Vorlesung_KiJu_Angst [Kompatibilitätsmodus]

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Fallbeispiel
Der 8-jährige Carl wird wegen sozialen Rückzugs,
überwältigenden Ängsten, multiplen somatischen
Beschwerden und Schulverweigerung überwiesen.
Zuerst hatte er Einschlafschwierigkeiten und
Alpträume, in denen Familienmitglieder verletzt
werden oder sterben. Wenn seine Mutter nicht am
Bett sitzt, weigert er sich einzuschlafen. Besonders
an Schultagen beklagt sich Carl über Kopf- und
Bauchschmerzen. Häufig bleibt er deshalb zu
Hause, geht er doch in die Schule, hat er
Aufmerksamkeitsschwierigkeiten. Zudem weigert er
sich, bei einem Freund zu übernachten. Er freut
sich aber, wenn Freunde zu ihm nach Hause spielen
kommen.
Angststörungen
Vorlesung Klinische Kinder – und Jugendpsychologie, Dr. Margarete Bolten
1
Was ist Angst überhaupt?
Angst ist ein psychischer Prozess...
•
•
•
•
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2
Entwicklungsaufgabe Angst
• Beginn erster Angstreaktionen ab etwa 7 Monaten
(Sroufe, 1996)
• → Fremdeln/Angst vor Trennung
• Nimmt im Laufe des 2. Lebensjahres ab
• Evolutionsbiologisch sinnvoll
• Entwicklungsaufgabe: Aufbau von Autonomie
Um Gefahren wahrzunehmen
Gefährdungen zu fühlen
Risiken einzuschätzen
Schutzmaßnahmen zu ergreifen
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3
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4
Ängste und Angststörungen bei Kindern – und
Jugendlichen im Entwicklungsverlauf I
Ängste und Angststörungen bei Kindern – und
Jugendlichen im Entwicklungsverlauf II
Alter
Kompetenzen
Quelle Entwicklungsphasentypischer
Ängste
Alter
Kompetenzen
0-6 Mt.
Sensorische
Fähigkeiten
Intensive sensorische
Reize (Geräusche,
Gerüche etc.)
Verlust von Zuwendung
5-7 J.
Spezifische
Phobie vor
Tieren, Blut,
med. Eingriffen
6-12
Mt.
Sensorische
Schemata
Ursache & Wirkung
Objektkonstanz
Fremde Personen
Trennung
Konkret
Naturkatastrophen
operationales Denken (Feuer,
Überschwemmung)
Verletzungen
Tiere
Medienbasierte Ängste
8-11 J.
Prüfungsangst
Soziale Phobie
Präoperationales
denken
Fähigkeit zu
Imaginieren, aber
Unfähigkeit Fantasie
und Realität zu
trennen
Fantasiegestalten
Potentielle Einbrecher
Dunkelheit
Selbstwert basiert
auf akademischen o.
sportlichen
Leistungen
Schlechte schulische und
sportliche Leistungen
2-4 J.
Ablehnung durch
Gleichaltrige
Soziale Phobie
Agoraphobie
Panikstörung
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Beginnende
Angststörung
Trennungsangst
Spezifische
Phobie vor
Dunkelheit,
Monstern usw.
5
12-18 J. Fähigkeit Gefahren
zu antizipieren
Selbstwert durch
Peers bestimmt
Quelle Entwicklungsphasentypischer
Ängste
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Beginnende
Angststörung
6
1
Wo zeigt sich die Angst:
Komponenten der Angst
Ängste bei Kindern sind normal!
Gedanken
Bsp.: „Die Spinne ist giftig.“, „Meine Eltern
verunglücken.“
Vorträge
Verkleidete
Menschen
Körper
Bsp.: Übelkeit, Herzklopfen etc.
Dunkelheit
Verhalten
Bsp.: Weinen, schreien, anklammern, vermeiden
Spinnen
Medizinische
Eingriffe
Monster
Gewitter
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7
•
•
•
•
• Angst ist sinnvoll und notwendig.
• Sie wird zur psychischen Krankheit, wenn sie ...
...
...
...
...
unangemessen intensiv erlebt wird,
zu häufig und zu lange auftritt,
zu unkontrolliertem Verhalten führt,
starkes Leiden und Lebenseinschränkungen verursacht.
