Diagnostik I

Werbung
Diagnostik I
SS 2008
Inhaltverzeichnis
Kapitel 1: Diagnostische Strategien und psychologische Diagnostik ................. 3
1.1 Einleitung......................................................................................................... 4
1.2 Diagnostische Strategien ............................................................................... 6
Kapitel 2: Auftrag, Erwartung, Fragestellung ......................................................... 8
2.1 Die Erwartung .................................................................................................. 9
2.2 Der Auftrag..................................................................................................... 10
2.3 Die psychologische Fragestellungen .......................................................... 10
Kapitel 3: Urteilsbildung ........................................................................................ 12
3.1 Einleitung....................................................................................................... 13
3.2 Der Context of discovery .............................................................................. 14
3.3 Der Context of Justification ......................................................................... 15
Kapitel 4: Kommunikation diagnostischer Befunde und Gutachtenerstellung. 17
4.1 Einleitung....................................................................................................... 18
4.2 Arten der Kommunikation ............................................................................ 19
Kapitel 5: Kosten – Nutzen in der psychologischen Diagnostik ........................ 21
5.1 Methodischer Hintergrund ........................................................................... 23
5.2 Nutzen in der klinischen Diagnostik............................................................ 24
5.3 Nutzen in der Eignungsdiagnostik .............................................................. 25
Kapitel 6: Anwendungsfeld Wirtschaft- Eignungsdiagnostik ............................. 29
Kapitel 6: Anwendungsfeld Wirtschaft- Eignungsdiagnostik ............................. 29
6.2 Die Bedeutung sog. „Testknacker“ (HESSE/SCHRADER) für die
Berufseignungsdiagnostik: .............................................................................. 29\\
6.2 Die Bedeutung sog. „Testknacker“ (HESSE/SCHRADER) für die
Berufseignungsdiagnostik: .............................................................................. 33\\
6.3 Verfahren der Eignungsdiagnostik:............................................................. 33
Kapitel 7: Anwendungsfeld Klinik ......................................................................... 41
7.1 Überblick über Diagnostikaufgaben im Rahmen der klin. Diagnostik...... 42
7. 2. Indikationsstellung ..................................................................................... 43
7.3 Diagnose der Therapieeffekte ...................................................................... 45
Kapitel 8: Anwendungsfeld Recht ......................................................................... 47
8.1 Einleitung....................................................................................................... 50
8.2 Die elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung ................................. 51
8.3Strafrechtlich relevante Fragestellungen ..................................................... 52
1
Zusatzkapitel aus Vorlesung von Prof. Dr. Halder – Sinn aus dem WS 2008/2009
Kapitel 10: Geschichte der psychologischen Diagnostik ................................... 59
2
Kapitel 1: Diagnostische Strategien und psychologische Diagnostik
Fragen
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Was ist psychologische Diagnostik? (aus WS08/09 von Halder – Sinn)
Welche Arten psychologischer Diagnostik gibt es? (aus WS 08/09 von Halder – Sinn)
Welche Arten diagnostischer Verfahren gibt es? (aus WS 08/09 von Halder – Sinn)
Wie wird der diagnostische Prozess definiert?
Warum sind Strategien im diagnostischen Prozess so wichtig?
Welche Strategien gibt es im diagnostischen Prozess?
Zusammenfassung des 1. Kapitels: Diagnostische Strategien und psychologische Diagnostik
Einleitung
Einführung zur psychologische Diagnostik
Folgende Aspekte spielen bei der psychologischen Diagnostik eine Rolle
- Einsatz psychologischer Verfahren
- Bewertung von Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Persönlichkeit. auf interindividueller Ebene
- Diagnose von Personen, Gruppen, Insitutionen, Situationen
- sie ist zielgerichtet und hat den Zwecke eine Entscheidung zu treffen
- eingesetzt in vielen Bereichen der Psychologie
Arten psychologischer Diagnostik
- Individuelle Diagnostik: Anpassung des Treatments bei einem Individuum und wechselnden
Fragestellungen mittels Auswahl von Verfahren und wechselnden Testbatterien  z.B. Bildungsberatung
- Institutionelle Diagnostik: Selektionsentscheidung (Gruppe von ähnlichen Pb) mittels festgelegten Testbatterien und Fragestellungen.
Arten diagnostischer Verfahren
- Gespräch: freies, strukturiertes, standardisiertes Interview
- Verhaltensbeobachtung: unstrukturierte und strukturierte VB, spezifische Aufgabenstellungen, teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtung
- Fremdinformation: mündlich und schriftlich
- Psychophysische Daten: Labordaten, Daten als Feldstudien und Alltagssituationen (z.B. mit
Taschen – PC, Palmtop)
- Testverfahren: Intelligenz – & Leistungstests, Persönlichkeitsinventare, projektive Verfahren
Diagnostische Strategien
Strategien im diagnostischen Prozess
Regelsammlung, die Durchführung einer diagnostischen Untersuchung und die Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung des jeweiligen Auftrages festlegen. Es gibt Makro – und Mikrostrategien.
Single – Stage Strategie
An einem Termin werden alle Daten erhoben und dann wird über das weitere Vorgehen entschieden.
Z.B. Patient wird getestet, interviewt, beobachtet und nach der diagn. Urteilsbildung entscheidet man
über die folgende Behandlung
Double-stage-Strategie (CRONBACH & GLESER)
Zu Beginn wird ein Test A gemacht und dann werden die Bewerber anhand eines Cutting Scores
eingeteilt in Ablehnung, Zulassung und bedingte Zulassung (die machen dann noch einen Test B).
Multistage – Strategie (CRONBACH & GLESER)
Ähnlich wie die Double – Stage, nur dass neben Test B noch weitere Verfahren angewandt werden
3
Einleitung
Einführung zur psychologische Diagnostik (WS 08/09, Prof. Dr. Halder – Sinn)
Folgende Aspekte spielen bei der psychologischen Diagnostik eine Rolle
- Einsatz psychologischer Verfahren, mehr (z.B. Testverfahren) oder weniger
(z.B. Interviews) standardisiert
- Bewertung von Fähigkeiten, Verhaltensweisen, Persönlichkeitseigenschaften
- häufig auf interindividueller Ebene
- Diagnose von Personen, Gruppen ( z.B. Familieninteraktion, etc.), Insitutionen (z.B. Betriebsklima), Situationen (z.B. Reaktion auf bestimmte Stimuli)
- sie ist zielgerichtet
- wird durchgeführt um eine bestimmte Entscheidung zu treffen, d.h. brauche
ich die erhobenen Infos wirklich für meine Entscheidung oder sollte ich den
Test lassen, bzw. einen anderen wählen?
- wird oft gesellschaftskritisch betrachtet, da für einige es nicht akzeptabel ist
Unterschiede zwischen Menschen festzustellen
- wird u.a. eingesetzt in der pädagogischen, klinischen, forensischen (gerichtilchen) und Verkehrspsychologie
- Eignungsdiagnostik wird dann wichtig, wenn eine Gruppe nicht automatisch
Anspruch auf einen Posten hat (z.B. macht Diagnostik zur Auswahl eines Königs bei einer erblich bestimmten Monarchie keinen Sinn).
Arten psychologischer Diagnostik (WS 08/09, Prof. Dr. Halder – Sinn)
Individuelle Diagnostik
- wechselnde Fragestellungen, keine fest Testbatterie
- Auswahl der Verfahren in Abhängigkeit von den Merkmalen des Probanden.
 Anpassung des Treatments an die Merkmale der Person (z.B. Bewertung
psychischer Störungen, Schuldfähigkeit, Bildungsberatung)
Institutionelle Diagnostik
- Festgelegte Testbatterien, feste Fragestellung
- Untersuchung einer Gruppe ähnlicher Probanden
 Ziel ist Selektionsentscheidung, z.B. Zulassung zur Hochschule, Auswahl
von Bewerbern
Definition diagnostischer Prozess
Der diagnostische Prozess beschreibt alle Überlegungen und Maßnahmen, die für
die Erfüllung eines diagnostischen Auftrages erforderlich sind.
4
Arten diagnostischer Verfahren (WS 08/09, Prof. Dr. Halder – Sinn)
-
Gespräch
o das freie Interview (z.B. ad hoc Befragung eines Patienten nach depressiven Symptomen)
o das halbstandardisierte oder strukturierte Interview (z.B. systematisches Abfragen der ICD – 10 Kriterien mittels des SKID)
o das standardisierte Interview (z.B. CIDI – Erfassung psychischer Störungen gemäß ICD – 10 und DSM – IV)
-
Verhaltensbeobachtung:
o unstrukturierte und strukturierte VB
o spezifische Aufgabenstellungen (z.B. schreiben Sie auf, wenn sie rauchen, wann und wieso sie es getan haben)
o teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtung
-
Fremdinformation:
o mündlich (Gespräch mit Eltern, Lehrern, Therapeuten)
o schriftlich (Arztberichte, Gerichtsakten)
-
Psychophysische Daten:
o Im Labor (Fragestellungen aus Forschung, reale oder virtuelle Stimuli)
o Feldstudien oder Alltagssituationen (Ambulatorisches Assessment 
Taschen – PC, Palmtop, Dauer – EKG)
-
Testverfahren:
o Intelligenztests (z.B. CFT 20 – R, HAWIE)
o Leistungstests (z.B. D2)
o Persönlichkeitsinventare (z.B. FPI)
o projektive – Verfahren (z.B. Rohrschach – Test, CAT)
5
Diagnostische Strategien
Strategien im diagnostischen Prozess
-
-
Strategien sind eine Sammlung von Regeln, mit deren Hilfe die Durchführung
einer diagnostischen Untersuchung und die Entscheidungsfindung unter Berücksichtigung des jeweiligen Auftrages festgelegt sind.
Sie bestimmen wann welche Daten erhoben werden und wie & wann die Entscheidung zu treffen ist
Makro – und Mikrostrategien
o Makrostrategien (Entscheidungen beziehen sich auf das Testverfahren)
o Mikrostrategien (Entscheidungen beziehen sich auf die Testitems)
Single – Stage Strategie
An einem Termin werden alle Daten erhoben und dann wird über das weitere Vorgehen entschieden.
