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Artgerecht: Gruppenhaltung mit Auslauf
So wollen Pferde leben
Geschaffen aus einer Handvoll Wind, sagen die Araber von ihren Pferden und
drücken damit ihre Bewunderung für ein Lebewesen aus, das von der Natur so
reichlich ausgestattet wurde. Schönheit, Eleganz, Schnelligkeit, Temperament,
Feurigkeit, Mut, Kraft und Stärke wurden in allen Kulturen an Pferden
geschätzt – und für die eigenen Bedürfnisse genutzt.
Dennoch konnte die Inanspruchnahme ihrer vielseitigen Fähigkeiten zu keiner
Zeit verhindern, dass Pferden Leid zugefügt wurde. Und wenn auch die Ära
vorbei ist, in der Pferde zu Hundertausenden in Kriegen verschlissen wurden
oder als Grubenpferde ein unvorstellbares Dasein in ewiger Dunkelheit fristeten,
tut sich heute mit der Nutzung des Pferdes als „modernem Freizeitpartner“ ein
gänzlich neuer Problemkreis auf: Abgesehen von der Überforderung durch
Ausbildung, Sport und Zuchtwesen ist die nicht artgerechte Haltung vieler
Privatpferde heute ein großes Tierschutzproblem.
Pferde sind Herden- und Lauftiere – und jede Haltung, die sich über die natürlichen
Bedürfnisse nach ausreichender Bewegung und den für das Wohlbefinden
notwendigen Kontakten zu Artgenossen hinwegsetzt, muss die Pferde an Körper und
Seele krank machen.
Artgerecht kann nur eine Gruppen- und Auslaufhaltung sein, weil das die einzige
Haltungsform ist, in der die Tiere ihr ursprüngliches Sozialverhalten ausleben können.
Statt dessen
- stehen Pferde den Großteil des Tages in ihrer engen Box ohne Sichtmöglichkeit
nach Draußen
- leiden die Herdentiere unter dem fehlenden Kontakt zu Artgenossen
- fehlt den Lauftieren der dringend notwendige Auslauf und Weidegang
- werden die Tiere zu selten bewegt und beschäftigt
- wird die hochempfindliche Lunge durch das feuchtwarme Stallklima belastet
- ist der Verdauungsapparat der Pferde weder auf Futterzusammensetzung noch
auf Art der Fütterung eingestellt
- werden Huf- und Gesundheitspflege oft nachlässig betrieben.
Pferdehaltung nach Kriterien der Bequemlichkeit
In Deutschland leben ca. eine Million Pferde. Die Zahlen sind von der Deutschen
Reiterlichen Vereinigung in Warendorf geschätzt, weil es keine gesicherten Statistiken
zum tatsächlichen Pferdebestand gibt. Die meisten Pferde, das haben Umfragen unter
Reitern ergeben, werden in der (durchschnittlich 6-9 Quadratmeter großen) Box
gehalten, haben keinen regelmäßigen Weidegang und können aus Zeitmangel nicht
täglich bewegt werden.
Gruppenhaltung mit Auslauf wird am ehesten bei Ponys und Kleinpferden praktiziert,
in den seltensten Fällen bei Großpferden. Dabei sind sich Fachleute einig, dass jedes
Pferd – und das gilt besonders für jung angerittene und schon früh geforderte Tiere –
zwangsläufig mit stressbedingten Leistungstiefs reagiert, wenn ihnen körperliche und
seelische Erholung durch den Auslauf im Herdenverband vorenthalten wird.
Aber die meisten Hobbyreiter sind berufstätig und können nur wenig Zeit für ihr Tier
erübrigen. Sie leben in oder in der Nähe von größeren Städten, und jede Pferdehaltung
muss sich diesen Gegebenheiten unterordnen. Das heißt: Die gewählte Reitanlage
muss stadtnah und schnell erreichbar sein, den Mindestansprüchen des Besitzers
(Halle, Außenreitplatz mit Flutlicht, Longierzirkel, Reiterstübchen etc.) genügen und
ihm ein sauberes Pferd im warmen Stall präsentieren.
