Integration in der Praxis Heft 31 September 2011 Lehrer/innen im Fokus Gemeinsamer Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder und Jugendlicher Impressum Medieninhaber und Herausgeber: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Abt. I/5c, MRin Mag.a Christine Seifner Arbeits-/Redaktionsgruppe: Mag. Peter Debenjak, Mag.a Petra Gaggl, HOLin Regina Gössinger, BSIin Mag.a Ingrid Handle, Maga Dr.in Andrea Holzinger, SOLin Eva Kainz, HOLin Brigitte Mörwald, SDin Christa Nothdurfter, SOLin Anneliese Pitzer Koordination: Mag. Peter Debenjak Layout: SOL Wolfgang Sieberer Erscheinungstermin: September 2011 Die Hefte dieser Publikationsreihe stehen als Download auf www.cisonline.at zur Verfügung. Die von 1993 bis 2008 in dieser Reihe erschienen Hefte können nach Verfügbarkeit und gegen Bezahlung einer Manipulationsgebühr und der Portokosten als Printversion bestellt werden: Broschürenversand Amedia, Sturzgasse 1 a, 1141 Wien, Tel. 01/982 13 22 - 360 Fax: 01/982 13 22 – 311 E-Mail: [email protected] 2 Inhaltsverzeichnis Arbeitsfeld und Qualifikation .............................................................................................. 5 „Differenz und Inklusion“ als Thema der hochschulischen Lehrer/innenbildung – am Beispiel der Ausbildungscurricula der Pädagogischen Hochschulen in Österreich ... 11 Durch welche Inhalte und Lehrveranstaltungen ist es in den Curricula sichergestellt, dass Volksschullehrer/innen, Hauptschullehrer/innen und Sonderschullehrer/innen auf das spätere integrative Berufsfeld im Rahmen ihrer Ausbildung vorbereitet werden? ........................................................... 17 Schulpsychologische Unterstützung von Lehrer/innen „Im Umgang mit beruflichen Belastungen gesund bleiben“.............................................. 19 zeit.raum Beratungszentrum für Lehrer/innen, Leiter/innen aller Schultypen und Studierende der Pädagogischen Hochschule Salzburg ............................................ 24 Reflexion – ein Qualitätskriterium des Lehrberufs ........................................................... 29 Psychohygiene von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Sonderpädagogischen Zentrum Oberwart; ein Praxisbeispiel ................................... 33 „Gemeinsam in Balance bleiben“ Wirksam und gesund bleiben im Spannungsfeld Schule .................................................. 36 Lehrer/innenhilfen ............................................................................................................. 43 Klimaschutz für Kinder und Jugendliche Grundlagen für einen respektvollen Umgang miteinander und für die Entwicklung einer positiven Verhaltenskultur .................................................. 45 Mehr Gesundheit in die Schule Ressourcen mobilisieren – Krankmacher bearbeiten ....................................................... 56 3 4 Andrea Holzinger Arbeitsfeld und Qualifikation Dieser Beitrag ist bereits erschienen im Buch von Andrea Holzinger & David Wohlhart (2009): Schulische Integration. Studienverlag. In allen Ländern stellen die gesellschaftlichen Veränderungen und bildungspolitischen Reformen neue Anforderungen an Lehrer/innen, auf die Universitäten und Hochschulen mit entsprechenden Konzepten in der Lehrer/innenbildung reagieren müssen. Lehrer/innenbildung bezieht sich in diesem Sinne auf die Aus-, Fort- und Weiterbildung und umfasst somit alle Bildungsangebote und Bildungsmaßnahmen für ein ganzes Lehrer/innenleben. Besonders die zunehmende individuelle, soziale und kulturelle Heterogenität der Schüler/innen wird zur großen Herausforderung für Lehrer/innen aller Schularten. Sie verlangt den Erwerb und die Weiterentwicklung von Kompetenzen für vielfältige Bereiche und die komplexen Anforderungen, die der Lehrberuf an die Lehrperson stellt. Die schulische Integration erfordert darüber hinaus von allen Pädagoginnen und Pädagogen die intensive Auseinandersetzung mit den besonderen Bedürfnissen und Lebensentwürfen von Menschen mit Behinderung und mit integrativer Schul- und Unterrichtsentwicklung. Es muss ein neues Verständnis von Behinderung und Lernen entwickelt werden sowie die Lehr/Lernorganisation verändert werden. Somit wird der integrative Unterricht zum Anliegen für die gesamte Profession und führt zur Erweiterung aller Berufsfelder. Seit Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat sich in der Lehrer/innenbildung der kompetenzorientierte Ansatz etabliert, der beim einzelnen Individuum ansetzt und danach fragt, welche Kompetenzen eine Lehrperson braucht, um den Anforderungen des sich stetig wandelnden gesellschaftlichen und schulischen Umfelds gerecht werden zu. Im Zuge dieser Entwicklung entstehen unterschiedliche Kompetenzmodelle für die Lehrer/innenbildung und es wird der Versuch unternommen, die Kompetenzen in Kategorien zusammenzufassen und daraus Standards (z. B. Oser 2002) abzuleiten. Das sich daraus ergebende Handlungsfeld ist sehr facettenreich und lässt inhaltlich noch keinen einheitlichen Trend erkennen. Die Errichtung der Pädagogischen Hochschulen mit dem Studienjahr 2007/08 und die Entwicklung von Curricula in der Ausbildung, die dem Qualifikationsrahmen der BolognaArchitektur entsprechen, u. a. Lehramtsstudien als Bachelor-Studiengänge, haben in den letzten Jahren auch in Österreich zu einer sehr intensiven Auseinandersetzung mit Kompetenzen und Standards geführt. Eine vom Bildungsministerium eingerichtete Arbeitsgruppe erarbeitete einen Vorschlag für die Entwicklung von Professionalität im internationalen Kontext (EPIK), in deren Mittelpunkt fünf Domänen von Professionalität 5 stehen, die das Handeln aller Lehrer/innen bestimmen und nach Strukturen verlangen, in denen diese Kompetenzfelder entstehen und sich entwickeln können. (Schratz et al, 2007) Dieser mehrperspektivische Ansatz impliziert, dass keine Domäne für sich allein steht und dass jede Domäne sowohl auf persönliche Weiterentwicklung als auch auf Strukturveränderung ausgerichtet ist. So bilden z. B. die Domänen Reflexions-, Diskursfähigkeit und Professionsbewusstsein die notwendige Basis für die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich auf Kooperation einzulassen und Kollegialität produktiv zu gestalten. Umgekehrt ist aber Kollegialität wiederum Voraussetzung für Reflexion, für Fachdiskurse und für das Entstehen von Professionsbewusstsein. (Schratz et al, 2007) Die fünf Domänen der Lehrer/innenprofessionalität können als sehr guter Ansatz für die Entwicklung von Aus-, Fort- und Weiterbildungskonzepten für Lehrer/innen, die in integrativen Settings arbeiten, gesehen werden. Im Mittelpunkt aller Kompetenzfelder steht das Wissen um die Heterogenität von Lernvoraussetzungen, sozioökonomischer Herkunft, Kultur und Sprache und die Beachtung dieser Disparitäten bei der Planung und Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen. Dazu gehören die vielfältigen Formen der Individualisierung von Unterricht ebenso wie die Entwicklung einer Haltung, Heterogenität als Chance und als wertvolle Ressource wahrzunehmen. Die permanente Reflexion des eigenen Handelns und der eigenen Haltung spielen für die Weiterentwicklung dieser Kompetenz eine wesentliche Rolle. Die Persönlichkeit der Lehrperson ist gefragt. Werner Specht et al (2007, S. 79) hat im Rahmen des Projektes „Qualität in der Sonderpädagogik“ mit einer Projektgruppe eine „Kompetenz zur Integration“ erarbeitet, die sich an alle Lehrer/innen richtet und insbesondere folgende Punkte umfasst: 6 Eine generelle Bereitschaft zur integrativen Arbeit und zur Auseinandersetzung mit Heterogenität; die Bereitschaft zur (schulartenübergreifenden) Teamarbeit im Sinne einer gemeinsamen Planung, Durchführung, Evaluierung und Reflexion des Unterrichts; die Fähigkeit, Unterricht abwechslungsreich sowie situations- und adressatengerecht zu gestalten und Maßnahmen der Differenzierung und Individualisierung zu setzen; Kompetenzen in den Bereichen Beobachtung, Lernstandsdiagnostik, Förderpädagogik; Mitarbeit und Mitverantwortung bei der Erstellung von individuellen Förderplänen; Bereitschaft zur Kooperation mit schulischen und außerschulischen Beratungs- und Unterstützereinrichtungen sowie zur Vernetzung aller Personen, die mit den Schüler/innen zu tun haben; die Planung und Durchführung von Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung für den gemeinsamen Unterricht aller Schüler/innen sowie die Bereitschaft zur Supervision der gemeinsamen Tätigkeit und zur Fort- und Weiterbildung.“ In diesem Zusammenhang werden die Auseinandersetzung mit dem Paradigmenwechsel im Umgang mit Menschen mit Behinderung und die Reflexion der eigenen Denkmodelle und Haltungen zum Thema Behinderung als besonders wichtig bzw. als entscheidend betrachtet, um ein inklusives Welt- und Menschenbild überhaupt entwickeln zu können. Darüber hinaus bedarf es auch eines umfassenden und aktualitätsbezogenen Hintergrundwissens und einiger praxisorientierter Grundkenntnisse zu den verschiedenen Formen von Behinderungen und besonderen Bedürfnissen. Dies gilt insbesondere deswegen für alle Lehrpersonen, da z. B. in Klassen mit dem Stützlehrer/innenprinzip Sonderpädagoginnen/Sonderpädagogen mitunter nur in einigen wenigen Stunden eingesetzt sind und am gemeinsamen Lehren und Lernen mitwirken können. Die verbleibenden Stunden obliegen der Kompetenz und der Verantwortung der anderen Lehrpersonen. Weiters sieht z.B. in der Sekundarstufe das österreichische Schulpflichtgesetzt nach §8 Abs.3a vor, dass Kinder und Jugendliche mit Sinnes- und Körperbehinderungen keinen Sonderpädagogischen Förderbedarf erhalten, wenn sie nach dem Lehrplan der Regelschule, in diesem Falle nach dem Lehrplan der Sekundarstufe ohne Lehrplanabweichung, unterrichtet werden. Die Förderung liegt auch in diesem Beispielfall in der Hand der Klassenlehrer/innen bzw. der Hand der Fachlehrer/innen, die auf behinderungsspezifische Grundkenntnisse zurückgreifen können müssen, denn nur so können sie den Unterricht qualitätsvoll mit entsprechenden fachdidaktischen Überlegungen gestalten und eine optimale Lernumgebung herstellen. Die mit der Gründung der Pädagogischen Hochschulen in Österreich an den verschiedenen Hochschulstandorten entwickelten Curricula für Bachelorstudien an Volksschulen und Hauptschulen berücksichtigen o.a. Inhalte in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlichen Organisationsformen. Während einige Standorte diese Inhalte nur als Bestandteil der Orientierungsphase ansehen, haben andere Standorte diese Inhalte ausführlich und über das gesamte Studium hinweg in mehreren Modulen verankert. So hat z.B. die Pädagogische Hochschule Steiermark für die Pflichtmodule aller Studiengänge ein T-Modell entwickelt. 7 1.Studienabschnitt 1 2.Studienabschnitt 2 3 Heterogenität in Schule und Gesellschaft Modellierung, Analyse und Evaluation von Lehr – und Lernprozessen 4 5 6 Studieneingangsphase Fachdidaktik 1 Grundlagen der Humanwissenschaft Spezielle Pädagogische Erziehungs- und Diagnostik, Individueller Bildungsbedürfnisse Intervention Schwerpunkt Kooperation und und Beratung Teamarbeit Fachdidaktik 2 Schulpraxis Die schulische Integration hat auch zu einem starken Wandel des Berufsfeldes der Sonderpädagogin bzw. des Sonderpädagogen geführt. Abhängig vom bildungspolitischen Trend des jeweiligen Landes unterrichten Sonderpädagoginnen/Sonderpädagogen als Klassen- oder Spartenlehrer/innen in Sonderschulen oder als Integrations- oder Stützlehrer/innen in Volksschulen bzw. in Schulformen der Sekundarstufe I. Im Falle von Körper- und Sinnesbehinderung unterrichten Sonderpädagoginnen/Sonderpädagogen im Bedarfsfall auch an anderen Schultypen über die Pflichtschule hinaus. Das führt dazu, dass die Berufsbezeichnung „Sonderschullehrer/in“ hinterfragt wird und Vorschläge für neue Bezeichnungen entstehen. In der Schweiz wird mittlerweile von „Lehrpersonen für integrative Förderung“ oder von „Schulischen Heilpädagoginnen/ Heilpädagogen“ gesprochen, in Deutschland setzt sich zusehends der Begriff „Förderlehrer/in“ durch. In Österreich spricht das Hochschulgesetz aber nach wie vor von einem „Studiengang für Sonderschulen“, was zu einer Beibehaltung der Bezeichnung Sonderschullehrer/in führt. Zudem ist diese Bezeichnung nach wie vor im Schulorganisationsgesetz (SCHOG) verankert. Im Rahmen des Projektes „Qualität in der Sonderpädagogik“ wurden folgende spezifische Aufgabenbereiche für Sonderpädagoginnen/Sonderpädagogen erarbeitet (Specht et al, 2007): Durchführung von Förderdiagnosen, Erstellen individueller Förderpläne, Umsetzung der förderpädagogischen Maßnahmen im Sinne individueller Lernprozessbegleitung Umsetzung einer fachspezifischen Didaktik und Methodik für den Bereich Lernbehinderung und andere behinderungsspezifische Bereiche Organisation und Einsatz therapeutischer Hilfsmittel Differenzierte und den Bedürfnissen gerecht werdende Berufsorientierung und -vorbereitung 8 Vernetzung, Beratung, Koordination und Integration von Fördermaßnahmen und Interventionen im jeweiligen Team Feyerer et al (2006, S.19) nennt darüber hinaus im Positionspapier zum Berufsfeld Sonder- und Integrationspädagogik u.a. Inhalte wie wissenschaftstheoretische Grundlagen über Lern- und Verhaltensauffälligkeiten fachwissenschaftliche und fachdidaktische Inhalte für alle Unterrichtsgegenstände der Sekundarstufe I Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Rahmen der Förderung und zum Abbau bestehender Barrieren Diese Aufzählung lässt unschwer erkennen, wie vielseitig und komplex das Berufsfeld der Sonderpädagogin/des Sonderpädagogen geworden ist und es stellt sich die Frage, ob die Vorbereitung darauf in einem grundständigen Bachelorstudium im Ausmaß von sechs Semestern überhaupt zu leisten ist. Um den vielfältigen Anforderungen der möglichen Berufsfelder gerecht werden zu können, bedarf es einer Vielzahl an Kompetenzen, eines hohen Maßes an Flexibilität und der Bereitschaft zur kontinuierlichen persönlichen und inhaltlichen Weiterentwicklung. Abhängig von den Behinderungen der Kinder mit Sonderpädagogischem Förderbedarf muss sich die Sonderpädagogin/der Sonderpädagoge innerhalb kürzester Zeit zusätzliche Kompetenzen aneignen können und wollen, wenn es die Situation in der Klasse erfordert. Auch wenn spartenspezifische Lehrer/innen (z. B. Sprachheilpädagoginnen/-pädagogen, Hörgeschädigtenpädagoginnen/-pädagogen, Sehbehinderten- und Blindenpädagoginnen/pädagogen u.a.) als Lehrer/innen im mobilen Einsatz stundenweise am jeweiligen Schulstandort und für die jeweilige Klasse zur Verfügung stehen, ändert dies nichts an der Tatsache, dass der bzw. die Sonderschullehrer/in spezifische Kompetenzen entwickeln muss. Viele europäische Länder reagieren auf die Vielseitigkeit und Komplexität des sonderpädagogischen Berufsfeldes, indem sie kein grundständiges Studium dafür vorsehen, sondern die Spezialisierung in Form von Aufbaustudien nach dem absolvierten Grundstudium anbieten. Während z.B. in Finnland, Belgien, Frankreich oder Italien ein Aufbaustudium direkt nach der Ausbildung begonnen werden kann, müssen in anderen Ländern, wie z.B. England, Irland oder Griechenland, die Lehrer/innen ein bis vier Jahre allgemeine Berufserfahrung als Zulassungsvoraussetzung vorweisen. Die Dauer der Aufbaustudien variiert sehr und hängt davon ab, ob es sich um Zusatzausbildung für eine bestimmte Behinderungsart oder um ein breit angelegtes Fachstudium mit einem eigenen Studienabschluss handelt. In einigen Ländern wie z.B. Frankreich, Deutschland, Griechenland oder den Niederlanden bekommen Lehrer/innen, die sich durch das Zusatzstudium spezialisiert haben, auch ein höheres Gehalt. 9 Abschließend ist festzustellen, dass die meisten Länder sonderpädagogische Inhalte als integralen Bestandteil der Grundausbildung vorsehen. Umfang und Organisation der obligatorischen sonderpädagogischen Ausbildungen sind aber sehr unterschiedlich und spiegeln die Unterschiede in der Integrationspolitik des jeweiligen Landes wider. (EURYDICE 2003) Literatur: EURYDICE (2003). Sonderpädagogische Förderung in Europa. Brüssel: Europäische Agentur Feyerer E., Niedermair C., Tuschel S. (2006). Berufsfeld Sonder- und Integrationspädagogik. Positionspapier zur Aus- und Weiterbildung an den zukünftigen Pädagogischen Hochschulen. Wien: bmukk Kostal M. (2006). Hochschulgesetz 2005. Kurzkommentar. Graz: Neuer Wissenschaftlicher Verlag Oser, F. (2002) Standards in der Lehrerbildung. Entwurf einer Theorie kompetenzbezogener Professionaliserung. In: Journal für Lehrer/innenbildung, 2, S. 8-19, Innsbruck: Studienverlag Schratz M., Schrittesser I., Forthuber P., Pahr G., Paseka A., Seel A. (2008). Domänen von Lehrer/innen/professionalität. Rahmen einer kompetenzorientierten Lehrer/innen/ bildung. In: Kraler Chr., Schratz M. (Hrsg). Wissen erwerben, Kompetenzen entwickeln. Modelle zur kompetenzorientierten Lehrerbildung. Münster: Waxmann-Verlag Specht W., Seel A., Stanzel-Tischler E., Wohlhart D. (2007). Individuelle Förderung im System Schule. Strategien für die Weiterentwicklung von Qualität in der Sonderpädagogik. Graz: Bildungsinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens Autorin Andrea Holzinger, Mag.a Dr.in Leiterin des Institutes 3 der Pädagogischen Hochschule Steiermark, Lehrbuchautorin, Pädagogische Schwerpunkte: Integrationspädagogik, Begabungsförderung und Elementarpädagogik Hinweis: Dieser Beitrag ist bereits im Buch Schulische Integration von Andrea Holzinger & David Wohlhart, Erfolgreich im Lehrberuf, Band 4, Studienverlag, ISBN 978-3-7065-4304-0 erschienen. Auch wenn in Österreich die gesetzlichen Grundlagen zur schulischen Integration von Kindern und Jugendlichen schon vor mehr als einem Jahrzehnt geschaffen wurden, können noch nicht alle Kinder - ohne Ausschluss - alles für sie Bedeutsame lernen. Vielfältige Barrieren verhindern es teilweise, dass wirklich jedes einzelne Kind bzw. jeder einzelne Jugendliche mit Behinderung die Schule besuchen kann, die es bzw. er besuchen würde, wenn er keine Behinderung hätte. Das zeigt dieser wegweisende Band erstmals in derart geschlossener Form auf! 10 Ulrike Greiner „Differenz und Inklusion“ als Thema der hochschulischen Lehrer/innenbildung – am Beispiel der Ausbildungscurricula der Pädagogischen Hochschulen in Österreich Dieser Beitrag ist bereits im Integrationsjournal, Dezember 2010 auf S. 48 erschienen. Lehrer/innenbildungsinstitutionen müssen sich heute wie Schulen mit der Herausforderung auseinandersetzen, wie Gleichheit und Differenz, Heterogenität und Inklusion gelehrt, gelernt und gelebt werden können, sodass Studierende, spätere Lehrer/innenpersönlichkeiten, entsprechend Wissen, Können und Haltungen des Diversity Managements für das eigene Handeln erwerben. Die Erststudienzeit gilt dabei trotz des lebenslangen Lernens als intensiv erlebte Initiation in ein Thema und eine Haltung. Die Fragen von Differenz, Heterogenität und Inklusion betreffen die hochschulischen Qualitätsstandards von Lehrer/innenbildung auf vielen Ebenen: Inhaltlich-curricular, personell, hochschuldidaktisch, institutionell-organisatorisch – so wie Qualität in der Lehrer/innenbildung immer mehrdimensional ist – es geht um Inhalte, Prozesse, personbezogene Kompetenzen; Ergebnisse und Kulturen gleichermaßen. Die Differenzlinien sind unterschiedlich und nicht bloß an Gender-, Kultur-, Religions-, Behinderungs- und Begabungsdifferenzen aufzuzeigen. Lernstrukturen und Lerntempi, Sozialisationen und Milieus, Motive, Interessenslagen und andere Lebenswelten, Biographien und Erwartungen – die Heterogenität im Schulsystem könnte nicht größer sein. Dennoch werden derzeit bestimmte Differenzlinien bevorzugt behandelt – Gender, Kultur, Begabung und/trotz/oder Behinderung. Natural vorgegeben und statisch dualistisch wird das nicht mehr gedacht, weit eher verschieben sich in neuen, konstruktivistisch