AllgSuchttheorie - Supervision

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Allgemeine Suchttheorie im Überblick
Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) benutzt seit 1957 den Begriff „Abhängigkeit“ im
Suchtbereich als Standardbegriff und führt dafür die folgenden typische Kennzeichen an:
1.
Wenn man von einer Abhängigkeitserkrankung spricht, geht es um den Konsum von
„psychotropen Substanzen“ (Alkohol, Medikamenten, illegale Drogen).
2.
Von einer Abhängigkeitserkrankung kann gesprochen werden, wenn bei einer Person
mindestens drei der folgenden Merkmale im letzten Jahr vorlagen:
A Ein starker Wunsch oder ein Zwang psychotrope Substanzen zu konsumieren.
B Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des
Substanzkonsums.
C Substanzgebrauch mit dem Ziel Entzugssymptome zu mildern.
D Körperliche Entzugssymptome
E Eine Toleranzentwicklung, d.h. Erhöhung der Dosis, um die ursprünglich durch niedrigere
Dosen erreichte Wirkung der Substanz hervorzurufen.
F Ein eingeengtes Verhaltensmuster im Umgang mit der Substanz (z.B. Regeln
gesellschaftlich üblichen Substanzgebrauch außer acht lassen).
G Fortschreitende Vernachlässigung anderer Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums.
H Anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis eindeutig schädlicher Folgen körperlicher,
sozialer oder psychischer Art.
3.
Erscheinungsformen der Abhängigkeitserkrankung
Allgemein wird unterschieden zwischen: 1. Alkoholabhängigkeit - 2. Medikamentenabhängigkeit - 3. Drogenabhängigkeit - 4. Komorbidität/Politoxikomanie.
Die stoffungebundenen Abhängigkeiten tauchen in dieser Klassifikation noch nicht auf, die
Aufnahme in den Katalog der Abhängigkeitserkrankungen ist wissenschaftlich umstritten.
3.1 Die Alkoholabhängigkeit
„Alkoholiker sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad
erreicht hat, dass sie deutlich Störungen und Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen
Gesundheit, ihren mitmenschlichen Beziehungen, ihren sozialen und wirtschaftlichen
Funktionen aufweisen; oder sie zeigen Prodrome (Vorläufer) einer solchen Entwicklung.
Daher brauchen sie Behandlung.“ (WHO, 1951)
Die Erscheinungsbilder und die Phasen des Alkoholismus werden traditionell in der
Typologie nach Jellinek beschrieben. Erscheinungsbilder des Alkoholismus sind Gamma-,
Delta- und Epsilon-Alkoholiker.
Der Typus des Gamma-Alkoholikers stellt in Deutschland die verbreitetste Form dar. Die
Krankheit verläuft in vier Phasen mit charakteristischen Krankheitszeichen:
A Voralkoholische Phase:
Erleichterungstrinken - Abnahme der Belastungsfähigkeit - Reduzierung der
Frustrationstoleranz
Folge: Alkohol wir immer häufiger als Kompensationsmittel eingesetzt und es wird eine
immer größere Menge benötigt, um die erwünschte Wirkung herzustellen. Trunkenheit ist
in dieser Phase noch nicht charakteristisch, Gefährdung wird vom Betroffenen und der
Umwelt noch nicht wahrgenommen.
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B Prodromale Phase
Im Übergang in die Vorphase der Erkrankung treten erste Erinnerungslücken auf
(„Filmrisse“). Alleintrinken, heimliches Trinken, Alkohol wird gebunkert, das erste Glas
wird „gekippt“, noch kein Kontrollverlust, der Betroffene wirkt nach außen
kontaktfreudig, Einer der viel verträgt, Gefährdung bzw. beginnende Erkrankung wird
jetzt verdrängt oder verleugnet, sowohl vom Betroffenen als auch von der Umwelt.
C Kritische Phase
Kontrollverlust, d. h.: Kleinste Mengen Alkohol führen schon dazu, dass der Betroffene die
Fähigkeit verliert, seinen Alkoholkonsum willentlich und aus eigener Kraft zu beenden.
Folge: Trinkexzesse, soziale Konflikte, Bemühen um kontrolliertes Trinken führt zu
Niederlagen, Selbstwertgefühl schwindet, beschleunigter sozialer Abstieg, Körperliche
Anzeichen: Entzugserscheinungen schon bei kürzeren Trinkpausen. Entzugszeichen sind:
Händezittern, Schweißausbrüche, innere Unruhe, Verstimmungen.
