Behandlung von Metastasen

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Gesundheitsgespräch
Krebs: Hoffnung trotz Metastasen
Sendedatum: 4. Februar 2017
Experte:
Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann, Direktor der Medizinischen Klinik und
Poliklinik III, Klinikum der Universität München, Großhadern
Autorinnen: Susanne Segador, Beate Beheim-Schwarzbach
In Deutschland wird bei ca. 460.000 Menschen pro Jahr die Diagnose Krebs
gestellt. Bei der Hälfte dieser Patienten ist der Krebs noch örtlich begrenzt und
kann in den meisten Fällen durch lokale Behandlungsmöglichkeiten wie
insbesondere eine Operation geheilt werden. Bei der anderen Hälfte der
Patienten haben sich bereits Metastasen gebildet. Da dann eine Operation
nicht mehr hilft, kommt vor allem die Chemotherapie, bei einigen Krebsarten
(wie dem Brustkrebs der Frau oder dem Prostatakrebs beim Mann) auch eine
Hormonbehandlung zum Einsatz.
„Heutzutage wird intensiv an der Weiterentwicklung der Immuntherapie als
vierter Säule der Krebsbehandlung gearbeitet.“ Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann
Die Wissenschaftler blicken derzeit besonders auf sogenannte „Checkpoint
Inhibitoren“, d.h. Antikörper, die die Erkennbarkeit von Krebszellen durch die
Zellen des Immunsystems verbessern
Der Text basiert auf einem Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann,
Direktor der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik, Klinikum MünchenGroßhadern.
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Von Zellen zu Metastasen – Krebs ist eine Krankheit der Gene
Krebs ist eine Krankheit der Gene, aber keine Erbkrankheit. Denn bei Krebs
verändert sich die Erbsubstanz einzelner Zellen im Körper, nicht aber die
Erbsubstanz des ganzen Körpers.
Wunderwerk Körper: Ständige Reparatur von Fehlern
Im menschlichen Körper teilen sich jeden Tag Millionen von Zellen. Bei so
vielen Teilungsprozessen geschehen auch häufig fehlerhafte Veränderungen.
Der Körper hat jedoch Kontrollmechanismen, um diese Fehler zu erkennen und
auszuschalten. Wenn also eine bösartige Zelle entsteht, ist der Körper in der
Regel in der Lage diese kranke Zelle mittels seiner Immunabwehr zu erkennen
und abzutöten. Anderenfalls würden alle Menschen bereits in ganz jungen
Jahren an Krebs erkranken.
„Mittlerweile verstehen wir besser, was einen Krebs dazu bringt, sich als Krebs
zu entwickeln. Damit ein Krebs überhaupt entsteht, muss er in der Lage sein,
das Immunsystem irgendwie zu umgehen. Und wir wissen, dass es bei vielen
Krebskrankheiten so ist, dass sie sich praktisch unkenntlich machen für das
Immunsystem oder dass sie das Immunsystem sozusagen blockieren.“ Prof.
Wolfgang Hiddemann
Eine Frage des Alters
Krebs ist überwiegend eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Das mittlere
Erkrankungsalter liegt laut Zentrum für Krebsregisterdaten bei 69 Jahren. Der
Zusammenhang zwischen Lebensalter und Krebs lässt vermuten, dass die
Kontroll- und Abwehrmechanismen des Körpers irgendwann erschöpft sind. Mit
fortschreitendem Lebensalter entkommen deshalb immer mehr Krebszellen,
also Zellen deren Bauplan aus den Fugen geraten ist, den
Kontrollmechanismen und können sich dann vermehren. Auf diese Weise
entsteht ein Tumor. Erst dann spricht man von Krebs.
Die Metastasenbildung in fünf Schritten:
1. Eine entgleiste Zelle trickst den Kontrollmechanismus des Körpers aus und
vermehrt sich. Diese Krebszellen zerstören das Gewebe in ihrer Umgebung.
2. Die Krebszellen finden Anschluss an die großen Strombahnen im Körper entweder an das Lymph- oder das Blutsystem. So können sie sich im Körper
verteilen.
