Zum Aufsatz von Karstem Sonnemann

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Der Autor dieses Aufsatzes, Karsten Sonnemann, ist Leiter diverser HipHop
Workshops in Jugendzentren und einer breiten Fangemeinde bekannt als "Stisek". Zusammen mit der Gruppe "Tangets" ist er einer der profiliertesten Rapper im Raum Osnabrück. Mehr Informationen finden Sie auf seiner Internetseite
www.stisek.de!
HipHop als Jugendkultur
© Karsten Sonnemann
Wenn Jugendliche heute nicht im beruflichen wie
auch im privaten Leben den Anschluss verlieren
wollen, müssen sie sich im Alltag mit einer
unüberschaubaren, kommerzialisierten und
individualisierten Welt auseinandersetzen. Häufig
stellt diese Herausforderung eine scheinbar
unlösbare Aufgabe dar, unter der viele Jugendliche
zusammenbrechen. Es scheint fast aussichtslos,
nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu finden.
Daher suchen sie andere Wege, sich zu beweisen
oder in die Gesellschaft einzubringen. Viele Jugendliche fangen heute früh an,
Drogen zu nehmen; es beginnt mit Alkohol und Zigaretten – aber auch Haschisch und Marihuana (Gras) gehören zum Alltag von Heranwachsenden aus
allen Stilrichtungen und Schichten der Gesellschaft.
„Rauchen und Saufen“ gehören zu einem gelungenen Wochenende dazu, wie
der Kater danach oder „Frust ablassen“. Trotz der bekannten Risiken, die Jugendlichen im Unterricht oder durch das Fernsehen vermittelt werden, gilt das
‚Mitmachen’ häufig als Vorraussetzung für das Zusammengehörigkeitsgefühl
(„Das machen doch alle“).
Viele der Kids haben Probleme, über die sie nicht reden möchten; häufig sind
sie sich auch gar nicht im Klaren, wo die Probleme liegen, oder schämen sich,
ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Pädagogen werden nicht ernst genommen bzw. sind nicht in der Lage, sich in die Position der Jugendlichen zu versetzen, um entsprechende Hilfestellungen zu leisten. Die Kids sind daher oft enttäuscht, suchen Lösungen im Gespräch mit Gleichaltrigen oder fliehen in eine
Scheinwelt, um sich ihren Problemen nicht stellen zu müssen.
In dieser „Selbstfindungsphase“ schließen sich Jugendliche in der Regel einer
bestimmten Gruppe an, die sie aufgrund der Kleidung, der Sprache, des Verhaltens oder der Musik attraktiv finden. Man kann heute kaum noch zwischen den
diversen Gruppierungen unterscheiden oder diese klar abgrenzen, da sich Interessen und Dogmen häufig gleichen oder überschneiden.
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Eine Bewegung, ein „Movement“, die in den letzten Jahren erheblich gewachsen
und sowohl in den Medien als auch in der Wirtschaft an Gewicht gewonnen hat,
ist die HipHop-Kultur. HipHop wird verstanden als Oberbegriff einer Jugendkultur und beinhaltet den Rap (Musik), den Breakdance (Tanz) und das Graffiti
(Malerei). Im Bereich der Musik gibt es den DJ (Discjockey / Plattenaufleger)
und den Rapper (MC / Master of Ceremony).
HipHop kann Pop oder Poesie, Kunst oder Schmiererei, Kreativität oder
Stumpfsinn sein, immer von demjenigen ausgehend, der HipHop „macht“, wobei HipHop als Lebensgefühl zu verstehen ist: Man trinkt HipHop, isst HipHop,
spricht HipHop, selbst die Art, wie man sich bewegt, kann HipHop sein – sobald
man sich bewusst oder unbewusst damit beschäftigt, ist man Teil dieser ‚Mitmach’-Kultur.
In fast allen Bereichen des täglichen Lebens begegnet uns HipHop:
• Graffiti an den Wänden fast jeder Groß- und Kleinstadt,
• Jugendliche mit den überdurchschnittlich weiten Jeanshosen, T-Shirts in
5XXL, und den Baseball-Caps auf den Köpfen, meistens als Zeichen der
„Individualität“ schräg zur Seite gedreht. (Wobei der typische Kleidungsstil eines HipHop-Fans und das coole Auftreten bei den jungen Leuten
viel ausgeprägter ist als bei den älteren).
