Erving Goffman - ReadingSample - Beck-Shop

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Klassiker der Wissenssoziologie 6
Erving Goffman
Bearbeitet von
Jürgen Raab, Bernt Schnettler
1. Auflage 2008. Taschenbuch. 138 S. Paperback
ISBN 978 3 89669 550 5
Format (B x L): 12 x 185 cm
Gewicht: 158 g
Weitere Fachgebiete > Ethnologie, Volkskunde, Soziologie > Soziologie
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Einleitung
Zu Lebzeiten waren Erving Goffmans Status als soziologischer
Theoretiker und der Stellenwert seines Œuvres durchaus umstritten. Doch schon bald nach seinem Tod im Jahre 1982 galt er
vielen als »one of the leading post-World War II American sociologists« (Manning 2000: 285). Im Rückblick erkennen manche in
ihm sogar »one of the twentieth century’s most remarkable practioniers of social sciences« (Smith 2006a: 1), wenn sie ihn nicht
gleich in den Rang des »most significant American social theorist
of the twentieth century« erheben (Fine & Manning 2000: 481).
Das Interesse an Goffmans Werk überschritt schon früh nicht
nur die Grenzen der USA, sondern auch diejenigen der Fachdisziplin und darüber hinaus – was wohl am meisten erstaunt – die
für gewöhnlich kaum zu überwindenden Gräben und Sperranlagen zwischen den soziologischen Paradigmen. So präsentiert sich
Goffman heute, »auch wenn er zwangsläufig ›nur‹ ein Klassiker
der zweiten Generation sein kann«, doch unübersehbar als »Soziologe von klassischer Statur« (Hettlage 1991a: 437). Kaum eine
breit angelegte Einführung in die Soziologie, kaum eine Überblicksdarstellung zu ihren Hauptvertretern oder Hauptwerken,
die es sich leisten könnte, Goffman zu übergehen. Auch seine
Schriften erfreuen sich anhaltender Popularität: Sie sind in viele
Sprachen übersetzt, erscheinen in wiederholten Auflagen und
führen weltweit die soziologischen Bestsellerlisten an. Was kaum
verwundert, werden sie doch, wie die Texte nur weniger anderer
Fachvertreter, auch außerhalb der Disziplin – und sogar von einem
breiten nicht-wissenschaftlichen Publikum – mit großem Interesse
wahr- und aufgenommen. Zudem gibt es kaum Sozialwissenschaftler, gleich welcher theoretischen Couleur oder methodischen Ausrichtung, die nicht von Goffmans scharfer Beobachtungsgabe, von
den luziden Beschreibungen und originellen Begriffsbildungen, von
seiner geradezu außerordentlichen analytischen Begabung oder
doch wenigstens vom ausgesprochen hohen Anschauungs- und
Unterhaltungswert seiner Darstellungen angetan sind.
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Zum Anlass dieser Einführung
Die unaufhörlich steigende Zahl der um eine systematische Aufarbeitung von Goffmans Œuvres bemühten Überblicks- und
Einführungswerke macht gleichwohl auf ein nach wie vor virulentes Problem aufmerksam (vgl. Castel et al. 1989, Fine & Smith
2000, Hettlage & Lenz 1991, Lemert & Branaman 1997, Jakobsen & Kristiansen 2002, Treviño 2003, Nizet & Rigaux 2005,
Smith 2006a, Österreichische Gesellschaft für Soziologie 2007):
Goffman ist wegen seiner theoretisch unbelasteten, klaren Sprache zwar eingängig zu lesen und scheint aufgrund seiner stets
anschaulichen Beispiele leicht verständlich. Seine Schilderungen
und Einsichten lassen sich häufig anhand eigener Beobachtungen
unmittelbar nachvollziehen und in der Alltagserfahrung überprüfen – mit dem oft überraschenden Effekt, dass das Vertraute
plötzlich ein anderes Gesicht bekommt: Goffmans außergewöhnliche Fähigkeit, das Nichtgesehene und Undurchschaute vor
Augen zu führen und es dabei zugleich zu »ordnen«, lässt uns
augenblicklich das Vertraute und Gewöhnliche ungewohnt erscheinen, und es schleicht sich die Ahnung ein, dass auch das
vermeintlich Selbstverständlichste im menschlichen Zusammenleben offenbar nur wenig selbstverständlich ist. Aber nicht nur
