Wen wollen wir erreichen

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„Das neue ‚Jugendschutzgesetz’ ...Als
Mitarbeiter einer Suchtberatungsstelle,
der tagtäglich mit den ‚veränderten Lebensgewohnheiten der Sprößlinge’
konfrontiert wird, kann ich diese Entwicklungen nur bedauern. Drogenerfahrungen und –schäden, Tinnitus, angehende Raucherbronchitis, Konsumrausch. Das kennen viele Heranwachsende doch schon zur Genüge“
(Leserbrief von H. Leuner zu Spiegel
Nr.8/2002, Jugend: Schon mit 14 legal in
die Disco? in Spiegel 10/2002 S.14)
Drei Prämissen einer verfehlten Drogenprävention: Wen wollen wir erreichen?
- Fünfzehnjährige Jugendliche einer Kleinstadt beantworten unsere Fragen Stephan Quensel und Andrea Butt-Behrmann
8. 5. 2002
Zusammenfassung: Die im Jahr 2001 in einer Kleinstadt bei 299 Schülern und
Schülerinnen der achten Klasse eines Gymnasiums, einer Realschule und einer
Hauptschule erhobenen Fragebogen-Daten belegen neben verbreiteten Cannabis-Probier-Erfahrungen einen hohen legalen Drogenkonsum nicht nur bei Nikotin und Alkohol sondern vor allem auch bei Medikamenten. Mädchen – insbesondere Hauptschülerinnen – konsumieren alle vier Drogen häufiger als Jungen; für sie besitzen Drogen vielfach eine andere, bisher in der Prävention zu
wenig bedachte Bedeutung als für Jungen.
Mit zunehmendem Konsum wird die jeweilige Droge positiver bewertet, also als
weniger gefährlich angesehen, wobei deren Wirkung eher als Spass, denn als
Abhängigkeit verstanden wird.
Eine gegenüber den bisherigen Präventionsansätzen kritische, theoretisch orientierte Aufteilung der Jugendlichen konnte mit Hilfe einer Cluster-Analyse anstelle der üblichen Zweiteilung zwischen Abstinenten und Konsumenten vier
präventions-relevante Gruppierungen herausarbeiten: Neben einer ‚normaldurchschnittlichen’ Gruppe ließen sich zwei unterschiedlich Drogenkonsumierende Gruppen unterscheiden. Während die eine – bei guten schulischen Leistungen – wünschenswert sehr aktiv in der Gleichaltrigen-Kultur verwurzelt ist, entspricht die andere eher dem traditionellen Bild des depressiv
kompensierenden Drogen-Gebrauchers. Eine vierte, zur Abstinenz neigende
Gruppe war – bei ebenso guter schulischer Leistung – in ihren sozialen Kontakten isoliert, im Freizeitverhalten inaktiv und in ihrem subjektiven Empfinden erheblich gestört.
Es sind im Grunde drei noch immer kaum befragte Prämissen, die unsere zumeist
am Jugendlichen ausgerichtete ‚Drogen-Prävention’ dominieren: Die Betonung der
illegalen Drogen, also das am Leitbild des Junkies orientierte Cannabis und Ecstasy;
sodann die ‚Gefährlichkeitsperspektive’, also insbesondere der Aspekt drohender
Abhängigkeit und Sucht, denen man ja >prävenieren< möchte; und schließlich die
Idee negativer sowie gegenläufig ‚protektiver` Risikofaktoren, die, verantwortlich für
die weitere Entwicklung der Drogenkarriere, die Art unserer Prävention maßgeblich
2
bestimmen sollen. Eine verhängnisvolle Trias, die dem weithin beklagten Versagen
gegenwärtiger Präventionsbemühungen zu Grunde liegt.
Dies gilt auch heute noch, obwohl doch zunehmend auch der jugendliche ZigarettenKonsum wahrgenommen wird – freilich zumeist im Rahmen jener kämpferischen illegalen Drogenperspektive. Auch die zweite Prämisse gründet im fortdauernden hegemonialen Drogen-Diskurs, in dem erst langsam die Konzepte einer >DrogenKultur< (Marzahn), eines >kontrollierten Drogen-Konsums< (Klingemann) oder einer
anzustrebenden >Drogenmündigkeit< (Barsch) eindringen können. Und schließlich
beruft sich die dritte Prämisse auf eine nicht abreißende Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen zur Ätiologie dieses abweichenden Drogenverhaltens, deren wachsende Datenfriedhöfe uns die beruhigende Gewissheit verschaffen, mit all den uns
möglichen rationalen Mitteln gegen dieses Übel vorzugehen, so sehr wir auch an
dessen komplexen Ursachen – in dann dadurch legitimierter Weise - immer wieder
scheitern werden.
Wir wollen im Folgenden auf der Basis einer kurz darzustellenden Fragebogenerhebung bei Achtklässlern in einer niedersächsischen Kleinstadt zunächst die beiden
ersten Prämissen eher kursorisch besprechen, um uns sodann etwas ausführlicher
mit der Frage zu beschäftigen, welche Gruppen dieser Jugendlichen Probleme bereiten könnten und welche Funktion dabei der Drogenkonsum übernimmt.
1. Das Projekt
Im Rahmen einer Dissertation mit dem Ziel, den Medikamenten-Konsum von Mädchen zu untersuchen wurden 2001 in einer Kleinstadt (ca. 30.000 Einwohner) 299
Schüler und Schülerinnen der achten Schulklasse aus je einem Gymnasium, einer
Realschule und einer Hauptschule klassenweise in Abwesenheit des Lehrers nach
erfolgter Zustimmung der Eltern mit einem primär auf Medikamenten-Konsum und
Elternbeziehung ausgerichtetem Fragebogeni jeweils etwa eine Schulstunde lange
befragt.
Insgesamt werden die drei untersuchten Schulen (Tabelle 1) durch relativ gleich große Gruppen vertreten, bei denen jeweils – dem engeren Forschungsziel entsprechend - die Mädchen dominieren, weswegen wir beide gender weithin getrennt auswerten werden. Altersmäßig wurden im Schnitt 15-Jährige erfasst (im Durchschnitt
15,1 Jahre), wobei die GymnasiastInnen am jüngsten, die RealschülerInnen am ältesten waren, ohne dass diese Unterschiede jedoch insgesamt nennenswert ins Gewicht fallenii; Mädchen und Jungen unterschieden sich altersmäßig nichtiii .
Tabelle 1: Alter, gender ,Schulart
N
weiblich
Alter Jahre AM
13 oder 14 Jahre
15 Jahre
16 Jahre und
Gesamt
299
58,1%
15,14
24,7%
42,8%
32,4%
Gymnasium
113
60,7%
14,99
31,0%
39,8%
29,2%
Realschule
93
55,9%
15,33
12,9%
53,8%
33,3%
Hauptschule
93
53,0%
15,12
29,0%
35,5%
35,5%
3
älter
Anm.: AM = arithmetisches Mittel der Altersangaben in Jahren
2. Die Drogen oder: „Die erste Prämisse“
Unsere Hauptsorge und dementsprechend unser primäres Präventionsanliegen, so
lautet die erste Prämisse, betrifft den Konsum illegaler Drogen durch Minderjährige.
In Tabelle 2 vergleichen wir zunächst die Konsumhäufigkeit von Cannabis mit der
Intensität, mit der die drei legalen Drogen – Zigaretten, Alkohol, Medikamente – von
15-Jährigen genommen werden, um sodann zugleich deren skalenmäßige Verarbeitung vorzustellen. Dabei enthält die erste Spalte den Wert für alle 299 Befragten, die
zweite und dritte Spalte die jeweils selben Werte für die Jüngsten und die Mädchen
(wobei im Vergleich zur 1.Spalte die Werte der anderen Alters-Gruppen und der
Jungen dann jeweils entsprechend erhöht bzw. erniedrigt ausfallen). Auf die Bildung
der im weiteren Text zumeist verwendeten Drogen-Skalen, die wir der in Anmerkung
1 erwähnten DDRAM-Studie entnommen haben, gehen wir hier nicht näher ein iv.
Tabelle 2: Drogenkonsum: Alter, gender, Schulart
alle
13/14Jahr
weibGymnasiRealHauptlich
um
schule
schule
Rauchen AM
2,51
2,16
2,70
2,09
2,68
2,84
9 Zigaretten +
11,6%
4,3%
14,21%
2,7%
10,9%
23,6%
Alkohol AM
2,78
2,37
2,84
2,78
3,04
2,51
Betrunken 10 +
14,1%
6,8%
14,6%
14,3%
14,0%
14,1%
Cannabis AM
2,16
1,87
2,19
2,16
2,39
1,94
Cannabiskonsum 18,6%
8,4%
19,9%
19,7%
23,7%
12,1%
Drogenskala AM
3,21
2,64
3,35
3,00
3,46
3.21
Medikamente AM
2,87
2,42
3,25
2,80
3,13
2,69
Tägl. Medikament 22,4%
14,9%
26,6%
20,4%
24,7%
22,6%
Anm: >Rauchen<, >Alkohol<, >Cannabis<, >Drogenskala< und >Medikamente< sind
Skalen
>9 Zigaretten +< : Raucht 9 oder mehr Zigaretten täglich.
>betrunken 10+< : War 10 mal oder öfter betrunken
>Cannabiskonsum< : Hat im letzten Jahr oder in den letzten 4 Wochen Cannabis
konsumiert
>tägl. Medikament<.: Hat in den letzten 6 Monaten täglich ein Medikament gegen
Erkältung, Kopfschmerz, Allergie, Lunge/Bronchien/Herz/Kreislauf, Beruhigung, Anregung, Schlankheit, Verdauung, Schmerzen, Magenbeschwerden oder Vitaminpräparate eingenomen – ohne Mittel gegen Menstruationsbeschwerden.
Ein erster kurzer Überblick über die Werte in Tabelle 2 zeigt dreierlei: Zunächst stoßen wir auf erstaunlich hohe Werte für alle erfragten Drogen (in Spalte 1): 11,6%
dieser Jugendlichen raucht täglich mehr als 8 Zigaretten, 14,1% war mehr als 10 mal
betrunken, ein knappes Viertel – 22,4% - nahm in den letzten 6 Monaten täglich ein
Medikament und 18,6% haben im letzten Jahr oder in den letzten 4 Wochen Cannabis konsumiert. Vergleichen wir nun die Intensität des Konsums der legalen Drogen
mit dem der illegalen, dann erhalten wir demgegenüber bei Cannabis nur noch 7,6%,
4
die mehr als 5 mal Cannabis genommen haben, während 3,7% andere illegale Drogen – also Ecstasy, Schnüffeln, Pilze oder ähnliche >Partydrogen< probiert habenv.
Sodann fällt als bemerkenswert auf, dass die Mädchen in der dritten Spalte bei allen
vier Drogenarten zum Teil unerwartet höhere Werte als die Jungen haben . Wir
kommen hierauf in Tabelle 3 zurück. Schließlich unterscheiden sich auch die Schulen in der Art ihres Drogenkonsums in einer nicht ganz erwarteten Weise. Während
der Alkoholkonsum – in der ländlichen Kleinstadt – annähernd gleich verteilt ist, gerät
der Zigarettenkonsum vor allem im Vergleich zwischen Gymnasium und Hauptschule
zum entscheidenden Signum der Hauptschülerinnen, während die Realschüler und
–schülerinnen beim Cannabis dominieren. Dies zeigt sich besonders deutlich in der
3. Tabelle, in der die Mädchen sehr viel intensiver rauchen als die Jungen (14,2% zu
8,2% täglich mehr als 8 Zigaretten), sodaß wir zuletzt bei den Gymnasiasten in dieser Sparte überhaupt keinen Jungen mehr finden, während die Hauptschülerinnen
mit fast einem Drittel (30,1%) beteiligt sind. Aber auch das Ausmaß des Alkoholkonsums der Gymnasiastinnen und Hauptschülerinnen überrascht, galt bisher doch der
Alkohol als ‚Männlichkeits-Attribut’. Schließlich hatten wir den Befund, dass die Jungen der Hauptschule gegenüber ihren Mitschülerinnen sich bei allen vier Drogen als
recht unerfahren darstellen, in dieser Weise nur für die Medikamente, nicht jedoch für
die drei anderen Drogen erwartet. Ohne an dieser Stelle diese Differenzen näher zu
diskutierenvi, sei doch vermerkt, dass alle hier besprochenen Drogen offensichtlich
ganz außerordentlich stark >kulturell< eingebunden sind, d.h. im Ausmaß und Kontext sowohl abhängig sind von der Schul- (und ggf. Schicht-Kultur) einerseits und der
gender-culture – also von den Erwartungen an und unter Mädchen – andererseits.
Tabelle 3. Drogenkonsum bei Jungen und Mädchen in den 3 Schularten
alle
Weibl. männl
Rauchen AM
9 Zigaretten +
Alkohol AM
betrunken 10 +
Cannabis AM
Cannabiskonsum
Medikament AM
tägl. Medikament
2,70
2,23
14,2% 8,2%
2,81
2,72
14,6% 13,6%
2,19
2,12
19,9% 16,1%
Gymnasium
Realschule
weibl. männl. weibl. männl
.
2,32
1,73
2,88
2,44
4,5%
--9,8% 12,2%
2,91
2,55
2,84
3,29
14,9% 13,6% 9,6% 19,5%
2,16
2,11
2,36
2,41
20,9% 15,9% 23,1% 24,4%
3.25
2.30
26,6% 16,8%
3.18
25,0%
Hauptschule
weibl. männl.