Die Umwelt nimmt den Betroffenen als Trinker wahr
D Chronische Phase
Morgendliches Trinken, um Entzugserscheinungen zu vermeiden, tagelange Räusche,
deutlicher körperlicher, psychischer und sozialer Abbauprozeß, schwere Entzugssyndrome
mit und ohne Delirium, Krampfanfälle, psychotische Störungen, Abnahme der
Alkoholtoleranz = relativ geringe Alkoholmengen erzeugen schwere Räusche, ohne daß
die Menge ausreicht, die Entzugserscheinungen zu unterdrücken. Spiritus, Haarwasser,
Rasierwasser wird getrunken, wenn kein Alkohol greifbar ist.
Delirium: Schwerstes Entzugssyndrom, tritt bei ca. 15 % aller Alkoholabhängigen auf.
Muß intensivmedizinisch behandelt werden. Unbehandelt liegt die Mortalitätsrate bei bis
zu 30 %. Auch bei intensivmedizinischer Behandlung ist ein tödlicher Verlauf nicht
auszuschließen.
Der Typus des Delta-Alkoholikers
Abhängigkeit beginnt im Rahmen gesellschaftlicher Trinksitten. Es werden kaum positive und
angenehme Wirkungen des Alkohols erlebt, auch kein Rausch im Sinne des Gamma-Typus.
Schnelle Entwicklung von Toleranz und Entzugssymptomen, Trinkpausen werden vermieden,
der Blutalkoholspiegel muß stets auf einem wirksamen Niveau gehalten werden, Kontrollverlust tritt nicht ein. Es wird von einem „Spiegeltrinker“ gesprochen
Der Typus des Epsilon-Alkoholikers
Dieser Typus tritt seltener auf und wird als Dipsomanie bezeichnet. Es sind periodisch
auftretende Trinkexzesse, die mit endogenen, konstitutionell bedingten
Verstimmungszuständen begründet werden. In Abständen von einigen Monaten beginnt der
sonst Abstinente oder mäßig Trinkende ohne ersichtlichen Anlaß, für einige Tage maßlos,
zwanghaft, widerstandslos und exzessiv zu trinken und sich dabei gesundheitlich und sozial
aufs höchste zu gefährden.
Der Volksmund spricht von „Quartalssäufern“.
Die nicht (oder noch nicht) pathologischen Formen des Alkoholismus nach Jellinek heißen:
Alpha-Alkoholismus: Leichte psychische Abhängigkeit mit familiären und sozialen
Komplikationen.
Beta-Alkoholismus: Gelegenheits- bzw. Verführungstrinker
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3.2
Die Drogenabhängigkeit
Folgende Typen illegaler Drogen werden unterschieden:
1. Opitate (Opium, Morphium, Heroin und weitere Abkömmlinge teilw. synt. Art. Opiode)
2. Cannabinoide (Haschisch, Marihuana)
3. Halluzinogene (LSD, Mescalin)
4. Kokain und andere Stimmulantien (Amphetamine, Designer-Drogen wie Ecstasy u. ä)
5. Industriestoffe (Schnüffelstoffe, Lösungsmittel)
Die Illegalität erzeugt zusätzlich zur Stoffdynamik eine eigene Dynamik, die das Suchtbild
entscheidend prägt. Diese Wirkung wird vielfach als stärker als die des Suchtmittels selbst
angesehen.
Unterscheidung in Harte Drogen (Opiate) und weiche Drogen (Cannabis) ist nicht
unproblematisch weil das Kriterium körperliche Abhängigkeit oft ausschlaggebend ist.
Demzufolge müssten Kokain und LSD weiche Drogen sein, weil keine körperliche
Abhängigkeit nachgewiesen werden kann.
Umstiegstheorie: Haschisch wird oft als Einstiegsdroge bezeichnet.
Tatsache ist: Nahezu alle Abhängigen von Heroin haben Vorerfahrungen mit Haschisch, etwa
5 % der Cannabiskonsumenten konsumieren später harte Drogen.