gedachten Dynamiken die Konstellationen immer neu und finden sich Differenzpärchen, die wiederum andere Fragen erzeugen. Ein modernes Normalitätsmodell maximaler Gleichheit und ein postmodernes Vielfaltsmodell unbewerteter Differenzen greifen dabei beide zu kurz. Gleichheit und Differenz müssen vermutlich auf der normativen Ebene und auf der empirischen Ebene unterschiedlich und neu gedacht werden. Nötig ist dabei auch ein tieferes Verstehen, in welche Grundprobleme der zweiten reflexiven Moderne das Schulsystem mit dem Thema Differenz und Inklusion hineingekommen ist. Wollen, Können und Müssen (sowie die Negationen Nicht-Wollen etc.) stehen dabei bei Lehrenden und Lernenden in mitunter vertrackten Wechselverhältnissen. Von den Inhalten der Curricula über personalentwicklerische Fragen der Berücksichtigung von unterschiedlichen Begabungen der Lehrenden und ihrer Kooperation im Hochschulganzen bis hin zu den Fragen der individualisierenden Begleitung von Studierenden: Die Leistungsfähigkeit und Kultur von Lehrer/innenbildung hängt davon ab, was man unter Differenz überhaupt versteht, welche man als solche wahrnimmt (Frage des Diversity Managements), welche Heterogenität erwünscht und welche unerwünscht ist 11 und wie man mit welcher Form von Differenz im System wie umgeht. Professionalität ist dabei mehr als nur eine „gut gemeinte Inklusionshaltung“, rechnet mit den Dynamiken von Systemen, durchaus auch in ihren Widersprüchen – und fördert konsequent die Individualität des einzelnen unter Maßgabe eines gemeinsamen Kultur- und Leistungsverständnisses, ohne das weder Schule noch Hochschule gelingen. Je mehr schulische Inklusion, im Sinne von Berücksichtigung und Beteiligung der Verschiedenen, umso stärkere und leistungsfähigere sowie sozialkompetente Leitungspersönlichkeiten brauchen Schule und Hochschule, denn Handeln in mitunter paradoxalen Ansprüchen und Paradoxien braucht Mut und Konsequenz und vor allem die klare Übernahme von Verantwortung. Neben dem so wesentlichen Handeln der verantwortlichen Einzelakteure hat das System allerdings auch einen erheblichen Entwicklungsbedarf: Lehrer/innenbildung muss sich neue Formen überlegen, um Theorie „state of the art“ und Praxis „der heutigen Gegenwart“ in ein dynamisches Wechselverhältnis zu bringen. Kasuistik als Lernen am Fall nimmt den und das einzelne ernst, und buchstabiert das Allgemeingültige der Theorie am Singulären des konkreten Falls neu. Aber das sind hochschuldidaktische Fragen, die die Prozesse berühren – jetzt zu den Inhalten. Grundlage für die Curricula der Studiengänge zum „Bachelor of Education“ an den Pädagogischen Hochschulen ist die Hochschul-Curricula-Verordnung (HCV 2006). Sie regelt die Grundsätze der näheren Gestaltung, gibt einen verpflichtenden Rahmen für die Studienfachbereiche (Humanwissenschaft 39 ECTS, Fachwissenschaft und Fachdidaktik 84; Schulpraktische Studien 36, ergänzende Studien 12 und Bachelorarbeit 9 ECTS) vor. Innerhalb dieser Vorgaben entscheiden die jeweiligen Studienkommissionen autonom über die inhaltliche Ausgestaltung der Curricula. Je nach Kultur und Tradition der jeweiligen Hochschule fand das integrative Berufsfeld dabei mehr oder weniger Beachtung, es gibt aber keine PH, an der die Integration nicht im Curriculum verankert ist, denn im allgemeinen Bildungsziel der Hochschulcurricula-Verordnung (§ 3/2) werden neben einer Reihe inhaltlicher Schwerpunktsetzungen auch die Bereiche der integrativen Bildung angeführt: § 3 (1): Die Studien sind unter Beachtung der gesellschaftlichen, pädagogischen, wirtschaftlichen, technologischen und bildungspolitischen Entwicklungen als wissenschaftlich fundierte und berufsfeldbezogene Hochschulbildung zu gestalten, wobei auf Anforderungen wie insbesondere lebensbegleitendes Lernen, Integrative Pädagogik, lebende Fremdsprachen, Deutsch als Zweitsprache, Individualisierung und Differenzierung des Unterrichtes, Förderdidaktik, Medienpädagogik, Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien, Kompetenzerwerb im Bereich des e-learning, Herstellung internationaler, europäischer und interkultureller Bezüge, Gender Mainstreaming, Stärkung sozialer Kompetenzen, Integration von Menschen mit Behinderungen sowie Begabtenförderung einschließlich Hochbegabtenförderung Bedacht zu nehmen ist. Damit die Aspekte des integrativen Berufsfeldes ausreichend in den Curricula der PHs verankert werden, hat das BMUKK 2006 ein Positionspapier zum Thema „Berufsfeld Sonder- und Integrationspädagogik“ zur Aus- und Weiterbildung an Pädagogischen Hochschulen erarbeitet, das eine Neudefinition des Rollenbildes aller Lehrerinnen und 12 Lehrer und den Erwerb entsprechender Kompetenzen für einen inklusiven Unterricht verlangt: „Der gemeinsame Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder muss ein schüler/innenzentrierter Unterricht sein. Der/die Lehrer/in ist dabei nicht hauptsächlich Wissensvermittler/in, sondern vor allem Begleiter/in ihrer Schüler/innen bei deren persönlicher und individueller Entwicklung innerhalb der sozialen Gemeinschaft. Unterschiedliche Aufmerksamkeit, unterschiedliches Arbeitstempo, Bewegungs- und Kommunikationsbedürfnis können nicht als störende Faktoren eliminiert werden, sondern müssen als individuelle Lernbedingungen betrachtet und so in die Unterrichtsarbeit miteinbezogen werden, damit jeder/jede Schüler/in sich erfolgreich weiterentwickeln kann. Der integrative Unterricht stellt an alle Lehrer/innen damit die folgenden neuen sozialen, emotionalen und fachlichen Anforderungen. Innere Differenzierung einer äußerst heterogenen Schüler/innengruppe durch Individualisierung Offene, projektorientierte und schüler/innenzentrierte Unterrichtsformen, Verwendung und Herstellung neuer Lernmaterialien, Gestalten von Lernumgebungen Prozessorientierte Förderdiagnostik (mit Verwendung angemessener Instrumentarien) und das Erstellen von individuellen Förderplänen Neue Formen der Leistungsfeststellung, -rückmeldung und -beurteilung, welche den individuellen Lernfortschritt und die individuellen Lernbedingungen festhalten Enge Zusammenarbeit mit einem/einer oder mehreren Lehrer/innen – Arbeiten im Team Anpassen und Reagieren auf die Handlungen des/der jeweils anderen Partner/in Gemeinsame Vor- und Nachbesprechungen des Unterrichtsgeschehens Reflexion und Anpassung der eigenen Werte, Einstellungen und Handlungsmuster Verstärkte Einbeziehung der Eltern in den schulischen Prozess Interkulturelles Lernen Begabungsförderung Genderpädagogik Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit weiteren Lehrer/innen, Therapeutinnen/ Therapeuten sowie anderen schulischen und außer-schulischen Einrichtungen Eigenständige und laufende Fortbildung mittels Erfahrungsaustausch, Literatur, etc. Qualitätssicherung und Schulentwicklung (z.B. unter Einsatz des Index für Inklusion) Öffentlichkeitsarbeit zur Gestaltung des Meinungsbildungsprozesses mit allen Schulpartner/innen“ (Feyerer/Niedermair/Tuschel 2006, 16) Dieses Positionspapier wurde allen Rektor/innen zur Kenntnis gebracht. Da die Studienkommissionen jedoch autonom über die Inhalte der Curricula entscheiden, hat 13 dieses Papier ausschließlich empfehlenden bzw. beratenden Charakter. Um zu wissen, inwieweit das Positionspapier umgesetzt wird, führte das BMUKK an den Pädagogischen Hochschulen im Studienjahr 2008/09 eine Befragung durch. In dieser Erhebung wurden Fragen zur Umsetzung des Positionspapiers zur Aus- und Weiterbildung im Berufsfeld Sonder- und Integrationspädagogik gestellt. Die Vertreter/innen von zwölf der insgesamt 14 pädagogischen Hochschulen haben die Frage: „Inwieweit können sich die Studierenden aller Studiengänge bereits jetzt die im Positionspapier aufgezählten Kompetenzen aneignen – (Kap. 4.1., S. 17f). Sind diese Inhalte in den Curricula aller Studiengänge verankert?“, beantwortet. Unterschiedlichste Rückmeldearten der Hochschulvertreter/innen lassen aber nur Tendenzen sichtbar werden, die im Country Report an die European Agency for Developement of Special Needs Education folgendermaßen zusammengefasst werden: „Die meisten Pädagogischen Hochschulen thematisieren in den Schulpraktischen Studien die Themenbereiche „Heterogenität, Differenzierung und Individualisierung, kooperative Pädagogik, Teamentwicklung und Teamarbeit und Konzepte der Reformpädagogik“. Die Themenfelder Heterogenität/ Inklusion/ Individualisierung/ Begabtenförderung und Offene, projektorientierte und schüler/innenzentrierte Arbeitsformen werden von den meisten Hochschulen in den humanwissenschaftlichen und didaktischen Modulen der allgemeinen Lehrer/innenausbildung behandelt. Allerdings fällt auf, dass der Begriff „Inklusion“ nur von vier Hochschulen im Curriculum verwendet wird. Die Pädagogische Diagnostik und das breite Feld der Leistungsbewertung scheint einen hohen Stellenwert zu haben, da sie an allen Pädagogischen Hochschulen thematisiert wird. Interkulturelles. Lernen und Genderpädagogik wird zwar auch an allen Hochschulen genannt, oft aber nur im Zusammenhang mit Wahlpflichtmodulen. Die Schulung der Kompetenzen im Bereich der Reflexion der eigenen Werte und Haltungen dürfte an mehr als der Hälfte der Standorte in der Ausbildung einfließen. An einer Pädagogischen Hochschule werden die Anforderungen der integrativen Pädagogik in den allgemeinen Grundsätzen der Hochschulpädagogik hervorgehoben. (Die detaillierte Auswertung kann bei der nationalen Koordinatorin Irene Moser angefordert werden.) In fast allen Pädagogischen Hochschulen werden studienfachübergreifend Module angeboten, welche die Kooperation der Studierenden strukturell fördern. Diese beschränken sich allerdings auf wenige Bereiche (z. B. die Studieneingangsphase, Module zum Thema Lehren und Lernen, Umgang mit Heterogenität, Schulentwicklung und Evaluation, Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens), bzw. werden im Wahlpflichtfach angeboten. In einer Pädagogischen Hochschule soll „… eine große Zahl an themenorientierten studienfachbereichs- und fachübergreifenden Modulen eine Zusammenschau und ein Zusammenwirken der Fächer im Hinblick auf die angestrebten Kompetenzbereiche ermöglichen und die Fähigkeit der Studierenden zu vernetzendem Denken und kooperativem Handeln fördern.“ (PH X, S.1) (…) Im studienfachübergreifenden Modul „Inklusion“ einer Hochschule haben die vermittelten Inhalte und die verwendeten Unterrichtsmethoden positive Auswirkungen auf die Einstellung der Studierenden zum gemeinsamen Unterricht. Im Selbsterfahrungsprojekt 14 einer anderen Hochschule berichten die Studierenden über nachhaltige Auswirkungen auf ihre Haltungen zu Menschen mit Behinderungen. Randgruppen der Gesellschaft werden eher als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen, als vor dem Seminar. In den „Schulpraktischen Studien“ erhalten die Studierenden an vielen Ausbildungsstätten die Möglichkeit, in Integrationsklassen mit Kolleginnen/Kollegen (anderer Studienbereiche) im Team zu arbeiten. Die Erfahrungen mit sehr heterogenen Schüler/innengruppen, die Zusammenarbeit im Team, die Auseinandersetzung mit prozessorientierten Förderdiagnosen und alternativen Leistungsbeurteilungen stellen für die Studierenden eine große Herausforderung dar. Sie haben die Möglichkeit schüler/innenzentrierte Lernformen wie Projektunterricht und Werkstattunterricht kennen zu lernen und anzuwenden. An einer Hochschule etwa führen beispielsweise die Studierenden im 6. Semester ein Projekt in Teamarbeit durch, welches von Lehrenden im Seminar vorbereitet wird und in der Praxis sorgfältig vor- und nachbesprochen wird. An manchen Standorten erleben die Auszubildenden den Unterricht in schulstufenübergreifenden Klassen mit Schüler/innen mit SPF und/oder Migrationshintergrund, trainieren individuelle Fördermöglichkeiten, setzen kooperative Lernmethoden ein und setzen sich mit sozialen Prozessen in der Gruppe auseinander. Die Lehrenden an den Hochschulen sind nicht verpflichtet, inklusionsfördernde Methoden wie unterschiedliche Sozialformen, eigenverantwortliches Lernen, problemlösungsorientierte Methoden u. dgl. in den Studiengruppen anzuwenden. Die Freiheit der Lehre ermöglicht nach wie vor auch rein dozierende Methoden. Obwohl Teamteaching in der Lehre die Teamkompetenzen der Studierenden erweitern würde, bieten die Hochschulen nur teilweise Teams als Modell an. Die Gründe liegen vor allem in der schwierigen Finanzierbarkeit der Doppelbesetzung. (…) Alle Pädagogischen Hochschulen bieten in unterschiedlichem Ausmaß Module an, welche eine Pädagogik der Vielfalt unterstützen. Durch die Autonomie der Pädagogischen Hochschulen obliegt es den Studienkommissionen, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Aus der Umfrage des BMUKK geht hervor, dass die Pädagogischen Hochschulen vor allem im Bereich der Schulpraktischen Studien bemüht sind, inklusionspädagogische Kompetenzen zu vermitteln. Ein unabhängiges Qualitätsmonitoring existiert nicht. (…) Tendenziell kann gesagt werden, dass es nur sehr, sehr wenige Lehrer/innen mit Beeinträchtigungen gibt und Lehrer/innen mit unterschiedlichem ethischem, kulturellem, sprachlichem und/oder religiösem Hintergrund vor allem als muttersprachliche Zusatzlehrer/innen (mit einem geringeren Status als Assistenzlehrer/innen) eingesetzt werden. Dementsprechend gibt es auch nur sehr wenige Lehrerausbildner/innen und Lehramtsstudierende aus diesen Gruppen. Dem Nationalen Bildungsbericht kann entnommen werden, dass 2006/07 genau 237 Lehramtsstudierende (= 2,6%) eine anderer Erstsprache als Deutsch aufwiesen. 1993/94 waren das noch weniger: 58 Studierende (= 0,8%). Vergleicht man den Relativen-Risiko-Index nach Erstsprachen und Schularten zeigt sich, dass 2006/07 zwar 0,9% aller Schüler/innen mit Erstsprache Deutsch eine Lehreroder Erziehungsanstalt besuchten, aber nur 0,09% mit bosnischserbokroatischer, 0,04% mit türkischer, 0,42% mit polnischer, tschechischer, slowakischer oder ungarischer und 0,27% mit anderer Erstsprache. Es liegt hier also eine deutliche Unterrepräsentation vor (vgl. Herzog-Punzenberger/Unterwurzacher 2009, 168f ).“ 15 Abschließend sei hier festgestellt, dass gemessen an den Inhalten der Curricula der Pädagogischen Hochschulen die Themen von Differenz und Inklusion offiziell in die österreichische Pflichtschullehrer/innenbildung aufgenommen wurden, aber Qualitätsstandards für ihre Bearbeitung in der Ausbildung noch ausstehen. Die Mehrdimensionalität der Inklusionsthematik erfordert theoretisch wie praktisch professionelle Zugänge, die sich die österreichische Lehrer/innenbildung im Rahmen einer Gesamtarchitektur für die AusFort- und Weiterbildung der pädagogischen Professionen erarbeiten wird müssen. Die im Jahr 2009 von der Bildungsministerin und dem damaligen Wissenschaftsminister beauftragte Arbeitsgruppe hat eine solche Gesamtstruktur entwickelt, weist in ihren Empfehlungen für die Lehrer/innenbildung NEU auch auf Bereiche wie inklusive Pädagogik, Diversity Management, Deutsch als Zweitsprache hin und fordert eine ausgewogene Balance zwischen Generalist/innen und Spezialist/innen. (vgl. Härtel et al.: Lehrer/innenbildung NEU. Die Zukunft der pädagogischen Berufe. Wien, 18. Dezember 2009. Gesamtbericht März 2010. http://www.bmukk.gv.at). Das Lehrer/innenbildungsmodell selbst, das zwischen Grundbildung, Induktionsphase (samt weiterer Ausbildung) sowie Fort- und Weiterbildung unterscheidet und einheitliche Standards der gesamten Profession der pädagogischen Berufe (Grundkompetenzen) UND Spezialisierungen erfordert, weil es auch im Schulsystem zunehmende Binnendifferenzierungen erwartet, ist als Modell selbst der Inklusion geschuldet, und das auf der Basis von notwendigen Differenzen der Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortungen. Das Thema wird uns – als Thema des 21. Jahrhunderts – noch lange begleiten. Literatur: Feyerer, E./Niedermair, C./Tuschel, S.: Berufsfeld Sonder- und Integrationspädagogik. Positionspapier zur Aus- und Weiterbildung an den zukünftigen Pädagogischen Hochschulen. Wien: Bm:bwk, Abteilung I/8, 10.6.2006 Link: www.cisonline.at/ fileadmin/kategorien/Positionspapier_Lehrerinnenbildung_8.4.08.pdf (01.03.10) Brunner, Ivo; Feyerer, Ewald & Moser, Irene: Country Report: Austria, März 2010, www.european-agency.org/agency-projects/teacher-education-for-inclusion (29.09.10) Herzog-Punzenberger, B./Unterwurzacher, A.: Migration – Interkulturalität – Mehrsprachigkeit. Erste Befunde für das österreichische Bildungswesen. In: Specht, W. (Hrsg.): Nationaler Bildungsbericht Österreich 2009. Band 2: Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen. Graz, Leykam 2009, 161 - 182 Härtel et al.: Lehrer/innenbildung NEU. Die Zukunft der pädagogischen Berufe. Wien, 18. Dezember 2009. Gesamtbericht März 2010. http://www.bmukk.gv.at. Autorin Ulrike Greiner, DDr.in habil., war Gründungsrektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems und ist seit April 2010 Rektorin der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. 16 Eva Maria Burger Durch welche Inhalte und Lehrveranstaltungen ist es in den Curricula sichergestellt, dass Volksschullehrer/innen, Hauptschullehrer/innen und Sonderschullehrer/innen auf das spätere integrative Berufsfeld im Rahmen ihrer Ausbildung vorbereitet werden? PH Burgenland Die „Studiengänge Lehramt an Volksschulen bzw. an Sonderschulen“ orientieren sich an einem holistischen Menschenbild, basierend auf den Grundlagen einer allgemeinen (inklusiven) Pädagogik. „Unterricht und Erziehung bzw. der gelebte Umgang miteinander im Studiengang wird verstanden als die Interaktion von Individuen unter der Prämisse gegenseitiger Anerkennung und Achtung bzw. des Respekts mit dem Ziel der eigenständigen Handlungsfähigkeit und der Entfaltung der individuellen Potenziale der Beteiligten.“ (Beschluss 19/2009 der Studienkommission der PH Burgenland vom 19.01.2009) Auf das künftige inklusive Berufsfeld werden die Studierenden des Studiengangs Lehramt an Volksschulen v.a. in den Modulen „Schule der Vielfalt“, „Individualisierung, Differenzierung und Mehrstufendidaktik“ sowie „Implementierung der neuen Lernkultur“ vorbereitet. Inhaltlich setzen sich die Studierenden mit den klassischen Paradigmen der Sonderpädagogik (Segregation – Integration – Inklusion), Lernbehinderung und Integration sowie den Grundlagen und Bedingungen zur Realisierung einer inklusiven Pädagogik auseinander, um basierend auf lerntheoretischen, organisatorischen, didaktischen und methodischen Voraussetzungen inklusiven Unterricht zu gestalten. Auch die Religionspädagogik versteht Religion als mögliche Grundlage der Gemeinschaftsbildung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Durch den Erwerb von grundlegenden Einsichten und Erfahrungen im Umgang mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen sollen Studierende entwicklungsfördernden Unterricht von der Lernerin/vom Lerner aus im Teamteaching in Integrationsklassen planen, durchführen und reflektieren. Die Beschäftigung mit den Diagnosemöglichkeiten des Leistungsstandes der Schülerinnen und Schüler dient der Konzeption und Umsetzung eines darauf basierenden differenzierten Unterrichts und soll die optimale Förderung des individuellen Lernvermögens der einzelnen Schülerin/des einzelnen Schülers durch die Nutzung individueller Stärken und Potenziale gewährleisten sowie Kinder mit vorübergehenden Lernschwierigkeiten unterstützen. 