3. Die Krebszellen (zum Beispiel aus dem Darm) siedeln sich an einem
anderen Ort im Körper an (zum Beispiel in der Lunge).
4. Die Krebszellen wachsen in das fremde Organgewebe hinein: Sie müssen
dort erneut Barrieren überwinden, um zum Beispiel als Darmkrebszelle in das
fremde Lungengewebe eindringen zu können.
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5. Die Krebszellen fangen im fremden Organ an zu wachsen. Eine defekte
Zelle, die ursprünglich zum Beispiel aus dem Darm stammt und deshalb nach
wie vor den Bauplan einer defekten Darmzelle hat, vermehrt sich nun in der
Lunge weiter. Sie behält auch im Lungengewebe die Eigenschaften ihres
Ursprungstumors.
Viele Angreifer - wenige Treffer
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass viele Zellen von einem
Ursprungstumor über das Blut- oder Lymphsystem abschwimmen, aber nur
ganz wenige tatsächlich in das fremde Gewebe eindringen und sich dort
vermehren können. Die Gründe dafür sind noch nicht bekannt.
„Experimentelle Befunde legen die These nahe, dass bestimmte bösartige
Zellen auf ihrer Oberfläche eine Art Andockstellen haben, die dann an
entsprechende Andockstellen in anderen Organen passen. Zum Beispiel
Andockstellen einer bösartigen Darmzelle, die auf Gefäßzellen in der Lunge
passen.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Wo weniger Metastasen entstehen
„Krebszellen können überall dort im Körper anwachsen, wohin sie durch das
Blut oder die Lymphe gespült werden. Grundsätzlich können sich also in allen
Gewebearten Metastasen bilden. Allerdings gibt es einige Organe, in denen
sehr selten Metastasen entstehen. Dazu zählt an erster Stelle das Herz vermutlich, weil dort das Blut so schnell durchfließt, dass die Krebszellen gar
nicht andocken können. Sehr selten sind Metastasen auch in der Milz.“ Prof.
Wolfgang Hiddemann
Schnell wachsende Krebsarten
Die Frage, wohin die Krebszellen Tochtergeschwülste aussenden, hängt vor
allem davon ab, ob sie als erstes Anschluss an Blutgefäße oder an das
Lymphgefäßsystem bekommen.
„Der Dickdarmkrebs zum Beispiel breitet sich zunächst überwiegend über das
Lymphsystem aus. Deshalb sind in der Regel die ersten Tochtergeschwülste in
der Leber zu suchen. Der Nierenkrebs dagegen breitet sich über die Blutbahn
aus, und so ist die erste Metastasenstelle in der Regel die Lunge.“ Prof.
Wolfgang Hiddemann
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Therapien - Heilungschancen bei Metastasen
In Deutschland erhalten pro Jahr ca. 460.000 Menschen die Diagnose Krebs.
Bei der Hälfte dieser Patienten hat sich der Krebs noch nicht weiter verbreitet,
also noch keine Metastasen gebildet.
„Solange der Krebs noch örtlich begrenzt ist, kann man mit Erfolg örtliche
Behandlungsmaßnahmen einsetzen, also in der Regel den Krebs operativ
entfernen oder bei bestimmten Krebsarten auch bestrahlen.“ Prof. Wolfgang
Hiddemann
Bei der anderen Hälfte der Patienten haben sich bereits Metastasen gebildet.
Dann hilft die Operation nicht mehr weiter.
„Operiert wird dann nur noch als symptomatische Maßnahme, zum Beispiel
wenn der Tumor den Darm verschlossen hat und man mit einer Operation
dieses lokale Problem lösen kann.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Therapiemöglichkeiten
„Die Strahlentherapie ist wie eine Operation eine lokal begrenzte
Behandlungsmaßnahme und kann das Problem Krebs im metastasierten
Stadium nicht lösen. Wenn sich Tochtergeschwülste gebildet haben, muss eine
Therapie gemacht werden, die den ganzen Körper umfasst, also eine
systemische Behandlung. Das ist in der Regel eine Chemotherapie.“ Prof.