Verlauf der „Drogenkarriere“:
Der Beginn wird wegen drogenpolitischer Fixierung auf den Einstieg in illegale Drogen
festgelegt, also erster Cannabiskonsum. Nachweislich lag in den allermeisten fällen Alkoholund Tabakkonsum schon weit davor, deutlich vor dem 14. Lebensjahr. Zusätzlich nahmen bis
zu 20 % der Kinder und Jugendlichen bereits von Eltern und Ärzten verordnete Medikamente.
In den meisten Fällen handelt es sich beim ersten Drogenkonsum um „nicht-pathogenes“
jugendliches Risikoverhalten (Neugier, Protest, Selbstdarstellung, Gruppendruck usw.).
Die These, Drogenkonsum sei grundsätzlich von Beginn an als Notsignal und Symptom einer
Persönlichkeitsstörung zu interpretieren, auf die der betreffende Jugendliche mit selbsttherapeutischen Mitteln reagiert, pathologisiert in unzulässiger Weise jugendliches Verhalten.
Schließlich werden ca. 95 % der Erstkonsumenten von illegalen Drogen nicht abhängig.
Ob und wie der Drogenkonsum fortgesetzt wird hängt von weiteren Faktoren ab:
1. Liegt bereits eine (prämorbide) Persönlichkeitsstörung vor?
2. Wirkungsspektrum, Suchtpotential, Moden und „Griffnähe „der Droge
3. Droge als erfolgreicher Problemlöser jugendtypischer Probleme (Selbstdarstellung,
Anerkennung, Flucht vor Konflikten usw.)
4. Neue Probleme, die durch den Gebrauch der Droge selbst auftreten
5. Einstiegsalter (Je früher dieses liegt, um so mehr Sozialisations- stationen werden
verpasst)
3.3 Die Medikamentenabhängigkeit
Psychotrope Substanzen in Medikamenten können zur Abhängigkeit führen.
Es lassen sich unterscheiden:
1. Benzodiazepine (Beruhigungs- u. Schlafmittel, z.B. Valium, Lexotaniel, Diazepam usw.)
2. Barbiturate (ebenfalls Schlaf- u. Beruhigungsmittel
3. Opiode (Schmerzmittel, codeinhaltige Hustenmittel, Ersatzdrogen für Abhängige)
4. Psychostimmulantien (Aufputschmittel, Appetitzügler)
Auch bei indizierten Gebrauch von Psychostimmulstien gibt es oft Schwierigkeiten beim
Absetzen. Neben den Entzugssyndromen können die Beschwerden die zur Verordnung
geführt haben wieder auftauchen (z.B. Schlafstörungen, Angst usw.).
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3.4 Komorbidität / Polytoxikomanie
Von Komorbidität wird gesprochen wenn neben der Abhängigkeit noch eine andere psychische Störung vorliegt, unabhängig davon, ob diese Störung durch den Drogenkonsum
ausgelöst wurde oder ob die andere psychische Störung den Drogenkonsum auslöst.
Von Polytoxikomanie (ICD-10: multipler Substanzgebrauch) wird gesprochen wenn eine
Abhängigkeit von mehreren Substanzen gleichzeitig besteht. Viele Alkoholiker nehmen zur
Verstärkung der Wirkung zusätzlich Beruhigungsmittel, bei Drogenabhängigen ist ein
multipler Substanzgebrauch heute gar die Regel. Es werden Medikamente zur Steigerung der
Drogenwirkung gebraucht oder als Ersatzdroge. Der weitere Gebrauch von Drogen neben der
Methadon-Substitution wird als „Beigebrauch“ bezeichnet.
4.
Allgemeine Entstehungsbedingungen der Abhängigkeit
1. Genetische Vererbung kann nicht ganz ausgeschlossen werden, bleibt dennoch heute
weitestgehend unberücksichtigt. (Adoptionsforschung: Söhne Alkoholkranker Eltern haben
statistisch ein 8-fach erhöhtes Risiko, bei Töchtern keine Signifikanz)
2. Lerntheorie: erlerntes Verhalten auf inneren und äußeren Faktoren beruhend.
Innere Faktoren sind: Erfahrungen, daß sich durch psychotrope Substanzen Befindlichkeiten wie Spannung, Angst, Hemmung usw. positiv verändern lassen.
Äußere Faktoren sind: gesellschaftliche Einstellungen, Trinksitten, Modellverhalten von
Bezugspersonen u.ä.
