- Gottesdienstinstitut Nordkirche

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Impuls - geistliche Leitung im Gottesdienst, Braunschweig 10.10.15
Sehr geehrte Damen und Herren,
hier einige Hinweise zu der Frage, welche Formen der Leitung in einem zentralen Bereich von
Gemeinde denkbar sind: Im Gottesdienst.
A. Gedanken zur Lage
1. Vom Paradox, öffentlich fromm zu sein
Ein Mensch leitet den Gottesdienst. Man sieht ihm dabei zu. Er faltet die Hände, er sagt wichtige
Dinge, segnet, betet vor allen. Das tut er stellvertretend für alle, die in der Kirche sitzen. Auch sein
Einzug in die Kirche z.B. ist ein darstellendes ernstes Spiel: er nähert sich dem Heiligen. Er ist von uns
abgeordnet und bezahlt, dass er das hauptberuflich tun kann. So können alle Sitzenden im Geist
mitvollziehen, was eine anleitet. Man sieht einem Menschen dabei zu, wie er ausdrücklich fromm ist,
und das findet man erbaulich. Denn so etwas ist in Nordeuropa eher selten: da ist Religion
Privatsache, die gehört ins Kämmerlein. Stellt man z.B. die Bänke so auf, dass die Menschen einander
sehen können, dann gibt es Protest: man werde abgelenkt durch die anderen. Das ist nicht ganz
einsichtig, denn die Frömmigkeit der Pastorin schaut man ja auch gern an - warum sich also nicht
inspirieren lassen von anderen, die innig beten oder schmunzeln?
Man lässt sich nicht gern beim Frommsein zuschauen. Das soll jemand tun, der es professionell kann.
Dies ist vielleicht einer der Hauptgründe, warum es so schwer ist, Menschen für Beteiligung im
Gottesdienst zu gewinnen. Denn viele sitzen dann in den Bänken und gucken - und wer sich
exponiert, steht im Scheinwerferlicht.
Zusätzlich wirken oft archaische und wenig reflektierte Regungen:
 Die priesterliche Figur im Talar ist von besonderer Art - mit weniger mag man sich nicht
zufrieden geben.
 Im Kirchraum gelten andere Regeln als in der Demokratie: Hier ordnet man sich unter. Denn
Gott fordert Gehorsam.
 Im Gottesdienst gilt alte Moral: Keuschheit, Schweigsamkeit, Fügsamkeit, Sündlosigkeit.
 In der Kirche gilt noch die Monarchie: Ein Spitze vorn, in den Reihen von vorn nach hinten
abnehmende Bedeutung-sIntensität
2. Neues Autoritätsverständnis
Die Lufthoheit über die rituellen Formen im Christentum gehört nicht mehr allein den hauptamtlich
Frommen, sondern inzwischen vielen anderen auch. Das ist für Pastorinnen und Pastoren oft schwer
verdaulich. Sogar die Fragen des Religiösen überhaupt gehören nicht mehr allein den großen
Konfessionen. Menschen machen sich ihre eigenen Gedanken, jedenfalls in den aufgeklärten
westlichen Regionen.
Das geht einher mit einem kritischen Verständnis von Autorität. Wer heute gehört werden will, muss
seine eigene Wirkung viel mehr selber erweisen. Früher war ein Pfarrer anerkannt allein wegen
seines Standes im Rahmen der Kirche. Weil Zugehörigkeit zu einem ‚Stand‘ überhaupt mehr
bedeutete. Das war eine andere Art von Autorität- eher äußerlich. Jetzt muss Kirche, jetzt müssen
kirchliche Leute zeigen, was sie können, sonst wendet man sich einfach ab.
Auch die Gegenbewegung gibt es:
Andere müssen unter der Woche so viel selber entscheiden, dass sie froh sind, wenn sie mal
sonntags eine Stunde abhängen können und nichts entscheiden oder tun müssen. Aber die suchen
oft einfachere Formen der Meditation auf: Taize-Gebete, Yoga-Kurse usw.. Oder man wendet sich
dem Fundamentalismus zu, da werden einem alle Entscheidungen abgenommen.
