1 Manuskript radioWissen SENDUNG: 25.08.2016 9.05 Uhr

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Manuskript
radioWissen
SENDUNG: 25.08.2016
9.05 Uhr
AUFNAHME:
STUDIO:
Biologie
Ab 8. Schuljahr
TITEL:
Das Vermächtnis unserer Ahnen
Die Gesetze der Vererbungslehre
AUTOR:
Claudia Steiner
REDAKTION:
Dr. Gerda Kuhn
REGIE:
PERSONEN:
SPRECHER; SPRECHERIN
GESPRÄCHSPARTNER (O-TÖNE)
Professor Ortrud Steinlein, LMU-München
Musik
Atmo
Zuspielungen
Besondere Anmerkungen:
ED 30.05.2014
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Musik Z9387109211
SPRECHER/IN (Collage)
Blaue Augen. Grüne Augen. Rehaugen. Mandelförmige Augen. Blonde Haare.
Braune Haare. Locken. Glatte Haare. Groß. Klein. Schmale Nase. Stupsnase. Klein
und kräftig. Groß und schlank.
SPRECHER (darüber gehen …)
Werdende Eltern fragen sich schon lange vor der Geburt, wie ihr Kind wohl einmal
aussehen wird. Wird es die blauen Augen und die hohen Wangenknochen der Mutter
oder die braunen Augen und das kantige Kinn des Vaters erben? Aber wie genau die
äußerlichen Erscheinungsmerkmale eines Kindes sein werden, kann man nicht
vorhersagen, weiß die Direktorin des Instituts für Humangenetik am
Universitätsklinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, Professor Ortrud
Steinlein.
Musik Z9387109211 ENDE
O-TON 1
Jeder Mensch hat 50 Prozent seiner Erbanlagen vom Vater und 50 Prozent von der
Mutter. Und das Aussehen und auch weitere Eigenschaften eines Menschen
bestimmen sich halt aus dieser zufälligen Mischung von Erbanlagen, die von den
Eltern weitergegeben worden sind.
SPRECHERIN
Ich bin blond, mein Partner hat schwarze Haare. Kann man nicht doch irgendwie
vorhersagen, welche Haarfarbe unser Kind bekommen wird?
SPRECHER
Wenn die Mutter helle, der Vater eher dunkle Haare hat, wird die Haarfarbe des
Kindes in der Regel dunkler sein als die der Mutter – eben eine Mischung aus Mutter
und Vater. Und wenn die Mutter blaue Augen hat und der Vater braune, ist auch
häufig die Augenfarbe des Kindes dunkler als die der Mutter. Schon der katholische
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Ordenspriester und Naturforscher Gregor Mendel hat im 19. Jahrhundert
herausgefunden, dass sich einige Merkmale in der Natur stärker durchsetzen als
andere, also andere beherrschen. In der Genetik heißt das, sie sind dominant.
Andere Merkmale dagegen sind rezessiv, sie können sich nicht so leicht gegenüber
anderen Genen behaupten. Professor Steinlein:
O-TON 2
Das heißt also jetzt zum Beispiel auf Augenfarbe bezogen gibt es Erbanlagen für
grüne Augen, braune Augen und natürlich auch – wenn man solche Erbanlagen
mischt – für alle Farbtöne dazwischen. Und welche Farbe ein Kind nun tatsächlich
bekommt, hängt halt vom Zufall ab, welche Erbanlagen für Augenfarbe bei den Eltern
bereits vorhanden waren. Das kann dabei durchaus passieren, dass ein Kind eine
ganz andere Augenfarbe hat als die Eltern, dass zum Beispiel rezessive, also sich
nicht durchsetzen könnende Erbanlagen, bei den Eltern vorhanden gewesen sind,
die man natürlich dann bei den Eltern auch nicht gesehen hat, die dann aber
vielleicht beim Kind zur Wirkung kommen. Es kann aber natürlich genauso gut sein,
dass das Kind die gleiche Augenfarbe hat wie eines der Elternteile.
SPRECHER
Der Volksmund sagt: „Wie die Mutter, so die Tochter“ und „Wie der Vater, so der
Sohn“. Manche Kinder sind den Eltern tatsächlich wie aus dem Gesicht geschnitten,
andere aber sehen weder Vater noch Mutter ähnlich. Ihre Gesichtszüge erinnern
vielmehr an die Groß- oder Urgroßeltern.
