Chaos

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Thomas Bonhoeffer
Korb13
Inhalt
Chaos ....................................................................................................................................... 1
Symbolik ................................................................................................................................. 2
Existenzsymbolik ................................................................................................................ 2
Sinn ...................................................................................................................................... 3
Erkenntnis ............................................................................................................................ 3
Transzendenz ....................................................................................................................... 5
Semiotik............................................................................................................................... 5
Vereinfachung ......................................................................................................................... 9
Leben ..................................................................................................................................... 10
Religion ................................................................................................................................. 10
Gott .................................................................................................................................... 12
Schöpfung .............................................................................................................................. 14
Individuum ............................................................................................................................ 14
Moral ................................................................................................................................. 15
Solidarität .......................................................................................................................... 16
Trauer ................................................................................................................................ 16
Gesellschaft ........................................................................................................................... 16
Staat, Recht, Politik ........................................................................................................... 18
Wirtschaft .......................................................................................................................... 18
Geld ................................................................................................................................... 19
Kultur................................................................................................................................. 20
Gegenwart ............................................................................................................................. 21
Ausblick................................................................................................................................. 22
Chaos
Den klassischen κόσμος-Glauben löst, wie mir scheint, heute ein resignierter Chaos-Glaube
ab*. Wut über herrschende Ungerechtigkeit ist heute naiv.
* Kόσμος = schöne Ordnung. „Chaos“ ist ein Chaos von Ordnungen.
Krisenzeiten haben auch ihre besondere Psychodynamik und Symbolik. Die Geschichte der
Natur, des Lebens und der Menschheit ist ein chaotischer Prozeß; die lange Reihe von
unerfüllten End-Erwartungen kann deshalb nicht beruhigen.
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Die Koagulationstendenz der Macht (heute besonders der finanziellen) ist ein
chaotisierender Faktor im menschlichen Zusammenleben.
Vertrauen und Vorsicht mischen sich chaotisch.
Begeisterung geht auch in Massenmord über.
Wir leben von Augenblick zu Augenblick, von Vereinfachung zu Vereinfachung. Das
Kontinuum ist eine Vereinfachung.
Durch gezielte Maßnahmen wird das Chaos gemildert. (Die Gauss’sche Normalverteilung
zeigt den Erfolg des Zielens.)
Scherzen ist: mildes Chaos Spielen. Es stimuliert die Kreativität.
Jemandem einen Streich spielen, Schabernack, Daffke (Berlin), Witz, Jokus, Ulk, Tort,
Mutwillen; Teufel, Mephisto, Schalk, „des Chaos vielgeliebter Sohn“* – Aggression?
* GOETHE, Faust II, Klassische Walpurgisnacht, Am obern Peneios, Z.8026.
Sex chaotisiert: Kleine Ursachen, große Wirkungen! Unverhältnismäßigkeit.
Zwischen den Ordnungen herrscht Chaos.
An Grenzpunkten (-linien, -flächen) zwischen mehreren Ordnungen herrscht Chaos. Um des
lieben Friedens willen lassen die Staaten deshalb „Niemandsland“* zwischen einander.
* Als Besetzung von „Niemandsland“ legitimiert, kolonisierte in der Neuzeit Europa Land in
anderen Erdteilen – mit dem nachfolgenden Chaos.
Symbolik
Der Raum des Lebens ist ein mildes Chaos. Erfahrung und Erinnerung verbessern die
Überlebenschancen des Menschen in der (ständig sich verändernden) Welt durch die
vereinfachende Assimilationsleistung der Symbolik.
Sagen ist eine gesellige Aktivität, auch das Selbstgespräch; es ist wirklicher als Denken.
Unter den Bedeutungsverschiebungen von Worten im Lauf der Sprachgeschichte, geraten
manche tragenden Zusammenhänge in Vergessenheit.
Existenzsymbolik
Schönheit ist keine Eigenschaft, sondern ein Erlebnis, keine 1-stellige, sondern eine 3stellige Relation. Erlebnisse sind zwar auch Geschmackssache; aber es gibt
Geschmacksbildung sowie Kulturen gleichen Geschmacks; und da kann man, „unter sich“,
von Schönheit als einer Eigenschaft reden.
„Ihr glücklichen Augen, was je ihr geseh’n, es sei wie es wolle – es war doch so schön!“,
singt der Türmer Lynkeus; und alsbald sieht er, mit „gräulichem Entsetzen“, die
Brandschatzung (Faust II, 5. Akt, Tiefe Nacht, Z. 11288ff.). Das ist Goethe’sche
Existenzsymbolik!
Die Richtung jedes menschlichen Lebens wird durch Symbolik bestimmt.
Gemeinde ist Symbolgemeinschaft, ein lebendiges Ungefähr mit Spannungen.
Ohne Gesprächskultur wird man gemeindesüchtig.
HÖLDERLIN schrieb*, dass „ein Gespräch wir sind“. Das ist der anspruchsvolle Rahmen für
alle Ideologien.
* Friedenfeier, 1802.
Man braucht Halt, man sucht einen Halt. Das gilt für Einzelne und für Kollektive. Religiöse
und völkische, langlebige (und immer kurzlebigere) Existenzsymbolik bietet sich an.
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Eine Demut der Rat- und Haltlosigkeit im immer wilderen Chaos der Stabilitäten wäre heute
wohl am haltbarsten.
Die subjektiv symbolisch definierte, zeitliche Gegenwart (das Paulinische „Jetzt“) ist unsere
prekäre Wirklichkeit.
In der phantastischen Hoffnung auf „die letzten Dinge“ steckt ein Realismus des Lebens!
Leben will ein Weiterleben – aber nicht unbedingt das eigene. Darin steckt Neugier. Neugier
ist primär kein Laster, sondern ein Form von Hoffnung. Die Neugier sollte sich realistisch
nicht nur, wie in den Religionen, auf den Wechsel zur nächsten (als letzten) Epoche, sondern
auch, darüber hinaus, auf die folgenden Epochen richten.
Wir sind borniert; Resignation ist uns geboten, individuelle und kollektive, solidarische
Existenz ohne langfristige Zielvorstellung! Der Weg ist das Ziel, die Offenbarung Gottes.
FeiertaBedrängende Probleme werden, auf symbolische Distanz gehalten, doch engagiert
besprochen. (Meisterhaft GOETHE, Faust I, Vor dem Tor, „Anderer Bürger“, ZZ. 860-867.)
Da paßt auch Gottesdienst mit Klingelbeutel noch hinein.
Auch Chaos ist eine Modellvorstellung. Man ist geneigt, nach dem κόσμος, nun diese als
weltanschauliche Rahmenvorstellung zu verdinglichen.
Sinn
Physikalisch hat alles seinen Impuls, relative Bewegung und insofern Richtung und, im
ursprünglichen Sinne des Worts: Sinn.
Impuls hat Sinn, denn Bewegung hat Richtung. Das führt im Vielerlei der Welt zu dem
Widersinn, den wir als Unsinn, Irrsinn oder Sinnlosigkeit empfinden.
Leiden ist Widersinn; und der ist Transzendenz-Erleben.
Kommunikation macht Sinn.
Gefühl der Sinnlosigkeit entwertet das Leben. Orientierungslosigkeit ist traurig. Sinnsuche
ist natürlich. Religion, Begeisterung (sogar Kriegsbegeisterung*!) macht Sinn.
* CHRIS HEDGES, War is a force that gives us meaning, New York, 2002. Der weltweite
Zulauf zu dem IS-Kalifat gibt zu denken; die Weltgesellschaft wirkt chaotisch.
Durch eine Informationsflut, für die wir nicht ausgelegt sind, versetzt die moderne Welt uns
in Dauer-Stress. Die ständige Bedrohung ist überkomplex und wächst schneller als unsere
Fähigkeit, sie zu bewältigen. Depression und Hoffnungslosigkeit greifen um sich. Fotogene
kurzsichtige und gewaltsame Sinnstiftungen manifestieren die globale Sinnfrage.
Psychiatrische Pharmazeutik kann bestenfalls den Anschluß und Teilnahme an der kollektiven
Bemühung um sinnvolles Leben wieder herstellen.
Sinn ist transzendent, insofern er in die Zukunft weist. Diese ist unseres Wissens nicht
determiniert. Sie ist „jenseitig“.
Erkenntnis
Die Wirklichkeit ist so kompliziert, dass wir uns nur mit groben, oft inkompatiblen
Vereinfachungen orientieren können.
Die Wissenschaft verwaltet eine Überfülle von Modellen, die für ausgewählte Fragen lokal
erhellende Antworten bieten.
Das εἶναι καὶ νοεῖν ταὐτὸ des Parmenides („Das Sein und das Denken ist dasselbe“) bringt
die klassische Naivität zum Ausdruck. Aber unser Denken ist nur im vorherrschenden
Verwendungszusammenhang praktisch ungefähr dasselbe wie das Sein!
Nicht erst ein sprachlicher Ausdruck, sondern schon der Begriff ist Metapher!
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Je mehr Information zum Alltag gehört, desto differenzierter muss Bildung institutionalisiert
werden. Allgemeinbildung im klassischen Sinn ist nicht mehr möglich. Die Halbwertzeit der
Ausbildung wird immer kürzer. Und Weisheit ist nicht institutionalisierbar.
Identität ist (meist im Grunde unverstandene) Stabilität.
Was ich wissen kann, das ist mir Gottes Gesetz.
Nachdenken ist Aneignung des Befremdlichen.
Im natürlichen Ungefähr können verschiedene, teils einander widersprechende
Assimilationsschemata uns helfen, besser durchs Leben zu kommen, indem sie dieselbe
Wirklichkeit je in verschiedener Hinsicht ein Bisschen verständlich machen.
Begriffe sind bewährte, sozial stabilisierte Approaches, Zugriffe.
Pragmatismus ist eine philosophische Strategie, die beim Handlungsrelevanten ansetzt.
The first use in print of the name pragmatism was in 1898 by WILLIAM JAMES, who credited
Peirce with coining the term during the early 1870s.
James regarded PEIRCE‘s 1877–8 Illustrations of the Logic of Science series (including The
Fixation of Belief, 1877 and especially How to Make Our Ideas Clear, 1878) as the foundation of pragmatism .
Peirce in turn wrote in 1906 that Nicholas St. John Green had been instrumental by emphasizing the importance of applying ALEXANDER BAIN‘s definition of belief, which was „that upon
which a man is prepared to act“. Peirce wrote that „from this definition, pragmatism is scarce
more than a corollary; so that I am disposed to think of him as the grandfather of pragmatism.“ (Wikipedia)
Information ist Keim einer Koordination.