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9
Trennungsangst: Zentrale Merkmale
Trennungsangst
Spezifische Phobie
Generalisierte Angststörung
Soziale Phobie
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10
Angststörungen: Störung mit Trennungsangst
• Übermässig starke Angst in Erwartung oder
unmittelbar bei einer Trennung von den Eltern oder
anderen engen Bezugspersonen. Sie befürchten,
den Eltern oder ihnen selbst könnte in solchen
Situationen etwas Schlimmes zustossen, was sie
dauerhaft voneinander trennen würde (z.B.
Autounfall der Eltern, Entführung des Kindes).
Situationen, wie alleine zu Hause bleiben, abends
alleine, ohne Licht oder bei geschlossener Tür
einschlafen, bei Freunden übernachten oder in den
Kindergarten oder in die Schule zu gehen, werden
häufig vermieden.
• Unangemessene Angst bei Trennung
von einer Bezugsperson
• Anhaltende und exzessive Sorge, eine
Bezugsperson zu verlieren (oder dass
ihr etwas Schlimmes zustossen
könnte)
• Somatische Beschwerden: Übelkeit,
Bauchschmerzen, Kopfschmerzen,
Erbrechen
• Vermeidung von
Trennungssituationen:
• alleine im eigenen Bett schlafen,
Übernachtung bei FreundInnen,
Kindergarten- oder Schulbesuch
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8
Angststörungen im Kindes- und Jugendalter
Normale Angst – pathologische Angst
•
•
•
•
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12
2
DSM-IV-TR Kriterien: Störung mit
Trennungsangst I
DSM-IV-TR Kriterien: Störung mit
Trennungsangst II
• Ständige und übermässige Furcht oder Abneigung, allein
zu Hause zu bleiben
• Andauernder Widerwillen oder Weigerung, ohne die Nähe
der Bezugsperson schlafen zu gehen oder auswärts zu
übernachten
• Wiederholt auftretende Alpträume von Trennungen
• Wiederholte Klagen über körperliche Beschwerden, wenn
die Trennung von der Bezugsperson bevorsteht oder
stattfindet
A. Eine entwicklungsmässig unangemessene und
übermässige Angst vor der Trennung von zu Hause
oder von Bezugspersonen, wobei mind. 3 der
Symptome erfüllt sein müssen:
• Wiederholter übermässiger Kummer bei einer möglichen
oder tatsächlichen Trennung
• Andauernde und übermässige Besorgnis, dass der
Bezugsperson etwas zustossen könnte oder er/sie verlieren
könnte
• Andauernde und übermässige Besorgnis, dass ein Unglück
sie/ihn von der Bezugsperson trennen könnte
• Andauernder Widerwillen oder Weigerung, aus Angst vor
der Trennung zur Schule oder einem anderen Ort zu gehen
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Störung mit Trennungsangst III
14
Spezifische Phobie
B. Die Dauer der Störung beträgt mind. 4 Wochen
C. Der Störungsbeginn liegt vor dem Alter von 18
Jahren
D. Die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer
Weise Leiden oder Beeinträchtigungen
E. Die Störung tritt nicht im Verlauf einer anderen
psychischen Störung auf
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• Anhaltende und exzessive
Angst, in Anwesenheit oder
Erwartung spezifischer
Objekte oder Situationen
(Bsp. Fliegen, Höhe, Tiere)
• Exposition führt zu
unmittelbarer Angst
• Phobische Situationen
werden vermieden oder
unter intensiver Angst
ertragen
• Starke Beeinträchtigung des
täglichen Lebens
15
DSM-IV-TR: Spezifische Phobie
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16
Generalisierte Angststörung
• Bei Konfrontation mit dem phobischen Reiz kann
sich die Angst in Form von Weinen, Wutanfällen,
Erstarren oder Anklammern ausdrücken
• Wahrnehmen der übermässigen, unbegründeten
Angst kann fehlen
• Exzessive Angst und Sorgen um Ereignisse oder
Aktivitäten (Bsp. Schulleistungen, tägliche
Routineaktivitäten)
• Schwierigkeiten, Sorgen zu kontrollieren
• Sorgen sind mit Symptomen assoziiert:
• Ruhelosigkeit und Nervosität
• Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten
• Reizbarkeit, Muskelverspannung, Schlafstörungen
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18
3
Soziale Phobie
DSM-IV-TR: Soziale Phobie
• Vorhandensein altersangemessener Beziehungen,
Angst nicht nur gegenüber fremden Erwachsenen,
sondern auch gegenüber Gleichaltrigen
• Mindestdauer 6 Monate
• Wahrnehmen der übermässigen, unbegründeten
Angst kann fehlen
• Kind kann sich durch Schreien, Wutausbrüche,
Zurückweichen in sozialen Situationen äussern
• Anhaltende und exzessive Angst, in
sozialen Situationen (z.B. vor anderen
sprechen, Geburtstagsfeste
besuchen)
• Angst vor Peinlichkeit/Blamage oder
beurteilt zu werden
• Soziale Situationen werden
vermieden oder unter intensiver
Angst ertragen
• Starke Beeinträchtigung des
alltäglichen Lebens
• Spezifisch oder generalisiert
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19
Angststörungen im Kindes- und
Jugendalter - Alles nur Kinderkram?