MUSIK C148681008
SPRECHERIN
Bedeutet das also, dass Gene eine Generation überspringen können?
MUSIK C148681008 ENDE
O-TON 3
Erbanlagen überspringen keine Generation. Es ist nur die Ausprägung der
Erbanlagen, die möglicherweise mal in der einen Generation da ist und in der
anderen Generation nicht da ist. Weil, wie gesagt, 50 Prozent der Erbanlagen
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kommen ja immer von dem anderen Elternteil und wenn da eine Erbanlage ist, die
sich stärker durchsetzen kann, dann bestimmt die natürlich das Aussehensmerkmal.
Und da kann es natürlich sein, dass eine Generation später diese stärkere Erbanlage
wieder nicht mehr dabei ist und dann kommt möglicherweise die großelterlich
gesehene Erbanlage wieder zum Vorschein.
SPRECHER
Wer jetzt glaubt, dass es ein bestimmtes Gen gibt, das die Augenfarbe bestimmt,
oder ein anderes Gen, das zum Beispiel die Form der Nase oder Ohren prägt, der
täuscht sich. Es ist ein kompliziertes Zusammenspiel verschiedenster Gene, die die
Merkmale beim Menschen bestimmen, erklärt Professor Steinlein:
O-TON 4
Jedes Gen für sich hat nur eine relativ begrenzte Information in der Regel, das heißt,
in einem Gen ist nicht zum Beispiel der ganze Bauplan für ein Auge festgelegt,
sondern ein Gen würde jetzt ein kleines Detail im Auge bestimmen. Das heißt, das
Auge würde durch das Zusammenspiel von vermutlich mehr als 10.000 Genen
entstehen, und so geht das halt mit jedem Organ. Jedes Gen hat ein festgelegtes,
kleines Betätigungsfeld. Zusätzlich gibt es natürlich noch eine kleinere Anzahl von
Genen, die eine übergeordnete Kontrollfunktion haben, die also sozusagen
aufpassen, was die anderen Gene machen, die denen untergeordnet sind.
Musik C148681033
SPRECHER
Lange Zeit spielten in der Forschung Zwillinge eine große Rolle. Besonders genau
schauten sich Wissenschaftler eineiige Zwillinge an und versuchten herauszufinden,
welche Merkmale vererbt, also genetisch bedingt, sind und welche nicht. Professor
Steinlein:
Musik C148681033 ENDE
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O-TON 5
Früher war die Zwillingsforschung eine beliebte Methode, um den Anteil
abzuschätzen, den Gene an der Ausprägung einer Krankheit oder eines Merkmals
haben. Das heißt, man hat also zum Beispiel Gruppen von eineiigen Zwillingen
gesammelt und geguckt, ob die bezüglich einer bestimmten Krankheit konkordant
sind, das heißt also, ob beide Zwillinge diese genetische Krankheit entwickelt haben,
oder ob sie diskordant sind. Das heißt, man hat dann einfach gesagt, wenn die
häufiger konkordant sind für diese Krankheit statt diskordant, dann überwiegt der
genetische Anteil beim Entstehen dieser Erkrankung. Heutzutage macht man
natürlich das aber lieber so, dass man direkt die Gene untersucht, um zu gucken, ob
man nicht wirklich Mutationen findet. Von daher wird die Zwillingsmethode
heutzutage nur noch extrem selten angewandt.
MUSIK C148681008
SPRECHERIN
Und was genau ist überhaupt ein Gen?
SPRECHER
Gene sind die kleinste Einheit der Vererbung, genauer gesagt: Ein Gen ist ein
Abschnitt auf der Desoxyribonukleinsäure, kurz DNS. Die DNS – auf Englisch DNA
genannt –
MUSIK C148681008 ENDE
hat die Form einer verzwirbelten Doppelhelix. Chemisch gesehen handelt es sich um
Nukleinsäuren, also lange Kettenmoleküle. Auf diesem DNA-Strang ist der gesamte
Bauplan des Körpers wie auf einer winzigen Festplatte mit riesiger Kapazität
gespeichert. Übrigens ist ein einzelner DNA-Faden, der kompakt wie ein neuer
Wollknäuel gewickelt ist, etwa fünf Zentimeter lang und zwei Millionstel Millimeter
dick.
