Schopenhauers Philosophie des Alters

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Schopenhauers Philosophie des Alters
Michael Fletter (Frankfurt a. M.)
„Du selber machst die Zeit, das Uhrwerk sind die Sinnen; hemmst du die
Unruh nur, so ist die Zeit von hinnen."
Angelus Silesisus
„Vom Unterschiede der Lebensalter" lautet der Titel einer Abhandlung aus
den „Aphorismen zur Lebensweisheit" 1, in der sich Schopenhauer mit dem
Altern und dem Alter befaßt. Da es um die unterschiedlichen Lebensalter geht,
kommt der Zeit in seiner Betrachtung großes Gewicht zu. Diese interessierten
ihn jedoch nicht so sehr als chronologisches Schema, nach dem sich die
Abschnitte des Lebens charakterisieren lassen, sondern seine Untersuchung
erfolgt von innen heraus: die verschiedenen Abschnitte zeitigen unterschiedliche
Formen des Zeiterlebens. Wir erleben Zeit, und im Laufe der Zeit wandelt sich
unser Verhältnis zu ihr. Schopenhauer löst sich in seiner Philosophie des Alterns
und Alters von dem transzendentalphilosophischen Hintergrund Kants, demzufolge die Zeit von Empfindung frei ist. Bei ihm taucht die Zeit in den Strom des
Lebens ein. Sie wird konstituiert durch Hoffnung und Enttäuschung, Erinnerung und Verdrängung und die gereifte Einsicht von Menschen im Laufe der
Jahre. Mit diesem, gleichsam existentialistischen Zeitverständnis überwindet
Schopenhauer auch eine naturwissenschaftliche Auffassung von Zeit, wie sie in
modifizierter
Form bei Kant und bei ihm selbst an anderer Stelle vorliegt, ohne
daß er — so weit ich sehe — über die divergierenden Varianten seines Zeitbegriffs reflektiert. Ich möchte im folgenden auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Zeitvorstellung eingehen und dann Übereinstimmungen und Differenzen hinsichtlich der Anschauungsform der Zeit bei Kant und Schopenhauer
herausstellen, bevor ich zum eigentlichen Thema meines Vortrags, zum Stellenwert des Alters in der Philosophie Schopenhauers komme, der ohne die Berücksichtigung der Zeitproblematik nur unzureichend präzisiert werden kann.
Eine kürzlich erschienene Arbeit von Norbert Elias, die den Titel trägt
„Über die Zeit" 2, enthält u. a. ausführliches und anschauliches Material zur
Entwicklung des physikalischen Zeitbegriffs. Hier heißt es:
„Wenn sich auf früheren Entwicklungsstufen für Menschen die Notwendigkeit
ergab, eine Antwort auf die Frage nach der Position von Ereignissen oder der
Länge von Abläufen imNacheinander des Geschehens zu finden, dann benutz-
sie gewöhnlich als Standardabiauf einen bestimmten Typ von natürlichen
Abfolgen. Sie hielten sich an Naturabläufe, die zwar in Wirklichkeit, wie alles,
was nacheinander geschieht, einmalig und unwiederholbar waren, deren jeweils
späteres Auftreten aber ein ganz ähnliches oder das gleiche Muster aufwies wie
das jeweils frühere. Solch ein wiederkehrendes Muster des Nacheinander, etwa
im Fall von Ebbe und Flut, von dem Auf und Ab des eigenen Pulsschlags oder
dem Kommen und Gehen von Sonne und Mond konnten Menschen als Mittel
der Abstimmung ihrer Aktivitäten aufeinander und auf außermenschliche
ten
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Geschehensabläufe in gleicher Weise verwenden wie Menschen auf späterer
Stufe die wiederkehrenden symbolischen Muster auf den Zifferblättern der von
Menschen geschaffenen Uhren." 3
Die Entwicklung der Naturwissenschaften
ließ eine Vorstellung von Zeit
entstehen, der zufolge diese nicht mehr an den regelmäßigen Verlauf sinnlich
wahrnehmbarer, natürlicher Gegebenheiten gebunden war, sondern eine unab-
hängige, an sich existierende Größe bildete. Eingeleitet wurde diese Entwicklung
mit den Beschleunigungsexperimenten Galileis, anhand derer bewiesen werden
sollte, daß die Geschwindigkeit eines fallenden Körpers nicht gleichmäßig ist,
sondern im Fall zunimmt. Galilei grenzte sich damit von der zur Doktrin
erstarrten Annahme des Aristoteles ab, der die Fallgeschwindigkeit als gleichmäßig betrachtet und nur vom Gewicht des Körpers abhängig gemacht hatte.
Galilei ließ eine Kugel eine Schräge hinunterrollen und maß die Zeit, innerhalb
derer sie vorher festgesetzte, gleichlange Distanzen überwand, mit einer Wasseruhr. Diese bestand aus einem Gefäß, in das ein gleichmäßig dünner Wasserstrahl
rann, während sich die Kugel in Bewegung befand. Anhand dieser „einförmige[n] Bewegung als Bezugsrahmen" 4 und der unterschiedlichen, gewogenen
Wasserquanten gelang es Galilei, sichtbar zu machen, daß die Kugel die Distanzen in unterschiedlichen Zeiteinheiten bewältigt hatte. Mit Galilei bahnte sich
die Auffassung eines an sich bestehenden Verlaufs der Zeit an.