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20
Prävalenz psychischer Störungen
(Übersicht Ihle & Esser, 2002)
Lebensalter in Jahren
10
20
30
40
50
60
70
Periodenprävalenz (Median)
80
Angststörungen
6
11
Kessler (2005). Mittleres
Auftretensalter von Angststörungen:
21
Störungen der Impulskontrolle
7
Angststörungen 11 Jahre
Trennungsangst 7 Jahre
Spezifische Phobie 7 Jahre
Soziale Phobie 13 Jahre
Panikstörung 24 Jahre
11 15
Abhängigkeitsstörungen
18
20
27
Angststörungen
10.4%
Dissoziale Störungen
7.5%
Depressive Störungen
4.4%
Hyperkinetische Störungen
4.4%
Tics
2.8%
Enkopresis/Enuresis
0.4%/ 2.5%
Verhaltensstörungen
ca. 18% (Zubrick et al., 1995)
Affektive Störungen
18
25 %
30
50 %
43
75 %
Kessler et al., Arch. Gen. Psychiatry, 2005, 62, 593-602
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21
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22
Verlauf von Ängsten im Kindesalter
Angststörungen bei Kindern vor der Pubertät
Schneider & Nündel, (2002). European Neuropsychopharmacology
Brückl, Wittchen, Höfler, Pfister, Schneider & Lieb (in press), Psychotherapy & Psychosomatics
Punktprävalenz, 3-Monats- und 6-Monats-Prävalenzen
Kindheit
Erwachsenenalter
Cartwright-Hatton, et al. (2006), Clinical Psychological Review.
Min %
Risikostichprobe (N=113)
Max %
Kinder mit Angstdiagnosen
3.05
23.9
Trennungsangst
Spezifische Phobien
Generalisierte Angststörung
Sozialphobie
Panikstörung/Agoraphobie
0.5
<1
0.16
0.08
<0.5
20.2
>20
11.1
0.9
<0.5
Trennungsangst
OR 8.4
Repräsentative Stichprobe (N=1‘090)
Trennungsangst
Trennungsangst
OR 51.2
OR 3.3
Panikstörung
Angststörung
andere Angststörungen,
Depressionen,
Substanzstörungen
In 2/3 der Studien sind Angststörungen häufiger
als externalisierende Störungen!!!
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Panikstörung
23
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24
4
Weitere Längsschnittbefunde
Angststörungen im Kindesalter: Komorbiditäten
•
•
•
•
•
Kinder mit Angststörungen
... leben als junge Erwachsene häufiger bei Eltern
... sind als junge Erwachsene häufiger arbeitslos
... haben als Erwachsene seltener eigene Kinder
... zeigen als Erwachsene häufiger Depressionen
und Substanzmissbrauch/-abhängigkeit
• ... suchen als Erwachsene häufiger
psychologisch/psychiatrische Dienste auf
• Depressionen (30-70%)
• Externalisierende Störungen (23-69%)
• Kindheit: v.a. ADHS
• Jugend: v.a. aggressive Verhaltensstörungen
• Somatoforme Störungen (26%)
• Substanzmissbrauch (12%)
• Enuresis (10%)
Last et al. (1997), J. AM. ACAD. Child Adolesc. Psychiatry;
Flakierska-Praquin et al. (1997). Comprehensive Psychiatry
Essau, C. A., (2003), Angst bei Kindern und
Jugendlichen. Stuttgart: UTB Für Wissenschaft.