MUSIK C148681008
Die DNA aus allen Zellen des menschlichen Körpers ergäbe aneinandergereiht eine
Strecke, die 1.000-mal so lang ist wie die Entfernung der Erde von der Sonne.
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SPRECHERIN
Was für eine Funktion haben die Gene?
SPRECHER
Die Gene auf dem DNA-Strang bestimmen, wann und wie der Körper etwas bauen
oder eine Substanz herstellen muss. Die meisten Gene dienen als Vorlage für die
Bildung von RNA-Molekülen. RNA steht für Ribonukleinsäure, auf Englisch
Ribonucleic acid.
MUSIK C148681008 ENDE
Die RNA-Moleküle sind deutlich kleiner und beweglicher als die Gene selber, weil sie
nur die wirklich wichtigen Informationen aus dem Gen übernehmen. Die RNAMoleküle dienen ihrerseits wiederum als Vorlage für die Synthese von Proteinen,
also Eiweißen. Manche Proteine sind zum Beispiel Strukturproteine zur Bildung von
Muskeleiweiß oder Knochensubstanzen. Es gibt aber auch Proteine, die
funktionieren als Enzyme und zerlegen Nahrungsbestandteile. Andere Proteine
wiederum bilden elektrische Kanäle, um Nerveninformationen weiterzuleiten. Früher
gingen die Forscher davon aus, dass jedes Gen Proteine bildet. Inzwischen haben
die Wissenschaftler aber herausgefunden, dass es auch Gene gibt, die zwar in RNA
abgelesen, aber nicht in Protein übersetzt werden. Diese speziellen RNAs haben oft
regulierende Funktionen im Zellkern. Der Mensch hat zwischen 23.000 und 25.000
Protein-kodierende Gene, dazu kommt noch mal eine vermutlich genauso große Zahl
von Nicht-Protein-produzierenden Genen. Das klingt zunächst einmal nach einer
sehr hohen Zahl, erstaunlich ist aber: Selbst eine Fruchtfliege hat 14.000 Gene, ein
Fadenwurm hat sogar über 20.000 Gene, also nur ein paar tausend weniger als der
Mensch. Warum das so ist, erklärt die Münchner Humangenetikerin Steinlein:
O-TON 6
Dass Menschen nur so wenig Gene haben, war zunächst überraschend, aber es wird
eigentlich erklärlich, weil man inzwischen auch rausgefunden hat, dass ein Gen
häufig sehr viele unterschiedliche Proteine kodieren kann. Das heißt, diese EinGen–Ein-Protein-Theorie, die man früher hatte, gilt heute nicht mehr, sondern
aufgrund von unterschiedlichen Mechanismen können Gene unterschiedliche
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Proteine produzieren. Das heißt, aus den 23.000 bis 25.000 Genen des Menschen
entstehen wahrscheinlich vier- bis zehnmal so viele Proteine und dadurch ist
natürlich eine sehr große funktionelle Vielfalt in den Zellen gegeben, die bei niederen
Lebewesen nicht so ausgeprägt ist.
Musik Z8001590115
SPRECHER
2001 haben Genetiker das Genom, also das Erbgut des Menschen, im Rahmen des
sogenannten Humangenom-Projekts entschlüsselt. Sie kennen nun alle Gene und
alle Basenabfolgen in der DNA. Basen sind die Bausteine der DNA. Es existieren
vier verschiedene Typen: Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin. Es können sich
immer nur zwei bestimmte Basen miteinander verbinden: Adenin mit Thymin sowie
Guanin mit Cytosin. Die Forscher haben nun also eine detaillierte Karte des
menschlichen Genoms vorliegen. Inzwischen weiß man zum Beispiel, dass nur ein
sehr kleiner Teil des Erbguts aus Genen besteht. Und die Wissenschaftler versuchen
nun herauszufinden, welche Funktionen das restliche Erbgut hat, der sogenannte
nicht-kodierende Bereich. Welche Aufgaben haben die verschiedenen Gene, wie
sind sie miteinander verknüpft und welche Gene können Krankheiten verursachen?
