Zu Gott einladen

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Auftrag 5 Zu Gott einladen
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29.Juni 2008; Pfr. B. Botschen
Zu Gott einladen
1. Zu Gott einladen
Ob es unsere Aufgabe ist, andere Menschen zu Gott einzuladen, darüber muss man nicht
lange diskutieren. Denn der Auftrag von Jesus ist klar: „Geht hin und macht zu Jüngern alle
Völker.“ (Matth.28,19). Jesus hat nie gesagt: „Bildet nette, hübsche Gemeinden. Aber lasst
die Menschen glauben, was sie wollen. Soll doch jeder auf seine Art gläubig werden.“ Nein,
Jesus trat mit dem Anspruch auf: Was ich euch sage, ist die Wahrheit. Ich mache euch frei.
Für diesen Auftrag gab Paulus, dafür geben seither zehntausende Menschen buchstäblich
ihr Leben. Sie nehmen Teil am Wunsch von Gott, dass Menschen mit ihm versöhnt sind und
im Glauben Kraft, Freude und Trost schöpfen.
Unser Auftrag ist also klar. Dafür ist die Frage, wie wir das machen sollen, nicht so einfach
zu beantworten. Auch im Theater ging es um den Stil. Er sollte aggressiver werden. Der
neue Slogan lautete dann: „Himmel oder Hölle – wo landen Sie?“ Im Mittelalter war dieser
Stil sehr wirkungsvoll. Die Menschen hatten Angst vor Gott und haben davor gezittert, von
der Kirche ausgeschlossen zu werden.
Ich will nicht sagen, dass wir es heute besser wissen. Im Gegenteil: Das ist wohl der grösste
blinde Fleck, den wir heute im Glauben haben. Dieser heilige, gerechte Gott ist kein Thema
mehr. Dabei gibt es ihn, diesen Gott, der uns zur Verantwortung zieht, vor dem wir
Rechenschaft über unser Leben ablegen müssen. Paulus schreibt: „Weil wir wissen, dass wir
Gott als unbestechlichen Richter zu fürchten haben, wollen wir so viele Menschen wie nur
möglich für Christus gewinnen.“ (2.Kor.5,11).
Trotzdem glaube ich nicht, dass wir mit diesem Argument auf Menschen zugehen sollen.
Heute löst man Ablehnung aus, wenn man Druck aufsetzt. Das geht mir auch so. Wenn mir
jemand auf diese Art kommt und mir Angst machen will, dann denke ich mir: „Hau’ ab. Ich
lasse mich nicht manipulieren.“
Deshalb haben wir den Auftrag von Jesus ganz bewusst in diese Worte gefasst: Zu Gott
einladen. Wir wollen nicht drängen, nicht unter Druck setzen, nicht Angst machen, sondern
einfach nur einladen. Wir wollen vor den Menschen stehen und ihnen sagen: „Ich habe
etwas mit Gott erlebt. Er hat mein Leben verändert. Ich fühle mich beschenkt.“ Und so laden
wir sie ein, selber über Gott nachzudenken.
2. Den Glauben bezeugen
Manchmal scheitern wir am Auftrag von Jesus, weil wir uns für unseren Glauben schämen.
Jesus spricht das mit deutlichen Worten an: „Wer mich bekennt vor den Menschen, für den
werde ich auch vor meinem Vater im Himmel eintreten. Wer aber vor den Menschen nicht zu
mir steht, für den werde ich auch vor meinem Vater im Himmel nicht eintreten.“ (Matth.10,32f)
Warum soll es peinlich sein, zum eigenen Glauben zu stehen? Heute glaubt sowieso jeder,
was er will! Die einen Menschen glauben, dass irgendwelche Steine positive Energie
verbreiten. Eine Bekannte denkt, ihr etwas überdrehtes Kind würde ruhiger werden, wenn sie
eine bestimmte Körperstelle bei irgendeinem Energiefluss regelmässig leicht massiert.
Andere glauben an den Einfluss der Sterne oder an Ufos. Heutzutage erzählen alle mit
leuchtenden Augen und vollkommen überzeugt von irgendwelchen Sachen. Und da sollten
wir nicht von Gott reden können?
Interessant ist dabei ein Blick in die Apostelgeschichte, denn hier wird beschrieben, wie die
Jünger zu Gott eingeladen haben. Und da häuft sich plötzlich ein Wort, das vorher in den
Evangelien kaum eine Rolle gespielt hat. Es ist das Wort „bezeugen“ (Apg.2,40; 4,33; 8,25;
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18,5; 20,21.24.26; 28,23). Acht Mal bezeugen die Apostel und Paulus in der Apostelgeschichte ihren Glauben an Jesus.
