18-23 Elch - Natürlich

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Riesen des Nord
Das Versagen des Mercedes A machte sie weltberühmt: Elche. Hochbeinig, beinahe eine Tonne
schwer und auf den ersten Blick eher hässlich,
geht man den faszinierenden Tieren vor allem als
Automobilist besser aus dem Weg.
Text und Fotos: Karl Weber
D
urch die rasch hereinbrechende
Dämmerung schnurrt der Wagen
auf der nur schwach befahrenen
Überlandstrasse in Richtung Norden – vorbei an fast endlosen Fichtenund Kiefernwäldern, an Birkenhainen und
niederen Espengehölzen. Dann und wann
öffnet sich die Kulisse des Waldes für eine
Weile; ein Moor, in der Dunkelheit eher
zu erahnen als zu sehen, oder einer der
zahllosen kleineren oder grösseren Seen
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säumt den Weg, fahl schimmernd der
Wasserspiegel, davor schon nachtschwarz
aufragend die Silhouetten einzelner Bäume
und Büsche. Die Wärme im Auto und
die Monotonie der nächtlichen Strasse sind
gefährliche Begleiter. Mangelnde Konzentration oder Unachtsamkeit kann in nordischen Ländern besonders gefährlich sein.
Denn: Um diese Tageszeit sind die Elche
besonders aktiv. Mehr oder weniger glimpflich verlaufende Unfälle mit diesen Tieren
gehören zum Beispiel in Schweden fast
schon zur Tagesordnung; die Statistiken
sprechen diesbezüglich Bände. Unübersehbar machen Schilder die Strassenbenützer
auf die bestehende Gefahr aufmerksam.
Nächtlicher Spuk
Und doch: Viel zu spät erfasst das Auge den
mächtigen Wildkörper, der sich wie ein
Phantom aus dem dunklen Graben seitlich der Strasse löst und einen Atemzug
später schon mitten auf der Fahrbahn
steht. Die Bremsen zwei-, dreimal kurz antippen und das Gefährt durch ein hartes
Durchtreten des Pedals schlingernd zum
Stillstand bringen, geschieht rein automatisch. Kaum drei Meter vor dem Wagen
steht eine Elchkuh. Das Riesenvieh tut
nicht den geringsten Wank. Es steht einfach mit nach hinten gelegten Ohren und
gesträubtem Nackenhaar im Scheinwerferlicht und starrt das Auto an. Dabei erweckt
der Koloss den Eindruck, als wolle er im
nächsten Augenblick wutentbrannt auf das
Tiere NATUR
ens
Auto losgehen. Der Grund wird nach einer
knappen Minute klar, als zwei halbwüchsige Kälber aus dem Dunkel auftauchen
und sich zu ihrer Mutter gesellen. Wenig
später verrät der sich ändernde Gesichtsausdruck der Elchkuh einen Stimmungswechsel. Bedächtig wendet sich das Tier
vom Auto ab, stakst, die beiden Jungen im
Schlepptau, gemächlich auf die andere
Strassenseite hinüber, fällt dort in Troll und
verschwindet mit seinem Anhang in der
Dunkelheit der Nacht. Der Spuk ist vorbei.
Elch stand vor der Ausrottung
Der heute in Nord- und Osteuropa, in Sibirien sowie in einigen Regionen des nördlichen Nordamerikas lebende Elch (Alces
alces) war früher einmal viel weiter verbreitet. So bewohnte er einst grössere Teile
Mitteleuropas, ja selbst auf dem Gebiet der
heutigen Schweiz lebten diese Tiere in
zahlreichen fluss- und seenahen Wäldern.
Wir dürfen annehmen, dass Elche bis
zu Beginn des vergangenen Jahrtausends
zwischen Jura und Alpen ihre Fährte
zogen. Später dann hatten die vom Menschen verursachten Landschaftsveränderungen und die durch den Gebrauch
modernerer Waffen sich stärker auswirkende zügellose Bejagung der Tiere einen
allgemeinen Rückgang und schliesslich
das völlige Verschwinden des Elches aus
Mitteleuropa zur Folge. Im Laufe des 19.
und zu Beginn des 20. Jahrhunderts
nahmen die Elchbestände schliesslich
auch in den nord- und osteuropäischen
Verbreitungsgebieten auf fast katastrophale Weise ab. Der grösste Hirsch der
Welt war hier nun ebenfalls der Ausrottung nahe.