Problemstellung

Anamnestisches
Gespräch

Test,
Explorationsgespräche,
Beobachtungen

Diagnostische
Urteilsbildung

Gutachten
oder
Beratung/
Behandlung
Double-stage-Strategie (CRONBACH & GLESER)
Zu Beginn wird ein Test A gemacht und dann werden die Bewerber anhand eines
Cutting Scores eingeteilt in:
- Ablehnung  Bewerber wird abgewiesen
- Zulassung  Bewerber wird ohne weitere Tests zugelassen
- bedingte Zulassung  zweiter Test B wird gemacht und dann wird das Ergebnis von Test A + B zusammengefasst und die Bewerber anhand eines Cutting
Scores nun endgültig zugelassen oder abgelehnt.
6
Multistage – Strategie (CRONBACH & GLESER)
Ähnlich wie die Double – Stage Strategie:
- Nach Test A gibt es auch hier die Entscheidung ob bedingungslose Annahme
oder Ablehnung
- neben dem Test B werden hier dann aber noch weitere Verfahren (C, D,…)
zur Auswahl der „Wackelkanidaten“ angewandt
7
Kapitel 2: Auftrag, Erwartung, Fragestellung
Fragen
Erwartung
1. Wodurch werden die Erwartungen bestimmt?
2. Welche Kritik am Gebrauch von Testverfahren gibt es?
3. Was beeinflusst die Einstellung zur Psychologie?
Auftrag
4. Was ist bei dem Annehmen eines Auftrages zu beachten und warum sind Fragestellungen von Auftraggebern oftmals unklar?
Fragestellung
5. Welche diagnostischen Fragestellungen gibt es in der Regel und wie kann
man sie beantworten?
Zusammenfassung des 2. Kapitels: Auftrag, Erwartung, Fragestellung
Die Erwartung
Die Erwartungen von Auftraggebern und Probanden an die psychologische Diagnostik und die Datenerhebung werden von dem Laiensystem der Psychologie (ideologische Vorurteile, Stereotypien,
Glaubenssätze, pos./ neg. Verhaltensbereitschaften gegenüber dem Psychologen, usw.) bestimmt.
Kritik zum Gebrauch von Testverfahren
- politisch motivierte Ablehnung in totalitären Systemen
- systematischem Ansatz: Vereinzelung des Pb durch seine Lösung aus dem System
- humanistischer Ansatz: Testscores sind Verkürzungen  liefern keine hinreichende Auskunft
- psychoanalytischer Ansatz: Die Testdurchführung stört die therapeutische Beziehung
- Testtheoretische Kritik: Testscores als die einzige Basis ultimativer Entscheidungen stellen
eine Überschätzung von Testverfahren dar (Messfehler)
Faktoren, die die Einstellung zur Psychologie beinflussen
- Bildungsstand und Sozialschicht: Patienten aus der Unterschicht sind wegen Rollenerwartungen und motorischer Orientierung oft passiv, verunsichert, stiller und erwarten klare Entscheidungen.
- Erwartungen an die Institution, in der Dienstleistung in Anspruch genommen wird.
Der Auftrag
Wichtig für die Übernahme eines Auftrages
- Qualifikation/ Kompetenz
- klare Fragstellung
- keine rechtlichen Probleme
- keine moralisch problematische Vorstellungen (z.B. extrem parteiliche Gutachtenwünsche)
- dem Patienten auch die Möglichkeit eines negativen Ergebnisses beibringen
Für die Annehmbarkeit eines Auftrages spielt eine große Rolle:
- Menge zuverlässiger Daten da oder nicht?
- Wer hat (ungerechtfertigten) Schaden oder Nutzen aus dem Gutachten?
Die psychologische Fragestellungen
Der nächste Schritt ist die Umformulierung des Laienauftrages in psychologische Fragestellungen.
Bei der psych. – diagnostischen Fragestellungen geht es in Regel vergangenes und zukünftiges Verhalten festzustellen, sowie Gründe, die das momentane, problematische Verhalten aufrechtzuerhalten, zu finden. Dieses Verhalten ist erklärbar und prognostizierbar aus Personenvariablen (stabile,
variable, somatische) und Situationsvariablen (Umweltanforderungen, zwischenmenschliche Anforderungen).
8
Die Erwartung
Die Erwartungen von Auftraggebern (Proband selber, Arzt, Eltern…) und Probanden
an die psychologische Diagnostik werden von dem Laiensystem der Psychologie
(Gegenteil vom Expertensystem) bestimmt. Auch beeinflusst das Laiensystem die
Datenerhebung (Reduktion von Offenheit, Verfälschung, soziale Erwünschtheit, unsinnige Vorbereitungsstrategien, bewusste Simulation und Täuschung).
Das Laiensystem der Psychologie umfasst
- alle Kenntnisse und Meinungen
- ideologischen Vorurteile, Stereotypien & Glaubenssätze über die Psychologie
- pos. oder neg. Verhaltensbereitschaften gegenüber der Psychologie als ganzem, sowie gegenüber den Psychologen & deren Arbeitsmitteln im Einzelnen.
 Beispiele: Die Dienstleistung eines Psychologen in Anspruch zu nehmen wird
negativ bewertet. Aber viele Leute glauben auch, dass alle Psychologen einen
Knall haben und sich selbst therapieren wollen.
Kritik zum Gebrauch von Testverfahren
-
politisch motivierte Ablehnung in totalitären Systemen: In manchen Ländern
wird die Gleichstellung aller Menschen postuliert, deshalb erfolgt Ablehnung.
-
Kritik aus systematischem Ansatz: Vereinzelung des Pb durch seine Lösung
aus dem System (Gruppen, Familien, Schule,…)
-
Kritik aus dem humanistischen Ansatz: Testscores oder diagnostische Etikette
sind Verkürzungen & liefern daher keine hinreichende Auskunft über den Pb.
-
Kritik aus psychoanalytischen Ansatz: Die Testdurchführung stört die therapeutische Beziehung, da Testmaterial eher aversiv wirkt und Patient verängstigt.
-
Testtheoretische Kritik: Testscores als die einzige Basis ultimativer Entscheidungen stellen eine Überschätzung von Testverfahren dar (Messfehler!), da
der Diagnostiker glaubt die endgültige Lösung erlangt zu haben.
Faktoren, die die Einstellung zur Psychologie beeinflussen
Folgende Faktoren spielen eine Rolle bei der Einstellung zur Psychologie
-
Bildungsstand und Sozialschicht:
o Rollenerwartungen von Unterschicht – Patienten: Der Experte ist kompetent, da er ein akademisches Studium absolviert hat, und entscheidet
alles
o Motorische statt verbale Orientierung bei der Problembewältigung in
der Unterschicht.
 Folge: Patient aus Unterschicht ist passiv, erwartet asymmetrische Rollenwartung, ist verunsichert, versteht Psychologe oftmals nicht, spricht wenig und erwartet klare Entscheidung und strikte Anweisungen
9
-
Erwartungen an die Institution, in der Dienstleistung in Anspruch genommen
wird. Zum Beispiel erwarten Eltern bei der Erziehungsberatungsstelle:
o eine Verhaltensveränderung des Kindes
o keine Schuldvorwürfe hören
o kompetente Beratung
Der Auftrag
Wichtig für die Übernahme eines Auftrages
- Qualifikation/ Kompetenz (z.B. für therapeutische Aufträge braucht der Therapeut klinische Erfahrung)
- klare Fragstellung (unklare Fragestellung bei diffuser Formulierung und wenn
Auftraggeber seine Problemlage nicht klar erkennt)
- keine rechtlichen Probleme (z.B. im zivilen Bereich gegen den Willen eines
Menschen im Auftrag eines anderen Menschen diesen Menschen testen)
- keine moralisch problematische Vorstellungen (z.B. extrem parteiliche Gutachtenwünsche)  Immer das Ende vom Auftrag beachten muss!
- dem Patienten auch die Möglichkeit eines negativen Ergebnisses beibringen
Die Bewertung des Auftrages
Die Annehmbarkeit eines Auftrages lässt sich aus den Antworten zu den beiden folgenden Fragen bestimmen:
- steht eine hinreichende Menge zuverlässiger Daten zur Verfügung, um die
Frage zu beantworten
- Wer hat (ungerechtfertigten) Schaden oder Nutzen aus dem Gutachten
Die psychologische Fragestellungen
Der nächste Schritt ist die Umformulierung des Laienauftrages in psychologische
Fragestellungen.
Es geht bei psych. – diagnostischen Fragestellungen in der Regel darum,
-
entweder vergangenes Verhalten erklären und Gründe finden, warum das gegenwärtige Verhalten aufrechterhalten bleibt, um Treatments abzuleiten
oder um die Vorhersagte von zukünftigem Verhalten, um daraus richtige Entscheidungen abzuleiten
10
Zur Beantwortung psychologischer Fragestellungen auf folgende Variablen
konzentrieren
Das Verhalten ist erklärbar und prognostizierbar aus
-
Personenvariablen (personengebundene Variablen)
o stabile psychologische Traits  K-, E-, M-, Behaviour - Variablen
o variable psychologische Traits  State - Variablen
o somatische Faktoren usw.  O – Variablen (z.B. „bin in den letzten
Jahren häufig krank geworden“)
-
Situationsvariablen
o Umweltanforderungen (Wohnungsgröße, Lärm, Temperatur, Arbeitszeit,
Verkehrsmittel, etc.)
o zwischenmenschliche Anforderungen (familiäre Belastungen, Tod, Aggression, Einsamkeit, Erwartungen, Kritik)
 z.B. in welchen Situationen wechselt eine Person ihren Beruf, etc.
11
Kapitel 3: Diagnostische Urteilsbildung
Fragen
Einleitung
1. Was ist Urteilsbildung? Welche Arten von Urteilsbildung gibt es?
Der Context of discovery
2. Wie ist die Urteilsbildung in der Praxis?
3. Mit welchen Modellen kann das Urteil des Diagnostikers am Besten vorhergesagt werden?
Der Context of Justification
4. Welche Urteilsbildung hat die bessere Validität?
5. Was kann die Urteilsbildung verfälschen?
Zusammenfassung des 3. Kapitels: Diagnostische Urteilsbildung
Einleitung
Klinische
Urteilsbildung:
-
-
Intuitive
Urteilsbildung:
Statistische
Urteilsbildung:
-
Aktuarische
Urteilsbildung:
-
Verschiedene Arten der Urteilsbildung
Keine fixierten, konsistenten angewandten Regeln der Datenkombinatorik,
aber es erfolgt eine begründete Urteilsbildung anhand der Erfahrung des
Psychologen
Argumente für das klinische Urteil:
o
basiert auf praktischer Erfahrung
o
mehr Informationen verwendet als bei statischem Urteil
o
mehr Flexibilität & Miteinbeziehung neuer Variablen möglich
Die verwendeten diagnostischen Merkmale sind nicht benennbar
Verwendung empirischer Daten und eines Algorithmus, der empirisch bestimmte Gewichte enthält und Kombinationsregeln vorgibt
Argumente für das statistische Urteil:
o
Urteilsfehler werden ausgeschlossen
o
Ratingdaten (subj. Einschätzungen) können mit einbezogen
werden
o
es gibt inzwischen lernfähige Programme.
