Wozu der MHC eigentlich nütze ist

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S P E K T R U M
AKUT
Nobelpreis für Medizin 1996
Wozu der MHC
eigentlich nütze ist
ewebeverträglichkeitsmerkmale“, „Transplantationsantigene“ oder auch englisch „major-histocompatibility-complex“ (MHC) – diese Bezeichnungen stammen aus der Zeit vor 1970, als die einzige
„Funktion“ dieser auf fast allen Zellen vorhandenen Gewebeantigene zu sein schien, Organtransplantationen zu
verhindern. Der erste klare Beweis, daß MHC-Moleküle
aber tatsächlich eine biologisch sinnvolle Aufgabe haben,
brachte dem Schweizer Mediziner Rolf Zinkernagel
(Universität Zürich) und dem Australier Peter Doherty
(Chefimmunologe einer Kinderklinik in Memphis, USA)
den mit rund 1,7 Millionen Mark dotierten Medizin-Nobelpreis. Vor knapp 21 Jahren haben sie mit einer Serie
von Experimenten eine fundamentale Regel des (Säuger-)Immunsystems entdeckt: es benötigt die MHC-Moleküle, um Erreger wahrnehmen zu können.
G
ls frischgebackener „Dr. med.“ war Zinkernagel
1973 von Basel nach Canberra in das Forschungslabor von Peter Doherty an der John Curtin
School of Medical Research gewechselt. Gemeinsam untersuchten sie dort, wie das Immunsystem verschiedener
Mäusestämme mit Virus-Infektionen umgeht. In einem
entscheidenden Experiment konfrontierten sie Abwehrzellen eines Mäusestamms, die höchst aggressiv auf Viren
reagierten, mit virusbefallenen Zellen eines anderen
Stammes. Das verblüffende Ergebnis: Die Abwehrzellen
blieben ganz ruhig. Diesen Fund verknüpften Zinkernagel und Doherty mit dem Wissen, daß sich die Mäusestämme im MHC-Muster unterschieden. Offenbar
benötigten die Abwehrzellen neben dem Erreger auch
die „richtigen“ Transplantationsantigene, um eine Infektion erkennen zu können. „Das hatte damals eine Lawine
von Experimenten ausgelöst“, erinnert sich der Immunologe Klaus Rajewski von der Universität Köln.
A
eute sind bereits eine Vielzahl von Details dieser
Doppelerkennung aufgeklärt: MHC-Proteine
werden, bevor sie auf die Oberfläche der Zelle
gelangen, mit Proteinspaltstücken aus dem Zellinneren
beladen. Diesen Komplex können T-Zellen mit dem „TZell-Rezeptor“ abtasten – eine Kooperation, die heute
als die wesentliche Grundlage der Fähigkeit des Immunsystems gilt, zwischen „selbst“ und „fremd“ zu unterscheiden. Die praktischen Folgen der von Zinkernagel
und Doherty auf die richtige Fährte gebrachten MHCForschung schlagen sich auf allen Gebieten der Immunologie nieder – von der Virologie über die Impfstoffentwicklung bis zu neuen Therapiekonzepten gegen Autoimmunkrankheiten und Krebs. In der Fachwelt wurde
die diesjährige Wahl des Nobelpreis-Komitees deshalb
besonders begrüßt.
Klaus Koch
H
A-2656 (4) Deutsches Ärzteblatt 93, Heft 42, 18. Oktober 1996
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