Wissen ist eine praktikable Vorstellung von einem Stück Wirklichkeit.
Wir bleiben auch nach unserer Geburt an unserer Umwelt „inter-essiert“. Die
Selbständigkeit des Individuums bleibt beschränkt. Interesse gehört zur Natur des Animal
rationale.
Zwanglos verweilende Besinnung über ein Problem erlebt bisweilen einen guten Einfall.
Reflexion ist Emergenz einer neuen Dimension.
Alles Diesseitige ist als Anzeichen des Jenseitigen zu verstehen.
Immer wieder ist, inmitten der verbindlich als realistisch etablierten, aber verzerrend
vereinfachenden Imaginationen*, der Ordnungsruf nöti„Mut zur Wirklichkeit!“ Die
Wirklichkeit ist Anzeichen der undenkbaren letzten Wahrheit**, transzendent!
* So ist Lacan’s imaginaire zu verstehen!
** L‘Impensable hazard nennt NICOLAS GISIN 2012 sein gemeinverständliches Buch über zur
heutigen Physik.
In der Ökosphäre herrscht mildes Chaos. In dieser Umgebung ist die Menschheit – zwischen
kosmologisch-makroskopisch und mikrophysikalisch, sozusagen „mesoskopisch“ – kraft ihrer
Intelligenz erstaunlich anpassungsfähig.
Intelligenz ist die Fähigkeit, ein brauchbares Modell von etwas Realem zu erdenken.
Unser Verstehen ist oberflächlich. Die Dinge, vor denen wir stehen, sind sozusagen nach
hinten offen. All unsere Begriffe sind Metaphern.
„Sie wissen nicht, was sie tun,“ ist, in der Lukanischen Passionsgeschichte (Lk 23, 34), Jesu
Begründung seiner Bitte um Vergebung für seine Peiniger. Sie trägt weiter als Schuldfragen!
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Im Zeitalter der Information chaotisieren Geheimdienste die menschliche Gesellschaft
bedrohlich.
„Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht klug genug“ (BRECHT, Dreigroschenoper), ist
eine auch entlastende Feststellung!
Transzendenz
Transzendent ist für die Scholastik das Sein jenseits der Unterscheidung von Kategorien.
In der Neuzeit ist „transzendent“ das Gegenteil von „immanent“, jenseits aller möglichen
Erfahrung.
Aber abgeleitet von einem Partizip Präsens, ist Transzendenz eine Eigenschaft der
Wirklichkeit, die die Grenzen unserer Erkenntnis überragt.
Diskontinuität, Chaos, Teleportation markieren die Grenze unseres Verstehens. Die
Wirklichkeit ist transzendent.
„Ewig“ leben, das ist Metapher für die ständige Ambition, weiter zu leben – zu Lebzeiten
und danach* als Vielfalt von unabsehbaren Fortwirkungen, unvorstellbar verwandelt (1Kor
15, 35-38!), „immanent“; aber alle Immanenz hat eine transzendente Seite.
Semiotik
Etymologie ist menschliche Kulturgeschichte. Jede Generation erbt Zeichensysteme, die das
Dasein kommunikabel vereinfacht abbilden; sie braucht und modifiziert sie entsprechend den
jeweils veränderten Umständen.
Ein Zeichen beansprucht, dem Bezeichneten zu entsprechen (Metaphorik).
Ein Anzeichen ist durch Zugehörigkeit mit dem Bezeichneten vermittelt (Metonymie). Auch
alle Metonymie beruht auf der Metaphorik des Zeichens als solchen.
Die (aus der modernen Sprachwissenschaft) erwachsene Semiotik versteht „Zeichen“
(signum/signe/signifiant/sign) als das eine Element in einer Relation zu einem anderen
Element, dem Bezeichneten (signifié). Damit wird eine naturwüchsige, aber fragwürdig
gewordene Einheit analysiert. Bereits in der klassischen Antike wurde das Problem in der
Redekunst erkannt und von der Rhetorik analysiert in der Lehre von den Tropen.
Früher, als es in unserer Lebenswelt weniger Menschen und nicht so viele verschiedene
künstliche Dinge gab, war ein „Zeichen“ ein Symbol, irgendwie Teil* eines Signifikates.
Heute denken wir, vom Vielerlei und den da benötigten Unterscheidungen überwältigt,
notgedrungen in Zeichensystemen und verstehen unter „Zeichen“ einen Element eines
Zeichensystems. Die Zeichensysteme sind gegenüber den Sachbereichen verselbständigt.
* „Zeichen“ bedeutete im Althochdeutschen: Wunder(zeichen). Auch das lateinische signum
ist nicht scharf getrennt von einem Signifikat.
Ein Code setzt eine bereits stereotypierte Zielmenge von Bedeutungen voraus.
Vor dem Spracherwerb haben wir die sensumotorische, optisch und akustisch vermittelte
Verständigung.
In der Realität des Lebens* emergierte** die Symbolik. Diese wirkt auf unsere Lebenswelt
zurück.
Es folgten weitere Emergenzen in der äußeren Realität und in der Symbolik unabhängig
voneinander. Die Abbildungsfunktion der Symbolik ist deshalb höchst kompliziert.
Bei Menschen emergieren religiöse, künstlerische und wissenschaftliche Symbolik, durch
Rekombinationen in der wachsenden Vielfalt, mit selbstverstärkender Dynamik. Sie
bewähren sich, veralten oder scheitern als Irrtum oder Wahn.
In der (zunächst kollektiven) Symbolik geistiger Normalität emergieren besondere und (beim
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Menschen besonders ausgeprägt) individuelle Symboliken.
Lebendige Religion oszilliert***, im Grenzbereich zwischen kollektiver und individueller
Symbolik, zwischen Normalität und Wahn. In diesem Grenzbereich ist die Menschlichkeit
zuhause.
Hier spielt das Wortgeschehen† eine entscheidende Rolle.
* Ich verweise auf das neue Forschungsgebiet „Biosemiotik“.
** „Emergenz“ (wörtl.: Auftauchen) heißt heute, was die Tradition Schöpfung nannte.
*** Oszillationen sind real; Wahrscheinlichkeiten hingegen gehören in die Symbolik. Aber
vielleicht gibt es auch religiöse Wahrscheinlichkeitswellen.
† Ein anthropologisch wichtiger Begriff aus der Theologie des Luther-Interpreten Gerhard
Ebeling. Es geht da ums Ganze! Vgl. Metaphorik (vs. Metonymie) bei Roman Jakobson!
Semiotische Orientierung über ein Anliegen geschieht nach R. Jakobson durch Metaphorik
und Metonymie: similarity = Ganzheit, contiguity = Zusammengehörigkeit.
Die Tropen-Lehre der klassischen Rhetorik geht von einer objektiven Realität aus, die
subjektiv bezeichnet wird. Das setzt eine konservative Gesellschaft voraus, die die
Wirklichkeit konstituiert (P.Berger/Th.Luckmann).
Die rhetorische Manipulation will durch ihre Darstellung der Realität das hörende Subjekt
zu etwas motivieren.
Der Platonische Sokrates hingegen will durch den Anspruch der Wahrheit zu Gerechtigkeit
motivieren. Sein „Tropus“ ist die Frage.
Zeichen sind zunächst für Zugriff bewährte Anzeichen. Verlässliche Zugriffe sind
evolutionär vorteilhaft.
Der Mensch vergegenständlicht seine Zugriffe und kann reflektierend auf sie zugreifen.
Semiotik folgt, wie Philosophie, einer elementaren Fragestellung; aber sie ist allzu vielfach
in Begriffssyteme elaboriert, um eine Wissenschaft zu sein.
Aus Erfahrung lernt man. Man speichert Gelerntes zunächst in Anzeichen. Lebewesen
brauchen gelernte, schon genetisch gespeicherte An-zeichen aus der Umwelt zur Anpassung,
praktische Vereinfachungen der Wahrnehmung. Die chaotische Erfahrung wird in zwei
Systemen, einem je vital brauchbaren Weltbild und einem kommunikations-dienlichen
Zeichensystem, individuell und sozial handhabbar gespeichert.
Die Zeichen haben einen „Sinn“ für die Selbsterhaltung eines stabilen Systems, des
Individuums und der Spezies.
Signifié ist Begriff, référant ist Sache.
Die Semantik ist standardisierte, also vereinfachte Pragmatik.
Die klassische Semiotik war statisch. Zeichen sind aber von ihrer Funktion her, also
pragmatisch, zu verstehen, und die Pragmatik nur als je lokale Dynamik in einer wenig
bekannten, in Stabilitätsbereiche gegliederten Evolutionslandschaft.
Zeichen sind richtungweisend; Wahrnehmung wird vereinfacht durch Assimilation an
„Gestalt“/Begriff/Idee.
Wissenschaft sucht, in je ihrem Gebiet, brauchbare, einfach denotative Identitäten. Die
Konnotationen markieren den Spielraum gemeinsamen Lebens.
Sprache ist grundlegend metaphorisch. Sie baut auf Wahrnehmung von Gleichheiten auf,
und bezeichnet diese „Begriffe“ lautlich. Sie bildet das diachronische Erleben wesentlich
metonymisch, nacherlebbar durch die Kontiguität der Rede ab.
Ein Code ist die Menge der Zuordnungen zwischen den Elementen zweier Zeichensysteme.
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Die original aristotelische Unterscheidung zwischen Form (forma substantialis) und Materie
ist durch die geläufige Unterscheidung zwischen Inhalt und Form (forma accidentalis)
überlagert. Diese unterscheidet praktisch zwischen einem Gegenstand und dem
Veränderlichen daran; und auf dieser Unterscheidung beruht der Begriff „In-formation“.
Metonymie beruht auf langweilig objektivem Funktionieren.
Metapher ist subjektiv, lustige Kreativität.
Ein Anzeichen impliziert als solches ein Kontextverständnis.
Man ordnet Gebrauchsgegenstände entweder, indem man Gleiches, oder indem man
Zusammengehöriges zusammenlegt. Das sind die „paradigmatische“ und die
„syntagmatische“ Achse der Semiotik von Roman Jakobson: similarity (Metapher) und
contiguity (Metonymie)!
Ein Zeichen löst einen Sprung zum Bezeichneten aus. Der paradigmatische Sprung-Tropus
ist die Metapher.