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25
Kinderängste ≠ Kinderkram
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26
Ätiologie von Angststörungen:
• Kinderängste ...
Psychologische
Faktoren
• sind stabil bzw. Risikofaktor für psychische Störungen des
Erwachsenenalters
• verursachen langfristig volkswirtschaftliche Kosten
(Arbeitslosigkeit, psychosoziale Dienste)
• bedeuten deutliche Einbusse an Lebensqualität für Kinder,
Jugendliche und deren Familien
AngstStörung
Umweltfaktoren
Biologische
Faktoren
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27
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28
Integratives Modell zur Angstentwicklung
(Rapee, 2001)
Welche Risikofaktoren sind bekannt?
• Individuelle Faktoren:
Elterliche Angst
Vererbung
• Temperament des Kindes (Verhaltenshemmung)
• Angstsensitivität
• Kognitive Faktoren
Angstbereitschaft
• Familiäre Faktoren
Erregung und Emotionalität
• Psyche Erkrankung der Eltern
• Eltern-Kind-Interaktion / Erziehungsstil (Überfürsorge etc.)
• Bindungsstil
Vermeidung
Verzerrung der
Informationsverarbeitung
Unterstützung
von Vermeidung
Auswirkung der
Sozialen Umwelt
• Soziale Faktoren
• Geringe soziale Unterstützung
• Lernerfahrungen:
Umweltereignisse
• Modelllernen
• Instruktionslernen
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Angststörung
29
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30
5
Individuelle Faktoren: Verhaltenshemmung
Individuelle Faktoren: Verhaltenshemmung
• Kinder von Eltern mit Angststörung zeigen häufiger
Verhaltenshemmung (Rosenbaum, Biederman,
Gersten, Hirshfeld, Meminger, et al. 1988)
Panik/Agoraphobie
(N=14)
Merkmal
OR 8.6
(retrospektiv)
• Verhaltensgehemmte Kinder entwickeln häufiger
Angststörungen (Biederman, Rosenbaum,
Hirshfeld, Faraone, Bolduc et al., 1990)
Verhaltenshemmung
OR 15.1
OR 12.3
N=163
Sozialphobie
(N=29)
Spezifische Phobie
(N=29)
OR 23.5
Angststörung
(N=47)
(Biederman, Rosenbaum, Hirshfeld, Faraone, Bolduc et al., 1990)
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31
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32
Familiäre Faktoren:
Wie die Eltern, so das Kind...
Man kann nicht vorsichtig genug bei der
Auswahl seiner Eltern sein!!!
• Meta-Analyse: Angststörungen und Depressionen
bei Risikokindern
• Ziel: Prävalenz psychischer Störungen bei Kindern
von Eltern mit Angststörungen
• 16 Studien
• 1892 Kinder (4-25 Jahre)
Micco et al., (2009). Journal of Anxiety Disorders
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33
Risiko von Kindern, wenn Eltern an einer
Angststörung leiden
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34
Soziales Referenzieren
Micco et al., (2009). Journal of Anxiety Disorders
OR für AS= 3.91
OR für
Depression=
2.67
• Ab etwa 8 Monaten suchen Kinder in neuen und
unbekannten Situationen nach emotionalen
Hinweisreizen bei Erwachsenen, um diese
Situationen besser einschätzen und damit ihr
Verhalten steuern zu können.
Pooled Odds Ratio
Bolten & Klinische
In-Albon State-of-the-Art
Symposium Psychotherapie
in der
Adoleszenz München 2009
Vorlesung
Kinder – und Jugendpsychologie,
Dr. Margarete
Bolten
35
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36
6
Untersuchung der familiären Transmission von
Ängsten
Unsere Hypothesen
Kind
Mutter
•Cross/Crosstime
•Referenzierverhalten
•Emotionaler Zustand
Stimmungsinduktion
(neutral, ängstlich)
Mediatoren
•Subjektiver Moodchange
Instruktionslernen
Modelllernen
•Beobachtete Ängstlichkeit
Sorce, J.F., Emde, R.N., Campos, J., & Klinnert, M. (1985). Maternal emotional signaling: Its
Effect on the Visual Cliff Behavior of 1-Year-Olds.
Developmental Psychology, 21(1), 195-200.