Wolfgang Hiddemann
Strahlentherapie
Die Strahlentherapie zerstört die Kernsubstanz einer Zelle. Die Strahlen werden
in einer sehr hohen Konzentration auf die Zelle geschossen. In der Zelle
erzeugen sie kleine Atome oder Elektronen, die die Zelle inwendig beschießen.
Dadurch zerstört eine Strahlentherapie direkt die Chromosomen.
Zerstörerische Kraft
„Im Prinzip kann man jede Zelle mit Strahlentherapie zerstören, aber leider sind
nicht alle Stellen im Körper gut für eine Bestrahlung zugänglich. In solchen
Fällen müssen wir immer abwägen, was wir der Krebszelle und was wir der
normalen Zelle antun. Die Haut ist zum Beispiel relativ strahlenempfindlich.
Man darf deswegen nicht - sozusagen volles Rohr - einfach auf den Körper
einstrahlen. Dann nämlich würde die Haut und vieles andere auch zerstört
werden.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
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Strahlen auffächern
„Mit den modernen Geräten und Techniken kann man die Strahlen in gewisser
Weise auffächern, also viele verschiedene Strahlenwege durch die Haut
wählen. So kommen die Strahlen aus unterschiedlichen Richtungen und
werden dann im Inneren des Körpers - wie ein Lichtstrahl - direkt auf den
Tumor gebündelt. Die unterschiedlichen Strahlen, die alle für sich allein
genommen an den normalen Zellen nicht so viel Schaden anrichten, können so
ihre gebündelte Wirkung an den anvisierten Krebszellen entfalten. Im
Umkehrschluss heißt das aber auch, dass Strahlentherapie nur örtlich begrenzt
eingesetzt werden kann.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Chemotherapie
Die Chemotherapie kann dagegen eingesetzt werden, wenn der Tumor bereits
gestreut hat. Wie eine Chemotherapie die bösartigen Zellen vernichtet, hängt
von den unterschiedlichen Medikamenten ab. Ein Teil dieser Medikamente
schädigt die DNS, die Bausteine der Gene. Andere Medikamente zerstören den
Spindelapparat, die Struktur in der Zelle, die notwendig ist, damit die Zellteilung
richtig ablaufen kann und sich Tochterzellen bilden können. Andere
Medikamente greifen in den Stoffwechsel von Krebszellen ein.
Kombination von Medikamenten
„Die einzelnen Wirkstoffe sollen für sich allein genommen an den normalen
Zellen möglichst wenig bewirken, dafür aber ihre Hauptwirkung an den
Tumorzellen entfalten. Damit das überhaupt funktioniert, macht man sich die
Eigenschaft der Tumorzellen zunutze, die sich in ihrem Stoffwechsel von
normalen Zellen unterscheiden. Die Unterschiede sind zwar häufig nicht sehr
groß, aber groß genug, um mit der Chemotherapie vorzugsweise Tumorzellen
zu treffen und auch abzutöten, während normale Zellen diese Behandlung
überleben und sich nach einer vorübergehenden Schädigung wieder erholen.
Bestes Beispiel sind die Haare, die zwar bei der Chemotherapie häufig dünn
werden oder ganz ausfallen, sich aber danach meist wieder völlig erholen: Die
Mutterzellen der Haarbildung werden nicht vollständig zerstört, während die
Krebszellen in günstigen Fällen komplett zerstört werden.“ Prof. Dr. Wolfgang
Hiddemann
Erfolgsaussichten
20 bis 25 Prozent der Krebspatienten sind nach einer Chemotherapie geheilt,
also wieder ganz gesund.