Variante der statistischen Urteilsbildung
nur Verwendung geschätzter Gewichte
Der Context of discovery
Die Art und Weise der Datenkombinatorik
Meehls Modell (1954): Der klinische Diagnostiker geht von einem Persönlichkeitsmodell aus, er berücksichtigt das Zusammenwirken aller Persönlichkeitsmerkmale, die z.T. nicht – linear kombiniert
sind. Sein Urteil ist deshalb komplexer. Er kann auf Grund seines Modells auch auf der Basis weniger
Informationen Vorhersagen über zukünftiges Verhalten machten.
Empirische Untersuchungen zum Unterschied in der Kombinationsweise
- Hoffman (1960): Diagnostiker A und B gewichteten die 9 Variablen anders. Bei Diagnostiker
A waren die Urteile komplett aus den Prädikatoren rekonstruirbar, Die Urteile von B aber nur
annähernd, allerdings unterschieden sich hier kaum die subjektive Gewichtung der Daten von
der tatsächlichen (objektiven Benutzung).
- Wiggins & Hofmann (1968): Diagnostiker sollten sagen ob ein Patient neurotisch oder psychotisch ist. Die besten Urteile gab es mit linearen Gleichungen. Die Hälfte der Diagnostiker
urteilten nach einen nicht – linearen Modell, allerdings ist die Vorhersage nach dem linearen
12
Modell nicht nennenswert schlechter.
Der Context of Justification
Güte des klinischen und statistischen Urteils
-
Eine lange Reihe von Untersuchungen, beginnend mit Meehl (1954) bis Grove et al. (2000)
zeigt, dass das statistische Urteil dem klinischen in der Validität überlegen ist.
 ein älterer Diagnostiker muss also nicht zwangsläufig besser sein als ein junger Diagnostiker, da sich Urteilsfehler eingeschlichen haben könnten.
Beispiele von Urteilsfehlern und Urteilsheuristiken im Anwendungsbereich der Diagnostik
-
-
konkrete vs. statistische Information (Nisbett & Ross)
Baserate – Neglect (Kahneman & Tversky): Beispielsweise auch beim Bayes Theorem (Bestimmung mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Diagnose zutrifft) wird die Baserate auch nicht
miteinbezogen.
Avaibility – Heuristik (Nisbett & Ross)
Confirmation bias oder congruence – bias
illusionäre Korrelationen (Chapmann & Chapmann, 1967, 1969)
Primacy – Effekt/ Recency – Effekt (Jones et al., 1968)
Overload (Sines, 1959)
Mängel der Konsistenz (Kleinmuntz, 1963)
Untersuchung von Kleinmutz (1963) zur „automatisierten klinischen Vorhersage“
Der Diagnostiker hatte mit 126 Protokolle von Studenten einzustufen (musste laut denken), und die
Trefferquote wurde mit der des Computers verglichen. Bei verschiedenen Pbn – Stichproben variierte
die Überlegenheit des Computers zwischen 4% und 32% mehr Treffer. Grund hierfür kann unter anderem sein, dass ein Mensch nicht 100% der Zeit konzentriert ist, ein PC aber schon .
Einleitung
Definition der Urteilsbildung
Urteilsbildung = Gewichtung und Aggregation diagnostischer Daten zum Zwecke einer Entscheidungsfindung..
Klinische
Urteilsbildung:
-
-
Keine fixierten, konsistenten angewandten Regeln der Datenkombinatorik.
Urteilsbildung anhand der Erfahrung des Psychologen, aber Gründe für
das Urteil werden genannt
Der Kliniker kann eher als ein Statistiker etwas vorhersagen, weil er z.B.
auch die Mimik und den Ton mit einbeziehen kann.
Argumente für das klinische Urteil
o
es basiert auf umfangreicher, praktischer Erfahrung
o
es kann mehr Informationen verwenden, auch die
subjektive Einschätzung des Diagnostikers
o
es ist flexibler und es können auch neue, bisher nie da
gewesene Fälle richtig beurteilt werden.
Intuitive
Urteilsbildung:
-
Die verwendeten diagnostischen Merkmale sind nicht benennbar
keine Gründe für das Urteil werden genannt
Statistische
Urteilsbildung:
-
Verwendung empirischer Daten und eines Algorithmus, der empirisch bestimmte Gewichte enthält und Kombinationsregeln vorgibt
Regressionsanalytische Berechnungen werden angestellt
bisher nie da gewesene Ereignisse werden aber nicht mit einbezogen
Argumente für das statistische Urteil:
o
Urteilsfehler werden ausgeschlossen  objektiver, fairer und
-
-
13
valider
o
es können auch subjektive Einschätzungen in Form von Ratingdaten verwendet werden
o
neue Fallkonstellationen sind selten und es gibt inzwischen
lernfähige Programme
o
Eine lange Reihe von Untersuchungen, beginnend mit Meehl
(1954) bis Grove et al. (2000) zeigt, dass das statistische Urteil dem
klinischen in der Validität überlegen ist.
Aktuarische
Urteilsbildung:
-
Eine Variante der statistischen Urteilsbildung, bei der geschätzte Gewicht
verwendet werden und aus Häufigkeitstabellen geschätzt wird
z.B. wie hoch ist die Selbstmordgefahr für einen Patienten
Der Context of discovery
Die Art und Weise der Datenkombinatorik
Meehls Modell (1954): Der klinische Diagnostiker geht von einem Persönlichkeitsmodell aus, er berücksichtigt das Zusammenwirken aller Persönlichkeitsmerkmale, die
z.T. nicht – linear kombiniert sind. Sein Urteil ist deshalb komplexer. Er kann auf
Grund seines Modells auch auf der Basis weniger Informationen Vorhersagen über
zukünftiges Verhalten machten.
Die klinischen Urteile in der Praxis (nach Halder – Sinn)
Der Kliniker bekommt einen Datensatz vorgelegt und muss damit umgehen können,
wissen, welchen Test er macht usw. Im Grunde ist das klinische Urteil gar nicht so
komplex, da es simple Daten gibt, die allerdings manchmal auf einem hohen Niveau
sind (wenn es z.B. viele Einzelheiten gibt) und wo man manchmal zuerst herausfinden muss, ob ein Merkmal auch ein Merkmal ist (z.B. wenn jemand behauptet, dass
er oft gemobbt wird von Kollegen). Nun muss man feststellen ob der Patient beispielsweise eine Persönlichkeitsstörung hat oder ob es seine Aussagen Wahrheitsgehalt haben.
Empirische Untersuchungen zum Unterschied in der Kombinationsweise
Untersuchungen zu unterschiedlichen Kombinationsweisen bedienen sich des
Brunswikschen Linsenmodell. Es beschreibt die Beziehung zwischen den diagnostischen Merkmalen, dem diagnostischen Urteil und dem Konstrukt. Hier interessieren
vor allem Beziehungen zwischen dem diagnostischen Merkmalen und dem Urteil
(cue utilization by clinician).
Untersuchungen von Hoffmann (1960)
-
Methodik: Zwei Diagnostiker A und B erhielten 9 Daten von 100 Studenten
(Zeugnisnoten, Studienhabits, Neurotizismuswert, etc.). Sie hatten die Aufgabe, ein Urteil über die Intelligenz der Pbn abzugeben. Sie mussten die Gewichte der Variablen schätzen.
14
-
Ergebnis: Beide Diagnostiker gewichteten die 9 Variablen anders. Bei Diagnostiker A waren die Urteile komplett aus den Prädikatoren rekonstruirbar, Die
Urteile von B aber nur annähernd, allerdings unterschieden sich hier kaum die
subjektive Gewichtung der Daten von der tatsächlichen (objektiven Benutzung).
Untersuchungen von Wiggins & Hofmann (1968)
-
-
Methodik: 861 Patienten, 29 Diagnostiker, 11 MMPI – 2 Skalen (der Test ist
weniger handlich für die Praxis), Diagnose psychotisch vs. neurotisch zur Frage der non – linearen Kombinatorik der Kliniker. Die Rater sollten zuerst die lineare Regression berechen, dann die quadratische und dann nach Sign - Models arbeiten.
Ergebnis: Die Urteile wurden am besten durch lineare Gleichungen vorhergesagt. Mehr als die Hälfte (16) der Diagnostiker urteilten nach einem nicht - linearen Modell, allerdings ist die Vorhersage mit einem linearen Modell nicht
nennenswert schlechter. Allerdings wurde das lineare Modell von Klinikern kritisiert
Der Context of Justification
Güte des klinischen und statistischen Urteils
-
-
Eine lange Reihe von Untersuchungen, beginnend mit Meehl (1954) bis Grove
et al. (2000) zeigt, dass das statistische Urteil dem klinischen in der Validität
überlegen ist.
Grove et al.:
o Methodik: Bei einer Metaanalyse (mit der Berechnung der Effektstärken) aus 136 Studien. Kliniker sollten anhand eines Satzes von Daten
ein Urteil abgeben.
o Ergebnis: In 47% der Fälle war das statistische Urteil überlegen, in 6%
der Fälle das klinische und in 49% der Fälle waren beide Verfahren
gleich gut.
o Fazit: Das statistische Urteil ist valider als das klinische. Ein älterer Diagnostiker muss also nicht besser als der jüngere sein, da sich Urteilsfehler eingeschlichen haben könnten.
Beispiele von Urteilsfehlern und Urteilsheuristiken im Anwendungsbereich der
Diagnostik
-
konkrete vs. statistische Information (Nisbett & Ross): Konkrete Informationen
wirken stärker als statistische. Beispielsweise erzählt der Nachbar, dass er mit
einer Automarke schlechte Erfahrungen gemacht hat  als Folge davon will
ich so ein Auto nicht kaufen, obwohl statistisch gesehen die Autos sehr gut
sind.
-
Baserate – Neglect (Kahneman & Tversky): Die Baserate – Informationen über
eine Bevölkerung wird ignoriert und anstelle dessen eher auf individuellen
Charakteristiken fokussiert.