„Zunehmend gewöhnten sich Menschen in ihren wissenschaftlichen Untersuchungen daran, zu sagen, daß sie die Zeit maßen, ohne daß ihnen je in den Sinn
kam, die beobachtbaren Daten zu untersuchen, auf die sich dieser Begriff bezog
— obwohl Zeit als solche ja weder sichtbar, noch prüfbar, also auch weder
beobachtbar noch meßbar ist. Auch kann sie sich daher weder dehnen noch
schrumpfen." 5
Losgelöst von den Gegenständen, auf deren Wandel und Wechsel sie sich
bezog, fielen der Zeit die Attribute der Homogenität und Kontinuität zu. Zeit
wurde begriffen als an sich bestehende, reine und gleichmäßige Größe. Hatten
diese Zeitvorstellungen bei Galilei nur den Zweck, „als Faustregeln für praktische Aufgaben zu dienen", so erhielten sie mit Newton ihre „Verallgemeinerung
und endgültige Gestalt" 6
.
Für den Idealismus trägt die Vorstellung einer an sich existierenden Zeit
imaginäre Züge. Kant spricht von der naturwissenschaftlichen, absoluten Zeit als
„ens imaginarium" 7 Er wendet sich dagegen, auf Grund von Veränderungen auf
das Vorhandensein einer Zeit an sich zu schließen. Stattdessen betont er, daß die
Möglichkeit der Veränderung nur in der Zeit vorstellbar ist8,mithin die Zeit eine
Anschauungsform a priori ist, die der Erfahrung zugrunde liegt.
.
...
„Die Zeit ist kein
empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung
abgezogen worden: Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen würde
selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung der Zeit nicht
a priori zum Grunde läge." 9
Die Vorstellung der Zeit wird demnach nicht überhaupt verworfen, sondern
inder Form der „transzendentalen Idealität" und „empirischen [nicht absoluten,
M.F.] Realität" neu bestimmt. Als solche besitzt die Zeit „objektive Gültigkeit
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in Ansehung aller Gegenstände, die jemals unseren Sinnen gegeben werden
mögen" 10 Die „Idealität" und bloß „empirische Realität" der Zeit hindern Kant
jedoch nicht daran, an anderen, ihr von der Naturwissenschaft verliehenen
Attributen festzuhalten. Aus den Grundsätzen der Arithmetik und Mechanik,
die auf Sukzession und Bewegung basieren, die ihrerseits wiederum nur unter
der Voraussetzung apriorisch bestimmter Zeit vorstellbar sind, kann man auf die
Eigenschaften der Zeit schließen. Zeit weist eine anhand der Kausalität geregelte
Objektivität der Sukzession auf 11 Zugleich entsteht durch sie als „formales
Prinzip" „das formale Ganze... die Welt der Erscheinungen" 12 Zeit ist so
indifferent gegenüber den konkreten Inhalten, wiewohl sie nur in bezug auf
diese objektive Realität besitzt. Homogenität und Kontinuität werden in Form
der geregelten Sukzession und des formalen Charakters auch inder idealistischen
Fassung der Zeit beibehalten.
Schopenhauer hält am transzendentalen Charakter der Zeit fest. Er bezeichnet es als absurde Ansicht, die Zeit als unabhängig vom Subjekt und völlig
objektiv zu denken 13 „VorKant also waren wir in der Zeit, jetzt ist die Zeit in
uns" 14 Auch bestimmte naturwissenschaftliche Positionen werden nicht aufgegeben. So bildet die Zeit eine homogene Größe. Schopenhauer vergleicht sie mit
einer geraden Linie, die nur eine Dimension hat 15 Weiterhin zeichnet sie sich
durch ihren gleichmäßigen Fluß aus:
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„Wenn alle Uhren stehn blieben, wenn die Sonne selbst stillstände, wenn alle
und jede Bewegung, oder Veränderung, stockte; so würde dies doch den Lauf
der Zeit keinen Augenblick hemmen, sondern sie würde ihren gleichmäßigen
Gang fortsetzen ."16
..
Offensichtlich spricht in den beiden letzten Zitaten, die aus der Schrift
„Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde" und aus den
Parerga stammen, aus Schopenhauer der Kantianer, der den Transzendentalismus mitnaturwissenschaftlichen Ansichten zu verbinden sucht. In der Philosophie des Alters treten an die Stelle der naturwissenschaftlichen Attribute der
Homogenität und Kontinuität heterogene und diskontinuierliche Bestimmungen
der Zeit. Im Rahmen einer Schopenhauer-Interpretation besitzen die „Aphorismen zur Lebensweisheit" schon deshalb philosophische Bedeutung, weil hier im
Kapitel über das Altern in konzentrierter Form eine geänderte oder erweiterte
Fassung der Zeit vorliegt 17
Bevor wir nun zur Philosophie des Alters kommen, möchte ich noch auf
einen wichtigen Unterschied zwischen Kant und Schopenhauer in puncto Zeitbestimmung aufmerksam machen. Im Gegensatz zu Kant faßt Schopenhauer die
Zeit als Gestaltung des Satzes vom Grunde auf. Die reine Anschauung der Zeit,
die Kant zufolge von den Kategorien des reinen Verstandes unabhängig ist18,
wirdbei Schopenhauer der apriorischen Grundfunktion des Satzes vom Grunde
eingegliedert. Dieser äußert sich als ursprüngliche Zeitanschauung 19 Man darf
hierin nicht den Beleg für eine unsaubere Kant-Rezeption von Seiten Schopenhauers sehen. Es handelt sich um eine Revidierung der Transzendentalität mit
Hilfe der Kategorie der Kausalität, durch welche die Zeit in Beziehung zum
Willen gesetzt wird.Kausalität ist die allgemeine Form der Verstandestätigkeit
egozentrischer und dem Willen dienender Individuen. Die Zeit, der Kategorie
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der Kausalität unterworfen und nicht neben ihr bestehend, wird dadurch
ihrerseits an den Willen gebunden: „DieZeit ist aber die allgemeinste Form aller
Objekte der imDienste des Willens stehenden Erkenntniß und der Urtypus der
übrigen Formen derselben" 20 Diese Veränderung, die Schopenhauer mit der
Anschauungsform der Zeit vornimmt, bahnt den Weg zu einer Existenz- Analyse
der Zeit in der Philosophie des Alterns. In ihr bestimmen die Motive, die den
Willen des Menschen im Verlauf seines Lebens affizieren und sich in Hoffnung,
Langeweile, Sehnsucht, Enttäuschung usw. äußern, die Zeit und gestalten diese
um in eine von unterschiedlichen Empfindungen getragene, heterogene und
diskontinuierliche Größe.