3,02
2,59
30,8% 13,2%
2,65
2,32
19,2% 7,5%
2,04
1,82
15,3% 7,7%
2.35
3.52
2.20
3.00
2.56
13,6% 25,0% 24,4% 30,2% 13,5%
Dies führt uns zurück zur ersten Präventions-Prämisse, die bisher in ihrer Festlegung
auf die illegalen Drogen nicht nur die für die weitere Zukunft zu befürchtenden sehr
viel höheren Risiken – vor allem auch im Hinblick auf die befürchtete Abhängigkeit –
des Zigaretten-Konsums und der gravierenden >Abhängigkeit< von (insbesondere
täglich eingenommenen) Medikamenten übersiehtvii, sondern die weithin eben diese
>kulturellen< Unterschiede in ihrem Präventions-Angebot bisher kaum angedacht
hat.
5
Wie wenig sie damit die >Drogen-Ebene< dieser SchülerInnen erreicht, mag zunächst eher schlaglichtartig ein – ursprünglich nicht beabsichtigter - Vergleich mit
einer parallelen Untersuchung von Haupt- und RealschülerInnen im Rahmen einer
Diplomarbeit in einer anderen niedersächsischen Kleinstadt belegenviii: Wie Tabelle 4
zeigt, stieg in diesen beiden durchaus vergleichbaren Kleinstädten der Konsum beider >Rauchdrogen< erheblich an – wobei vor allem der Cannabis-(Probier)-Konsum
noch nicht das schon damals in der Großstadt Bremen (25,6%) übliche Ausmaß erreicht hat, während der so befürchtete Party-Drogen-Konsum zumindest bei dieser
Altersgruppe keine wesentliche Veränderung zeigt – ein karger Erfolg der schulischen Drogenprävention?
Tabelle 4: Vergleich der Entwicklung des Drogenkonsums 1997 und 2001 bei
Haupt- und RealschülerInnen in zwei niedersächsischen Kleinstädten
und Bremen
Wesseler 1997
N
Täglich rauchen
Betrunken 10 +
Cannabis-konsumiert
Sonstige >Party-Droge<
100
18,3%
4,6%
8,3%
7,3%
Butt-Behrmann
2001
299
31,5%
14,1%
18,6%
5,4%
Bremen
1997
523
23,1%
11,6%
25,6%
11,8%
Anm.: >Sonstige Party-Droge< : Tranquilizer, Ecstasy, LSD, Pilze, Schnüffeln
3. Die Gefährlichkeit der Drogen oder: „Die zweite Prämisse“
Für uns ist ausgemacht: Drogen sind eine gefährliche, riskante Substanz. Sie führen
zur Sucht, Abhängigkeit, körperlichen und psychischen Schäden. Vor allem die illegalen Drogen können wir eigentlich nur aus dieser Perspektive heraus wahrnehmen,
während wir den Alkohol genießen, die meisten Raucher mitsamt der Werbung auf
die positiven Seiten der Zigaretten schwören und Medikamente, gleichsam ex definitione ärztlich indiziert, ganz selbstverständlich dem guten Zweck der Heilung dienen.
Ohne an dieser Stelle allzu intensiv in das Feld dieser Prämisse einzusteigen ix, mögen uns doch die folgenden Anmerkungen zur >Gefährlichkeit< wie zur >Abhängigkeit< einen Hinweis dafür bieten, wie die befragten Jugendlichen mit dieser Einschätzung umgehen.
In einem ersten Schritt wurden die Jugendlichen in absichtlich bunter Reihenfolge
gefragt „Glaubst Du, dass die folgenden Aktivitäten gefährlich sind“ (mit den Kategorien >überhaupt nicht<, >ein wenig<, >sehr< und >ich weiß nicht<) : Skifahren, Alkohol trinken, Heroin nehmen, Geschlechtsverkehr haben ohne Präservative zu benutzen, Autofahren, Tabak rauchen, Joints, Haschisch rauchen, mit einem Flugzeug
fliegen, Ecstasy nehmen, Skateboard fahren, Moped fahren.
6
Tabelle 5: Gefährlichkeit von Verkehrsaktivitäten und konsumierten Drogen
(Arithmetische Mittel ohne „ich weiß nicht“)
Verkehrsaktivitäten
weiblich
männlich
Skateboard
1,70
1,62
Moped
1,81
1,61
Auto
1,92
1,62
Fliegen
1,92
1,65
Skifahren
2,06
1,83
Konsumierte Drogen
Weiblich
männlich
Tabak
2,20
1,98
Alkohol
2,31
2,17
Joint
2,63
2,61
Ecstasy
2,83
2,70
Heroin
2,99
3,13
Der Vergleich der beiden Aktivitäts-Arten zeigt zunächst, dass die Drogen insgesamt
als erheblich gefährlicher eingeschätzt werden als die Verkehrsaktivitäten, wobei die
Mädchen die letzteren für erheblich gefährlicher halten als die Jungen, während sich
die gender bei den Drogen weithin einig sindx. Ein zweiter Blick bestätigt, dass die
Jugendlichen die Verkehrsaktivitäten – jugendspezifisch - im wesentlichen aus ihren
Alltagsaktivitäten heraus beurteilen, weswegen etwa das an sich recht unfallträchtige
Skatenxi als harmloses Vergnügen gilt, während das in Norddeutschland eher befremdliche Skifahren erheblich höhere Werte erreicht. Bei der Einschätzung der Drogen dagegen folgen die Jugendlichen weithin den erwachsenen Vorgaben, wie sie
sich in entsprechender Weise heute auch in unserer Präventionslogik wiederspiegelt:
Bei insgesamt erheblich höheren Gefährlichkeitsbewertungen verleihen sie dem
Rauchen relativ niedrige Werte, während die beiden unbekannten Drogen Ecstasy
und Heroin Höchstwerte erhalten; Cannabis nimmt in dieser Skala eine mittlere Stellung ein.
Unterwirft man alle in Tabelle 5 genannten Aktivitäten einer gemeinsamen Faktoranalyse, erhält man zwei eindeutige Faktorenxii, die jeweils Verkehrsaktivitäten und
konsumierte Drogen zusammenfassen. Die hieraus gebildeten beiden Faktor-scoreSkalen, die jedem Jugendlichen einen Rangplatz innerhalb dieser Faktoren zuweisen, zeigen nur sehr geringe Zusammenhänge zwischen der Intensität des Drogenkonsums und der Einschätzung der Gefährlichkeit der 5 Verkehrsaktivitätenxiii , während die Bewertung der Drogengefährlichkeit sehr eindeutig mit zunehmendem Drogenkonsum sinkt. Jugendliche, die in der allgemeinen Drogenskala relativ hoch rangieren, schätzen die Gefährlichkeit dieser Drogen eher gering ein (r = -.35), wobei die
Jungen hier eher ‚naiver’ reagieren (r = -.50), während die beim Rauchen stärker
belasteten Mädchen vor allem dann, wenn sie mehr als 8 Zigaretten täglich rauchen
(Kategorie 5 der Drogenskala) der realen Gefährlichkeit dieser Droge besser gerecht
werden (s. insgesamt Graphik 1)
Graphik 1: Einschätzung der Drogengefährlichkeit und Intensität des Drogenkonsums
Faktor-Skalen (factor-scores) für Mädchen und Jungen
7
>Drogengefährlichkeit<: Factor-Scores
aus „Konsumierte Drogen“ (s. Tabelle
5), jedoch einschließlich „Weiß nicht“.
Intensität des Drogenkonsums
Drogengefährlichkeit (Faktorskala)
Mädchen und Jungen
1,5
1,0
,5
0,0
-,5
Mädchen
-1,0
-1,5
total abstinent
Jungen
gelegentlich legal
probiert legal
>Drogenskala<:
1 = total abstinent; 2 = hat Alkohol oder/und Zigaretten mal probiert, 3 = gelegentlich geraucht und/oder mal betrunken, 4 = öfter betrunken und/oder
täglich rauchen 5 = regelmäßig trinken
und/oder mehr als 9 Zigaretten täglich, 6
= mehr als 5 mal Cannabis
tägl. 9+ Zigaretten
tägl.geraucht
Cannabis 5+
Drogenskala
N: weiblich 167, männlich 118
kein signifikanter Unterschied der Mittelwerte
Pearson-Korrelation insgesamt: r = -.35
weiblich: r = .25; männlich: r = -.50
Verfolgt man diese Tendenz etwas eingehender bei den beiden vergleichbaren
Hauptdrogen Nikotin und Cannabis, dann bietet Graphik 2 für Cannabis ein sehr
eindeutiges Bild: Je stärker die SchülerInnen an dieser Droge interessiert sind, desto
deutlicher nimmt einerseits ihre Beurteilung dieser Droge als ‚gefährlich’ oder als
‚Abhängigkeit-produzierend’xiv ab und umgekehrt deren Spaßfunktion zu, und zwar
sehr parallel bei beiden gender.
Beim Rauchen dagegen nimmt die – aus der Erwachsenen-Perspektive bezogene ‚Gefährlichkeits-Annahme’ mit zunehmendem Konsum ebenfalls ab, weswegen man
hier vielleicht eine gewisse Legitimations-Funktion („Ist ja nicht so gefährlich, wie
immer behauptet wird“) vermuten kann, während die beiden anderen Zuschreibungen – >abhängig< und >Spaß< – bei beiden gender vom Ausmaß des Konsums
nicht berührt werden. Bemerkenswert sind dabei zwei Tendenzen: Bei Cannabis
setzt dieser Trend bereits vor dem aktuellen Probierkonsum dann ein, wenn die Jugendlich bereit sind, bei Angebot eines Joints, dieses Angebot auch anzunehmen; er
setzt sich ungebrochen auch dann fort, wenn es nicht nur beim schieren Probierkonsum bleibt– wofür der >Konsum in den letzten 4 Wochen< ein sehr brauchbares Indiz
ist. Beim Zigarettenkonsum dagegen bricht dieser ‚Glaube’ dann zusammen, wenn
die tägliche Konsummenge eine gewisse Grenze (die wir hier relativ willkürlich bei 8
Zigaretten gelegt haben) überschreitet: Jetzt beginnt sich die Realität – kein „SpaßRauchen“ – durchzusetzen.
Graphik 2 und 3: Drogenbeurteilung bei Cannabis und Rauchen durch Konsumenten
Gefährlichkeit, Abhängigkeit und Spass
8
Beurteilung:Cannabis
Beurteilung Tabak
Cannabis-Skala
Raucher-Skala
gefährlich, abhängig, Spass
gefährlich, abhängig, Spass
,4
1,5
,2
Mittelwert z-Werte
Mittelwer t: z- Werte
1,0
,5
0,0
-,5
Tabak rauchen
0,0
gef ährlich
Cannabis gefährlich
-1,0
-,2
Tabak abhängig
Cannabis abhängig
-1,5
-2,0
weiß nichts
Cannabis Spass
letzte 4 Wochen
bei Angebot
könnte erhalten
-,4
nie
Tabak Spass
gelegentlich
1-2 mal; auf gehört
9+ Zigaretten
täglich
letztes Jahr
Raucherskala
Cannabis-Skala
Korrelationen mit Cannabis-Skala
alle
weiblich männlich
gefähr-.47
-.40
-.51
lich
abhängig -.17
-.10
-.22
Spass
+.38
+.31
+.42
Korrelationen Rauchen
alle
weiblich
gefähr- -.24
-.25
lich
abhän.00
+.06
gig
Spass
.08
+.16
männlich
-.27
-.12
-.04
Bewertet man diese – hier nur sehr kursorisch angeschnittenen – Befunde unter dem
Gesichtspunkt einer Prävention, dann können wir wiederum dreierlei festhalten:



Die so eindrucksvolle Einschätzung der Gefährlichkeit der Drogen wird vor allem von den jeweils >Abstinenten< getragen (vgl. zum Folgenden die Ausgangs-Werte oben in Tabelle 5): Beim ‚Rauchen’ beträgt die Differenz zwischen denen, die ‚nie geraucht haben’ und denen die mehr als 8 Zigaretten
täglich rauchen 2,39: 1,97; beim Cannabis erreichen die Abstinenten mit einem Wert von 2,84 ( 3 = „sehr gefährlich) nahezu den Wert von Ecstasy und
Heroin, während diejenigen, die in den letzten 4 Wochen Cannabis ‚probiert’
haben, mit einer Bewertung von 1,67 nicht nur die Raucher sondern auch die
anderen jugendtypischen Verkehrsarten unterbieten.
Diese geringer werdende Einschätzung potentieller Drogengefahr setzt schon
sehr früh ein, beim Rauchen mit dem ersten Probierverhalten, selbst wenn die
Jugendlichen ‚aufgehört haben’ zu rauchen; beim Cannabis sogar schon vor
dem ersten Versuch, wenn nur die Bereitschaft besteht, diese Droge anzunehmen, wenn sie angeboten wird.
Und schließlich drittens: Mit zunehmender Konsum-Erfahrung wächst der
‚Spass’ so lange, bis er – beim Rauchen und hier relativ spät - zusammenbricht.
9
Wir können diese Anmerkungen durch zwei weitere Ergebnisse aus zwei zusätzlichen Erhebungen, in denen wir die gleiche Frage gestellt haben, ergänzen. Zunächst
belegt die Graphik 4, in der wir darstellen, wie oft gleichaltrige Jugendliche einer Vergleichsuntersuchung mit vier anderen europäischen Städtenxv bei den fünf erfragten
Drogen – Joint, Alkohol, Heroin, Tabak und Ecstasy - die Wirkung ‚ >abhängig< bzw.
>Spass< angestrichen haben, dass die jeweils zusammenfassende Bewertung solcher Drogen als >abhängig< ein typisch ‚deutsches’ Phänomen zu sein scheint, während die insgesamt sehr viel höher angesetzte >Spass-Wirkung< sich eher gleich
verteiltxvi.