15
o Das Bayes Theorem: Bestimmung mit welcher Wahrscheinlichkeit eine
Diagnose Hi zutrifft unter der Vorraussetzung, dass die diagnostischen
Informationen (Testwert B) gegeben sind. Hierbei handelt es sich um
ein normatives Modell, welches die Idealform wiedergibt. Allerdings
wurde auch Kritik am BT und die Forderung nach Einbeziehung der
Basisrate geäußert (z.B. hängt die Basisrate ja auch damit zusammen,
ob jemand kriminell sein könnte).
-
Avaibility – Heuristik (Nisbett & Ross): Urteilsheuristik, mit der die Häufigkeit
oder Wahrscheinlichkeit von Ereignissen auf Basis der jeweiligen Leichtigkeit,
mit der relevante Erinnerungen aus dem Gedächtnis abgerufen werden können, beurteilt werden. Beispielsweise wird ein dramatisches Ereignis in der
Anamnese des Patienten wird überbewertet und nicht auf andere Faktoren
geschaut.
-
Confirmation bias oder congruence – bias: es werden nur Beweise gesehen,
die die Hypothese bestätigen.
-
illusionäre Korrelationen (Chapmann & Chapmann, 1967, 1969): Der Glaube
an die eigenen Methode ist nicht zu ändern und falsch – positiv Zuordnungen
werden übersehen. In einer Studie wurden VP Bilder von Patienten vorgelegt
und ihnen wurde die Störung des Patienten genannt, obwohl es nun objektiv
keinen Zusammenhang zwischen Bild und Störung gab, nahmen die VP’s allerdings einen an.
-
Primacy – Effekt/ Recency – Effekt (Jones et al., 1968): Informationen die zuerst/ zuletzt genannt werden, gehen hauptsächlich in das Endurteil mit ein.
-
Overload (Sines, 1959): Nicht nur die Reihenfolge, sondern auch die Menge
der Information wird wahrgenommen.
-
Mängel der Konsistenz (Kleinmuntz, 1963): Da der Mensch nicht so genau arbeiten kann wie eine Maschine.
Untersuchung von Kleinmutz (1963) zur „automatisierten klinischen Vorhersage“
Der Diagnostiker hatte mit 126 Protokolle von Studenten einzustufen (musste laut
denken), und die Trefferquote wurde mit der des Computers verglichen. Bei verschiedenen Pbn – Stichproben variierte die Überlegenheit des Computers zwischen
4% und 32% mehr Treffer. Grund hierfür kann unter anderem sein, dass ein Mensch
nicht 100% der Zeit konzentriert ist, ein PC aber schon.
16
Kapitel 4: Kommunikation diagnostischer Befunde und Gutachtenerstellung
Fragen
Einleitung
1. Was muss bei der Kommunikation mit dem Probanden beachtet werden?
2. Was sind therapeutische Effekte der Testinterpretation und Befundübermittlung und was hat
Einfluss auf diese Effekte?
Arten der Kommunikation
3. Welche Arten der Kommunikation gibt es und welche Vor – und Nachteile sind damit verbunden?
4. Was ist das Barnum Gutachten?
5. Wie muss ein Gutachten gegliedert sein?
Zusammenfassung des 4. Kapitels: Kommunikation diagnostischer Befunde
Einleitung
Folgende Aspekte bei der Formulierung und Ausgestaltung der Information wichtig
 Erwartungen, emotionale Situation und Kenntnisse & Fertigkeiten des Adressaten
 Fehlannahmen schon vor der Untersuchung mitteilen
 Auskunftspflicht gegenüber dem Auftraggeber und Mitteilung auch negativer Ergebnisse
Therapeutische Effekte der Testinterpretation und Befundübermittlung
- Modifikation und Ausdifferenzierung des Selbstbildes des Pb
- Diese therapeutische Wirkung ist abhängig von
o Glaubwürdigkeit des Testverfahrens und des Testleiters
o Relevanz des Testergebnisses und Diskrepanz zum Selbstbild
o Probandenvariablen (Intelligenz, Interesse etc.)
o Gestaltung des Interpretationsgesprächs  Einbeziehungen des Probanden ist gut
Arten der Kommunikation
Vorteil
Nachteil
Feedback – Kontrolle beim Adres- möglicherweise spontane & unsaten möglich
reflektierte Äußerungen b. Diag.
- Reaktion des Pb auf das Ergebnis
- Erinnerungsverzerrungen b. Pb
erschließbar
- Milde – Effekte b. Diagnostiker
Schriftliche
- Sorgfältige Formulierungen &
- Missverständnisse beim EmpMitteilung
Nachlesen und Rekapitulieren
fänger können nicht korrigierte
(Gutachten)
möglich
werden
- Geringerer sozialer Druck
 Besser ist die schriftliche Äußerung, die auch lieber mal länger liegen und gegenlesen lassen
Mündliche
Kommunikation
-
Spezifität eines Gutachten: Das Barnum Gutachten (Meehl)
In dem Barnum Gutachten wird keine wirklich spezifische, oft ins positiv verschobene Aussage gemacht und es ist sehr informationsarm.
Gutachten – Gliederung
Fragestellung, Fragesteller, Untersucher, Datenmaterial,…
Zusammenstellung jener Informationen, die der Untersucher zu Beginn der Untersuchung vorfindet
3
Untersuchungs- - neutrale und sachliche Deskription jener Informationen, die der
bericht
Untersucher beim Pb erhoben hat
4
Befund
- eigene Interpretation der Infos aus Anamnese & erhobenen Daten
5
Stellungnahme
- Beantwortung der Fragestellung in Form einer Diagnose, Prognose oder eines Entscheidungsvorschlages
Die Punkte klar voneinander trennen! Vor allem Wertung und sachliche Informationen.
1
2
Einleitung
Vorgeschichte
-
17
Automatisch erstellte Gutachten
Es werden Fragebögen der Probanden eingereicht und dann bekommt man das Gutachten.
Erstmals 1964: Mayo-Clinic-Programm
- es gibt zu jeder Ausprägung eine Skala/ Kategorie im Test, zu denen es Regeln gibt, auf Basis derer der computer das Gutachten erstellt
- Problem hier ist Widersprüchlichkeit der Skalen aufgrund begrifflicher Überschneidungen
1966: University of Alabahma (Fowler), Kentucky-Programm
Einleitung
Wichtige Aspekte bei der Formulierung und Ausgestaltung der Information
Bei der Beantwortung der Frage des Auftraggebers sowie der Formulierung und der
Ausgestaltung
der Information sollten folgende Aspekte mitberücksichtigt werden:





Erwartungen des Adressaten
emotionale Situation des Adressaten (z.B. wie er ein negatives Ergebnis aufnehmen würde)
Kenntnisse und Fertigkeiten des Adressaten
Mitteilung von Fehlannahmen (z.B. das es keinen so großen Unterschied zwischen einem IQ von 113 und 105 gibt) und Konfidenzintervalle schon vor der
Untersuchung
die Auskunftspflicht, der Anspruch des Auftraggebers auf alle erhobenen Daten (außer subjektive Mitschriften)! Auch negative Ergebnisse dürfen nicht zurückgehalten werden!
Therapeutische Effekte der Testinterpretation und Befundübermittlung
-
Modifikation und Ausdifferenzierung des Selbstbildes des Pb durch die diagnostischen Probanden  Anregung zur intensivieren Beschäftigung mit der
Person möglich
o Beispiel: Beim BIP wirkten die Probanden bei der Auswertung mit,
dadurch Modifikation des Selbstbildes
-
Diese therapeutische Wirkung ist abhängig von
o Glaubwürdigkeit des Testverfahrens und des Testleiters
o Relevanz des Testergebnisses und Diskrepanz zum Selbstbild
o Probandenvariablen (Intelligenz, Interesse etc.)
o Gestaltung des Interpretationsgesprächs  gut ist beispielsweise Einbeziehung des Probanden in die Interpretation, z.B. wie sehr meint der
Proband trifft sie auf ihn zu (z.B. Antwort auf das allgemeine Item: „Ich
bin ordentlich!“)
o Beispiel: Bei einem 360 Grad Feedback werden Einstellungen an ganz
verschiedenen Personen erhoben, sodass man rund um Informationen
bekommt (häufig genutzt von Führungskräften der Lufthansa)
18
Arten der Kommunikation
Mündliche
Kommunikation
-
Vorteil
Feedback – Kontrolle beim Adressaten möglich
Aus der Reaktion des Pb (Mimik,
Gestik) kann man schließen wie
er Ergebnis aufgefasst hat
-
-
Schriftliche
Mitteilung
(Gutachten)
-
-
Sorgfältige Formulierungen
möglich Nachlesen und Rekapitulieren möglich
Geringerer sozialer Druck unangenehme Informationen zu
beschönigen
-
Nachteil
möglicherweise spontane & unreflektierte Äußerungen des
Diagnostikers
Erinnerungsverzerrungen beim
Pbn
Milde – Effekte beim Diagnostiker (Unangenehmes abgeschwächt erzählen)  so Einschränkung der Validität
Missverständnisse beim Empfänger können nicht korrigiert
werden (z.B. wenn Fachtermini
genutzt werden)
 Besser ist die schriftliche Äußerung, die auch lieber mal länger liegen und gegenlesen lassen
Spezifität eines Gutachten: Das Barnum Gutachten (Meehl)
In dem Barnum Gutachten wird keine wirklich spezifische, oft ins positiv verschobene
Aussage gemacht und es ist sehr informationsarm. Leider sind durchschnittliche
Aussagen sind ebenfalls valide. Beispielsweise der Begriff der durchschnittlichen Intelligenz.
Barnum war ein Zirkusdirektor in den USA, der ein Showtalent hatte und sehr gut
beeindrucken konnte.
Automatisch erstellte Gutachten
Erstmals 1964: Mayo-Clinic-Programm
-
es gibt zu jeder Ausprägung eine Skala/ Kategorie im Test
es wird die Höhe der Ausprägung ermittelt
Es wurden Regeln ausgearbeitet: Wenn Skala 1 niedrig, dann…
Problem hier ist:
o Skalen können widersprüchlich wegen begrifflichen Überschneidungen
sein, was der PC aber nicht erkennt
o Beispiel: FPI – 08 (Gehemmtheit) C = 5 und gleichzeitig FPI – 03 (Depressivität) C = 8
1966: University of Alabahma (Fowler), Kentucky-Programm
 Bei diesen beiden Ansätzen werden ausgefüllte Fragebögen der Probanden eingeschickt und man bekommt das Gutachten zugeschickt.