17 Die Lernbegleitung durch Lernberatung, Lerndiagnostik und der Leistungsbeurteilung der individuellen Lernfortschritte schlägt sich in der Entwicklung von Förderkonzepten nieder. Studierende sollen die Fähigkeit erwerben, auf Kinder individuell eingehen zu können, ihre Stärken und Schwächen zu diagnostizieren und dementsprechende Lernziele zu formulieren und sich jene sozialen Kompetenzen aneignen, welche Voraussetzung für das Gelingen von Teamteaching in Integrationsklassen sind. Pädagogische Interventionen fokussieren auf die Förderung individueller Stärken, verbinden die Subjektivierung von Lernangeboten und Lernhilfen mit Aspekten des gemeinsamen Lernens und führen so zur Schaffung einer anregenden Lernumgebung, aus der individuelle Impulse für die einzelne Lernerin/den einzelnen Lerner ausgehen und diese/n befähigen, eigene Lernprozesse selbst zu steuern. Studierende des Studiengangs Lehramt an Sonderschulen werden – abgesehen von den bereits genannten Modulen – umfangreicher und tiefgreifender auf das künftige inklusive Berufsfeld vorbereitet. Dieses wird in allen Modulen mit didaktischem Schwerpunkt („Didaktische Aspekte bei besonderen Bildungs- und Erziehungsbedürfnissen“, „Methodenspiel und Kooperation“, „Didaktik der Sekundarstufe I“) berücksichtigt, indem beispielsweise lehrbuchunabhängige Programme an unterschiedlichen, fächerübergreifenden Übungen für integrative Sequenzen unter der Berücksichtigung der kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf erstellt werden. Das Modul „Qualität in der Sonderpädagogik“ vermittelt den Studierenden Qualitäts- und Prozessstandards für den Unterricht in Integrationsklassen und versucht ein kritisches Bewusstsein hinsichtlich der Standards für inklusiven Unterricht anzubahnen. Eine Übersicht über theoretische und didaktische Grundlagen einer inklusiven Pädagogik einschließlich der kooperativen Arbeit in heterogenen Lerngruppen gibt das Modul „Inklusionsorientierte und interkulturelle Ansätze“. Die Studierenden lernen das Arbeitsfeld und die darin benötigten Kompetenzen vor dem Hintergrund theoretischer Ansätze kennen und beschäftigen sich mit den Ansätzen einer neuen Lernkultur bezogen auf das Fördern und Fordern in inklusiven Settings. Modelle des gemeinsamen bzw. kooperativen Unterrichtens sowie Teamteaching unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lehrpläne werden in Projektteams beschrieben, erprobt und reflektiert. Die Module „Grundlagen von Diagnose“ und „Beratung, Kommunikation, Networking“ runden die Vorbereitung auf ein inklusives Berufsfeld ab. Beschluss der Studienkommission der Pädagogischen Hochschule Burgenland vom 19.01.2009 (Beschluss 19/2009) Autorin Eva Maria Burger, Mag.a Dr.in Lehramt für Sonderschulen und Hauptschulen (PA/PI Baden, NÖ), Diplom- und Doktorratsstudium Pädagogik (Uni Wien) 1989-2007 Pflichtschullehrerin in NÖ (ASO, SPZ, HS-Integration, VS, PTS) seit 2005 PA/PH Burgenland (Aus- und Fortbildung) 18 Hannelore Lensing Schulpsychologische Unterstützung von Lehrer/innen „Im Umgang mit beruflichen Belastungen gesund bleiben“ Gerade im Bereich der Sonderpädagogik, wo die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Bedürfnissen Hauptaufgabe und Anliegen ist, sollte auch auf die persönliche Befindlichkeit und Belastbarkeit von Lehrer/innen geachtet werden. Die Verantwortung für das Gelingen von Lernprozessen, die pädagogische Kompetenz ist mit der Person des Lehrenden eng verbunden. Auch wenn eigenständiges Handeln der Schüler/innen angestrebt wird, muss zuerst eine Basis für Lernbereitschaft geschaffen werden. Dies erfordert persönlichen Einsatz und Beziehungsgestaltung im Kontakt der Lehrer/innen mit den Kindern um Regellernen und Lernbereitschaft bei Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen. Schwieriges Schüler/innenverhalten, die Balance halten zwischen persönlicher Nähe und sachlicher Distanz, zwischen Fördern und Fordern lässt Lehrer/innen an ihre Grenzen stoßen, wenn der Ausgleich zwischen Anforderung und Entlastung fehlt. In der Potsdamer Studie von Schaarschmidt (Schaarschmidt, U. (2004) Psychische Gesundheit im Lehrberuf – Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes, BeltzVerlag) werden vier Bewältigungsmuster für berufliche Anforderungen bei Lehrerinnen und Lehrern beschrieben: 1) Gesundheit (Engagement, Belastbarkeit, Zufriedenheit) 2) Schonung (reduziertes Engagement bei guter Belastungs- und Widerstandsfähigkeit, relative Arbeitszufriedenheit) 3) Anstrengung (Selbstüberforderung, verminderte Erholungsfähigkeit und Belastbarkeit, eingeschränkte Zufriedenheit) 4) Burnout (starke Resignation, Motivationsverlust, herabgesetzte Widerstandskraft gegenüber Belastungen, Unzufriedenheit, Erschöpfung) Gesundheitsfördernd sind Muster 1 und 2, gesundheitsgefährdende „Risikomuster" sind Bewältigungsmuster 3 und 4. Um als Lehrerin und Lehrer arbeitsfähig und gesund zu bleiben, sollte der Fokus vom Bedarf der Schüler/innen zwischendurch auch auf den Bedarf der Lehrerin/des Lehrers gerichtet sein. Dies erfordert die Bereitschaft und Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung der eigenen emotionalen Befindlichkeit und Situation, von Möglichkeiten und Grenzen eigener Handlungsfähigkeit und Erwartungen. Diese Selbstreflexion gelingt dort wo bereits psychische Belastungen als körperliche Symptome spürbar werden, meist nur mit externer Unterstützung. Umso wichtiger erscheint es, frühzeitig negative Gefühle des Unbehagens zu thematisieren und durch rechtzeitige Entlastung schädigenden Risikomustern vorzubeugen. 19 In Ergänzung zum allgemeinen Arbeitsbereich der Schulpsychologie (lösungsorientierte Beratung und Intervention meist in Form von „Fallarbeit“ mit Schüler/innen, Eltern und Lehrerinnen/Lehrern) wurde in den vergangenen Jahren der Arbeitsschwerpunkt vermehrt auf „unterstützende Lehrer/innenberatung“ gelegt. Dies geschah auch auf Grund der Überlegung, dass sich positive Stimmung auf die Schülerinnen und Schüler genauso auswirkt, wie sich Schwierigkeiten und Probleme negativ bemerkbar machen. Lehrer/innen in ihrer beruflichen Verantwortung zu ermutigen für sich selbst Hilfe suchen zu dürfen, ohne das Gefühl haben zu müssen, versagt zu haben, war ein weiterer Aspekt. Speziell die Lehrer/innenrolle der/des „Allwissenden und Allkönnenden“ zu hinterfragen und mit der Realität abzugleichen, erschien als Herausforderung den Anspruch mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Im Lebens- und Arbeitsraum Schule sind Initiativen zur Förderung und Erhaltung psychischer Gesundheit und Arbeitszufriedenheit aus Sicht der Schulpsychologie ein zunehmend wichtigerer Aspekt. Wenn man bedenkt, wie viel Tageszeit Lehrer/innen und Schüler/innen an ihrem Arbeitsplatz Schule verbringen, so kann man sich gut vorstellen, dass die soziale Qualität und zeitliche Quantität von Schul- und Klassenklima auf alle einwirken. So wurde das Thema „Schulhauskultur“ als Ansatz zur psycho-sozialen Gesundheitsförderung bei Fortbildungen und Beratungen Schulleiterinnen/Schulleitern und Lehrerinnen/Lehrern inhaltlich vorgestellt. Es umfasst ein weites Spektrum und reicht vom grundlegenden präventiven Schwerpunkt im Schulprogramm über förderliche pädagogische Leitsätze und Haltungen bis hin zu Teamentwicklung und Psychohygiene. Das Angebot psychologisch-präventiver Einzelberatung, das aus der Gesundheitspsychologie abgeleitet ist, ist auf den individuellen und aktuellen Bedarf von Lehrerinnen und Lehrern abgestimmt und durch telefonische Selbstanmeldung niederschwellig verfügbar. Für die Beratung ist die Bereitschaft der Klientinnen und Klienten sich auf den Beratungsprozess einzulassen, sowie Motivation, Interesse an Selbsterkundung und Veränderung ein Gewinn. Im Gegensatz zur klinisch-therapeutischen Behandlung, die defizitorientiert und kurativ ist und Fehler, Mängel und Störungen beseitigen soll, bedeutet der ressourcenorientierte Blick auf Stärken und Fähigkeiten die Möglichkeit positiver selbsterzeugter Entwicklung durch Begleitung. Für eine Einzelberatung ist es unerlässlich, einige Rahmenbedingungen im Setting zu gestalten, damit ein offenes Gesprächsklima entstehen kann. Dazu ist es nötig, Vertraulichkeit zu sichern, Raum und Zeit abzustimmen und methodische Fachkompetenz für Einzelsupervision und Coaching bereitzustellen. Wichtig ist auch die Klärung, dass psychologische Berufsbegleitung nicht den Anspruch einer „Reparatur“ oder Psychotherapie beinhaltet, sondern Hilfe zur Selbsthilfe mit einer hohen Selbstbeteiligung der Klientin/des Klienten favorisiert. Die oder der Ratsuchende ist selbst Expertin oder Experte für die eigene Situation und Lösungsfindung. Aufgabe der Schulpsychologie ist es, Lehrer/innen dabei zu unterstützen, die eigene Situation und Befindlichkeit zu klären und ihre aktuelle Lebenssituation zu thematisieren. 20 Dies geschieht durch Fragen zu folgenden Bereichen: Zur Person selbst – individuelles Erleben und Verhalten Zu eigenen Zielen – persönliche Wertorientierung, Sinngebung, Zielfindung Zu Ressourcen – persönliche Möglichkeiten, Fähigkeiten, Kenntnisse Zu Lösungen – Problembewusstsein, Lösungskompetenz Zur Entwicklung – Lernen, Wachstum, Dynamik, Lebenszyklen Zur Gesundheit – psycho-somatische und sozial-situative Einflüsse Das Thema bei Beratungsgesprächen und im Lehrer/innencoaching ist das Erkennen und Nützen eigener Energieressourcen, um von einer „Überlebenshaltung“ neue Wege zur Motivation und „Selbstgestaltung“ zu finden. In der aktuellen Arbeitssituation steht persönlicher Einsatz und Aktivität im Vordergrund und es bleibt oft wenig Zeit zum Nachdenken, wenn der Handlungsdruck groß erscheint. Zeit und Ruhe sind aber Voraussetzungen für Selbstreflexion, genauso wie wertschätzende, nicht bewertende Begleitung. Dabei können durchaus kritische Fragen gestellt werden, die zum Erkennen eigener Denk- und Verhaltensmuster führen. Inhaltlich geht es um Unterschiede zwischen Selbstund Fremdbild, um Erlebnisverarbeitung und eine persönliche Standortbestimmung im Ist-Soll-Vergleich. Welche negativen Denkmuster schränken mich ein, blockieren mich, treiben mich an? Wo besteht freie Handlungsmöglichkeit, wo sind die Grenzen meiner Selbstbestimmung in der Arbeit? Was belastet und was stärkt mich? Erfordert meine aktuelle Situation eine Veränderung und was brauche ich, damit ich gut arbeiten kann? Wie klappt die Zusammenarbeit mit anderen? Womit bin ich zufrieden? Die „Selbstbewusstheit“ zu wissen „wer und wie ich bin“, macht den Kopf frei für die „Erlaubnis zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung“. Bewusstes Handeln erhöht die Kompetenz und Sicherheit im Umgang mit anderen. Es verhindert Leidensdruck, der langfristig zu psychosomatischer Belastungsreaktion, Krankheit und Burnout führen kann. Der angeleitete Außenblick auf die Situation, so wie ich sie jetzt erlebe, führt auch in Richtung Zukunft und Entwicklung: Wie soll mein Leben, meine Arbeit in drei, fünf, zehn Jahren aussehen? Was kann ich konkret dazu tun? Welcher Leitsatz ist mir dabei hilfreich? Anliegen und Ziele werden im Gespräch gemeinsam formuliert und Vereinbarungen in Form von erreichbaren Veränderungsschritten festgelegt. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen geben dabei nicht die Lösungen vor, sondern ermutigen die Klientin/den Klienten selbst ihr/sein Tempo, die Richtung und Eigenaktivität zu bestimmen und geben Feedback. Der Satz „Hilf mir, es selbst zu tun“ von Montessori betrifft hier die Lehrer/innen, ähnlich wie sonst im Unterricht die Schüler/innen. 21 Die Qualität des Klassenklimas und eine emotionale Begleitung durch ermutigende oder verhaltensregulierende Lehrer/innenhaltung sind für die Wirksamkeit sonderpädagogischer Förderung von besonderer Bedeutung. Es geht nicht nur darum, „die Schüler/innen dort abzuholen wo sie stehen“, sondern sie zu motivieren und mitzunehmen Es bedarf erhöhter Aufmerksamkeit, genauer Beobachtung und Kenntnis dies umzusetzen. Im psychologischen Kontext des Unterrichts spüren alle Beteiligten unterschwellig den positiven Zug oder negativen Druck der Gruppendynamik (das Klassenklima). Schülerinnen und Schülern wird zugestanden, den Umgang mit ihren negativen Gefühlen erst lernen zu müssen. Von Pädagoginnen und Pädagogen wird erwartet, eigene Gefühle unter Kontrolle zu haben, professionell zu agieren und die Bedürfnisse anderer voranzustellen. Das entspricht einer Helferhaltung in Sozialberufen. Um auftauchende eigene Gefühle von Überforderung, Hilflosigkeit, Kränkung oder Erschöpfung in den Griff zu bekommen, brauchen auch „Helfer“ manchmal eine Unterstützung. Leichter gelingt eine Problemanalyse zur Selbstdistanzierung außerhalb der beruflichen Stresssituation, um ein angekratztes Selbstbild positiv aufzufüllen und neue Kräfte zu sammeln. Die emotionale Selbstregulation betrifft ja nicht nur die Lehrer/innenrolle, sondern auch andere Lebensbereiche in denen jeweils der „ganze Mensch“ gefordert ist. Daher ist auch die Verflechtung von persönlicher und beruflicher Biografie zu beachten. Als Berufsanfänger/in und Junglehrer/in werden einen andere Fragen beschäftigen als nach langjähriger Unterrichtstätigkeit und Routine. Auch die Zusammenarbeit im Team und wechselnde Situationen in der Klasse verlangen flexible Veränderung. Um diese Arbeit langfristig leisten zu können ohne auszubrennen, sollte die Energiebilanz zwischen Geben und Erhalten stimmen. Daher lohnt sich auch im Beratungsgespräch die Bestandsaufnahme von aktuellen Belastungen („Energieräubern“) und nutzbringenden Entlastungen („Energiequellen“) in den folgenden vier Bereichen: 1) Körper und Gesundheit 2) Arbeit und Beruf 3) Partnerschaft und Familie 4) Persönliches soziales Netzwerk Die psychische Energiebalance sollte in diesen vier Bereichen kompensatorisch zu einem Ausgleich kommen. Ein Missverhältnis oder Defizit in einem Bereich stört durch seinen Mangel andere Rollen und Sozialkontakte, die vernachlässigt werden. So wirkt eine ständige berufliche Überlastung wie ein mit heim genommener Rucksack voll Gedanken und Sorgen über ungelöste Probleme nicht förderlich auf den Privatbereich. Das selbe leidige Thema taucht bei Tag und Nacht auf, beeinträchtigt die Beziehung in der Familie oder die Erholung im Schlaf. Wobei sich natürlich auch umgekehrt private Sorgen beruflich auswirken, speziell wenn sie über längere Zeit viel Einsatz verlangen. Die Wahrnehmung und Verarbeitung von Stress, die psychische Resilienz, ist ähnlich der Schmerzempfindung personbedingt sehr unterschiedlich. Was der Eine noch als durchaus normalen Stresspegel empfindet und bewertet, kann für den Anderen schon überdurch22 schnittlich viel Negativstress bedeuten. Die eigene Einschätzung, Erwartung und Bewertung der Situation spielen also auch eine Rolle im Umgang mit alltäglichen Herausforderungen. Normalerweise wird Ärger oder psychische Verstimmung ein Anlass für entlastende Gespräche mit Kollegen, Freunden und Partnern sein, wobei eigener Frust sich relativiert und rechtzeitig ein Ausgleich und die Wiederherstellung der Energiebilanz möglich wird. Kollegiale Beratung ist hierbei durchaus hilfreich. In manchen Fällen gelingt diese Problemdistanzierung aber nicht, wenn persönliche Verstrickung in alten Verhaltensmustern und negative Haltungen unbewusst Wirkung zeigen. Hierbei kann psychologische Beratung helfen, systemische Zusammenhänge und Selbstbeteiligung zu klären und so Wege zur Neuorientierung öffnen. Statistiken belegen mehrfach im Lehrberuf auftretende Belastungen. Wie schon erwähnt, handelt es sich speziell bei sonderpädagogischer Arbeit nicht um ein mechanischtechnisches Vorgehen von Input und Output, sondern um die pädagogische Fähigkeit Kindern mit besonderen Bedürfnissen so zu begegnen, dass im Kontakt Entwicklung zum Sein und Können unterstützt wird. Neben berufsbegleitender psychologischer Beratung, Einzelcoaching und Supervision für Lehrer/innen und Leiter/innen, gibt es auch schulpsychologische Teamberatung an Schulen in den Bezirken, als Kooperation an den regionalen SPZ oder in Form von Fortbildungsangeboten. Die Themenbereiche befinden sich als Checklist unter „Gesunde Schule-Psychosozialer Bereich“ auf der Homepage des LSR. Für Kontakte zur Schulpsychologie genügt eine vorherige telefonische Anmeldung zur Terminvereinbarung. Autorin Hannelore Lensing, HRin Dr.in , ist Beratungsstellenleiterin der Schulpsychologischen Beratungsstelle Linz-Land und zuständig für Schulen in den Bezirken Linz-Land und Eferding. 23 Dorothea Rucker Beratungszentrum für Lehrer/innen, Leiter/innen aller Schultypen und Studierende der Pädagogischen Hochschule Salzburg Um den komplexen Anforderungen im Berufsfeld „Schule“ professionell begegnen zu können, bedarf es neben regelmäßiger Besuche von Fortbildungsveranstaltungen auch der Möglichkeit zur individuellen und situationsspezifischen Bearbeitung von Fragestellungen, die der berufliche Alltag mit sich bringt. Das Beratungszentrum zeit.raum – eine Einrichtung der PH Salzburg – hat sich zur Aufgabe gemacht, Lehrer/innen und Leiter/innen aller Schultypen im Land Salzburg in dieser Hinsicht mit einem bedürfnisorientierten Angebot zu unterstützen. Das Angebot gilt auch für Studierende der Pädagogischen Hochschule als Ergänzung zur allgemeinen beruflichen Ausbildung. Bezugsrahmen Erziehen und Unterrichten sind vielschichtige Tätigkeiten und stellen an Lehrer/innen hohe Anforderungen. Joachim Bauer (2007), Mediziner und Psychosomatiker, weist darauf hin, dass es kaum Berufe gäbe, die derart komplexe Arbeitsanforderungen aufweisen, wie der Lehrberuf. „… fachliches Können, starke persönliche Präsenz und Ausstrahlung, flexibles Reagieren auf sich ständig verändernde Situationen genau so wie intuitives Gespür, Verständnis für völlig unterschiedliche Schüler/innenpersönlichkeiten, Widerstandskraft, Geschick bei atmosphärischem Gegenwind und vor allem – Führung“ (51). Diesen Anforderungen gerecht zu werden und das eigene Gleichgewicht nicht zu verlieren, bedeutet ein hohes Maß an Professionalität. Im Auftrag des bm:ukk untersucht ein Expert/innenteam die „Entwicklung von Professionalität im Internationalen Kontext“ (EPIK) mit der Fragestellung, welche Kompetenzen von Lehrpersonen nachhaltig die Qualität von Unterricht und Schule bestimmen und eine erfolgreiche Unterrichtspraxis ermöglichen. In der Analyse werden fünf Kompetenzfelder (Domänen) definiert, die voneinander abhängig sind und einander bedingen. Als erstes und vorrangiges Kompetenzfeld wird die „Reflexions- und Diskursfähigkeit“ als Grundvoraussetzung für mögliche Veränderungsprozesse genannt. (vgl. Schratz et al. 2008: 125). Wie notwendig in diesem Zusammenhang auch kollegiale Kooperationen sind – als „Kollegialität“ unter den Domänen beschrieben - bestätigt auch der Mediziner und Salutogenetiker Peter Vogt. Er befasst sich in einer Untersuchung mit der Frage, welche Fähigkeiten Lehrer/innen mitbringen, die bis zu ihrem 60. Lebensjahr unterrichten ohne 24 auszubrennen. Hochwirksam im Sinne der Burn-out-Prophylaxe sind seiner Erkenntnis nach neben fachlicher, pädagogischer und emotionaler Kompetenz, die soziale Unterstützung sowohl privat, kollegial als auch „von oben“. In seinen Vorschlägen zur Erhaltung der Gesundheit finden sich die Empfehlung zur regelmäßigen Supervision sowie der Austausch und die Kooperation unter Lehrkräften. (vgl. Vogt, 2007) Die eigene Rolle in der vorgegebenen beruflichen Situation und die eigenen Handlungsmuster zu analysieren und zu reflektieren, können neues Wissen über sich und das Arbeitsfeld generieren, den Blickwinkel vergrößern, ungenützte Ressourcen sichtbar machen und das eigene Handlungsspektrum erweitern. (Kogelbauer 2007: 302) Dies dient neben anderen Maßnahmen zur Stärkung des eigenen Professionsbewusstseins und verringert darüber hinaus Burn-out-Reaktionen, die sehr oft durch Handlungsblockaden ausgelöst werden. In Wahrnehmung dieser Erfordernisse finden sich im Fortbildungsangebot der Pädagogischen Hochschule neben fachdidaktischen Seminaren, Trainings zur Unterrichtsentwicklung, spezielle Seminare zur Persönlichkeitsbildung sowie Seminare zur Lehrer/innengesundheit. Um den komplexen Anforderungen im Berufsfeld „Schule“ professionell zu begegnen, bedarf es neben diesen genannten Seminaren und Trainings auch spezieller Maßnahmen zur individuellen und situationsspezifischen Bearbeitung von Fragestellungen aus dem beruflichen Alltag. Die Pädagogische Hochschule Salzburg bietet dazu im Beratungszentrum zeit.raum Supervision, Beratung und Coaching an. Das Beratungszentrum und seine Entwicklungsgeschichte Das Konzept des Beratungszentrums zeit.raum basiert auf Erfahrungen, die in einem 5jährigen Pilotprojekt im Schulbezirk Flachgau unter dem Namen „Fokus“ gewonnen wurden. Dieses Pilotprojekt wurde 2001 von Bezirksschulinspektor Franz Schinwald initiiert und zielte darauf ab, Lehrer/innen bei schwierigen unterrichtlichen Situationen zu unterstützen und zu begleiten. Die Erfahrungen des ersten Jahres von „Fokus“ zeigten, dass die Fragestellungen der Lehrer/innen sich nicht nur auf schwierige Unterrichtssituationen beschränkten, sondern weit über den Klassenraum hinausgingen. Daher wurde das Angebot schrittweise erweitert. Für Problemlösungen wurden nun nicht nur Lehrer/innen, sondern auch andere Personengruppen wie Leiter/innen und/oder Eltern eingebunden. Der Unterstützungsmodus erweiterte sich von „Kollegialer Hospitation“ über Einzelberatungen bis hin zur Gruppensupervision und Mediation. Nach fünf erfolgreichen Jahren im Flachgau wurde das Beratungsservice „Fokus“ auf das Land Salzburg ausgeweitet und am Pädagogischen Institut beheimatet. Die Unterstützer dafür waren der damalige Landesschulinspektor Dr. Alexander Bürger und die Leiterin des damaligen Pädagogischen Instituts für APS Dr.in Angela Faber. „Fokus“ wurde in „zeit.raum“ umgetauft, das Einfrau-Unternehmen wurde auf ein Dreierteam erweitert und bekam auch einen kleinen eigenen Beratungsraum. Mit dem Zusammenschluss von Aus-, Fort- und Weiterbildung wurde durch den Einsatz von Rektor Dr. Josef Sampl das Beratungszentrum zeit.raum samt seinem Personal von der Pädagogischen Hochschule Salzburg übernommen und mit verbesserten räumlichen und strukturellen Bedingungen ausgestattet. 