All diese Fragen soll ein neues Forschungsprojekt klären, das Encode-Projekt, erklärt
Professor Steinlein:
Musik Z8001590115 ENDE
O-TON 7
Das Encode-Projekt wurde als Nachfolger des Humangenom-Projekts ins Leben
gerufen. Das Humangenom-Projekt hat ja das menschliche Genom entschlüsselt,
das heißt, hier ist erst einmal Base an Base gereiht worden, ohne dass man sich in
dem Stadium bereits um den Sinn dieser Basen gekümmert hätte, und das EncodeProjekt soll jetzt halt rausfinden, wofür diese Basenabfolgen jeweils gut sind. Das
heißt, das Encode-Projekt versucht einen Katalog aufzustellen von allen Teilen des
Genoms, die in irgendeiner Art und Weise funktionell sind.
MUSIK C148681008
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SPRECHERIN
Wie ist denn diese Abfall-DNA zustande gekommen?
MUSIK C148681008 ENDE
O-TON 8
Unser Genom ist ja nicht in einem Schlag entstanden, sondern unser Genom geht ja
zurück, sozusagen auf den Anfang allen Lebens. Das heißt, hier sind natürlich immer
wieder Versuche gemacht worden, dann ist probiert worden, neue Gene zu bilden,
die haben möglicherweise nicht funktioniert. Die wurden natürlich nicht aus dem
Genom entfernt, sondern die wurden einfach stillgelegt, und im Laufe der vielen,
vielen Jahrmillionen hat sich natürlich sehr viel angesammelt, was heutzutage
möglicherweise gar keine Funktion mehr hat. Das heißt, übrig geblieben sind
eigentlich nur so kleine Inseln mit Genen und der größte Teil drum herum enthält
Sequenzen, von denen man früher annahm, dass sie überhaupt keine Funktion
haben, aber wo man heute denkt, dass sich da doch eine Menge noch drin
verstecken könnte.
MUSIK Z8000205105
SPRECHERIN
Aber warum werden Informationen, die offenbar nicht mehr gebraucht werden,
überhaupt weitervererbt?
SPRECHER
Zur Abfall-DNA – auch Junk-DNA genannt – haben die Wissenschaftler des EncodeProjekts 2012 bereits erste Ergebnisse vorgelegt. Demnach haben 80 Prozent der
bislang unbekannten DNA-Bereiche eine biochemische Funktion. Ein wesentlicher
Bestandteil dieser entschlüsselten DNA entfällt offenbar auf die Steuerung der
Aktivität von Genen. Das heißt, sie kann beeinflussen, ob, wann und in welchen
Mengen ein Eiweiß gebildet wird.
SPRECHERIN
Und was genau hat es mit den Chromosomen auf sich?
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MUSIK Z8000205105 ENDE
O-TON 9
Wenn man sich einen Zellkern im Lichtmikroskop anguckt, dann sieht man dort drin
Gebilde, die sogenannten Chromosomen, das sind die Verpackungseinheiten der
DNA. Das heißt, hier ist sehr eng zusammengerollt, möglichst platzsparend dieser
riesige DNA-Faden verpackt, welcher dann die Gene enthält.
SPRECHER
Der deutsche Forscher Theodor Boveri und der US-Amerikaner Walter Stanborough
Sutton entdeckten 1902, dass in einem Zellkern immer zwei der Chromosomen
gleich aussehen, also paarweise auftreten. In Biologiebüchern wird die Struktur der
Chromosomen oft in der Form eines X dargestellt. Dies ist jedoch eine vereinfachte
Darstellung. Die Chromosomen sind in Wirklichkeit ein Gewirr aus Fäden, die vom
Zellkern in vier verschiedene Richtungen abzweigen. Im menschlichen Zellkern
befinden sich insgesamt 46 Chromosomen, und zwar 22 Chromosomenpaare und
zusätzlich zwei Geschlechtschromosomen. Die Geschlechtschromosomen
bestimmen bei der Fortpflanzung das Geschlecht des Kindes. Frauen haben zwei XChromosomen, Männer haben ein X- und ein Y-Chromosom.