„Diese Patienten haben Tumoren, die nicht so häufig sind - zum Beispiel liegt
die Heilungsrate bei Hodentumoren ungefähr bei 90 Prozent. Bei bestimmten
Erkrankungen, wie dem Lymphdrüsenkrebs und einigen Formen von
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Gebärmutterhalskrebs, werden heute zwischen 50 und 90 Prozent der
Patienten wieder vollständig gesund.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Lebensverlängerung
Bei einem weiteren Viertel der Patienten kann die Krebserkrankung zumindest
zurückgedrängt und das Leben verlängert werden. Das ist zum Beispiel bei
Brust-, Dickdarm-, Lungen- oder auch Knochenkrebs der Fall.
„In diesen Fällen reden wir von einer wesentlichen Lebensverlängerung von
zum Teil mehreren Jahren. Das ist von Krebs zu Krebs sehr unterschiedlich.
Zum Beispiel sind beim Dickdarmkrebs mehrere Jahre, beim Brustkrebs
manchmal sogar Jahrzehnte möglich. Beim Prostatakrebs kann man mit fünf
bis zehn Jahren rechnen. Eine systemische Chemo- oder/und Hormontherapie
bringt in diesen Fällen nicht nur eine Verlängerung des Lebens, sondern vor
allem auch eine Steigerung der Lebensqualität. Die Patienten sind
zwischenzeitlich äußerlich völlig gesund und frei von Symptomen. Bei weiteren
25 Prozent schlägt die Chemotherapie so an, dass zumindest die
krankheitsbedingten Symptome verbessert werden können.“ Prof. Wolfgang
Hiddemann
Metastasen - Stand der Forschung
In den vergangenen Jahren ist die Forschung bei der Krebstherapie ein gutes
Stück vorangekommen. Vor allem das Verständnis über den Aufbau und die
Funktionsweise der Zellen ist gewachsen.
„Man hat erkannt, dass man durch Substanzen, die detailliert auf die
Eigenschaften von Krebszellen ausgerichtet sind, die Krebszellen besser treffen
kann. So weiß man, dass eine Zelle nicht einfach rund wie ein Ball ist, sondern
dass ihre Oberfläche unregelmäßig ist.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Eine Zelle ist nicht alleine
„Jede Zelle unterliegt den Einflüssen anderer Zellen wie auch dem Einfluss von
Botenstoffen, zum Beispiel von Hormonen oder bestimmten Vermittlern der
Immunabwehr, die im Körper ‚herum schwimmen’ und sich dann eine Zelle
suchen, an die sie andocken können.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Das Brustgewebe hat zum Beispiel solche Andockstellen für Hormone, auch
Rezeptoren genannt. Deshalb können die weiblichen Hormone auch das
Wachstum der weiblichen Brust beeinflussen. Bösartige Krebszellen der Brust
haben diese Andockstellen ebenfalls. Das bedeutet: Genauso wie normales
Brustgewebe wächst auch das Gewebe von bösartigen Brustzellen in
Abhängigkeit von Hormonen.
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Therapie mit genetisch hergestellten Antikörpern
In der Forschung wird derzeit intensiv auf Botenstoffe namens Zytokine
geschaut. Zytokine sind Wachstumsfaktoren für Zellen, die sich überall im
Körper befinden. Sie beeinflussen zum Beispiel die Blutbildung, indem sie dafür
sorgen, dass die weißen und die roten Blutkörperchen wachsen. Auch beim
Brustkrebs spielen sie eine wichtige Rolle. Der epidermale Wachstumsfaktor
beispielsweise ist eigentlich für Hautzellen wichtig, aber er kann auch das
Brustzellenwachstum beeinflussen. Die Forschung versucht Wege zu finden,
dass Brustkrebszellen auf solche Wachstumsfaktoren nicht mit Wachstum
reagieren.
„Diese Rezeptoren blockiert man, indem der Patient ein Medikament bekommt,
das sich an sie anlagert. Somit ist der Rezeptor für echte Wachstumsfaktoren
blockiert. Diese Art der Therapie arbeitet mit genetisch hergestellten
Antikörpern.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Vierte Therapie-Säule: Antikörper
Seit einigen Jahren werden derartige Medikamente in großem Umfang in der
Onkologie einsetzt.