•Blickverhalten Kind
•Stimmveränderungen
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37
38
Time-to-Event-Analysis
% Kinder, die die tiefe Seite überqueren
Untersuchungsaufbau
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Die Überquerungsrate in der Bedingung
„Tag 1 & negative Stimmung“ war 3.3 Mal (oder
70%) geringer als in allen anderen Bedingungen
Sekunden
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39
Verbales Instruktionslernen (Field & Lawson,
2008)
Beutelmarder (quoll)
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40
Verbales Instruktionslernen (Field & Lawson,
2008)
Mean fear belief (0-4)
• 3 verschiedene Beuteltiere, die entweder mit
gefährlichen oder positiven oder gar keinen
Informationen dargeboten wurden → 3 Gruppen
Cuscus (Possum)
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Kurzschwanzkänguruh
(quokka)
Time
41
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42
7
Mutter-Kind-Interaktion:
Ergebnisse
Mechanismen familiärer Transmission: ElternKind-Interaktion
Unterscheiden sich Mütter mit Panikstörungen
von Müttern ohne Angststörung?
Panik:
KG:
Effektstärke (Cohen´s d)
N=73
N=34
0.8
0.4
Zaubertafel
0
Kontrolle: Angst>KG
Kritik: Angst>KG
Feinfühligkeit: KG>Angst
Schneider, Houweling, Gommlich-Schneider, Klein, Nündel & Wolke, 2009
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43
Angststörungen: Diagnostik
44
Angstdiagnostik: Methoden
• Analyse der Ängste: Erstellung einer
Angsthierarchie
• Exploration der Eltern/Familienanamnese
• Multiaxiale Diagnostik (z.B. Kinder-DIPS)
• Abgrenzung von sozialem Unbehagen und
Schüchternheit
• Erfassung der sozialen Kompetenz
• Abgrenzung von anderen Störungen
• Verfahren zur Erfassung von Ängsten
• Abgrenzung zu anderen
Angststörungen/Depression
• Abgrenzung zum Asperger-Syndrom
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•
•
•
•
•
•
45
Behandlung: Wie man der Angst, Angst einjagen
kann
Strukturierte Interviews
Diagnosechecklisten
Selbstbeschreibungsinstrumente
Fremdbeurteilungsbögen
Selbstbeobachtungsmethoden
Verhaltensbeobachtung
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46
Behandlung kindlicher Angststörungen durch
Psychotherapie möglich?
Diagnosen nach resp. ohne Behandlung
Ohne Angstdiagnose (%) (23 Studien, N=1387)
80%
69%
60%
73%
40%
20%
14%
0%
Warteliste
Therapieende
Follow-up bis 12 M.
In-Albon & Schneider (2007). Psychotherapy & Psychosomatics.
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47
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48
8
Angststörungen: Kognitive Verhaltenstherapie I
Angststörungen: Kognitive Verhaltenstherapie II
Psychoedukation:
Gedankenexperimente
• Hinführung zum Thema Normalisierung von Ängsten und
Angstbewältigung
• Therapieziele erarbeiten
• Strategien zum Umgang mit Angst aus dem Angstkreis
ableiten
• Strategien zum Umgang mit Angst, Sicherheitsverhalten
und Vermeidung
• Desensibilisierung (in sensu)
Verhaltensexperimente
• Vorbereitung der Verhaltensexperimente, um die Schwelle
für die In-vivo-Verhaltensexperimente zu senken und
mögliche Hindernisse vorweg zu besprechen
• Aufmerksamkeitstraining
• Desensibilisierung (in vivo)
Kognitive Umstrukturierung:
• Erfassung und Kategorisierung von Gedanken
• Umwandlung von Angst machenden in Mut machende
Gedanken
• Nachträgliche Umbewertung von Situationen
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Notfallkoffer und Erinnerungskiste
• Vorbereitung auf möglicherweise wieder stärker werdende
Ängste
49
Informationsvermittlung
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50
Was wird genau gemacht? Psychoedukation
• Eltern und Kind werden aufgeklärt über:
• Sinn und Wesen von Angst
• Normale vs. krankhafte Ängste
• Konkrete Angststörung des Kindes
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51
Wie fühlt sich Angst an?
Herzklopfen
Bauchweh
komisches Gefühl
im Bauch
Zittern
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52
Was wird genau gemacht? Psychoedukation
Wie viele
von
100
Kindern
haben
eine
AngstKrankheit
???