Ein „Etwas“ ist abstrahiert aus dem Ereignis einer Wahrnehmung. Diese ist eine fokal
erhöhte Stabilität der Umweltbeziehung des Subjekts, eine Objektbeziehung.
Das hieraus abstrahierte Objekt können wir irgendwie im Gedächtnis behalten, bezeichnen,
besprechen und bedenken. Das Wie ist vielfältig und höchst kompliziert; und so gibt es
verschiedene, konkurrierende, jeweils nur bedingt nützliche, wissenschaftliche
Vereinfachungen (Sammelbegriff: Semiotik).
In einer Welt, wo „alles fließt“ (Heraklit), sind Definitionen und Identifikationen nur
bedingt und ungefähr.
Die „übertragene“ Bedeutung ist die (ins Deutsche übersetzte) Metapher. Übertragen wird
Sinn von einem vertrauteren Sachbereich in einen anderen, unvertrauten.
Unser Sinnhorizont ist je metaphorisch in Existenzsymbolen aktualisiert, die flüchtig und
ganz alltäglich sein können.
„Sinn“ ist grundlegend metaphorisch* zu verstehen als: selbstverständlich richtungweisende
Weltwahrnehmung†. Sinn macht ein Erleben zum Existenzsymbol.
Eine Deutung legt einer Sache eine Bedeutung bei – in der Hoffnung, dass sie für jemanden
auch ein wenig Sinn macht. Dies ist aber unverfügbar, Glaubenssache! (Bedeutung hingegen
ist zunächst†† metonymische Wissenssache mit beschränktem Horizont.)
Die Etymologie führt zu einer indogermanischen Wurzel von Sinn mit der Bedeutun„einer
Fährte Nachgehen“. Altgermanisch ist die Bedeutung „Gehen, Reisen“; gehalten hat sich
Streben, Planen, Vorhaben. Seit dem Althochdeutschen bedeutet Verstand, Wahrnehmung.
(Im Mittelhochdeutschen entwickelt sich sinnlich als Gegenwort zu geistig**. Unsere – wohl
uralt menschliche – „Sinnfrage“ aber verliert, versinnlicht oder vergeistigt, ihren Gegenstand.)
Der Hund „geht seiner Nase nach“; „es liegt etwas in der Luft“. Der Geruch hat für ihn
evidenten Sinn, im vollen Sinne der deutschen Sprache, – wie für den Menschen ein
Symbol.***
Sinn wäre demnach ein eigentlich animalisches (vegetatives?) Erlebnis: nachfühlbar,
zeitweise überzeugend, aber irrational, überkomplex, sozusagen „transrational“.
* Sensu Roman Jakobson – in dessen Semiotik die Metonymik (Kontiguität) der Metaphorik
(Ähnlichkeit) gegenübersteht. Ein Sinnkonflikt verlangt oft „metonymische“ Reflexion.
† Also, metaphorisch gesprochen: nicht (wie heute üblich) statisch, sondern kinetisch!
†† GOETHE allerdings benutzt „Bedeutend“ (Faust II, 2. Akt, Laboratorium, Z. 6903)
metaphorisch. So redet man auch von einem „bedeutenden Menschen“.
** Könnte das mit dem klösterlichen Schulwesen zusammenhängen?
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*** Jeder Begriff von Sinn ist eine Einengung. Ein Zeichen hat eine Bedeutung und kann
einen Begriff bedeuten; ein Symbol hingegen hat einen Sinn.
Religion ist Metapher. Theologie ist Metonymie.
Mit dem Menschen als Bild Gottes (1Mose 1,26ff) ist unsere Wirklichkeit relativiert zu
einer Metapher – nicht nur Adam oder Eva, und nicht nur isoliert diese zwei, sondern sie in
ihrem Lebenszusammenhang mit ihrer engeren und weiteren (menschlichen, lebendigen und
leblosen) Umwelt, also alle Dinge dieser Welt (zu denen auch Namen und die Vorstellungen
von Gott gehören), kurz: unsere Welt.
„Ein Zeichen sind wir, deutungslos. Schmerzlos sind wir und haben fast die Sprache in der
Fremde verloren“, dichtete HÖLDERLIN (Mnemosyne). „Fast“! Der Gottesname ist uns, als
immer wieder erhellende Metapher, geblieben.
Die Schöpfung ist die Rahmen-Metapher für das große Unbekannte.
Man muss, in der Hetze durch die wachsende Menge der Metaphern, zur Besinnung
kommen und seine aktuelle Metapher sich metonymisch verweben und ausbreiten lassen.
In der Informations-Sintflut der überbordenden Menschheit verarmt die Kultur, genauer: die
Symbolik*. Bildung verwandelt sich in Multispezialistentum, in welchem der Mensch sich
selbst nicht wiedererkennt.
* In der Begrifflichkeit von Roman Jakobson: Die Metaphorik (Ähnlichkeit, paradigmatisch)
dünnt aus zugunsten der Metonymik (Sachzusammenhänge, syntagmatisch).
Gottesvorstellungen sind zwar immer nur ungefähr „richtig“, aber nicht gleichgültig.
Es sind Metaphern, in unserer schnelllebigen Zeit: immer weniger metonymisch mit
Erfahrung angereichert, traditionell, vielmehr zunehmend reaktionär, dezisionistisch,
gemeingefährlich armselig.
Der Neugeborene schreit nach der Ganzheit, aus der er ausgestoßen ist. Der Schrei wird von
den Erwachsenen als Hilferuf, als Ruf nach ähnlichem* Ersatz, als Metapher** verstanden. In
diesem Sinne „antworten“ sie, warm bettend, umarmend, streichelnd und gut zuredend, in rein
sensorimotorischer*** Kommunikation (die Stimm-Melodie ist wichtig), auf den zunächst
semiotisch unstrukturierten† und unpersönlichen Hilferuf; später differenzieren sich, in
solcher Kommunikation mit den Erwachsenen, auch sprachliche Metaphern aus („Du“,
Namen). Der Sprung des archaischen Sprungtropus, des Schreis, springt aber anfangs in
Nichts, – ein erst allmählich verheißungsvoll sich durch tröstliche (und auch frustrierende)
Erfahrungen anreicherndes Nichts!
Auf solchen Erinnerungsspuren baut dann der Gottesname unserer kulturellen Tradition auf;
er ist und bleibt, auch dem Frommen, prekärer Ersatz. Ohne menschliche Kommunikation
haben wir keinen Gott! Kern der so reichen religiösen Erfahrung ist und bleibt eine
Erfahrung des Nichts.
* Roman Jakobson erklärte Metapher und Metonymie als Ähnlichkeits- und KontiguitätsRelation und verstand diese als die beiden Grundtypen von rhetorischen Tropen.
** H. Lausber„Sprungtropus“.
*** Ich brauche Jean Piagets Terminologie.
† Das Kind leidet, aber der Erwachsene muss erraten, woran.
Was ist wem wann eine „Person“? Jeder Mensch? Hirngeschädigte? Auch ein Bonobo?
Auch Tiere, ja Pflanzen, sogar Sonne, Mond, ein Planet, ein Sternbild konnten und können als
Personen erlebt werden!
Das Wort „Person“ bezeichnet eine locker zusammenhängende Menge von Begriffen; es ist
eine Metapher; im Zentrum steht: „So etwas wie ich“*; – wie Goethes Mephisto, „jemand,
mit dem ich lebendig kommunizieren kann“; ein „Du“, wie für manche einsamen Menschen
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ihr Hund oder ihre Katze oder ihr Gott.
* Auch von sich selbst hat man ja, bei Licht besehen, nur eine locker zusammenhängende
Menge von Begriffen!
H. LAUSBERG, Elemente der literarischen Rhetorik, 1963, § 175: GrenzverschiebungsTropen vs. Sprungtropen ( = Metonymie vs. Metapher).
Die Metapher evoziert Glauben* als Existenzvollzug.
Die Pars pro toto der Metonymie evoziert Wissen.
* Im alltäglichen und allgemeinsten Sinne.
Vereinfachung
Das Einfachheitsbedürfnis der Kommunikation verführt zum Betrug.
Ordnung ist Vereinfachung, macht Mitteilungen zuverlässiger umcodierbar und
kommunikabel und erleichtert Kooperation.
Denken ist Probehandeln (S. Freud) in einem (dem realen ähnlichen) Raum von
vereinfachenden Metaphern.
Das Ungefähr filtert, kollektiv und individuell subjektiv, die überwältigende Fülle der
Wirklichkeit. Wir behalten einen bearbeitbaren Restbestand.
In unserm Wort „Ungefähr“ steckt ein überraschendes Stück Kulturgeschichte:
„Fahren“, ja jegliche Fortbewegung, ist, für altes indogermanisches Verständnis, nicht nur
gefährlich, sondern tückisch; als ob man bösen Willen oder böse Geister zu fürchten hätte,
wenn man nicht bleibt, wo man ist.
„Gefahr“ ist mittelhochdeuts„Hinterlist, Betrug, böse Absicht“.
„Ungefähr“ heißt: „Ohne böse Absicht“ – erst im Frühneuhochdeutschen neutral:
„unbeabsichtigt, zufällig“ (noch heute: „wie von Ungefähr“!).
Mit Genauigkeit hat „Ungefähr“ eigentlich nichts zu tun. Es findet sich zuerst in
Rechtstexten, in vorsorglicher Absicht auf mögliche Ungenauigkeiten bei Zahl- und MaßAngaben bezogen!
Ordnung ist Vereinfachung, die verständlich macht und koordiniertes Handeln ermöglicht.
„Richtig!“ ist eine Vereinfachung.
Vereinfachungen schaffen neue Komplikationen. Ordnen exportiert Entropie; man soll es
nicht übertreiben.
Gesellschaft verlangt Kooperation, und Kooperation verlangt, zur Vereinfachung der
Kommunikation, stabile, ungefähre Identitäten, Stereotypierung und Standardisierung und
Willen zur Verständigung.
Mehrstufige Verfeinerung der Identifikation, aufbauend auf sozialen Stereotypen,
flexibilisiert die Kooperation.
„Tatbestand“-Erheben assimiliert Leben an ein vorgegebenes Vereinfachungsschema.
Die Ökonomie der Vereinfachung begünstigt auch Verblendung.
: Das Kontinuum ist eine Vereinfachung der Realität durch die menschliche Intelligenz.
Sowohl raumzeitliches Kontinuum wie Ideale, Ewigkeit und Einheiten sind mesoskopische
Aspekte, vereinfachende Verzerrungen der Wirklichkeit, Erfolg der menschlichen
Schwarmintelligenz, soziokulturell viskose Verfestigungen.