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Generell für das menschliche Leben soll Schopenhauer zufolge gelten, daß
die Geschwindigkeit der Zeit in den verschiedenen Lebensaltern variiert: „So
verfließt Jedem, nach Maaßgabe seiner Entfernung vom Lebensanfange, die Zeit
schneller und immer schneller" 21 Schopenhauer begründet dieses Phänomen mit
der unterschiedlichen Stärke der Eindrücke auf den sich ablösenden Altersstufen. Da in der Kindheit „der Wille noch lange nicht mit seiner vollen Energie
auftritt", wir „wenigBeziehungen und Bedürfnisse haben", welche die Anschauung trüben können, verhalten wir uns hier „bei Weitem mehr rein erkennend als
wollend" 22 Die Intensität der Eindrücke wird noch dadurch verstärkt, daß
„Alles mit dem Reize der Neuheit überfirnißt ist", „wodurch jedes Ding als
Repräsentant seiner Gattung auftritt, und ci\u03b7 Fall für tausend gilt"23 Demgegenüber schließt das Alter intensive Eindrücke zwar nicht aus: man denke an die
geruhsame und hingebungsvolle Gartenarbeit alter Menschen, oder an die
Fähigkeit, erst jetzt Natureindrücke ohne Unruhe auf sich wirken lassen zu
können. Der Reiz des Neuen hingegen ist verschwunden. „Allmälig aber wird,
durch die lange Gewohnheit der selben Wahrnehmungen, der Intellekt so
abgeschliffen, daß immer mehr Alles wirkungslos darüber hingleitet" 24 Die
unterschiedliche Intensität der Eindrücke ist u. a. verantwortlich für das unterschiedliche Zeitempfinden in Kindheit und Alter. „In der Kindheit bringt die
Neuheit aller Gegenstände und Begebenheiten Jegliches zum Bewußtscyn: daher
ist der Tag unabsehbar lang. Das Selbe widerfährt uns auf Reisen, wo deshalb
ein Monat länger erscheint, als vier zu Hause." 25 In diesem Sinne „werden die
Tage im Alter unbedeutender und dadurch kürzer...: die Stunden des Knaben
sind länger, als die Tage des Alten" 26 Interessanterweise vergleicht Schopenhauer die unterschiedliche Zeitempfindung mit einem Bild, das an das Experiment des Galilei erinnert: „Demnach hat die Zeit unsers Lebens eine beschleunigte Bewegung, wie die einer herabrollenden Kugel" 27 Basierte Galileis Versuch auf der Vorstellung eines kontinuierlichen Zeitflusses, so dient das Beispiel
der schneller werdenden Kugel bei Schopenhauer dem Beweis der Diskontinuität
des Zeitempfindens.
Diskontinuierliches Zeitempfinden ist nicht nur abhängig vom Eindruck der
Neuartigkeit, sondern auch von der Erinnerung. Vergegenwärtigt sich der alte
Mensch zurückliegende Epochen seines Lebens, so bemerkt er, daß nicht das
chronologische Raster von Tagen, Monaten und Jahren den Leitfaden der
Erinnerung bildet, sondern daß er eine Auswahl nach dem Grade der Bedeutung
trifft,die eine Person, ein Ereignis, eine Sache für ihn hatten oder noch haben.
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Unbedeutendes und Unangenehmes wird häufig nicht „ruminirt",wie Schopenhauer mit einem altertümlichen Ausdruck für das Erinnern sagt.
wird aber immer mehr: denn durch die öftere und
endlich zahllose Wiederkehr wird Vielerlei, das Anfangs uns bedeutend
erschien, allmälig unbedeutend; [. .] Nun ferner das Unangenehme ruminiren
wir nicht gerne, am wenigsten aber dann, wann es unsere Eitelkeit verwundet,
welches sogar meistens der Fall ist; weil wenige Leiden uns ganz ohne unsere
Schuld getroffen haben. Daher also wirdebenfalls vielUnangenehmes vergessen. Beide Ausfälle nun sind es, die unsere Erinnerung so kurz machen, und
verhältnißmäßig immer kürzer, je länger ihr Stoff wird u2i
„Des Unbedeutenden
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... .