Erst nachdem verschiedene Länder das
Elchwild unter strengen Schutz stellten,
vermochten sich die arg geschrumpften
Bestände wieder zu erholen. Nicht genug
damit, die Elche vermehrten sich seither
in kaum erwarteter Weise und begannen vormals verlorene Gebiete zurückzuerobern und neue Lebensräume zu besiedeln. Heute leben in Nord- und Ost-
europa mehr Elche als je zuvor in den
letzten 200 Jahren.
Hervorragend
dem Lebensraum angepasst
Der Elch ist ein Tier ausgedehnter, lichter
Wälder und weiträumiger Sümpfe und
Moore. Diesen ursprünglichen Lebensräumen ist er bezüglich Gestalt und Körperbau wie auch durch sein Verhalten
hervorragend angepasst. Der stattlichste
aller Hirsche erweist sich in seiner natürlichen Umwelt deshalb als in hohem Masse
überlebenstüchtig. Lange, kräftige Beine
erlauben ihm ein sicheres Sich-Fortbewegen im Sumpfgelände wie im fallholzreichen Urwald, im trügerischen Moor
genauso wie im hohen Schnee. Die grossen
Hufe mit den weit spreizbaren Zehen
tragen das Ihrige dazu bei.
Ein ausgezeichnetes Gehör und eine
feine Nase sind die Sinne, auf die sich ein
Elch in seinem Leben verlässt. Beide sind
hoch entwickelt. Weit geringer ist dagegen
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«Muffel»: Die kräftige, stark herunterhängende Oberlippe der Elche erleichtern
den Tieren das Erfassen und Abbrechen von Zweigen und das Abstreifen von Blättern
die Leistungsfähigkeit des Auges. Einen
unauffällig gekleideten, ruhig verharrenden Menschen beispielsweise sieht das Tier
kaum. In seinen bevorzugten Einständen in
strauch- und buschwerkreichen Wäldern
würde ihm ein überdurchschnittliches Sehvermögen auch gar nicht viel nützen. Nase
und Ohr indes verraten ihm einen herannahenden Feind, meist lange bevor zu diesem eine Sichtverbindung besteht.
Ausdauernde Schwimmer
Immer wieder verblüfft die Tatsache, wie
wenig Elche trotz ihrer Grösse und Massigkeit auffallen. Ziehen sie nicht gerade über
bewuchsarmes, offenes Gelände, werden
sie leicht übersehen. Noch erstaunlicher
aber ist die Tatsache, dass sie sich nahezu
lautlos durch dichte Vegetation bewegen
und sich bei Gefahr unbemerkt, fast geisterhaft davonstehlen können.
Obschon Elche das Galoppieren nicht
besonders lieben, sind sie notfalls in der
Lage, einige hundert Meter weit mit einer
Geschwindigkeit um die 40 Stundenkilometer zu fliehen. Ihre wohl typische Fortbewegungsart ist der Troll, ein weit greifender, leichter Trab. Diesen Gang halten sie
bei Bedarf über viele Kilometer durch ohne
jemals anzuhalten. Im Lebensraum der
Elche ist Wasser – in Form von Flüssen,
Seen, Sümpfen, Mooren oder Meeresarmen
– ein nahezu allgegenwärtiges Element.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass die
Tiere sich in ihm hervorragend zurechtfinden. Als ausdauernde Schwimmer sind sie
ohne weiteres in der Lage, Seen oder Sunde
von mehreren Kilometern Breite zu durchqueren. Auch das Tauchen bereitet einem
Elch offensichtlich wenig Mühe. Zumindest
in flacheren Gewässern machen die Tiere
bei der Nahrungssuche immer wieder von
dieser Fähigkeit Gebrauch. Sie gelangen so
an saftige Sumpf- und Wasserpflanzen. Entweder tauchen sie dabei nur ihren langen
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Gute Schwimmer:
Gewässer stellen für Elche
kaum je ein Hindernis dar
Kopf unter oder gehen, wo dies nicht
mehr ausreicht, mit dem ganzen Körper
auf Tauchstation. Dabei bleiben sie manchmal bis gegen eine Minute unter Wasser.
Reine Vegetarier
30 bis 40 Kilogramm Nahrung benötigt ein
Elch im Sommer pro Tag. Hauptbestandteil
sind Blätter, Zweigspitzen und junge Triebe
von Bäumen und Sträuchern, vor allem
von so genannten Weichhölzern. Daneben
nehmen die Tiere zu gewissen Zeiten auch
Kräuter und Gräser auf oder tun sich an
saftiger Rinde und, vorab im Winter, an
Koniferennadeln gütlich. Dabei fällt ihnen
das Abweiden bodennaher Pflanzen nicht
leicht. Im Verhältnis zu seinen überaus
langen Läufen hat der Elch nämlich einen
kurzen Hals. So gute Dienste diese Kombination dem Tier beim Knabbern von Laub
und Zweigen leistet, so wenig eignet sie
sich zum Äsen von Gras und kleinwüchsigen Kräutern. Um diese Nahrung trotzdem
aufnehmen zu können, müssen die Elche
ihre Vorderbeine breit auseinander stellen
oder sich gar auf die Vorderhufgelenke niederlassen.