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Denken versucht, zur Stabilisierung des Subjekts, das verwunderliche Dasein zu begreifen,
d.h. durch brauchbare Vereinfachungen dauerhafte Orientierung zu sichern.
Dazu haben wir heutigen Menschen bereits von Natur einen höchst flexiblen und komplexen
und, darüber hinaus, in verschiedenen Kulturen verschieden weiterentwickelten Verstand, der
sich in verschiedenen Sprachen manifestiert.
Leben
Intraspezifische Aggression und Drohung sorgen für Auseinandergehen, d.h. für
Ausbreitung der Spezies. Dies erhöhte bislang die Katastrophenresistenz unserer Spezies.
Der Sinn des Lebens ist ein Weiterleben.
„Es ist alles ganz eitel,“ wie der biblische „Prediger Salomo“ immer wieder sagt. Aber alles
symbolisiert den Ernst der chaotischen, menschlichen, gemeinsamen Existenz.
Der Tod ist eine Erlösung nicht nur vom Leiden des Sterbens, sondern auch von unseren
Täuschungen über die Tragweite unserer Entscheidungen.
Leben ist transzendent in transitiver Teilnahme und Teilgabe.
In unserer Lebenswelt passt alles mit allem nur schlecht und recht zusammen. Der Schöpfer
herrscht befremdlidurch kräftige Spannungen und unerfüllte Hoffnungen in Lücken und
verbissenen Verzahnungen, in Trauer und in suchendem, schöpferischem Irren.
Leben ist ein zeitweiliger Kompromiss.
Nicht: „Wozu?“, sondern: „Warum lebe ich immer noch weiter?“! – : Weil mein Körper
noch funktioniert. Er hat seine Ansprüche an die Umwelt; mein (nützlicherweise neugieriger)
Geist organisiert diese Ansprüche im Chaos meiner Umweltbetroffenheit kreativ und erfindet
immer wieder einen aktuellen Sinn des Lebens.
Man wird geboren in eine mütterliche Welt von Kooperationsangeboten. Das sind
Vororientierungen. Man wählt und entwickelt sich fragwürdig.
Man wird dann zunehmend ersetzt durch die nächste Generation und versucht, ihr
weiterzugeben, was man aus seinen Erfahrungen gelernt hat.
Weiterleben in einer sich wandelnden Welt ist kreativ, produziert Emergenzen.
Jeder will leben, Medizin ist ein Naturprodukt: jüngste Natur gegen älteste Natur.
Das Leben ist gewaltig. Und ich habe einen kleinen Teil daran.
Lebewesen sind aggressive kleine Integratoren.
Leben in dieser bunten Welt ist wesentlich ein Prozess lustvoller Kreativität ständigen
Vereinfachens, Assimilierens und Akkomodierens, eine Abfolge von Herausforderungen und
Emergenzen.
Daran muss man manchmal erinnern; denn die Lust der Selbstverwirklichung ist meist durch
Beängstigendes überlagert.
Der verbreitetste Schädling auf Erden ist der Mensch. Massenkonsum belastet die
Ökosphäre (Luft, Wasser, Erde, Nahrung); die Erde verödet.
Leben verbraucht Energiegefälle/Ordnung; lebensfreundliche Ordnung schafft Müll, vermehrt
Entropie.
Arbeit ist Um-ordnung, also erhöhter Entropie-Export.
Religion
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Vielfältige, immer neuartige Geschäftigkeit ist die Daumenregel zur Befriedigung der
individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse. Der Mensch lebt zunehmend zufällig,
sinnlos, wesenlos; die Selbstsymbolik, die spontan kreative Metaphorik wird zerstreut und
geschwächt. Man kommt nicht mehr zu sich. Der erschöpfte Handlungsreisende* sucht sein
Heil in der Meditation des Nichts.
* Paradigmatische Figur von Arthur Miller, 1949.
Die Weimarer Klassik ersetzte die abgenutzte christliche Metaphorik belebend durch die
antike Mythologie. Aber dies war nur der klassisch gebildeten Mittelschicht zugänglich und
starb, schon nach zweihundert Jahren, um die Wende zum dritten nachchristlichen
Jahrtausend, unter den Anforderungen der globalen Verständigung, mit der klassischen
Bildung ab.
In den drei „abrahamitischen“ Hochreligionen spielen Schuld und Strafe, Verdienst und
Lohn eine eminente Rolle. Das sind im Interesse sozialer Koordination vereinfachende,
natürlicherweise von der Gesellschaft sanktionierte Schemata. Gott „ist“ der personifizierte,
lebendige, prekäre Friede der Religionsgemeinschaft.
Möglichst harmonisch abgestimmt, repräsentieren ihn brüderlich die Gemeinde und parental
König/Priester/Richter.
Religionen† sind ursprünglich Begeisterungsphänomene (ἐνθουσιασμός),
Partizipationserlebnisse. Diese werden (zunächst metaphorisch) symbolisiert*, (metonymisch)
organisiert, verstärken sich massenpsychologisch – und institutionalisieren sich. Religionen
verselbständigen sich gegenüber ihrem Ursprung. Aber „Begeisterung ist keine Heringsware,
die man einpökelt auf einige Jahre“**. Immer wieder wird versucht, das Begeisternde zu
wiederholen. Aber das wirkt sich in vielen Zusammenhängen paradox und disruptiv,
bisweilen mörderisch aus.
Jede Religion versteht sich als Offenbarung der Wahrheit. Das kann***, muss aber nicht
exklusiv sein.
„Ein Wahn, der mich beglückt, ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt“,
formulierte CHR. M. WIELAND allgemeingültig (publiziert 1768 im märchenhaften
Zusammenhang seines Idris).
Verständigung zwischen Anhängern konfligierender Existenzsymboliken setzt
Horizonterweiterung mindestens einer Seite voraus. Sie wird begünstigt durch gegenseitiges
näheres Kennenlernen in Lebensbereichen weniger starrer Existenzsymbolik.
† Herkömmlich wird unterschieden zwischen gottheit-zentrierten „Religionen“,
Nationalismen und Ideologien. Diese Phänomene aber gehen in einander über.
* Ein akzentsetzendes Symbol kann eine begeisternde Strukturierung initiieren.
** GOETHE, Gedichte, 19. Epigrammatisch, Erste Reihe, Frisches Ei, gutes Ei.
*** „Ihr habt einen andern Geist“, sagte Luther 1529 in Marburg zu Zwingli.
Die christliche Bibel endet in der sog. Offenbrung des Johannes mit Hoffnung auf eine
endgültige Spaltung der Welt in Himmel und Hölle – wie das IS-Kalifat. Das ist
„Offenbarung“ eines Wahns. Glaube oszilliert am Rande des Wahns.
Eine Glaubensgemeinschaft hat ihre bestimmte, kanonische Auswahl von Paradoxen,
δόγματα, als Grundprojekt für konkrete gemeinsame Schritte.
Religiöse Gedankengänge führen plötzlich zu Banalitäten. Sie sind die Wellen; die Banalität
das Korpuskel.
In allem Bedingten haben wir es mit dem Unbedingten zu tun.
Monotheismus ist ein Spielraum für anregende Allmachtsphantasien.
Im Psalter spielen Feinde eine auffällig große Rolle.
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The Age of Faith, das Zeitalter der Religion, schien 1950* Prähistorie. Niemand ahnte, dass,
nach aller sog. Aufklärung, mit dem dritten nachchristlichen Jahrtausend ein neues Zeitalter
gewalttätigen religiösen Glaubens beginnen würde.
Religion, Menschlichkeit, Gewalt und Leben sind nicht scharf gegen einander anzugrenzen.
Die moderne Anthropologie war naiver gewesen als die Religion. Wir müssen uns neu
besinnen!
* Erscheinungsjahr des so betitelten Buchs von WILL DURANT über das Mittelalter.
Primitiver Rationalismus braucht Gewalt. Purer Monotheismus ist ein primitiver
Rationalismus.
Die religiöse Symbolik ist ein Anhalt für die Erinnerung an das uns tragende Unverfügbare.
Betenkönnen und Níchtbeten-Können, beides* zusammen ist Gottes Gabe, Kreatürlichkeit.
Nicht-Bétenkönnen ist Heideggers „Geworfenheit“.
* Biblisches Symbol: die Schöpfungswoche mit 6+1 Tagen.
In der vormodernen Welt, als einem Diesseits mit einem Jenseits, bedeutete das Leben
etwas anderes als heute. Über das Jenseits glaubte man auch, allerlei (allerdings
Unkontrollierbares) zu wissen.
Dann leugnete der Rationalismus das Jenseits. Man rationalisierte den Umgang mit Mensch
und Natur allenthalben, so weit man konnte.
Das verbliebene Diesseits aber entpuppt sich als nicht so rational, wie man glaubte. Gerade
die wissenschaftliche Forschung stieß auf immer mehr Geheimnisse. Der Weltlauf sieht
chaotisch aus. Unser Diesseits ist durchwachsen von Jenseits.
Die menschliche Existenz ist beängstigend ungesichert geblieben. An die Stelle der alten
Relativierung des gefährdeten Diesseits ist eine neue getreten.
Das alte Gottvertrauen ist, mit den traditionsreichen klassischen Gottes- und Weltbildern, aus
der herrschenden, in Sub-kulturen (und Barbareien) abgesunken. Tragfähiges Gotteswort, das
Emergenz hervorruft, ist selten geworden (Amos 8,11f. sah so etwas voraus.)
In aussichtsloser Bedrängnis Hoffen, Rufen, die Unvernunft der Religionen – das sind
mesoskopische Transzendenzerfahrungen, Anzeichen, Suchbilder für Gott.
Historisch epochemachend sind Koinzidenzen. Bei der Entstehung des Christentums kamen
zusammen:
- die Naherwartung des Endes dieser Welt – ein Lebensgefühl, das Johannes der Täufer
repräsentiert hat, das aber auch noch für Paulus in seinen Reiseplänen eine praktische Rolle
spielt. Sie konzipiert den praktischen Entscheidungsraum als überschaubar und ist insofern
eine Art Übungsraum für mündige Existenz.
- das auch unter den Heiden Respekt genießende, jüdische Gesetz mit seiner Überlast an
Ritualgesetzen,
- der wie ein bevollmächtigter mündiger Gottessohn frei mit dem Gottesgesetz umgehende,
Wundertäter Jesus.