Durch diese Verkürzung verliert sich die Empfindung der gelebten Zeit
bisweilen derart, daß uns sogar unser eigenes Alter „fabelhaft" (unglaublich) 29
vorkommen kann. Verdrängung aus Eitelkeit beeinflußt demnach unser Zeitempfinden. Schopenhauer antizipiert hier andeutungsweise Einsichten Freuds,
denen zufolge das Unbewußte keine Zeit kennt 30
ImEmpfinden besitzt die Zeit nicht nur diskontinuierliche Aspekte, sondern
auch heterogene. Es ist möglich — so Schopenhauer
daß wir bisweilen,
„durch Erinnerung und Phantasie" erregt, „uns eine längst vergangene Scene
unsers Lebens so lebhaft vergegenwärtigen, wie den gestrigen Tag"31 Urn mit
Jean Améry zu sprechen: es sind die „Intensitätsgrade des Abgelebten" 32 und
dessen psychische Funktion, auf Grund derer wir das chronologische Schema
der Zeit vernachlässigen. „Im Nachspüren der Zeit setzen wir uns über gewisse
Vorschriften des konventionell logischen Denkens hinweg" 33 Ich möchte hierfür ein Beispiel anführen, das Amérys Buch „Über das Altern"34 entnommen ist
und das durch die geschilderte Verlagerung der Vergangenheitsquanten auf die
zugrundeliegende heterogene Bedürfnisstruktur verweist:
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„A. hat den Krieg durchgemacht, den Zweiten Weltkrieg mit seinem Frontdienst, seinen Verletzungen, Bomben, mit dem Verlust von Angehörigen und
—
der Vertreibung aus der Heimat. Die Zeitmasse der Jahre 1939 1945 hat für
ihn Opazität und Schwere. Die zehn Jahre, die dem Kriegsereignis vorangingen, werden in der Erinnerung so blutleer, dünne und leicht wie die zwei
Nachkriegsjahrzehnte, fünf Jahre sind eine längere, gewichtigere Zeit als zehn
oder zwanzig. Unmerklich aber werden dann die Zeitgewichte neu verteilt.
Gras wächst über die ganze Vergangenheit, die plötzlich
— als eingeebnet
erscheint und überhaupt keine Zeitwerte mehr hat. Bis dann man entdeckt's
meist mit einem Schlage
die Verlagerung der Vergangenheitsquanten, die
unterm Grase vor sich ging, manifest wird:dann istder Krieg so wenig schwere
Zeit wie die Zeit nach ihm, und was sich nun als Masse erhebt wie ein Berg, das
sind vielleicht ein paar Sommerwochen, sehr weit weg diese, die ein schon halb
vergessenes Liebesabenteuer gebracht hatten." 35
—
Chronologisch vorgestellte, gleichmäßige und homogene Zeit entpuppt sich
angesichts der Diskontinuität stiftenden Erinnerung und Heterogenität erzeugenden intrapsychischen Bedeutung des Zeiterlebens als obsoletes Raster. Zeit
erscheint im Vorgriff auf den Existentialismus als Zeitstrom, „als qualitative
Mannigfaltigkeit
als reine Heterogenität" 36 Mit diesen Worten umreißt
Bergson in „Zeit und Freiheit" 37 die existentialistische Vorstellung einer Dauer,
„die als Sukzession qualitativer Veränderung aufgefaßt wird und in unsere
...
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innere, individuelle Existenz gehört, während wir im Alltag, in der Wissenschaft, mit dem homogenen, chronologischen Schema der Zeit operieren. Unter
...
diesem
entdeckt eine aufmerksame psychologische Betrachtung eine Dauer,
deren heterogene Momente sich wechselseitig durchdringen, unter der numerischen Mannigfaltigkeit der Bewußtseinszustande eine qualitative..." 38 Schopenhauer, der die Zeit mit dem Erleben des Menschen im Verlauf seines Lebens
in Zusammenhang bringt, schreitet damit über Kant fort, der die Zeit als
homogene, kontinuierliche Größe, eben nicht psychologisch, aufgefaßt hat.
Gleichzeitig weicht er auch von seinem eigenen, naturwissenschaftlich gefärbten
Zeitbegriff ab. In dem Maße, in dem die jeweilige psychische Bedeutung eines
Ereignisses als konstitutiv für das Zeitempfinden sichtbar wird,zeichnet sich ein
Zusammenspiel zwischen der Zeit und dem Willen, der Basis der psychischen
Bedürfnisse, ab, das den transzendentalen Charakter der Zeit tangiert und
revidiert. Die Unterordnung der Zeit unter die Kategorie der Kausalität, in der
sich der leibbezogene, egozentrische Charakter des Willens objektiviert, bildet
gewissermaßen einen Vorgriff auf die existentialistische Sichtweise Bergsons,
derzufolge psychische Tatsachen nicht chronologisch aufeinanderfolgen, sondern sich als Ausdruck inneren Erlebens der Gesetzmäßigkeit der naturwissenschaftlichen Zeit, die Bergson zufolge nach dem Schema des Raums definiert
wird, entziehen.
Bergson bleibt auf der Ebene der Psychologie. Im Gegenzug zur mechanistisch ausgerichteten herkömmlichen Psychologie will er eine positive Charakteristik von Handlungen aus Freiheit entwerfen. Die wesenhafte Zeitlichkeit
psychischen Lebens soll dies ermöglichen. Wie sich zeigen wird, stehen Schopenhauers Überlegungen zur Zeit hingegen in enger Verbindung mit seiner
Willensmetaphysik.