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3. ‚Betreutes Wohnen‘, also flächendeckende Versorgung kollabiert
Die flächendeckende Versorgung mit Gottesdienst an jedem Sonntag in jeder Kirche bricht allmählich
zusammen. Sie ist nicht mehr zu halten. Die geübt sind in der klassischen Liturgie und sie auch so
haben wollen, werden weniger. Das Interesse im Land an erlebbarer und wirksamer Spiritualität
wächst. Man vermutet sie aber nicht unbedingt bei der Kirche.
Welche Leitung macht sich diese Gesamtlage zu eigen und beginnt zu handeln?
B. Welche Formen von Gottesdienst erlauben welche Art von Leitung und Beteiligung
1. Der Gottesdienst nach Agende
Er hat seinen Ursprung in der katholischen Messform und ist das wöchentliche Training für geübte
Turniertänzer. Er stammt aus Klöstern, wo man täglich formell betet und am Sonntag den HauptGottesdienst begeht. Jeder versteht die lateinischen und griechischen Chiffren, die geheimnisvollen
Anspielungen, die Dramaturgie der Abfolge aus Öffnung zu Beginn, Einfall des Anderen im Wort,
Kommunion im Mahl und Geleit im Segen. Wenige leiten das, eigentlich leitet die Tradition. Es geht
nicht ums angeregte Erleben oder um Mitwirkung, sondern ums stilvolle Wiederkäuen guter alter
Geheimnisse. Deshalb kann man diese Form nicht ohne Ende strapazieren. Sie will kein Event sein,
sondern stete Übung im Geheimnis.
Die Formen der Mitwirkung sind entsprechend begrenzt:
Ehrenamtliche Menschen können Teile im Eröffnungsbereich ausgestalten (Psalm, Kyrie, Gloria), sie
können Lesungen neu formen und auch predigen, sie können beten. Mehr Spielraum gibt diese Art
Gottesdienst nicht her, denn alles ist von langer Hand geformt und nicht einfach wandelbar. Aber
Mehrstimmigkeit tut dieser Form gut.
2. Gottesdienst frei von agendarischer Vorgabe
Im deutschsprachigen Raum gibt es geschätzt 80.000 alternative Gottesdienst-Formen an allen
Wochentagen. Fast jede Region hat so etwas entwickelt. Die Kirchenämter der Volkskirche kommen
kaum mit dem Wahrnehmen nach, geschweige denn mit Prüfungen, ob dort alles auch kirchengemäß
zugeht.
Hier darf jeder etwas erfinden, man kann in der Gruppe zusammen entwickeln, was noch nicht da
war. Eine Nähe zur klassischen Agende wird meist vermieden. Die Abfolgen ähneln ihr im Ergebnis
aber in den o.g. Grundvollzügen oft.
Niemand hat das Gefühl, er wisse zu wenig oder benehme sich wieder falsch in der Kirche. Man steigt
einfach ganz neu ein in den alten kirchlichen Raum, öfter aber auch das nicht: Man geht in die
örtliche Festhalle oder Schule, damit möglichst wenig vermeintlicher Ballast am neuen Projekt hängt.
Planungs-Teams von 30-60 Menschen gestalten mit, technischer Aufwand, moderne Bands,
Begrüßungskommitees, Umfragen und gemeinsames Essen nach dem Gottesdienst, Hauskreise in der
Folge, all das hier nur als Andeutung.
Hier leitet eine Projektgruppe, oft zusammen mit dem regionalen Klerus, aber sie fühlt sich allein
dem Erfolg dieses Projekts verantwortlich und will kirchliche Verordnungen und Maßstäbe für sich
weniger gelten lassen. So etwas kommt einer Neugründung gleich und hat den Reiz des Aufbruchs.
Hier nimmt sich eine eher ungezügelte Energie selber einen Spielraum im Christlichen, der nicht so
besetzt ist wie der Gottesdienst am Sonntag. Denn dort müssen etliche Instanzen gefragt und
beteiligt werden, bevor man überhaupt zum Zug kommt mit seinen Ideen. Sie merken, da ist Musik
drin.
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Welche Leitungs-Instanzen können Gottesdienst lenken?
 Gottesdienst Ausschüsse sind nett, vertiefen das eigene liturgische Wissen, sind aber nach
außen meist wirkungslos. Sie basteln ein wenig an der vorhandenen Liturgie. Aber es braucht
ganz andere Initiativen, wenn man Gottesdienst beleben will.
