Wie die erste China-Reise des Dresdner Kreuzchores zum

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Wie die erste China-Reise des Dresdner Kreuzchores zum
kulturpolitischen Skandal wurde
Tour des
himmlischen
Friedens?
Alle gut drauf?! Die
Kruzianer beim Stadtbummel in Peking
13 Chor zei t 1~2014
Foto: Matthias Krüger
Von Daniel Schalz
­A
ls der Dresdner Kreuzchor Anfang November des vergangenen Jahres von seiner zehntägigen China-Tournee zurückkam, hätte eigentlich alles bestens sein können: Die
gesamte Reise war organisatorisch perfekt gelaufen, die
Auftritte eines der ältesten und renommiertesten Knabenchöre Deutschlands waren umjubelt, zu den Konzerten in sechs der
größten Konzerthallen des Landes kamen rund 10.000 Besucher. Und
oben drauf gab es beim international wichtigen Shanghai Arts Festival
sogar noch einen Ehrenpreis für den Chor.
Doch für all dies interessierten sich nach der Rückkehr der Dresdner viele Menschen in Deutschland überhaupt nicht. Stattdessen sahen
sich der Chor und vor allem dessen Dirigent Peter Kopp, der die Reise
organisiert und künstlerisch geleitet hatte, heftigen Anfeindungen aus
den Medien und seitens einflussreicher Menschen aus der Musik- und
Kulturszene ausgesetzt. Der Vorwurf: Kopp habe aus politischen Gründen und in vorauseilendem Gehorsam das Lied «Die Gedanken
An allen Auftrittsorten waren die Autogramme der jungen Sänger heiß begehrt
«Es ist schockierend,
wenn der künstlerische
Erfolg einer Tournee über
das Grundverständnis
unserer freiheitlichdemokratischen Werte
gestellt wird. »
Und auch die Dresdner Staatskapelle schlug sich
auf die Seite des berühmtesten Chores der Stadt: In
einem Gastbeitrag für die Sächsische Zeitung schrieb
Orchesterdirektor Jan Nast, die ganze Debatte um die
vermeintliche Selbstzensur sei «absurd ». Auch in anderen Ländern wie Nordkorea, aber auch in Israel, im
arabischen Raum oder in den USA seien bestimmte
Komponisten verpönt, und daran habe man sich als
gastierendes Ensemble eben zu halten. Denn «eine
RÜCKENDECKUNG VON DRESDENS
Verweigerung ist die schlechteste Form der KomOBERBÜRGERMEISTERIN
munikation », schreibt Nast. Die Diskussion um den
Während Peter Kopp und der Kreuzchor also den Deut- Kreuzchor sei im Übrigen «perfide, weil man von einer
schen Musikrat und große Teile der Medien gegen sich Kulturinstitution Einmischung in die Politik verlangt,
haben, sprangen ihnen zumindest in ihrer Heimatstadt während sich deutsche Konzerne bei den Machthawichtige Persönlichkeiten zur Seite: So ließ Dresdens bern in China anbiedern ».
Die erste China-Reise des Dresdner Kreuzchores
Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU ) verlauten,
es sei «nicht zu erkennen, dass politischer Druck von ist längst wieder Geschichte. Die Diskussion aber, was
Außen oder vorauseilender Gehorsam die Ursache für Kunst und in unserem besonderen Fall die Chormudie Umplanung des Konzertprogramms waren ». Sie sik eigentlich mit Politik zu tun haben, ist in vollem
könne «auch nach Prüfung des Sachverhaltes nicht Gange.
erkennen, warum einige Personen jetzt den Kreuzchor
Der Autor ist Redakteur der Chorzeit.
und seine Leitung in so massiver Art und Weise angreifen », erklärte die Politikerin.
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genauso wie für die bildenden Künste, wenn zum
Beispiel aus Angst vor Islamisten heikle Bilder abgehängt oder gar nicht erst in eine geplante Ausstellung
aufgenommen werden. » Die Freiheit der Künste dürfe durch nichts und niemandem beschnitten werden.
«Wir dürfen nicht wieder in Zeiten kommen, in denen
Kunst nichts mit Gesellschaft und Politik zu tun hat »,
sagt Höppner.
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sind frei » aus dem Programm gestrichen. Eine regel- der Meldung. Spätestens hier hatte sich die mediale
rechte «Welle der moralischen Empörung » sei über Deutung der Geschichte gedreht: Nun war es Kopp,
sie hereingebrochen, erzählte Kopp der Chorzeit (siehe der bereits im Voraus eingeknickt war. Und nun wurde
aus dem kleinen, bis dahin eher regional begrenzten
dazu das Interview auf S. 16 / 17).