Graphik 4: Abhängigkeit und Spass-Zuschreibung für 5 Drogen im Europäischen Vergleich
Europäische Städte:
Abhängigkeit und Spass bei Drogen
Stadt
NL: Groningen
GB: Newcastle
IR: Dublin
IT: Rom
HB: Bremen
Land 1996
Europäischer Vergleich
Joint, Alkohol, Tabak, Ecstasy, Heroin
1,8
1,6
1,4
1,2
1,0
Anzahl
487
879
983
666
871
131
Mittelwert
,8
,6
Spassf unktion
,4
,2
NL
Abhängigkeit
GB
IR
IT
HB
DE Land
Skala: 0 = keine Droge
5 = alle Drogen
5 Europäische Städte und Land
Wir nehmen schließlich – fünftens – die aus einer repräsentativen Bremen-Umfrage
aus dem Jahr 1999xvii stammenden Drogenbewertungen hinzu, die (in Graphik 5) für
die drei Drogen Cannabis, Alkohol und Heroin einerseits zeigt, dass Cannabis mit
wachsendem Alter stets negativer bewertet wird, wobei aber andererseits Cannabis
bis in die höheren Alterstufen insgesamt positivere Werte erhält als Nikotin.
Graphik 5: Vergleich der Bewertungen der Drogen Cannabis, Nikotin und Heroin durch 6 Altersstufen von 16 bis 70 Jahren in einer repräsentativen Erhebung in Bremenxviii
10
Positiv-negativ Bewertung bei drei Drogen
Mittelwerte einer von +3
über 0 bis –3 gebildeten
Skala, bei der die Werte
>Entspannung<, >Spass<
und >Glücksgefühl< positiv, sowie die Werte
>Schmerz<, >Depression<
und >Abhängigkeit< negativ gezählt wurden.
Cannabis, Nikotin, Heroin
in 6 Altersgruppen in Bremen
1,0
,5
0,0
Mittelwert
Cannabis
-,5
Nikotin
-1,0
16-19 Jahre
N: 3008 per random-route
zufällig ausgesuchte EinwohnerInnen in Bremen im
Alter von 16 bis 70 Jahren
Heroin
20-29
30-39
40-49
50-59
60-70 Jahre
6 Altersgruppen
Dieser doppelt >kulturell< orientierte Vergleich – europäisch-jugendkulturell wie generationsspezifisch-altersabhängig – zeigt, daß wir mit unseren zunächst benannten
Befunden offenbar auf das Produkt einer höchst spezifischen – d.h. deutschen und
erwachsenen – Präventions-Logik stoßen, die
 weder der jugendkulturellen Bewertung der fraglichen Drogen entspricht
 noch die inzwischen nicht nur im common-sense, sondern weithin auch wissenschaftlich abgesicherten Risiko-Unterschiede der Drogen – insbesondere
Cannabis und Nikotin – zureichend berücksichtigt, und der es
 nicht gelingt, gezielt auf die verschiedenen Problem-Fragen der Jugendlichen
– hier insbesondere der ernsthaft besorgten RaucherInnen – einzugehen
4. Die Risiko-Korrelation oder: Die dritte Prämisse
Eine rationale Drogenpolitik und mit ihr eine rationale Präventions-Politik legitimiert
sich zu Recht mit wissenschaftlichen Ergebnissen. Doch bietet gerade die Drogenforschung ein Paradigma für den fast unentwirrbaren Filz von common-sense, Forschung und politischem Interesse, der sich bis hinein in die scheinbar so objektive
Methodik erstrecktxix. Dies reicht von der Art der Fragestellung über die Verwendung
simpler Häufigkeiten (s.o. Tabelle 2 bis 4) und sinnleerer Signifikanzangaben (insbesondere bei größeren Untersuchungsgruppen)xx bis hinein in die Interpretation aufgefundener Korrelationen, die fast lehrbuchartig solche Verstrickungen belegt: Von voreiligen Kausalschlüssen (gestörte Familienverhältnisse führen zu Drogenabhängigkeit) über einseitig gelöste ‚Henne-oder-Ei’-Probleme (was kam zuerst, ‚delinquentes/kriminelles’ Verhalten oder ‚Drogenkonsum’?)xxi bis hin in den auch in dieser Arbeit eingesetzten Beleg einer fortlaufend verstärkten Beziehung zwischen solchen
Variablen (je mehr Tabak geraucht wird, desto positiver wird er bewertet). Vor allem
der zuletzt genannte – und natürlich auch methodisch berechtigte - Schluß folgt, bestätigt und verstärkt unser doppeltes Alltags-Verständnis solcher ‚karriereartigen
Entwicklungen: „Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will“ – was dann die
Suche nach riskanten und protektiven Risikofaktoren begründet, und „Schlechtes
11
folgt aus Schlechtem“ – was dann sowohl die Suche nach ‚schlechten’ Ursachen/Risikofaktoren nahelegt (genetische Defekte, gestörte Sozialisation, Werteverfall) sowie umgekehrt ganz selbstverständlich deren Resultate, den Drogenkonsum
als entsprechend ‚schlechtes Ergebnis’ („so was kommt von so was“) bestätigt.
Ein hierbei führendes Beispiel ist die unangefochtene These des Zusammenhanges
zwischen Drogenkonsum und drogenkonsumierenden Freunden, die freilich – wie bei
allen Korrelationen – unterschiedlich gedeutet werden kann: Verführen die Freunde
den Konsumenten, sucht der Konsument solche Freunde oder steckt die faule Frucht
den Freundeskreis an (weshalb sie schleunigst aus der Schule zu entfernen ist).
Graphik 6 belegt einen solchen Zusammenhang zwischen der Intensität des Drogenkonsums und dem Umfang des Freundeskreises, wobei wir hier die für diese Graphik
verwendete Variable ‚Geselligkeit’ stärker über das erfragte Freizeitverhalten gewichtet habenxxii
Graphik 6: Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Geselligkeit:
Jungen und Mädchen
Drogenkonsum und Geselligkeit
Jungen und Mädchen
Drogenskala: s. Graphik 1 und 8
Geselligkeit: Skala mit den Werten 1–
13
s. Graphik 9
Befund einer univariaten Varianzanalyse
9
8
7
6
weiblich
5
4
total abstinent
männlich
gelegentl. geraucht
legal probiert
öfter betrunken
Drogenskala
täglich rauchen
Cannabis 5 mal+
Korrelation:
weiblich: r =.39 männlich: r =.37
Signifikanz in der Varianzanalyse:
Drogenskala: p =.000.
gender: nicht signifikant
Wie man auch immer diesen Zusammenhang inhaltlich interpretieren will, so wird
man ihn jedoch fast ausschließlich in zweifacher Weise höchst einseitig lesen und
verstehen.
Und zwar werden wir zunächst im Rahmen unserer >Abstinenz-Perspektive< –
gleichsam längsschnittartig über die Drogenskala hinweg – das ‚untere’ Ende als ‚positiv’, das ‚obere’ Ende dagegen als ‚negativ’ bewerten und das breite Mittelfeld selber entweder ausklammern oder aber tendentiell zum bitteren Ende hin bewerten.
Wir werden also auf der einen Seite die >Drogen-freien< Jugendlichen ohne DrogenFreunde und auf der anderen Seite die Hochbelasteten mit vielen Drogen-Freunden
verorten und dementsprechend mit unseren Präventionsbemühungen möglichst das
drogenfreie untere Ende ansteuern: „Just say no“ zu solchen Freunden.
Dabei tendieren wir dann, von Korrelationsmaß und Graphik verführt – gleichsam
querschnittartig für jeden Skalenpunkt der Drogenskala – dazu, nur die jeweils ‚typischen’ Fälle wahrzunehmen und die stets auch vorhandenen ‚Gegenbeispiele’ zu
übersehen. Solche Gegenbeispiele wären am unteren Ende, die ‚geselligen DrogenFreien’ und am oberen Ende die ‚Isolierten Drogengefährdeten’.
12
Beide Tendenzen, die wir gleich mit unserem Beispiel der Beziehung Drogenkonsums und Geselligkeit noch näher belegen wollen, wurzeln in derselben Kreuzung
aus ideologischer Vorannahme und deren methodisch plausiblen Bestätigung, nämlich in der Annahme des hohen Risikos Peergruppen-orientierten Drogenkonsums
einerseits und der – zugleich durch die Graphik optisch dokumentierten – hohen und
höchst signifikanten Korrelation; also aus der Tendenz heraus, das jeweilige Glas
stets nur ‚halbvoll’ zu sehen und dessen ‚leere’ andere Hälfte als unwesentlich beiseite zu lassen.
4.1 J-Kurve und Normal-Kurve
Die erste Sichtweise, die den vielen ‚Braven’ die ständig weniger werdenden, doch
stets umso mehr ‚Gestörten’ gegenüberstellt, passt gut in das Cliché vom ‚Abgleiten
in die Sucht’, das wir im graphischen Bild der für viele abweichenden Verhaltensweisen so typischen J-Kurve wiederfinden: Die höchsten Zahlen sammeln sich hier bei
den niedrigen Skalenwerten, während die höheren Skalenwerte ständig niedriger
werdende Häufigkeiten erfassen, wie wir dies in der Graphik 7 mit unserer CannabisSkala gut demonstrieren können.
Graphik 7: Häufigkeitsverteilung der Cannabis-Skala: J-Kurve
Cannabis-Skala mit häufigem Konsum
120
Cannabis-Skala:
114
100
86
80
60
40
41
Häufigkeit
35
20
Std.abw. = 1,25
20
1: weiß nicht, wo zu erhalten
2: weiß, wo zu erhalten
3: würde bei Angebot annehmen
4: Konsum 1 – 5 mal
5: Konsum mehr als 5 mal
Mittel = 2,2
N = 296,00
0
1,0
2,0
3,0
4,0
5,0
Cannabis-Skala mit häufigem Konsum
Geht man jedoch davon aus, dass solche Verhaltensweisen – Drogen-Konsum Jugendlicher – eigentlich ‚ganz normal’ sind, so sehr auch die einzelnen Formen dieses
Verhaltens (Cannabis, Trinken, Rauchen etc) ‚subkulturell’ variieren können, dann
erhält man für eine dementsprechend kombinierende Skala die in Graphik 8 für unsere Drogenskala aufgeführte ‚Normal-Verteilung’xxiii. Im breiten Mittelbereich dieser
Skala finden wir dann das ‚durchschnittlich’ normale Verhalten (also keineswegs unbedingt das ‚erwünscht’ normale Verhalten), und nunmehr an beiden Enden Jugendliche mit den jeweils seltener werdenden extremen Skalenwerten, nämlich auf der
einen Seite diejenigen, die sich völliger Abstinenz nähern, und auf der Gegenseite
diejenigen, die einen ungewöhnlich hohen Drogenkonsum aufweisen. In unserer üblichen Präventionslogik tendieren wir dazu das eine ‚drogenfreie’ Ende als (eher unerreichbares) Ziel zu betonen, während die Mitte ‚riskiert’, zuletzt doch am anderen
Ende anzukommen.
13
Graphik 8: Häufigkeiten bei der Drogenskala: Normalverteilung
Drogenskala
Drogenskala
Häufigkeit der Verteilung
eingezeichnete Normalverteilung
100
80
86
71
60
57
Häufigkeit
40
35
20
Std.abw. = 1,36
27
20
Mittel = 3,2
N = 296,00
0
1,0
2,0
3,0
4,0
5,0
6,0
Dr ogenskala
1: total abstinent
2: probiert Alkohol und/oder Rauchen
3: gelegentlich geraucht und/oder
mal betrunken
4: öfter betrunken und/oder täglich
geraucht
5: raucht täglich mehr als 8 Zigaretten
6. Konsumiert mehr als 5 mal Cannabis
Daß eine solche Sicht möglicherweise nicht ganz unproblematisch ist, mag schließlich die Häufigkeitsverteilung der Geselligkeits-Skala in Graphik 9 andeuten: Hier
zeigt sich nämlich für die mit der Drogen-Skala so hoch korrelierende GeselligkeitsSkala (s. Graphik 6) eben dieselbe ‚Normalverteilung’. Der breite normale Geselligkeitsbereich in der Mitte der Skala wird in seinen Randbereichen an einem Ende von
einer eher sozial isolierten Gruppe Jugendlicher und am anderen Ende von extrem
an der Peergruppe orientierten Jugendlichen begleitet. Wir stoßen damit möglicherweise neben der üblichen Zielgruppe unserer Drogen-Prävention, den >Hochbelasteten< , auf eine zweite Problemgruppe, die >Isolierten<, die bisher jedoch Vorbild unserer Prävention sein sollte.
Graphik 9: Häufigkeiten bei der Geselligkeits-Skala: Normalverteilung
Geselligkeits-Skala
Geselligkeit
Häufigkeit der Verteilung
eingezeichente Normalverteilung
120
113
100
80
60
64
Häufigkeit
55
40
Std.abw. = 2,48
20
0
24
24
Mittel = 7,3
12
2,0
N = 298,00
4,0
6,0
8,0
10,0
Geselligkeit
4.2 Die Gegenbeispiele
12,0
14,0
Addiert die Werte aus: „Fällt es
Dir leicht oder schwer, neue
Freunde/Freundinnen zu finden?“
„Ich habe keinen guten
Freund/gute Freundin“ sowie aus
der generellen Frage „Wie verbringst Du im allgemeinen Deine
freie Zeit?“ die Unterfragen „Bin
bei Freunden zu Hause“, „gehe in
die Disco/Kneipe (Café)“ „hänge
auf der Straße rum“.
14
Die zweite Sichtweise, die jeweils nur die Regelfälle im Auge hat, die Gegenbeispiele jedoch übersieht, können wir in Graphik 10 recht gut belegen. Dabei haben wir zur
besseren Verdeutlichung die in Graphik 6 verwendeten beiden Skalen Drogenkonsum und Geselligkeit jeweils in drei gleichgroße Gruppen aufgeteilt. Wir erhalten
dann für Mädchen wie für Jungen zunächst das überzeugende Korrelationsbild ( r =.