25 Das aktuelle Konzept Das Beratungszentrum ist eine Einrichtung der Pädagogischen Hochschule Salzburg und ist somit Teil der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Die dazu nötigen Ressourcen (Personal-, Raum- und alle anderen nötigen Aufwandskosten) werden somit von der Pädagogischen Hochschule getragen und sind für Lehrer/innen, Leiter/innen und auch Studentinnen und Studenten kostenneutral. Das Beratungszentrum leistet einen Beitrag im Professionalisierungsprozess von Lehrer/innen, Leiter/innen und Studentinnen/Studenten: Analyse und Bearbeitung von Störfeldern im beruflichen Umfeld, Stärkung der Persönlichkeit, berufliche und persönliche Standortbestimmung, Rollenklärung, Verbesserung der kommunikativen Kompetenzen (mit Kolleginnen/Kollegen, Eltern ...), wirksamer Umgang mit beruflichen Belastungen, Konfliktmanagement, Burn-out-Prävention. Speziell für Studierende: Optimierung des Studienerfolges und Klärungshilfe bei persönlichen Fragestellungen in Bezug auf Lernstrategien. Um den Anfragen begegnen zu können, ist das Beratungszentrum mit seinen Beraterinnen bemüht, das Angebot so breit als möglich zu halten und immer wieder den Bedürfnissen anzupassen, die während des Jahres herangetragen werden. Unter Gewährleistung der nötigen Diskretion und unter Wahrung des kollegialen Respekts – alle Beraterinnen kommen ebenfalls aus dem Arbeitsfeld Schule – stellt das Beratungszentrum folgendes Angebot: Supervision und Beratung (einzeln oder in Gruppen) bei pädagogischen und persönlichen Fragestellungen, die sich aus dem Arbeitsfeld Schule ergeben. Coaching als Begleitung und Unterstützung zur effektiven Nutzung persönlicher Ressourcen in Verbindung mit der Berufsrolle, mit der Möglichkeit einer direkten Begleitung ins Arbeitsfeld im Sinne einer „Kollegialen Hospitation“ (Unterrichtsbegleitung mit vorheriger Schwerpunktsetzung und anschließendem Reflexionsgespräch). Moderation von komplexen Gesprächs- und Entwicklungsprozessen. Mediation als allparteiliche Gesprächsbegleitung, wenn ein Konflikt ohne eine neutrale Person zu eskalieren droht. Vermittlung zu schulischen und außerschulischen Einrichtungen und Expertinnen/Experten. Angebot und Nachfrage in Beispielen In den letzten drei Jahren haben pro Jahr zwischen 350 und 400 unterschiedliche Personen (Lehrer/innen, Leiter/innen und Studentinnen/Studenten) ein- oder mehrmals die Angebote des Beratungszentrums wahrgenommen. Die Beratungen fanden entweder einzeln oder in Gruppen, im persönlichen Gespräch oder per Telefon und/oder per E-Mail statt. Waren es in den ersten Jahren hauptsächlich Volks- und Hauptschullehrerinnen, die zur Beratung kamen, hat sich der Anteil der männlichen Lehrer fast verdoppelt. Auch ist die Berufsgruppe der Leiter/innen wesentlich stärker vertreten als in den ersten Jahren. 26 Die meisten Kontakte werden per Telefon geknüpft, wobei auch immer häufiger Anfragen per E-Mail kommen. Mit welchen Anliegen und Fragestellungen Lehrer/innen oder Leiter/innen Beratungszentrum aufsuchen, soll durch die folgende Auswahl dargestellt werden: das Pädagogische Fragestellungen: Unterrichtsorganisation verbessern Umgang mit schwierigen Schüler/innen allgemein Spezielle Fallbesprechung Differenzieren – eine Gratwanderung zwischen fördern und fordern Integration – Unterschieden gerecht werden, aber wie? Schüler/innen aktivieren - Frontalunterricht auflockern durch Methodenwechsel Freies Arbeiten organisieren spezielle Themen: z. B: Förderkonzepte, Regeln, Rituale, Verhaltensvereinbarungen u. ä. Fragestellungen zur Verbesserung der Kommunikation und Zusammenarbeit Aufbau einer positiven Kommunikation mit Eltern/Kolleginnen/Kollegen/Leitung Störungen in der Kommunikation nachgehen und Lösungen finden Elternabende planen und begleiten Konflikte beleuchten und konkret miteinander bearbeiten Teamentwicklung – unterschiedliche Rollen erkennen und leben (besonders für Integrationsteams) u. ä. Persönliche Fragestellungen Die richtige Balance zwischen Forderung und Überforderungen finden …. ich fühle mich gemobbt – was kann ich tun? Erschöpfung und Ausstieg Umstiege/Aufstiege überlegen – anderes Arbeitsfeld entwickeln u. ä. Das Beratungsteam – bestehend aus Mag.a Inge Absolon-Plank, Mag.a Claudia Winklhofer und Mag.a Dorothea Rucker, die auch die organisatorische Leitung des Beratungszentrums über hat, sind erfahrene Pädagoginnen mit einschlägigen psychologischen und therapeutischen Zusatzqualifikationen (Therapie, Supervision, Mediation). Inge Absolon-Plank Claudia Winklhofer 27 Dorothea Rucker Literatur Bauer, Joachim (2007): Lob der Schule: Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern. Hamburg: Hoffmann und Campe Kogelbauer, Alfred (2007) Supervision und Schule. In: Luif, I (Hrsg.): Supervision Tradition, Ansätze, Perspektiven in Österreich. Wien. 301-310 Schratz, Michael/ Schrittesser, Ilse/ Forthuber, Peter/ Pahr, Gerhard/ Paseka, Angelika/ Seel, Andrea (2008): Domänen der Lehrer/innen/professionalität : Rahmen einer kompetenzorientierten Lehrer/innen/bildung. In: Kraler, Christian/Schratz, Michael (Hg.): Wissen erwerben, Kompetenzen entwickeln. Münster u. a..123-138. Vogt, Peter (2007) Lehrerbelastung aus medizinisch-psychologischer Sicht. www.dr-petervogt.de/download.html (03.11.2009) Autorin Dorothea Rucker, Mag.a Leiterin des Beratungszentrums zeit.raum – PH Salzburg Volksschullehrerin, Erziehungswissenschafterin (Schwerpunkt Beratung, Supervision, Intervention) Schul- und Unterrichtsberaterin, Supervisorin und Mediatorin, Lebens- und Sozialberaterin 28 Ulrike Gober Reflexion – ein Qualitätskriterium des Lehrberufs Bildung ist ein kostbares Gut jeder Gesellschaft, denn Bildung ist die Grundlage für individuelle Zufriedenheit und den Wohlstand und das Wachstum eines Staates. Gut durchdachte und geplante Investitionen in das österreichische Bildungswesen sind gut angelegte Investitionen in die Zukunft unserer Kinder und in die Entwicklung unserer Gesellschaft. Notwendig ist es, zukünftige Lehrer/innen optimal auf die Anforderungen ihres Berufes vorzubereiten und den bereits tätigen Lehrer/innen all jene Unterstützungen und jene Rahmenbedingungen anzubieten, die sie für die Ausübung dieser interessanten und sehr anspruchsvollen Tätigkeit benötigen. Voraussetzung für eine professionelle Ausübung dieses Berufes ist eine bewusste Auseinandersetzung durch professionelle Reflexion mit den beruflichen Anforderungen, mit der Gestaltung der beruflichen Rolle, und auch mit den Rahmenbedingungen, die die Organisation Schule charakterisieren. Aufgrund dieser Aspekte bildet für mich Reflexionsfähigkeit und Reflexionsbereitschaft eine der tragenden Säulen professioneller Lehrtätigkeit. Aus diesem Grund möchte ich mich in den folgenden Ausführungen mit dem Begriff Reflexion näher beschäftigen. 1. Reflexion – eine allgemeine Definition und ihre Bedeutung im Lehrberuf Zur Definitionsklärung beziehe ich mich dabei in erster Linie auf Georg Zepke, der sich in seinem Buch „Reflexionsarchitektur – Evaluierung als Beitrag zum Organisationslernen“ (2005) damit auseinander gesetzt hat. Zepke versteht unter Reflexion den alltäglichen Weg, um sich einen Eindruck über den Erfolg oder Misserfolg einer Unternehmung zu machen und um die Erfolgsbedingungen und Schwierigkeiten einer abgeschlossenen oder vielleicht auch noch aktuell laufenden Aktivität oder Maßnahme zu identifizieren. Reflexion ist letztlich das spezifisch Menschliche, das uns gegenüber rein instinktgesteuerten, den aktuellen Bedürfnissen immer sofort nachzukommen versuchenden Lebewesen auszeichnet. So bezeichnet Siegmund Freud (Zepke, 2005, S. 25) das reflexionsfähige Ich als Vermittlungsinstanz zwischen den individuellen triebhaften Bedürfnissen auf der einen Seite und den gesellschaftlichen Anforderungen auf der anderen Seite – und dies zeichne den Menschen aus. 29 Zepke meint weiters, dass im individuellen Alltag Reflexion in aller Regel ausreicht, um bezüglich eigener Aktivitäten und Handlungen angemessene Schlüsse zu ziehen, allerdings findet auch in der individuellen Reflexion eine unübersehbare Professionalisierung und Kommerzialisierung statt. Wenn individuelle Alltagsreflexion an ihre Grenzen stößt, wird professionelle Reflexionshilfe, etwa in Form von Supervision und Coaching, in Anspruch genommen. Diese Inanspruchnahme von Supervision und Coaching halte ich in „nicht-routinehaften Berufen“, wie Herbert Altrichter den Lehrberuf in seinem Buch „Handbuch zur Schulentwicklung“ (1998) bezeichnet, für ausgesprochen sinnvoll und notwendig. Altrichter spricht in diesem Zusammenhang von Selbstvergewisserung (1998, S. 264ff.). Aus der Erforschung komplexer Tätigkeiten – das sind Tätigkeiten, die nicht hauptsächlich vorgegebenen Routinen folgen – wisse man, dass man normalerweise in anspruchsvollen Situationen nicht „mit einem Schlag“ (und sei der Plan auch noch so gut) zum Erfolg kommt. Daher ist „Selbstbeobachtung und Selbstevaluation ein Merkmal jeder „komplexen Tätigkeit“. Er versteht den Lehrberuf als eine komplexe Tätigkeit in diesem Sinn und verwendet den Begriff „Reflexion“, um die Situation zu beschreiben, wenn einzelne Lehrer/innen, Lehrer/innengruppen, Schüler/innen sowie andere Akteurinnen und Akteure über verschiedene Aspekte von Schule nachdenken, sie besprechen, Alternativen und Weiterentwicklungen erwägen, ohne dass dies durch ein längerfristiges Konzept organisiert ist. Lehrer/innen haben eine relativ große Autonomie in Hinblick auf wichtige Aspekte ihres Berufes: Sie sind zwar an den Lehrplan und an bestimmte Unterrichtszeiten gebunden, haben jedoch z.B. in Hinblick auf thematische Akzentuierungen, Methoden und Unterrichtsmittel große Entscheidungsspielräume. Altrichter sieht darin keine Nachlässigkeit des Dienstgebers, vielmehr erfordert eine komplexe Aufgabe, wie die Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen, solche Freiräume (vgl. Schön 1983, Rolff 1993, Altrichter, 1998). Um dieser Verantwortung nachzukommen, ist nun wiederum Reflexion bzw. Evaluation notwendig: Lehrer/innen müssen die eigene Tätigkeit in Hinblick auf ihre Ziele, Bedingungen, Verläufe und Wirkungen reflektieren, um rechtens behaupten zu können, dass sie die Freiräume in qualitätsvoller Weise nutzen. Sie müssen bereit sein, sich auf Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, Lernenden und anderen Interessierten einzulassen und dort die eigenen Handlungsgründe zu argumentieren. 2. Reflexionsfähigkeit als vorrangiges Kompetenzfeld für Lehrer/innenprofessionalität Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur hat 2006 eine Arbeitsgruppe aus unterschiedlichen Einrichtungen der Lehrer/innenbildung eingerichtet, deren Mitglieder M. Schratz, I, Schrittesser, P. Forthuber, G. Pahr, A. Paseka, A. Seel – die Autorinnen und 30 Autoren des Artikels „Domänen von Lehrer/innen/professionalität – Entwicklung von Professionalität im internationalen Kontext (EPIK)“ sind, auf den ich mich in meinen folgenden Ausführungen beziehen werde. Dieser Arbeitsgruppe ging es darum, ein gemeinsames Konzept von Professionalität für den Lehrberuf zu finden. Die von ihnen bestimmten „Domänen“ (Kompetenzfelder) setzen sich aus komplexen Bündeln von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Haltungen zusammen. Folgende fünf Domänen haben sich in der von ihnen geführten Fachdebatte als zwischen System und Person angesiedelte Kompetenzfelder dargestellt: REFLEXIONS- und DISKURSFÄHIGKEIT: Das Teilen von Wissen und Können PROFESSIONSBEWUSSTSEIN: Sich als Expertin/Experte wahrnehmen KOLLEGIALITÄT: Die Produktivität von Kooperation DIFFERENZFÄHIGKEIT: Der Umgang mit großen und kleinen Unterschieden PERSONAL MASTERY4: Die Kraft individueller Könnerschaft Hervorheben möchte ich noch folgendes Zitat: „Bei aller Heterogenität der Begriffbestimmung findet sich in der erziehungswissenschaftlichen Diskussion nahezu durchgehend die Argumentation, dass Professionalität und Reflexivität bzw. Reflexionsfähigkeit in Zusammenhang zu bringen seien.“ (Schratz u. a., 2007) Im Folgenden möchte ich nun näher auf die Domäne der „Reflexions- und Diskursfähigkeit“ eingehen. Die Autorinnen und Autoren des Artikels gehen davon aus, dass sozial kompetente Lehrpersonen nicht nur den Unterricht anderer aufmerksam wahrnehmen, sondern auch den eigenen. Sie zeigen die Fähigkeit, sich von ihrem eigenen Tun zu distanzieren und werden dadurch überhaupt erst dazu fähig, über ihren eigenen Unterricht ein Urteil zu fällen. Erst mit dieser Distanzierungsfähigkeit wird es auch möglich, Strategien zur Selbstbeobachtung im Unterricht zu entwickeln. Diese aus der Distanzierungsfähigkeit folgende Reflexionsfähigkeit erlaubt es auch erst, sowohl das Spezifische der Situation (die Ausnahme von der Regel) als auch das hinter dem konkreten Fall liegende Allgemeine (das potenziell Generalisierbare) zu erkennen. Ergebnissicherndes Unterrichten erfolgt auf der Basis von Reflexion der Prozesse und Produkte, um die es jeweils geht. Dadurch werden neue Erkenntnisse gewonnen, die für künftiges Handeln bestimmend sind. Das Nachdenken über bisherige Erfahrungen und daraus Schlüsse ziehen führt zum Vordenken für die nächste Situation mit dem Ziel, dazu ein größeres Repertoire an Alternativen zur Verfügung zu haben. Die Fähigkeit sich selbst und sein Umfeld kritisch und distanziert betrachten zu können, Selbstkritik zu entwickeln und sich in den Diskurs einzubringen bzw. ihn zu gestalten, sind für die Autorinnen und Autoren somit Kennzeichen professionellen Handelns im Lehrer/innenberuf. Die Professionalität des Lehrer/innenberufes lässt sich nicht zuletzt daran messen, wie es Lehrer/innen gelingt, ihre Arbeit vor sich selbst, gegenüber Kolleginnen/Kollegen und Schüler/innen, deren Eltern und der Öffentlichkeit zu begründen. Eine selbst-kritische Reflexion, die eigene Erfahrungen ebenso nutzt wie wissenschaftliche Erkenntnisse, und 31 der Austausch im beruflichen Diskurs bilden für die Arbeitsgruppe – gemeinsam mit den anderen Dimensionen – den Kern pädagogischer Professionalität. Gemeinsam mit den anderen Kriterien von Professionalität wird deutlich, dass einerseits eine Weiterentwicklung der Strukturen des Bildungssystems erforderlich sein wird, andererseits ist eben auch die Person der Lehrperson aufgefordert, in und mit diesen Strukturen als Expertin bzw. als Experte in diesem Sinne „professionell“ umzugehen. 3. Ausblick Die verpflichtenden Reflexionen und auch die persönlichkeitsbildenden Seminare während der Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen stellen die Grundlage dar, um bei den angehenden Lehrer/innen ein Bewusstsein für die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Reflexion im Lehrberuf zu schaffen. Die bildungspolitische Forderung, die sich daran anschließend an den staatlichen Dienstgeber ergibt, ist, entsprechende Reflexionsmöglichkeiten, etwa in Form von professionell geleiteter Supervision oder Coachings, in das Berufsbild der Lehrer/innen vermehrt zu integrieren und zu institutionalisieren. Reflexion in Form von Supervision und Coaching ermöglicht es den Lehrer/nnen sich mit den an sie gestellten beruflichen Anforderungen professionell auseinander zu setzen. Dies bietet die Chance eine erhöhte Berufszufriedenheit zu erzielen. Reflexion in einem professionellen Rahmen muss meiner Ansicht nach zur Selbstverständlichkeit im Lehrberuf werden, um den steigenden Professionalisierungsansprüchen gerecht zu werden. Literaturliste Altrichter, Herbert / Schley, Wilfried / Schratz, Michael (Hrsg.): Handbuch zur Schulentwicklung. Studien-Verlag, Innsbruck-Wien, 1998 Forthuber, Peter, u. a.: Domänen von Lehrer/innen/professionalität. Entwicklung von Professionalität im internationalen Kontext. Gekürzt in: journal für lehrerinnen- und lehrerbildung. Heft 1/2007 Zepke, Georg: Reflexionsarchitekturen. Evaluierung als Beitrag zum Organisationslernen. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg, 2005 Autorin Ulrike Gober, Mag.a MSc Ausbildung an der Pädak Wien, Ettenreichgasse, Studium für Pädagogik in Kombination mit Sonder- und Heilpädagogik an der Uni Wien, seit 21 Jahren im Sonderpädagogischen Bereich für Verhaltensproblematik tätig, davon 10 Jahre als Klassenlehrerin in Kleinklassen, seit 11 Jahren als ambulante Beratungslehrerin, 2007 Abschluss des Masterlehrganges für Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung, seit 2008 in Wien als Supervisorin der Pädagogischen Hochschule Wien, Grenzackergasse, In der Lehrer/innenfortbildung tätig, Schwerpunkte: Konflikt- und Kommunikationsmanagement, Burn-outPrävention, Diversity, Interkulturalität und Teambildung und -entwicklung 32 Knut Becha Psychohygiene von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Sonderpädagogischen Zentrum Oberwart; ein Praxisbeispiel Wer kennt als aufmerksame Schulleiterin/aufmerksamer Schulleiter nicht die Begegnung mit Kolleginnen und Kollegen, bei denen ein tiefer Seufzer oder ein betont tiefes Ausatmen darauf hinweisen wollen, dass es dem Gegenüber im Moment nicht gut geht. Vorausgesetzt es herrscht ein großes Vertrauensverhältnis unter den agierenden Personen, erwartet sich das Gegenüber eine Reaktion auf den Hinweis: „Ich brauche Unterstützung oder gar Hilfe. Jetzt gleich!" Dass die Arbeit an einer Sonderschule mit all ihren Besonderheiten in der Zusammensetzung und Herausforderung seitens des Kollegiums und der Kinder kräfteraubend und anstrengend sein kann, ist wohl allen beteiligten Personen bewusst. Die täglichen Herausforderungen stellen die Grenzen der Belastungen häufig auf die Probe und immer wieder fühlt man sich als unmittelbar Beteiligte/r von allen alleine gelassen. Unsere Einrichtung bietet in Form von regelmäßigen Mitarbeiter/innengesprächen und Konferenzen, auf dem bereits angesprochenen Vertrauensverhältnis basierend, Möglichkeiten zur Kommunikation und zu Problembesprechungen. Die Wertschätzung der Arbeit als Pädagogin/Pädagoge bzw. als Eingliederungshelfer/in der Schule erfolgt dann individuell oder kollektiv. Dennoch ist die tägliche Konfrontation mit hilfesuchenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Schulleiter gegeben. Tatsache ist, wenn sich Lehrer/innen wohl fühlen und es ihnen gut geht, geht es auch den Kindern gut. Das stellt die Basis funktionierender und effizienter Arbeit an einer Schule für besondere Bedürfnisse dar. Es ist daher aus Leitersicht danach zu streben, dass es am Standort ein Primärziel der Schulentwicklung ist, Maßnahmen zur Sicherstellung der Lebensgrundbedürfnisse nach E. Schomburg wie Sicherheit, Anerkennung, Bestätigung, schöpferischer Freiraum, Selbstachtung oder Erlebniswert zu initiieren. Dabei sind nicht immer die großen Maßnahmen wie SCHILF mit externen Expertinnen und Experten das alleinige Heilmittel, sondern die täglichen kleinen Begegnungen und Wahrnehmungen der Bedürfnisse der/des Anderen schließen die Lücken der großen Initiativen der pädagogischen Heimat. Ohne sie kann keine Verbindung hergestellt werden, und ist eine durchgehende restitutive Psychohygiene nicht möglich. An unserem Standort haben wir als Beispiel im vergangenen Jahr 20 Stunden externe Begleitung zum Thema Konfliktmanagement eigenfinanziert zugekauft. Alle Besonderheiten, Gefahren, Möglichkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Bereich wurden professionell aufbereitet dem Kollektiv der Mitarbeiter/innen in Blöcken dargeboten. Die Steigerung der Kompetenzen in den Alltagsanforderungen konnte ich als Leiter durchaus beobachten. Die Qualität des Zusammenlebens zwischen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen wurde gehoben. Dennoch ist die Zahl derer, die mit lautem Seufzer und betonter Ausatmung an mir vorübergehen, nicht wesentlich gesunken. 