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Die verschiedenen Lebensabschnitte und die mit ihnen verbundenen Vorauswillenspsychologischer Art entscheiden nicht nur über die Heterogenität und Diskontinuität der gelebten Zeit, sondern auch über das menschliche
Verhältnis zur Zeit und dessen Wandel. „Vom Standpunkte der Jugend aus
gesehn, ist das Leben eine unendlich lange Zukunft" 39 Zeit spielt aus dieser
Perspektive praktisch keine Rolle. Entsprechend gehen wir mit ihr um*0, verschwenden sie nutzlos oder befrachten die Zukunft mit Wünschen, die den zur
Verfügung stehenden Rahmen sprengen. Man muß Platz haben „für die gränzenlosen Hoffnungen, mit denen man es [das Leben] bevölkert, und zu deren
Verwirklichung Methusalem
zu jung stürbe" 41 Jugendliche Illusionen, von
—
denen Schopenhauer
Nietzsche nicht unähnlich
sagt, sie seien bisweilen
notwendig, denn „ohne sie käme schwerlich etwas Großes zu Stande" 42, weisen
darauf hin, daß man—in diesem Lebensabschnitt dazu neigt, sich der Zeit und
mit ihr der Realität
fürenthoben zu erachten. Im Alter jedoch, wenn sich mit
der Sorge um die Gesundheit, dem Tod von Nahestehenden das Bewußtsein des
eigenen Todes ankündigt, wächst die Nähe zur Zeit ineinem oft erschreckenden
Maße. Man spürt, wie es bei Wilhelm Busch heißt: Eins, zwei, drei — im
Sauseschritt, läuft die Zeit, wirlaufen mit. Schopenhauer vergleicht die Zeit mit
einem „Zuchtmeister mit der Peitsche", der uns nicht zur Ruhe kommen laßt 43
An anderer Stelle heißt es, daß im späten Alter jeder Tag eine „Empfindung
setzungen
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. —
—
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[erregt], welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht
geführter Delinquent hat" 44 Dann kann die Zeit zu unserem Erzfeind oder
unserem einzigen Freund werden, oder auch beides zugleich sein. Améry
.
schreibt hierzu:
„Und so ist die Zeit dem, der in die Welt hineinlebt, kein persönliches Problem,
dem Augenblick freilich des O-weh-wohin-entschwanden-alle-meineErst dann, wenn einer der Entschwundenheit und Unwiederbringlichkeit gewahr wird, wird die Zeit zu einer an ihn gerichteten Frage." 45
bis
zu
Jahre.
...
Ich möchte es bei dieser Ansammlung von Beispielen existentialistischer
Zeitbetrachtung bewenden lassen und einen Blick werfen auf den Stellenwert,
den die Zeit bei Schopenhauer besitzt. Es ist ein Merkmal seiner Philosophie,
daß er es nicht bei der Analyse beläßt, sondern eine Deutung der Welt nach dem
Innen, des Lebens nach der gelebten Zeit vornimmt. Erfahrung und Deutung
fließen ineinander über. Zeit ist nicht nur gelebte Zeit, verdrängt oder bewußt
gemacht, verschwendet oder gefürchtet und sorgfältig-ängstlich genutzt, sondern auch ein Mittel,das —
das Leben den Menschen bietet, um zur Erkenntnis
„Die Form der Zeit selbst [ist] geradezu das
seines Werts zu gelangen.
Mittel, [. .] uns die Nichtigkeit aller irdischen Genüsse beizubringen" 46
Das in der Jugend für die Zukunft erwartete Glück stellt sich nur selten ein, denn
der Charakter der ersten Lebenshälfte ist unbefriedigte Sehnsucht danach 47 Und
schwelgt man im Alter in der Vergangenheit, so zeigt einem auch hier die
Erinnerung an die verflossene Zeit, daß vom Leben nicht viel zu halten ist. Das
sieht man daran, daß man bedauert, diese oder jene Gelegenheit zum Glück
ungenützt gelassen zu haben: man hätte jetzt eine „dürre Mumie einer Erinne-
.
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rung"48
Wie hilflos und abhängig erscheint der Mensch in seinen Unternehmungen,
die auf die Gunst der Stunde angewiesen sind und bei deren Vollbringung die
Zeit ihm nur allzu oft zuvorkommt 49 Gelingt ihm sein Vorhaben, dann belehrt
uns ein brasilianisches Sprichwort auch hier der existentiellen temporalen Relativität: „Die Zeit respektiert nicht, was man mit ihrer Hilfe getan."
Die Zeit drückt dem Dasein das Signum der Vergänglichkeit auf, und das
heißt: das Mal des Todes. Sich der Anschauungsform der Zeit bewußt zu
werden, bedeutet nicht nur, eine Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung zu
realisieren, sondern auch das Ende aller Erfahrung. Zeitbewußtsein wird mit
Todesbewußtsein identifiziert: „Zeit [ist] die a pnori noth wendige Form aller
unserer Anschauungen: in ihr muß sich Alles darstellen, auch wir selbst.
Demzufolge gleicht [. .] zunächst unser Leben einer Zahlung, die man inlauter
Kupferpfennigen zugezählt erhält und dann doch quittiren muß: es sind die
Tage; die Quittung ist der Tod."50 Zeitbewußtsein ermöglicht, daß man schon
früh im Leben eine Ahnung des Todes gewinnen kann. So heißt es bei Max
Frisch:
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„Der Tod ist von
Anbeginn und ohne Ende. Lange bevor wir uns selbst als
sterblich begreifen, haben wir die Erfahrung von Zeit als Verhängnis, das sehr
frühe Erlebnis, daß das Leben immerzu eine Todesrichtung hat ."5I
..