46 bzw. .42), nach dem die am geringsten ‚drogen-belasteten’ Mädchen zu 61%
auch die geringste ‚Geselligkeit’ aufweisen und die am höchsten Belasteten mit 51%
auch in die höchste ‚Geselligkeitsgruppe’ gehören; eine eindeutige Beziehung, die
bei den Jungen mit 45% und 56% recht ähnlich ausfällt, wenn hier auch in der höchsten Drogengruppe keine Jungen mehr auftauchen, die bei dieser Art der Geselligkeit
(Freunde, Disco, Strasse) deutlich zurückhaltender sind.
Diese soeben genannten vier Mädchen- und Jungen-Gruppen, die unsere noch immer vorherrschende Präventions-Sicht bestimmen (geringer Drogenkonsum + wenig Geselligkeit; hoher Konsum + hohe Geselligkeit) erfassen zusammen mit 37%
etwas mehr als ein Drittel der Gesamtgruppe, und zwar mit 14% die ‚Gefährdeten’,
die mit der Prävention angesprochen werden sollen, und mit 23% die ‚Braven’ , die
als das erwünschte Vorbild gelten.
Lassen wir zunächst die darin verborgene Problematik einer solchen Prävention dahingestellt, um uns den restlichen ‚vergessenen’ 63% zuzuwenden, da wir hier auf
drei hochinteressante Gruppen treffen: Zunächst das ‚vergessene’ mittlere DrogenDrittel (29%), das gleichsam den engeren Bereich der oben gezeichneten ‚Normalverteilung’ herausgreift: Wir finden hier Jugendliche, die in unterschiedlichem Maße
rauchen und Alkoholerfahrungen haben, jedoch weder hier noch gar im illegalen Bereich Extremwerte aufweisen. Diese Mädchen und Jungen bewegen sich in nahezu
gleicher Weise in allen drei ‚Geselligkeitsdimensionen’; so, als ob diese keinerlei Einfluß auf ihr Drogenverhalten hätten (weshalb wir dann – wiederum in Bezug auf die
hier gerade kritisierte eindeutige Korrelationsbeziehung gerne sagen: „Warte ab, das
dicke Ende kommt noch, wenn sie älter werden“). Wichtiger – für die je aktuelle Präventions-Gegenwart – sind jedoch die beiden anderen relativ kleinen ‚Gegengruppen’, und zwar diejenigen, die – gleichsam wider Erwarten - beim jeweils ersten Balken der niedrigen ‚Drogenbelastung’ mittlere und höhere Geselligkeitswerte haben
(16%) und diejenigen, die im dritten Balken der höheren Drogenbelastung mittlere
oder niedrige Geselligkeitswerte (18%) aufweisen. Während die einen gleichsam
‚immun’ gegenüber solchen peer-Verführungen sind, könnten die anderen – vor allem in den extremeren Fällen – als ‚isolierte’ Konsumenten ein besonderes Gefährdungspotential aufweisen (was durch unsere Präventions-Strategie dann noch erhöht
würde).
Graphik 10
15
Drogen und Geselligkeit
Drogen und Geselligkeit
Jeweils drei Terzil-Gruppen
Jeweils drei Terzil-Gruppen
Jungen
Mädchen
100
100
90
61
25
80
70
11
90
39
80
70
50
Geselligkeit
50
51
40
mittel
14
20
10
0
hoch
niedrig
mittel
Geselligkeit
niedrig
32
mittel
20
hoch
niedrig
mittel
hoch
hoch
Drogen
Drogenskala
N: 172 phi = .50
56
35
30
niedrig
25
44
40
Prozent
Prozent
24
20
10
0
50
29
39
60
60
30
45
r = .46 Chi-Quadrat p =.000
N: 123 phi = .44 r = .42
Chi-Quadrat p =.000
5. >Risiko-Gruppen<.
Fassen wir das Ergebnis dieser ‚methodischen’ Überlegung zusammen, dann könnte
man für ‚Präventions-Zwecke’ idealtypisch 5 Gruppen voneinander unterscheiden.
Neben einer größeren >Mittelgruppe<, die gleichsam den ‚Normal-Jugendlichen’ mit
etwas Drogenkonsum und einem mittleren Geselligkeitsmaß vertritt, treten dann auf
beiden Seiten jeweils zwei Gruppierungen ins Bild: Die >Abstinenten< mit höheren
Peer-Kontakten und die >Isoliert-Abstinenten< auf der einen Seite, während wir bei
den ‚Drogen-Gefährdeten’ unterscheiden könnten zwischen >Sozial-Integrierten<,
die in eine Jugend-Kultur eingebunden sind und den eher >einsamen Drogenkonsumenten<. Die zuletzt genannten vier ‚methodisch konstruierten’ Gruppierungen
könnten nun auch aus theoretischem Blickwinkel nicht uninteressant sein. Während
die erste Gruppe (die wir im Folgenden nicht weiter behandeln können) uns vielleicht
Hinweise auf ‚Immunisierungs-Faktoren’ bieten könntexxiv, dürfte die zweite Gruppe
der Isolierten auch Jugendliche erfassen, die eher sozial ängstlich, wenig neugierig
und für ihr Alter ‚zurückgeblieben’ auftreten. Auf der anderen Seite dürfte die dritte
Gruppe der sozial integrierten Drogen-Konsumenten (zumindest innerhalb der in dieser Untersuchung erfassten Schüler und Schülerinnen) unter gruppendynamischen
Aspekten insgesamt erheblich leichter erreichbar sein als solche Jugendliche, die
eher sozial zurückgezogen ihre Drogen konsumierenxxv, zumal wir hier (wiederum
plakativ-idealtypisch formuliert) recht unterschiedliche Motive des Drogenkonsums
vermuten können: „Soziale Zugehörigkeit demonstrieren“ versus „Isolation kompensieren“.
Im Rahmen dieser ersten explorativen Studie, die sich eher noch tastend dieser Frage nähern will, haben wir nun versucht mit Hilfe von vier für diese Fragestellung theoretisch fruchtbaren Skalen mittels einer Clusteranalyse vier Gruppen zu bilden, die
etwa der soeben besprochenen Normalgruppe und ihren 3 Problemgruppen entsprechen. Wir haben dazu neben den beiden bisher eingesetzten Skalen zum Drogenkonsum und zum freizeitorientierten Geselligkeitsverhalten je eine spezielle Medikamenten-Skala und eine >Depressions-Skala<xxvi gebildet, die wir zunächst kurz
darstellen, um sodann auf die vier Gruppen und deren Charakteristika einzugehen.
5.1. Eine Depressions- und Schmerzmittel-Skala
16
Die Depressions-Skala, die bis auf ein faktoriell aus der Reihe fallendes Item (Ich
habe keinen guten Freund/Freundin) einer von Fend und Schröer xxvii entwickelten
Skala entspricht, wie auch die Schmerzmittelskala sind nicht normal verteilt (Graphik 11) und zwischen Jungen und Mädchen – erwartungsgemäß und hochsignifikant ( t: =.000) – deutlich verschieden ausgeprägt: Mädchen in diesem Alter sind
deutlich unzufriedener mit sich und tendieren sehr viel stärker dazu Schmerzmittel zu
nehmenxxviii.
Der Vergleich der Korrelationen dieser beiden neuen Skalen mit der Drogen- und
Geselligkeits-Skala in Tabelle 7 und dann in Graphik 12 zeigt zwei höchst interessante gegenläufige – gender-spezifische – Zusammenhänge vor allem mit der Depressions-Skala: Währendie wir oben schon sahen, bei beiden gender der Drogenkonsum konsequent mit dem Ausmaß der Geselligkeit steigt ( r = .39 bzw. .37),
„werden Jungen depressiv, wenn sie keine Freunde haben“ (r =-.28), nehmen dann
aber deutlich weniger Drogen (r = –.13), während bei den Mädchen mit zunehmender
Depression sowohl der Drogenkonsum ( r =.25) wie auch der Schmerzmittelkonsum
(r =.26) deutlich ansteigt, die Frage der Geselligkeit jedoch keine Rolle spielt ( r = .03). Zugespitzt könnte man hier – clichéhaft – vermuten: Mädchen kompensieren in
diesem Alter ihr subjektives Unglück mit Drogen und Medikamenten, während Jungen sich umgekehrt ins gesellige Leben stürzen. Wie dem auch sei, so zeigt sich
hier einmal mehr, wie unterschiedlich die – gender-kulturell definierte – Funktion des
Drogenkonsums ausfallen kann: Für Mädchen eher Kompensation, für Jungen eher
Geselligkeits-Ausweis.
Graphik 11: Depressions- und Schmerzmittel-Skala für Mädchen und Jungen
Depressions-Skala
Schmerzmittel-Skala
Mädchen und Jungen
Mädchen und Jungen
Häufigkeiten
Häufigkeiten
50
50
40
44
40
39
40
36
30
34
28
30
23
24
9
5
0
4,00
18
5,00
weiblich
Anzahl
Anzahl
13
10
3,00
28
gender
20
2,00
35
20
26
20
gar nicht
38
33
30
7
männlich
sehr hoch
23
gender
16
10
weiblich
6
0
sehr wenig
2,00
3,00
4,00
5,00
männlich
sehr viel
Schmerzmedikamente,Valium
Depression-Skala
Skala ausxxix: „Gefühl dass Zukunft hoffnungslos...“ „Bin
so traurig, dass ich es kaum ertrage“ ...als Mensch völliger Versager..“ „mit allem unzufrieden/gelangweilt“,
„immer Schuldgefühle“, „hasse mich“ „ganzes Interesse
an anderen Menschen verloren“, „überhaupt keine Entscheidungen mehr treffen“ „finde mich hässlich“, „bin zu
müde, um etwas zu tun“, „überhaupt keinen Appetit
mehr“, „fühle mich oft einsam“
Kategorie: „stimmt nicht“ „ein bisschen“ „sehr/oft“
AM Mädchen: 2,99 AM Jungen: 2,31
Skala aus „Wie oft hast Du in den letzten
Monaten diese Mittel genommen“ (täglich, 12 mal die Woche, selten, nie):
Kopfschmerzmittel, Schmerzmittel, Vitaminpräparate.
und: Hast Du jemals Medikamente (Valium
etc) als Beruhigungsmittel genommen (nein,
nie; ja, aber nicht länger als 3 Wochen; ja, 3
Wochen oder länger)
AM Mädchen: 3,25 AM Jungen: 2,35
17
Tabelle 7: Interkorrelationen zwischen den vier Skalen: Drogen, Geselligkeit, Depression und Schmerzmittel: Mädchen und Jungen
Drogen
Geselligkeit
Depression
Schmerzmittel
Drogen
Mäd- Jungen Mädchen Jungen
chen
.32
.25
--.22
.13
.39
.37
.26
.14
.25
-.13
Geselligkeit
MädJungen
chen
----.03
-.28
Graphik 12: Depression: Schmerzmittel, Drogen und Geselligkeit (Z-Werte)
Mädchen und Jungen
Depression
Depression
Schmerzmittel, Drogen, Geselligkeit
Schmerzmittel, Drogen, Geselligkeit
Mädchen
Jungen
1,0
1,0
,8
,5
Mittelwert (Z-Werte)
,6
,4
,2
0,0
Schmerzmedikamente
-,0
-,2
-,4
-,6
gar nicht
2,00
3,00
4,00
5,00
Schmerzmedikamente
-,5
Valium
Drogenskala
-1,0
Geselligkeit
-1,5
sehr hoch
gar nicht
Valium
Drogenskala
Geselligkeit
2,00
Depression-Skala
3,00
4,00
5,00
sehr hoch
Depression-Skala
5.2: Ergebnis der Clusteranalyse
Eine Clusteranalyse dieser vier Skalen, die wir auf vier Cluster beschränkt habenxxx
erbrachte uns (Tabelle 8 und Graphik 13) recht eindeutig zuordenbare Gruppierungen. Und zwar zunächst eine relativ große Mittelgruppe (N =112) und eine relativ
‚drogenfreie’, doch depressiv-isolierte Teilgruppe (N = 64). Und sodann zwei unterschiedliche >Drogen-Gruppen<, von denen die eine mit einem arithmetischen Mittel
von 10,78 sehr hohe ‚Geselligkeitswerte’ und relativ niedrige Depressions-Werte
aufweist (N = 52), während die andere mit mittleren ‚Geselligkeitswerten’ und einem
sehr hohen Depressionswert (N = 70) das andere Ende besetzt .