Diesen „Komfort“ bezahlen Pferde teuer: Im Schnitt stehen sie ca. 21 Stunden am Tag
einsam in ihrer dreiseitig geschlossenen Box. Sie weben, knabbern am Holz und
starren in so kurzem räumlichem Abstand an die Wände, dass Kursichtigkeit auch
unter Pferden keine Seltenheit mehr ist. Ein- bis zwei Stunden werden die Lauftiere,
die durch die lange Stehzeit oft verspannt sind, unter dem Sattel gearbeitet und bei
unbefriedigendem Ergebnis „herangenommen“, wie es unter Reitern gerne heißt.
Futter nicht auf Verträglichkeit abgestimmt
Das Freizeitpferd von heute soll in kurzer Zeit hohe Leistungen in schneller Gangart
(Dressur, Springen, Polo etc.) erzielen; dafür darf es nicht zu dick sein. Die
gewünschte „Spritzigkeit“ wird durch ballaststoffarmes, hochkonzentriertes Futter
erreicht. Zwei bis dreimal täglich bekommen die Tiere Futterkonzentrate vorgesetzt,
die ihrem Nährstoffbedarf allerdings nur ungenügend entsprechen.
Der Verdauungsapparat der Pferde ist evolutionsbedingt auf eine andere Art der
Nahrungsaufnahme eingestellt: Ihre Vorfahren legten bedächtig grasend viele
Kilometer am Tag zurück; auf diese langsame, ständige Bewegung ist der
Stoffwechsel heute noch angewiesen, um seine lebenswichtigen Funktionen aufrecht
zu erhalten. Doch der Stoffwechsel der von jeglichen Außenreizen abgeschirmten
Boxenpferde läuft nur auf Sparflamme und macht sie damit deutlich anfälliger für
Erkrankungen (Koliken, Infektionen, Stoffwechselstörungen und Lungenleiden etc.)
und Verletzungen (Bänder, Sehnen, Gelenke, Knochen, Muskulatur etc.).
Auch in psychischer Hinsicht sind diese, oft in ihrer Konzentration und
Leistungsbereitschaft stark herabgesetzten, Stallpferde ihren in Sozialverbänden
lebenden Artgenossen weit unterlegen. Verhaltensauffälligkeiten wie Aggressionen,
hochgradige Nervosität und Schreckhaftigkeit machen den Reitern ebenso häufig zu
schaffen wie die gefürchteten „Untugenden“ Schlagen, Beißen, Buckeln, Steigen,
Ausbrechen und Durchgehen.
Boxenpferde haben kein langes Leben
Laut Versicherungsbranche ist das „Abgangsalter“ der Pferde, die bei artgerechter
Haltung über 30 Jahre alt werden können, auf ca. 8 Jahre gesunken. Häufigste
Todesursachen sind chronische Lahmheit und Lungenschäden. Als Steppentier ist der
Pferde-Organismus an Sonne, Licht, Luft, klimatische Reize und große
Temperaturschwankungen (bis zu 40 Grad) angepasst. Das Stallklima mit seiner hohen
Luftfeuchtigkeit und Schadstoffdichte (Schimmelpilze, Ammoniak, Kohlendioxid,
Schwefelwasserstoff etc.) ist ihm hingegen völlig fremd; das warme Luftgemisch reizt
seine empfindlichen Atmungsorgane, begünstigt Heustaub- und Schimmelpilzallergien
und kann später bei entsprechender genetischer Veranlagung sogar zu
Lungenemphysemen oder Dämpfigkeit führen.
Ein Pferd mit Lungenleiden ist für Reiter mit sportlichen Ambitionen in der Regel
„wertlos“ und wird durch die hohen Behandlungskosten nur noch als finanzielle
Belastung empfunden. Oft werden solche chronisch kranken Tiere an Händler verkauft
und landen früher oder später auf einem Pferdemarkt oder Schlachttiertransport. Dabei
können selbst Pferde mit auffällig pumpender Atmung wieder genesen, wenn sie aus
dem für sie schädlichen Stallklima herausgeholt und ihnen Bewegungsfreiheit,
ständige Frischluft und einwandfreies Futter in einer Auslaufhaltung angeboten
werden.
Doch es reicht nicht aus ein Pferd einfach auf die Weide zu stellen und sich selbst zu
überlassen. Bringen aufmerksame Beobachter Vernachlässigungen von solchen falsch
verstandenen „Robusthaltungen“ zur Anzeige (s. Kasten 1), bietet sich den Helfern oft
ein erschreckendes Bild: Da stehen Pferde ohne Witterungsschutz auf kargen Weiden,
das Trinkwasser trübe, bis auf die Rippen abgemagert, geschwächt, verwurmt und
voller Bisswunden.