„Das Herceptin ist zum Beispiel ein zugelassenes Medikament, das einen
Antikörper enthält, der an die Rezeptoren auf Brustzellen andockt und damit
den Einfluss des normalen Wachstumsfaktors auf die bösartige Brustzelle
unterbindet. Auf diese Weise kann die Brustzelle nicht mehr wachsen. Das ist
eine der sehr viel versprechenden Entwicklungen in der modernen Onkologie.
Neben der Operation, der Chemo- und der Strahlentherapie ist damit die
Therapie mit genetisch hergestellten Antikörpern die vierte Säule der
Krebsbehandlung.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Revolution bei der Therapie von Lymphdrüsenkrebs
Auch bei Lymphdrüsenkrebs werden Antikörper eingesetzt.
„Hier wurde die Behandlung wirklich revolutioniert hat. Seit einigen Jahren steht
uns ein Antikörper zur Verfügung, der in der Lage ist, Lymphomzellen
abzutöten. Durch diesen Antikörper wird auch die Wirksamkeit der
Chemotherapie in einem sehr hohen Maße gesteigert und die Lebenszeit
wesentlich verlängert.“ Prof. Wolfgang Hiddemann
Neuere Form der Immuntherapie – Checkpoint-Inhibitoren
Damit sich ein Krebs überhaupt als solcher entwickeln kann, muss er das
Immunsystem umgehen. Das schafft er auf zwei Arten – entweder, indem er
sich selbst unkenntlich macht oder indem er das Immunsystem blockiert. Dabei
'missbrauchen' Tumorzellen Immunkontrollpunkte, sogenannte Checkpoints,
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um die körpereigene Abwehr außer Kraft zu setzen. An dieser Stelle setzen die
sogenannten Checkpoint-Inhibitoren an. Dabei handelt es sich vereinfacht
gesagt um Medikamente, die Tumorzellen für das Immunsystem als solche
wieder erkennbar machen.
"Tumorzellen machen sich also zunächst für das Immunsystem unkenntlich.
Man kann die Tumorzellen aber wieder angreifbar machen, wenn man ihnen
sozusagen die Kapuze wieder vom Kopf zieht." Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann
Auf dem Gebiet der Checkpoint-Inhibitoren wird momentan sehr intensive
Forschung betrieben – mit vielen zum Teil sehr positiven Ergebnissen, vor
allem bei schwarzem Hautkrebs und Dickdarmkrebs.
Individualisierte Krebstherapie
Die individualisierte Krebstherapie wird unterschiedlich bewertet – manche
halten sie für aufgeblasene Geldmacherei seitens der Pharmaindustrie. Der
Experte in unserem Dossier sieht in ihr jedoch gute Erfolgschancen.
Passgenaue Behandlung - Individualisierte Krebstherapie
Jeder Krebspatient ist individuell. Und schon lange wissen Mediziner: Bei einem
Krebspatienten verläuft die Krankheit oft anders als bei einem zweiten.
Deswegen legen Ärzte seit jeher ihr Augenmerk zum Beispiel auch darauf, wie
weit sich der Krebs ausgedehnt hat und ob eine Operation sinnvoll ist.
Außerdem spielt seit Langem eine Rolle: Welche Informationen liefert der
histologische Schnitt durch den jeweiligen Tumor, welche Merkmale haben die
Krebszellen? Und seit Kurzem können Wissenschaftler außerdem
Krebstumoren immer besser und genauer charakterisieren und so
Untergruppen von Patienten erkennen, deren Tumor vergleichbare Merkmale
aufweist. Diese Patienten können ähnlich behandelt werden.
Maßgeschneiderte Behandlung - Was ist individualisierte Krebstherapie?
Individualisierte Krebstherapie bedeutet nicht, dass Ärzte erst jetzt ihre
Patienten als Individuen wahrnehmen. Denn schon immer haben Mediziner sich
im Rahmen einer Diagnose auch überlegt: Wie wirkt der Patient, welche
Nebenkrankheiten bestehen, wie sieht seine Lebensplanung aus und welche
Therapievorschläge machen Sinn? Doch seit ein paar Jahren können
Wissenschaftler einen bestehenden Krebstumor zunehmend genauer
charakterisieren und so eine differenzierte Behandlung vorschlagen.