19
Gutachten – Gliederung
Gliederung eines Gutachtens
Einleitung
-
Fragestellung
Fragesteller
Untersucher
Adressat
Untersuchungstermine
Datenmaterial
Vorgeschichte
-
Zusammenstellung jener Informationen, die der Untersucher zu Beginn der Untersuchung vorfindet (z.B. Aktenauszüge)
Material das jemand zuvor zusammengetragen hat
1
2
3
Untersuchungsbericht
-
-
4
Befund
-
5
Stellungnahme
-
-
Deskription jener Informationen, die der Untersucher beim
Pb erhoben hat (Exploration des Probanden, Testdaten) 
„was ist das, was ich erhoben habe?
neutrale und sachliche Lage beschreiben, was man
selbst beobachtet hat
die eigene Interpretation der Informationen aus der Vorgeschichte und der in der Untersuchung erhobenen Daten
Beispiel: das Kind hat sich ängstlich gezeigt beim Spielen
Beantwortung der Fragestellung in Form einer Diagnose,
Prognose oder eines Entscheidungsvorschlages mit Bezug
auf Informationen aus 2., 3. und 4.
Die Gliederungspunkte klar voneinander trennen, sowie Wertung und objektiven Bericht
voneinander trennen!
Beispiel für einen schlechten Satz im Gutachten: Ein Diagnostiker sollte nicht schreiben,
dass jemand sowohl als auch (dieses oder jenes) oder die äußere Fassade beschreiben
und dann sagen, dass der Proband Dinge dahinter versteckt.
20
Kapitel 5: Kosten – Nutzen in der psychologischen Diagnostik
DIESES KAPITEL IST WICHTIG!
Fragen
Methodischer Hintergrund
1. Was ist eine Outcomematrix/ 2x2 Kontingenzschema und welche wichtigen
Begriffe und Formeln gibt es?
2. Was ist für eine Einzelfallentscheidung nur bedeutsam?
Nutzen der Diagnostik in der klinischen Psychologie
3. Welche Arten der Diagnostik gibt es in der klinischen Psychologie?
4. Was muss man bei dem Vierfelderschema bei der Einzelfallentscheidung beachten?
Nutzen der Diagnostik in der Eignungsdiagnostik
5. Was unterscheidet die Kosten – Nutzen Überlegung aus der klinischen Diagnostik von der Eignungsdiagnostik?
6. Welche Gütekriterien sind hier für die Entscheidung wichtig?
7. Woraus bestimmt sich der Nutzen einer diagnostischen Entscheidung und einer psychologischen Entscheidung?
8. Praktische Anwendung: Welche Schritte würde man machen, wenn eine Firma
will, dass die Auswahl verbessert wird?
Zusammenfassung des 5. Kapitels: Kosten – Nutzen in der psychologischen
Diagnostik (diese Kapitel ist wichtig!)
Methodischer Hintergrund
2x2 – Kontingenz – Schema (Outcome/ Vierfeldeschema) der Güte der Zuordnung durch ein
diagnostisches Ergebnis
-
PPP (positive predective power) = VP/ SR (für Einzelfallentscheidung wichtig, kann gering durch
niedrige BR werden)
NPP (negative predective power) = VN/ non – SR
SEN (Sensitivität) = VP/ BR  Erkennen von Geeigneten/ Kranken
SPEZ (Spezifität) = VN/ non – BR  Unterscheidungsfähigkeit des Tests
BR = Basisrate  ist sie niedrig, dann ist auch die PPP niedrig, was nicht gut ist!
Cut – Off Point = Kann verschoben werden, allerdings man nimmt dann mehr False Negative
oder mehr False Positive in Kauf!
ein guter Bereich für die SEN/ SPEZ ist, wenn die SEN = 0.75 und SPEZ = .075 beträgt
Cronbach & Gleser postulieren, dass die SR und die BR für eine optimale Trefferquote jeweils
bei p = .50 liegen.
21
Nutzen in der klinischen Diagnostik
WIGGINS: zwei Arten von Diagnostik
-
Assessment for.....(entscheidungsorientierte Diagnostik): Entscheidungsorientierte Diagnostik führt zu unterschiedlichen Treatments.  z.B. welche Therapie braucht der Patient?
Assessment of......(deskriptiv orientierte Diagnostik): z.B. Erhebung von Informationen über
eine Person und so kann u.a. eine bessere Entscheidung möglich sein.
Wichtig für Einzelfallentscheidungen, bzw. Entscheidungen in der klinischen Diagnostik
-
-
Auf die PPP achten, wenn sie niedrig ist (oft aufgrund einer niedrigen BR), dann ist das nicht
gut, da dann mehr False Positive als Valide Positive diagnostiziert werden. Eine niedrige BR
kann durch wenig tatsächlich Positive im Studiendesign zustande kommen.
der Test sollte auch eine gute Sensivität und eine gute Spezifität aufweisen
Nutzen in der Eignungsdiagnostik
Unterschiede der Kosten – Nutzen Überlegungen bei der Eignungsdiagnostik im Vergleich zur
klinischen Diagnostik
-
Auswahlentscheidung bei klinischer Diagnostik: Optimalisierung der Trefferquote
Auswahlentscheidung in der Wirtschaft: Optimalisierung der Erfolgsquote, indem die Validität/
Reliabilität eines Auswahlverfahren hoch hält und die Selektionsrate niedrig.
SR und BR in der Praxis
- Beeinflussung der SR und BR in der Praxis: Werbung für die Arbeitsstelle machen mit genauen Informationen über den Job machen
Gütekriterien der Entscheidung
- die Trefferquote: Anzahl der richtigen Klassifikationen
- die inkrementellen Validität (Vergleich der Trefferquote mit jener der a-priori-Strategie): Optimal für die inkrementelle Validität wäre eine SR/ BR von p = .50. Manchmal hilft ein Test wenig bei einer besseren Auswahl von Leuten und ist so sein Geld nicht wert.
- die Erfolgsquote:
o Verhältnis zwischen der Zahl der Erfolgreichen zu der Zahl der Ausgewählten
o Wird beeinflusst von der Reliabilität/ Validität und der Selektionsrate
o Erhöhung der Erfolgsquote durch Reduktion der SR (z.B. durch gezieltere Werbung)
Der materielle Nutzen (finanzielle Seite) der Eignungsdiagnostik
- Nutzen einer diagnostischen Entscheidung = "Pay-off" (Outcome) - Kosten für Testdurchführung & Entscheidungsfindung.
- Nutzen des Einsatzes von psychologischen Verfahren = "Pay-offs" des psych. Testverfahren
- Pay-off des a-priori-Verfahrens.
- Problem der Nutzenschätzung: Einschätzung des individuellen und gesellschaftlichen Nutzens der diversen outcomes ???
 Je mehr Verantwortung ein Beruf mit sich bringt, umso eher sollte man einen ggf. auch teureren Test machen.
Praktische Anwendung: Auftrag die Auswahlstrategie für Bewerber einer Firma lohnend zu
verbessern
1. Bisherige Verfahren der Firma auf Güte, Erfolgsquote, Redundanz und Ökonomie überprüfen.  u.a. auch mittels multipler Regression
2. Wenn nötig Durchführung eines empirisch fundierten diagnostischen Verfahrens, welches
auch ökonomisch und nicht redundant sein sollte.
3. Man wartet dann ab, bis die Bewerber die Ausbildung abgeschlossen haben.
4. Vergleich der Erfolgsquote mit der Erfolgsquote des alten Verfahrens und Berechnung einer
multiplen Regression zur Überprüfung der Relevanz der Variablen des Auswahltestes.
22
Methodischer Hintergrund
2x2 – Kontingenz-Schema (Outcomematrix/ Vierfelderschema) der Güte der
Zuordnung durch ein diagnostisches Ergebnis
Güte ist immer im Zusammen mit Reliabilität und Validität gemeint.
Wichtige Begriffe
PPP (positive predective power)
-
PPP = VP/ SR (für die Einzelfallentscheidung wichtig)
NPP (negative predective power)
-
NPP = VN/ non – SR
SEN (Sensitivität)
-
SEN = VP/ BR
Wie gut kann das Instrument alle Geeigneten/ Kranken erkennen?
SPEZ (Spezifität)
-
SPEZ = VN/ non – BR
wie gut kann ein Instrument verschiedene Krankheiten unterscheiden?
BR (Basisrate)
-
ist sie niedrig, dann es gibt es nur eine niedrige PPP.
z.B. kann es bei einem Test für Rückfallgefahr eine niedrige BR geben,
wenn die Zahl der Rückfälligen in der Validierungsstudie niedrig ist
Grundsätzlich gilt, dass diagnostische Strategien immer dann wenig nützlich sind, wenn extreme BR und SR gegeben sind. Cronbach & Gleser
postulieren, dass die SR und die BR für eine optimale Trefferquote jeweils bei p = .50 liegen.
-
SR (Selektionsrate)
-
die SR hat einen Einfluss auf die Zahl der VP und damit auch auf Erfolgsquote (je geringer die SR, desto größer ist die Erfolgsquote)
Grundsätzlich gilt, dass diagnostische Strategien immer dann wenig nützlich sind, wenn extreme BR und SR gegeben sind. Cronbach & Gleser
postulieren, dass die SR und die BR für eine optimale Trefferquote jeweils bei p = .50 liegen.
23
Beziehungen zwischen Sen und SPEZ
-
häufig sehen Verteilungen von Testscores zweier Gruppen so wie links
aus
man kann nun den Cut – Off Point verschieben, allerdings würde man dann
mehr FN oder mehr FP in Kauf nehmen
Cut – Off = Ab dem Punkt gilt jemand
als …
es gibt kaum einen klinischen Test, der
zuverlässig trennt, da oft keine validen
Instrumente vorliegen
-
-
-
-
entweder geht die SEN ↑ hoch,
dann geht SPEZ↓
Der rot eingekreiste Bereich (oben
rechts – oben links) ist ein guter Bereich, da dort die Sensitivität und
die Spezifität hoch ist.