O-TON 10
Unser Geschlecht wird dadurch bestimmt, welches Geschlechtschromosom wir von
unserem Vater bekommen. Von der Mutter bekommen wir ja grundsätzlich ein XChromosom und dann kommt halt das Entscheidende: Kommt vom Vater jetzt ein
zweites X, dann sind wir weiblich, oder kommt vom Vater ein Y-Chromosom, dann
sind wir männlich. Bei dieser Art der Geschlechtsbestimmung kann natürlich wie
überall in der Genetik oder auch anderswo im Leben auch immer mal wieder ein
Fehler passieren. Da kann es mal passieren, dass mal ein drittes
Geschlechtschromosom dazukommt oder es kann passieren, dass relativ früh in der
Embryonalentwicklung eines der beiden Geschlechtschromosomen verloren geht,
und das kann durchaus mal dazu führen, dass halt so eine Zwischenstufe gebildet
wird zwischen Mann und Frau.
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10
SPRECHER
Wenn das Geschlecht nicht eindeutig ist, sprechen Mediziner von Intersexualität.
Dies ist ein Sammelbegriff für verschiedene Diagnosen. Menschen mit einem XYChromosomensatz können zum Beispiel kein oder zu wenig Testosteron bilden und
weiblich erscheinen. Auch eine Vermännlichung bei Menschen mit XXChromosomen kommt vor. In wieder anderen Fällen weisen die Betroffenen
gleichzeitig männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale auf. Manchmal kommt es
auch bei der Verteilung der Chromosomen zu Abweichungen, dann sind zum
Beispiel nicht zwei, sondern drei Kopien eines Chromosoms vorhanden. Beim
sogenannten Klinefelter-Syndrom liegen drei statt zwei Geschlechtschromosomen
vor, zwei X-Chromosomen und ein Y-Chromosom. Die betroffenen Männer haben
häufig einen Mangel an Geschlechtshormonen, der unbehandelt zu einer vorzeitigen
Osteoporose führen kann.
Musik C1461120007
SPRECHER
Der Vergleich von Mensch und Tier zeigt: Wie schon bei den Genen drückt die Zahl
der Chromosomen nicht unbedingt die Entwicklungsstufe des Lebewesens aus. Viele
Tiere haben deutlich mehr Chromosomen als der Mensch. So besitzen Amseln 80
und Hunde 78 Chromosomen. Schimpansen, mit denen der Menschen genetisch
eng verwandt ist, haben 48 Chromosomen.
SPRECHERIN
Und wie werden Erbinformationen von Zelle zu Zelle weitergegeben?
SPRECHER
Zu Beginn besteht jeder Mensch aus einer einzelnen Zelle, der befruchteten Eizelle.
MUSIK C1461120007 ENDE
Während der Embryonalentwicklung müssen ständig neue Zellen für die
entstehenden Organe und Körperteile gebildet werden. Das heißt, die Zellen teilen
sich ununterbrochen. Die Befehle dafür kommen von bestimmten Genen. Bei jeder
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Zellteilung wird die DNA verdoppelt. Dabei wird jedes Chromosom als Matrize, also
als Vorlage, abgelesen und kopiert, so entstehen zwei Schwesterchromosomen, die
später auf die Tochterzellen aufgeteilt werden. In jeder neuen Zelle ist dann ein
kompletter Chromosomensatz vorhanden. Diese ständige Zellteilung – Mitose
genannt – ist notwendig für die Entstehung neuen Lebens. Manchmal kann die
Zellteilung aber auch gefährlich werden: Wenn Menschen im späteren Verlauf ihres
Lebens Krebs entwickeln, lief – vereinfacht gesagt – die schnelle Zellteilung durch
eine Mutation in übergeordneten, die Zellteilung veranlassenden Genen wieder an.
Dann können sich Tumorzellen unkontrolliert vermehren, Krebs breitet sich aus. Aber
in den meisten Fällen – zum Beispiel beim Wachstum oder nach Verletzungen – ist
die Bildung neuer Zellen völlig normal und auch notwendig. Professor Steinlein:
O-TON 11
Es gibt eine ganze Reihe von Organen, die auf ständige Zellerneuerung angewiesen
sind: jetzt zum Beispiel verschiedene Schleimhäute, die Haut zum Beispiel, die
Blutzellen. Da sind natürlich weiter diese übergeordneten Gene auch im
Erwachsenenleben aktiv und sorgen dafür, dass bestimmte Stammzellen sich teilen
und neue Zellen produzieren können.
Musik Z8001590115
SPRECHER
All dieses Wissen um das menschliche Genom ist wichtig, wenn es um die
Entstehung und Behandlung von Krankheiten geht. Wie intensiv an diesem Thema
geforscht wird, zeigen Schlagzeilen aus den vergangenen Jahren.