Schwindel
Kälteschauer
53
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54
9
Beeinflussung von Gefühlen & Gedanken
TAFF-Gedanken gegen die Angst
• Meine Angst sagt zu mir: „Ich will ganz schnell zu
meiner Mama...“
• TAFF-Gedanken, die mir helfen, der Angst zu
widersprechen:
• Ich zeige Dir wer hier der stärkere ist!
• Ich weiß genau, dass ich das kann. Die Angst will mir
einreden, dass ich das nicht kann.
• Ich mach die Angst fertig!
• Deine Ideen, wie du die Angst zum Schweigen kriegst:
• ..................................................................................
........
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Selbstwirksamkeitsüberzeugung stärken!
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56
Zauberstäbe, Zaubersteine...
Gegen die Angst kämpfen...
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57
Starke Modelle
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Monstersprays und anderes...
59
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10
Instruktion der Eltern zum
Umgang mit der Angst
Elterntraining
• Konkretes Einüben des elterlichen Verhaltens bei
starken Angstreaktionen des Kindes
• Einüben operanter Interventionen (Löschung,
Verstärkung)
• Bearbeiten von dysfunktionalen Gedanken der
Eltern
• Hilfreiche Unterstützung
• Loben/verstärken von mutigem, angstbewältigendem
Verhalten des Kindes
• Ängstliches Verhalten nicht durch zu starke Beachtung
verstärken (möglichst ignorieren)
• Vermeidungsverhalten verhindern
• Empathisch und sensibel Ängste verstehen
• „Mein Kind wird für immer Schaden nehmen, wenn ich es
mit seiner Angst allein lasse/die Angst zu stark wird“
• „Ich bin eine schlechte Mutter, wenn ich mein Kind mit
seiner Angst allein lasse“
Schneider (2003). TrennungsAngstprogramm Für Familien. Unpubliziertes Therapiemanual.
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Schneider (2003). TrennungsAngstprogramm Für Familien. Unpubliziertes Therapiemanual.
61
Instruktion der Eltern zum
Umgang mit der Angst
62
Dysfunktionale Gedanken der Eltern
• Nicht-hilfreiche Unterstützung
•
•
•
•
•
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• Erkennen „ungünstiger“ Gedanken
• „Mein Kind wird für immer Schaden nehmen, wenn ich es mit
seiner Angst allein lasse/die Angst zu stark wird“
• „Ich bin eine schlechte Mutter, wenn ich mein Kind mit seiner
Angst allein lasse“
Zu starke Identifikation mit Angst des Kindes
Übertriebene Beruhigung des Kindes
Zu starke Direktivität
Ermuntern oder Erlauben von Vermeidungsverhalten
Ungeduld und Frustration
• Sind Gedanken angemessen?
• Überzeugungsratings (0-100%)
• Was spricht dafür? Was spricht dagegen?
• Alternative Erklärungen/Gedanken
• Autonomie als Entwicklungsaufgabe
• Erläuterung des Konzeptes von Entwicklungsaufgaben
Schneider (2003). TrennungsAngstprogramm Für Familien. Unpubliziertes Therapiemanual.
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63
Was passiert, wenn Kind in Trennungssituation
bleiben muss?
Angst
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64
Übung macht den Meister!
D: Erwartung „Angst wird unendlich stark“
Angst
C: Erwartung „Angst hört nie auf“
B: Habituation
A: Vermeidung
Zeit
Zeit
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66
11
Der Angst begegnen...
•
•
•
•
•
•
•
Beispiel Angsthierachie
Schrittweise...
am Nachmittag alleine zu Hause bleiben
im eigenen Bett ein- und durchschlafen
bei anderen übernachten
in der Klasse etwas sagen
sich am Telefon melden
beim Einkaufen um etwas bitten
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68
Take-home messages
Beispiel Verhaltensexperiment
• Kinderängste sind kein Kinderkram
• Angststörungen beginnen im frühen Kindesalter
• Angststörungen des Kindesalter bedeutender
Risikofaktor für psychische Störungen im
Erwachsenenalter
• Vorbeugung und Behandlung sind möglich
• Gut überprüfte Behandlungsprogramme liegen vor,
werden aber kaum in der Praxis angewandt
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