AOC (Area under the curve): Güte
des Verfahrens kann man an der
Fläche oberhalb der Diagonale ablesen
 je größer, umso besser das Verfahren
Nutzen in der klinischen Diagnostik
WIGGINS: zwei Arten von Diagnostik
1. Assessment for.....(entscheidungsorientierte Diagnostik)
- Entscheidungsorientierte Diagnostik führt zu unterschiedlichen Treatments.
z.B. in der Klinischen Psychologie bei den folgenden Fragestellungen:
o Süchtiger Alkoholiker ? oder sozialer Trinker ?  Therapieziel?
o Rückfallgefährdeter oder nicht-rückfallgef. Delinquent?  Vorzeitige Entlassung?
o Suizid-Gefahr ? oder keine Suizid-Gefahr ?  Überwachungsmaßnahmen?
o Hirnorgan. Schädigung? oder Simulation?  Rentenanspruch?
-
Beispiel: Ist ein Patient ein Alkoholiker oder ein sozialer Trinker? Besteht Suizidgefahr? Welche Therapie brauche ich?
2. Assessment of......(deskriptiv orientierte Diagnostik)
- Beispiel: Erhebung von Informationen über eine Person und so kann u.a. eine
bessere Entscheidung möglich sein.
24
Beispiel: Klassifikationsstudie für Rückfallgefahr
Validitätsmatrix eines Testes für Rückfallgefahr
-
-
Der Test hat hervorragende Gütekriterien
Nur 2% sind rückfällig geworden
Trefferquote (VP + VN) = 95%
Hohe Sensitivität von 100%
Hohe SPEZ von 97,8%
Basisrate mit 2% allerdings sehr
niedrig (d.h. nur wenige in der Studie
waren rückfällig)
Für die Einzelfallentscheidung ist
aber nur bedeutsam: die PPP
- PPP (VP : SR) = 2/7 = 28%
- NPP (VN : 1-SR) = .93/.93 =
100%
 Es werden mehr als doppelt so
viele FP wie VP diagnostiziert, daraus
ergibt sich eine sehr niedrige PPP
und das nicht gut. Dies ist typisch
für sehr niedrige BR.
Nutzen in der Eignungsdiagnostik
Unterschiede der Kosten – Nutzen Überlegungen bei der Eignungsdiagnostik
im Vergleich zur klinischen Diagnostik
-
Auswahlentscheidung bei klinischer Diagnostik:
o
Optimalisierung der Trefferquote
Auswahlentscheidung in der Wirtschaft:
o
Optimalisierung der Erfolgsquote, das heißt es wird nur die Erfolgsquote herangezogen.
o
Die Erfolgsquote wird von der Selektionsrate und der Reliabilität beeinflusst
o
Je geringer die Selektionsrate und je höher Reliabilität ist, desto höher
ist die Erfolgsquote (allerdings wäre es gefährlich Leute falsch abzulehnen,
da sie zur Konkurrenz gehen könnten)  das ist auch bei geringer Validität
eines Testes der Fall. Die Basisrate ist eher uninteressant, da die die
schlecht sind, sich normalerweise erst gar nicht bewerben
SR und BR in der Praxis
-
Wie lässt sich die Selektionsrate in der Praxis beeinflussen?
 Je mehr man Werbung für die Arbeitsstelle macht, die man anbietet
-
Wie lässt sich die BR in der Praxis beeinflussen?
 Viele Infos über die Anforderungen der Stelle geben, dann bewerben
sich nicht die, die dafür nicht geeignet sind.
25
Gütekriterien der Entscheidung
-
die Trefferquote
o Definition: Anzahl der richtigen Klassifikationen, d.h. die Hauptdiagonale in der Validitätsmatrix.
-
die inkrementellen Validität (Vergleich der Trefferquote mit jener der a-prioriStrategie)
o Definition: Variable besitzt inkrementelle Validität, wenn ihre Aufnahme
die Vorhersage (den Anteil der aufgeklärten Varianz r² am Kriterium)
erhöht.
o mögliche Berechnung: Trefferquote des Testes – Trefferquote bei Zufallsauswahl
o Grundsätzlich gilt, dass diagnostische Strategien immer dann wenig
nützlich sind, wenn extreme BR und SR gegeben sind. Cronbach &
Gleser postulieren, dass die SR und die BR für eine optimale Trefferquote jeweils bei p = .50 liegen  für inkrementelle Validität am Besten
o Beispiele für inkrementelle Validität siehe weiter unten
-
die Erfolgsquote (TAYLOR & RUSSELL)
o Definition: das Verhältnis zwischen der Zahl der Erfolgreichen zu der
Zahl der Ausgewählten: VP/SR ( = PPP)
o Erhöhung der Erfolgsquote durch Reduktion der Selektionsrate (z.B.
durch gezieltere Werbung für einen Beruf)
o Hierfür muss man nun Variablen finden (wie z.B. Note, IQ), die mit Erfolg korrelieren.
Beispiel für inkrementelle Validität: Bestimmung der Eignung am Psychologiestudium mittels Test und Zufallsauswahl
 Man wählt einmal Personen mittels eines Testes und mittels Zufall aus und schaut
dann nach 5 Jahren, ob sie bestanden haben.
 inkrementelle Validität: 80% (Trefferquote vom Test) - 76% (Trefferquote der
Zufallsauswahl mittels a – priori Strategie) = 4%, das heißt, dass ein valider Test
um 4% nur besser ist, als ein nicht valider Test
 hier liegt ein unausgeglichenes SR/ BR Verhältnis vor
26
Beispiel für inkrementelle Validität: Testung der Schulanfänger auf Schulreife
mittels der Einschulung aller und alternativ eines Schulreifetests
 Man wählt einmal Personen mittels eines Testes und mittels Zufall aus und schaut
dann nach 5 Jahren, ob sie bestanden haben.
 inkrementelle Validität: 95% (Trefferquote vom Test) - 95% (Trefferquote, wenn alle eingeschult
wurden) = 0%
 hier liegt ein unausgeglichenes SR/ BR Verhältnis vor
A – Priori Strategie = Jemand anderes als ein Psychologie sucht sich einen Bewerber aus. Das heißt
aber nicht, dass seine Entscheidung schlechter ist, als wenn sie durch einen Psychologen gemacht
worden wäre.
Der materielle Nutzen (finanzielle Seite) der Eignungsdiagnostik
-
-
Nutzen einer diagnostischen Entscheidung: "Pay-off" (evaluierter Outcome)
abzüglich der Kosten für die Durchführung der Testung und der Entscheidungsfindung.
Nutzen des Einsatzes von psychologischen Verfahren: Differenz seines "Payoffs" des psych. Testverfahren abzüglich Pay-off des a-priori-Verfahrens.
Durch Evaluation der einzelnen Outcomes läßt sich das sog. "Pay-off" der
Entscheidung bestimmen. Jedem Outcome wird dabei ein bestimmter $-oder
€-Nutzen zugesprochen.
o Problem der Nutzenschätzung: Einschätzung des individuellen und gesellschaftlichen Nutzens der diversen outcomes ???
 mit anderen Worten: Wie viel sind mir die valide Positiven wert, bzw. wie viel
ist mir der Psychologe mit seinem Testverfahren wert?
 Je mehr Verantwortung ein Beruf mit sich bringt, umso eher sollte man einen
ggf. auch teureren Test machen
Beispiel der Nutzenberechnung (Pilotenauswahl) aus Wiggins (1973)
-
Formel f. Nutzen EU (expected
utility) : EU = U1 P(VP) + U2
P(FP) + U3 P(VN) + U4 P(FN) –
Utx;
- Test A: Billiger, aber weniger valide (ray = 0.30). Bringt materiellen
Nutzen von 430 $
- Test B: Teurer, deutlich valider
(ray = 0.60), bringt Nutzen von
500 $
 Test B ist 10fach so teuer wie Test
A und bringt keinen großen Unterschied.
-
Das alles gilt nur, wenn BR und
SR .50 sind, sonst siehe C & G
27
Praktische Anwendung: Auftrag die Auswahlstrategie für Bewerber einer Firma
lohnend zu verbessern
5. Bisherige Verfahren der Firma auf Güte, Redundanz und Ökonomie überprüfen. Unter anderem auch mittels multipler Regression um festzustellen ob die
abgefragten Auswahlkriterien wirklich mit einer erfolgreichen Abschlussprüfung
korrelieren. Ebenso die bisherige Erfolgsquote erfragen. Trefferquote ist eher
uninteressant.
6. Falls das alte Verfahren der Firma nicht gut war Durchführung eines empirisch
fundierten diagnostischen Verfahrens, welches auch ökonomisch und nicht redundant sein sollte.
7. Man wartet dann ab, bis die Bewerber die Ausbildung abgeschlossen haben.
8. Berechnung einer multiplen Regression, ob die Variablen, die man stark beim
Auswahlprozess gewichtet hat, wirklich einen Einfluss auf die Ergebnisse der
Abschlussprüfung haben und wie hoch die Erfolgsquote ist.
- NICHT sagen: Ich mache einfach nur einen Intelligenztest und ein multimodales Interview und schaue dann einfach wie hoch die Erfolgsquote war.
28
Kapitel 6: Anwendungsfeld Wirtschaft - Eignungsdiagnostik
Fragen
Einführung
1. Was sind die Grundaxiome der psychologischen Eignungsdiagnostik (nach
Wottawa, 1991)?
2. Welche juristischen Aspekte müssen beachtet werden?
3. Welche Verfahren werden in Deutschland meistens verwendet und welche
haben die größte Validität?
„Testknacker“
4. Was sind Testknacker und was ist daran problematisch?
Verschiedene Testverfahren
5. Was versteht man unter dem konstruktorientierten Ansatz und wo bestehen
die Probleme? Nenne ein paar Beispielsverfahren.
6. Was versteht man unter dem simulationsorientierten Ansatz? Nenne ein paar
Beispielsverfahren?
7. Wie ist die Validität von Assessementcenters, welche Vorteile und Nachteile
gibt es dort und was sind sie überhaupt?
8. Was versteht man unter dem biographisch orientierten Ansatz? Nenne ein
paar Beispielsverfahren?
Zusammenfassung d. 7. Kapitels: Anwendungsfeld Wirtschaft - Eignungsdiagnostik
Einführung
Grundaxiome der psychologischen Eignungsdiagnostik (nach Wottawa 1991)
Leistungsunterschiede zwischen den Menschen liegen vor, haben mind. eine mittelfristige Konstanz und sind
nicht an offenkundige Gruppenmerkmale gebunden.