Tabelle 8: Vier Clustergruppen : Drogen, Schmerzmittel, Geselligkeit und Depression
Cluster
Bezeichnung
N
Depression
(AM:2,72)
Geselligkeit
(AM:6,71)
1
normal
3
isoliert
112
1,72
2
drogengesellig
52
2,37
64
3,48
4
drogendepressiv
70
3,87
6,61
10,78
3,47
7,10
18
Schmerzmittel
(AM:2,87)
Drogenskala
(AM:3,21)
1,88
3,00
2,60
4,60
2,92
3,78
2,14
4,25
Graphik 13: Vier Clustergruppen: Drogen, Schmerzmittel, Geselligkeit und Depression
Mädchen und Jungen (Z-Werte)
Vier Cluster-Gruppen
Vier Cluster-Gruppen
Drogen, Depression, Geselligkeit
Drogen, Depression, Geselligkeit
Mädchen
Jungen
2,0
2,0
1,5
1,5
1,0
Mittelwert (Z-Werte)
1,0
,5
0,0
-,5
-1,0
-1,5
normal
drogen-gesellig
isoliert
vier Clustergruppen
Depression
Skala 31 ohne >Freun
,5
Depression
0,0
Drogen
Drogenskala
-,5
Geselligkeit
Schmerzmittel
drogen--depressiv
Geselligkeit
-1,0
-1,5
normal
Schmerzmittel
drogen-gesellig
isoliert
drogen--depressiv
V ier Clustergruppen
Die Graphiken belegen dabei, dass sich diese vier Gruppen – ihrem ‚Inhalt’ nach –
bei Mädchen und Jungen weitgehend entsprechen. In den prozentualen Anteilen, mit
denen sie jeweils in den einzelnen Gruppen vertreten sind, finden wir dann die oben
festgestellten Unterschiede wieder (Graphik 14), wobei die Mädchen stärker in der
letzten >drogen-depressiven< Gruppe vertreten sind, während die Jungen in der ersten >normalen< Gruppe dominieren. Dieser Unterschied ist hoch-signifikant, während
die drei Schularten sich – zugunsten einer etwas >drogen-geselligeren< Hauptschule
- nur knapp signifikant unterscheiden (Chi-Quadrat p = .02) und die drei Altersgruppen - nicht-signifikant mit einer leichten altersabhängigen Verschiebung hin zur
>drogendepressiven< Gruppe zu Lasten der bei den Jüngeren dominierenden
>Normalgruppe< entsprechende Verteilungen aufweisen. Festzuhalten bleibt dabei,
dass die beiden mittleren Gruppen - >drogen-gesellig< und >drogenfrei-isoliert< sich
sowohl bei den Jungen und Mädchen wie auch bei den Altersgruppen auch ‚mengenmäßig’ nicht unterscheiden, sodaß man in diesen beiden Fällen etwa mit der Annahme einer altersentsprechenden ‚Reifeverzögerung’ der >Isoliert-Braven< oder
einer genderspezifischen >Drogengeselligkeit< zumindest zurückhaltend argumentieren müsste.
Graphik 14: Vier Cluster-Gruppen: Drogen, Schmerzmittel, Geselligkeit, Depression:
Prozentuale Häufigkeitsverteilung von Jungen, Mädchen und drei Altersgruppen
19
Vier Clustergruppen
Vier Cluster-Gruppen
Drogen, Geselligkeit, Depression
Drogen, Geselligkeit, Depression
Drei Altersgruppen
Mädchen und Jungen
100
100
33
10
90
19
80
90
80
23
Pr ozent
50
16
drogen--depressiv
isoliert
28
drogen-gesellig
10
0
normal
weiblich
40
Pr ozent
50
30
20
60
20
vier Cluster-Gruppen
50
40
24
30
25
70
70
60
14
4 Cluster-Gruppen
20
16
22
drogen--depressiv
19
16
45
38
30
32
20
10
0
isoliert
drogen-gesellig
normal
13 oder 14 Jahre
16 Jahre oder älter
15 Jahre
männlich
drei Altersgruppen
Chi-Quadrat p = .000 phi =.29, r = .29
Chi-Quadrat p = .28 phi =.16, r = .13
6. Einige Charakteristika der vier Clustergruppen: Drogen, Befindlichkeit, Sozialbeziehung und Freizeitverhalten
Um diese mit Hilfe der Statistik gefundenen Gruppen noch etwas näher zu charakterisieren, vergleichen wir sie zunächst in der Art ihres Drogenkonsums, um sodann
auf je zwei Indikatoren zur subjektiven Befindlichkeit und zum Sozialverhalten sowie
auf ihre Freizeitaktivitäten näher einzugehen.
6.1 Rauchen, Cannabis und >sonstige Medikamente<
Zunächst belegt Graphik 15, dass die beiden Drogenskalen zum Rauchen und Cannabis, die über die >Drogenskala< mit in die Clusteranalyse eingegangen sind, sehr
eindeutig zwischen den vier Gruppen trennen, wobei sich einerseits Mädchen und
Jungen kaum (und in der Varianzanalyse dementsprechend nicht signifikant) unterscheiden und andererseits vor allem die vierte Gruppe der >Drogen-depressiven<
jeweils die höchsten Werte aufweistxxxi.
Während so z.B. beim Cannabis die >Isoliert-Braven< zu 62% (Mädchen: 60%, Jungen 65%) „nicht wissen, wo man Cannabis erhalten kann“, sind das bei den beiden
‚Drogengruppen’ nur noch jeweils 23% bzw. 19%. Nimmt man hinzu, dass praktisch
niemand der >Isoliert-Braven< eigene Cannabis-Erfahrungen besitzt, während bei
beiden Drogengruppen immerhin 22% der >Geselligen< und 38% der eher >Depressiven< bereits mindestens einmal Cannabis probiert haben, dann könnte man – sehr
vorsichtig – bei zumindest einigen der >Braven< auf eine geringere ExperimentierBereitschaft bzw. ‚Ängstlichkeit’ schließen. Im Verhältnis zwischen den beiden Drogen-Gruppen – gesellig:depressiv - dagegen laufen die leicht unterschiedlichen Werte zum Nichtwissen (23%:19%) und zum Konsum (22%:38%) gegen die Erwartung,
dass eine zunehmende Geselligkeits-Freizeit-Orientierung auch zu verstärktem Drogen-Wissen und Drogen-Konsum führe; während sie umgekehrt bei der insofern
stärker ‚belasteten’ vierten Gruppe die oben ausgesprochene Annahme einer ‚kompensatorischen’ Drogenfunktion bestärken könnte.
Graphik 15: Rauchen und Cannabis in 4 Clustergruppen: Mädchen und Jungen
20
Rauchen in den vier Clustergruppen
Cannabis in den vier Clustergruppen
Mädchen und Jungen
Mädchen und Jungen
Univariate Varianzanalyse
Univariate Varianzanalyse
4,0
3,5
3,5
3,0
3,0
2,5
Cannabis-Skala
2,5
Rauchen
2,0
gender
2,0
1,5
1,0
normal
drogen-gesellig
isoliert
weiblich
1,5
männlich
1,0
drogen--depressiv
gender
weiblich
männlich
normal
drogen-gesellig
4 Clustergruppen
isoliert
drogen--depressiv
4 Clustergruppen
Raucherskala: s. Graphik 3
N-Mädchen: 169
N-Jungen: 122
Cannabisskala: s. Graphik 7
N-normal: 111
N-drogengesellig: 52,
N-isoliert: 63,
N-Drogen-depressiv: 69
Varianz (korrigiert): .14, gender: nicht signifikant
Varianz (korrigiert): .30, gender: nicht signifikant
Um diese – angesichts unserer Daten sehr vorsichtig zu treffende – Annahme einer
kompensatorischen Drogen-Funktion bei der vierten Gruppe etwas weiter abzusichern, fassen wir in Graphik 16 die Verteilung des häufigen Gebrauchs >sonstiger
Medikamente<xxxii - zumeist Grippe-Medikamente – und bei den Mädchen den Einsatz von Medikamenten gegen Menstruationsbeschwerden zusammen. Wiederum
zeigt sich, dass sich hierbei die vier Gruppen nicht rein zufallsbedingt voneinander
unterscheiden: Die vierte >belastete< Gruppe gebraucht auch diese beiden ‚Drogen’
jeweils am häufigsten.
Graphik 16: >Sonstige Medikamente< und Medikamente gegen Menstruationsbeschwerden
in vier Clustergruppen
Vier Clustergruppen: Sonstige Medikamente
Vier Clustergruppen: Medikamente
täglich oder 1/2 mal wöchentlich
gegen Menstruationsbeschwerden
alle
Mädchen
100
90
21
27
34
44
100
90
80
70
79
60
56
56
Wie oft
50
30
27
20
ja
10
0
nein
isoliert
drogen--depressiv
Prozent
40
drogen-gesellig
44
60
Medikamente
40
normal
70
70
66
50
Prozent
67
80
73
30
26
19
10
0
15
8
normal
4 Clustergruppen
20
1-2 mal die Woche
9
täglich
isoliert
drogen-gesellig
>Sonstige Medikamente<, die nicht >Schmerzmittel< sind, vorwiegend Grippemittel
N: 298 Chi-Quadrat p = .01, phi = .19
selten
23
20
nie
drogen--depressiv
4 Clustergruppen
N: 170 Chi-Quadrat p = .07 phi = .30
6.2 Nervöse Beschwerden und allgemeine Stimmung
Verfolgt man in Graphik 17 diese Tendenz, in der wir einerseits ‚objektiv’ die Summe
>nervöser Beschwerden der letzten 6 Monate< und andererseits ‚subjektiv’ die >aktuelle Stimmung< von Mädchen und Jungen wiedergeben, dann konkretisiert sich
21
diese ‚kompensatorische’ Drogenfunktion der vierten Gruppe in dreierlei Richtung:
Zunächst äußern – gleichsam dem Stereotyp entsprechend – die Mädchen sehr viel
häufiger solche >nervösen Beschwerden< wie etwa Konzentrationsstörungen, Nervosität oder Appetitlosigkeit, ohne sich jedoch subjektiv >stimmungsmäßig< wesentlich von den Jungen zu unterscheiden. Sodann tendieren Mädchen wie Jungen dazu,
sich in den beiden ‚Problemgruppen’ der ‚Isolierten’ und der ‚depressiven Drogenkonsumenten’ in beiden Skalen erheblich schlechter zu fühlen, als im Normalfall der
ersten Gruppe. Vor allem aber unterscheiden sich Mädchen und Jungen auf beiden
Skalen in der Funktion, die sie mit den Drogen verbinden: Die Jungen äußern vor
allem dann nervöse Beschwerden und fühlen sich unwohl, wenn sie der dritten
Gruppe der ‚Isolierten’ angehören, im ‚geselligen Drogenbereich’ der zweiten Gruppe
unterscheiden sie sich dagegen kaum von der ersten ‚Normalgruppe’. Die Mädchen
dagegen tendieren – fast gegenläufig zu den Jungen – dazu, sich in den beiden
‚Drogengruppen’ nervöser und schlechter gestimmt darzustellen als in den jeweils
relativ ‚drogenfreien’ Untergruppen eins und drei, so sehr auch sie unter der >Isolation< leidenxxxiii.
Graphik 17: >Nervöse Beschwerden< und >allgemeine Stimmung< in vier Clustergruppen
Mädchen und Jungen
Nervöse Störung in vier Clustergruppen
Stimmung in vier Clustergruppen
Mädchen und Jungen
Mädchen und Jungen
Univariate Varianzanalyse
Univariate Varianzanalyse
5,4
9
5,2
8
5,0
4,8
4,6
6
gender
5
weiblich
4
männlich
normal
drogen-gesellig
isoliert
gender
4,4
Stimmung
Nervöse Störung
7
drogen--depressiv
4 Clustergruppen
>Nervöse Störung<: skaliert „Wie oft sind in den
letzten 6 Monaten folgende Beschwerden aufgetreten: Konzentrationsschwierigkeiten, Schwindelgefühle, Nervosität/Unruhe, Magenbeschwerden,
Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, starkes Herzklopfen, Kopfschmerzen, Schmerzen in der Brust,
Atembeschwerden“ (nie, selten, manchmal, häufig) 1 = wenig, 12 = hoch
N: wie Graphik 15.
Varianz (korr) .28, gender p = .000
4,2
weiblich
4,0
3,8
normal
männlich
drogen-gesellig
isoliert
drogen--depressiv
4 Clustergrupppen
>Stimmung<: skaliert „ In welcher Stimmung bist
Du im allgemeinen“ (es geht mir total gut, es geht
mir ziemlich gut, es geht mir nicht so gut, es geht
mir schlecht); „Wie schätzt Du Deine Gesundheit
ein“ (sehr gut, gut, nicht sehr gut); „Langweilst Du
Dich manchmal (sehr oft, gelegentlich, selten, nie)
1 = sehr schlecht 8 = sehr gut
N: wie Graphik 15.
Varianz (korr) .12, gender: nicht signifikant
6.3 Soziale Beziehungen zum anderen Geschlecht und Problem-Ansprache
22
Um die Art und Weise dieser ‚Geselligkeit’ bzw. ‚Isolation’ inhaltlich näher zu bestimmen, greifen wir auf zwei ganz unterschiedliche Sozialbeziehungen zurück, nämlich
auf das Verhältnis zum jeweils anderen Geschlecht und zur Frage, mit wem die Jugendlichen über ihre Probleme gut reden können:
Die Aufnahme und Ausgestaltung der Beziehung zum jeweils anderen Geschlecht
besitzt für die hier angesprochenen 15-Jährigen sicher eine zentrale Bedeutung, wobei man allgemein davon ausgeht, dass die Mädchen insgesamt den Jungen ein wenig voraus sind. Beides gilt sowohl für die Frage nach dem Verliebtsein – bei den
Mädchen waren 17,5 %, bei den Jungen 22,0% noch nie verliebt, wie auch für die
Erfahrungen mit dem ersten Geschlechtsverkehr (Mädchen: Jungen = 31,6%:
25,2%).
Ungeachtet dieser genderspezifischen Unterschiede bietet die Graphik 18 in dreierlei
Hinsicht ein sehr eindeutiges Bild: Zunächst besitzen die beiden Drogen-Gruppen
neben ihrem Drogen-Wissen auch auf diesem Gebiet heterosexueller Beziehungen
deutlich höhere Erfahrungen, sodaß in der Gruppe der >Drogen-Depressiven< Mädchen wie Jungen fast zur Hälfte bereits mit einem Partner bzw. Partnerin geschlafen
haben (48,3% und 46,2%), wobei die Mädchen in diesen beiden Gruppen zu einem
Drittel (33,3% und 35,7%) schon „mal kein Kondom benutzt“ haben. Interessanter
Weise überholen dabei – entgegen der üblichen Erwartung – die ungeselligeren
>Drogen-Depressiven< die >geselligen Drogenkonsumenten< sowohl im Ausmaß
wie auch in der Risikobereitschaft, ohne Kondom zu handeln, obwohl sie etwa sehr
viel seltener eine Disco/Kneipe/Café besuchten (nie: 29%: 5%), was an sich wiederum gemeinhin als Ursache solch ‚verfrühter’ Sexualkontakte gilt.