Es ist diese, mit dem Alter zunehmende Gewißheit des nichtenden Charakters der Zeit, durch welchen das Leben entwertet wird: „Die Zeit ist Das,
76
vermöge dessen Alles jeden Augenblick
—
Händen zu Nichts wird;
wodurch es allen wahren Werth
man den nichtigen Grundzug des Seins mit Hilfe der Zeit, dann betrachtet man das Leben mit anderen
Augen: „Was im nächsten Augenblicke nicht mehr ist [...]> lst nimmermehr
eines ernstlichen Strebens werth" 53 Der Pessimismus Schopenhauers besitzt,
wie sich deutlich sehen läßt, in der Zeit eine anthropologische Konstante.
unter unsern
verliert" 52 Erkennt
.
.
Die pessimistische Weltsicht selbst erfordert Zeit. Lichtenberg hat einmal
daß man die Kantische Philosophie in gewissen Jahren ebensowenig
lernen kann wie das Seiltanzen. Um wieviel mehr gilt dies für Schopenhauers
Weltsicht: handelt es sich hierbei doch nicht nur um die Fähigkeit, der Idealität
der Vorstellung gewahr zu werden, was die Erfahrung der Subjektivität und
intellektuelles Raffinement voraussetzt, sondern es sind hierzu die Täuschungen
und Enttäuschungen eines ganzen Lebens vonnöten:
gesagt,
„Nur wer alt wird, erhält eine vollständige und angemessene
Vorstellung
Leben, indem er es in seiner Ganzheit und seinem natürlichen Verlauf,
besonders aber nicht bloß, wie die Uebrigen, von der Eingangs-, sondern auch
von der Ausgangsseite übersieht, wodurch er dann besonders die Nichtigkeit
vom
..
desselben vollkommen erkennt ."54
Das Verständnis für Schopenhauers Weltsicht ist dem Alter überlassen. Um
dies zu verdeutlichen, möchte ich an eine Geschichte erinnern, die Tschechow
schrieb und die den Titel trägt: „Eine langweilige Geschichte". Der Titel erinnert
an Schopenhauer, der das Leben mit einem Pendel verglichen hat, das zwischen
Schmerz und Langeweile hin- und herschwingt. Es handelt sich hierbei um die
Autobiographie eines berühmten Arztes, eines Wissenschaftlers, dessen einziger
geliebter Lebensinhalt in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit und in der Unterrichtung seiner Studenten besteht. Mit 62 Jahren steht er vor der Pensionierung
—
und verzweifelt: „Ich bete nur, mit meiner Schwäche Nachsicht zu haben und
zu begreifen, daß einen Menschen, den das Schicksal des Knochenmarks mehr
interessiert als das eigentliche Ziel des Weltalls, vom Katheder und von seinen
Schülern loßzureißen nichts anderes bedeutet, als wenn man ihn in einen Sarg
steckt und diesen zunagelt, noch ehe er tot ist." 55 Ansehen und Ruhm können
den Verlust nicht kompensieren: komisch kommt ihm jetzt die Naivität vor, mit
der er inder Jugend die Bedeutung des Ruhms und jener exklusiven Stellung, die
sein Träger genießt, überschätzte 56 Der ehrwürdige Mann sitzt „inWirklichkeit
mutterseelenallein in einer fremden Stadt, reibt sich mit der Hand die schmerzende Wange und fürchtet, daß er in einem fremden Bett stirbt, vergrämt und
in Einsamkeit" 57 Er macht so, um mit Schopenhauer zu reden, die Erfahrung
der Differenz von dem, was einer ist, und dem, was einer vorstellt. Die
Pensionierung schlägt ihn mit dem Gefühl grenzenloser Langeweile, da ihm
seine Frau und seine Tochter, das gesamte Leben außerhalb der Arbeit, schon
lange nichts mehr bedeuten. Sie läßt ihn sogar den langsamen Fluß der Stunden
in sinnlos durchwachten Nächten leicht ertragen. Sie hat nichts gemein mit jener
von Schopenhauer gepriesenen Distanz zum Leben, dem Horazischcn nil admirari, das das spate Alter auszeichnen soll,sondern ist cine tiefsitzende Gleichgültigkeit, cine ungewollte Lähmung der Seele 58 Auf sich zurückgeworfen beklagt
er die falsche Selbsterkenntnis, die er sein Leben lang betrieben und die ihn in
.
...
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.
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diese Desolatheit geführt hat. Das „Erkenne dich selbst" hat er „immer nur auf
Wünsche, nicht auf Handlungen bezogen". Er hat sich vonäußeren Aktivitäten,
von Zukunftsplänen 59 bestimmen lassen und den Wandel der Zeit, indem er auf
sich selbst zurückgeworfen werden würde, vernachlässigt. Schopenhauer
bezeichnet das Leben deshalb als „Fehltritt, dessen Folgen [...] immer mehr
offenbar würden" 60
Tschechows Geschichte nimmt zum Schluß eine Wendung, die überrascht:
Der alte Arzt versinkt nicht in Resignation, sondern in der Bedrängnis seines
Scheiterns gewinnt er eine wichtige Einsicht. Mit einem Anflug von Spott über
sich selbst fühlt er sich genötigt, die Verdienste der Kollegen einer anderen
Fakultät zu loben: „Das Fehlen dessen, was die Kollegen Philosophen die
allgemeine Idee nennen, habe ich erst kurz vor dem Tode bemerkt, am Ende
meiner Tage ."61 Dieser späte Erkenntnisgewinn versöhnt ihn mit seinem
Schicksal und nimmt ihm alle Furcht. In einer kurzen Passage, die dem Thema
des Sterbens gewidmet ist, setzt sich Ernst Jünger mit diesem in folgender Weise
auseinander: „Er erfaßt eine neue Art, sein Leben zu leben, ohne Erhaltungstrieb, und seine Gedanken gewinnen Souveränität, indem sie sich der Furcht
entwinden, die alle Begriffe, alle Urteile trübt und beschwert" 62 Die Einsicht in
die Falschheit eines Lebensplans, von der Not und dem Leid des Alters
erzwungen, kann die Macht des auf diesen Weg eingeschworenen Selbsterhaltungstriebs brechen und zu einer neuen Art von Anschauung führen, in der er
eine objektive, angstfreie Beurteilung des eigenen Lebens und Scheiterns dominiert, und infolge derer man sich gelassen dem Kommenden zu stellen vermag.