Artgerechte Haltung im „Offenstall“
Die Gruppenhaltung im so genannten Offenstall muss vom kenntnisreichen
Pferdebesitzer gesteuert werden. Bewährt hat sich laut Fachleuten die Dreiteilung des
Lebensraums in Laufstall, Auslauf und Weide. Alle Bereiche sollten miteinander
verbunden und von allen Pferden frei begehbar sein. Bei ungenügender Witterung
werden nicht trittfeste Böden gesperrt bzw. der Auslauf vor dem Offenstall befestigt
(Drainage). Der Laufstall muss die Tiere ein- und aussperren können und die
Möglichkeit zur schnellen Unterteilung (Krankenbucht) bieten.
In jedem Pferdeverband herrscht eine Rangordnung, die den Unterlegenen das
Ausweichen vor dem Leittier vorschreibt. Diese entstehenden Bewegungsmuster
können auf größeren Flächen befolgt werden; schwieriger jedoch, wenn die
zurückweichenden Pferde an Zäune und Stallwände stoßen und „ihrem Chef“ damit
nicht aus den Augen gehen können. Pferdebesitzer müssen diesem Sozialverhalten
durch bauliche Maßnahmen Rechnung tragen. Die gesamte Anlage sollte daher so
durchdacht sein, dass sie rangniedrigeren Pferden Fluchtmöglichkeiten und
ausreichend Deckungsschutz (Trennwände, Zäune, Hecke, halbhohe Raumteiler etc.)
bietet.
Am besten funktioniert eine Auslaufhaltung, wenn jedes Pferd seinen speziellen
Freund hat und die Zusammensetzung der Gruppe annähernd homogen ist (ähnliche
Lauf-, Spiel- und Futteransprüche). Zu große Herden widersprechen den kleineren,
überschaubaren Familienverbänden und rufen oft Unruhe hervor. In der Regel braucht
es Zeit, bis Neuzugänge von der Gruppe angenommen werden. Besonders sensibel
muss dabei die Integration von tierschutzwidrig gehaltenen und behandelten Pferden
angegangen werden.
Keine effektiven Gesetze zum Schutz von Pferden
Leider gibt es keine rechtlich verbindlichen Verordnungen über die Haltung und den
Umgang von Pferden, die vor Gericht eingeklagt werden könnten. Es existieren
gutgemeinte, aber eben unverbindlich bleibende Regelwerke wie u.a. die „Leitlinien
zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“, die im Auftrag
der Bundesregierung von einer Sachverständigengruppe erarbeitet wurden. Gutwillige
Pferdehalter finden in diesen Leitlinien jedoch alles Wichtige zur art- und
tierschutzgerechten Pferdehaltung. Sie können dieses Regelwerk gerne in der bmtHauptgeschäftsstelle in München (Adresse S. 34) anfordern.
Der bmt wird sich mit Ihrer Hilfe weiter dafür einsetzen, dass rechtliche verbindliche
Verordnungen im Umgang mit Pferden erlassen werden.
Was Reiter und Pferdebesitzer tun können
- Machen Sie Missstände in Pferdehaltungen öffentlich
- Sorgen Sie als zahlendes Mitglied dafür, dass Reitvereine artgerechte
Haltungen für Pferde mit Auslauf und Weidegang anbieten
- Regen Sie in unter Reiterkollegen und bei der FN in Warendorf an, einen Fond
für in Not geratene Pferde auf Gnadenbrotplätzen einzurichten
- Zollen Sie Ihrem Pferd den Respekt, den es verdient und ermöglichen ihm bis
ins hohe Alter ein artgerechtes Leben.
Wer sich mit dem Gedanken trägt, ein Pferd anzuschaffen, sollte:
- über ausreichend Fachkenntnis verfügen, um sein Tier artgerecht zu halten und
zu behandeln
- sich bewusst machen, dass eine Pferdehaltung mit hohen jährlichen Fixkosten
und unkalkulierbaren Zusatzausgaben verbunden ist (s. Kasten 2)
- sich kritisch fragen, ob er die Versorgung des Tieres tatsächlich bis ins hohe
Alter sicherstellen kann
- sich überlegen, ob eine Reitbeteiligung nicht eine bessere und vor allem
pferdegerechtere Lösung wäre.