Das Gesetz für unabsehbare Dauer ist relativiert durch die Gegenwart der Mündigkeit, der
gottgewollten Freiheit. Das „Jetzt“ der christlichen Vollmacht ist jeweils eine überschaubare
Zeit, durch den Glauben an die Gegenwart des Gottesgeistes (genauer: des schöpferischen
Geistes Jesu) definiert als Vorgeschmack der (im Alten Testament verheißenen) Gottseligkeit
in der „kommenden Welt“. (In der Pfingstgeschichte ist der Geist provokant
vergegenständlicht.)
Gott
Unsere Gottesvorstellungen sind Metaphern für die zerbrochene Ganzheit, metonymisch
vorgestellt als Schöpfer und Geschöpfe.
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„Lieber Gott, was ist denn das alles??“ – : Wer das allen Ernstes fragt, der kann es
unversehens als Berufung zur dreieinigen Gottheit verstehen und die Welt mit andern Augen
sehen.
Beten ist Regredieren, objektiv: ein Ruf der Hilflosigkeit hinaus ins Nichts.
Gott schickt uns manchmal, wenn wir beten möchten, einfach weg. Wohin? – : Zu unserem
Nächsten! Wir sollen unseres Nächsten Leben und Miterleben mit erleben, soweit wir mit
Gottes Hilfe können. Die Solidarität kann uns beten lehren. (Fürbitte ist meist eine
Einengung.) Unser Dasein ist ein großer Zusammenhang! Am anschaulichen Beispiel des
Nächsten, geht es, beim Rufen zum Schöpfer, um die ganze Schöpfung.
Nach Gottes Willen gipfelt der Lauf der Welt im ernsten Spiel der beglückend guten
Absichten*. Aber Gott lässt sich allenthalben und immer wieder demütigen durch den Sinn
und das Zerstören und Schaffen der Kreatur. Golgatha und Guantanamo sind nur krasseste
Beispiele. Heulen und Schreien zu Gott, ohne zu wissen, was man da sagt, ist manchmal
unserer Weisheit letzter Schluss.
So, Gott Vater, herrschst du; das ist deine schöpferische Herrlichkeit. Du bleibst uns treu; so
beehrst du uns mit Deiner Würde.
Das ist der Ernst des Lebens. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Man soll
weiterleben!
* Die klassische abendländische Ontologie verstand ens und bonum, Sein und Gutsein, als
Wechselbegriffe. Kant präzisierte dann das bonum als guten Willen.
„Du“ und Schöpfer sind Metaphern für Gott.
Unser Gott „ist“ selbst eine Metapher; er verweist uns auf anderes und konfrontiert uns mit
anderem. In Roman Jakobson’s Terminologie: Das ähnliche Ganze, Gott, berät uns in der
Kontiguität unseres Umgangs mit allem einzelnen.
Gott „ist“ nicht demütig. Er lässt sich demütigen.
Der Ruf zu Gott ist immer auch solidarisch, Fürbitte. Zum Schöpfer ruft man nicht als Ich,
sondern als Teil der Schöpfung.
Weil und insofern man schon „Sein“ nicht definieren kann, kann man Gott nicht definieren.
Aber man kann sagen: „Gott ist fast immer eine anregende Phantasie“.
Gott beansprucht den Menschen; der aber kann bekanntlich den Anspruch zurückweisen.
Gott ist paradox. Gottes coping mit der Welt ist unser Vorbild! Ich soll, wie Jesus, als
Mitmensch Mut zur Welt verbreiten, Mut zum Dasein, zum Wachstum und zum Niedergang;
nach Gottes Vorbild solidarisch bescheiden, Unterprivilegierte Gottvertrauen lehren.
„Alle Füchse haben vier Beine. Herodes ist ein Fuchs (Lk 13, 32). Also hat Herodes vier
Beine“ (Quaternio terminorum durch Metapher).
Alle Gottesbegriffe sind, semantisch, Metaphern, und ohne die Pragmatik können sie zu
solchem Unsinn führen.
Jacques Lacan redete von le Grand Autre. So konnte er auch von Gott reden; im
Französischen gibt es nur zwei, im Deutschen drei grammatische Geschlechter (das
Männliche/Personale muss hier vom Sächlichen unterschieden werden). Das spielt in der
Religion eine Rolle.
Gottvertrauen schafft Selbstvertrauen.
Wie alle Beziehungen, kann auch die bewußt gewollte Beziehung zum Grand autre (Lacan)
objektivierend oder persönlich sein.
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Gottesnamen und -vorstellungen sind prekäre Metaphern für die Natura naturans, aus
welcher die Geschöpfe emergieren. Man kann sie durch Mißbrauch unbrauchbar machen.
Θεολογία ist Allegorese, also ein metaphorisches System.
Gerhard Ebeling sprach von Gott als „dem Menschen eingebrannten Fragezeichen“.
Der ornatus mit den Tropen der Rhetorik ist lustvolle Anregung zu schöpferischer
Mitverantwortung, Anregung, ein neues Verständnis des bereits langweilig Gewordenen,
einen eigenen Zugang zum bereits Ausgelegten zu finden.
Als Schöpfer der ganzen Welt ist Gott uns fern.
Im Mitmenschen, im „Nächsten“, im Wort das Nächsten hic et nunc, kommt Gott uns nahe
und bringt uns die Welt nahe.
ER ist uns „fern“ und „nahe“ (Jer 23). „Von allen Seiten umgibt du mich“ (Ps 139,5).
Die Metapher ist ein sog. Sprung-Tropus. Man kann alle Gottesnamen und -vorstellungen
als Metaphern, und, mit Johann Heinrich Jacobi, den Gottesglauben als Sprung, ja als salto
mortale verstehen.
Suchen gehört zur menschlichen* Natur.
Das nebulöse, ungefähre Suchbild ist unsere jeweilige Metapher für Gott.
* Nicht nur zur menschlichen! (Ps 147, 9).
Friedrich Heinrich Jacobi’s Salto mortale in den Glauben entspricht der „Sprung-Tropus“
(H. Lausberg) Metapher. Von Gott kann man nur metaphorisch reden.
Die Begriffe Schöpfer und Geschöpf verweltlichen Gott.
Unsere Gottesvorstellungen sind wesentlich Metaphern; unter Einsatz der eigenen Person
beanspruchen wir für sie jeweils similarity*, Wesensoffenbarung.
* Nach der Terminologie von Roman Jakobson.
Schöpfung
Götter und Menschen gehören, nach Aratus († 245 v.Chr), in der Tradition Homers, zum
selben γένος (sie bringen zusammen Halbgötter hervor).
Die biblische Vorstellung von dem Schöpfer, der die irdene Menschengestalt belebt, indem er
ihr seinen Atem (spiritus creator ?) einhaucht, liegt hier fern. (Erst der Ende des 17.
Jahrhunderts aufkommende Genie-Begriff nähert sich wieder den antiken Figuren des
Halbgottes bzw. θεῖος ἀνήρ.)
Nach der Lukanischen Apostelgeschichte (17, 28) zitiert Paulus in seiner Rede auf dem
Areopag den Aratus im Sinne des christlich-missionarischen Anliegens; nach dem
Lukanischen Paulus, verpflichtet Aratus zum Glauben als Jesus Christus.
Diesen Synkretismus wiederum verstehe ich letztlich als Einladung zu einem bescheiden
schöpferischen Umgang mit der Schöpfung.
Menschliche Kreativität ist nicht eine Eigenschaft; sie ist ein Geschick – wie der Geist
Gottes. Von Mozart wir überliefert: „Wenn einem das Komponieren nicht so nötig ist wie das
Scheißen, dann soll er es bleiben lassen.“
Individuum
Starke Emotionen treiben zu Kommunikation, Koalition und Kooperation.
Auflösung von Identitäten, in denen ich mich gespiegelt und dadurch mich selbst stabilisiert
habe, bedroht mich; und sie ruft Erhaltungsbemühungen zwecks Selbsterhaltung hervor.
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Wir sind Ergebnisse von unzähligen Koinzidenzen.
Gebenkönnen ist Ehre. Wechselseitiges Gebenkönnen ist Glück in der Liebe. Daher das
Mitteilungsbedürfnis.
Ich soll mich mit Gott in meinen Körper demütigen. Das ist auch der Sinn des Sakraments.
Zur Menschlichkeit der Menschen gehört, dass sie sehr verschiedene Grundbedürfnisse
haben.
Der Boden, aus dem Hoffnung wächst, ist Liebe.
Zum Beruhigen und Einschlafen: die Druckwellen von Herzschlag und Atmung im Bauch
wahrnehmen!
Was von meinem bisherigen Leben geblieben ist und was als Fortwirkung von mir bleiben
wird, sind unüberblickbar vielerlei Winzigkeiten. Die Bilder von mir, zu denen es sich da und
dort zusammengefügt hat und zusammenfügen wird, sind natürlich Vereinfachungen – also
Verzerrungen, von zweifelhaftem Orientierungswert. Gott befohlen!
Der Weisheit letzter Schluß: Man stolpert seinen Lebensweg durchs Chaos.
Im Chaos muss jeder seine persönliche Normalität in mehreren Subkulturen und
konzentrischen Kreisen gleichzeitig entwickeln.
Wir selbst sind chaotisch durchwachsen.
Es geht dem Menschen im Grunde nicht ums Haben, sondern ums Sein, ums sinnvolle Sein.
Alt: Wir Alten stehen mit dem, was uns verblieben ist, da wie Tarquinius Superbus vor der
Sibylle von Cumae*. Nach dem Verlust der Fülle, die uns einst so selbstverständlich zu
Gebote stand, wissen wir den körperlichen und geistigen Rest (auch die immer dünner
werdenden sozialen Kontakte) immer höher zu schätzen!
* Sie hatte ihm ihre Orakelbücher zum Kauf geboten. Zu dem vollen Preis, den er für die
neun, als zu hoch, verweigert hatte (woraufhin sie eines nach dem anderen verbrannte), kaufte
er schließlich die restlichen drei.
Was bleibt nach dem Tod von einem Menschen? – : Hauptsächlich verstreute
Erinnerungsfetzchen, eingehend in anonyme Transformationsketten, in die Kulturtradition,
von der wir selbst gelebt haben.
Moral
Man muss umsichtig den eigenen Gefühlen folgen – in zunehmender Mitverantwortung!
Man muss sich oft kurzsichtig mit dem nächsten Schritt bescheiden. (Der kann die
Überlegung sein, was langfristig zu machen wäre.)