33 Die Schulpsychologin unseres Bezirkes kommt regelmäßig an die Schule um einerseits mit den Schülerinnen und Schülern zu arbeiten, andererseits aber auch, um den Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit des Gespräches zu bieten. Diese Kooperation mit dem Schulpsychologischen Beratungsdienst ist eine von allen Personen geschätzte und für sehr wichtig erachtete Form der Unterstützung. Dort wo ein hohes Vertrauensverhältnis zwischen diesen Partnerinnen und Partnern besteht, ist auch in Einzelberatungen und Gesprächen eine Form der Supervision möglich. Ich meine, dass die institutionalisierte Unterstützung des Kollegiums in der Alltagsarbeit gut organisiert ist. Die Angebote sind bedarfsorientiert, professionell ausgerichtet und in der unmittelbaren Beobachtung in ihrer Wirkung effizient. Warum also gibt es noch immer Kolleginnen und Kollegen, die das Seufzen und tiefe Ausatmen nicht lassen können? Haben alle Maßnahmen bisher gerade bei ihnen keine Wirkung erzielt? Sind meine Beobachtungen falsch? Definitiv - Nein! Es handelt sich bei diesen Äußerungen des Unwohlseins meistens um den Wunsch einer Bestätigung des eigenen Tuns. Man möchte gehört werden und seine Befindlichkeit deponieren. Es geht nicht darum, zusätzliche Instrumente zur besseren Bewältigung von Alltagsproblemen geliefert zu bekommen, sondern einfach nur um das Bedürfnis des Wahrgenommenwerdens. In diesem Augenblick ist es wichtig, das Gegenüber zu akzeptieren und sich mit ihrer/seiner Kontaktaufnahme zu befassen, ihr/ihm Aufmerksamkeit zu schenken und Interesse am Befinden zu zeigen - ehrlich und authentisch. Es ist häufig nicht einmal die Lieferung einer Lösung wichtig, diese bietet sich in der Annahme und dem Reden dürfen oft selbst an. Das Gefühl vermittelt zu bekommen: „Du bist mir jetzt wichtig und dein Problem oder deine Sorge(n) sind auch für mich in diesem Moment von Bedeutung!" löst zumeist die innere Spannung oder Unzufriedenheit. Natürlich ist es nicht immer leicht, aufnahmebereit zu sein, aber auch eine ehrliche Bitte um Verlegung des Gespräches an einen nahen Zeitpunkt wirkt Wunder. Aus Leitersicht sind jene Kolleginnen und Kollegen, die in angeführter Form auf sich aufmerksam machen, noch die einfacheren und angenehmeren Bedarfssteller. Die ewig ruhigen und niemals auffallenden oder seufzenden Mitarbeiter/innen bedürfen ungleich mehr Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen. Ihnen ist oft nur aus Mimik und Körperhaltung dieses Bedürfnis abzuleiten, wenn überhaupt. Sie benötigen eine intensivere Befassung und mehr Zeit, um auf mögliche Nöte einzugehen. Dieser Prozess des intensiven Kennenlernens dauert sehr lange und bedarf einer guten Menschenkenntnis. Aufmerksam sein und aufmerksam bleiben ist eine für das Wohlbefinden eines Kollegiums notwendige Forderung. Trotz aller technischer Errungenschaften, welche zur Informationsbeschaffung oder administrativen Erleichterung beitragen können, ist der zwischenmenschliche Kontakt und die sensible Aufmerksamkeit in dieser Berufsgruppe von immer größer werdender Bedeutung. Parallel zu den sich ständig steigernden Anforderungen an Pädagoginnen und Pädagogen ist die Sorge der Schulleiterin/des Schulleiters um „ihre“/„seine“ Mitarbeiter/innen als ernst zu nehmende Komponente von Leiter/innenkompetenzen zu beachten. 34 Autor Knut Becha, Dir. Lehramtsprüfung für HS an der Stiftung PÄDAK Eisenstadt Lehramtsprüfung für IKT AHS Lehramtsprüfung für ASO und Sprachheilpädagogik am PI Burgenland Mitglied des Bundes ARGE CiS von 1999-2009 (Landeskoordinator für Burgenland) mehrfacher PISA Testleiter Organisationsleiter des Heilpädagogischen Kongress 2006 in Güssing Mitarbeiter am PI Burgenland von 2001-2006 (Koordinator für Fort- , Aus- und Weiterbildung APS/Sonderpädagogik) Absolvent der Leadership-Academy 2007 Geschäftsführender Obmann der HGÖ-Landesgruppe Burgenland seit 2007 Bestellung zum Schul- und Zentrumsleiter per 1. 4. 2007 Maßgebliche Beteiligung bzw. Leitung an Entwicklungsarbeiten im Burgenland Aspergerpreisträger 2010 Schulgasse 29, A-7400 Oberwart, [email protected] 35 Isabel Amberg „Gemeinsam in Balance bleiben“ Wirksam und gesund bleiben im Spannungsfeld Schule Lehrerin und Lehrer sein ist ein … … beglückender Beruf: o „Guter Sinn“ (Bildungsaufgabe, Arbeit mit Lernenden) o Gestaltungsfreiheit in der Unterrichtsführung o Wenig erzwungene Routine; Möglichkeiten des Neu-Erfindens der Berufsrolle (Unterricht, Stufenwechsel, Zusatzfunktionen) o Freiheiten in der Einteilung der Arbeitszeit o Anerkennung und Unterstützung im Kollegium o Vergleichsweise gute Sicherheit des Arbeitsplatzes und ein … … anstrengender und anspruchsvoller Beruf: o Diffuse und widersprüchliche Auftragslage (Lehrplan und „Lehrpläne“, Fördern und Selektionieren, Zeit geben und „Vorwärtsmachen“) o Vielfältige und widersprüchliche Erwartungen und Einmischungen ringsherum o Hohe Intensität beim Unterricht im Klassenverband o Herausforderung Heterogenität o Gefühl, nie fertig zu sein; Ungewissheit über „Was ist wirklich genügend?“ 36 „Zeit- und Energieklau“ durch Disziplinprobleme, Sitzungen, Reformen und Administration Dieser Beschreibung unseres pädagogischen Daseins von Anton Strittmatter (Vortrag Anton Strittmatter LGL-Kantonalkonferenz 12. 9. 07), mag die/der eine oder andere sicher noch einiges hinzuzufügen haben. Klar zum Ausdruck kommt, dass sich Lehrerinnen und Lehrer in einem Spannungsfeld zwischen eigenen und fremden Wünschen und Anforderungen befinden. Lehrkräfte üben ihre Tätigkeit im Spannungsfeld der verschiedenen Dimensionen von gesellschaftlichen Ansprüchen und Erwartungen (Sollen), persönlichen Idealen und Werten (Wollen) sowie individuellen Kompetenzen (Können) aus. o Wir alle wünschen uns über unseren Berufsalltag sagen zu können, dass wir „gut drauf sind“, dass das Miteinander des Lehrens und Lernens allen Beteiligten Spaß macht und Freude und Erfolg bereitet. Das gelingt uns, wenn wir gut „in Balance“ sind. Vielen Pädagoginnen und Pädagogen gelingt dieses „in Balance bleiben“, bzw. sich immer wieder neu zu balancieren zunehmend schwerer. Die unterschiedlichen Anforderungen in diesem Spannungsfeld zwischen Schüler/innen, Eltern, Gesellschaft, Kollegium und Behörden führen häufig zu Belastungen und Überforderungen von Lehrerinnen und Lehrern. Im Vordergrund stehen dabei die psychischen Belastungen. Ergebnisse verschiedener Untersuchungen, u.a. die Potsdamer Lehrerstudie 2000-2006, weisen auf eine äußerst problematische Gesundheitssituation von Lehrerinnen und Lehrern hin (vgl. Schaarschmidt 2005). Gesundheit und Gesundheitsförderung Die WHO 1948 definiert Gesundheit als einen „Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (http://www.bmg.gv.at am 20. 8. 2010). Nach dem Salutogenese-Modell ist Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess zu verstehen. Salutogenese (Salus, lat.: Unverletztheit, Glück, Heil; Genese, griech.: Entstehung) ( vgl. Herzog 2007, S. 35. ) bedeutet wörtlich „Erzeugung von Gesundheit“ und bezeichnet Wege zur Erhaltung und Erzeugung von Gesundheit. Der Begriff wurde in den 1970´er Jahren durch Antonovsky geprägt. Die salutogenetische Perspektive fragt im Gegensatz zur Pathogenese nach den Bedingungen von Gesundheit und nach Faktoren, die die Gesundheit schützen und zur Unverletzlichkeit beitragen. Die Frage nach den Wirkfaktoren für die Erhaltung von Gesundheit steht im Mittelpunkt. Dementsprechend besteht Gesundheitsförderung im salutogenetischen Ansatz darin, die stabilisierenden, gesunden Anteile und Kraftquellen in den Vordergrund zu stellen, d.h. sie zu benennen, aktiv zu begünstigen und sich entsprechend zu verhalten. Es geht um ein selbstbestimmtes Gesundheitshandeln von Individuen (vgl. Bengel/Strittmater 2001, S. 141 ff). Antonovsky illustriert sein Konzept der Salutogenese mit dem Bild eines gefährlichen Flusses, in dessen Strömungen, Stromschnellen, Strudeln und Windungen sich die Menschen in einem ständig bedrohten gesundheitlichen Gleichgewicht befinden. Gleich einem Rettungsschwimmer würde eine ärztliche Therapeutin oder Therapeut mit der 37 pathogenetisch ausgerichteten Medizin versuchen, einen Ertrinkenden aus dem Strom zu retten (vgl. Antonovsky 1997, S. 92). In der Salutogenese hingegen will man den Menschen ermöglichen, zu schwimmen, gut und besser zu schwimmen. Dieses gute Schwimmen wird für Antonovsky dadurch möglich, dass die Menschen grundsätzlich Schwimmer sind. Sie verfügen über geistigseelische Fähigkeiten und Sinnorientierungen, um mit Herausforderungen, Problemen und Bedrohungen umgehen zu können. So können sie gesund bleiben bzw. sich wieder erholen (vgl. Bengel/Strittmater 2001, S. 141 ff.). Gesundheitsvorsorge und Gesundheitsförderung sind nach Antonovkys Metapher sozusagen Schwimmtraining. Der Lebensfluss bleibt so gefährlich, wie er nun einmal ist, möglicherweise benötigen manche Schwimmer Schonräume zum Erinnern und Üben eigener Fähigkeiten sowie Hilfestellung zur Verbesserung ihrer Schwimmtechniken. Die zentrale Aufgabe ist demzufolge, jene Widerstandskräfte und Ressourcen zu stärken, die zur Bewältigung von Strudeln und Stromschnellen, von Spannungszuständen beitragen und uns schließlich gesund erhalten. In unserem schulischen Dasein muss es darum gehen, Präventions- und Interventionsarbeit zu leisten mit dem Ziel einen bessern Umgang mit Belastungen zu erlernen. Ansatzpunkte und Ressourcenstärkung Ansatzpunkte zur Gesundheitsförderung von Lehrerinnen und Lehrern sieht Rudow (vgl. Rudow 1995, S. 18) vorrangig auf folgenden Ebenen unseres Tätigkeitsfeldes: Ebene des Individuums Arbeitsengagement, d.h. wohldosierter, zielgerichteter Einsatz von Kräften, Widerstandskraft gegenüber Belastungen und positive Emotionen, z. B. Lebenszufriedenheit, sind wesentliche Ansatzpunkte, wenn es um die Gesundheitsförderung der einzelnen Lehrer/innen geht. Ebene der Arbeitsstruktur Durch interne Gestaltung von Schule und Unterricht, z.B. in Form von kooperativen Arbeitsformen, Gestaltungselementen des Unterrichts und außerschulischen Gestaltungselementen, kann viel zur Entlastung von Lehrkräften beigetragen werden. Ebene der Organisation Gegenseitige Hilfe und soziale Unterstützung, gemeinsame Überzeugungen, Werte und Regeln und mitarbeiterorientierte Führung sind jene drei Bereiche, in denen die gesundheitsfördernden Merkmale des sozialen Systems Schule zu finden sind. Konkret geht es um Aktivitäten und Handlungen, die die psychischen Kräfte, die Motivation und die sozialen Kompetenzen auf der persönlichen Ebene, auf der Ebene des Unterrichts und auf der Organisationsebene stärken und stabilisieren. Ausgangslage In den letzten Jahren war unsere Tätigkeit am SPZ 17 Leopold-Ernst-Gasse (Leitung: OSRin SDin Brigitte Ziegler) im Rahmen des „Netzwerkes gesundheitsfördernder Schulen“ besonders der Gesundheit unser Schülerinnen und Schüler gewidmet. Dabei wurde in verschiedenen altersstufenübergreifenden Projekten zu Themen der Gesundheitsförderung und -erhaltung gearbeitet: „Ich bin ich“, „Ich und meine Familie – 38 meine soziokulturellen Wurzeln“, „Persönlichkeitsentwicklung – ich in der Gemeinschaft“, „Unterwegs zur sozialen Kompetenz“, „Gesunde Ernährung – Prophylaxe“, „Hygiene – ich achte auf meinen Körper“, „Wege zur gewaltfreien Kommunikation“, und „Ich-Kompetenz“ , um nur einige Themenbereiche zu erwähnen. Der Schwerpunkt unserer Arbeit im kommenden Schuljahr soll der Gesundheitsförderung der Lehrerinnen und Lehrer gewidmet sein. Der Fokus liegt nach RUDOW (vgl. RUDOW 1995, S. 18) somit auf der Ebene des Individuums, d.h. auf der persönlichen Ebene der Lehrerinnen und Lehrer. Ansatzpunkte dazu hat es in den letzten Jahren durch verschiedene Aktivitäten im Bereich der Naturerfahrung gegeben. Zweimal im Jahr haben wir unter der Leitung von Kollegin Gerda Tiefenbrunner einen Nachmittag oder Abend im Wald und auf der Wiese verbracht, um der Natur zu begegnen. Jede und jeder von uns konnte dabei die Fähigkeit entwickeln, sich von der Natur begeistern und inspirieren zu lassen. Unterschiedliche Wahrnehmungsübungen und das Aufmerksamwerden und Erkennen von ökologischen Zusammenhängen in spielerischer Form wurden durch lustvolle Picknicks ergänzt. Wir haben Respekt und Achtsamkeit gegenüber unserer Umwelt erfahren und unsere Sinne geöffnet, um die Natur wahrnehmen und aufnehmen zu können. Alle Aktivitäten, Wahrnehmungs- und Sensibilisierungsübungen förderten das Wohlbefinden und das Gemeinschaftsgefühl der Lehrerinnen und Lehrer und bildeten auch die Grundlage für die Weitergabe an unsere Schülerinnen und Schüler. Ausgehend von diesen positiven Erfahrungen entstand das Bedürfnis die vorhandenen Potentiale auszubauen und zu vertiefen. 39 Ziele des Jahresprojektes Unser Anliegen ist mit den Worten von Mitterbauer ausgedrückt: „Jammer-Energie in Aktionspotenziale umzuwandeln …“ und „… praxiserprobte Lösungsansätze aufzuzeigen …“ (Mitterbauer 2007, S. 20). Wir schließen uns damit dem Motto von Schley: „Von der stöhnenden zur atmenden Schule“ an (Schley 2007, S. 10 ff.). Es soll vorrangig darum gehen, die Gesundheit und Ressourcen von Lehrerinnen und Lehrern zu stärken und die Teamstrukturen auszubauen. Durch gemeinsame Aktivitäten und Vorhaben wollen wir unser Energiepotential erhalten, unser Wohlbefinden fördern und das Burnout-Syndrom verhindern. Im Zentrum stehen dabei nicht, wie oben schon angemerkt, die Probleme, sondern das Wahrnehmen und Stärken des Könnens, des Vermögens und das Aufspüren von Kraftquellen für unser Wohlbefinden. Von der individuellen Ebene ausgehend wird die Weiterentwicklung der höheren Ebenen, d.h. die Ebene der Organisation und der Arbeitstruktur positiv beeinflusst und unterstützt. Unser langfristiges Ziel ist, die Gesundheitsförderung und Prävention im Umfeld Schule so zu verankern, dass die Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer gezielt gefördert und unterstützt werden kann und sich in weiterer Folge positiv auf die Gesundheit der Schülerinnen und Schülern und auf die gesamte Organisation Schule auswirkt. Wie kann nun die Selbstvorsorge von Lehrerinnen und Lehrern für die Förderung ihrer Gesundheit und Leistungsfähigkeit konkret aussehen? Planung Für das Projekt gibt es eine genaue Planung, sowie ein Projektteam, eine Projektleiterin und regelmäßige Teamsitzungen. Geplant sind Aktivitäten, die in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden. Die Teilnahme wird zum Teil verpflichtend, zum Teil freiwillig sein. Die Aktivitäten finden regelmäßig (ca. 1x pro Monat) statt. Dabei handelt es sich zum einen um einmalige Angebote und zum anderen um kontinuierliche, fortlaufende Aktivitäten. Entwicklung und aktueller Stand der Planung In einer ersten Phase wurden die Rahmenbedingungen geklärt und Bedürfnisse und Ideen des Lehrerinnen- und Lehrerteams erhoben, ausgewertet und auf die Realisierbarkeit (Zeit- und Kostenfaktor) überprüft. Die Ergebnisse dieser Phase lagen in den Bereichen Sport und Bewegung, Entspannung und Kommunikation. Dabei kristallisierten sich folgende mögliche Workshops heraus: Stimm- und Atemtechnik für Lehrer/innen Salsa-Tanzkurs Gemeinsames Kochen Nachtwanderung Fahrradausflug Wanderung Schnupperstunden ASKÖ (z.B. Nordic-Walking) 40 Qi Gong Kabarettbesuch Frühstücken Wellness-Wochenende Aquagym Schifffahrt Anschließend wurden in einer zweiten Phase Expertinnen- und Expertenteams gebildet, die die Verantwortung einzelner Bereiche übernehmen. Ziel dieser Phase ist es, herauszufiltern, welche personellen, zeitlichen und räumlichen Ressourcen vorhanden sind und konkrete Angebote einzuholen. Teilergebnisse liegen bereits vor und es hat sich herausgestellt, dass einige Angebote von Lehrerinnen und Lehrern für Lehrerinnen und Lehrer gestaltet werden, während andere von externen Expertinnen und Experten angeboten werden sollen. In der dritten Phase sollen Termine koordiniert und fixiert werden. Aufgrund der Fülle von Ideen und Vorschlägen wird es vermutlich parallel laufende Aktivitäten geben. Im Moment befinden wir uns in der zweiten und dritten Phase. Einige Angebote liegen bereits vor und die ersten Aktivitäten sind geplant. Die derzeitige Grobplanung sieht folgendermaßen aus: September 2010: Auftaktveranstaltung des Projektjahres: Workshop mit Frau Mag.a Dr.in Elisabeth Zechmeister zum Thema „BurnoutProphylaxe“ Oktober 2010: Teilnahme am „vienna-night-run 2010“ Kabarettabend: „Science busters“ im Rabenhof November 2010: gemeinsames Kochen Dezember 2010: Beginn ASKÖ-Kurs Januar 2011: Beginn Qi Gong Februar 2011: „Schnupperstunde“ Salsa-Tanzkurs März 2011: Wellness-Wochenende April 2011: Nachtwanderung Mai 2011: Radtour Juni 2011: Wanderung Ausblick Die Erfahrungen in den gemeinsamen Planungsphasen haben uns bereits in der Überzeugung bestärkt, unsere Befindlichkeit im Beruf in eine positivere Richtung verbessern zu können. Die „pädagogische Atmosphäre“, eines von vielen pädagogischen Qualitätsmerkmalen, ist unseres Erachtens beeinflussbar. Wir können hier und da Impulse und Anstöße geben um die Fließrichtung zu verändern. Wenn wir, so wie es Lüdtke beschreibt, unseren „inneren pädagogischen Raum“ nähren, stärken, verwöhnen und achten, wird es uns gelingen die Flussrichtung zu ändern und 41 dadurch sowohl den „inneren Raum“ als auch den „gemeinsamen (pädagogischen) Raum“ zu entspannen, anzureichern und zu harmonisieren (vgl. LÜDTKE 2001, S. 79 ff.). Wir begreifen Gesundheitsförderung als Gemeinschaftsaufgabe. Der uns begleitende Leitgedanke, in diesem und über dieses Schuljahr hinaus, lautet: „Gemeinsam in Balance kommen und bleiben“. Literatur Antonovsky, A. (1997): Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dt. erweiterte Herausgabe von Franke A. Tübingen: dgtv Bengel, J. /Strittmatter, R. (2001): Aaron Antonovskys Modell der Salutogenese. In: Bengel, J. (Hrsg.): Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert. BZGA, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Köln, S. 140-151 Herzog, S. (2007). Beanspruchung und Bewältigung im Lehrberuf. Münster: Waxmann Verlag. Lüdtke, U. (2001): „Wir sind gut drauf!