriff von Räumen überhaupt beruht lediglich auf
Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehung seiner eine Anschauung
a priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffen von demselben zum
Grunde liegt. [...]“
Viertes Zeitargument:
„4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene
Zeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur durch
einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung.
Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich sein
können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der Satz ist
synthetisch und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er ist also in
der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.“
26
Viertes Raumargument:
„4) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. Nun
muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die in einer
unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen (als ihr
gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich enthält;
aber kein Begriff als ein solcher kann so gedacht werden, als ob er eine
unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl wird
der Raum so gedacht (denn alle Theile des Raumes ins unendliche sind
zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung
a priori und nicht Begriff.“
Fünftes Zeitargument:
„5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle
bestimmte Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum
Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche
Vorstellung Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Theile
selbst und jede Größe eines Gegenstandes nur durch Einschränkung
bestimmt vorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nicht
durch Begriffe gegeben sein (denn die enthalten nur Theilvorstellungen),
sondern es muß ihnen unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen.“
27
Drittes Zeitargument:
„3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit
apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomen
von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeiten
sind nicht zugleich, sondern nach einander (so wie verschiedene Räume
nicht nach einander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze können aus
der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder strenge
Allgemeinheit, noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden nur sagen
können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muß es sich
verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhaupt
Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben und nicht durch
dieselbe.“
Literaturhinweise zur Transzendentalen Ästhetik:
Baum, M.: Kants Raumargumente und die Begründung des transzendentalen
Idealismus, in: Kant. Analysen - Probleme - Kritik, Bd.II, hg.v. H. Oberer, Würzburg
1996, S.41-63.
Dicker, G.: Kant’s Theory of Knowledge, Oxford 2004, Kap. II.
Düsing, Klaus: Objektive und subjektive Zeit. Untersuchungen zu Kants Zeittheorie und
zu ihrer modernen kritischen Rezeption, in: Kant-Studien 71 (1980), S.1-34.
Falkenstein, L.: Kant’s Intuitionism. A Commentary on the Transcendental Aesthetic,
Toronto 1995.
Krüger, G.: Über Kants Lehre von der Zeit, in: Anteile: Martin Heidegger zum 60.
Geburtstag, Frankfurt a.M. 1950, S.178-211.
Mittelstaedt, P.: Philosophische Probleme der modernen Physik, Mannheim u. .a. 71989,
Kap. I und II.
Moreau, J.: Le temps, la succession et le sens interne, in: Akten des Vierten
Internationalen Kant-Kongresses Mainz 1974, I, hg.v. G. Funke, Berlin, New York
1974, S.184-200
Paton, H.J.: Kant’s Metaphysic of Experience. A Commentary on the first half of the
Kritik der reinen Vernunft, Bd. I, London 41965, Kapitel IV-VIII.
Rameil, U.: Raum und Außenwelt. Untersuchungen zu Kants kritischem Idealismus,
Diss., Köln 1977.
Smith, N.K.: A Commentary to Kant’s “Critique of Pure Reason”, London 21930, S. 79166.
Strawson, P.F.: The Bounds of Sense, London 1966, Kap. II/1.
Vaihinger, H.: Kommentar zu Kants Kritik der reinen Vernunft, 2 Bde., Stuttgart 21922.
28
„Stufenleiter“ der „Vorstellungsarten“ (A320/B376f.)
repraesentatio
(Vorstellung überhaupt)
perceptio
(Vorstellung mit Bewußtsein)
sensatio
(subjektive Perzeption,
cognitio
(objektive Perzeption,
Empfindung)
intuitus
(Anschauung)
Erkenntnis)
conceptus
(Begriff)
empirischer Begriff reiner
Begriff
Verstandesbegriff Vernunftbegriff
29
Transzendentaler Idealismus und empirischer Realismus
Kants Definition des transzendentalen Idealismus:
„Ich verstehe aber unter dem transzendentalen Idealism aller
Erscheinungen den Lehrbegriff, nach welchem wir sie insgesamt als bloße
Vorstellungen und nicht als Dinge an sich selbst ansehen, und dem gemäß
Zeit und Raum nur sinnliche Formen unserer Anschauung, nicht aber für
sich gegebene Bestimmungen oder Bedingungen der Objekte als Dinge an
sich selbst sind.“ (KrV A 369; vgl. B 518f.).
„Zwei-Aspekte“-These = epistemologische These (Henry E. Allison:
Kant’s Transcendental Idealism. An Interpretation and Defense, zweite
Auflage, New Haven/London 2004, S. 16):
„[...] the transcendental distinction between appearances and things in
themselves [to be] understood as holding between two ways of considering
things (as they appear and as they are in themselves) rather than as […] two
ontological sets of entities (appearances and things in themselves). In this
regard it may be characterized as a “two-aspect” reading.”