Schopenhauer ist der philosophische Kollege des alten Arztes in Tschechows
Erzählung, der in seiner Philosophie des Alters „die allgemeine Idee" bestimmt,
die dem Arzt innere Sicherheit und Zufriedenheit schenkt und ihnverändert. Mit
dem Schwinden der Jugend, ihrer „Begehrlichkeit und Sehnsucht" 63 und dem
Einzug körperlicher und geistiger Gebrechen wachsen die Enttäuschungen und
das Bewußtsein der Täuschung. Dinge, die man das ganze Leben lang getan hat,
werden fragwürdig, und der Wille, als Wille zur Selbsterhaltung, kann in andere
Bahnen gelenkt werden. Die gelebte Zeit bietet die Möglichkeit einer Aufklärung
über das Leben. Das Medium Zeit kann sich selbst durchsichtig werden. Hierin
besteht der Wert des Alters und seine Chance.
Mit der Wendung des Willens verändert sich noch einmal das Verhältnis zur
Zeit. Mit der Zeit löst man sich durch die Erkenntnis der Zeit als nichtender
Macht von ihr und kommt zu „überzeitlichen Einsichten". Nicht die einzelnen
Bilder des Lebens ziehen jetzt an einem vorbei, weiterhin behaftet mit den
Vorstellungen, Wünschen und Ängsten, die man mit ihnen verknüpft hat,
sondern man wird deren Essenz ansichtig.
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.. .
.
„Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines
Maskenballs, wann die Larven abgenommen werden. Man sieht jetzt, wer
Diejenigen, mit denen man, während seines Lebenslaufes, in Berührung
gekommen war, eigentlich gewesen sind. Denn die Charaktere haben sich an
den Tag gelegt, die Thaten haben ihre Früchte getragen, die Leistungen ihre
gerechte Würdigung erhalten und alle Trugbilder sind zerfallen. Zu diesem
Allennämlich war Zeit erfordert. Das Seltsamste aber ist, daß man sogar sich
selbst, sein eigenes Ziel und Zweck, erst gegen das Ende des Lebens eigentlich
—
78
erkennt und versteht, zumal in seinem Verhältniß zur Welt, zu den Ändern.
Zwar oft, aber nicht immer, wird man dabei sich eine niedrigere Stelle
anzuweisen haben, als man früher vermeint hatte; bisweilen auch eine höhere;
welches dann daher kommt, daß man von der Niedrigkeit der Welt keine
ausreichende Vorstellung gehabt hatte und demnach sein Zielhöher steckte, als
sie. Man erfährt beiläufig was an Einem ist."64
Die Grundmotive des Lebens tauchen an dessen Ende noch einmal auf, in
überzeitlicher Gesamtschau. Das Leben, zu dessen Illusionen man Distanz
genommen hat, wirdferner und deutlicher zugleich: seine Entwicklung, die sich
über Jahrzehnte erstreckt, zeigt sich in ihrem zeitlosen, metaphysischen Kern.
„Wer nun [. .] sich das längst Vergangene seines eigenen Lebenslaufes am
lebhaftesten vergegenwärtigen kann, der wirdsich der Identität des Jetzt
in aller Zeit, [...] bewußt" 65 Er schöpft hieraus den Glauben an die
Unzerstörbarkeit seines Wesens, wodurch es ihm leicht fällt, die Todesfurcht zu
überwinden. Man muß diesen Glauben nicht teilen und kann dennoch an der
überzeitlichen Gesamtschau und Einsicht im Alter festhalten.
Das Alter kann, muß aber nicht eine solche Einsicht gewährleisten:
.
.
„Die Meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höhern Alter
mehr und mehr zu Automaten: sie denken, sagen und thun immer das Selbe,
und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern, oder etwas
Neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den
Sand zu schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf." 66
Ist dies der Fall, so
sagt Schopenhauer unerbittlich, ist nur das „caput
des Lebens" erreicht (ebenda). Scine Philosophie hingegen willaufzeigen, daß das Alter dazu befähigen kann, das Leben in innerer Distanz Revue
passieren zu lassen und dadurch Platz zu schaffen für eine moralische Wertung
und Korrektur. Die existentialistische, pessimistische Betrachtung der Zeit weist
darauf hin, daß das Leben neben seiner physischen auch eine moralische
Bedeutung hat. Sic entwindet es dadurch der Sinnlosigkeit, zu der es durch die
nichtende Zeit verurteilt ist.
Durch die Möglichkeit der Einsicht, durch seinen Erkenntnisvorsprung
spielt das Alter in der Philosophie Schopenhauers eine einzigartige Rolle.