“ Die Atmosphäre als Basiskriterium sprachheilpädagogischer Qualität in Schule, Klinik und Praxis. In: Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen. Tagungsbericht zum 3. „Tag der Sprachheilpädagogik“ Karlsruhe/Hamm: von Loeper Fachbuch-Verlag. S. 70-93 Mitterbauer, E. (2007). Gesunde Kinder – kranke Lehrer/innen? Beiträge der Schulentwicklung zur Lehrer/innengesundheit. In: BMUKK (Hrsg.): Seelische Gesundheit im schulischen Setting. Impulse zur Lehrer/innengesundheit. Abschlussbericht zum Expert/innenworkshop Wien, S. 19-22 Rudow, B. (1995): In Sieland, B. / Tacke, M. (2009): Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Ansätze zur Förderung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit dienstälterer Lehrkräfte in Niedersachsen“. Lüneburg, S. 18. Schaarschmidt, U. (Hrsg.) (2005). Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf. Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Weinheim: Beltz Schley, Von der stöhnenden zur atmenden Schule. Umgang mit Stress in der herausfordernden Lehrer/innentätigkeit. In: BMUKK (Hrsg.): Seelische Gesundheit im schulischen Setting. Impulse zur Lehrer/innengesundheit. Abschlussbericht zum Expert/innenworkshop Wien, S. 10-14 Autorin Isabel Amberg, Mag.a Sonderpädagogin am SPZ 17 und in der Ausbildung von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen an der PH Wien 10 tätig. 42 Barbara Weidinger, Martin Müller Lehrer/innenhilfen Unser Artikel soll der Frage nachgehen, welche (externen und internen) Maßnahmen/Angebote Lehrer/innen in der Bewältigung des Schulalltags unterstützen können, was sie über den Tellerrand schauen lässt und ihnen den Mut gibt, Neues auszuprobieren und gewonnene Erkenntnisse in den eigenen Unterricht zu implementieren ... Beschreibung des Berufsvorbereitungslehrgangs „Jobfit“: Das Angebot des Berufsvorbereitungslehrgangs „Jobfit“ bietet Jugendlichen mit Handicap, die ihre Schulpflicht bereits absolviert haben die Möglichkeit, eigenverantwortlich und aktiv ihren Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Den Schwerpunkt des Lehrgangs bildet das Training von berufsrelevanten Selbst- und Sozialkompetenzen, die in jeder Form der Arbeit und Beschäftigung von grundlegender Bedeutung sind. Ein modulares System von Unterrichtseinheiten ermöglicht den Jugendlichen individuelle Schwerpunkte zu setzen und ihre eigenen (beruflichen und persönlichen) Ziele zu verfolgen. Folgende Module werden angeboten: Seminare und Projekte Kompetenztraining in wechselnden Gruppen; Inhaltliches und kompetenzorientiertes Angebot wechselt zyklisch und wird von den Bedürfnissen der Jugendlichen bestimmt (teilweise von den Jugendlichen selbst einwählbar). Praktika ... in Betrieben, bei Behörden und Vereinen. Praktika werden individuell gestaltet und sind der Karriereplanung der einzelnen Jugendlichen angepasst. Berufs-Einstiegs-Kurs Flexible Betreuung in der Jobanbahnungsphase: Recherche nach Lehrstellen, Praktikumsplätzen, Telefontraining, Unterstützung bei der persönlichen Kontaktaufnahme und dergleichen. „Unterricht“ ... im „Fächerkanon“, vergleichbar mit dem herkömmlichen Schulunterricht. Mentorinnen-/Mentorensystem Die Mentorin/der Mentor ist Ansprechperson und pflegt als solche den Kontakt zwischen Schule-Erziehungsberechtigten-Arbeitswelt und behält die gemeinsam vereinbarten Ziele im Auge. Schmatz ... Catering Jobtraining unter realen Bedingungen: Ausrichtung und Betreuung diverser Buffets im außerschulischen Rahmen, Großküchensimulation und Mensabetreuung am Standort. Berufsberatung bei WUK-Domino Arbeitsassistentinnen/Arbeitsassistenten unterstützen im Clearingprozess, bei der Vermittlung von Praktika und bei der Jobanbahnung und stehen in engem Kontakt mit den Mentorinnen/Mentoren bei Jobfit. 43 Unterstützende Maßnahmen und Angebote für Lehrer/Innen für eine positive Bewältigung des Schulalltags: SCHILF (Schulinterne Lehrer/innenfortbildung) • Seit 2001: Kommunikation innerhalb des eigenen Teams und zwischen den Departments • Seit 2003: Erarbeitung des neuen Schulschwerpunktes „Kompetenztraining“ (nach MELBA) – Verlauf, Ergebnisse, Umsetzung Einmal im Jahr „teamen“ alle Lehrer/innen des Schulstandorts ein Wochenende lang in einem Seminarhotel außerhalb Wiens. Das Programm wird in den Monaten davor von der Schulleitung gemeinsam mit dem Lehrkörper und gegebenenfalls externen Expertinnen/Experten festgelegt und dient der kontinuierlichen Schulentwicklung. Die Ergebnisse werden mit einem Zeitplan in Arbeitsgruppen weiterbearbeitet, in Konferenzen abgestimmt, am Lehrgang umgesetzt, evaluiert und bilden die Grundlage für weitere nächste Schritte. Projekte • COMENIUS-Schulpartnerschaften (seit 1998 insgesamt 4 Schulpartnerschaften) Beschreibung der Schulpartnerschaften, Ziele, Austausch, Rückfluss ins eigene System • Vernetzung mit außerschulischen Einrichtungen, Institutionen, ... (positiver Input von externen Fachkräften) Die COMENIUS-Schulpartnerschaften ermöglichen den Austausch mit anderen innovativen pädagogischen Ansätzen auf internationaler Ebene in gemeinsamen Projekten, gegenseitigen Besuchen an den jeweiligen Schulstandorten und persönlichem Kontakt. Kultur der gegenseitigen Unterstützung und brauchbare Team-Strukturen • regelmäßige, ausführliche Teamsitzungen • bedarfsorientierte Arbeitstreffen in Kleingruppen • Tutorensystem für Neuzugänge (Lehrer/innen) • Zuständigkeiten einzelner für Gemeinsames Um die Arbeit möglichst reibungslos und für die Jugendlichen wirkungsvoll zu gestalten, hat es sich als hilfreich erwiesen, sich für regelmäßige Teamsitzungen viel Zeit zu nehmen. Wir brauchen dafür einen Nachmittag pro Woche, und dabei kann es schon auch mal Abend werden. Neben der Planung von organisatorischen Belangen werden vor allem Jugendliche besprochen und der laufende Unterricht auf seine „Nachhaltigkeit“ überprüft. In einem vertrauensvollen Umfeld ist es möglich, Ideen auszutauschen und auch Kritik zu geben und zu nehmen, ohne das Gesicht zu verlieren. Außer im Großteam findet die Planung je nach Bedarf auch in kleineren Arbeitsgruppen statt, die ihre Ergebnisse allen vorstellen. Autorin/Autor Barbara Weidinger, Martin Müller seit 2004 als Coaches im Berufsvorbereitungslehrgang „JOBFIT“ am SPZ 2, Holzhausergasse 5-7 tätig 44 Elisabeth Penz-Feil Klimaschutz für Kinder und Jugendliche Grundlagen für einen respektvollen Umgang miteinander und für die Entwicklung einer positiven Verhaltenskultur Dieser Beitrag ist bereits erschienen: Erwin Rauscher (Hg.) Schulkultur – Schuldemokratie, Gewaltprävention, Verhaltenskultur, Pädagogik für Niederösterreich, Band 3, 2009 Ausgehend von langjährigen Erfahrungen in der schulpsychologischen Einzelfallarbeit sowie in der schulpsychologischen Projektarbeit an Schulen sollen wesentlich erscheinende Aspekte von förderlichen Bedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen herausgearbeitet werden. Die Notwendigkeit einer effizienten Zusammenarbeit und die wechselseitige Ergänzung der beiden Systeme Familie und Schule zur Förderung einer positiven Verhaltenskultur in Schulklassen wird am Beispiel Mobbing thematisiert. 1. „Der ganz normale Wahnsinn“ oder „Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohl fühlt, obwohl es uns allen so gut geht.“1 Ohne Frage ist eine Kindheit in Österreich nicht mit der Kindheit eines Mädchens oder Buben aus anderen Regionen dieser Erde zu vergleichen, wo z.B. der Einsatz als Kindersoldat, Kinderprostitution, Kinderarbeit, Obdachlosigkeit und Hunger alltäglich sind. Trotz der UNO-Konvention über die Rechte des Kindes 2 aus dem Jahr 1989 ist ein weltweiter Schutz dieser Vereinbarungen keinesfalls gesichert und dringend einzufordern. Wie die tägliche Arbeit mit Kindern, Eltern und Lehrer/innen in der schulpsychologischen Praxis zeigt, gibt es aber in unseren Breitegraden ebenfalls Handlungsbedarf, wenn auch auf einer anderen Ebene. Verallgemeinerungen über die Kindheit und die Jugend in Österreich sind aufgrund der großen Variabilität nicht möglich. Kindern und Jugendlichen, die an der Armutsgrenze leben und/oder aufgrund eines wenig förderlichen Milieus frühzeitig ihrer Chancen beraubt werden, stehen Buben und Mädchen gegenüber, die gar nicht mehr wissen, was sie mit all ihren materiellen Gütern anfangen sollen. Deren Karriereplanung durch die Eltern beginnt bereits im Kindergartenalter. Schüler/innen, deren beruflich erfolgreiche Eltern mit ihnen zwischen Abendessen und zu Bett gehen eine Stunde quality time3 verbringen, während sämtliche anderen Aufgaben gut organisiert und an entsprechendes Personal delegiert werden, treffen mit Schüler/innen aufeinander, deren Eltern bzw. Alleinerzieher/innen ganz andere Arbeitsbedingungen haben. Diese können unter Umständen aufgrund eines 1 Titel einer dt. Fernsehserie (Serienstart 1979) 2 Uno-Konvention über die Rechte des Kindes: http://www.kinderhabenrechte.at 3 Iris Radisch: Die Schule der Frauen - Wie wir die Familie neu erfinden, München 2007, S. 178 45 niedrigen Einkommens weder familiäre Aufgaben delegieren noch entsprechend Zeit und Kraft für ihre Elternrolle finden. Quer durch alle Gesellschaftsschichten sind auch in Österreich Kinder und Jugendliche von Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt betroffen. Dazu kommen die Übergriffe der Werbeindustrie und noch gravierender die massiven Übergriffe durch Internet, Fernsehen und Computerspiele. Trotz der vielen unbestreitbaren Fortschritte gibt es demnach jede Menge Stolpersteine für die Heranwachsenden. Aufgrund der komplexen Herausforderungen, denen sich heute alle stellen müssen, gewinnt der Faktor Zeit und sein Mangel eine andere Dimension im Umgang mit Kindern als früher, als Zeit genauso wenig zur Verfügung stand. Wegen anderer gesellschaftlicher Rahmenbedingungen spielte das aber nicht die gleiche Rolle wie heute. Mit unterschiedlichem Erfolg passen sich die Kinder und Jugendlichen an die gesellschaftlichen Bedingungen an. Wie die Shell Jugendstudie4 aus dem Jahr 2002 zeigt, gibt es relativ viele Jugendliche, die trotz Spaß- und Konsumgesellschaft zum Leistungswettbewerb stehen. Nach einer Studie von Eder geht auch der Großteil der Schüler/innen gern zur Schule. Die Freude an der Schule sinkt aber genau wie die Bildungsmotivation mit dem Anstieg der Schulstufe. 5 Daneben gibt es aber auch diejenigen, die auf die Anforderungen mit Resignation und Apathie oder mit eher aggressiven Verhaltensweisen reagieren. Zu viele sind überfordert und fühlen sich alleingelassen. In der schulpsychologischen Arbeit fällt auf, dass Kinder und Jugendliche, die an die Beratungsstelle kommen häufig unter einem starken (Leistungs-)Druck stehen. Während Eltern und Lehrer/innen öfters mutmaßen, dass den Buben und Mädchen die (nicht nur) in der Schule auftretenden Schwierigkeiten ziemlich egal sind, zeigt sich im persönlichen Gespräch bzw. bei den angewandten Testverfahren und Fragebögen ein ganz anderes Bild. Dieses deckt sich weitgehend mit dem Ergebnis einer Studie des Österreichischen Jugendrotkreuzes6 aus dem Jahr 2007. Dabei gaben die befragten Jugendlichen an, dass der größte Druck in ihrem Leben durch die Schule entsteht (75 %). Häufig erzeugt die hohe Erwartungshaltung der Eltern Stress (angesichts des Umstandes, dass ein geringeres Bildungsniveau die beruflichen Aussichten massiv einschränkt, ist es jedoch nicht verwunderlich, wenn Eltern die Zukunftschancen ihrer Kinder wahren möchten). Neben der Leistungsproblematik in all ihren Facetten sind natürlich auch Verhaltensauffälligkeiten sowie emotionale Probleme (Ängste, depressive Verstimmtheiten etc.) und persönliche Konflikte häufige schulpsychologische Fragestellungen. Sowohl die Arbeit mit einzelnen Kindern und Jugendlichen als auch mit Klassen weist darauf hin, dass in den Lebensumfeldern von verhältnismäßig vielen Kindern und Jugendlichen ein Änderungsbedarf, auch hinsichtlich der klimatischen Bedingungen, besteht.7 4 5 6 7 Shellstudie 2002, http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Jugendforschung/5_748.html) Ferdinand Eder: Das Befinden von Kindern und Jugendlichen in der österreichischen Schule, Salzburg 2006 Studie des österreichischen Jugendrotkreuzes 2007: http://www.jugendrotkreuz.at „Weltweit, d. h. auch in den EU-Ländern, leiden derzeit rund 20% aller 8-18-jährigen Kindern und Jugendlichen an einer psychischen Krankheit … Harmlosere, aber gleichwohl nicht zu verharmlosende psychische Leiden werden hingegen für weit größere Gruppen von Kindern und Jugendliche berichtet.“ Expert/innenworkshop zum Thema „Seelische Gesundheit im schulischen Setting“, 2006. http:// www.hbsc.org 46 2. „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer.“8 Die Familie ist für Kinder das erste und sicher bedeutsamste Lebensumfeld in seiner ganzen Komplexität. Bezogen auf die vorliegende Thematik soll in erster Linie darauf eingegangen werden, welche familiären Bedingungen aus heutiger psychologischer Sicht besonders förderlich für die Entwicklung und das Verhalten von Kindern und Jugendlichen sind: nämlich emotionale Wärme, Interesse, eine respektvolle Kommunikation, Wertschätzung, soziale Anerkennung, Vertrauen und Verständnis, sowie eine konstruktive Konfliktbearbeitung. Daneben ist es wichtig, dass den Kindern ein Erfahrungs- und Erlebnisraum zur Verfügung gestellt wird, wodurch zusätzlich wichtige Impulse für die Lern- und Bildungsmotivation sowie die Selbst- und Sozialkompetenz gegeben werden (gemeinsame Unternehmungen, Feste, Sport, Spiel, etc.). Eine zeitgemäße Antwort auf die Verunsicherung, die viele Väter und Mütter in der Erziehung erleben, gibt z.B. auch Juul9, ein dänischer Familientherapeut. Der Titel seines Buches „Nein aus Liebe“ mit dem Untertitel „Klare Eltern – starke Kinder“ ist sozusagen Programm. Er sieht in der Fähigkeit, Kindern und Jugendlichen ein authentisches Nein entgegenzusetzen, und damit auf die eigenen Bedürfnisse zu achten ohne die Bedürfnisse des Kindes zu vergessen, einen wesentlichen Aspekt für eine gute Führerschaft. Diese gibt den Kindern Halt und Sicherheit und gewährleistet eine gleichwürdige Beziehung. Unter dieser gleichwürdigen Beziehung versteht er, dass beiden Teilen die gleiche Würde zugestanden wird, nicht aber eine Gleichwertigkeit in dem Sinn, dass Kinder und Eltern die gleichen Rechte und Pflichten hätten (insoweit stimmt er mit Winterhoff 10 überein, der in einer falsch verstandenen Partnerschaftlichkeit in der Erziehung eine der wesentlichen Ursachen für die Schwierigkeiten von heutigen Kindern sieht, da sie dadurch maßlos überfordert werden). Im Familienalltag ist es aus den unterschiedlichsten Gründen jedoch nicht einfach ein wirklich förderliches Familienklima zu schaffen. Zu den erschwerenden Faktoren gehören neben den gesellschaftlichen Bedingungen die vielfältigen individuellen Faktoren. Es zeigt sich immer wieder, dass Eltern sich überfordert fühlen und darauf auf sehr unterschiedliche Weise reagieren. Während z.B. die einen zur Überbehütung neigen und auch bei verhältnismäßig geringfügigen Schwierigkeiten Fachleute aufsuchen und Diagnosen sammeln, wird in anderen Familien mehr geschimpft und sogar geschlagen (Wenn Kinder und Jugendliche durch einen Mangel an Fürsorge bzw. durch die Inkompetenz der Eltern ernsthaft gefährdet sind, benötigen sie die Unterstützung durch die Jugendwohlfahrt). In den gemeinsamen Gesprächen mit Eltern und Kindern bzw. Jugendlichen in der Beratungssituation kann häufig beobachtet werden, wie sehr der Bereich Schule in das Familienleben hineinreicht. Dadurch kann das Familienklima durchaus vor eine Zerreißprobe gestellt werden. In manchen Familien ist die Schule das einzige gemeinsame, meistens negativ besetzte Thema. Da geht es um stundenlanges Üben bzw. 8 Heimito von Doderer: Ein Mord den jeder begeht, München 1984, S. 5 9 Jesper Juul: Nein aus Liebe. Klare Eltern – Starke Kinder, München 2006 10 Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit, München 2009 47 autodidakte Nachhilfestunden, um wiederholtes, meist zweckloses Schimpfen und Ermahnen wegen des Widerstands der Kinder und Jugendlichen, die schulischen Pflichten zu Hause zu erfüllen, um Verzweiflung wegen schlechter Noten (mit und ohne Lernen bzw. Üben), um die übernommene Verpflichtung, die Kinder wegen schlechter Mitteilungen (im Mitteilungsheft oder per Telefon) zu bestrafen, etc. Dadurch kommen die für die biologische Funktionstüchtigkeit unserer Motivationssysteme wesentlichen Aspekte wie (echtes) Interesse, Anerkennung und Wertschätzung eindeutig zu kurz. 11 Mögliche Folgen wie z.B. eine erhöhte Aggressionsbereitschaft und Leistungsverweigerung zeigen, wie kontraproduktiv ein solcher Zugang bezüglich des (Leistungs-)Verhaltens der Kinder und Jugendlichen in der Schule sein kann. Figdor weist darauf hin, dass die Schule zwar ein wichtiger Teil des kindlichen Lebens ist, dass sie aber das Leben und die für seine Entwicklung bedeutsamen Erfahrungen nicht beherrschen darf. Er plädiert für eine ziemlich strikte Trennung von Schule und Familienleben. Das schließt natürlich auch für ihn Interesse für schulische Belange, die Anerkennung von Leistung und die emotionale Unterstützung nicht aus. Die oft nötigen Förderungen und Lernunterstützungen sollten seiner Meinung nach aber etwas Zusätzliches, jedoch keine Voraussetzung für schulischen Erfolg sein. 12 Auf den Aspekt, dass Kinder und Jugendliche in der Schule benachteiligt sind, wenn deren Mütter, Väter oder andere Bezugspersonen sie beim Lernen nicht unterstützen können oder wollen, wird an dieser Stelle hingewiesen. Eltern, vorwiegend sind es Mütter, die eine schulpsychologische Beratung in Anspruch nehmen, sorgen sich um ihre Kinder, meist auch die, die nicht aus eigenem Antrieb kommen sondern von der Schule geschickt werden (manche Eltern, die glaubhaft um das Wohl ihrer Söhne und Töchter besorgt sind, können allerdings ihr tatsächliches Bemühen der Schule zu wenig vermitteln). Nicht wenige sind sogar überbesorgt. Es gibt aber daneben eine andere Realität, die Lehrer/innen häufig erleben. So wie Eltern durch die Verantwortung für den Schulerfolg und das Verhalten ihrer Söhne und Töchter in der Schule überlastet sein können, so klagen Lehrer/innen immer wieder, dass viele Eltern sich um nichts kümmern, alles an die Schule delegieren möchten und zum Teil maßlose Forderungen stellen. Manchmal ähnelt dies einem Ping-Pong-Spiel, bei dem sich im schlimmsten Fall beide Seiten Inkompetenz vorhalten. 11 Joachim Bauer: Lob der Schule – Sieben Perspektiven für Schüler, Lehrer und Eltern, Hamburg 2007, S. 19 ff 12 Helmuth Figdor: Praxis der psychoanalytischen Pädagogik II, Vorträge und Aufsätze, Gießen 2007, Kapitel 8: „Schulprobleme oder Problemschule?“ Kritische Anmerkungen zur gegenwärtigen Schule und Schulpädagogik, S. 222: „Beides, die Delegation der Verantwortung für den Schulerfolg als auch für das Betragen der Kinder an die Eltern, führt zwangsläufig dazu, dass sich die schulischen Probleme und Konflikte in das familiäre Leben hinein fortsetzen. Und es führt dazu, dass die Kinder den Eindruck erhalten, die Eltern stünden nicht mehr zu ihnen, sondern auf der Seite der Schule, was zu einer u. U. massiven Belastung der familiären Liebesbeziehungen führen kann und damit zu einer wesentlichen Beeinträchtigung des für die Entwicklung des Kindes so wichtigen Gefühls, geliebt und geborgen zu sein.“ 48 3. „Lehren bedeutet nicht ein Fass zu füllen, sondern ein Licht anzuzünden.