Gelenkte in vitro-Evolution enantioselektiver Enzyme

Werbung
681
Gelenkte in vitro-Evolution
enantioselektiver Enzyme
Eine Automationslösung für
Hochdurchsatz-Screening von
Enzymbibliotheken
Manfred T. Reetz und Marcus Hermes
Max-Planck-Institut für Kohlenforschung, Mülheim an der Ruhr
Die linke und rechte Hand:
Chiralität und Enantiomere
In der Natur gibt es eine Vielzahl von spiegelbildlich aufgebauten Molekülen, so genannte
Enantiomere, die wie linke und
rechte Hand räumlich nicht zur
Deckung gebracht werden können – man nennt sie daher auch
chirale Moleküle. Auch viele
synthetische Wirkstoffe kommen als Enantiomere vor, wobei
meist nur eines der Enantiomere die gewünschte biologische
Wirksamkeit zeigt, während das
spiegelbildliche Gegenstück oft
unwirksam ist oder gar negative
Wirkungen zeigt. Das vielleicht
bekannteste Beispiel hierfür ist
das Schlafmittel R-Thalidomid
und das teratogene, starke Missbildungen bei Neugeborenen
hervorrufende S-Thalidomid. In
dem berüchtigten Arzneimittel
Contergan war ein Racemat enthalten, eine Mischung aus beiden Enantiomeren. Bei der chemischen Synthese von Molekülen entstehen solche Race-
mate, schwer trennbare Enantiomerengemische, deren Auftrennung einen sehr hohen Aufwand erfordert. Die Entwicklung von Enzymen, die eine
enantioselektive Stoffumwandlung ermöglichen, ist daher
hochinteressant für die Wirkstoffentwicklung.
Das Prinzip der gelenkten in
vitro-Evolution
Vor einigen Jahren wurde am
Max-Planck-Institut für Kohlenforschung ein grundsätzlich
neuer Ansatz zur Entwicklung
enantioselektiver Enzyme erarbeitet, der auf der „Evolution im
Reagenzglas“ beruht. Das Verfahren besteht aus einer Kombination molekularbiologischer
Methoden für Zufallsmutagenese und Genexpression mit einem
effizienten Screening-System,
das es ermöglicht, tausende von
enantioselektiven Mutanten
sehr schnell zu durchsuchen.
Dabei wird zunächst die für
eine Stoffumwandlung am bes-
Abb. 1: Schema der gelenkten in vitro-Evolution enantioselektiver Enzyme
Industrie-Applikationen
682
Der Arbeitsablauf
Abb. 2: Marcus Hermes vor Gerät 1.
Hier wird die Analytik-Vorbereitung
durchgeführt. Tecan Genesis Workstation 150/8 mit Robotic Manipulator Arm (rechts), Inkubator links
hinten, Tecan Multipipettierer TeMO 96 (Mitte) und Tecan Mikroplatten-Karussell (ganz rechts).
Eine Lipase aus Pseudomonas aeruginosa und die Epoxidhydrolase aus Aspergillus niger wurden im
experimentellen Ansatz als Beispielenzyme verwendet.
Der Arbeitsablauf besteht aus
zwei grundlegenden Verfahren:
1. Zufallsmutagenese und Genexpression
2. Hitpicking und Hochdurchsatz-Screening auf Enantioselektivität
Die Automationslösung
ten geeignete Enzym-Mutante
identifiziert und dann das entsprechende Enzym-codierende
Gen erneut der Mutagenese und
einem anschließenden Screening unterworfen, ein Vorgang,
der beliebig oft wiederholt werden kann (s. Abb. 1). Die Mutagenesen liefern jeweils eine Bibliothek mit einer großen Zahl
von Genen, die dann in E. coli
eingeschleust werden. Die Bakterien produzieren tausende mutierter Enzyme mit randomisiert
ausgetauschten Aminosäuren,
die im Hochdurchsatz-Screening
auf Enantioselektivität getestet
werden. Die zyklische Wiederholung des Vorgangs erzeugt den
„evolutionären Druck“, der
schließlich zu der Gen-EnzymKombination mit der gewünschten Enantioselektivität führt. Da
hierfür tausende von Mutanten
untersucht werden müssen, wurde eine Automationslösung auf
der Basis von Tecan-Laborrobotern etabliert.
Abb. 3: Gerät 2. Hier wird das Hitpicking von aktiven Klonen und das
Screening auf Enantioselektivität
durchgeführt. Tecan Genesis Workstation 150/8 mit 8-fachem Liquid
Handling Arm (links), Robotic Manipulator Arm (rechts hinten,
verdeckt), zwei Inkubatoren (links
hinten), Tecan Multipipettierer TeMO 96 (Mitte), Tecan Sunrise
Absorptionsreader (rechts daneben)
und Tecan Mikroplatten-Karussell
(ganz rechts).
Gerät 1: Hier wird die Probenvorbereitung für das Screening
durchgeführt. Dies geschieht auf
einer Tecan Genesis Workstation 150/8 mit Robotic Manipulator Arm (RoMa), mit Inkubator, Tecan Te-MO 96 (96-Kanal
Multipipettierer) und einem Tecan Mikroplatten-Karussell (s.
Abb. 2).