Juristische Regeln für psychologische Eignungsuntersuchungen (GAUL):
- Explizite Einwilligung des Bewerbers
- Recht auf Einsichtnahme in Unterlagen von Bewerber und Auftraggeber
- Vertraulichkeit der Unterlagen
- Vernichtung der Unterlagen nach einer bestimmten Frist
- Keine willkürliche und freie Entscheidung des Arbeitgebers oder des Psychologen, welcher Test zum
Einsatz kommt
Unterschiedlicher Gebrauch psychologischer Verfahren in Deutschland und die Validität von Verfahren (Schmidt & Hubner, 1998)
- Es wird nur das strukturierte Verfahren in Deutschland häufig angewandt was eine mittelmäßige inkrementelle Validität hat und leider nicht bessere Verfahren
- Daneben werden auch Verfahren angewendet, die aufgrund mangelnder Validität sinnlos sind, wie
zum Beispiel graphologische Gutachten
Die Bedeutung sog. „Testknacker“ (HESSE/SCHRADER) für die Berufseignungsdiagnostik:
Inhalt der Testknacker
-
Instruktionen zu Intelligenz- & Leistungstests: Instruktion & Beispielaufgaben aus publizierten Tests.
 keine Senkung der prognostischen Validität durch Instruktion & Übungsaufgaben
Instruktion zu Persönlichkeitstests: Informationen darüber, was gemessen werden soll und Coaching
(Durchschauen der Testitems üben).
29
Einführung
-
Probleme bei Einsatz
von Persönlichkeitsverfahren in der Eignungsdiagnostik
Verfahren in der Eignungsdiagnostik
Konstruktorientierte Verfahren
Messung konstanter Persönlichkeitskonstrukte, da es bei Entscheidung
über eine berufliche Eignung immer um längerfristige Prognose geht
konstante Persönlichkeitskonstrukte sind z.B.: generelle Intelligenz, spez.
Leistungsfähigkeit und Persönlichkeitsfaktoren
Beispielsverfahren:
o Mannheimer Test zur Erfassung des physik. – tech. Problemlösens
o Allgemeiner Büroarbeitstest  sinnvoller, teilweise veralterter Test
o Piloten – und Fluglotsenselektion (Lufthansa)  misst wichtige Eigenschaften des Piloten & Fluglotsen (Vigilanz, Time Sharing, Raumorientierung, Visualisation)
o BIP  berufsbezogene Items zu Persönlichkeitseigenschaften, sowie
Infobroschüren und ein individuelles Rückmeldegespräch
- Validität: Keine lineare Beziehung zwischen Erfolg und Persönlichkeitsmerkmal! Extremausprägungen sind eher ungünstig!
- Verfälschung durch soziale Erwünschtheit, dies aber auch Hinweis auf
soziale Intelligenz
Simulationsorientierte Verfahren
Definition
-
Überblick über AC - Verfahren
Probleme der AC’s
-
Validität (Kriteriums, Konstrukt und
Inhaltsvalidität)
-
Aspekte
-
-
Arbeitsproben
hierunter versteht man praktische Tätigkeiten in dem Arbeitsbereich, in dem
man sich bewirbt, wie z.B. Probearbeiten oder Praktika
Assessment – Center – Verfahren
Vorgehen: Pb’n (oft Anwärter für Führungskräfte) machen zur selben Zeit mehrere Aufgaben  begründete Einstufung auf Dimensionen durch Assesoren 
Assesoren bilden zusammen ein Gesamturteil
!Die Aufgaben sollen berufsbezogenen sein & Inhaltsvalidität besitzen.
Neuere Entwicklungen bei den ACs: ACs vor Ort (Inhaltsvalidität) und Erfassung des Lernpotentials zur Egalisierung von Vorinfo
Häufig sind Standard-Packages  Aufgaben zwar brauchbar, allerdings mangelnde Inhaltsvalidität, Übungseffekte, Manipulierbarkeit
häufigste Aufgaben: Postkorb, Präsentation, Rollenspiel, Diskussion
Probleme der ACs: zweifelhafte Inhaltsvalidität; hohe Akzeptanz bei Kandidaten und Anwendern vs. Kritik an Aufgabenstellungen; Kosten-Nutzen-Relation;
Manipulierbarkeit („Testknacker“) vs. „sinnloser Stress“
Kriteriumsvalidität: Metaanalyse zeigte Korrelationen von r = .30 bis r = .42
außer bei Potentialeinschätzung (hier r = .53
Konstruktvalidität: keine wirkliche Messung von Traits möglich, da versch.
Dimensionen bei versch. Aufgaben auf verschiedenen Faktoren hoch luden
Computergestützte Szenarien
Definiton: fiktive Mikrowelten, die teilweise Realitätsbezug haben und vermutlich entsprechendes Vorwissen der VPn aktivieren.
Nicht-lineare Wirkungsbeziehungen in pc-gestützten Szenarien: Pos. und neg.
Rückkoppelungen in Programmen beeinflussen die Schwierigkeit der Aufgabenstellung (labile vs. träge Systeme)
Anforderungen an Pb: Infoerhebung über das System, Planung & Durchführung von Maßnahmen, erneute Infoerhebung über erfolgte Veränderungen
Beispiel: Textilfabri
Fehlerarten die bei PC-Szenarien generell auftreten: Vernachlässigung zeitl.
Verläufe, exponentieller Verläufe & Denken in Kausalketten
Vorteile: Augenscheinvalidität, auch Wirkung als Eignungsdiagnostik, Überprüfung ob Entscheidung überlegt war oder nicht
Nachteil: Schwierigkeit der Aufgabenstellung führt zu geringer Differenzierung;
Vergleichbarkeit der Ergebnisse ändert sich nach erster Entscheidung wenn
30
System reagiert; Verfälschbarkeit möglich
Validität der PC - Szenarien
- liegen im Bereich das AC’s
- inkrementelle Validität fraglich und keine großer Zusammenhang zu IQ –
Werten!
Validität
Biographisch orientierte Verfahren
Einführung: Grund für
diese Verfahren, Erhebungsmethoden
-
„Der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vorausgegangenes
Verhalten“
Beispiele: z.B. Personalfragebogen und Einstellungsinterview
Erhebungsmethoden: narrativer oder tabellarischer Lebenslauf, Interview, Personalfragebogen  Auswertung durch klinische Urteilsbildung oder empirisch begründete Datenkombinationsregel
Verfahren
Personalbogen
(PFB): Was wird abgefragt, Probleme, Vorteile und Nachteile
-
-
Einstellungsinterview:
Definition, Auswertung, Vorteile und
Nachteile, Arten
-
-
Einstellungsinterviews:
Arten von Interviews
-
-
abgefragt werden Daten aus Vergangenheit und Gegenwart
Verboten, bzw. je nach Job erlaubte Fragen: Schwangerschaft, Vorstrafen, Religions – & Parteizugehörigkeit, Vermögensverhältnisse, Gesundheitszustand.
Vorteile: nicht gut manipulierbar, ökonomisch, befriedigende Validität
Nachteile: Eingeschränkte Akzeptanz, rechtliche Begrenzungen, nur bei
gleichartigen Jobs anwendbar, Gütekriterien haben nur zeitlich begrenzte
Gültigkeit
Definition: völlig freies bis voll strukturiertes/ standardisiertes Gespräch
zum Austausch beschäftigungsrelevanter, sachbezogener Infos.
o inhaltlicher Akzent: Persönlichkeitseigenschaften, Simulation von
Problemen und ihren Lösungen, biographische Infos
Auswertung: klinisch – intuitives oder statischem Urteils über nonverbale
und inhaltlich – verbale Infos
Vorteile: Hohe Akzeptanz, brauchbare Validitäten (bei hoch strukturierten
Interviews), Erhebung zusätzlicher Informationen möglich
Nachteil: geringe Validität bei unstrukturiertem Interviews, Tendenz zur
Überschätzung der Validität
BDI Behavior Description Interview ( JANZ, HELLERVIK & GILMORE
1986): biographisch – bezogene Fragen an Bewerber über kritische, reale
Ereignisse  eher für berufserfahrene Bewerber geeignet
Das situative Interview (LATHAM 1980, 1989): Fragen über „kritische Ereignisse“, die sich auf die Zukunft beziehen.
Multimodales Interview (SCHULER 1992), eine deutsche Variante: Gesprächsbeginn, Selbstvorstellung des Bewerbers, Fragen zur Berufswahl/
Interesse/ Berufserfahrung, freier Gesprächteil, Biographiebezogene Fragen, realistische Infos über Tätigkeit/ Arbeitsplatz/ Unternehmen, situative
Fragen, Gesprächsabschluss
 Kriteriumsvalidität .30 - .50 bei multimodalem Interview
Einführung
Grundaxiome der psychologischen Eignungsdiagnostik (nach Wottawa 1991)
-
es gibt Leistungsunterschiede zwischen den Menschen
diese Leistungsunterschiede haben zumindest eine mittelfristige Konstanz,
diese Leistungsunterschiede sind nicht an offenkundige Gruppenmerkmale
(Geschlecht, Alter, Rasse, Nationalität etc.) gebunden.
Geschichtliches
31
In den 70er Jahren gab es viel Kritik an der Eignungsdiagnostik und die Psychologen
haben sich damals deswegen aus diesem Bereich zurückgezogen.
Juristische Aspekte der Eingungsdiagnostik
Juristische Regeln für psychologische Eignungsuntersuchungen (GAUL):
- Der Bewerber muss in die Untersuchung explizit einwilligen (z.B. Bewerber
folgt einer Einladung für eine Vorstellung)
- Er (& der Auftraggeber) hat ein Recht auf Einsichtnahme in die Unterlagen
- Die Unterlagen und die Ergebnisse unterliegen der Vertraulichkeit
- Vernichtung der Unterlagen nach einer bestimmten Frist (Bewerber diese Frist
mitteilen, falls er Einsicht haben will)
- Weder der Psychologe noch der Arbeitgeber können frei und willkürlich entscheiden welcher Test zum Einsatz kommt (Betriebsverfassungsgesetz), allerdings kann der Betriebsrat Kriterien für die Bewerber definieren
Unterschiedlicher Gebrauch psychologischer Verfahren in Deutschland und
die Validität von Verfahren (Schmidt & Hubner, 1998)
Verwendung in
Deutschland
2% (Intelligenztests)
k.A.
k.A.
55%
k.A.
Validität
r*
Inkrementelle
Validität
Kognitive Fähigkeits.51
tests
Arbeitsproben
.54
.63
.12
Gewissenhaftigkeitstests
.31
.60
.09
Strukturiertes Interview
.51
.63
.12
Unstrukturiertes Inter.38
.55
.04
view
Fachkenntnistests
k.A.
.48
.58
.07
Probezeit
k.A.