VERSCHIEDENE SPRECHER/INNEN
„Forscher finden Gene, die das Herzinfarktrisiko beeinflussen“, „Intelligenz ist
erblich“, „Doch kein Depressionsgen“, „Risikogen für Schizophrenie entdeckt“:
Musik Z8001590115 ENDE
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12
O-TON 12
Das heißt, wenn man so in der Zeitung liest: „Das Gen für Schizophrenie wurde
gefunden“, dann muss man das bisschen mit Vorsicht genießen, solche Meldungen.
Was dort beschrieben wird, ist nicht das Gen für Schizophrenie, sondern ein
möglicher genetischer Risikofaktor, der vielleicht so ein bisschen, wenn ein Mensch
ihn trägt, das Risiko für Schizophrenie erhöht, aber für sich selbst genommen
keineswegs Schizophrenie verursachen kann.
SPRECHER
In Teilen spielt die Genetik schon heute im klinischen Alltag eine Rolle. Bei einigen
Krebserkrankungen prüfen Mediziner zum Beispiel, ob der Patient bestimmte
genetische Varianten in sich trägt und richten die Therapie entsprechend danach
aus. Das sind aber nur erste Schritte, viele weitere müssen noch folgen, so Professor
Steinlein:
O-TON 13
Früher war ja Gentherapie so gedacht, dass man das defekte, das mutierte Gen
einfach austauscht. Das hat sich als nicht machbar erwiesen, das geht einfach nicht.
Schon alleine deshalb nicht, weil es nie gelungen ist, einen Vektor zu finden, der
tatsächlich ein Gen in einen Zellkern einschleusen könnte und dort für alle Zeiten
verankern könnte. Heutzutage hat man aber Methoden entdeckt, wo man einfach die
Auswirkung einer Mutation überspielen kann, sodass diese Mutation gar nicht erst
das Protein kaputt macht, zum Beispiel dadurch, dass man mit extrem kleinen
Molekülen arbeitet, die einfach sich auf die Mutation draufsetzen und sozusagen
diese Mutation maskieren, sodass sie einfach gar nicht mit in das Protein eingelesen
wird.
MUSIK C148681008
SPRECHERIN
Bei was für gesundheitlichen Problemen wird diese Methode angewandt?
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13
O-TON 14
Diese neue Methode der Gentherapie wird bei einigen Krankheiten bereits in
klinischen Studien an Patienten probiert. Ein Beispiel wäre die Muskeldystrophie
Duchenne, eine Krankheit, wo es über zehn, 15 Jahre zu einem zunehmenden
Zerfall der Muskulatur kommt, eine Krankheit, die hauptsächlich Jungen trifft. Hier hat
man schon in ersten Ansätzen es geschafft, zumindest ganz bestimmte Mutationen
in dem verantwortlichen Gen abzudecken mittels kleiner Moleküle, sodass hier zwar
ein etwas verkürztes Protein entsteht, aber auf der anderen Seite ausreichend
Muskelprotein, um diese schwere Erkrankung zu verhindern und den frühen Tod
auch aufhalten zu können.
SPRECHER
Es gibt erste Ansätze, neue Theorien, erste Erfolge, aber von einem Durchbruch ist
die Wissenschaft noch weit entfernt, betont die Humangenetikerin:
O-TON 15
Vor 20 Jahren hat man gedacht, dass man heutzutage längst so weit wäre,
genetische Krankheiten heilen zu können. Heute ist aber klar geworden, dass das
alles nicht so einfach ist, sondern dass diese ganzen Vorgänge im Körper, die mit
Genen zusammenhängen, viel, viel komplexer sind als jemals gedacht und dass wir
wahrscheinlich noch viele weitere Jahrzehnte brauchen werden, um hier tatsächlich
den Sachen bis auf den Grund gehen zu können.
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Musik Z9387109211
SPRECHER
Das Geheimnis der Evolution, das Vermächtnis unserer Ahnen, die Sprache des
Lebens ist noch lange nicht endgültig entschlüsselt. Es gibt noch unzählige offene
Fragen und viele Theorien, die erst noch belegt werden müssen. Und auch die Frage
„Wie wird unser Kind nun aussehen?“, kann immer noch nicht vorhergesagt werden.
Musik Z9387109211 ENDE
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