Das Bezeugen muss nichts Lautes und Dramatisches sein. Es geht auch nicht darum, andauernd von Gott zu reden. So Leute gehen höchstens auf die Nerven. Aber es heisst: Ich
stehe zu dem, wo Gott mir geholfen hat. Wenn es passt und der richtige Moment da ist,
verstecke ich meinen Glauben nicht. Ich bezeuge das, was ich mit Gott erlebt habe. Ich
muss dabei gar nicht alle Fragen beantworten können. Ich muss dabei auch gar nicht sagen:
„Wäre das auch etwas für dich?“ Nein, Zeugnis geben heisst einfach erzählen, wie ich selber
mit Gott durchs Leben gehe.
Wenn wir Gott bezeugen, stellt sich die Frage, ob wir nicht ein paar Ecken und Kanten an
der Botschaft von Jesus abschleifen sollten. Manchmal frage ich mich, ein wie guter Pfarrer
Jesus eigentlich wäre. Die ersten Gottesdienste würden gut gehen, sehr gut sogar. Die
Menschen strömen herzu. Die Kirche ist überfüllt. Die Menschen sagen: „Da kommt etwas
herüber. Das ist echt.“ Aber auf der anderen Seite gibt es immer wieder Unruhe. Was dieser
junge Pfarrer sagt, ist schon eine ziemliche Zumutung. Als ob Gott die Herrschaft über unser
ganzes Leben wollte. Als ob Gott nicht nur zu lieben, sondern auch zu fürchten wäre. Als ob
es nur Jesus gäbe und nicht ganz viele gleich gute Wege zu Gott. Ein paar Leute schrieben
einen Brief an die Kirchenpflege. Oben steht in dicken Buchstaben: „So geht das nicht
weiter.“ Und die Kirchenpflege fragt sich: Was sollen nur mit diesem Pfarrer machen, der
einen Teil der Leute so verärgert?
Und tatsächlich hat Jesus manche Leute verärgert. Seine Botschaft war so radikal, dass
viele Menschen weggingen und sagten: „So geht das nicht. Das geht einfach zu
weit.“ (Joh.6,60.66).
Die Versuchung für uns als Christen und als Kirche ist gross, die Leute nur ja nicht irritieren
zu wollen. Fromm daherreden dürfen wir schon, das erwarten die Leute von uns. Aber ohne
Ecken und Kanten, die stören könnten.
Interessanterweise hat die Kirche erkannt, dass es so nicht geht. Vor ein paar Wochen war
ich drei Tage bei einer Ausbildung zum Vikariatsleiter, weil ich ab Sommer einen Vikar bei
seinem Einstieg ins Pfarramt begleiten werde. Und der Ausbildungsleiter, der sämtliche
angehende Pfarrer betreut, hat gesagt: „Es fehlt uns an einer prophetischen Klarheit. Alles
kommt so abgerundet daher. Wir müssen wieder den Mut haben, klar Stellung zu
beziehen.“ Ein der Zeit angepasster Glaube ist kraftlos und langweilig. Er ärgert zwar
niemanden, aber er bewegt auch nichts.
Haben Sie den Mut, zu Ihrem Glauben zu stehen? Haben Sie den Mut zu einer klaren
Botschaft? Auch wenn das vielleicht nicht alle verstehen? Auch wenn manches heute quer in
der Landschaft liegt?
3. Für Freunde beten
Aber wen laden wir am besten ein? Ist es wirklich die beste Möglichkeit, im Tram auf die
Leute zuzugehen, weil sie dort nicht wegrennen können – so, wie im Theaterstück
vorgeschlagen?
Es ist schon viele Jahre her, da machte ich mit ein paar Freunden einen Besuch bei einer
Gemeinde in London. Und die hatten die glorreiche Idee, uns Gäste aus der Schweiz zu
einer Aktion auf einer belebten Einkaufsstrasse mitzunehmen. Dort stand ich dann also und
habe versucht, die Leute mit ein paar Fragen und einem Einladungsblatt auf den Glauben
hinzuweisen. So nach dem Motto: „Hallo, darf ich Sie etwas über Gott fragen?“ Ich bin so
richtig aufgeblüht und bin voller Begeisterung auf die Leute zugegangen. Was gibt es denn
Schöneres, als so ganz fremde Menschen auf Gott anzusprechen! Und die Menschen sind
stehen geblieben, sie waren offen und interessiert, sie haben mit mir über Gott diskutiert und
drei von ihnen haben sich auf der Stelle entschlossen, zu Gott umzukehren. – Nun, ganz so
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war es nicht: Es kostete mich jedes Mal eine Riesenüberwindung, eine fremde Person anzusprechen. Ich hatte kein einziges sinnvolles Gespräch, denn die Leute hatten weder Zeit
noch Lust, mitten auf der Strasse mit einem wildfremden Typen mit österreichischem Englisch-Akzent über ihren Glauben zu diskutieren. Das ist einfach nicht normal. Unnatürlicher
geht es nicht. Ich hätte ja auch keine Lust, mitten beim Einkaufen mit jemandem über Gott zu
diskutieren.