• HipHop im Sprachgebrauch: „Fett“, „am Start“, „Burner“, „Skills“,
„Fresh“ und viele andere Begriffe, deren Herkunft die wenigsten Leute
kennen – als „Burner“ z.B. wurde ursprünglich ein überdurchschnittlich
gutes „Piece“ (Graffiti) bezeichnet, das den anderen Graffitis in „Style“,
„Flow“ und Technik weit überlegen war.
Wenn man sich in dieser Szene bewegt, fällt es schwer, auf Anglizismen zu verzichten, was auf den Ursprung der Bewegung in Amerika zurückzuführen ist.
Um HipHop zu verstehen, muss man sich mit seiner Geschichte beschäftigen.
Die Wurzeln liegen in den Slums der USA. HipHop entstand in den 70’er Jahren
im Stadtteil Bronx / NewYork (Ostküste). Der eigentliche Begriff setzt sich aus
zwei Begriffen zusammen: „Hip“ kann man als „Trendy“ oder „In-Sein“ übersetzen, „Hop“ als Synonym für „Party“. Ende der 70’er trafen sich Jugendliche
erstmalig um auf „Block Partys“ zur neu entdeckten Rap-Musik zu tanzen und
zu feiern.
Die Schwarzen und Latinos waren von den Folgen der Arbeitslosigkeit besonders betroffen und konnten die Bronx kaum verlassen, es bildeten sich Banden
und Drogen-Gangs. Die stetige Entwicklung des HipHop sorgte in den Ghettos
für eine Verbesserung der Lebensumstände: Jugendliche wollten sich nicht mehr
in Gangs beweisen und gegenseitig ermorden, sondern entwickelten ihre eigene
Kulturform, in der sie sich durch gewaltlose, verbale Kämpfe, Wettbewerbe im
Breakdancen oder im Graffitimalen messen konnten („Battles“).
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Im Vordergrund stand dabei immer die Gemeinschaft („Community“), die Weitergabe der erlernten Fähigkeiten und Erkenntnisse („Each one, teach one“) und
die gewaltlose Auseinandersetzung in einer Kultur, an der jeder (anders als in
der eigentlichen Gesellschaft), egal ob arm oder reich, teilnehmen konnte.
Eine andere Entwicklung nahm Rap an der Westküste der USA, in Los Angeles
/ Kalifornien:
Hier entstand der sogenannte Gangster-Rap. Die jugendlichen Rapper erzählten
vom harten Leben im Ghetto, von Gewalt, Drogenkriegen und rassistischen
Übergriffen der Polizei. Oft waren ihre Texte sexistisch, ordinär und gewaltbereit. Anders als an der Ostküste gab es hier nur wenige „Battles“, die sich auf
gewaltfreie Auseinandersetzungen beschränkten - es ging um Geld und Drogen,
Macht und Einfluss innerhalb der Gangstrukturen.
Heutzutage steht hinter der HipHop Kultur in den USA eine milliardenschwere
Industrie.
Durch die Globalisierung wurde diese Bewegung in die ganze Welt gebracht.
Auch Deutschland blieb nicht verschont: In den 80’ern wurde die Kultur durch
Filme wie ‚Wildstyle’ und ‚Beatstreet’ in der BRD bekannt gemacht und übernommen. Die Jugendlichen, die nicht wussten wie man zur HipHop-Musik rappen, tanzen oder malen sollte, mussten sich alles selbst beibringen oder anhand
der Filme erlernen.
Zuerst wurde auf Englisch gerappt, bis einige wenige Rapper ihre Muttersprache, in der sie sich intuitiver ausdrücken und ihre Probleme präziser formulieren
konnten, als Sprachrohr entdeckten.
Die dadurch erweiterte, größere Zielgruppe führte auch hierzulande schnell zur
Kommerzialisierung der Musik, zur Verschmelzung von Pop und Rap und zum
Verlust der eigentlichen Werte im Tausch für Ruhm und Geld. Die Subkultur
ging verloren, was die traditionsbewussten MC’s skeptisch betrachteten und sie
distanzierten sich davon.
Heute treffen zwei Generationen HipHopper aufeinander: die „Alten“ („Oldschool“ – war zuerst quasi eine Auszeichnung - man war dabei, hat’s miterlebt,
geprägt – heute gilt es aber fast schon als Beleidigung: „Du bist...aaaalt“) und
die junge Generation „Newschool“. Die „Newschool“ sieht sich heutzutage weniger in der traditionellen HipHop-Tradition, sondern eher entsprechend den
schwierigen Umständen und Gegebenheiten als deren notwendige Weiterentwicklung („Heute wollen alle Gangster sein“).