3. Psychodynamische Modelle: Der Gebrauch von psychotropen Substanzen wird als
„Selbstheilungsversuch“ von einer Vielzahl tieferliegender psychischer Störungen
verstanden. Der Mangel oder eine Überforderung an und mit Zuwendung, Liebe und
Aufmerksamkeit in der frühen Phase der Persönlichkeitsentwicklung, wird versucht, später
mit der psychotropen Substanz auszugleichen.
4. Persönliche Ursachen der Abhängigkeit
Psychoanalyse:
Eine zu große Verwöhnung oder eine zu stake Vernachlässigung während der frühen
Kindheit sind die Ausgangsbedingungen für die Entwicklung einer suchtkranken
Persönlichkeit. (Affekttoleranz, Objekt- u. Selbstrepräsentanzen,
Bewusstseinsveränderung)
Verhaltenstherapie:
Durch den Kontakt mit Suchtmitteln lernt der suchtgefährdete Mensch, dass er
Spannungsgefühle, die von der Psychoanalyse auf frühe Verwöhnung oder
Vernachlässigung zurückgeführt werden, mit Drogen oder Alkohol lindern oder kurzzeitig
beheben kann.
Humanistische Konzepte (Gestalt, Psychodrama, GT usw.)
Sowohl die frühe Verwöhnung und Vernachlässigung als auch der spätere
Suchtmittelmissbrauch hindern das Individuum an Persönlichkeitswachstum und
Weiterentwicklung
Systemische Theorien (Familientherap., Kommunikationstheorie)
Anstatt sich unabhängig zu entwickeln, begeben sich Suchtkranke und suchtgefährdete
Persönlichkeiten in Beziehungssysteme, in denen Andere die Konsequenzen ihres Drogenoder Alkoholmissbrauches abmildern.
Biologische Theorien
Schließlich wird die Droge in den Stoffwechsel des abhängigkeitskranken Individuums
eingebaut, wodurch sich die Hirnbiologie verändert. Dadurch bleiben die Betroffenen
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lebenslänglich auf die Abstinenz angewiesen.
Gesellschaftliche Faktoren
Neben den Bedingungen die der einzelne Mensch mitbringt kommen zur Suchtentwicklung
noch gesellschaftliche Faktoren hinzu, denen eine ähnlich große Bedeutung wie den
individuellen Voraussetzungen zugemessen werden muss.
5.
Behandlungsformen und Rehabilitation
Bis noch vor einigen Jahren bestand das Motivations- und Abstinenzparadigma. Dieses
besagte, der abhängige Mensch muss die Folgen seiner Erkrankung in einem solchen Maße
spüren, dass er alles dafür zu tun gedenkt, um davon befreit zu werden. Dieses Paradigma war
bei einem Teil der Abhängigkeitserkrankten erfolgreich und die auf diesem Wege motivierten
hatten recht gute Prognosen. Es stellte sich jedoch heraus, dass dieser
„Motivationsmechanismus“ nur den geringeren Teil der Betroffenen erreichte. Ein Großteil
der Abhängigkeitserkrankten verelendete mehr und mehr. Angesichts der großen
körperlichen, psychischen und sozialen Folgeschäden hat sich die Zielhierarchie in der
Suchtkrankenhilfe heute dahingehend verändert, dass Abstinenz nicht mehr das alleinige Ziel
der Interventionen ist.
Zielhierarchie:
Überleben sichern: Niederschwellige Angebote mit Kontaktcafe, Spritzenautomaten,
Druckräume, medizinische Notfallversorgung, Notschlafstellen,
Hygieneeinrichtungen,
Substitutionsbehandlung mit Beikonsumkontrolle
Reduzierung der Substanzmenge, Verlängerung der Substanzfreien Zeiten
aufsuchende Sozialarbeit, Angebote kurzzeitiger Entzugsbehandlung (2 – 3 Wochen)
betreute Wohnformen für langjährig, chronische Abhängige
Therapie-Sofort-Programme
Abstinenzorientierte Beratung und ambulante Rehabilitation
Stationäre Entwöhnungsbehandlung (6 Wochen - 12 Monate - heute in der Regel 4
Monate bei Alkoholkranken und 6 Monate bei Drogenabhängigen)
Adaptionsphase
Nachsorge
Selbsthilfegruppen
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