“13 Das Schulklima steht wie das Familienklima in einem engen Zusammenhang mit der physischen und psychischen Gesundheit sowie dem Verhalten von Schüler/innen. Ein positives Schulklima reduziert generell das Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten.14 Die Bedingungen für ein gutes Schulklima unterscheiden sich im Wesentlichen von den förderlichen Faktoren des Familienklimas durch den professionellen Zugang. Ansonsten sind persönliche Wertschätzung, soziale Anerkennung, Interesse, ein respektvoller Umgang, sowie eine positive Gesprächs- und Konfliktkultur hier wie da wichtig. Unterstützung für die Bedeutung solcher soft skills erhalten Psychologinnen und Psychologen durch die Neurobiologie. Bauer führt in dem Buch „Lob der Schule“ aus, dass Faktoren wie Motivation, kooperatives Verhalten und Beziehungsgestaltung neurobiologisch verankert sind. Er weist darauf hin, dass alles schulische Lernen und Lehren in ein interaktives und dialogisches Beziehungsgeschehen eingebettet ist. Eine gelingende Beziehungsgestaltung ist für ihn die zwingende Voraussetzung für den Bildungsprozess. Die Vorbildwirkung durch die Erwachsenen spielt dabei eine ebenso bedeutende Rolle wie die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche von ihren Eltern, Lehrer/innen und sonstigen Bezugspersonen wahrgenommen werden. Dadurch können Kinder und Jugendliche nicht nur erkennen, wer sie selbst sind, sondern auch worin ihre Potentiale und Entwicklungsmöglichkeiten liegen (Spiegelung). Allerdings nur dann, wenn sich dieses Feedback nicht nur auf Mängel oder negative Eigenschaften bezieht.15 Für gelingende Beziehungen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen ist auch ein entsprechendes Maß an Führung nötig (vor allem schwierige Klassen benötigen besonders viel Führung, Klarheit und Struktur). Bauer betont, wie wichtig es ist, Werthaltungen zu vertreten, Ziele zu formulieren, die Schüler/innen zu fordern, auch Kritik zu üben aber gleichzeitig Mut zu machen und die Anstrengungen der Schüler/innen zu unterstützen. 16 Für Kinder und Jugendliche aus einem sozial schwachen bzw. eher bildungsfernen Milieu stellt die Unterstützung durch Lehrer/innen ein wesentliches kompensatorisches Element dar. Um ein gutes Schulklima zu entwickeln, sind die Anstrengungen sowohl der Direktion, der Lehrer/innen und Schüler/innen sowie die Mitarbeit der Eltern nötig. Eine positive Verbindung zum Elternhaus herzustellen ist besonders hilfreich bei wichtigen Anliegen (z.B. Mitarbeit bei Gewaltpräventionsprojekten, zur optimalen Förderung der Schülerin/des Schülers, etc.) und beim Auftreten von ernsten Schwierigkeiten. Ein gelingendes Elterngespräch kann entscheidend sein, um Situationen zu verbessern und 13 Zitat von Heraklit (550 v. Chr. - 480 v. Chr.) 14 Siehe http//www.hsbc.org bzw. www.univie.ac.at/lbimgs/projekte/fb4.html 15 Joachim Bauer, 2007, S. 27 ff :“…Ausstrahlung entwickeln und eine Vorbildfunktion erfüllen kann als Erwachsener aber nur, wer als Person vital auftritt, das Leben liebt, wer weiß, wie man Probleme löst, sich für Ziele begeistern kann, und für Lebensstile eintritt, die er oder sie für richtig hält. Dabei muss sie oder er zugleich menschlich bleiben, darf also keine Gewalt ausüben, andere nicht demütigen und eigene Schwächen nicht verleugnen. Eltern und Pädagogen mit solchen Eigenschaften dürfen eine Menge menschlicher „Fehler“ haben, denn viel wichtiger als Perfektion ist, dass von ihnen etwas Einzigartiges Ausgeht: Sie erzeugen – über das System der Spiegelzellen – im Kind bzw. im Jugendlichen Resonanz, sie können eine Flamme entfachen und Begeisterung entzünden.“ 16 A. a. O. S. 54 49 im besten Fall auch eher bildungsferne Eltern zu gewinnen. Wer respektvoll behandelt wird, lässt sich eher auf eine konstruktive Kooperation ein als jemand der abgekanzelt wird. Wer erfährt, dass das eigene Kind in seiner Gesamtheit, also auch mit seinen positiven Seiten gesehen wird, ist eher bereit über dessen Schwierigkeiten zu sprechen und Veränderungswünsche zu akzeptieren als jemand, dem gleich zu Beginn des Gesprächs nur Negatives mitgeteilt wird. Konflikte innerhalb eines Systems, in dem sich so viele Menschen gegenüberstehen sind erwartungsgemäß Alltagsrealität und sollten nicht unter den Tisch gekehrt werden. Offenheit, gegenseitiger Respekt und eine positive Konfliktkultur sind für ein Schulklima so maßgeblich, dass man ohne Übertreibung das Vorhandensein oder den Mangel daran als Außenstehende/r bereits beim Eintreten in das Schulhaus spürt. Dort wo Schwierigkeiten auftreten, die das positive Schulklima massiv gefährden und/oder die pädagogischen Möglichkeiten überschreiten, sollten ausreichend personelle und zeitliche Ressourcen sowie ergänzende Unterstützungssysteme zur Verfügung stehen. Es führt zwangsläufig zu einer Überforderung, wenn eine Lehrkraft sozusagen in einer Person, alle Aufgaben, die die Gesellschaft in ihrer heutigen Form an die Schule stellt und die den bisherigen Lehrauftrag bei weitem überschreiten können, übernehmen muss. Schule als Ort der Begegnung und des Lernens sollte die Bedürfnisse der Jetztzeit ernst nehmen und darauf effizient reagieren, ohne dass immer mehr Lehrer/innen unter einem Burnout-Syndrom leiden.17 Sowohl Familie als auch Schule benötigen zeitgemäße und nicht nach rückwärts gewandte Antworten auf die derzeit bestehenden Herausforderungen. 4. „Echt Klasse“ Klassen entwickeln aufgrund ihrer Zusammensetzung eine eigene, durchaus immer wieder veränderbare Dynamik. Diese kann individuelle Schwierigkeiten von Einzelnen neutralisieren oder verstärken. Es ist aus schulpsychologischer Sicht daher wichtig, auch in den Klassen Maßnahmen zu setzen, damit sich eine gute Klassengemeinschaft bzw. ein gutes Klassenklima entwickelt. Damit werden auch die emotionalen Voraussetzungen für ein effizientes gemeinsames Lernen gewährleistet. Sämtliche Aspekte des Sozialen Lernens bieten dafür eine solide Grundlage und sind auch wesentliches Element jeder Gewaltprävention. In Anlehnung an Ruth Mitschka18 handelt es sich beim Sozialen Lernen um bewusst in Gang gesetzte Lernprozesse, die die Selbst,- Sozial- und Sachkompetenz fördern sollen. Dem Umstand, dass die Klassensituationen zunehmend als schwieriger empfundenen werden bzw. die Arbeit am Klassenklima immer mehr an Bedeutung gewinnt, versucht die Niederösterreichische Schulpsychologie gerecht zu werden und bietet das Projekt klasse:team (unter Berücksichtigung der begrenzten personellen und zeitlichen Ressourcen) an. Ziel dieses Projekts ist es, Impulse für die Weiterentwicklung der Klassengemeinschaft zu geben. Dabei werden Interaktionsübungen, Rollenspiele, Einzel-, 17 HBSC-Studie zur Lehrergesundheit im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur, Wien 2007. 18 Ruth Mitschka: Die Klasse als Team. Ein Wegweiser zum Sozialen Lernen in der Sekundarstufe. Linz 1997. 50 Partner- und Gruppenarbeiten durchgeführt. Ein besonderes Anliegen ist ein Transfer der gesetzten Impulse durch die Lehrer/innen in den Schulalltag. So ein Projekt stellt in gewisser Weise eine Ausnahmesituation dar. Es gibt aber trotzdem einen guten Einblick über die Dynamik in Klassen. Erwartungsgemäß sind Klassen sehr unterschiedlich. Manche Klassen fallen verhaltensmäßig kaum auf, in anderen gibt es eine kleine Gruppe von auffälligen Kindern bzw. Jugendlichen und wieder andere sind in ihrer Gesamtheit eine echte Herausforderung. Abgesehen davon, dass in manchen Klassen egal welcher Altersstufe, das Zuhören und Ausreden lassen nur schwer gelingt, haben die Schüler/innen großes Interesse über ihre Klassensituation zu diskutieren und machen meistens engagiert mit. Zur Klassendiagnose bieten sich Methoden, wie z.B. die Raumdiagonale an. Durch die Aufstellung entlang einer gedachten Linie durch den Klassenraum, mit den Eckpunkten positiv und negativ, kann man den momentanen emotionalen Zustand von Klassen recht gut visualisieren. Erwartungsgemäß stellen sich in den meisten Fällen viele Schüler/innen in den mittleren Bereich. Es gibt aber auch Klassen, in denen es der Mehrheit schlecht bzw. gut geht. Freundschaft ist ein bedeutsamer Wohlfühlfaktor, unabhängig von der übrigen Klassengemeinschaft. Dies zeigt sich auch bei einer weiteren Methode zur Klassendiagnostik (Schauppmethode19), bei der ermittelt wird, was den Schüler/innen in Klassen gefällt, bzw. nicht gefällt. Dabei gibt es in den verschiedenen Klassen eine recht große Übereinstimmung. Als positiv werden hauptsächlich gute Freundinnen und Freunde, Klassengemeinschaft, Spaß und Hilfsbereitschaft, genannt (obwohl es gar nicht so selten vorkommt, dass den Schüler/innen einer Klasse kaum etwas Positives einfällt). Sehr häufig ist der Spaßfaktor für viele Schüler/innen besonders wichtig. Er scheint auch manche Klassen auf eine gewisse Weise zusammenzuhalten. Er kippt aber sehr leicht, da er oft nur an der Oberfläche lustig ist. In vielen Fällen geht der Spaß auf Kosten von Mitschüler/innen (auch Lehrer/innen), ist beleidigend und versucht die in den Klassen schwelenden Konflikte zu vertuschen. Kritisiert werden vorwiegend eine zu hohe Lautstärke, Raufen (je älter die Schüler/innen sind umso weniger spielen physische Attacken eine Rolle), Verarschen, Petzen, Schleimen, Strebern und Ausgrenzen. Interessant ist der Zugang zum Thema Regeln. Es entsteht immer wieder der Eindruck, dass sie nicht wirklich ernst genommen werden. Hin und wieder fällt auf, dass auch bei gravierenderen Regelverstößen das Unrechtsbewusstsein fehlt. Bedauerlich sind die weit verbreitete vulgäre Umgangssprache und eine immer wieder zu beobachtende Brutalität im Umgang. Die meisten Schüler/innen sind an positiven Veränderungen interessiert (mit Klassen, in denen dies nicht der Fall ist, ist es kaum möglich an konstruktiven Veränderungsschritten zu arbeiten). Es ist bemerkenswert, wie genau Kinder und Jugendliche herausarbeiten können, was zu ändern ist. Ganze Plakate werden gestaltet auf denen u. a. von 19 In einem ersten Durchgang können die Schüler/innen persönlich mitteilen, was ihnen an ihrer Klasse/Schule gefällt. In der nächsten Runde werden die negativen Aspekte der Klassengemeinschaft anonym vorgelesen und zuletzt geht es um die Erarbeitung von Veränderungsschritten. 51 gegenseitigem Respekt, Akzeptanz und Rücksicht zu lesen ist, und dass auch bisher ausgegrenzte Schüler/innen in die Klassengemeinschaft integriert werden sollten. Die Mädchen und Buben wissen es und wollen es. An der Umsetzung scheitert es jedoch oft. Die Schwierigkeit, die immer wieder beobachtet wird, die sozialen Lernprozesse auch nachhaltig zu verankern, verdeutlicht, dass punktuelle Interventionen wirklich nur einen Mosaikstein, einen Impuls darstellen können, aber unbedingt einer kontinuierlichen Weiterarbeit bedürfen. In diesem Zusammenhang benötigen Lehrer/innen, besonders Klassenvorstände entsprechende zeitliche Ressourcen. 4.1. „Ene Mene Muh und raus bist du…“20 Spätestens beim Auftreten von Mobbing in einer Klasse (im schulischen Kontext wird stattdessen oft der Begriff Bullying aus dem angloamerikanischen Raum verwendet) ist das Klassenklima zu hinterfragen. Schulpsychologinnen und Schulpsychologen werden zunehmend damit konfrontiert, dass Kinder und Jugendliche an die Beratungsstellen kommen, da sie zum Teil gravierende Schwierigkeiten mit ihren Mitschüler/innen haben. Auch die Einladungen zu einem Projekttag erfolgen sehr häufig in diesem Zusammenhang. Untersuchungen zur Häufigkeit von Mobbing bestätigen diese Beobachtung aus der Praxis. Demnach sind in Österreich etwa 12 % der Kinder und Jugendlichen davon betroffen.21 Mobbing könnte man als die ganz alltägliche Gewalt an Schulen bezeichnen. Mobbing bedeutet, dass eine Schülerin oder ein Schüler wiederholt und über einen längeren Zeitraum den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler/innen ausgesetzt ist. 22 Dabei handelt es sich nicht um die altersgemäßen Konflikte und Streitereien, die einfach bei Kindern und Jugendlichen vorkommen. Das Wesentliche dabei ist, dass Schüler/innen aus unterschiedlichen Gründen (z.B. um sich abzureagieren, aus Langeweile oder Frust, um Machtbedürfnisse auszuleben) eine/n sich in einer schwächeren Position befindlichen Mitschüler/in hänseln, abwerten, bloßstellen, schikanieren, ausgrenzen, ignorieren, etc. Die Steigerung durch die öffentlichen Demütigungen im Internet oder mittels Handy ist besonders erschreckend. Es besteht ein Ungleichgewicht und die Betroffenen 23 können es sich selber nicht mehr richten, was ihnen von den Erwachsenen immer wieder vorgeschlagen wird („Wehr dich doch!“, „Da mische ich mich nicht ein.“). Kinder und Jugendliche, die gemobbt werden brauchen aber dringend Unterstützung. Wenn die Problematik nicht wahrgenommen oder nicht ernst genommen bzw. falsch eingeschätzt wird, kann es zu schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen kommen. So wird oft über psychosomatische Beschwerden wie z.B. Schlafstörungen, Übelkeit, Bauchschmerzen und Kopfweh geklagt. Da die belastende Klassensituation sehr viel Energie fordert, bleibt weniger Kraft für die 20 Beginn eines alten Kinderreims 21 HBSC Factsheet Nr. 5: Bullying und Gewalt von Schülerinnen und Schülern, Wien 2002, nähere Informationen unter http://www.hbsc.org 22 Dan Olweus: Gewalt in der Schule. Was Lehrer und Eltern wissen sollten – und tun können, Bern 2002, S. 22 23 Von der Etikettierung Opfer-Täter/in wird bewusst Abstand genommen. Es geht in erster Linie darum, dass die Kinder bzw. Jugendlichen zukünftig wieder in einer akzeptablen Weise miteinander umgehen können. Eine starre Rollenverteilung ist dem Veränderungsprozess nicht unbedingt dienlich. 52 Leistungsanforderungen über und die schulischen Leistungen können abfallen. Ängstliche und aggressive Tendenzen können sich verstärken. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen verlieren immer mehr an Selbstwert, Selbstvertrauen und Lebensfreude.24 Wesentlich ist, dass Mobbing jeden Menschen treffen kann und die Ursachen dafür nicht bei den Betroffenen zu suchen sind, was nach wie vor immer wieder geschieht. Wenn man sich mit der Thematik ernsthaft beschäftigt, tritt die Frage nach den Merkmalen von Betroffenen (die meistens gar nicht so verschieden von denen der Mobber/innen sind) sehr zurück. Wie die jahrelangen Erfahrungen mit Mobbing unter Schülerinnen und Schülern zeigt, gibt es immer wieder Klassen, die dafür weitaus anfälliger sind als andere. Grund dafür ist, dass die Ursachen von Mobbing in gruppendynamischen Aspekten und einer gestörten Kommunikation liegen. Auch der participation role approach von Salmivalli betont das systematische Zusammenspiel der ganzen Klasse. Dabei wies sie nach, dass bei Mobbingvorfällen, neben den unmittelbar Beteiligten, 87 % der Schüler/innen eine von vier weiteren typischen Rollen zugeordnet werden kann (Assistent/in und Unterstützer/in, Verteidiger/in und Außenstehende/r).25 Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Mobbing als Klassenphänomen und nicht nur als individuelles Problem zu sehen. Mobbing unter Schülerinnen und Schülern muss deshalb vorrangig dort bearbeitet werden, wo es entsteht, nämlich in der Schule. Eine generelle Voraussetzung für entsprechende Maßnahmen auf der Schulebene ist ein klares Bekenntnis gegen jede Form von Gewalt. Gewalt bzw. Mobbing ist auch in Österreich Anlass und Motor für Initiativen, die Interventionen bzw. präventive Maßnahmen für ein positives Schul- und Klassenklima fordern und fördern (z.B. strukturelle Maßnahmen, das Vereinbaren von Schulregeln und das gemeinsame Erarbeiten von Konsequenzen bei Regelverstößen durch die Schulpartner/innen, das Unterstützen von entsprechender Lehrer/innenfortbildung, die Förderung der Zusammenarbeit Schule-Eltern, Soziales Lernen, Peermediation, etc.).26 Die Entscheidung, welche Maßnahmen auf der Klassenebene und auf der individuellen Ebene getroffen werden müssen, hängt von der jeweiligen Mobbingsituation ab. In vielen Fällen erfahren Eltern und Lehrer/innen eher spät davon, wodurch sich die Situation schon ziemlich verfestigt haben kann. Nach sensibel eingeholten Informationen (z.B. möchten manche der Betroffenen anfangs gar keine Klassenintervention, da sie dadurch eine weitere Verschlechterung ihrer Situation befürchten) können z.B. auf der Klassenebene Klassengespräche und/oder Klassenprojekte und/oder Mediationsgespräche (eventuell Peermediation) und Elternabende hilfreich sein. Ansätze, die mit sogenannten Unterstützergruppen arbeiten, die Schüler/innen einbeziehen, die die Rolle von Außenstehenden (bzw. Zuschauer/innen) innehaben, sind erfolgversprechend. Auch Sanktionen (z.B. Klassenwechsel, Suspendierung bzw. Schulausschluss) sind bei gravierenden Fällen unter Umständen nötig, wenn Mobbing nicht anders beendet werden kann. 24 Elisabeth Penz-Feil: Wege aus dem Mobbing. Ein Maßnahmenpaket für Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen, unveröffentlichte Seminarunterlage bzw. Handreichung für Betroffene, Wien 2008 25 Christina Salmivalli et al.: Bullying as a group process: Participant roles and their relations to social status within the group. Aggressive Behavior, 22(1), 1-5 26 Eine Liste von empfehlenswerten Gewaltpräventionsprojekten findet sich unter http://www.lsrnoe.gv.at/file/Praeventionsarbeit_in_NOE_Homepage(1).pdf 53 Die Arbeit auf der individuellen Ebene darf trotz des systemischen Ansatzes nicht zu kurz kommen. Wenn sich Eltern oder Schüler/innen nicht an die Lehrer/innen oder die Schulleitung wenden, weil sie sich in der Schule keine Hilfe erwarten, ist es auch die einzige Möglichkeit hier anzusetzen. Im Hinblick auf den ursächlichen Zusammenhang mit der Klassensituation ist eine Kooperation mit der Schule aber unbedingt anzustreben. Wichtig ist, dass die Bezugspersonen Verständnis zeigen, die Problematik ernstnehmen, für positive Erfahrungen außerhalb der Schule sorgen und vor allem Halt geben und Beistand leisten. Dazu gehört in manchen Fällen auch die Inanspruchnahme einer professionellen Beratung und Betreuung. Ein Schwerpunkt bei der Betreuung und Begleitung von Betroffenen ist die Stärkung ihres Selbstwerts. Wenn die Schwierigkeiten unüberwindlich scheinen ist ein Klassenwechsel angezeigt. Auch mit denjenigen, die Mobbing betreiben und deren Eltern sind die Ursachen für das nicht akzeptable Verhalten und die nötigen Veränderungsschritte zu besprechen. Manchmal kann Mobbing rasch beendet werden. Je ungünstiger das Schul-, Klassen- und Familienklima rund um die Beteiligten ist, je länger die Mobbingprozesse schon andauern und je unzugänglicher diese Schüler/innen sind, umso mühsamer und langwieriger kann es jedoch sein, dem Mobbing eine Ende zu bereiten.27 Im Hinblick auf die gravierenden Folgen für die Betroffenen aber auch um die richtigen Signale an die gar nicht so unbeteiligten Mitschüler/innen zu senden, ist es in jedem Fall eine Verpflichtung gegen Mobbing in der Schule vorzugehen. 27 Elisabeth Penz-Feil, 2008: In der schulpsychologischen Praxis hat sich bestätigt, dass diejenigen, die Mobbing betreiben, sich dafür Partner/innen aussuchen, von denen sie keine bedrohlichen Gegenreaktionen erwarten. Die folgende Unterteilung ist hilfreich bei der Wahl der entsprechenden Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen. Es haben sich im Wesentlichen drei Gruppen als geeignet herauskristallisiert: (1) Mobbing kann Kinder und Jugendliche unabhängig von ihrer tatsächlichen Persönlichkeit treffen. Für die Ablehnung werden u.a. „künstliche“ Argumente herangezogen. Zu diesen Betroffenen können z.B. „Neue“, Ausländer/innen, besonders begabte (z.B. ein junger Geigenvirtuose unter Fußballfans), unmodische, etc. gehören. Ihre Eignung ergibt sich daraus, dass sie aus irgendeinem Grund in der Minderheit und dadurch ungefährlich sind. (2) Mobbing kann Kinder und Jugendliche aufgrund ihrer ängstlichen Persönlichkeitsstruktur treffen. Kinder und Jugendliche, die ängstlich, unsicher und zurückhaltend auftreten oder durch eine Krisensituation geschwächt sind, zeigen ihre Grenzen zu wenig auf, wehren sich nicht und sind dadurch keine Gefahr. (3) Mobbing kann Kinder und Jugendliche mit einer geringen Sozialkompetenz treffen. Schon als kleine Kinder können diese Buben und Mädchen nicht in angemessener Weise auf andere, besonders Gleichaltrige, zugehen und reagieren. Sie erleben schon früh Ablehnung und/oder Ausgrenzung und manövrieren sich z.B. durch aggressives Verhalten immer wieder ins Out. Die häufig erlebten Zurückweisungen und die bereits eingeengte, selektive Wahrnehmung halten einen Teufelskreis aufrecht, der sie oft ausrasten lässt. Diese mangelnde Effizienz im Umgang mit anderen und der Umstand, dass sie meistens auch die Lehrkräfte gegen sich haben, macht sie für Mobbing sehr geeignet. Manchmal ‚rächen` sie sich, indem sie selbst andere mobben. Natürlich gibt es auch bei diesem Differenzierungsversuch Überschneidungen. Jemand der z.B. zurückhaltend und ängstlich ist und dazu keine entsprechenden sozialen Kompetenzen hat erfährt häufig Ablehnung. Obwohl so jemand für seine Umgebung zwar ruhig und unauffällig erscheint, staut sich in seinem Inneren immer mehr ohnmächtige Wut auf, die sich dann zur Überraschung aller irgendwann fatal entladen kann. Wenn die letztgenannten Kinder und Jugendlichen auf Mobber/innen stoßen, die selbst große psychische Schwierigkeiten haben, werden die Maßnahmen gegen Mobbing sehr erschwert. 