Gerät 2: Auf diesem Gerät wird
das Hitpicking von aktiven Klonen und das Screening auf
Enantioselektivität durchgeführt. Dies geschieht auf einer
Tecan Genesis Workstation 150
mit 8-fachem Liquid Handling
Arm, RoMa, zwei Inkubatoren,
Te-MO 96, Mikroplatten-Karussell und einem Tecan Sunrise
Absorptionsreader (s. Abb. 3).
Die Anlage wird von Tecans
FACTS-Software gesteuert.
Der 1. Schritt:
Zufallsmutagenese und
Genexpression
Die error-prone PCR (epPCR)
erlaubt es, bei der DNA-Replikation gezielt „Fehler“ einzubauen, eine einfache Möglichkeit, Gen-Mutanten zu erzeugen, wobei die Mutationsrate
empirisch eingestellt werden
kann. Auch mit der Sättigungsmutagenese, bei der gezielt ausgesuchte Positionen im Enzym
gesättigt werden, und mit DNAShuffling, einer rekombinanten
Methode, lassen sich Genmanipulationen durchführen. Die
mutierten Gene werden in E. coli-Expressionsvektoren kloniert,
die Kolonien mittels eines Kolonie-Pickers (z. B. Genetix) aus-
gesucht und in 96-Deep-well
Mikroplatten angezogen. Nach
der Zentrifugation kommen die
Platten mit den E. coli-Pellets
auf die Tecan Genesis Workstation, wo sie mittels des Te-MO
96 Multipipettierers resuspendiert und dann in 96-well Mikroplatten auf Enzymaktivität gescreent werden.
Für die Epoxidhydrolase
werden dabei verschiedene Substrate getestet, deren Umsatz
sich mit einfachen, qualitativ
auswertbaren Assays nachweisen
lässt. Dazu eignen sich z. B. die
in der Literatur beschriebenen
PNP- und Adrenalin-Tests. Aktive Klone ergeben bei PNP eine gelbe Färbung, beim Adrenalintest wird von aktiven Klonen der rote Farbstoff abgebaut.
Die Farbveränderung wird im
Sunrise Absorptionsreader gemessen und die Daten an die
SelActive-Software übergeben,
welche einen definierten Cut-off
Wert anlegt und die Hits in eine
Pipettierliste für das selektive
Zusammenfügen von aktiven
Klonen auf neue Platten überführt (Hitpicking). Von den gescreenten Klonen sind 5–35 %
aktiv. Damit kann aber noch keine Aussage über die Enantioselektivität der Klone gemacht
werden, sondern es sind lediglich aktive Klone selektiert worden.
Der 2. Schritt: Hitpicking und
Hochdurchsatz-Screening auf
Enantioselektivität
Das Screening auf Enantioselektivität der Enzyme erfolgt
mittels Massenspektrometrie
(MS). Hierzu wird eines der beiden Enantiomere eines Enzymsubstrates in einem Racemat
(50 % R- und 50 % L-Enantiomere) deuteriert. Diese Mischung wird zu den Bakterienlösungen gegeben und über
Nacht inkubiert. Zur Vorbereitung der MS-Analytik werden
die Deep-well Platten auf das
zweite Tecan-Gerät gebracht.
Eine Probe der Bakterienkultur
wird in eine Glas-Mikroplatte pipettiert und mit Essigester versetzt. Mittels Flüssig-FlüssigExtraktion werden die organischen Moleküle in die Essiges-
terphase überführt. Die übrigen
Bestandteile verbleiben in der
wässrigen Phase. Die Enzymsubstrate werden dann mittels
MS vermessen. Da eines der
Substrat-Enantiomere deuteriert
wurde, können R- und L-Enantiomere des Substrats aufgrund
der unterschiedlichen Massen
unterschieden werden. Bis zu
10.000 Proben können an einem
Tag geprüft werden.
Ein Verhältnis von 50 % Rund 50 % L-Enantiomeren bedeutet, dass das vom Bakterienklon exprimierte Enzym keinerlei Enantioselektivität zeigt.
Wird ein Überschuss eines der
beiden Substrat-Enantiomere
gemessen, zeigt dies, dass eines
der Substrate besser als das andere vom exprimierten Enzym
umgesetzt worden ist. Solche
„verbesserten“ Klone werden
dann weiteren MutageneseZyklen unterworfen, um sie weiter zu verbessern.
Die automatisierte
„evolutionäre in vitroEnzymoptimierung“
Die Stärke des Verfahrens liegt
darin, dass weder die Struktur
des Enzyms, noch der Mechanismus der Enzymkatalyse bekannt sein muss. Das Verfahren
ermöglicht eine automatisierte
„Enzymoptimierung“, wobei
versucht wird, die natürliche
Evolution im Reagenzglas nachzuahmen. Durch Tecans Automationslösung konnte das Verfahren sehr effizient in die Praxis umgesetzt werden.
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Manfred T. Reetz
Max-Planck-Institut für
Kohlenforschung
Abteilung Synthetische Organische
Chemie
Kaiser-Wilhelm-Platz 1
D-45470 Mülheim an der Ruhr
Tel.: 0208-306 2000
Fax: 0208-306 2985
[email protected]
BIOspektrum · 5/05 · 11. Jahrgang
Herunterladen