Ἀκήδεια/acedia/unverantwortliche Sorglosigkeit, galt in der alten monastischen Tradition
als Todsünde; aber es handelte sich wohl eher um moralische Erschöpfung. Man darf letztlich
Gottes Führung vertrauen!
Immer wieder fragt der Mensch, wozu Gott dies oder jenes gemacht und so eingerichtet hat.
Richtig wäre die Frage: „Was kann, was soll ich damit anfangen?“
„Einfach Weitermachen“ ist nie so einfach, wie man erst denkt.
Demütig sterben ist das „selige Ende“.
Wer sich selbst tötet, vermeidet Leiden, Erfahrung von Lieblosigkeit – und von Mitleid und
Liebe. Zwischen Lebensmüdigkeit und Selbstmord liegt ein kraftvoller Entschluß.
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Voller Einsatz für die besten Aussichten! Gewiss, – aber was jeweils die besten Aussichten
sind, muss man letztlich nach Gefühl beantworten.
Das deutsche Wort „Liebe“ ist sehr vieldeutig. Der theologisch-ethische Begriff meint oft
„Inter-esse“ im wörtlichsten Sinne: Beteiligung, Teilnahme, Mitempfinden, Solidarität.
Der Mensch braucht eine Ideologie, die ihn stabilisiert.
Sittliche Werte sind stereotype soziale unverzichtbare Halbfertigprodukte. Sie müssen je
umsichtig aktualisiert und persönlich kreativ angeeignet werden.
Bosheit ist ein zu wichtiges Phänomen, um so wenig und oberflächlich bedacht zu werden!
Alles passt nur ungefähr lebbar zusammen – da ist Raum, unscheinbar Gutes zu tun!
Solidarität
Solidarität trägt durch existenzielle Zeichenhandlungen bei zu einem gemeinsamen Bild
vom Sinn des Weltgeschehens. Die Existenzsymbolik ist die Basis einer menschlichen
Gesellschaft.
Gott kam als Mensch zu uns. Für den Christen repräsentiert der Nächste Jesus. Gott kommt
uns in unserm Nächsten am nächsten.
Kreatürliche Solidarität ist Trost in der Trauer, die höchste Weisheit, die wir erreichen
können. Sie entwertet nicht, aber relativiert alle Weltweisheit.
Trauer
Affektive Ausgeglichenheit beruht auf einer ständigen leichten Anspannung, einem
mäßigen Ich-Tonus.
Freude kann, als eine unverhoffte Entlastung des Ich, ein affektiver Schock sein, der zu
Tränen rührt.
Trauer ist Regression; man soll sich da in Gottes Arme fallen lassen.
Der Trauernde kann leichter Abschied nehmen, wenn er „A Dieu“ sagt – und dem
nachdenkt.
Trauer ist gescheiterte Empörung.
Solidarität ändert die bedrückend festgefrorenen Identitäten und schafft damit Hoffnung auf
Emergenzen.
Sinn-Zusammenbruch deprimiert. Die Trauer nötigt zu Neubesinnung.
In der Sinnlosigkeit sind – angefangen beim Naseputzen – winzige, unscheinbare,
unbeachtete Selbstverständlichkeiten inbegriffen. Die eine oder andere davon bewußt zu
verrichten, zu beachten und zu bedenken, das bringt auf neue Ideen, – die auf neue Ideen
bringen, usw. Unversehens findet man sich im immer wieder überraschenderweise doch
interessanten Leben.
Gesellschaft
Ein Feindbild sammelt die Aufmerksamkeit und konzentriert die Kräfte. Nein-sagen ist
leichter als Ja; denn Ja ist Kompromißbereitschaft und verlangt, als solche, Kreativität.
Das Ideal, dass der Einzelne sich in der Gesellschaft so nützlich machen könne, wie er ihr
zur Last fällt, also Vollbeschäftigung, ist den Schöpfungen der menschlichen Kreativität, den
Fortschritten der Technik, zum Opfer gefallen und eine nostalgische Phantasie geworden.
Mit der Vollbeschäftigung entfällt aber auch die moralische Grundlage für die Arbeit als
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Verteilungsschlüssel der knappen Güter! (Reichtum war immer nur ein faktischer, aber nie
ein moralischer Verteilungschlüssel.)
Die selbsterweiternde Selbstentfremdung ist die Menschenwürde der Arbeit.
Einst war Arbeit entwürdigend. Dann wurde sie die Basis der Existenzberechtigung. Heute ist
die Arbeit ein in jeder Hinsicht höchst anspruchsvolles, öffentlich mit Schlagwörtern in den
Wind geschlagenes Problem.
Herrschaft ist die erste Form sozialer Ordnung. Sie ermöglicht Kooperation und kann
formalisiert und zu einer Rechtsordnung ausgebaut werden, wo Gesetze „herrschen“.
Ist der geographische Raum zu beschränkt für ein Auseinandergehen, werden Dimensionen
der Kooperation hinzuerfunden, z. B. Arbeitsteilung, Spezialisierung, Professionalisierung.
Diese ermöglichen auf beschränktem Raum friedliches Zusammenleben von mehr Menschen
– zu Lasten der Umwelt.
Der Herrscher genießt Vorteile. Gewohnheit verführt dazu, diese Annehmlichkeiten für
natürlich zu halten. Sie sind aber von der betroffenen Gesellschaft abhängig und können,
namentlich durch Herrschsucht, verspielt werden. (Das gilt auch für Oberschichten.)
Ordnen ist Machtkonsolidierung. Machtkampf ist meist mehr als ein Nullsummenspiel; es
geht um Umordnung.
Das IS-Kalifat hat weltweiten Zulauf nicht nur von Muslimen in der Fremde, sondern auch
von muslimischen Konvertiten aus der Fremde. Es lebt von der Empörung über eine als
ungerecht empfundene, selbstgerechte Gesellschaftsordnung; der Idealismus führt ins
Verbrechen, – wie einst in des jungen SCHILLER Die Räuber.
Eine communis opinio ist immer eine Vereinfachung, Resultat eines mehrstufig vielfach
determinierten Meinungsbildungsprozesses. Jeder sollte sie kennen, aber, im Bewußtsein der
eigenen Irrtumsfähigkeit, sich sein eigenes Urteil bilden.
Geld, als Zeichen für einen Anspruch auf einen (von der Zentralbank) bestimmten
Marktwert, ist ein höchst kompliziertes Problem der semiotischen Pragmatik geworden.
Mit der Konzeption der Multiplikation begann der Sieg des Geistes über das Fleisch, der
Meme über die Gene, des Geldes über den Menschen.
Vieldimensionale menschliche Lebensbedingungen werden, zwecks Kooperation, auf
eindimensionale Vergleichsgrößen wie Geld, Macht, Wert, abgebildet.
Macht ist Handlungsmöglichkeit.
In einer Gesellschaft hat jeder jeweils seinen Ort und seine Richtung. Soziale Intergration
beantwortet die Sinnfrage (= Richtungsfrage) durch Koordination.
Bevölkerungsschrumpfung kann nur fürchten, wer an den (schon jetzt fürchterlichen)
Lebensumständen der globalen Mehrheit wohlgemut vorbeilebt.
In der Natur setzt eines dem anderen eine Grenze. Von uns fordert die Vernunft oft
Selbstbeschränkung; und die Religion vertritt das.
Tausch, Markt und endlich Geld erweitern sowohl die Schranken des Einzelnen wie sie auch
die Gesellschaft – zu Lasten der Religion und der Umwelt – begünstigen.
Das Gebot (mit dem der Gott Mammon den Kampf ums Dasein anheizt) für jedes
gesellschaftliche Subjekt heißt heute: „Wachstum*!“, – und das bedeutet: immer wilderes,
lebensfeindlicheres gesellschaftliches und ökologisches Chaos.
Die alte Religiosität kämpft gegen den Mammonskult – reaktionär (zB Islamismus) oder
modern (zB Greenpeace).
Bei den Superreichen (<1% der Bevölkerung), die heute, meist kraft Gewinmaximierung, fast
alles Vermögen (99%) haben*, schlägt die Anonymität in eine höchst persönliche Macht und
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Verantwortung um, der sie schlicht nicht entsprechen können – und deren erdrückende Größe
sie sich wohl auch selten bewußt werden lassen. Auch bemäntelt durch
Wohltätigkeitsgarnitur, gleichen sie den apokalyptischen Reitern, die, nach Gottes Rat, unsere
ganze Lebenswelt niedertrampeln.
* Mittelfristig möglichst sichere Gewinnmaximierung.
** Somit besitzen sie pro Kopf durchschnittlich zehntausendmal mehr als der Rest.
Der menschliche Sozialpsychismus ist ein vermittels der fortschreitenden Technik
zunehmend chaotischer Prozeß.
Staat, Recht, Politik
Recht: Geld ist Anrecht auf käufliche Güter. Insofern ist „gleiches Recht für alle“ ein
schlechter Witz.
Recht: Schlechte Regelungen werden oft aufrecht erhalten als das derzeit kleinere Übel.
Man weiß nicht, was man machen soll. Demut ist die höchste Weisheit.
Staat/Recht: Gerechtigkeit ist ein Ideal; Rechtsordnung aber ist Machtordnung. Es geht
darum, wem unter welchem Umständen was verboten bzw. erlaubt oder geboten ist, und um
entsprechende Sanktionen.
Der Lauf der Geschichte ist nicht gerecht. Das „Recht des Stärkeren“ ist die Basis jeder
Rechtsordnung!
Normalerweise hat in einer Gesellschaft die (wie auch immer manipulierte) volonté générale
eine, natürlich nicht völlig ausartikulierte, aber institutionalisierte Form und ist damit stärker
als jede Opposition.
Völkerrecht, das die Verhältnisse zwischen Rechtsgemeinschaften regelt, ist natürlich noch
erheblich weniger ausartikuliert.
Zu einer Rechtsordnung gehören deshalb Rechtsstreitigkeiten. Da Recht nicht vom Ideal der
Gerechtigkeit abgekoppelt werden kann, gehört zum Recht menschliche Kommunikation im
unergründlichen, vollen Sinne des Worts. (Das wurde in der klassischen Rhetorik
professionell elaboriert. Die klassische Philosophie bekämpfte dies.)
Staat: Demokratie neigt zu kurzsichtiger Politik – vielleicht besser als dauerhafte Dummheit
von abgesichert Privilegierten.
St: Rechtsordnung kann nicht mehr sein als ein mildes Chaos.
Staat: Der gute alte Territorialstaat wird unterminiert durch die zunehmende Mobilität von
Menschen, Sachen, Information und Geld.