30 Kilogramm schweres
Geweih
Von allen Hirscharten trägt der männliche Elch das grösste und schwerste Geweih. Vor allem die Elchhirsche Sibiriens
und Alaskas entwickeln mächtige, mit einer Vielzahl von Enden versehene,
schaufelförmige Geweihe, die nicht selten eine Auslage von zwei Metern und ein
Gewicht von 20 bis 30 Kilogramm erreichen. Grösse und Gestalt dieses Kopfschmuckes sind allerdings sehr verschie-
Elchkälber: Ihnen fehlt das hell gefleckte Jugendfell, wie man es von anderen Hirscharten kennt
Tiere NATUR
den und längst nicht alle Elche tragen
solch imposante Schaufeln. Dabei spielt
nicht nur das Alter des Hirsches eine
Rolle, auch die Ernährung und die individuelle Veranlagung eines Tieres haben
einen Einfluss auf die Ausbildung des
Geweihs.
Seine Form ist offenbar zum Teil auch
geografisch bedingt. Fachleute unterscheiden zwischen mehreren Geweihtypen.
Wesentliches Merkmal ist, ob ein Geweih
eine mehr stangenförmige Ausbildung,
ohne Neigung zur Verbreiterung, oder eben
eine mehr oder weniger ausgeprägte Schaufelform zeigt. In den meisten Gebieten
Nord- und Osteuropas überwiegt der
Stangenelch-Typ.
Keine Haremsbildung
Das fertig entwickelte, als Rangsymbol
und als Waffe im Rivalenkampf dienende
Geweih tragen Elche nur während etwa
drei bis vier Monaten im Jahr. Auch wenn
es während der Paarungszeit in der Regel
viel ruhiger zu- und hergeht als bei den
meisten andern Hirscharten, kommt es
Tiere NATUR
Kehlbart: Dabei handelt es sich um einen mit längeren Haaren besetzten Hautlappen,
dessen Funktion oder Bedeutung nicht mit Sicherheit geklärt ist
doch zwischen gleich starken Nebenbuhlern des Öftern zu erbitterten Kämpfen
um die weiblichen Tiere. Und Verletzungen, auch tödlich endende, sind als Folge
der hart geführten Auseinandersetzungen
keine Seltenheit. Elchhirsche scharen allerdings keinen vielköpfigen Harem um
sich, wie wir es etwa von dem bei uns
heimischen Rot- oder Edelhirsch kennen.
Meist tun sie sich eine Weile mit einem,
seltener mit zwei oder mehr Weibchen
zusammen. Nach der Paarung trennen
sich die Tiere wieder, und der Hirsch macht
sich auf die Suche nach weiteren paarungsbereiten Kühen.
Wenig natürliche Feinde
Gute acht Monate nach der Brunft stellt
sich beim Elchwild der Nachwuchs ein.
Zwischen April und Anfang Juni bringen
die trächtigen Weibchen ein bis zwei,
ausnahmsweise auch drei Kälber zur
Welt. Diese sind bei der Geburt rund 70
bis 80 Zentimeter hoch und wiegen
durchschnittlich um zehn Kilogramm. In
den ersten Lebensmonaten legen Elchjunge auffallend schnell an Gewicht zu.
Schon nach einem halben Jahr, zu Beginn
des Winters, wiegen sie mehr als das
Zehnfache. Ihre Körpergrösse verdoppelt
sich in der gleichen Zeit nahezu. Die volle
Stärke, sowohl bezüglich der Körpermasse als auch des Gewichts, erreichen
Elche erst ab dem fünften Lebensjahr.
Bis es so weit ist, haben die Elch-Kälber vor allem Bären und Wölfe zu fürchten. Denn sieht man einmal vom Menschen ab, so hat ein gesunder ausgewachsener Elch nur wenige natürliche Feinde.