angehenden Sozialwissenschaftlern, auch eingeübten Vertretern
der Fachdisziplin gibt sich der größere Zusammenhang des Werkes oft nur schwer zu erkennen. Manchem erweist sich der Zugang zur inneren Systematik als derart holprig und sperrig, dass
sie nicht selten von vornherein in Abrede gestellt und Goffman
als unsoziologisch, wenn nicht gar unwissenschaftlich disqualifiziert wird (vgl. Joas 1978: 38) – ein Schicksal, das Goffman mit
Georg Simmel teilt, einem seiner einflussreichsten Vordenker.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Schon innerhalb der einzelnen, vornehmlich essayistisch angelegten Schriften wirken die
Ausführungen häufig ausschweifend, gelegentlich ausufernd und
die Kategorien und Konzepte scheinen impressionistisch gewonnen. Dieser Eindruck verstärkt sich – und mag sich um den der
Inkompatibilität und Inkohärenz ergänzen –, wenn über die
Einzeluntersuchungen hinweg die sozialen Kontexte, aus denen
die empirischen Fallbeispiele gewählt sind, scheinbar beliebig wech8
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seln, und wenn Goffman ausnehmend selten auf zuvor von ihm
entwickelte Begriffe und Konzeptionen zurückgreift. Darüber
hinaus bemüht er sich nicht einmal im Ansatz darum, auf die Traditions- und Entwicklungslinien seiner Arbeiten zu reflektieren, um
mögliche Verbindungen wenigstens anzudeuten, die ihn zu seinen
theoretischen Überlegungen und empirischen Arbeiten anregten.
Hinzu gesellt sich ein zumindest vordergründiges Desinteresse an
makrosoziologischen Themen wie etwa Macht, Ungleichheit und
Sozialstruktur, mit denen dem Leser wenigstens grobe Wegweisungen durch das Werk an die Hand gegeben wären. Dieses Bild
vervollständigt schließlich Goffmans zeitlebens bekundetes Widerstreben, sich den disziplinären Paradigmen zuzurechnen.
Vor diesem Hintergrund versteht sich das vorliegende Buch als
Einladung und Hinführung zu den Schriften von Erving Goffman. Es kann und will deren Einzellektüre nicht ersetzen, sondern soll zum Verständnis vor allem des inneren und äußeren
Zusammenhangs seiner wichtigsten Arbeiten beitragen. Aus diesem Anspruch leitet sich die hier verfolgte Darstellung und Argumentation ab. Der Band setzt nicht die Ende der 1980er-Jahre
entfachte und noch bis weit in die 1990er-Jahre hineingetragene
Diskussion um die Zurechenbarkeit Goffmans zu den soziologischen Schulen und Paradigmen fort (vgl. Drew & Wootton 1988,
Riggins 1990, Hettlage & Lenz 1991, Burns 1992, Manning
1992, Reiger 1992, Chriss 1995b). Auch betrachtet er keine
seiner Schriften als Schlüsselwerk, durch das alle anderen gleichsam wie durch eine Folie zu lesen und zu verstehen wären (vgl.
Hazelrigg 1992, Willems 1997a, Reckwitz 2000). Vielmehr wird
ein Zugang gewählt, den Goffman selbst nahe legt, der bislang
jedoch erst in Ansätzen für eine systematische Darstellung seines
Werkes genutzt wurde.
Die Interaktionsordnung als Leitmotiv
und Generalthema
Die hier vorgeschlagene Lesart nimmt das zum Leitmotiv, woran
sich Goffmans Interesse zu Beginn seiner akademischen Laufbahn
entzündete und was er dann in einer über 30 Jahre währenden,
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überaus regen und produktiven wissenschaftlichen Tätigkeit entfaltete: jenes Forschungsfeld und Forschungsprogramm, das er
selbst die ›Interaktionsordnung‹ (the interaction order) nannte.
Der Terminus erscheint erstmals im zusammenfassenden Schlusskapitel seiner Dissertationsschrift (Goffman 1953a, vgl. Lenz
1991a: 27, Manning 2000: 284, Smith 2003: 646), und er wird
schließlich jenem Text den Titel geben, an dem Goffman bis kurz
vor seinem Tod arbeitete und der posthum zur Veröffentlichung
kam: die vielen Interpreten heute als sein Vermächtnis geltende
Antrittsrede zur Präsidentschaft der American Sociological Association (ASA) (Goffman 1983b, dt. 1994b).