Dieses Chaos von Ordnungen ist wohl nicht zu beherrschen. Neue Normen haben zu wenig
Zeit, sich einzuspielen, und eilige Beschlüsse erscheinen meist zu willkürlich.
Pol: Beengung macht wütend, erregt Destrudo; diese wird meist kommunikativ bearbeitet,
in Feindbildern gestaltet und in gezielte Aggression verwandelt. Aber so entsteht Krieg.
Abschottung, Radikalisierung, (Massen)-Wahn, Entlastung durch Übervereinfachung ist
brüchig.
Kriegsgegnerschaft muss gewaltfrei und kreativ sein; sonst erhöht sie die Spannungen. In der
Politik müssen „vertrauensbildende Maßnahmen“ (H. D. Genscher) erfunden und realisiert
werden, Kommunikationskanäle (F.-W. Steinmeier) gefunden werden.
Wirtschaft
Im normalen Geschäftsleben maximieren Amerikaner den Gewinn. Aber in Notfällen
spenden sie am großzügigsten.
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Die Massen-Arbeitslosigkeit drückt die Löhne. Aber was müßte und könnte denn, im
Zeitalter der Roboter, noch so massenhaft mit manpower gearbeitet werden, dass das Problem
der Verteilung der knappen Güter für gut sieben Milliarden Menschen dadurch entschärft
würde??
Verbesserung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Griechenlands würde zwar die globale
Ungleichverteilung mindern, aber die globale Fehlentwicklung durch erhöhten weltweiten
Konsum noch etwas verstärken. Nachhaltiger wäre ein Drosselung der stärksten Wirtschaften.
Die neoliberale Antwort auf das aktuelle Verteilungsproblem, Verweis auf wirtschaftliche
Ineffizienz und Empfehlung von Wachstum, ist dümmer als ihre Vertreter, eine faule Ausrede
der Profitanten!
Soziale Marktwirtschaft! Der Staat muss für die Wirtschaft nicht nur die Währung
garantieren, sondern auch, für die Stabilität der eigenen Basis, in allen Zerreissproben, durch
freie, öffentliche Diskussion die Konsensfähigkeit der Gesellschaft, pflegen. Unsoziale
Marktwirtschaft ist unsolide fundiert.
Geld
Normalverteilung des Geldes (im Sinne einer symmetrischen Gauss‘schen Glockenkurve)
mit gut zwei Dritteln der Fälle im konvexen, mittleren Bereich, wäre ein point of saliency für
einen Kompromiss zwischen idealer Gleichverteilung und der natürlichen Ungleichverteilung
durch das natürliche, exponentielle Wachstum. Aber so kompromissfähig ist die Gesellschaft
nicht; die Chaotik ist stärker als die Vernunft.
Machtakkumulation ohne Augenmaß ist Raubbau, ökonomisch, sozial und ökologisch. Sie
unterminiert die Macht – nicht nur indirekt, indem sie revolutionäre Empörung erregt (die
sogar ihrerseits das Schlimmste verhüten kann!), sondern auch ganz direkt: Die armen
Massen haben nicht das Geld, die Produkte zu kaufen, die sie benötigen.
Die Gesellschaft zerbricht zunächst in zwei stabile Blöcke (einen kleinen reichen und einen
großen armen) und ein chaotisches Mittelfeld – mit je ihren Kulturen.
Die Produktionsmittel entwerten einander immer schneller, indem sie immer produktiver
werden. Das entwertet das akkumulierte Geld. Mittelfristig wird die Globalgesellschaft ein
immer wilderes Chaos.
Infolge exzessiver Ungleichverteilung des Geldes wird von den Armen weniger für Konsum
und nichts für Investition ausgegeben und von den Reichen mehr gehortet, weil Investition in
Produktionsmittel weniger lohnt. Die Produktionsmittel für Konsumgüterproduktion machen
einander Konkurrenz und entwerten einander, indem sie immer produktiver werden.
Das entwertet das Geld.
Eine Ankündigung der Zentralbank kann den Geldwert ändern.
Geldentwertung ist Umverteilung von den Sparern zu den Produzenten (Produktionsmittel,
Arbeiter).
Geld ist eine staatlich garantierter Anspruch auf einen staatlich jeweils festgelegten
Tauschwert – früher: Gold, heute, von der Weltwirtschaftslage abhängig, konsensfähig
definiert.
Giralgeld ist nicht Geld, sondern ein privatrechtlicher Anspruch auf Geld.
Geld ist ein Tauschmittel. Die Nachfrage entspricht dem Tauschbedürfnis der Gesellschaft.
Die (durch die Erfindung und Perfektionierung des Geldes* gesteigerte) Chaotik der
Machtverteilung ist heute das anthropologische Hauptproblem.
* „Liquidität“! Seit der Antike ist deren Gefährlichkeit für Moral und Gesellschaft immer
wieder thematisiert worden.
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Geld ist ein höchst voraussetzungsvolles Marktprodukt. Der Markt bestimmt nicht nur den
Warenwert, sondern, eben damit, auch den Tauschwert des Geldes für jedes einzelne Geschäft
– aufgrund unüberblickbar vieler (vergangener, gegenwärtiger und erwarteter) Umstände nur
kurzfristig ungefähr vorhersehbar.
Der technische Fortschritt geht schneller als der kulturelle; so ist besonders die
Finanzwirtschaft gemeingefährlich chaotisch geworden.
Geldwert ist Marktwert; der Geldwert genießt den zwar breitesten, aber – wieder einmal –
schwächelnden Konsens.
Jede Wertbestimmung ist kontextabhängig. Werbung aber muss versimpeln, sie verabsolutiert
Werte und verschweigt die ernüchternde Kontextbedingtheit – und schafft mit dieser Strategie
eine Grundstimmung des Mißtrauens.
Die Anonymität des Geldes verführt zu Verantwortungslosigkeit.
Schon PLATOs* (u.a. von Friedrich Hebbel aufgegriffene) Erzählung von dem unsichtbar
machenden Ring, in dessen Schutz der Hirte Gyges sich fremdes Gut aneignet, weist in diese
Richtung.
* Politeia II, 3 (359 d – 360 b).
Geld vereinfacht – trotz der immer neuen Komplikationen – fast alles einfach
überwältigend.
Die Verantwortungslosigkeit der Geldwirtschaft wird in Bürokratie operationalisiert.
Hier exekutieren einzelne Angestellte, nach der Partiallogik eines Beamten-„Apparates“,
nachprüfbar Vorschriften, d.h. jeweils eine Vereinfachung einer sozialen Funktion, – die doch
als solche eigentlich einen Menschen voraussetzt, der sich auch für die Regeln, nach denen er
handelt, jederzeit mitverantwortlich fühlt.
So kommen sozial unerträgliche Entscheidungen zu Stande. Umstürze und Chaos sind
unausbleiblich.
Aber eine Wirtschaft, von der wir leben können, ohne Geld ist noch nicht erfunden.
Kultur
Das Ideal, dass der Einzelne sich in der Gesellschaft so nützlich machen könne, wie er ihr
zur Last fällt, also Vollbeschäftigung, ist den Schöpfungen der menschlichen Kreativität, den
Fortschritten der Technik, zum Opfer gefallen und eine nostalgische Phantasie geworden. Wir
haben global Massenarbeitslosigkeit.
Mit der Vollbeschäftigung entfällt aber auch die moralische Grundlage für die Arbeit als
Verteilungsschlüssel der knappen Güter! (Reichtum war immer nur ein faktischer, aber nie
ein moralischer Verteilungsschlüssel.)
Die selbsterweiternde Selbstentfremdung ist die Menschenwürde der Arbeit.
Einst war Arbeit entwürdigend. Dann wurde sie die Basis der Existenzberechtigung. Heute ist
die Arbeit ein in jeder Hinsicht höchst anspruchsvolles, öffentlich mit Schlagwörtern in den
Wind geschlagenes Problem.
Keine Kultur ohne Gewalt. Aber es gibt Aggressionskultur.
Keine Kultur ohne Gewalt. Aber es gibt Aggressionskultur.
Kultur: Durch Etymologie und klassische Texte hat man Zugang zu halb vergessener
Weisheit.
Die Unterschicht hat manche Gebrauchsgüter im Privathaushalt „nötig“ gegen
Ohnmachtsgefühl.
Die 1000 Peitschenhiebe in Saudiarabien im Anschluß an den Gottesdienst mit folgendem
„Allah ist groß“, sind Zerstörung einer Seele zwecks Erhaltung einer sozialen Ordnung. Das
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Opfer ist Teil eines gesellschaftlichen Prozesses.
Anderswo findet so etwas nicht mehr im Lichte der Öffentlichkeit statt – das offizielle
Selbstbild der modernen Gesellschaft ist einfach lieb.
Ein Wert in einem System ist der quantitative Aspekt einer Funktion.
Die absolute Rede von Werten meint Ideale. Bei deren Realisierung gibt es nur ordinale
Werte; auf deren Skala ist das Ideal das Maximum.
Der schnelle Wandel der Lebensbedingungen hat eine weltweite Krise der sozialen Normen
zur Folge. Lang Bewährtes kann nicht mehr überzeugen.
Gegen wildes soziales Chaos brauchen die Menschen Apartheit und Multikulti mit
Augenmaß.
Die Menschheit leidet trotz aller Demütigungen an Selbstüberschätzung.
Verteilungsprobleme überlagern den Zivilisationsreform-Bedarf.
Das Individuum als Person ist heute bedroht. Es interagiert fragmentiert in zahllosen
schmalen Partialbeziehungen. Als ganzer Mensch hat es zu wenig soziale Resonanz.
Es gibt immer weniger sinnvolle Arbeitsmöglichkeiten für Menschen. Wir leiden an einer
globalen Sinnkrise.
Die Öffentlichkeit der Massengesellschaft ist unwirtlich, schon urbanistisch kaum noch
Resonanzkörper für die leib-seelische Ganzheit. Gegen einander isolierte, schmalsektorielle
Gemeinsamkeiten (Handy, Bahn, Massenmedien und Massenaufläufe) dominieren. Flash
bzw. Smart mob sind punktuelle Gegenbewegungen.
Schon die Natur ist erschreckend wunderbar, aber zuhöchst die Geschichte der
Menschlichkeit inmitten der Natur – das sind Wunder; demütigend und erhebend.
Die menschliche Sozialgeschichte muss chaotisch bleiben wegen der Kombination von
Kreativität mit Konkurrenz in exponentiellem Wachstum.