 Die Gemeinde-Leitung hat Verantwortung für die Gestaltung von Gottesdienst, aber sie weiß
oft nicht, was es alles gibt, was woanders gelingt, was kirchenrechtlich geht und was nicht.
Entsprechend vorsichtig reagiert sie meist auf Vorschläge. Um diese Aufgabe gut
wahrnehmen zu können, braucht sie gute Fortbildung. Das macht Arbeit. Oder man betraut
einen Gottesdienst-Ausschuss, sich stellvertretend zu informieren. Besonders strategische
Fragen des Gottesdienstes, Alternativen usw. können nicht in 20 min zwischen anderen
Sitzungspunkten bearbeitet werden.
 Am besten funktioniert eine Projektgruppe Gottesdienst. Sie hat Mitglieder aus GemeindeLeitungen, aber auch ganz andere Leute. Halb verfaßt, halb wild. Die Verfaßten dürfen nicht
zu engwinklig sein. Das garantiert eine gewisse Weite. Sie kann auch überregional
zusammengesetzt sein, das heißt von mehreren Orten beauftragt sein, Gottesdienst
weiterzuentwickeln: Sie trifft sich monatlich auf Dauer, holt sich erstmal Fortbildung, schaut
nach Handlungsfeldern, plant z.B. exemplarisch Gottesdienste, mit denen sie durch die
Region zieht. Oder sie bespielt leere Kirchen, macht Vorschläge, aber handelt exemplarisch
auch selbst oder oder ….
 Prädikanten und Lektoren sind meist darauf angesetzt, Lücken im vorhandenen PfarrVersorgungssystem zu schließen. Das funktioniert leidlich, aber dieser Stand könnte als
Gruppe mehr bewirken, wenn es um Renovierung der Gottesdienst –Landschaft geht. Als
Einzelne bestätigen sie das vorfindliche System. Das befindet sich aber im Sinkflug.
 Pastorinnen und Pastoren sind dringend gewiesen, ihren Horizont in Sachen Gottesdienst zu
erweitern. Wenn sei frei bekommen sich auch andere Modelle anzusehen, bzw zu
Fortbildung zu gehen, kommen sie auf weiterführende Ideen. Sie sind weiter die Instanz, die
am meisten bezahlte Zeit hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Sie können vieles
torpedieren und fördern.
Weiterführende Links
Anleitung in Lektionen für Gruppen, die im Gottesdienst auf Dauer mitwirken wollen:
Gottesdienst verstehen und selbst gestalten, Thomas Hirsch-Hüffell
vergriffen, Manuskript hier:
http://gottesdienstinstitut-nordkirche.de/wp-content/uploads/2015/03/GS.pdf
Gottesdienst- Elemente zum Mitmachen und Gottesdienst-Didaktik
unter http://gottesdienstinstitut-nordkirche.de/material/
Weitere Arbeitsstellen für Gottesdienst
 Gottesdienst Institut Nürnberg mit viel Bildmaterial für den Gottesdienst
 Michaeliskloster Hildesheim mit Schwerpunkt Kirchenmusik und Gottesdienst
 Zentrum Verkündigung Frankfurt mit Kunst und Kirche, Gottesdienst-Gestaltung und
Veröffentlichungen
Thomas Hirsch-Hüffell – Oktober 15
www.gottesdienstinstitut-nordkirche.de
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Fragen für Gruppen
1. Gibt es in Ihrer Umgebung ernsthaftes Interesse bei Hauptamtlichen, sich inhaltlich von
Ehrenamtlichen im Gottesdienst-Leben begleiten zu lassen?
Mit wem ginge es am ehesten?
2. Wenn Sie eine eigene Idee für die Gestaltung von Gottesdienst haben, mit wem würden Sie
das am liebsten realisieren? Nehmen Sie beim Finden der Personen keine Rücksicht auf
Zuständigkeiten in ihrem Bereich. Es können auch ganz kirchenferne Leute sein.
3. Welche Gottesdienst-Frequenz würde Ihnen selbst am Sonntag genügen - wöchentlich,
zweiwöchentlich, monatlich, seltener? Vergleichen Sie Ihre Wahl mit der Realität um sie
herum.
4. Unter welchen Bedingungen und mit welchen Zielen wären Sie bereit, zwei Jahre lang in
einer monatlichen Projekt-Gruppe Gottesdienst mitzuarbeiten?
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