09 Attribution (netz)

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Attribution
Attributionstheorie und
Attributionsfehler
Vorlesung Winter, 2011/12
Thomas Kessler
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Überblick
• Attributionstheorien
– Heiders naive Handlungsanalyse
– Kelleys Kovariations und Konfigurationsmodell
• Attributionsfehler
– Fundamentaler Attributionsfehler
– Akteur-Beobachter Divergenz
– Selbstwertdienliche Attribution
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Leitfragen
• Wie funktionieren Verhaltenserklärungen im
Alltag?
• Wie kann man Verhalten erklären, wenn man
einmalige oder mehrmalige Beobachtungen zur
Verfügung hat?
• Welche typischen Fehler unterlaufen uns im
Alltag bei Verhaltenserklärungen?
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Begriffe
• Kausalattribution: Kausale Erklärung von
beobachtetem Verhalten
• Attributionstheorien: konzeptueller
Rahmen, innerhalb dessen zu erklären
versucht wird, wie im Alltag Personen zu
Erklärungen von Verhaltensweisen
kommen.
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Das Problem des Fremdpsychischen
• Das Problem des Fremdpsychischen
bedeutet:
– Wie können wir feststellen, dass andere
ähnliche psychische Erlebnisse haben wie wir
selbst?
– Wie können wir feststellen, dass sie
überhaupt psychische Erlebnisse haben?
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Das Problem des Fremdpsychischen
• Wittgenstein in den „Philosophischen
Untersuchungen“ (§293):
"Angenommen, es hätte jeder eine Schachtel, darin wäre
etwas, was wir „Käfer“ nennen. Niemand kann je in die
Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse
nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. – Da
könnte es ja sein, dass jeder ein anderes Ding in seiner
Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich
das Ding fortwährend veränderte. [ ....] die Schachtel
könnte auch leer sein."
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Heiders naive Handlungsanalyse
• Mensch als intuitiver Wissenschaftler
• Fünf Grundannahmen
– Verhalten drückt Invarianzen aus.
– Attribution erschließt Invarianzen aus
Verhalten.
– Attribution ist eine vitale Fähigkeit.
– Attributionen sind nicht notwendig bewusst.
– Attribution ist eine Form der Kausalanalyse.
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Heiders naive Handlungsanalyse
• Verhalten drückt Invarianzen aus.
– Menschen haben stabile psychologische
Eigenschaften, die ihr Verhalten
determinieren.
– Jeder Mensch hat einen wahren Charakter,
der sich in unterschiedlichen Situationen
durch unterschiedliche Verhaltensweisen
manifestiert.
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Heiders naive Handlungsanalyse
• Attribution erschließt Invarianzen aus
Verhalten.
– Verhalten ist unterschiedlichen Situationen
(z.B. deren Möglichkeiten und Begrenzungen)
angepasst.
– Aus dieser Mannigfaltigkeit des Verhaltens
wird der wahre Charakter eines Individuums
als Invarianz extrahiert.
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Heiders naive Handlungsanalyse
• Attribution ist eine vitale Fähigkeit.
– Die Diagnose einer Charaktereigenschaft
ermöglicht die Vielfalt der
Verhaltensmanifestationen unter einem
einzigen Konzept zu systematisieren und
interpretieren.
– Charaktereigenschaften integrieren eine
irritierende Menge an Information in einer
ökonomischen Art und Weise.
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Heiders naive Handlungsanalyse
• Attributionen sind nicht notwendig bewusst.
– „Alltagspsychologie“ ist keine Theorie im eigentlichen
Sinne, denn es werden keine Ableitungen aus
irgendwelchen Grundannahmen getroffen.
– Die Regeln nach denen die Invarianzen aus dem
Verhalten gezogen werden sind genauso unbewusst
(intuitiv) wie die Regeln der Wahrnehmung nach
denen wir konstante Objekte in unserer Umwelt
wahrnehmen.
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Heiders naive Handlungsanalyse
• Attribution ist eine Form der Kausalanalyse.
– Zwei große Klassen von Variablen bestimmen
Verhalten: Dispositionen von Individuen und die
Umwelt.
– Verhalten ergibt sich daraus, dass ein Akteur sich in
einer bestimmten Art verhalten kann und es auch
versucht.
– Er muss also die Möglichkeit und die Motivation zu
einem Verhalten haben. Die Möglichkeit selbst setzt
sich aus seiner Fähigkeit und den Gelegenheiten der
Umwelt zusammen.
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Heiders naive Handlungsanalyse
Fähigkeit
Vermögen /
Gelegenheit
Umwelt
Verhalten
Intention
Motivation
Anstrengung
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Kelleys Attributionstheorie
• Kovariationsprinzip
– Attribution auf der Basis der wahrgenommenen
Kovariation zwischen dem beobachteten Effekt und
seinen möglichen Ursachen (mehrere
Beobachtungen).
• Konfigurationsprinzip
– Attribution auf der Basis von nur einer
Beobachtung (Verwendung von Kausalschemata)
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Kelleys Attributionstheorie
• Kovariationsprinzip
• Einfluss dreier unabhängiger Variablen auf
beobachtbares Verhalten:
– Die Person: Konsistenzinformation (zeigt X dieses
Verhalten immer/häufig/selten?)
– Die Umstände: Konsensusinformation (zeigt nur X
das Verhalten, oder auch andere Personen?)