Auffällig ist zum Dritten, dass die Gruppe, die wir vorläufig als >isoliert< definiert haben, zumindest in diesem Bereich tatsächlich noch kaum ernsthaftere Gehversuche
unternommen hat: Dies reicht vom „noch nie verliebt“ bis hin zum Geschlechtsverkehr, der bei den Jungen völlig fehlt und bei den Mädchen mit 7,7% im ‚geschützten
Kondombereich’ verbleibt.
Graphik 18: Heterosexuelle Beziehungen in vier Clustergruppen: Mädchen und
Jungen
100
90
Vier Cluster-Gruppen
Vier Cluster-Gruppen (Mädchen und Jungen)
heterosexuelle Beziehungen
Verliebt, Geschlechtsverkehr, Kondom
10
24
31
65
Univariate Varianzanalyse
15
80
51
18
16
60
47
50
44
40
Prozent
30
30
20
23
10
0
12
normal
9
isoliert
drogen-gesellig
heterosexuelle Beziehung
70
3,0
2,8
2,6
GV ohne Kondom
2,4
GV mit Kondom
verliebt
noch nie verliebt
drogen--depressiv
2,2
gender
2,0
weiblich
1,8
1,6
normal
männlich
drogen-gesellig
isoliert
4 Clustergruppen
Skaliert: „Warst Du schon einmal richtig verliebt“;
„Hast Du schon einmal mit jemandem geschlafen
(Geschlechtsverkehr)“ Hast Du während der Zeit, in
der Du Geschlechtsverkehr hattest, Kondome benutzt“
4 Clustergruppen
drogen--depressiv
23
N: 295 Chi-Quadrat p =.000; phi = .39
N: wie Graphik 15 Varianz (korr) .13
nicht signifikant
gender:
Auch die Möglichkeit, mit Gleichaltrigen reden zu können, wenn einen etwas bedrückt, übernimmt in dieser Altersgruppe eine ganz entscheidende Funktion, wofür
etwa das Reden mit der ‚besten Freundin’ vor allem bei den Mädchen das geläufige
Stereotyp liefert. Dementsprechend konnten die Mädchen mit ihrer ‚besten Freundin’
zu 78,6% gut reden, wenn sie etwas bedrückte, während es bei den Jungen ‚nur’
60,8% waren. Allgemein ‚mit Freunden’ redete man dagegen über solche Probleme
eher weniger (Mädchen: 33,5%; Jungen: 30,4%).
Die Graphik 19 fasst zusammen mit den in Tabelle 9 aufgeführten Details drei weitere bemerkenswerte Ergebnisse zusammen: Zunächst haben die von uns befragten
relativ gut integrierten Mädchen wie Jungen allgemein sehr gute Möglichkeiten, mit
jemandem über ihre Sorgen zu reden (keinen Ansprechpartner fanden nur 2,9% der
Mädchen und 8% der Jungen). Zunächst relativ unerwartet ist sodann, dass die
Mädchen offensichtlich sehr viel stärker mit Gleichaltrigen reden können als die Jungen (>kein peer< 4,1% : 22,4%; >nur peer< 37,2% : 21,6%), wobei die Jungen eher
mit Mutter und Vater sprechen als die Mädchen (mit Mutter: Mädchen 55,5%, Jungen: 62,4%, mit Vater: 11,6% : 38,4%). Lässt man dahingestellt, ob dies an der Art
der Probleme oder aber am unterschiedlichen ‚Reife-Status’ dieser beiden gender
liegt, so ist doch festzuhalten, dass Mädchen und Jungen in diesem Alter recht unterschiedliche Problem-Verarbeitungs-Techniken besitzen – ‚kompensatorisch’ (?) im
Drogenbereich, wie wir dies oben andeuteten, sowie in der Wahl ihrer Gesprächspartner im Problembereich. Dies zeigt sich dann vor allem im Verhältnis zur Mutter:
Während nämlich die >normalen< Mädchen der ersten Gruppe zu drei Viertel
(73,5%) über ihre Sorgen mit der Mutter sprechen, sind es bei den >geselligen Drogenkonsumentinnen< nur noch 33%; die Jungen hingegen wenden sich in beiden
Gruppen gleichermaßen mit 65%:64% an ihre Mutter.
Graphik 19: >Über Probleme reden< in vier Clustergruppen: Mädchen und Jungen
4 Clustergruppen: Über Probleme reden
>Über Probleme reden<:
Mädchen und Jungen
Univariate Varianzanalyse
4,0
3,8
Über Probleme reden
3,6
3,4
3,2
gender
3,0
2,8
weiblich
2,6
2,4
normal
männlich
drogen-gesellig
isoliert
4 Clustergruppen
drogen--depressiv
Skala aus „Mit welcher Person (Personen) kannst Du gut reden, wenn Dich etwas bedrückt? (Mehrere Antworten möglich: Mit meiner Mutter, Vater, Bruder,
Schwester, bester Freund/Freundin,
Freunden, Großeltern)“ und: „ich spreche
darüber mit niemanden“.
Skala von 1 (‚Niemand’) – 6 (‚sehr viele)
AM : 3,31 s: 1,27
gender: nicht signifikant
Schließlich belegt Graphik 19 und Tabelle 9, dass bei der Gruppe der Isolierten vor
allem die Jungen insgesamt die wenigsten Ansprechpartner haben, und zwar vor
allem bei den Gleichaltrigen (‚niemand’: 16,7%, ‚kein peer’: 41,% und ‚nur peer’:
6,7%). Auffällig werden diese Werte nicht nur im Verhältnis zu denen der Mädchen,
sondern auch im Verhältnis zu beiden Drogen-Gruppen, bei denen überraschender
24
Weise die Jungen der Gruppe ‚Drogen-Depressiver’ - höher als die der >DrogenGeselligen< - die besten Kontakt-Werte aufweisen (Arithmetisches Mittel der Gesamtskala: 3,85: 3,75 bzw. Peerkontakte insgesamt: 85%: 80%); ob dies ein Ergebnis höherer Problembelastung oder höherer (‚introvertierter’) Problem-Wahrnehmung
ist, sei dahingestellt; entscheidend ist wohl der Unterschied zu den Isolierten, die
zwar, wie oben dargestellt, ‚drogen-brav’ , doch ‚nervöser’ und keineswegs ‚guter
Stimmung’ auf deutlich weniger Ansprechpartner zurückgreifen können als die insofern ähnlich belastete Gruppe der >Drogen-Depressiven< (vgl. dazu Graphik 17).
Tabelle 9: >Über Probleme reden< in vier Clustergruppen:
niemand, Gleichaltrige
Mädchen und Jungen (in Prozent von 172 Mädchen und 125 Jungen)
alle
normal
drogisoliert
droggesellig
depress
weibl männ weibl männ weibl männ weibl männ weibl männ
l
l
l
l
l
2,9
8,0
2,0
4,8
7,4
8,0
2,5
16,7
1,8
7,7
mit niemand
kein peer
4,1
22,4
7,4
17,5
2,5
20,0
2,5
41,7
3,6
15,4
nur peer
37,2 21,6 22,4 19,0 51,9 28,0 32,5
6,7
46,4 30,8
Anm: >mit niemand<: weder mit Erwachsenen noch mit Gleichaltrigen
>kein peer<: entweder mit niemandem oder nur Eltern oder Großeltern
>nur peer< : nur mit Geschwistern, Freunden oder bester Freundin/Freund
N der Gruppen s. Graphik 15
6.4 Freizeitverhalten
Da wir unsere Gruppen u.a. auch mit Hilfe ihres Freizeitverhaltens – eingebettet in
die Geselligkeits-Skala (s. Graphik 9) - voneinander getrennt haben, wollen wir in
Tabelle 10 mit einen Blick auf dieses Freizeitverhalten die inhaltliche Charakteristik
dieser Gruppen vorerst abschließen.
Neben den erwarteten allgemeinen genderspezifischen Unterschieden beim Computer-Spiel und im Sport fällt – für unsere spezifische Frage nach den charakteristischen Merkmalen der drei >Risiko-Gruppen - zunächst die große Differenz bei den
Disco/Kneipe-Besuchen auf (die auch mit in der Geselligkeitsskala enthalten ist):
Während die Mädchen und Jungen in der >geselligen Drogengruppe< lediglich zu
4,3% bzw. 5% hier ‚selten oder nie’ angaben, haben die >isolierten< Mädchen und
Jungen zu 85,0% bzw. 79,2% nahezu keinerlei Erfahrung mit dieser Art der Geselligkeit. Die andere Drogen-Gruppe der >Depressiven< lässt sich hier nur relativ wenig
von der >Normalgruppe< unterscheiden (Mädchen bzw. Jungen: >normal<: 34,7%
bzw. 47,6%; >depressiv<: 25,5% bzw. 46,2%). Auch beim Kino-Besuch sind bei den
>Isolierten< vor allem die Jungen recht zurückhaltend (‚nie’ bei den Mädchen 45,0%,
bei den Jungen 62,5%) während die >drogen-geselligen< Mädchen und Jungen zu
12,5% und 19,5% sehr oft ins Kino gehen. Dafür lesen in dieser >drogengeselligen< Gruppe die Mädchen sehr selten ‚täglich’ (4,8%), während die Jungen
erstaunlich wenig ‚täglich’ Fernsehen (30%).
25
Aufschlussreich ist jedoch vor allem die unerwartet hohe ‚positive’ Aktivität der >drogen-geselligen< Jugendlichen vor allem im Vergleich zu den >Isolierten< und >Depressiven<. Dies gilt bei diesen >geselligen< Jungen zunächst für das ComputerSpielen, dem sie sich zu 90% täglich oder mehrmals wöchentlich hingeben (Mädchen
nur 4,3%) – eine höchst kommunikative Angelegenheit, die sich keineswegs nur im
einsamen Computer-Trip erschöpft. Es gilt aber auch für den täglichen Sport (der ja
in manchen Präventionsprogrammen den Drogen-Konsum ersetzen soll): Hier in dieser >drogengeselligen< Gruppe werden die sonst so clichéhaft unsportlichen Mädchen besonders aktiv (‚täglich’: Mädchen 25,0%, Jungen 22,7%). Und, besonders
überraschend, die Jugendlichen dieser >geselligen Drogen-Gruppe< übertreffen im
Bereich der organisierten Aktivitäten – Unterricht, Training (Sport, Musik, Theater,
Tanz) – alle anderen Teilgruppen (täglich: Mädchen 20,8%, Jungen 25%) wobei die
Jungen dieser Gruppe zu 75% ‚täglich oder mehrmals wöchentlich’ solcherart ‚aktiv’
werden
Tabelle 10: Freizeitaktivitäten in vier Clustergruppen und bei Mädchen und Jungen
(in Prozent)
alle
normal
gesellig
isoliert
depressiv
weibl männl w
m
w
m
w
m
w
m
23,3
22,0 30,6 19,4 4,8 20,0 32,5 37,5 17,6 8,3
55,4
53,8 44,9 58,1 45,5 30,0 62,5 62,5 63,6 53,8
Lesen täglich
Fernsehen
tägl.
Disco oft
6,0
6,7
2,0
-17,3 40,0
--9,1 6,7
Kino nie
35,9
45,5 30,6 41,3 37,5 38,1 45,0 62,5 33,3 46,2
Computer oft
21,9
68,4 34,7 68,3 4,3 90,0 20,5 62,5 18,5 46,2
Sport täglich
9,6
21,5 10,2 22,6 25,0 22,7 5,1 16,7 5,6 23,1
Kurse täglich
13,6
15,3 15,6 16,4 20,8 25,0 10,0 4,2 11,3 15,4
Anm: Die Frage lautete: „Wie verbringst Du im allgemeinen Deine Zeit (jeden Tag,
mehrmals die Woche, wöchentlich, mehrmals im Monat, selten oder nie)“
>oft< ‚täglich oder mehrmals die Woche’ >nie< ‚selten oder nie’.
>Lese ein Buch oder die Zeitung<; Gucke Fernsehen oder Video<; >gehe in
die Disco/Kneipe (Café)<; >gehe ins Kino<; >spiele Computerspiele<; >treibe
aktiv Sport<; >habe Unterricht, Training (Sport, Musik, Theater, Tanz<
N der Gruppen: s. Graphik 15
7. Zusammenfassung der Gruppencharakteristika
Wenn wir diese noch sehr vorläufigen Befunde zusammenfassen, dann wollen wir
zuvor noch einmal betonen, dass es uns zunächst nur darum geht, unsere gewohnte
Sichtweise als solche in Frage zu stellen. Für eine weitreichendere inhaltliche Aussage ist sowohl unsere Datenbasis - eine kleine Gruppe aus einer Kleinstadt – zu
klein, wie auch die gewählte Cluster-Statistik zu sehr von der Art der eingegebenen
Skalen und der Anzahl der vorgegebenen Cluster abhängigxxxiv, wobei und soweit
diese jeweils auch - notwendigerweise - bestimmten theoretischen Erwartungen folgen wird.