Wie war es dazu gekommen? Als erstes hatte die kulturpolitischen Aufreger ein bundesweiter – denn
Regional- und Online-Ausgabe der BILD-Zeitung die dpa-Meldung wurde landesweit von diversen Zeiunter der Überschrift «Chinesen zensieren Konzert tungen und Online-Medien übernommen.
Auch Christian Höppner, Generalsekretär des
der Kruzianer » am 30. Oktober über den Fall berichtet. «Wir durften unser schönstes Lied nicht singen! », Deutschen Musikrates, bezog sich auf diese Meldung,
soll Kopp gegenüber der Zeitung gesagt haben. Hier als er am 4. November mit einer Pressemitteilung an
klang es noch so, als hätten die «bösen » Chinesen dem die Öffentlichkeit ging: «Die Reaktion von Chorleiter
Chorleiter keine Wahl gelassen. Man habe aber auch, Peter Kopp ist ein Kniefall vor der autoritären Regieso wird Kopp weiter zitiert, bei der ersten China-Reise rung der Volksrepublik China », heißt es in Höppners
des Kreuzchores «keinen schweren politischen Skan- Statement. «Musik ist so tief in unserer Geschichte,
den Traditionen und unserer heutigen Gesellschaft
dal » verursachen wollen.
verwurzelt, dass sie immer auch politische BotschafKREUZCHOR ­ DIRIGENT IN DIE NÄHE
ten mittransportiert. Es ist fatal zu versuchen, im voVON NS ­MITLÄUFERN GERÜCKT
rauseilenden Gehorsam diese gesellschaftspolitische
Deutlich schärfere Worte fand dagegen eine Autorin Dimension zu leugnen und die Musik damit aus ihrem
der «Welt », die wie die BILD im Axel-Springer-Verlag politischen Kontext zu reißen. » Es sei «schockierend,
erscheint. Noch am selben Tag griff die Journalistin wenn der künstlerische Erfolg einer Tournee über das
das Thema in der Online-Ausgabe der Tageszeitung Grundverständnis unserer freiheitlich-demokratiauf und begann ihren Text mit einer Erinnerung an schen Werte gestellt wird ».
Im Gespräch mit der Chorzeit bestätigte Höppner,
Sophie Scholl: Diese hatte 1942 vor den Mauern des
Gefängnisses, in dem ihr von den Nazis verfolgter als Grundlage seiner Pressemitteilung lediglich die
Vater inhaftiert war, eben dieses «Die Gedanken sind dpa-Meldung und «eigene Recherchen » herangezogen zu haben – ein persönlifrei » auf der Flöte gespielt.
ches Gespräch mit Peter Kopp
Damit rückte die Verfasserin
gab es erst nach der Veröfdes Textes Peter Kopp in die
fentlichung. Inhaltlich stehe
Nähe der vielen Mitläufer
er, sagt Höppner, voll hinter
während der NS-Zeit, die
seinen Aussagen. Auch das
deren Aufstieg und die zwölf
später vom Kreuzchor nachJahre währende Gewaltherrgelieferte Argument, man
schaft erst möglich gemacht
habe
die jungen Sänger nicht
hatten. Vom «Kniefall vor
für politische Zwecke instPeking » ist in dem Artikel
rumentalisieren wollen, hält
die Rede, und dass Kopp mit
er für unangebracht: «Wenn
seinem Verhalten dem Chor
tatsächlich
eine Gefahr für
einen Schaden zugefügt habe,
Christian Höppner, Generalsekretär
die seelische Unversehrtheit
«der nicht wieder gut zu mades Deutschen Musikrats
der Kinder bestanden hätte,
chen ist ».
wäre das pädagogisch natürEinen Tag später meldete
dann die Deutsche Presseagentur (dpa) «Kreuzchor lich nicht zu verantworten gewesen. Aber hier wurde
streicht Lied für China-Reise ». Ein Sprecher des Cho- ja schon weit im Voraus, als noch keinerlei Angst vor
res habe gegenüber der dpa den Bericht der BILD-Zei- irgendwelchen Folgen herrschen konnte, gehandelt –
tung bestätigt und auch eine Begründung geliefert: einzig, um die Tournee nicht zu gefährden. »
Höppner findet es bedenklich, dass KunstschafAlle Liedtexte hätten vorab als Übersetzung vorgelegt
werden müssen, und die Konzertagentur sei davon aus- fende immer häufiger bereits im Vorfeld auf mögliche
gegangen, dass das Lied von den Behörden abgelehnt politische Reaktionen Rücksicht nehmen: «Das gilt
werden würde. «Chorleiter Peter Kopp habe daraufhin für den Musik- und Theaterbereich, wo im vorausbeschlossen, das Lied nicht aufzuführen », heißt es in eilenden Gehorsam Programme modifiziert werden,
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