“Zwei-Objekte”-These = ontologische These (Paul Guyer: Kant and the
Claims of Knowledge, Cambridge 1987, S. 335):
Der transzendentale Idealismus “includes two classes of objects, namely
things like tables and chairs and our representations of them. […] Kant is
led, not to sceptical doubt, but to the dogmatic assertion that things in
themselves are not spatial and temporal […] – space and time cannot really
be properties of the things to which we ultimately intend to refer.”
(vgl. auch Rae Langtons realistische Deutung des Dinges an sich in: Kantian Humility:
Our Ignorance of Things in Themselves, Oxford 1998).
30
Tafel der logischen Funktionen der Verstandes in Urteilen (KrV B 95)
1. Quantität der Urteile
Allgemeine: Alle S sind P.
Besondere: Einige S sind P.
Einzelne: Ein S ist P.
2. Qualität
3. Relation
Bejahende: S ist P.
Kategorische: S ist P.
Verneinende: S ist nicht P.
Hypothet.: Wenn ‚S ist P’, dann Q
Unendliche: S ist Nicht-P.
Disjunkt.: S ist entweder P oder Q
4. Modalität
Problematische: Es ist möglich, dass ‚S ist P’
Assertorische: Es ist der Fall, dass ‚S ist P’
Apodiktische: Es ist notwendig, dass ‚S ist P’
Literatur zur Urteilstafel:
- K. Reich: Die Vollständigkeit der Kantischen Urteilstafel, Hamburg
3
1986,
- M. Wolff: Die Vollständigkeit der kantischen Urteilstafel, Frankfurt a.
M. 1995
- R. Brandt: Die Urteilstafel. Kritik der reinen Vernunft A67-76, B92-101,
Hamburg 1991
- L. Krüger: ‚Wollte Kant die Vollständigkeit seiner Urteilstafel
beweisen?‘, in: Kant-Studien 59 (1968), S. 333-356
- Beiträge in: Zeitschrift für philosophische Forschung 52 (1998), S. 406459
31
Tafel der Kategorien (KrV B 106)
Literatur zur Kategorientafel:
- Béatrice Longuenesse: Kant and the capacity to judge, Princeton 1998
- Heinz Heimsoeth: Zur Herkunft und Entwicklung von Kants
Kategorientafel, in: Ders., Studien zur Philosophie Immanuel Kants II,
Bonn 1970, S. 109-132
- Gisela H. Lorenz: Das Problem der Erklärung der Kategorien. Eine
Untersuchung der formalen Strukturelemente der ‚Kritik der reinen
Vernunft‘ (Kantstudien Ergänzungsheft 118), Berlin/New York 1986
- M. Frede/L. Krüger: Über die Zuordnung der Quantitäten des Urteils und
der Kategorien der Größe bei Kant, in: Kant. Zur Deutung seiner Theorie
von Erkennen und Handeln, hrsg. von G. Prauss, Köln 1973, S. 130-150.
1.Der Quantität:
Einheit
Vielheit
Allheit
2. Qualität
3. Relation
Realität
Substanz
Negation
Kausalität
Limitation
Gemeinschaft
4. Der Modalität:
Möglichkeit — Unmöglichkeit
32
Dasein — Nichtsein
Nothwendigkeit — Zufälligkeit
33
Der Argumentationsgang gemäß den Prolegomena
Das Ausgangsproblem: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich?
Der Metaphysik geht es um reine Erkenntnisse, die sie in Urteilen a priori
formuliert. Dabei sind analytische Urteile von synthetischen Urteilen a
posteriori und a priori zu unterscheiden. Die Metaphysik enthält
synthetische Urteile a priori.
Gibt es aber überhaupt synthetische Urteile a priori?
Es gibt synthetische Urteile a priori in der Mathematik. Das rechtfertigende
Dritte in mathematischen Urteilen ist die reine Anschauung. Wie aber ist
reine Anschauung möglich?
Reine Anschauung ist möglich, weil Raum und Zeit reine Formen der
Sinnlichkeit sind. Das heißt die Gegenstände unserer Erfahrung sind
Erscheinungen und nicht Dinge an sich, denn sonst hätten wir keine
Anschauung a priori. Dies zeigt auch das Problem inkongruenter
Gegenstücke.
Raum und Zeit sind die Formen a priori unserer äußeren und inneren
Anschauung, unserer Sinnlichkeit. Also: Gegenstände einer uns möglichen
Erfahrung können nur Gegenstände in Raum und Zeit sein.
Gibt es auch reine Formen des Denkens?