7.1 Normalgruppe und drei Risiko-Gruppen
Wir können dann festhalten, dass sich neben einer breiteren Mittelgruppe, die wir
hier als >Normalgruppe< bezeichnet haben, und die auch weithin die Durchschnitts-
26
werte der Gesamtgruppe repräsentiert, drei praxisrelevante Teilgruppen herausschälen lassen:
(1) Eine >gesellige< Teilgruppe, die bis hinein in den häufigeren Cannabiskonsum stärker Drogen nimmt, die leicht Freunde findet und die gerne auf das öffentliche - kommerziell organisierte und wohl auch konsum-orientierte - Freizeitangebot (Disco, Kino) zurückgreift. In ihrer subjektiven Befindlichkeit – Nervosität
und Stimmung – entspricht sie weithin der >Normalgruppe<, in ihrer eigenaktiv
gestalteten Freizeit – Sport, organisierte Aktivitäten – übertrifft sie diese sogar.
(2) Daneben finden wir eine ganz anders geartete Drogen-Gruppe, die wir hier als
eher >depressive Drogenkonsumierende< bezeichnet haben. Sie zeichnet sich
durch einen erhöhten >sonstigen< Medikamenten-Konsum, gestörtes subjektives
Empfinden und geringere extern gerichtete Freizeitkontakte aus, besitzt jedoch
gleichwohl gute Beziehungen zum jeweils anderen Geschlecht wie – vielleicht erstaunlicherweise (?) – zu Ansprechpartnern bei Problemen. Allem Anschein nach
bestätigt so die eine Gruppe unsere Erwartung an das ‚verführerische DiscoStereotyp’, während die andere eher das Stereotyp des Problemkompensierenden Drogen-Konsumenten erfüllt. Doch passt bei den einen die ‚Aktivität’, bei den anderen die ‚Aussprachemöglichkeit’ zu wenig ins Bild. Man könnte umgekehrt auch daran denken, die eine Gruppe als jugendtypisch offen, neugierig und experimentierfreudig zu bezeichnen, während bei den anderen der
Drogenkonsum eher als Indiz, als Warnzeichen für ein sich anbahnendes dahinterliegendes Problem zu interpretieren wäre. Wie dem auch sei, entscheidend
scheint uns, dass wir im Präventionsbereich sehr viel stärker als bisher darauf
achten sollten, dass der Drogenkonsum selber höchst unterschiedliche Funktionen – positiver wie auch möglicherweise riskanter (nicht: negativer) Art - übernehmen kann, ohne dass wir ( und das ist entscheidend !) aus Ausmaß und Intensität des Konsums selber auf diese Funktionen rückschließen können.
(3) Gegenüber diesen beiden ‚Drogen-Gruppen’ lässt sich eine dritte –unter Präventionsaspekten höchst bedeutsame - Gruppe, der wir hier die Bezeichnung
>isoliert< zugesprochen haben, herausheben. Sie ist einerseits als deutlich ‚drogen-abstinent’ den ‚just-say-no’-Jugendlichen zuzuordnen und entspricht in damit
zunächst unserem Präventions-Wunschbild. Sie wirkt jedoch andererseits eher
‚unjugendlich’, und zwar insbesondere im Ausmaß und der Art ihrer Beziehung zu
gleichaltrigen Freunden, und zwar ganz unabhängig davon ob diese nun Drogen
nehmen oder nicht. Das zeigt sich ganz besonders in ihrer ‚unreifen’ Beziehungen zum anderen Geschlecht und bei der Problem-Ansprache, in der sie eher
brav ‚Erwachsenen-bezogen’ sind, obwohl die Familienverhältnisse von ihnen gar
nicht so positiv dargestellt werden. Vor allem aber verhält sich diese Gruppe in ihrem Freizeitverhalten ähnlich inaktiv und in ihrer subjektiven Selbsteinschätzung
ähnlich ‚unglücklich’ wie die (etwas) höher belastete Gruppe der >drogendepressiven< SchülerInnen, die ihre zugrundliegenden Probleme (?) eher über
Sex und Drogen abreagiert. Soll diese auf den ersten Blick >unauffällige< Gruppe wirklich Vorbild einer Drogen-Prävention sein.
Graphik 20: Verteilung der Clustergruppen auf die Werte der Drogenskala
27
Vier Cluster-Gruppen
Drogenskala
Verteilung auf der Drogenskala
Verteilung der vier Cluster-Gruppen
100
50
59
90
17
38
80
47
40
55
40
22
70
4 Clustergruppen
60
40
Pr ozent
30
13
48
48
23
34
25
7
normal
drogen--depressiv
20
drogen-gesellig
isoliert
33
30
20
20
10
0
20
drogen-gesellig
normal
abstinent
4 Clustergruppen
30
gelegentlich
probiert
regelmäßig
Pr ozent
50
11
10
isoliert
0
drogen--depressiv
abstinent
häufig
Cannabis 5+
Drogenskala
>Drogenskala< s. Graphik 8
Chi-Quadrat p = .000
gelegentlich
probiert
häufig
regelmäßig
Cannabis 5+
Drogenskala
N: s. Graphik 15
phi (weiblich): .68 (männlich): .60
Die Graphik 2o kann in ihren beiden Versionen diese Charakteristika noch einmal
zusammenfassen. Die >Normalen< bilden dabei gleichsam den Kern der ehemaligen
‚Normalverteilung’, während die >Drogen-Geselligen< mit leichter Rechtsverschiebung zum Drogen-Ende hin ebenfalls noch den gesamten Bereich der Drogenskala
abdecken können. In beiden Gruppierungen können sich also ganz unterschiedlich
Drogenbelastete treffen, ohne dass wir von der Intensität ihres Drogenkonsums aus
auf eine besondere Gefährdung schließen könnten. Die >Isolierten< und die >Drogen-Depressiven< bilden dagegen Extremgruppen an beiden Enden der DrogenSkala, die als solche wiederum eben deswegen relativ wenig über die ‚tieferen’ bzw.
‚eigentlichen’ Probleme dieser Jugendlichen (die hier einerseits mit ‚Nervosität’ und
‚Stimmung’ und andererseits mit ‚riskantem sex’ bzw. ‚sozialer Isolation’ ja nur angedeutet wurden) aussagen kann.
7.2. Das Beispiel der Mädchen
Der Vergleich zwischen Mädchen und Jungenbestätigt schließlich zunächst gleichsam die ‚Validität’ unserer Daten, sofern die Mädchen entsprechend dem allgemeinen Stereotyp antworten: Sie geben sich als nervöser, nehmen mehr Medikamente,
sind sozialer in ihrer Beziehung zum anderen Geschlecht und können leichter über
ihre Probleme sprechen als die Jungen, und zwar vor allem zu ihrer ‚besten Freundin’; sie spielen sehr selten Computer und treiben wenig Sport.
Die Mädchen dieses Alters konsumieren aber auch – vielleicht entgegen der üblichen
Erwartung – mehr und intensiver legale wie illegale Drogen. Sie sind weniger in der
als >normal< bezeichneten Gruppe und deutlich stärker in der Gruppe der >DrogenDepressiven< vertreten als die gleichaltrigen Jungen.
Vor allem aber unterscheiden sich die Mädchen beider Drogengruppen deutlicher
als die Jungen in der Funktion, die der Drogenkonsum jeweils übernimmt: Die >geselligen Drogenkonsumentinnen< fühlen sich – auch im entsprechenden GruppenVergleich zu den Jungen – stimmungsmäßig sehr viel besser als die Mitglieder der
>drogen-depressiven< Gruppe; sie lösen sich (bei der Problem-Aussprache) peerorientiert sehr deutlich von der Mutter und überholen im sportlichen Bereich sogar die –
ebenso aktivitätsorientierten - >drogengeselligen< Jungen xxxv. Von hier aus liegt die
28
Vermutung nahe, dass die eine Mädchengruppe die Droge – zumeist das Rauchen –
nutzt, um auf diese Weise Autonomie zu erreichen oder zumindest zu demonstrieren,
während die andere entweder noch unter den Folgen eines solchen unerwünschten
Freiheitsdranges leidet oder tieferliegende Konflikte zu kompensieren versucht – dem
Selbstverständnis wie der Fremdinterpretation stehen hier viele Erklärungspfade offen.
Wir wollen insofern abschließend für die Mädchenxxxvi in Graphik 21 (mit der dazugehörigen Tabelle 11 möglicher signifikanter Unterschiedexxxvii) noch einmal diese unterschiedlichen Gruppen-Charakteristika in zwei immer wieder als drogenpräventions-relevant betonte Bereichen unterstreichen:
Tabelle 11: Signifikante Gruppenunterschiede in Graphik 21 (Mädchen)
emotional
.03
Familie
autoritär
.003
desinter.
.000
Leistung
(.09)
Schule
problem
.03
Fehlen
.001
Zwischen den 4 Gruppen
Normal: isoliert
--.06
---Normal: drog-gesellig
-.001
(.08)
-(.11)
.002
Normal zu drog.03
.003
.000
.06
.04
.06
depressiv
drog-gesellig: depres.007
-.04
(.09)
-(-).07
siv
Anm.: >Zwischen allen vier Gruppen<: ANOVA, sonst t-test. (-): in unerwarteter Richtung
N: >normal<: 49; >gesellig<: 27; >isoliert<: 40; >depressiv<: 56
Im familiären Bereich trennen die drei ebenfalls dem Artikel von Fend und Schröer
xxxviii entnommenen Subskalen zur Einschätzung des familiären Gesamtklimas die
drei >Risiko-Gruppen< relativ eindeutig von der >Normalgruppe< mit dem bezeichnenden Unterschied, dass die >drogengeselligen< Mädchen sich – gleichsam ‚postmodern’ möchte man sagen – offensichtlich ‚offener’ emotional mit ihrer Familie auseinandersetzen, und zwar sowohl offener über ihre Gefühle sprechen können wie
auch sexuell (und darin liegt in dieser Altersgruppe gerade für Mädchen im familiären
Kontext eine bedeutsame Identitäts-Funktion) ihren eigenen Weg durchsetzen wollen, wobei sie wohl ihre Eltern eher als altmodisch, inkonsistent und relativ wenig einfühlsam empfinden. Die >isolierten< Mädchen - und verstärkt die >DrogenDepressiven< - scheinen dagegen deutlich stärker in eher ‚traditionellen’ Familien zu
leben. Diese beiden Mädchengruppen erleben ihre Familie als eher emotional verschlossen und desinteressiert, und bei den Depressiven zusätzlich noch als ‚uneinsichtig’ gegenüber jugendkulturellen Wertungen (?). Dabei könnte übrigens die deutliche Kritik der beiden Drogengruppen am >autoritären< Verhalten der Eltern in recht
unterschiedlichen (Auseinandersetungs-)-Realitäten wurzeln, wenn man das jeweilige Ausmaß der anderen beiden ‚familienklimatischen’ Variablen (positive Emotionalität und Interessiertheit) in Rechnung stellt; die einen drogen-geselligen Mädchen
setzen sich protestierend auseinander, die anderen Mädchen der drogendepressiven Gruppe dagegen ‚kompensieren’.
Graphik 21: Mädchen: Familie und Schule in den vier Clusterguppen
29
Familiäres Klima der vier Clustergruppen
Schule: Leistung, Fehlen, Elternprobleme
Mädchen
Mädchen
Z-Werte
,8
,6
,6
,4
,4
Mittelwert (z-Wer te)
Mittelwert (Z-wert)
Z-Werte
,8
,2
-,0
-,2
-,4
-,6
normal
drogen-gesellig
isoliert
Familie
,2
-,0
schulische Leistung
emotional offen
-,2
autoritär
uninteressiert
drogen--depressiv
4 Clustergruppen
>Emotional offen<: „mit Eltern offen über meine
Gefühle sprechen“; „Gefühle in meiner Familie
offen zeigen“; „sprechen offen über Sexualität“
1 = sehr offen; 7 = gar nicht; (AM: 3,93)
>autoritär<: „Eltern würden nie zugeben, dass sie
sich geirrt haben“; „dulden oft keinen Widerspruch“; „weiß oft nicht, wie ich es meinen Eltern
recht machen soll“; „Eltern finden manchmal Sachen gut, über die sie sich ein anderes Mal ärgern“.
1 = gar nicht; 6 = sehr; (AM: 3,62)
>uninteressiert<: „Eltern kümmern sich recht wenig um mich“; „haben meistens etwas anderes zu
tun, wenn ich mit ihnen zusammen sein möchte“;
„interessieren sich sehr wenig dafür, was ich denke“.xxxix
1 = stimmt gar nicht; 5 = sehr (AM: 2,22)
Eltern: Schulproblem
-,4
-,6
normal
Fehlen in Schule
drogen-gesellig
isoliert
drogen--depressiv
4 Clustergruppen
>schulische Leistung<: „Wie schätzt Du Deine
Leistungslage in der Schule ein“; “Wie gut, glaubst
Du, bist Du mit Deinen Leistungen in der Schule,
verglichen mit anderen in Deinem Alter“.
1 = hoch; 7 = miserabel (AM: 4,41)
>Eltern: Schulprobleme<: „Interessieren sich Deine Eltern für Deine schulischen Probleme“; „Wenn
Du an die letzten drei Monate denkst, kam es da
mit Deinen Eltern manchmal oder öfter zu Meinungsverschiedenheiten wegen Deiner Leistungen in der Schule“.