– Der fokale Stimulus: Distinktheit (zeigt X das
Verhalten nur gegenüber dem fokalen Reiz oder
auch gegenüber anderen Reizen?)
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Kelleys Attributionstheorie
- Kovariationsprinzip Beispiele -
• Dispositionale Attribution
– Hohe Konsistenz
– Geringer Konsens
– Geringe Distinktheit
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Kelleys Attributionstheorie
- Kovariationsprinzip Beispiele -
• Stimulusattribution
– Hohe Konsistenz
– Hoher Konsens
– Hohe Distinktheit
17
Kelleys Attributionstheorie
- Kovariationsprinzip Beispiele -
• Situative Attribution (uneindeutig)
– Niedrig Konsistenz
– Hoher Konsens
– Hohe Distinktheit
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Konfigurationsmodell
• Wenn man nur eine Beobachtung eines
Verhalten hat, dann müssen zur
Ursachenerklärung zusätzliche Vorannahmen
gemacht werden.
• Kausalschemata: vorgefertigte Meinungen,
Vorannahmen
– Multiple hinreichende Ursachen
– Multiple notwendige Ursachen
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Kausalschemata
• Multiple hinreichende Ursachen
– Verschiedene Ursachen liegen vor, die alle auch allein das
Verhalten erklären können. Hier werden nach dem
Abwertungsprinzip einige der Ursachen abgewertet, wenn
andere plausible Ursachen zur Verfügung stehen.
– Nach dem Aufwertungsprinzip werden Ursachen dann zur
Erklärung herangezogen, wenn ein Effekt trotz hemmender
Kräfte auftritt.
• Multiple notwendige Ursachen
– Hier müssen verschiedene Ursachen gemeinsam auftreten,
um den Effekt zu produzieren.
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Begriffe: Attributionsfehler
• Attributionsfehler:
– Von logischen Attributionstheorien
abweichende Zuschreibung von Ursachen.
• Beispiele:
– Fundamentale Attributionsfehler
– Akteur-Beobachter-Divergenz
– Selbstwertdienliche Attributionsmuster
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Fundamentale Attributionsfehler
• Konsensus-Unterschätzung
• Korrespondenzverzerrung
• Personalismus
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Fundamentaler Attributionsfehler
• Beispiel:
• Reden halten für oder gegen ein populäres
Thema (Jones & Harris, 1967):
• Versuchspersonen sollten jemanden beurteilen,
der eine Rede für oder gegen Fidel Castro
gehalten hat.
• Information: Der Redner hat das Thema freiwillig
gewählt bzw. nicht selbst gewählt.
• AV: Einschätzung der Einstellung zu Fidel Castro
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Fundamentaler Attributionsfehler
Pro-Castro
Writers´ attitude
75
50
Pro-Castro speech
25
Anti-Castro speech
Anti-Castro
0
Choice
No-choice
Degree of choice
Source based on data from Jones and Harris, 1967.
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Quellen der Verzerrung
• Motivationale Faktoren:
– Bei hoher Relevanz z.B. Selbstbezug.
Wenn positive oder negative Konsequenzen
folgen.
• Kognitive Faktoren:
– Welche Information steht den Beurteilern zu
Verfügung bzw. werden in das Urteil
einbezogen?
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Beobachter-Akteur Divergenz
• Attributionsunterschiede zwischen Akteur
und Beobachter einer Handlung:
– Der Akteur betont die situativen Faktoren
– Der Beobachter betont die dispositionalen
Faktoren
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Beobachter-Akteur Divergenz
• Wahrnehmungsfokus: Beobachter
konzentrieren sich auf den Akteur, wogegen der
Akteur sich auf die Umwelt konzentriert.
• Selbstwissen: Akteure wissen mehr über sich
und die situativen Anforderungen als Beobachter
wissen können.
• Unterschiedliche Ziele: Akteure verfolgen
instrumentelle Ziele, wogegen Beobachter
Information zur Vorhersage künftiger
Verhaltensweisen durch den Akteur suchen.
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Selbstwertdienliche Verzerrung
• Attributionen, die den Selbstwert erhalten oder
verbessern:
• Eigene Erfolge werden dispositional und
eigene Misserfolge situativ attribuiert.
• Self-Handicapping: Man stellt plausible
externale Gründe her, die eigenes Versagen
erklären können.
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Selbstwertdienliche Verzerrung
- Self-handicapping -
Prozent der Versuchspersonen
100
75
50
Actavil Verbessert Leistung
25
Pandocrin Verringert Leistung
0
Lösbar
Nicht lösbar
Typ des Puzzle beim ersten Durchgang
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Zusammenfassung
• Attribution meint kausale Verhaltenserklärung
• Bei einzelnen Verhaltensbeobachtungen werden
Attributionen mittels Kausalschemata vorgenommen, bei
mehreren Beobachtungen durch das Kovariationsmodell
(Konsens, Konsistenz und Distinktheit)
• Bei kausalen Verhaltenserklärungen entstehen
verschiedene Fehler, wie fundamentaler
Attributionsfehler, Akteur-Beobachter-Divergenz,
Konsensusüberschätzung usw.
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Literatur

Gilbert, D. T. (1998). Ordinary personology. In
Fiske, Gilbert, & Lindzey (4th ed.), The
handbook of social psychology, Vol. 2. New
York, NY, US: McGraw-Hill. (pp. 89-150)

Fincham & Hewstone (2001). Attributionstheorie
und -forschung. In Stroebe et al. (Hrsg.),
Sozialpsychologie, 4. Auflage, Kap. 7, S. 216228.
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