Warum ging das so schief? Glauben wird fast immer über bestehende Beziehungen weitergegeben. Wenn man sich fragt: Wie kommt denn jemand überhaupt zu Gott? Dann muss
man sich immer fragen: Welche Beziehungen ermöglichen es diesem Menschen, den
Glauben kennen zu lernen?
Und wenn ich sage „Beziehungen“, dann ist damit klar, dass wir beim „Zu Gott einladen“ nicht zuerst an die Menschen in der Bahnhofsstrasse von Zürich denken sollten. Wir
haben genügend bestehende Beziehungen, Menschen, die wir kennen und wirklich gern
haben. Wir haben Freunde, Kollegen, Geschäftspartner, Nachbarn, Eltern, Geschwister,
Ehepartner und so weiter. Das ist unser Beziehungsnetz. Das sind die Menschen, die wir
ganz natürlich zu Gott einladen können.
Ein wichtiges Element dabei ist das Gebet. Vielleicht fällt es Ihnen auch auf, wie oft das
Stichwort „Gebet“ bei den fünf Aufträgen vorkommt. Aber so ist es eben: Man kann nicht für
Gott am Werk sein, ohne zu beten. Alles wird durch das Gebet getragen und mit Kraft und
Leben gefüllt. So auch hier.
Nicht umsonst bitte Paulus in einem Brief: „Helft mir bei meinem Kampf, indem ihr für mich
betet.“ (Röm.15,30b). Paulus ist unterwegs, um Menschen zu Gott einzuladen. Das ist nicht
immer leicht. Paulus erlebt es immer wieder als Kampf. Deshalb bittet er die Römer: „Helft
mir bei meiner Aufgabe. Betet für mich!“
Ich habe schon ein paar Mal dazu eingeladen, für ein bis drei Personen regelmässig zu
beten, und zwar für Menschen, die Gott noch nicht kennen. Ich weiss auch, dass wir oft so
viel um die Ohren haben, dass man das zwischendurch schnell wieder vergessen kann. Mir
geht es mit meinen Gebetsanliegen auch nicht anders. Aber ich komme immer wieder zu
meinen Personen zurück und bitte Gott, sie zu berühren.
Das mache ich jetzt schon zwei oder drei Jahre. Bei den einen ist inzwischen gar nichts
passiert. Ich finde das zwar etwas entmutigend, aber ich bleibe dran. Aber bei anderen
staune ich nur und denke mir: „Das hätte ich nie gedacht! Und das, obwohl ich so oft
vergessen habe, für sie zu beten!“ Gott ist es, der Herzen öffnet. Genauso wichtig wie alles
Bezeugen und Einladen ist es, für andere Menschen zu beten.
Mit dem Beten sind natürlich noch nicht alle Fragen beantwortet. Bei den einen Menschen
kann man ruhig öfter von seinem Glauben erzählen, sie lieben die Diskussion und reden
gerne über religiöse Sachen. Andere machen sich lieber alleine ihre Gedanken und es würde
ihnen auf die Nerven gehen, immer auf ihrne Glauben angesprochen zu werden. Die einen
kann man ungeniert zu Veranstaltungen einladen – und bei vielen Menschen braucht es drei
oder vier Einladungen, bis sie dann auch wirklich kommen. Für diese Menschen ist das aber
gar kein Problem. Bei anderen ist die Zeit noch nicht reif und es ist besser, mit Einladungen
zu warten. Deshalb ist für mich das Beten so wichtig. Man kann ja auch Gott bitten, dass er
einem zeigt, was jetzt dran ist. Wenn wir unsere Freunde ja gern haben, wollen wir auch
nicht manipulieren, sondern jeden seinen eigenen Weg zu Gott finden lassen.
Ich habe versucht, mit meiner Predigt etwas Druck wegzunehmen. Wir treffen uns also nicht
heute am Nachmittag in der Bahnhofsstrasse und singen ein paar christliche Lieder. Aber auf
der anderen Seite hoffe ich, dass wir diesen Auftrag ganz ernst nehmen. Er beginnt damit,
dass wir Raum schaffen, um für andere zu beten und dass wir den Mut finden, im richtigen
Moment einfach davon zu erzählen, wie wir mit Gott durchs Leben gehen. AMEN.
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