34
Urteilsformen – Kategorien – Grundsätze des reinen Verstandes
Wenn wir denken, verwenden wir Begriffe,
indem wir sie in Urteilen miteinander verbinden
Die Verbindung von Begriffen in Urteilen wird durch logische Formen a
priori, den Urteilsfunktionen, geregelt. Auf sie stoßen wir durch die
logische Analyse („Zergliederung“) unserer Urteile.
Urteilen besteht aber nicht nur in der formalen Verknüpfung von Begriffen,
sondern darüber hinaus in der Synthesis von sinnlichen Anschauungen.
Auch die Verknüpfung von sinnlichen Anschauungen wird durch Formen a
priori, den Kategorien, geregelt. Verstandeskategorien sind nichts anderes
als Urteilsformen, die auf Anschauungen angewendet werden.
Kategorien sind folglich Formen a priori, denen gemäß wir Gegenstände
einer uns möglichen Anschauung denken. Ihre Tafel korrespondiert mit der
Tafel der Urteilsfunktionen.
Aus der Tafel der Kategorien wird die Tafel der Grundsätze a priori
entwickelt, in denen Wahrnehmungen unter reine Verstandeskategorien
subsumiert werden. Die Tafel der Grundsätze enthält die allgemeinsten
Naturgesetze. Da es sich hierbei um synthetische Urteile a priori handelt,
sind sie die notwendigen Bedingungen einer uns möglichen Erfahrung.
35
Anschauungsarten und Beweisschritte
in der transzendentalen Deduktion
Anschauung
sinnliche Anschauung
sinnliche Anschauung
überhaupt
nichtsinnliche, intellektuelle
Anschauung
unsere sinnliche Anschauung
in Raum und Zeit
Die zwei Beweisschritte der transzendentalen Deduktion (KrV, B)
1. Beweisschritt (§§15-21): Kategorien sind die notwendigen
synthetischen Einheitsbegriffe für Gegenstände der sinnlichen
Anschauung überhaupt.
2. Beweisschritt (§§22-27): Kategorien sind die notwendigen
synthetischen Einheitsbegriffe für Gegenstände unserer sinnlichen
Anschauung in Raum und Zeit. Das heißt, sie gelten nur von
Erscheinungen und haben keine objektive Gültigkeit für:
a) Objekte einer intellektuellen Anschauung, die ohnehin nicht
auf Anschauungssynthesis angewiesen ist;
b) Gegenstände einer sinnlichen Anschauung, deren Formen
nicht Raum und Zeit sind.
36
Literatur zur transzendentalen Deduktion der Kategorien:
Ameriks, K., 1978, Kant‘s Transcendental Deduction as a Regressive
Argument, in: Kant-Studien 69, S. 273-285.
Ameriks, K., 2000 b, Kant and the Fate of Autonomy: Problems in the
Appropriation of the Critical Philosophy, Cambridge: Cambridge UP
Ameriks, K., 22000 a, Kant’s Theory of Mind, Oxford: Oxford UP.
Baum, M.: Deduktion und Beweis in Kants Transzendentalphilosophie.
Untersuchungen zur Kritik der reinen Vernunft, Königstein/Ts. 1986.
Baumanns, Peter, Die transzendentale Deduktion der reinen
Verstandesbegriffe (B). Ein kritischer Forschungsbericht, Teil 1 und 2, in:
Kant-Studien 82 (1991), 329-348 und 436-455, Teil 3 und 4, in: KantStudien 83 (1992), 60-83 und 185-207.
Bennett, J.: Kant’s Analytic, London 1966.
Bieri, P. u.a. (Hg.): Transcendental Arguments and Science, Dordrecht
1979.
Blasche, S.: Selbstaffektion und Schematismus. Kants transzendentale
Deduktion als Lösung eines apriorischen Universalienproblems, in: Kants
transzendentale Deduktion und die Möglichkeit von
Transzendentalphilosophie, hg.v. Forum für Philosophie Bad Homburg,
Frankfurt a.M. 1988, S.91-113.
Carl, Wolfgang, Die Transzendentale Deduktion der Kategorien in der
ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft. Ein Kommentar,
Frankfurt/M.: Klostermann 1992.
Carl, Wolfgang, Der schweigende Kant. Die Entwürfe zu einer Deduktion
der Kategorien vor 1781, Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1989
37
Cramer, K.: Über Kants Satz: Das: Ich denke, muß alle meine
Vorstellungen begleiten können, in: Theorie der Subjektivität, hg.v. ders.
u.a., Frankfurt a.M. 1987, S.167-202.
Dryer, D.P.: Kant’s Solution for Verification in Metaphysics, Toronto
1966.
Düsing, K.: Constitution and Structure of Self-Identity: Kant’s Theory of
Apperception and Hegel’s Criticism, in: Midwest Studies in Philosophy 8
(1983), S.409-431.
Grundmann, Th.: Analytische Transzendentalphilosophie, Paderborn 1994.