Der bmt gibt inzwischen 129 Pferden das Gnadenbrot. Doch Gnadenbrothöfe für alte
Pferde, die von Tierschutzorganisationen und Privatinitiativen mit hohem finanziellem
Aufwand bestritten werden, können keine Lösung sein! Jeder Pferdebesitzer hat die
moralische Pflicht und ethische Verantwortung, seinen Kameraden bis ins hohe Alter
liebevoll zu versorgen.
Text und Fotos: Claudia Lotz
Kasten
Hauptproblem
Fehlendes Wissen
Grund für viele Missstände in der Pferdehaltung ist das weit verbreitete, mangelnde
Fachwissen der Reiter aller Sparten (Freizeit-, Western-, klassische Reiterei etc.). War
es früher noch üblich, die angehenden Reiter auch theoretisch im Umgang mit dem
Pferd zu unterweisen, wird der Wissensvermittlung, die letztlich die Basis für das
Verständnis des Pferdes darstellt, heute kaum noch Platz eingeräumt. Die meisten
Kinder und Jugendlichen können ein Pferd striegeln und aufzäumen, doch welche
Bedürfnisse das Tier tatsächlich hat, welche Ansprüche es an eine artgerechte Haltung
stellt, ist gerade Städtern, die in einem reinen Nutzungsverhältnis zum Lebewesen
aufgewachsen sind, völlig fremd. Hier sind die Betreiber von Reitställen, aber auch die
Eltern der kleinen Schüler gefordert, sich für sensiblen Reitunterricht und seine
notwendige theoretische Ergänzung stark zu machen.
Kasten oder Spalte (1)
So zeigen Sie einen Missstand an!
Beobachten Sie schon über einen gewissen Zeitraum, dass die Pferde auf völlig
abgegraster Weide weder frisches Wasser noch Zufutter erhalten, dass sie ohne
Schutzhütte Sonne und Insekten ausgesetzt sind, dann benachrichtigen Sie bitte
umgehend das Veterinäramt.
So wird´s gemacht:
1. Kontakt zum zuständigen Veterinäramt aufnehmen und mündlich den genauen
Sachverhalt (wenn möglich Name und Anschrift des Tierhalters) angeben. Dazu
gehören neben Ihrem Namen:
- Zustand der Tiere (Tier x hat Wunden, abgemagert, lahmt etc.)
- Haltungsbedingungen (fehlender Unterstand, trübes Trinkwasser, faules Heu
etc.)
- Ihre Beobachtung (genaue Zeit- und Datumsangaben: Z.B. Halter hat Tiere vor
2 Wochen auf Weide gebracht und ist seitdem nicht mehr aufgetaucht. Habe
täglich kontrolliert, fotografiert etc.)
- Standort der Tiere (genaue Ortsangabe)
- Mein Eindruck: Tiere werden täglich schwächer, dringend Eingreifen
erforderlich)
2. Der mündlichen Meldung folgt die schriftliche an den Amtstierarzt bzw. das
Ordnungsamt. Geben Sie dabei noch einmal detailliert den Sachverhalt an.
Kasten
Kosten für Pferdehaltung
7 Milliarden Euro werden im Durchschnitt in Deutschland jährlich für Pferde mit
steigender Tendenz ausgegeben, hat die FN ermittelt. Dabei sind die Kosten für den
Unterhalt eines Pferdes regional schwankend. Ländliche Ställe sind weitaus günstiger
als stadtnahe. Allein die monatlichen Boxenkosten (inkl. Futter) können zwischen 100
Euro und weit über 1000 Euro liegen.
Standardkosten (ohne Gewähr)
Beschlag: alle 6-10 Wochen (ca. 80 - 100 Euro)
Hufpflege ohne Eisen: alle 6-8 Wochen (ca. 80 Euro)
Impfungen: 2 x jährlich (ca. 60-130 Euro)
Wurmkuren: 2 bis 4 x jährlich (ca. 40-80 Euro)
Jährliche Versicherung: ab 80 Euro
Zusatzkosten
Trainerstunde von 30-50 Euro aufwärts
Hallennutzungsgebühr
Mitgliedschaft im Reitverein
Zufütterung (bei Krankheit, Unverträglichkeit etc.)
Tierarztkosten bei Verletzung und Krankheit
Pferdehänger und Auto mit entsprechender Vorrichtung
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