Die Moral versucht, das Chaos lebensfreundlich zu mildern.
Lug und Trug gehören zum höheren Leben. Es ist eine Frage der Kultur, wie stur oder
kreativ man damit umgeht.
Fanatismus, religiöser und nationaler, erwächst aus der Dankbarkeit gegen die Ahnen und
ihr unerschöpftes reiches Erbe, die kulturelle Tradition. Wenn diese nicht anerkannt wird,
wird daraus eine aggressive Verpflichtung.
Gegenwart
Der Osten ist am (Oben/Unten)-Sein orientiert, gefährlich starr; der Westen ist am Haben
orientiert, gefährlich flexibel.
Es gibt heute eine Hintergrundmusik (primitivste Ordnung von Takt und leisester
Harmonienfolge, schwer gestört durch Melodienfetzen), die, unbeachtet, das Leben des durch
Sinnlosigkeitserfahrung gedemütigten modernen Massenmenschen abbildet. Hier erlebt er
Mitgefühl!
Das moderne Flüchtlingselend ist vor allem Aussichtslosigkeit.
Koordination ist prekäre Ordnung. Um deren Herrschaft unter autonomen Subjekten zu
erhalten, muss jemand sie persönlich, menschlich vernünftig vertreten, d.h. herrschen; jeder
muss also, autonom, einen (nur ungefähr bestimmten) Teil von seiner Autonomie abgeben.
Hier ist Solidarität, so etwas wie kollektiver Narzissmus, nötig.
Die rapide zunehmende Weltveränderung destabilisiert aber alle Selbstverständlichkeiten. Die
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Intelligenz sowohl der Bürger wie der Herrscher ist überfordert. Das individuelle wie das
kollektive Selbstwertgefühl ist unterminiert, der Narzissmus regrediert und größenwahnsinnig
barbarisiert (aktuelle Paradebeispiele: das aktuelle Islamische Kalifat, Neurussland), und
damit alle soziale Koordination destabilisiert.
Hohe Führungspositionen sind für anständige, begabte Leute nicht mehr so attraktiv. Man hat
zu große Chancen, folgenschwere Entscheidungen zutreffen, die mit guten Gründen von
anderen schon jetzt (und später auch von einem selbst) als falsch beurteilt werden.
Vermassung von Individuen und Gruppen ist Folge der Technik. Diese macht einzelne
Komponenten der Kultur hervorragend wichtig und löst sie aus der herkömmlichen Kontrolle
durch ihres Kontext heraus. Diese quantitativen Verschiebungen haben qualitative
Veränderungen zur Folge.
Neuestens nimmt die Technik dem Massenmenschen die schwierig gewordene
Individualisierung ab.
Öffentliche Aufmerksamkeit hat dem Thema Masse 1895 GUSTAVE LE BON mit seinem
Buch La psychologie des foules eingetragen.
Das bundesrepublikanische Sicherheitsgefühl war unsicher begründet. Das Elend der Welt
schlägt zu uns herein.
Unsere Lebenswelt ist vollgemenscht. Naturerfahrung ist nicht mehr normal; sie ist ein
Privileg – oder bittere Not am Rande der Weltgesellschaft.
Viele erleben heute ihre Situation als aussichtlos.
Junge Leute brauchen genügend Freiraum, um sich, für die eigene Lebensführung in der so
anders gewordenen Welt, ein realistisch orientierendes Bild von sich selbst zu erarbeiten. Sie
brauchen Partizipation an kreativen Prozessen. (Migrantenkinder hatten und haben es überall
besonders schwer. Insbesondere aber hat sich der (natürlich konservative) Islam in neuerer
Zeit reaktionär entwickelt.)
Aussichtslosigkeit aber deprimiert oder macht (autoaggressiv oder aggressiv gegen die
andern) gegen starre Verhältnisse und Starrwütend.
Wut tendiert dazu, über Leichen zu gehen – auch, ganz ohne Idealismus, über die eigene. (Ich
denke an die IS-Kämpfer.)
Das Wissenschaftsideal des „langen“* 19. Jahrhunderts ist verblasst. Logik, Mathematik,
Physik und der Fortschrittsglaube sind relativiert. Die Kultur ist desorientiert.
* Eric J. E. Hobsbawm. Wenn nun auch „das Zeitalter der Extreme“ (das „kurze“ 20. Jh.)
schon hinter uns liegen sollte, wird man vielleicht vom gegenwärtigen Jahrhundert als einem
„wilden Chaos“ (Benoît Mandelbrot) sprechen müssen.
Ausblick
Wir erleben heute weltweit Personaleinsparungen, Arbeitslosigkeit und Armut zugunsten
des Großkapitals. Eine Epoche der Rationalität eilt ihrem Ende entgegen. Menetekel: Auf den
Rationalismus folgte nicht nur die Romantik, sondern die grande révolution.
Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Was steht den heute glücklichen Kindern
bevor? Im allgemeinen Niedergang, kann man ihnen nichts besseres als Bescheidenheit
wünschen, die den Niedergang verlangsamt, – und fürs Alter die Würde der Demut.
Die Konzeption der Multiplikation war der Anfang vom Ende der Menschheit als
Herrenrasse. Wir sind nur noch der Humus, auf dem die Technik wächst, die jetzt die
Menschheit beherrscht. Sie beherrscht nicht, sondern bedient Apparate, Staatsapparate und
Unternehmen.
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Für die Subsistenzgüter haben die Bedürftigen zu wenig Geld. Gleichzeitig werden, infolge
der (wachsenden) Ungleichverteilung des Reichtums, Luxus und dauerhafte Werte
überbezahlt.
Unfehlbar steigert ein Wirtschaftswachstum nach diesem (dem herrschenden)
Verteilungsschlüssel die soziale Chaotik mörderisch.
Die Politik soll die Katastrophe wenigstens noch einmal weiter hinausschieben. Dabei kann
nur es um etwas wie eine Normalisierung* der chaotischen Lebensumstände gehen, die die
Gesellschaft stabilisiert und Gewalt mindert**; das wäre globalgesellschaftliche
Rechtspflege. Aber zu solch einer Weltpolitik ist die Menschheit wohl nicht im Stande.
* Im Sinne der Gauss’schen Normalverteilung.
** Johan Galtungs „strukturelle Gewalt“ ist gelinderte Gewalt.
Die Menschheit dominiert beschleunigt zunehmend die Biosphäre. Sie organisiert sich
bislang erfolgreich; aber die selbstgemachte Kompliziertheit der Umwelt wächst den
Menschen wieder einmal über den Kopf. Die Naherwartungen werden apokalyptischer.
Götz Werner und Adrienne Goehler werben, angesichts der globalen Arbeitslosigkeit für
bedingungsloses Grundeinkommen und zunehmend kulturelle (statt herkömmlich
ökonomischer) Arbeit. Die Bedingungslosigkeit ist aber unter Unseresgleichen wohl politisch
chancenlos. Eine Kultur, auf die man seine Hoffnung sicher setzen könnte, wäre: ein
solidarisches Ja zum gegenwärtigen Niedergang und dem wohl bevorstehenden Verenden.
Für gemeinsames Vorgehen gegen die notorisch besorglichen schon mittelfristigen
Gefahren für die Menschheit ist die persönliche Opferbereitschaft heute doch zu spärlich. Es
bleibt bei der ratlosen Furcht; die weiteren Aussichten sind apokalyptisch.
Die Weltwirtschaft rutscht in eine Rezession. Dieser Konsum ist nicht aufrecht zu halten.
Man schiebt das Ende des Wachstums hinaus, weil die Rezession nicht alle gleichermaßen
trifft und deshalb schwere Verteilungsprobleme bevorstehen – desto schwerer, je länger man
den Wertverlust der Produktion leugnet, – der in der Deflation doch deutlich zum Ausdruck
kommt!
Zwischen dem zeitlichen Horizont praktischer Vorsorge und dem des Grundgefühls liegt
der Zeitraum der Prognosen, die zu undifferenziert und unsicher sind, um den
durchschnittlichen Einzelnen zu Opfern zu motivieren. Man ist mittelfristig ratlos besorgt.
Die vitale Zuversicht wird mit dem Alter schwach – heute auch die Hoffnung für die
Hinterbliebenen.
Wir Menschen haben, nach einer langen traditionalistischen Zeit, jetzt eine Epoche der
Überbewertung der menschlichen Kreativität knapp hinter uns.
Wir brauchen, für nachhaltige Entwicklung der Lebenswelt, nicht noch mehr Information und
technische Informationsverarbeitung, sondern kollektive mentale Nachreifung, um die
Information, die wir ja nun schon haben, bedarfsgerecht zu verarbeiten.
Die Rede von „nachhaltiger Entwicklung“/Sustainable development verschleiert das
Problem des Zukunftshorizonts. Sinnvoll geplantes Handeln setzt einen Zeithorizont voraus.
Die Politik hat, entsprechend der Kultur der Kollektive, die sie vertritt, Verteilungsprobleme
zu lösen und muß – entsprechend der Barbarei der Konsumgesellschaft – kurzfristig
kalkulieren.
Langfristige Entwicklungen sind heute unsicherer denn je, und also nicht planbar. Wer sie
planen und politisch durchsetzen will, hat alle Chancen, Katastrophen herbeizuführen. Aber
sie können (und müssen auch!) phantasiert werden. Das ist Sache der öffentlichen Diskussion,
konkret also: der Massenmedien, die ja, zwischen Dissens und Konsens, Medien der
Fortentwicklung der öffentlichen Meinungen sind.
Jede realistische Hoffnung, wie sie der Mensch braucht, ist offen zu einer geglaubten
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Phantasie. Die Bibel endet ist eine zweistufigen Apokalypse: Endzeitliches Grauen und
endliche Seligkeit.
Kultivierung der globalen Konsumgesellschaft im Sinne von Bescheidenheit wird, wenn sie
überhaupt zu erwarten ist, wohl Verarbeitung von demütigenden Erfahrungen sein müssen.
Man hat Ideen über die Entwicklung unserer Welt und redet darüber, erstaunlich
unrealistisch, per „Man müßte …“.
Niedriger Festzins treibt das Geld in die Aktien. Das begünstigt Produktion ohne tragende
Nachfrage – und man bekommt, an Stelle der gegenwärtigen Rezession, dann einen
krachenden Zusammenbruch.
Die natürliche Artenvielfalt nimmt ab, die Vielfalt der menschlichen Kopfgeburten nimmt
zu.
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