Guyer, P.: Kant and the Claims of Knowledge, Cambridge 1988.
Hanna, R., 2001, Kant and the Foundations of Analytic Philosophy,
Oxford: Clarendon Press.
Henrich, Dieter, The Proof-Structure of Kant’s Transcendental Deduction,
in: Review of Metaphysics 22 (1969), 640-659.
Henrich, D.: Identität und Objektivität. Eine Untersuchung über Kants
transzendentale Deduktion, Heidelberg 1976.
Henrich, D.: Die Identität des Subjekts in der transzendentalen Deduktion,
in: Kant. Analysen - Probleme - Kritik, hg.v. H. Oberer und G. Seel,
Würzburg 1988, S.39-70.
Rorty, R., 1970, Strawson’s Objectivity Argument, in: The Review of
Metaphysics 24, S. 207-244
Schaper, E., Vossenkuhl, W. (Hg.): Bedingung der Möglichkeit.
‘Transcendental Arguments’ und transzendentales Denken, Stuttgart 1984.
Schaper, E., Vossenkuhl, W. (Hg.): Reading Kant. New Perspectives on
Transcendental Arguments and Critical Philosophy, Oxford/New York
1989.
Stern, R. (Hrsg.), 1999, Transcendental Arguments. Problems and
Prospects, Oxford: Clarendon
38
Strawson, P.F.: The Bounds of Sense, London 1966.
Stroud, B., 2000, Transcendental Arguments, in: B. Stroud (Hrsg.),
Understanding Human Knowledge, Oxford: Oxford UP, S. 9-25
Sturma, D., 1985, Selbstbewußtsein bei Kant, Hildesheim: Olms.
Tuschling, Burkhard (Hg.), Probleme der „Kritik der reinen Vernunft“,
Berlin, New York: de Gruyter 1984
Van Cleve, J., 1999, Problems from Kant, New York/Oxford: Oxford UP.
39
Schematismus der reinen Verstandesbegriffe (KrV B 176ff.)
1.Der Quantität:
„Zahl“ als das „reine Schema der Größe“
(„Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen
einer gleichartigen Anschauung überhaupt“)
2. Qualität
3. Relation
Realität: Sein in der Zeit
Substanz: Beharrlichkeit des
Negation: Nichtsein in der Zeit
Realen in der Zeit
Limitation: -
Kausalität: Sukzession des
Mannigfaltigen nach einer Regel
Gemeinschaft: Zugleichsein von
etwas nach einer Regel.
4. Der Modalität:
Möglichkeit: Bestimmung der Vorstellung eines Dinges zu irgendeiner Zeit
Wirklichkeit: Dasein in einer bestimmten Zeit
Notwendigkeit: Dasein eines Gegenstandes zu jeder Zeit
40
„System der Grundsätze“ (KrV B 187ff.)
1.Der Quantität:
Axiome der Anschauung:
„Alle Anschauungen sind extensive Größen.“
2. Qualität
3. Relation
Antizipationen d. Wahrnehmung:
Analogien der Erfahrung:
„In allen Erscheinungen hat das
„Erfahrung ist nur durch die
Reale ... intensive Größe, d. i.
Vorstellung einer notwendigen
einen Grad“
Verknüpfung der Erfahrung
möglich“
41
4. Der Modalität:
Postulate des empirischen Denkens überhaupt:
„1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung und den
Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.
2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung)
zusammenhängt, ist wirklich.
3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen
der Erfahrung bestimmt ist, ist (existirt) nothwendig.“
42
Die „Widerlegung des Idealismus“ (KrV B 274ff.)
(A) „Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewußt.”
(B) „Alle Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der
Wahrnehmung voraus.” (KrV B 275).
(C) Also setzt das Bewußtsein meines in der Zeit bestimmten Daseins
etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus.
(D) „Nun ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem Bewußtsein der
Möglichkeit dieser Zeitbestimmung notwendig verbunden”.
(E) „Also ist es auch mit der Existenz der Dinge außer mir, als
Bedingung der Zeitbestimmung, notwendig verbunden” (KrV B 276).
Literatur:
- Allison, Henry E., Kant’s Transcendental idealism, An Interpretation and
Defense, New Haven, London 22004.
- Guyer, Paul, Kant and the Claims of Knowledge, Cambridge 1987.
- Heidemann, Dietmar H., Kant und das Problem des metaphysischen
Idealismus, (Kantstudien Ergänzungsheft 131), Berlin, New York 1998.
- Klotz, Christian: Kants Widerlegung des Problematischen Idealismus,
Göttingen 1993.
- Müller-Lauter, Wolfgang: Kants Widerlegung des Materialen Idealismus, in:
Archiv für Geschichte der Philosophie 46 (1964), 60-82.
43
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