Bemerkenswerterweise verwendet Goffman den Begriff ausschließlich an diesen beiden, das Werk rahmenden Stellen. Doch
die weit gediehene Goffman-Forschung vertritt inzwischen fast
einhellig die Meinung, dass Goffman auf diese Weise gleichsam
die Klammern seines Forschungsprogramms setzte und die innere
Geschlossenheit seiner Arbeit markierte (vgl. Drew & Wootton
1988, Hettlage 1991a, 2000, Lenz 1991a, Knoblauch 1994,
2000, 2006, Knoblauch et al. 2005 und Willems 1997a: 27ff.).
Das Generalthema prägte das Arbeitsprogramm. Fast ein Dutzend Monografien sind Ausdruck und Beleg einer geradezu erstaunlichen Beständigkeit und Beharrlichkeit in der letztlich doch
unvollständig gebliebenen Anstrengung, das Regelwerk sozialer
Interaktionen aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Brennweiten zu erforschen. Dabei richtet die Soziologie der Interaktionsordnung ihr Augenmerk auf jene Sphären zwischenmenschlichen Alltagshandelns, in denen wir körperlich kopräsent und mit potenziell all unseren fünf Sinnen füreinander
wahrnehmbar sind. Solche sozialen Situationen werden aufgrund
der in der sozialen Wahrnehmung vorherrschenden Prävalenz des
Auges häufig als Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, als
Face-to-face-Situationen oder Vis-à-vis-Interaktionen bezeichnet.
Ihr Spektrum erstreckt sich von flüchtigen Begegnungen, in denen
wir in der Regel kaum mehr als kurze Blicke zur gegenseitigen
Identifikation und Orientierung untereinander wechseln – wie etwa
beim Durchqueren einer Fußgängerzone – bis hin zu mehr oder
minder umfassenden Konversationen, die sich durch größere zeitliche Ausdehnung auszeichnen und verbunden sind mit einer stärke10
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ren räumlichen Dichte, einem entsprechend intensiveren Austausch
von Blicken, Berührungen, Worten und Gesten sowie straffere
rituelle und zeremonielle Regelungen aufweisen – wie etwa Familienfeste, Business-Meetings und Gerichtsprozesse, wissenschaftliche
Kongresse oder die Treffen von Außenministern.
Goffman erkannte die gesellschaftliche Bedeutung dieses noch
weitgehend unbearbeiteten Gegenstandsbereichs soziologischer
Forschung und Theoriebildung. In Anschluss an Emile Durkheim
begriff er ihn sogar als ›Realität sui generis‹. Denn als Teil der
gesellschaftlichen Wirklichkeit sei die Interaktionsordnung ein
gesonderter Erfahrungs- und Untersuchungsbereich neben anderen gesellschaftlichen Wirklichkeiten, wie etwa der Sozialstruktur,
zu denen sie allenfalls ›Schnittstellen‹ (interfaces) und ›lose Koppelungen‹ (loose couplings) aufweise (Goffman dt. 1981b: 16, dt.
1994a: 149, dt. 1994b).
Dabei ließen es die Reichweite sowie die außerordentliche Vielschichtigkeit und Komplexität dieses Teilbereichs gesellschaftlicher Wirklichkeit notwendig erscheinen, die Schlagbäume zwischen den soziologischen Theorieentwürfen und die sorgsam
gehütete Insularität methodischer Verfahren zu überwinden. Nur
jenseits der von ihm immer wieder als künstlich angeprangerten
disziplinären Schließungen und Positionskämpfe sah Goffman die
Chance, die Interaktionsordnung in ihrer Spannbreite und Variabilität, vor allem aber in ihren Zusammenhängen zu erkunden: von
der Untersuchung der Organisation menschlicher Alltagserfahrungen über die Beobachtung der Bauformen interpersonaler Alltagsrituale bis hin zur Analyse der Strukturprinzipien institutioneller
Ordnung wie beispielsweise formaler Organisationen.