Wolf und Braunbär sind wohl die Einzigen, die ihm wirklich gefährlich werden
können. Häufiger fallen diesen Raubtie-
ren Kälber, halbwüchsige Junge oder
kranke und geschwächte Tiere zum Opfer. Der ausgewachsene und gesunde Elch
ist für beide Raubtiere eine nur schwer zu
überwältigende Beute, die Jagd auf ihn
stets mit grossem Risiko verbunden. Vor
Wölfen muss der Elch sich eigentlich nur
im Winter in Acht nehmen, wenn Wolfsrudel mangels anderer, leichter zu überwältigender Beute auch ausgewachsene
Elche angreifen. Die kraftvollen Hirsche
wissen sich ihrer Haut sehr wohl zu wehren. Auch beim jungen Elchwild ist die
oft hohe Sterblichkeitsrate weit mehr auf
verschiedene Krankheiten oder sonstige
Gefahren des Lebens zurückzuführen als
auf den Einfluss der Beutegreifer.
Elche im Vorgarten
Wo Elche nicht übermässig bejagt oder
sonstwie belästigt werden, verlieren sie
mit der Zeit nicht selten ihre ganze Vorsicht gegenüber dem Menschen. Sie macht
dann einer weit gehenden Unbekümmertheit, ja manchmal sogar einer gewissen
Aufdringlichkeit Platz. Sowohl in Nordeuropa als auch in den andern Verbreitungsgebieten kommt es immer wieder
vor, dass sich Elche bei helllichtem Tage
entlang von Strassen tummeln und sich
ohne Scheu aus der Nähe bestaunen lassen
– solange Schaulustige im Auto bleiben
oder sich zumindest nicht wesentlich
von ihm entfernen.
Verschiedenenorts wagen sich die
mächtigen Tiere manchmal sogar in die
Strassen und Parkanlagen grösserer Städte
oder dringen in Gärten ein und tun sich
dort am vorgefundenen Gemüse gütlich.
Eines sollte man beim Zusammentreffen
mit solchen Elchen nie ausser Acht lassen:
Es sind trotz allem Wildtiere. Ihre Laune
kann oft schon durch eine vermeintliche
Nichtigkeit umschlagen, und dann ist mit
ihnen nicht gut Kirschen essen. Unerwartet
rasch kann ein beunruhigter oder gereizter
Elch zum Angriff übergehen. Besonders
Junge führende Elchkühe und männliche
Hirsche zur Brunftzeit neigen zu Temperamentsausbrüchen. Die muskulösen langen
Vorderläufe mit den scharfrandigen Hufen
sind eine furchtbare Waffe. Es sind Fälle
bekannt, wo Elche Wölfe, ja sogar Bären
töteten, indem sie ihnen mit Hufschlägen
den Schädel zertrümmerten.
Der Elch als Haustier
Weil der Elch verhältnismässig leicht zu
zähmen ist, wurde schon seit dem Mittelalter immer wieder versucht, ihn als Nutztier,
etwa zum Tragen und Ziehen von Lasten,
zu halten. Noch heute gibt es Gebiete in Sibirien, in denen sie als Arbeitstiere verwendet werden. Ein ausgewachsener Elch kann
bis zu 125 Kilogramm auf seinem Rücken
tragen oder eine Schlittenladung mit einem
Gewicht von gut 900 Kilogramm ziehen.
Selbst Versuche, diese Hirschart in
Farmen für die Milch- und Fleischgewinnung zu züchten, fehlen nicht. Gewisse
Erfolge bei der wirtschaftlichen Nutzung
des Elchwildes erzielte man in Sibirien.
Östlich von Moskau versorgen Elche ein
Sanatorium mit Elchmilch. Sie dient zur
Behandlung von Morbus Crohn und
Strahlenkrankheiten.
■
Infobox
– www.alces-alces.com
– www.elchhausen.de/Elch-Test.html
– www.mooseworld.com (englisch)
Literatur
– Hofrichter, «Die Rückkehr der Wildtiere –
Wolf, Geier, Elch & Co.», Verlag Stocker 2005,
ISBN: 3-7020-1059-9, Fr. 52.20
– Heptner, Nasimowitsch, «Der Elch – Alces alces»,
Die Neue Brehm-Bücherei Bd. 386, 2004,
ISBN: 3-89432-173-3, Fr. 52.30
– Silliker, «Moose: Giants of the Northern Forest»,
Verlag Firefly Books Ltd 2005,
ISBN 1552092550, etwa Fr. 30.– (in englischer
Sprache)
– Van Ballenberghe, «In the Company of Moose»,
Verlag Stackpole 2004, ISBN 0-8117-0102-6,
Fr. 51.60 (in englischer Sprache)
– Lee, «The Encyclopedia of Deer: Your Guide to
the World’s Deer Species»,
Verlag Voyager 2004, ISBN 0-89658-590-5,
Fr. 60.– (in englischer Sprache)
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