Die Älteren leben HipHop in ihren Texten und auch in ihrem Aussehen, ihr Auftreten ist weniger amerikanisiert als bei den jüngeren, bei denen HipHop einen
stärkeren Straßen- und Subkultur-Charakter annimmt.
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Um die unterschiedlichen Werte und Interessen der HipHopper aufzuzeigen, habe ich Jugendlichen (vor allem junge Männer) sowohl in vorangeschrittenem
Alter von 21-26 als auch 14-18-Jährigen folgende Fragen gestellt:
-
Was ist HipHop für dich? Was macht HipHop aus?
Welche Werte vermittelt dir HipHop?
Welche Inhalte haben Rap Texte?
Warum bist du HipHopper und nicht –Punk –Popper –Metaller?
Die jüngeren HipHop-Konsumenten zwischen 14 und 18 (insofern sie nicht
selbst in irgendeiner Form aktiv an der Kultur teilnehmen) äußerten sich wie
folgt:
HipHop (wobei die Befragten häufig nur von Rap sprachen, nur wenige verbanden Breakdance oder Graffiti mit dem Begriff) sei ‚halt cool’, die entsprechende
Kleidung sei ‚lässig’ und würde bei den Mädchen mehr Eindruck machen als
‚lange Haare und Lederhose’.
HipHop ist für sie in erster Linie Musik, häufig zitierten die Kids Rapper wie
z.B. Bushido:
„Denn ich war nie ein Rapper, ich hab für die Straßen gekämpft
Und Mama sieht heute mein Poster in dem Laden da hängen
Denn ich war nie ein Rapper, ich wollt niemals anständig sein
Ich hab Beton in meiner Brust, deswegen kann ich nicht weinen“
(Bushido, Nie ein Rapper) (Der Jugendliche betonte dabei ‚der rappt halt vom
echten Leben’)
Die Jungs aus allen Teilen der Welt (Ghana, Türkei, Russland etc.) sind sich einig, dass man ‚respektiert werden muss, um ernstgenommen zu werden’. Das
funktioniere nur durch aggressives Auftreten, man müsse ‚sich durchsetzen’
können, eben ‚hart sein’. Genau das vermitteln ihnen die Texte, der vermeintlichen ‚Gangster Rapper’, die tagtäglich in einer kriminellen Umgebung ums
Überleben kämpfen müssen.
(Bushido hat mit seinen letzten beiden Alben doppelt Goldstatus erreicht d.h.
über 200.000 Einheiten verkauft).
Die Jugendlichen sehen ihn als Vorbild und Alternative zur Arbeitslosigkeit,
‚der hat’s geschafft’ sagen sie und wollen dasselbe erreichen, natürlich ‚schnell
und mit wenig Arbeit’.
Häufig gab es für diese Jugendlichen auch keine musikalische Alternative, neben den Rapalben fanden sich noch R&B und Clubhits auf den Mp3-Playern,
aber durchweg keine Rock oder Popmusik.
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In Gesprächen mit aktiven Rappern standen neben den oben genannten Aspekten noch der Frustabbau bzw. die Freizeitgestaltung durch das Schreiben von
Raptexten und das Programmieren von Beats. Diese Jugendlichen waren häufig
reflektierter und bedachter als die reinen Konsumenten. Hier wurden vornehmlich eigene Texte zitiert, es wurde von persönlichen Erfahrungen und Eindrücken und dem Wunsch berichtet‚ es ganz nach oben zu schaffen’.
Die älteren HipHopper zwischen 21 und 26 waren sich der Tradition bewusster.
Sie erinnerten sich an ‚Jams’ (HipHop-Partys), die es in der Form heute nicht
mehr geben würde, sprachen von gewaltlosen Zusammentreffen, bei denen man
neue Texte vorgestellt, sich im Breakdancen gemessen oder im Freestylen gebattlet hat. Auffällig ist, das diese ältere Generation ausnahmslos in der Kultur
integriert waren: Jeder übte eine Tätigkeit aus, sei es das Graffitimalen, Rappen
oder Tanzen. Es geht ihnen darum ‚Fähigkeiten zu verbessern’ und den Kids
gerade in dieser schweren Zeit eine ‚positive Alternative’ zu dem ‚Aggro-Proll‚IchfickdeineMutter’-Rap’ zu bieten. Textlich sollten die Platten sich nach ihrer
Auffassung in einem ‚akzeptablem’ Rahmen bewegen, so dass man sich nicht
‚schämen müsse, sie den Eltern oder den eigenen Kindern’ vorzuspielen. ‚Es
gibt eben keine Werte mehr’ ist die Aussage, die neue Generation sei ‚noch
schlimmer’ als man selbst, vor allem skrupelloser und gewaltbereiter.