Insofern es zur Klarheit über das gelebte Leben führen kann, ist es ein Neubeginn des Lebens, als späte Bastion gegen dessen Täuschungen und Enttäuschungen. Welche Würde ihm zukommt, kann man erkennen, wenn man an die
heutige Leistungsgesellschaft denkt, die das Alter nur als „nachberufliche Phase"
registriert und es mit Freizeitprogrammen überhäuft, die dem Arbeitsleben
abgeschaut sind und jegliche Besinnung auf die Eigenwertigkeit des Alters
vermissen lassen. Als Konsument bleibt der alte Mensch integriert, aber nur als
solcher. Von Leid und Einsamkeit willman nichts wissen. Doch diese gehören
zum Alter. Sie bieten, Schopenhauer zufolge, die Möglichkeiten des Rückzugs
auf sich selbst, der Konzentration und der Kreativität. Die Vereinzelung der
alten Menschen in „Wohnsilos" am Stadtrand hat Schopenhauer hiermit sicherlich nicht gemeint; es handelt sich hier
Formen der Verdrängung des Alters,
— um
des Leidens und des Sterbens, die
wären sie ihm bekannt gewesen
sein
Gemälde des Lebens um einige schaurige Szenen bereichert hätten. Schopen-
mortuum
—
79
hauer hingegen will das Alter auf eine Chance aufmerksam machen, die es
besitzt. Dies zeigt seine Behandlung der gelebten Zeit, der in ihr und an ihr
gemachten Erfahrung und ihrer Überwindung in der zusammenschauenden
Erkenntnis. In dieser Hinsicht enthält seine Philosophie eine Hommage auf das
Alter.
Anmerkungen
Den Schopenhauer-Zitaten liegt folgende Ausgabe zugrunde: Arthur Schopenhauer, Zürcher Ausgabe, Diogenes Verlag, Zürich 1977.
1
Schopenhauer, PI, S.sl9ff. 2
Norbert Elias, Über die Zeit Arbeiten zur Wissenssoziologie 11, hrsg. von Michael
Sehröter, Frankfurt/M. 1984.
3
Elias, S. IX.
4 Elias,
S. 85.
5
6
7
Elias, S. 23.
Elias, S. 20.
Immanuel Kant, De mundi sensibilis
atque
intelligibilisforma
et
principiis, §§ 14.6.
Ebenda, § 14.5.
9
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, 2. Auflage, Kap.: Transzendentale
Ästhetik, §4.1.
10 Ebenda,
§6.c.
11
Kant-Lexikon von Rudolf Eisler, Hildesheim-New York 1971, Stichwort: Zeit,
8
5.614.
12
Kant, De mundi
...,
s. 0., § 14.12.
Schopenhauer, PII, 5. 295.
14
Schopenhauer, W I, S. 522.
15
Schopenhauer, WH, 5.324 und G, S. 150.
16
Schopenhauer, PII, 5. 50.
17
Kürzlich bescheinigte ein Rezensent in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den
„Aphorismen zur Lebensweisheit" sprachliche Schönheit —
und philosophische Bedeutungslosigkeit.Siehe: Werner Brede, Lektionen in Modernität Schopenhauers Nachlaßschriften im Taschenbuch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dez. 1985.
18
Kant, Kritikder reinen Vernunft, Die Transzendentale Logik, I.
19
Schopenhauer, G, S. 167 f.
20
Schopenhauer, WI,S. 230.
21
Schopenhauer, PI, 5. 530.
22
Schopenhauer, PI, 5. 520.
23
Schopenhauer, PI, 5. 520.
24
Schopenhauer, PI, 5. 530.
25
Schopenhauer, PI, 5. 529.
26
Schopenhauer, PI, 5. 529—530.
27
Schopenhauer, PI, 5. 530.
28
Schopenhauer, PI, 5. 526—527.
29
Schopenhauer, PI, 5. 527.
30
Sigmund Freud, Ges. Werke Bd. 15, London 1949, S. 80 f.
31
Schopenhauer, P. I, S. 527.
—
32
Jean Améry, Über das Altern Revolte und Resignation, Stuttgart 1969, 5.32.
33
Améry, S. 24.
13
34
80
Améry, s. o.
35
Améry, 5.21.
36
Henri Bergson, Zeit und Freiheit, Meisenheim 1949, S. 189.
37
Bergson, s. \u03bf.
3!
Bergson, S. 107.
39
Schopenhauer, PI, 5. 526.
40
Schopenhauer, \u03a1 \u039 , S. 525.
41
Schopenhauer, \u03a1\u0399, S. 527.
42
Schopenhauer, PI, 5. 450.
43
Schopenhauer, PII, 5. 318.
44
Schopenhauer, PI, 5. 525—526.
45
Améry, s. \u03bf., S. 24.
46
Schopenhauer, PII, 5. 313.
Schopenhauer, \u03a1 \u039 , S. 523.
Schopenhauer, PII, 5. 313.
49
Schopenhauer, PI, 5. 449.
50
Schopenhauer, WII, S. 671—672.
51
Max Frisch, Der Arzt und der Tod der Patient und der Tod. Rede an Ärztinnen
und Arzte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dez. 1985.
52
Schopenhauer, PII, 5. 307.
53
Schopenhauer, P. 11, S. 308.
54
Schopenhauer, P. I,S. 532.
55
Anton Tschechow, Erzählungen aus den mittleren Jahren, München 1968, „Eine
langweilige Geschichte".
47
411
—
56
57
58
59
Tschechow,
Tschechow,
Tschechow,
Tschechow,
S. 466.
S. 467,
S. 467.
S. 467,
Schopenhauer, RII,5. 313.
Tschechow, S. 470.
62
Ernst Jünger, Das abenteuerliche Herz, Frankfurt/Main 1980, S. 119.
63
Schopenhauer, P. I,S. 535.
64
Schopenhauer, P. I,S. 533.
65
Schopenhauer, P. 11, S. 295.
66
Schopenhauer, P. I, S. 537.
60
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