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Vor so einer differenzierten Krebstherapie steht allerdings eine ausführliche
molekulargenetische Charakterisierung des Tumors. Am sichersten erfolgt
diese in einer spezialisierten Einrichtung mit geeigneter apparativer Ausstattung
und Know-how. Denn momentan erhalten Wissenschaftler beinahe täglich neue
Erkenntnisse und davon sollten Patienten auch wenn möglich profitieren.
Für wen geeignet?
In Deutschland erkranken zurzeit pro Jahr etwa 460.000 Menschen an Krebs.
Bei rund der Hälfte wird der Krebs noch in einem Stadium erkannt, in dem er
durch lokale Maßnahmen (Operation und/oder Bestrahlung, sowie
Chemotherapie) behandelbar ist. Bei der anderen Hälfte der Patienten wird der
Krebs erst erkannt, wenn er schon gestreut hat. Für diese Gruppe eignet sich
die individualisierte Krebstherapie im engeren Sinne.
Beispiel Dickdarmkrebs
Am längsten etabliert ist die individualisierte Krebstherapie beim
Dickdarmkrebs. Dort werden bei der molekulargenetischen Charakterisierung
die Tumorzellen daraufhin untersucht, ob ein bestimmtes Gen (RAS-Gen)
mutiert (verändert) ist oder nicht. Hintergrund der Untersuchung ist, dass dieses
Gen das Wachstum des Tumors steuert. Ist das RAS-Gen nicht mutiert, kann
der Patient mit einem bestimmten Antikörper behandelt werden, der nicht
wirksam ist, wenn das RAS Gen verändert ist..
„Die Bestimmung des RAS-Gens gehört heute schon obligatorisch zur initialen
Diagnostik bei Dickdarmkrebs dazu. Hat ein Patient ein verändertes RAS-Gen,
dann macht es keinen Sinn, die Antikörper einzusetzen.“ Prof. Dr. Wolfgang
Hiddemann.
Den Krebs entschlüsseln - Genetischer Fingerabdruck der Krebszellen
Die Krebsforschung kann heutzutage durch Gensequenzierung eine Art
Fingerabdruck des Tumors erstellen. Dadurch werden auch genetische
Veränderungen in der Tumorzelle sichtbar, gegen die es zum Teil bereits
Medikamente gibt, die erfolgreich eingesetzt werden.
"Durch Gensequenzierung haben wir mittlerweile Angriffspunkte direkt an der
Tumorzelle, wo man mit Medikamenten gezielt auch einen individuellen Tumor
behandeln kann." Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann
Krebs braucht Nahrung
Eine andere Möglichkeit besteht über die Nährstoffzufuhr der Tumorzelle. Denn
wie jedes andere Gewebe braucht auch das Krebsgewebe Nährstoffe. Das
heißt, der Krebs sorgt dafür, dass sich Gefäße bilden, die ihn versorgen.
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„Mittlerweile weiß man, dass auf den Krebszellen Merkmale sitzen, die sagen:
Gefäße kommt her zu mir und helft mir. Wenn man solch ein Merkmal auf einer
Krebszelle findet, kann man sozusagen die Nährstoffversorgung des Krebses
abschalten indem man Antikörper einsetzt, die die Gefäßneubildung
verhindern.“ Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann.
Das Immunsystem greift ein - oder auch nicht
Bei jedem Menschen bilden sich ständig bösartige Zellen, allerdings erkennt sie
das Immunsystem und baut sie in der Regel sofort ab. Bei manchen
Krebspatienten ist das Immunsystem allerdings dazu nicht in der Lage: Es
erkennt die Krebszellen nicht, denn diese tragen Merkmale auf ihrer
Oberfläche, die eine Aktivierung der Abwehrzellen verhindern.