54 5. „Es ist besser ein kleines Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.“28 Das Anliegen der vorliegenden Ausführungen war es, auch aus schulpsychologischer Sicht auf die elementare Bedeutung von Schul-, Klassen- und Familienklima für die Verhaltenskultur in Schulen hinzuweisen. Wie das Beispiel Mobbing gut zeigt, ist das Verhalten von Kindern und Jugendlichen nicht nur persönlichkeitsbezogen sondern auch situationsspezifisch zu sehen. Daraus ergibt sich, dass für eine positive Verhaltenskultur die Bemühungen sowohl in der Familie als auch in der Schule ansetzen müssen. Im Falle der alltäglichen Gewalt an Schulen, wie es das Mobbing darstellt, ist es daher kein Delegieren von Erziehungsaufgaben an die Schule, sondern die Schule ist der Ort, wo Mobbing entsteht und daher auch der Ort, wo Mobbing vorrangig bearbeitet werden muss. Bezieht man neben den psychologischen auch die neurobiologischen Erkenntnisse ein, wird das Ineinandergreifen der Erziehungs- und Bildungsarbeit in Schule und Familie deutlich. Im Wesentlichen geht es demnach um eine Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Damit die gesellschaftlichen Herausforderungen für die Familien und die Schulen zu meistern sind, sind auch die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Teilweise ist das schon gelungen, teilweise fühlen sich Eltern und Lehrer/innen alleingelassen. Vor allem wenn größere Schwierigkeiten in der Schule auftreten, ist die Bereitstellung von zeitlichen und personellen Ressourcen aber auch die Vernetzung mit unterstützenden Systemen nötig, jedoch nicht immer gewährleistet. Dort, wo sich sowohl die Erwachsenen als auch die Heranwachsenden angenommen, respektiert und unterstützt fühlen, gelingt es aber eher, auch Hindernisse zu bewältigen. Wenn Eltern und Lehrer/innen möglichst authentisch, wertschätzend und respektvoll miteinander und mit den Kindern und Jugendlichen umgehen, sind das wesentliche individuelle Schritte, die zu einem positiven Klimaschutz beitragen.29 Autorin Elisabeth Penz-Feil, Dr.in Klinische- und Gesundheitspsychologin, Mediatorin; langjährige Tätigkeit als Schulpsychologin in Niederösterreich. Arbeitsschwerpunkte: Diagnostik, Beratung, Klassenprojekte. Spezialgebiet: Mobbing in der Schule 28 Chinesisches Sprichwort, Lao Tse 29 Für diesen individuellen Schritt ist es sowohl für Lehrer/innen als auch für Eltern bzw. andere Bezugspersonen wichtig, auf die Psychohygiene zu beachten. Unterstützend können dabei z.B. Beratung, Coaching und Supervision sein. Die Reflexion der eigenen Rolle (z.B. in Richtung von mehr Teamarbeit und Aufteilung der Verantwortung) kann zu entlastenden Innovationen führen. In diesem Zusammenhang wird auf einen Artikel von Andreas Müller, Neue Rollen für die Lehrer, Institut Beatenberg, Schweiz 2003, hingewiesen. 55 Hermann Städtler Mehr Gesundheit in die Schule Ressourcen mobilisieren – Krankmacher bearbeiten Der Beitrag ist bereits einmal erschienen: Die Grundschulzeitschrift, 2009, Nr. 221, S. 7-9 Viele Lehrkräfte fühlen sich belastet oder überfordert. Scheinbar neue Ansprüche in der Qualitätsentwicklung von Unterricht verunsichern sie, genauso wie die zunehmenden Disziplinprobleme in den Klassen. Im Strudel dieser diffusen Verunsicherung verlieren gestresste Lehrkräfte die Bodenhaftung in einem Beruf, in den sie mit hoher Motivation eingestiegen sind. Sie erleben täglich, dass sie den Anforderungen des Schulalltages immer weniger gewachsen sind und ihre Selbstwirksamkeit abnimmt. Sie hasten durch den Schulalltag – quasi atemlos – und brennen aus. Der Misserfolgsmechanismus führt zur Entmutigung, in den inneren Rückzug und mündet oft in Krankheit. Dieser Situation muss direkt vor Ort begegnet werden. Stärken ansprechen – Potentiale freisetzen: Welche individuellen Widerstandsressourcen können zur erfolgreichen Bearbeitung dieser stressbesetzten Situation beitragen und wie können Lehrkräfte im System Schule die oft „hausgemachten Krankmacher“ entschärfen? Salutogenese heißt „Entstehung von Gesundheit“. Das Salutogenese-Konzept, in den 1970er Jahren von dem Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelt, basiert auf einem umfassenden Gesundheitsbegriff in Abgrenzung zur Pathogenese (Entstehung von Krankheit). Dabei geht es vor allem darum, die Fähigkeit jedes Einzelnen zur Erhaltung und Stärkung seines Wohlbefindens zu fördern und bei Belastungen gesund zu bleiben. Auf der Grundlage des Modells der Salutogenese wird am Beispiel der Fridtjof-NansenGrundschule (FNS) in Hannover die Umsetzung in die Schulpraxis aufgezeigt: Unsere Schule beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie die Ressourcen von Kolleginnen und Kollegen stärker in die Schulentwicklung eingebracht und so ihre Selbstwirksamkeit erhöht werden kann. Die Stärken der Lehrkräfte anzusprechen, ist die wichtigste Entwicklungsaktivität und entscheidender Hebel, um Schulprogrammarbeit in Gang zu setzen und dafür zu sorgen, dass diese wieder Mut und Zuversicht in die eigenen Kräfte fassen. Mit Anforderungen umgehen lernen Die Arbeit in unserer Schule basiert auf dem ressourcenorientierten Ansatz der Salutogenese. Dabei ist das Kohärenzgefühl (Zuversichtssinn) die Grundlage für seelische und körperliche Gesundheit und für die Leistungsfähigkeit im Berufsleben (Antonovsky 1997). Der Kohärenzsinn ist die wichtigste Widerstandsressource gegen berufsbedingte Belastungen und wird von drei Dimensionen gebildet: 1. Verstehbarkeit (Kann ich verstehen und begreifen, was von mir in meinem Beruf verlangt wird? Ist das spezifische Anforderungsprofil dieser Schule für mich klar und eindeutig?) 56 2. Handhabbarkeit bzw. Bewältigbarkeit (Kann ich mit meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten die Anforderungen bewältigen? Sind die Herausforderungen für mich handhabbar?) 3. Sinnhaftigkeit (Kann ich den Sinn meines professionellen Tuns erkennen? Empfinde ich die Bearbeitung von auftretenden Problemen wichtig und ist es sinnvoll, meine Kraft dafür einzusetzen?) Nach Antonovsky ist Gesundheit kein verlässlich statischer Zustand, sondern ein dynamisches Pendeln zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit. Wollen Lehrkräfte gesund und motiviert bleiben, müssen sie die Anforderungen ihres Schulalltages immer wieder auf ihre Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit hin überprüfen und ggf. modifizieren. Diese Kompetenz zur kohärenten Auseinandersetzung führt nach Antonovsky zur Stärkung von gesund erhaltenden Ressourcen bei den Beteiligten (hier Lehrkräften). Dies ist Voraussetzung für ihre Bereitschaft, sich als Kollegium zu aktivieren und Verantwortung bereitwillig und kompetent zu übernehmen, was für Berufszufriedenheit und -gesundheit sorgt. Im Folgenden werden drei Beispiele zur Überwindung schulischer Krankmacher vorgestellt: 1. Ein Schulprogramm als Handlungshilfe für den Schulalltag erstellen Ein wirkungsvolles Schulprogramm ist an vorhandenen Ressourcen orientiert und achtet darauf, kollegiale Potenziale richtig einzuplanen. Voraussetzung ist, dass alle Lehrkräfte schon in der Entstehungsphase Verantwortung für ihre Könnensbereiche übernehmen und bei der Formulierung des Anforderungsprofils die Dimensionen der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit für sich und die Schüler/innen mitdenken. Im Schulprogramm der FNS sind die Leitideen, Ziele und Wege zur Unterrichtsentwicklung sowie Schulorganisationsstrategien mit entsprechenden Beteiligungsmodellen und Möglichkeiten zur Fremd- bzw. Eigenevaluation auf nur acht Seiten definiert. Dieses Papier begleitet als Handlungshilfe jede Lehrkraft im Schulalltag und wird regelmäßig aktualisiert. Der direkte, ehrliche Einbezug der Schulrealität mit ihren Möglichkeiten, aber auch ihren Begrenzungen, ist ein wichtiges Kriterium. Unser Schulprogramm „Bewegte Schule – Schule als lernendes System im Stadtteil“ bildet den Rahmen für unsere gemeinsame Arbeit und sorgt für Transparenz, Klarheit und Machbarkeit von Leitideen, Zielen, Arbeitsschritten und Erfolgen bei allen Beteiligten. Es ist sinnstiftend, hat „dienende Funktion“ für das Kollegium und die Schulleitung und sorgt dafür, dass wir trotz hoher Belastung in unserem Beruf gesund bleiben können. Das Schulprogramm wird über fünf, sich wechselseitig bedingende Inhaltsbereiche definiert. Dem Gesundheitsaspekt kommt als übergreifende Klammer zentrale Bedeutung zu. Um den Kern jedes Schwerpunktes herum sind die Themenbereiche angeordnet. Für jeden Schwerpunkt ist eine gewählte Leitung zuständig, die mit ihrem Team die Umsetzung in die Unterrichtspraxis oder das Schulleben hinein plant und steuert. Sie ist Mitglied im Steuerungsausschuss der Schule. Dieses Steuerungs-System sorgt dafür, dass alle Kolleginnen und Kollegen beteiligt werden und Verantwortung tragen. Die im Schulprogramm aufgeführten Aktivitäten markieren das kollegiale Belastungsprofil von max. 100 Prozent. 57 2. Veränderung von Entscheidungshierarchien („Gleiche Augenhöhe – unterschiedliche Verantwortlichkeiten“) An der FNS ist ein gewichtiger Teil der Verantwortlichkeiten der Schulleitung auf einen Steuerungsausschuss übertragen worden. Dieser besteht aus je einem Vertreter der fünf Programmschwerpunkte, einem Schulleitungsmitglied und einem Vertreter des integrierten Horts. Der Ausschuss ist von der Gesamtkonferenz und vom Schulvorstand beauftragt, Entscheidungen in wöchentlichen Kurzsitzungen voranzutreiben und zu beschließen. Die zu verteilenden „Topf“-Stunden, Öffentlichkeitsarbeit, Projektmanagement, Qualitätssicherung, Sponsoring, Finanzen, interne Organisation von Arbeitsabläufen und Klärung von aktuellen Problemen liegen in den Händen der sieben Entscheider. Der Steuerungsausschuss tagt wöchentlich 25 Minuten; seine Mitglieder sind von der Pausenaufsicht entlastet. Bei Entscheidungen hat jedes Mitglied eine Stimme, bei Stimmengleichheit nutzt die/der Vorsitzende die Möglichkeit einer weiteren Stimme. Der Ausschuss hat Berichtspflicht in der Gesamtkonferenz und im Schulvorstand. Entscheidungen werden zeitlich befristet gefällt und nach einer Probezeit wieder auf den Prüfstand gestellt. Gesundheitsfördernd für alle Kolleginnen und Kollegen ist, dass Entscheidungen für die Schule mutiger, schneller und kompetenter getroffen werden, mit dem geringen Risiko, auch Fehler zu machen. Diese verteilen sich dann wie die Erfolge auf die Schultern vieler. 3. Lebenszeit wertschätzend und ressourcenorientiert einsetzen Der sorgfältige Umgang mit Zeit ist ein Qualitätsmerkmal von gesunder Schule, sofern Kräftepotenziale von den Ressourcen des Kollegiums her gedacht und im Blick auf die zu erreichenden Ziele in ein bewältigbares Anforderungsprofil gebracht werden. Damit versuchen wir, unserem auf Dauer krankmachenden Überlastungsgefühl („Wir werden nie fertig.“) entgegenzuwirken und offen für lohnende Entwicklungsimpulse zu bleiben. Auch dabei hilft das Schulprogramm, denn es markiert den Umfang des Arbeitspaketes, der vom Kollegium selbst definiert worden ist (100 Prozent). Wir trennen zwischen Kerngeschäft und „Luxus“-Aktivitäten, priorisieren nach vorhandenen Zeitressourcen und entscheiden bei neuen Anforderungen nach ihrer Bedeutung jeweils neu, mit welcher Intensität wir uns ihnen widmen. Eine neue Aufgabe nehmen wir nur an, wenn eine andere bereits erledigt ist und Zeitressourcen frei sind oder bereits bestehende Aufgaben dank der Priorisierung entfallen müssen bzw. zeitlich befristet ausgesetzt werden. Die Priorisierung und die Identifizierung von heimlichen Zeitfressern im Schulalltag wird im Steuerungsausschuss vorgenommen. Mit Zeit besser umzugehen heißt für uns auch, neben der Verbesserung der Rahmenbedingungen die Selbstorganisation durch effizientes Zeitmanagement wirksamer zu gestalten. Dies berührt u.a. Fragen zur Unterrichtsplanung und Methodik, zur realistischen Zeitplanung, zu selbst gesetzten Ruhepunkten im Schulalltag und im Unterricht, des Mutes, unvorhersehbare Störungen einzuplanen, der Anfertigung von To-do-Listen und der eingebauten Belohnung. Ohne Rhythmus geht es nicht! 58 Den Schulalltag zu rhythmisieren und Zeitfenster für Routineaufgaben einzurichten, wird im Schulprogramm-Baustein „Kind- und lehrergerechte Rhythmisierung“ vorgenommen. Das einengende 45-Minuten-Unterrichtskorsett wurde aufgelöst. Die Stundenplanorganisation läuft im 15-Minuten-Takt, was individuelle Lösungen für die Lehrer/innenarbeitszeit als auch für die differenzierte Gestaltung des Stundenplanes (z.B. Förderphasen von 15 Min.) möglich werden lässt. So wird die Unterrichtszeit eines Lehrers/einer Lehrerin mit voller Stelle nicht mit 28 Stunden angegeben, sondern in 84 15Minuten-Einheiten organisiert. Der Schulvormittag wird im rhythmischen Wechsel zwischen Belastung und Entspannung gegliedert. Das beginnt mit einem gleitenden Einstieg: Ab 8 Uhr ist das Schulgebäude für die Kinder geöffnet; die Lehrkräfte sind ab 8.15 Uhr in der Klasse und bis 8.35 Uhr müssen alle Kinder im Klassenraum eingetroffen sein, um den Unterricht im Sitzkreis zu beginnen. Gefrühstückt wird im Anschluss an die 25-minütige große Pause im Klassenverband. Wir haben im Laufe der Jahre gemerkt, wie gesundheitsfördernd der sorgfältige Umgang mit Zeit ist. In den Pausen haben dienstliche Angelegenheiten zurückzustehen. Professionelle und durchdachte Informationsweitergabe trägt zum notwendigen Erholungsraum zwischen den Unterrichtsstunden bei. Elterngespräche in den Pausen gibt es nur in Notfällen. Dafür werden Termine nach dem Unterricht verabredet. Dies sorgt für entspannte Gespräche, die von allen vorbereitet sind und neben einer Zielorientierung auch höhere Wertschätzung erwarten lassen. Anfangs- und Schlusszeiten der Konferenzen sind festgelegt; das sorgt für Selbstdisziplinierung und Sachbezogenheit aller Beteiligten. Genauso ist eine Enthaltung in wichtigen Entscheidungen nicht gestattet, um Professionalität zu wahren. Dieses neue Verständnis im Umgang mit Arbeits-/Lebenszeit ist in enger Verknüpfung mit dem Schwerpunkt „Schule steuern und organisieren“ entstanden, in dem durch Zeitmanagement stressbedingten Überlastungssituationen entgegengesteuert werden soll. Wir praktizieren seit zwei Jahren ein Modell, in dem wöchentlich 45 Minuten außerunterrichtliche Arbeitszeit in die Schule verlegt wird. Wir treffen uns jeden Dienstag nach dem Unterricht im Plenum und arbeiten je nach Bedarf in Kleingruppen oder im Gesamtkollegium. Diese Rhythmisierung spart viel Konferenz- und Wegezeit und trägt zur Arbeitszufriedenheit im Kollegium bei. Außerdem gelingt es uns durch diese Organisationsform, den Informationsfluss für alle aktuell zu halten, notwendige Entscheidungen zeitnah zu treffen und die Qualität unseres Alltags im Blick zu halten. Fazit Die Erfahrungen unseres Kollegiums belegen, dass wir die Anforderungen unseres Berufs gut bewältigen können, wenn wir selbst in der Schule für ein Klima sorgen, in dem sich eigene Ressourcen und Stärken entwickeln können. Dabei hilft die Orientierung am Modell der Salutogenese. Widerstandsressourcen im Berufsleben zuversichtlich zu entwickeln gelingt uns unter Zugriff auf die Dimensionen der Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit, mit deren Hilfe wir unseren Berufsalltag immer wieder hinterfragen und an veränderte Situationen anpassen. Die Handhabbarkeit und Bewältigungsmöglichkeit unserer Tätigkeit sind durch unser Schulprogramm und einen sorgfältigen Umgang mit eigener und fremder Lebenszeit gesichert. Durch ein solches Zeit- und Stressmanagement erfahren wir Wertschätzung und sorgen für Wertschöpfung. 59 Lebens-Zeit-Sparer: - Rituale in der Schule und der Klasse institutionalisieren, damit ein haltender Rahmen entsteht. - Konferenzkultur pflegen: - Konferenzzeiten minimieren, damit zielgerichtet gearbeitet wird, - in Konferenzen auf Enthaltung verzichten, damit Klarheit entsteht, - wesentliche Entscheidungen von einer die 50-Prozent-Marke überschreitenden Zustimmung abhängig machen, damit der Reibungsverlust durch Verhinderer bei der Umsetzung einer knappen Entscheidung minimiert wird, - Entscheidungen zur Probe (z.B. für ein halbes Jahr) mutig treffen, damit Nischenprojekte auch eine Chance bekommen. - Den Informationsfluss klug organisieren, damit Verkündigungs-Konferenzen vermieden werden (Motivationsabfall). - Geeignete Kommunikationsmedien einbeziehen, damit Informationen störungsfrei fließen. - Kontinuität und Verlässlichkeit durch sparsam, effizient und regelmäßig gesetzte Zeitfenster organisieren, damit die Wirksamkeit von Gremien- und/oder Gruppenarbeit gewahrt bleibt (z.B. Dienstagsrunde). - Bei neuen Arbeitspaketen Altlasten bewusst auf Eis legen oder verabschieden, damit die Balance gehalten wird. - Kollegialen Austausch und Beratung ernsthaft pflegen, damit Alltagsprobleme nicht missverstanden werden. - Supervision für Kollegium und Schulleitung, damit die professionelle Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle kontinuierlich geschieht. - Gespräche zwischen Tür und Angel mit Kolleginnen/Kollegen, Schüler/innen, Eltern und anderen vermeiden, damit professionelle Lösungen entstehen und Fehlentscheidungen durch Flüchtigkeit vermieden werden. Literatur Antonovsky, Aaron: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt 1997. Sieland, B.: Nachhaltige Gesundheitsförderung als Entwicklungsarbeit von Lehrerinnen und Lehrern. In: Brägger, G./Posse, N./Israel, G. (Hrsg.): Bildung und Gesundheit. Argumente für eine gute und gesunde Schule. Bern: hep 2008. Städtler, Hermann: Stress dynamisch balancieren – personale und institutionelle Erfolgsvariablen für die Schule. In: Weißbuch Prävention – Stress? Heidelberg: Springer Medizin Verlag 2006. Homepage der Fridtjof-Nansen-Schule: www.fns-online.de Autor Hermann Städtler ist Schulleiter der Fridtjof-Nansen-Schule in Hannover und Projektleiter des niedersächsischen MK-Projekts „Bewegte Schule“. Im Oktober 2010 hat er an der Pädagogischen Hochschule Steiermark zum Thema referiert und vertiefende Workshops abgehalten. Zur Nachlese kommen Sie hier: www.paedagogischerherbst.at 60 Die Redaktionsgruppe ist besonders an praxisorientierten Beiträgen zur Themenbereich „Integration“ interessiert. Gerne laden wir Sie daher ein, über Ihre Erfahrungen in der Broschüre „Integration in der Praxis“ zu berichten. Die Auswahl der eingelangten Beiträge wird von der Redaktionsgruppe vorgenommen. Teilen Sie uns darüber hinaus auch Themenbereiche Ihres Interesses mit, damit wir gegebenenfalls auch darüber Artikel publizieren können. Schicken Sie bitte allfällige Beiträge und für Sie interessante Themenvorschläge an die folgende Adresse: Mag. Peter Debenjak Ginzkeygasse 45 9020 Klagenfurt E-Mail: [email protected] 62