So präsentiert jedes seiner Bücher nicht nur einen neuen Forschungszugang zur Soziologie der Interaktionsordnung. Von
Untersuchung zu Untersuchung entfaltet sich darüber hinaus ein
hochgradig bewegliches und anschlussoffen bleibendes Repertoire
an Metaphern und Analogien, Begriffen und Konzepten: ›Selbst‹
und ›soziale Situation‹, ›Rahmen‹ und ›Modulation‹, ›Normalität‹
und ›Stigma‹, ›Theater‹ und ›totale Institution‹, ›Vorderbühne‹
und ›Hinterbühne‹, ›Ritual‹ und ›Image‹, ›Rollenspiel‹ und ›Rollendistanz‹, ›zentrierte‹ und ›nicht-zentrierte Interaktion‹. Die von
Goffman zum Aufspüren und zur Beschreibung der InteraktionsJürgen Raab, Erving Goffman
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ordnung vorgelegten Begriffe und Konzepte verweisen auf die
spezifische Qualität des für die Erforschung jenes Gegenstandsbereichs sui generis erforderlichen Vokabulars. Sie geben aber auch
bereits zu erkennen, wie spannungsreich Goffman das Verhältnis
von Individuum und Gesellschaft begreift.
Die Soziologie der Interaktionsordnung will diese Spannungsverhältnisse über ein in weiten Teilen noch zu entwickelndes
analytisches Gerüst und ein geeignetes methodisches Verfahren
angehen. Goffman teilt zwar die Überzeugung, dass soziale Interaktionen und soziale Ordnung insgesamt auf sinnhaft aufeinander
bezogenen Handlungen beruhen. Doch diese Handlungen sind
weder ausschließlich noch vornehmlich aus den Orientierungen
der Akteure an den gesellschaftlich auferlegten Verhaltenserwartungen mit ihren Fakten, Normen und Zwängen zu erklären, wie
dies etwa Talcott Parsons, Robert K. Merton oder George C.
Homans annahmen. Vielmehr muss soziales Handeln auch – so
der Goffman’sche Kerngedanke – über die Analyse des konkret
beobachtbaren, also situationsspezifischen, prozesshaften und
schöpferischen Umgangs der Akteure mit dem Gegebenen und
Notwendigen gedeutet und verstanden werden.
Erving Goffman und die ›neue Wissenssoziologie‹
Auf den ersten Blick mag die Einreihung Goffmans in den Kanon
wissenssoziologischer Klassiker nicht unbedingt nahe liegen. Er
selbst hätte – vgl. unten, Kapitel II – ihr sicherlich die größten
Vorbehalte entgegengebracht. Sie erhält jedoch mit dem zuletzt
angesprochenen Aspekt durchaus Plausibilität.
Wissenssoziologische Ansätze in der Nachfolge von Peter L.
Berger und Thomas Luckmann (1969, vgl. auch Tänzler et al.
2006a, 2006b) teilen im Grundsatz die Überlegung, dass jenes
Denkgebilde, das sie ›Gesellschaft‹ nennen, jedem Menschen in
zwei einander nur scheinbar widersprechenden Erscheinungsund Erfahrungsformen gegeben ist:
Erstens begreifen sie Gesellschaft als historisch vorgegebene und
kulturell vorgefundene, vom Einzelnen nicht mehr beeinflussbare,
objektive Faktizität: als ›soziale Tatsache‹ (fait sociale) (Emile
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Durkheim). In Gestalt von Normen, Rollen und Institutionen
ergreift sie vom Einzelnen Besitz, zwingt ihm einen fremden
Willen auf, fordert Anpassungsleistungen ein, verlangt seine Unterordnung. »I believe, of course«, so Goffman, »that the social
environment is largely socially constructed […]. But […] I don’t
think the individual himself or herself does much of the constructing. He rather comes to a world, already in some sense or
other, established« (in Verhoeven 1993b: 324). Handlungspraktisch kann der Einzelne die vielfältigen gesellschaftlichen Wirklichkeiten, in denen er sich bewegt, also nicht konstruieren. Sie
liegen ihm als in weiten Teilen bereits vorgefertigtes, ›soziohistorisches Apriori‹ voraus (Luckmann 1980: 127), und er bekommt
sie im Zuge seiner Sozialisation vermittelt – in den Worten
Goffmans: »Sie werden dem Neophyten eingetrichtert, wenn er
stubenrein wird« (Goffman dt. 1971b: 86).
Zweitens ist wissenssoziologischen Ansätzen die Einsicht gemein, dass Gesellschaft in Prozessen ›sozialer Wechselwirkung‹
(Georg Simmel) vom Einzelnen in Besitz genommen und so im
›sinnhaften Handeln‹ (Max Weber) fortwährend wiederhergestellt,
aktualisiert, neu ausgestaltet und verändert wird.