Antikörper können helfen
Wie Wissenschaftler herausgefunden haben, kann in so einem Fall eine
Antikörpertherapie hilfreich sein. Diese Antikörper blockieren die Unterdrückung
und versetzen das Immunsystem wieder in die Lage, die Krebszellen zu
erkennen und abzubauen.
Erfolgsaussichten der individualisierten Therapie – Wie weit ist die
Wissenschaft?
Inzwischen lässt sich für praktisch alle Arten von Tumoren ein sogenanntes
genetisches Risikoprofil erstellen, um daraufhin zu entscheiden, was getan
werden muss.
"Ich glaube, wir sind inzwischen auf einem Weg, wo wir die herkömmliche
Einteilung der Krebskrankheiten wahrscheinlich in absehbarer Zukunft
verlassen werden, und nicht mehr sagen werden: 'Wir behandeln den
Darmkrebs oder den Lungenkrebs', sondern: 'Wir behandeln den Krebs mit
dieser oder jenen bestimmten Mutation' – unabhängig davon, in welchem
Organ er entstanden ist." Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann
Tipp: Was können Patienten tun?
Wer wissen will, ob für ihn eine individualisierte Krebsbehandlung in Frage
kommt, kann sich an die nächste Universitätsklinik wenden. Dort erkundigt man
sich nach eventuell vorhandenen neuen Methoden, um den jeweiligen Tumor
besser zu charakterisieren und daraufhin eine entsprechende Therapie
einzuleiten.
„Außerdem kann man den Krebsinformationsdienst am Deutschen
Krebsforschungszentrum fragen, oder sich an die Deutsche Krebshilfe
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wenden. Dort gibt es zentrale Anlaufstellen, die man nach einer Empfehlung
fragen kann und wo die Mitarbeiter auf dem neuesten Stand der Wissenschaft
sind.“ Prof. Dr. Wolfgang Hiddemann.
Voraussetzungen
Ausschlaggebend ist der Gesamtzustand des Patienten, entscheidend sind eine
gute Leber- und Nierenfunktion. Allerdings ist die individualisierte Krebstherapie
vor allem für Patienten sinnvoll, bei denen sich der Krebs schon ausgedehnt
hat, sich bereits Metastasen gebildet haben und keine Operation mehr möglich
ist.
Nebenwirkungen
Die Nebenwirkungen bei der individualisierten Krebstherapie hängen stark vom
jeweiligen Medikament ab. Setzt man zum Beispiel eines ein, das eine GefäßNeubildung von Tumoren hemmt, dann beeinflusst man damit auch die normale
Gefäß-Neubildung. Solche Patienten können Blutungskomplikationen
bekommen. Andere Medikamente sind Antikörper, also Eiweißstoffe und
können gegebenenfalls zu allergischen Reaktionen führen.
Kosten der individualisierten Therapie
In Deutschland ist die gesetzliche Schwelle von der vorklinischen Untersuchung
eines Medikaments bis hin zum klinischen Einsatz vergleichsweise hoch (im
Unterschied zu den USA, Italien oder England). Der Gesetzgeber hat in
Deutschland hohe Hürden eingebaut. Für pharmazeutische Unternehmen
bedeutet das einen maßgeblichen, finanziellen Aufwand in der Entwicklung –
demzufolge ist die individualisierte Krebstherapie vergleichsweise teuer.
Überlebenschancen
Eine Studie bei Lungenkrebspatienten hat gezeigt, mit Hilfe einer
individualisierten Krebstherapie kann das Überleben um rund sechs Wochen
verlängert werden. Bei Dickdarmkrebs jedoch ist die Überlebenszeit inzwischen
verdoppelt worden, ebenso beim bösartigen Hautkrebs.
Zukünftige Entwicklung
Dank der Grundlagenforschung verstehen Mediziner heute immer besser,
warum Tumorzellen wachsen und können deren Ausbreitung kontrollieren
Vermutlich wird sich das Prinzip durchsetzen, dass man einen Tumor als Erstes
charakterisiert und seine Merkmale bestimmt und dann eine entsprechende
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