1 = nie/selten; 7 = sehr oft; (AM: 4,12)
>Fehlen in der Schule<: „Wieviel ganze Schultage
hast Du im letzten Monat versäumt – wegen
Krankheit, weil Du geschwänzt hast, weil Deine
Eltern Urlaub hatten, aus anderen Gründen“ (keine, 1-2 Tage, 3-5 Tage, mehr als 5 Tage)
1 = nie/sehr selten; 4 = sehr oft; (AM: 2,30)
Im schulischen Bereich stoßen wir auf dasselbe Phänomen, das die beiden Drogengruppen so relativ eindeutig voneinander trennte: Die einen, die wir als >drogengesellig< bezeichneten, halten sich selber in ihrer schulischen Leistung als ganz
normal (woran wir ebenso sehr oder ebenso wenig zweifeln können, wie bei den beiden benachbarten Mädchengruppen); doch protestieren sie heftig gegen die ihnen
aufgezwungene Rolle (als brave Schülerin), und zwar gegenüber der Schule – sei es
durch echtes Schwänzen oder durch ‚Krankheitsfehlen’xl – ebenso wie wohl auch in
der Familie, in der man angesichts guter Leistungen (insbes. im Vergleich zu den
>drogen-depressiven< Mitschülerinnen) „so ungerecht dauernd“ über schulische
Probleme diskutiert. Die anderen dagegen entsprechen unserem Stereotyp – und
zwar in gleicher Weise die ebenso hoch belasteten >Drogen-Depressiven< wie die
>Isolierten< als jeweils negativer wie positiver Pol unserer leistungsorientierten Präventions-Bemühungen.xli
i
Der Fragebogen orientiert sich an den im internationalen DDRAM-Projekt (McArdle) entwickelten Fragebogen aus einer von der EU finanzierten Fragebogenaktion bei 3.886 repräsentiv ausgewählten SchülerInnen der 8.
30
Klasse in den Städten Newcastle (McArdle, Johnson), Dublin (Brinkley, Fitzgerald), Gronigen (Blom, Wiegersma, Pos), Rom (Pierolini, Stoeckel) und Bremen die 1997 durchgeführt wurde und die in Bremen 871 Schüler
und SchülerInnen aus 31 r>epräsentativ ausgewählten Schulklassen aus 12 Schulen erfasste.
ii
Wir verwenden für alle statistischen Berechnung das SPSS 10. Der Mittelwertvergleich der drei Schulgruppen
– ANOVA ergab für die drei gebildeten Altersklassen ein p =.11 ; für die Altersrohdaten ein p = .04
iii
im Mittelwertvergleich für die drei Altersgruppen : t = .51, für die Rohdaten: t =.65
iv
Zur Konstruktion dieser Skalen s. Quensel „Wer raucht, der stiehlt“ Oder kann man jugendliches Risikoverhalten messen?. In: Kreuzer A. (Hg) Ehrengabe für Anne-Eva Brauneck 1999 (s. auch Internet
http://www.bisdro.uni-bremen.de/Internetpublikationen/DDRAM)
v
Zusammengenommen haben damit immerhin 10% mehr als 5 mal Cannabis versucht, oder eine andere illegale
Droge einschließlich tranquilizer probiert.
vi
vgl. Quensel : Medikamente brauchen, Cannabis, Rauchen: Die Rolle des Pharmakonsum bei 14-jährigen
Schülerinnen und Schülern in Bremen. In: Wiener Ztschrft. f. Suchtforschung 2000, Nr. 2: 33-44
vii
Zum steigenden Alkoholkonsum nebst den dazu passenden Präventionsprojekten s. „Cool bleiben, Alk meiden“ in: >Test< der Stiftung Warentest, April 2002 S.91
viii
Wesseler untersuchte mit dem in Anmerkung 1 genannten Fragebogen 1997 100 Haupt- und RealschülerInnen. vgl. auch Daten in Quensel 1999 (s.o. Anm. IV)
ix
vgl. Quensel 2002 :“Weil es gefährlich ist“: Jugendlicher Drogenkonsum und Delinquenz. Präventive Konsequenzen aus einer Analyse eines jugendlichen ‚Risiko-Raumes‘. In: Wiener Ztschrft f. Suchtforschung (im
Druck).
x
beim Autofahren: t =.000, Fliegen: t =.01, Ski: t =.02, Moped: t =.03 und bei Rauchen: t =.05
xi
auf diese Art der Gefährlichkeit wird bei den Gebrauchsanweisungen ausdrücklich hingewiesen
xii
je einen Verkehrs- und einen Drogen-Faktor mit 26,3% und 18,4% der Varianz nach Varimax-Rotation
xiii
Insgesamt umgekehrt als bei den Drogen mit r = +14. Mädchen sogar umgekehrt r= +.21; Jungen dagegen r
= -04. Zu den daraus zu ziehenden Folgerungen hinsichtlich der so gerne angenommen ‚risk-personality’ oder
des ‚sensation seeking’ s. Quensel 2002 (s.o. Anm. VIII)
xiv
Wir haben hierfür neben der ‚Gefährlichkeitsfrage’ (Frage 51) in Frage 54 bei 5 Drogen (Joint, Alkohol, Heroin, Tabak, Ecstasy) danach gefragt „Welche Wirkungen haben Deiner Meinung nach folgende Stoffe (Mehrer
Antworten für jede Zeile möglich)“ mit den Kategorien >Spaß<, >Schmerz<, >Entspannung<, >Abhängigkeit<,
>Veränderung der Stimmung<, >Halluzinationen/Verwirrung<, >keine Wirkung< und >Ich weiß nicht<. Verwertet werden hier nur >Spaß< und >Abhängigkeit<.
xv
DDRAM s. Endnote 1
xvi
Dabei waren dieses Mal die Jugendlichen der erneuten Befragung erheblich fleißiger beim Anstreichen: Während in der Untersuchung aus dem Jahre 1997 den fünf Drogen die Funktionen Spass und Abhängigkeit jeweils
mit einem Durchschnitt von 1.16 bzw. 1.58 zuordneten, werteten die Jugendlichen aus der hier berichteten Untersuchung mit 1.72 und 2.39
xvii
Die Daten stammen aus einer vom Bremer Institut für Drogenforschung (BISDRO) von Lorenz Böllinger,
Birgitta Kolte und dem Verfasser durchgeführten, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten und
von der GETAS/IPSOS 1999 im Bremer Stadtgebiet realisierten repräsentativen Erhebung (random route bei
3008 Haushalten), die Teil eines international vergleichenden Projektes mit Amsterdam (Peter Cohen) und San
Francisco (Graig Rainarman) zum Cannabis-Konsum ist.
xviii
vgl. dazu Quensel 2001: Cannabis, Straßenverkehr und junge Leute. Ein Dispositiv im Generationskonflikt..In: Franjo Grotenhermen und Michael Karus (Hsgb): Cannabis, Straßenverkehr und Arbeitswelt. Springer
Berlin 2002:117-132 und dort die 3 Graphiken S. 130-132, die zudem belegen, dass die Bewertung von Cannabis
und Nikotin über die Altersstufen hinweg „gleichermaßen von der ‚Erfahrung’ mit den jeweiligen Drogen beeinflusst wird, und dass eine dazwischenliegende ‚positive’ Einstellung (Bereitschaft zu probieren bzw gelegentliche Erfahrung) ebenfalls zu einer positiveren Bewertung führen wird.“ (S.130).
xix
vgl. dazu die gründliche Besprechung des Buches von Thomasius, R. (hg): Ecstasy. Eine Studie zu gesundheitlichen und psychosozialen Folgen des Missbrauchs. Stuttgart 20000 in www.archido/Rezensionen
bei denen dann fast jede Beziehung ‚signifikant’ wird (vgl. Quensel 2002a, Broken home or drug using peers:
‚significant relations? In Journal of Drug Issues, 2002 (im Druck)
xxi
Eine Frage, die sich übrigens auch kaum durch die z.Z. so beliebten Längsschnitt-Untersuchungen lösen lässt,
da beide Momente sich im Laufe einer Entwicklung gegenseitig hochschaukeln werden, ohne dass man (ohne
willkürliche Definitionssetzung) dafür einen ‚eigentlichen Anfang’ setzen könnte.
xx
31
xxii
Da wir in dieser Untersuchung nicht explizit nach dem drogenkonsumierenden Freundeskreis gefragt haben;
vgl. jedoch die analogen Ergebnisse für diese klassische Frage nach den ‚drogenkonsumierenden peers’ imBeitrag ‚Broken home’ (Endnote XX)
xxiii
Diese Normalverteilung wird noch deutlicher, wenn man in die Skala noch weitere – eng mit dem Drogenkonsum – zusammenhängende äquivalente Verhaltensweisen, wie etwa verschiedene Formen delinquenten Verhaltens mit aufnimmt, wofür etwa die in der DDRAM-Studie entwickelte >Risiko-Skala< als Beispiel dienen
mag (s. Quensel 1999, Anm. IV)
xxiv
Und insofern etwa den für die Aidsforschung so wichtigen, relativ spät in die Forschung einbezogenen HIVKlienten entsprächen, die trotz Infektion keine Symptome entwickeln
xxv
weswegen wir ja gelegentlich das heimliche Trinken für gravierender halten, als das sozial-öffentliche
xxvi
Beide Skalen wurden zunächst faktoriell abgesichert und sodann aus den verbliebenen Items einfach additiv
aufgebaut, wobei die missings als 0 gewertet wurden.
xxvii
H. Fend, S. Schröer: Depressive Verstimmungen in der Adoleszenz – Verbreitungsgrad und Determinanten
in einer Normalpopulation. In: H.C. Steinhausen (Hg): Das Jugendalter, Stuttgart 1990: 59-84
xxviii
Mittel gegen Menstruationsbeschwerden wurden nicht in die Faktorenanalyse und Schmerzmittelskala einbezogen
xxix
abgekürzt zitiert
xxx
Eine Clusteranalyse ist eine Prozedur, die auf grund ausgewählter Eigenschaften – hier die vier Skalen –
relativ homogene Fallgruppen identifiziert, wobei jeweils die Anzahl der Cluster vorzugeben ist. Um die Fallzahlen in den Clustern nicht zu klein werden zu lassen, andererseits jedoch den gesuchten Gruppen möglichst
nahezukommen, haben wir uns auf vier Cluster beschränkt.
xxxi
Auch die beiden >Drogengruppen< unterscheiden sich beim Rauchen wie beim Cannabis – bei relativ kleinem N – in einem Mittelwertvergleich mit einem t = von .06 und .07 noch annähernd signifikant zu Lasten der
>Drogen-depressiven<
xxxii
bei der die Schmerzmittel (s. o. Graphik 11) nicht einbezogen sind.
xxxiii
Diese unterschiedlich funktionale Beziehung zeigt sich übrigens auch unabhängig von diesen vier Clustergruppen darin, dass lediglich bei den Mädchen, nicht jedoch bei den Jungen, eine jeweils hochsignifikante Korrelation zwischen diesen beiden Skalen auf der einen und der Drogen- bzw. der Raucher-Skala auf der anderen
Seite besteht, und zwar bei den >nervösen Beschwerden: r = . 35 bzw. .24 und bei der Stimmung: r = .20 bzw. r
= .24. Entsprechend finden wir in einer Regressions-Analyse mit den drei Variablen Geselligkeit, Stimmung und
nervöse Beschwerden: Bei den Mädchen lässt sich die Drogen-Skala aus Geselligkeit und nervöser Störung (r
cumulativ = .48) und die Raucher-Skala aus Geselligkeit und Stimmung (r cumulativ . 41) voraussagen, während bei den Jungen in beiden Fällen nur die Geselligkeit signifikante Korrelationen zeigt (r = .36 bzw. .43).
Da in der Realität solche Clustergruppen kaum jemals ‚rein’ sich voneinander trennen lassen, die Übergänge
also – in allen Skalenbereichen – fließend sind, können hier schon geringe Veränderungen (andere Skalierungen,
zusätzliche Skalen, andere Cluster-Anzahl) die Werte bzw. die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Clustern zumindest in den Randbereichen erheblich verschieben – ohne freilich dadurch die tendentielle Gesamtaussage im
Kern zu berühren (was durch eine Signifikanzanalyse der je gefunden Gruppen gut zu belegen wäre).
xxxv
Während die beiden Mädchengruppen – 27 >drogengesellige< und 56 >drogendepressive< Mädchen - sich
trotz leicht erhöhter Drogenwerte auf der Drogen-Skala, beim Rauchen und auf der Cannabisskala nicht signifikant unterscheiden, fallen die Werte auf der Depressions-Skala hochsignifikant, auf der Stimmungs-Skala mit
.02 signifikant und beim Sport mit .07 fast signifikant aus.
xxxvi
bei den Jungen finden wir bei den >Drogengeselligen< dieselbe >emotionale Offenheit<, die >gute Selbsteinschätzung der schulischen Leistung< bei >hohem Fehlen in der Schule<, doch keine Anzeichen für >Autoritäts-Probleme<; hier imponieren die >Isolierten< durch ein Syndrom von (selbst eingeschätzter) schlechter
schulischer Leistung, elterlicher Vernachlässigung und Fehlen in der Schule, während die >DrogenDepressiven< - bei sonst ‚normalen’ Werten in beiden Bereichen vor allem den „Stress in der Familie“ – wie sie
das wohl bezeichnen würden, monieren.
xxxvii
die hier einerseits wegen der geringen Gruppenzahlen besonders aufschlussreich sind, andererseits durch
ihre Häufung eher – in ihrer Signifikanz-Aussage, nicht so sehr in ihrer hier interessierenden Trendaussage –
vorsichtig interpretiert werden sollten
xxxviii
(s. Endnote XXVIII) die wir für Jungen und Mädchen gemeinsam faktoriell (in drei Faktoren) aufgegliedert und dann einfach skaliert haben.
xxxix
Abgekürzt zitiert, Kategorie: Stimmt nicht, stimmt ein bisschen, stimmt sehr oder oft.
xl
die hoch miteinander korrelieren und sich gegenseitig ersetzen können (vgl. Quensel 2000, s.o. Anm. VI)
xli
Zu den aus diesen Überlegungen sich ergebenden Konsequenzen für eine alternative Prävention s. „Jugend –
Sucht - Drogen: Zwei Welten“ im Internet www.bisdro.uni-bremen.de/Publikationen/Quensel
xxxiv
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