Aus diesem ›Doppelcharakter‹ sozialer Realität leitet sich die Aufgabe der von Berger und Luckmann begründeten ›neuen Wissenssoziologie‹ her. Sie besteht in der »Erforschung der gesellschaftlichen
Konstruktion der Wirklichkeit« (Berger & Luckmann 1969: 20).
Das Forschungsprogramm entfaltet sich in eben jenem Spannungsfeld von Gesellschaft als Zwang ausübender, objektiver Faktizität
einerseits und Gesellschaft als Freiheits- und Möglichkeitsraum
sinnhaften sozialen Handelns, also der Kreativität, aber auch der
Umgehungen und Abweichungen, andererseits. Dabei gehört zum
wissenssoziologischen Grundtenor, dass es nur im empirischanalytischen Zugriff auf diese zweifache Wirklichkeit gelingen
kann, zu einem Verständnis davon zu gelangen, was gesellschaftliche Wirklichkeit zu einer ›Realität sui generis‹ macht.
Wenn Goffman in seinen Analysen zur Soziologie der Interaktionsordnung also fragt, wie gesellschaftliche Ordnung im sozialen Handeln der Menschen entsteht und sich verändert, wenn er
Ausschau hält nach den Bausteinen und den Organisationsprinzipien sozialen Handelns und gesellschaftlicher Ordnung, und
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wenn er zu ergründen sucht, aufgrund welcher sozial geregelter
Vorgänge gesellschaftlich entwickeltes und vermitteltes Wissen zu
einer außer Frage stehenden Wirklichkeit gerinnt, die für die
Akteure deutungs- und handlungsleitend ist, dann gehen seine
Erkenntnisinteressen zweifelsohne mit jenen der ›neuen Wissenssoziologie‹ konform. Denn »die Fragen nach einer adäquaten
Rekonstruktion der sozialen Interaktionen im Alltagsleben« stehen auch für Luckmann im Zentrum »der empirischen Sozialwissenschaften, insbesondere der Wissenssoziologie« (Luckmann
2002a: 206, vgl. auch Schnettler 2006a).
Noch enger an die ›neue Wissenssoziologie‹ rückt Goffman allerdings durch die Systematik seines Denkens. Denn es bewegt
sich in eben jener für die Wissenssoziologie bedeutsamen Doppelaspektivität gesellschaftlicher Wirklichkeit, und Goffman erkennt
neben der Stabilität, Sicherheit und Verlässlichkeit sozialer Wirklichkeiten zugleich deren Unvorhersehbarkeit, Gefährdung und
Vorläufigkeit. Durchgängig thematisiert er denn auch die Rückwirkungen dieses Spannungsverhältnisses auf die Selbst- und
Fremdwahrnehmung der Handelnden.
Aus diesem Zugang speisen sich nicht nur die grenzenlose Neugier und Leidenschaft sowie die unstillbare Faszination und Inspiration mit er der über viele Jahre hinweg seine Forschungen zur
Interaktionsordnung vorantrieb. Aus der gleichermaßen unkonventionellen wie innovativen Perspektive sind Problemstellungen,
Konzeptionen und Einsichten erwachsen, die sich als kaum zu
überschätzender Beitrag für die Entwicklung der Disziplin erwiesen. Sie hielten und halten Goffmans Soziologie für unterschiedlichste sozialwissenschaftliche Forschungsansätze fruchtbar und
anschlussfähig, und sie begründen nicht zuletzt seinen Stellenwert
als Klassiker der (Wissens-)Soziologie.
Im Zentrum der Goffman’schen Analysen steht, wie das soziale
Formen- und Regelwerk der Interaktionsordnung im Spannungsfeld von Zwang und Freiheit, von Gesellschaft als Faktum sozialer
Strukturen und Vergesellschaftung als Prozess sozialer Wechselwirkungen vermittelt. Dies soll hier in Grundlinien rekonstruiert
und nachgezeichnet werden. Allein aus Platzgründen können
nicht alle Aspekte der Soziologie der Interaktionsordnung ihrer
Bedeutung entsprechend gewürdigt werden. Insbesondere musste
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ich auf eine Darlegung von Goffmans methodologischen Überlegungen und seiner methodischen Zugangsweisen verzichten (vgl.
hierzu vor allem Hettlage & Lenz 1991, Williams 1988 sowie die
vorzüglichen Arbeiten von Willems 1996, 1997a, 2000). Zum
Einstieg gestatten wir uns einen Blick in die intellektuelle Biografie
Goffmans und auf die Einflüsse und Prägungen seines wissenschaftlichen Denkens.
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