Angesprochen auf Rapper wie Frauenarzt & Co., winkten sie ab und betitelten
diese als ‚Müll und Idioten’.
Viele der älteren Generation nannten als Interpreten englischsprachige Rapper
und Gruppen wie ‚Beginner’, ‚Stieber Twins’, ‚Curse’ und ‚Blumentopf’, die
bei den jüngeren häufig aufgrund ihrer Texte und Haltungen als ‚Müslirapper“
verpönt sind. Selten wird auf diesen Platten irgendwer ‚gefickt’, ‚abgezogen’
oder ‚gedisst’ (disrespektiert) – was für die Jugendlichen aufgrund ihres Alltags
wohl schwer nachzuvollziehen ist.
Musikalisch sind die Befragten genreübergreifend interessiert, neben
HipHop sind sie an Rock/Metal und Soulmusik interessiert, nicht zuletzt aufgrund des Samplens dieser Stücke für eigene Musik.
Fazit: HipHop ist heutzutage für Jugendliche durch die Authentizität der Interpreten und die direkte Sprache interessant. Rap ist Frustverarbeitung, selten machen die Texte noch politische, aber häufig private Aussagen über Lebensumstände und persönliche Konflikte – den Status Quo der Kids. Er ist ein Weg sich
in der reizüberfluteten Welt zu äußern, teilzuhaben. HipHop vereint Jugendliche
über Nationalitäten hinaus, ist eine Form von Kommunikation, die nicht jeder
„Erwachsener“ verstehen oder nachvollziehen kann; er ist auch eine Form von
Rebellion und bietet durch die extremen Texte eine Chance Aufmerksamkeit zu
erlangen. Durch die Umstände ist es heutzutage kaum noch möglich zu „Schocken“, Rap als verbal-aggressive Musikrichtung bietet eine Möglichkeit der Ab5
grenzung. Aber auch der Aspekt des „Sich-Beweisens“ ist noch vorhanden, zwar
extremer und gewaltbereiter als früher, aber es geht immer noch darum, dem
Gegenüber zu zeigen, wer der Wortgewandtere, der Überlegene ist – abseits des
alltäglichen Lebens mit Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche oder Arbeitslosigkeit.
Die Kids haben eine Möglichkeit, sich ihren Interessen entsprechend kreativ zu
beschäftigen und sich eine Zukunft im Musikgeschäft zu erarbeiten. Durch die
Kleidung und den Ausdruck der Kultur bleibt HipHop für Jugendliche und Ältere weiterhin anziehend. Der „Competition“-Faktor macht ihn gerade in dieser
Zeit attraktiv, jeder kann Texte schreiben, Musik machen und anderen das Ergebnis präsentieren.
Ob es dieselben Werte sind, wie in den 80’ern, die die Kids auf Konzerten zusammenbringen, ist fraglich – aber alles muss sich weiterentwickeln. Die Werte,
aus denen HipHop entstand - das Gefühl der Jugendlichen in der Bronx, auf sich
stolz sein zu können, obwohl sie Außenseiter des Systems waren - führten dazu,
dass Jugendliche überall auf der Welt ihre eigene Musik, ihre eigenen Tänze und
Bräuche entwickelten.
Was Rap ausmacht, ist die „Message“, HipHop ist Botschaft. Er will kritisieren,
analysieren und vermitteln. Für junge Leute ist er eine Möglichkeit zu erzählen,
was ihnen am Herzen liegt, Straßenrap ist ein Ausdruck ihrer Realität. Jugendliche sprechen Probleme an, die sie nicht mit anderen besprechen können, sie reden von ihrer Sicht der Dinge, über alles, was sie stört und was sie lieben.
Es muss nicht unbedingt politisch sein oder sozial, Hauptsache man fühlt und
lebt HipHop in all seinen Facetten. Durch HipHop kann man neue Fähigkeiten
und Einblicke gewinnen und diese positiv einsetzen.
Für weitere Infos und Fragen bitte www.stisek.de oder [email protected]
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