.44
.58
.07
Biographische Daten
15%
.35
.52
.01
Assessment Centers
14%
.37
.53
.02
(AC)
Interesse
k.A.
.10
.52
.01
Graphologie
7%
.02
.51
.00
Persönlichkeitstest
7%
Leistungstests
3%
* = mutliple Korrelation aus kognitiven Fähigkeitests und dem jeweiligen Prädiktor in der Zeile mit dem
Kriterium (z.B. Kognitive Fähigkeitstests korrelieren zu .63 mit Arbeitsproben bei multipler Korrelation)
 Es wird nur ein Verfahren angewandt was eine mittelmäßige inkrementelle Validität hat und leider
nicht bessere Verfahren
 Daneben werden auch Verfahren angewendet, die aufgrund mangelnder Validität sinnlos sind
32
Die Bedeutung sog. „Testknacker“ (HESSE/SCHRADER) für die Berufseignungsdiagnostik:
Inhalt der Testknacker
-
Instruktionen zu Intelligenz- und Leistungstests: Instruktion & Beispielaufgaben aus publizierten Tests, da viele Fragen tückisch sind. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die prognostische Validität durch eine besondere Instruktion und Übungsaufgaben reduziert werden würde.
o
-
Auch bei anderen Verfahren gibt es häufig sehr umfangreiche Vorinformation:
 der inzwischen aufgehobene Hochschulzugangstest zum Medizinstudium in
den 80-iger Jahren: publizierte Übungsaufgaben für Bewerber
 Privatuniversitäten wie die Bucerius Law School in Hamburg stellen ausführliche Übungsaufgaben für die Bewerber ins Internet.
 Amerikanische Hochschulzugangstests  dicke Übungsbücher.
 Neue Intelligenztests, wie der BOMAT, bieten nicht eine, sondern zehn Beispielsaufgaben unterschiedlicher Schwierigkeit und unterschiedlichen Typus,
mit Lösungen an.
 Standardisierte Lerntests (werden 2x gegeben, Prä – und Posttests) enthalten
ausführliche Instruktionen mit mehreren Übungsaufgaben.
Instruktion zu Persönlichkeitstests: Informationen darüber, was gemessen
werden soll und Coaching (Durchschauen der Testitems üben).
o
o
Beispiel: „Ich neige zu Stimmungsschwankungen“  Item steht für emotionale Stabilität
Beispiel „Aggressivitätsitems“: Oft herrscht Unsicherheit wie viel Aggression das Optimum sind und es ist schwer genau die Mitte zu treffen, da man nicht genau weiß,
wie viele Items damit kommen werden (damit man nicht überall starke Aggression ankreuzt)
Kritik der Testknacker an Tests
-
heimtückische Fragen bei Intelligenz – und Leistungstests
Tests nur für das „niedere“ Volk bestimmt und an Berufsanfänger angewendet
(nicht an erfahrenen Leuten, die schon lange im Beruf sind)
Verfahren der Eignungsdiagnostik:
Überblick
1. Konstruktorientierte Verfahren: Intelligenz, spezifische Fertigkeiten, Persönlichkeitsfaktoren.
2. Simulationsorientierte Verfahren: AC-Verfahren, PC-gestützte Szenarien
3. Biographieorientierte Verfahren: Personalfragebogen, Interviews
33
Konstruktorientierte Verfahren
Einführung
-
-
-
-
Mannheimer Tests zur
Erfassung des (1980)
sinnvoll ist es konstante Persönlichkeitskonstrukte zu verwenden, da es bei der Entscheidung über eine berufliche Eignung
immer um eine längerfristige Prognose geht
konstante Persönlichkeitskonstrukte sind z.B.:
o die generelle Intelligenz  sehr valider Prädiktor, aber
Problem hier ist die Akzeptanz durch den Bewerber
o spez. Leistungsfähigkeit  einfacher zu testen als die
generelle Akzeptanz, nur einzusetzen bei Berufsberatung und auf Schülerebene
o Persönlichkeitsfaktoren (z.B. die Big Five – Extraversion, Neurotizismus, Offenheit, Gewissenhaftigkeit,
Verträglichkeit)
Beispielsverfahren (weiter unten ausführlich dargestellt)
o Mannheimer Tests zur Erfassung des physikalisch –
technischen Problemlösens MTP (1980).
o allgemeine Büroarbeitstest (ABAT – R) (1994)
o Bochumer Inventar zur Erfassung der Persönlichkeit
(BIP)
Erweiterungen gegenüber Papier-Bleistift-Verfahren:
o Simultane Mehrfachaufgaben
o Dynamische Testsituationen (z.B. entscheidet man
sich beim D2 ob man schnell & unsauber oder langsam & ordentlich arbeitet)
Spezifische Leistungsprobleme
- Er besteht aus 2 Parallelverfahren mit je 26 Items, bei denen
u.a. auc praktische Vorstellungskraft nötig ist.
- Test ist zu leicht um Varianz zu erbringen
- Validität: .40 – .48 (Physiknote)
- Interne Konsistenz:.78 -89
- Stabilität: von .91 (2 Wochen) bis .79 (15 Monate)
Der Allgemeine Büroarbeitstest (ABAT-R –Test)
revidiert von Lienert &
Schuler (1994)
-
Firmeneigene Verfahren:
Das Deutsche Luft- und
Raumfahrtzentrum (DLR):
Piloten- und
Fluglotsenselektion.
-
-
Inhalt der Untertests: Kundenbriefe sortieren, Adressen prüfen,
Summen prüfen, Rechtsschreibung korrigieren, Textaufgaben
lösen, Zeichen setzen
Paralleltestreliabilität: r =. 79
Retest-Reliabilität: r =. 83
Validität: r = .49 (Berufsschülern, Abschusszeugnis)
Inhaltsvalidität:
o !!!Inhaltsvalidität ist so gesehen nicht messbar. Sie
entsteht indem Anforderungen des Jobs analysiert
werden und in den Test mit einfließen.
o Hier aber eine gute Inhaltsvalidität, da tatsächlich gebrauchte, praktische Fähigkeiten abgefragt werden
(!einige sind inzwischen veraltet)
beinhalten Untertests, die an das Anforderungsprofil des Piloten angebracht sind, dazu gehören u.a.
o Vigilance  ständige Bereitschaft auf Änderungen der
Umgebung zu reagiere
o Time sharing  die Fähigkeit, mehrere Informationsquellen zur gleichen Zeit zu beachten, mehrere Aktionen auszuführen und zu kombinieren, ggf. auch Prioritäten zu setzen.
o Raumorientierung  die Fähigkeit, die eigene Position
34
„Bochumer Inventar zur
Erfassung der Persönlichkeit“ (HOSSIEP & PASCHEN 1998)
Welche Informationen
können einem Persönlichkeitsfragebögen bringen?
im Raum in Beziehung zu anderen Objekten zu bestimmen
o Visualisation  die Fähigkeit, sich die Bewegung von
Objekten im dreidimensionalen Raum vorzustellen
o Psycho-motorische Koordination  die Fähigkeit die
Bewegung von zwei oder mehr Händen/Füssen zu
koordinieren
 Der Test Schedulig (bei mehreren Bildschirmen laufen
Zahlen durch und der Pb muss überall „10“ löschen) misst
z.B. Vigilanz, time – Sharing, geteilte Aufmerksamkeit
Persönlichkeitsverfahren
zum Beispiel: „Wenn man eine Aufgabe optimal erledigen will,
sollte man sie alleine angehen.“ (Teamorientierung)
- Inhalt des BIP: 14 Traits mit berufsbezogenen Items, entstanden als alten Traits, neuen Big Five Dimensionen und völlig
neu konzipierten Faktoren  aufteilbar in berufliche Orientierung, Arbeitsverhalten, Soziale Kompetenz, psychische Konstitution
- Besonderheit: 2 Infobroschüren (eine vor Rückmeldegespräch
zur Vorbereitung, die andere mit Infos zum Selbstbild) & persönliches Rückmeldegespräch, das generell bei jeder Applikation stattfinden sollte.
-
Probleme bei Einsatz von
Persönlichkeitsverfahren
in der Eignungsdiagnostik
-
-
Messung zumind. mittelfristiger Eigenschaften ist möglich
Praxisorientierte Spezifierung der Traits ermöglichen Einstellungsentscheidungen (z.B. der BIP)
Grund für Relevanz der Persönlichkeitsfaktoren:
o Persönlichkeitsfaktoren sind bedeutsam, da diese das
Arbeitsverhalten des Arbeitnehmers beeinflussen können
o Keine lineare Beziehung zwischen Erfolg und Persönlichkeitsmerkmal! Extremausprägungen sind eher ungünstig!
o u.a. ist neben Persönlichkeitsfaktoren allgemeine Intelligenz auch ein guter Prädiktor (beides ist wichtig)
Validität: gewisse Stabilität haben nur
o Extraversion & Gewissenhaftigkeit mit beruflichem Erfolg (positiver Zusammenhang)
o Neurotizismus mit beruflichem Erfolg (neg. Zusammenhang)
 Keine lineare Beziehung zwischen Erfolg und Persönlichkeitsmerkmal! Extremausprägungen sind eher ungünstig! Optimal sind Eigenschaften im mittleren Bereich!
soziale Erwünschtheit:
o Oft werden Ergebnisse dadurch verfälscht, auf der anderen Seite kann SE auch für eine soziale Intelligenz
und Einfühlungsvermögen in mögliche Geschäftspartner stehen
o Faking – Good und Faking – Bad Instruktionen werden
in Studien genutzt um den Einfluss der SE einzuschätzen
35
Simulationsorientierte Verfahren (Verfahren bei denen eine Situation simuliert wird)
Definition
-
Validität
-
Geschichte
-
Vorgehen, Beispiele für
Aufgaben und neue Entwicklungen
Arbeitsproben
hierunter versteht man praktische Tätigkeiten in dem Arbeitsbereich,
in dem man sich bewirbt, wie beispielsweise Probearbeiten oder Praktika
sollten am Besten von Psychologen geplant werden
es werden auch Persönlichkeit miterfasst bei den Arbeitsproben (wie
der Pb mit den Kollegen umgeht)
Sie haben die höchste prädikative Validität für die Vorhersage von Berufserfolg. Aber Voraussetzung ist die Inhaltsvalidität (Repräsentativität der Probe) und die Konstanz der Motivation des Bewerbers.
Assessment – Center – Verfahren
Auswahl der Offiziere in der deutschen Wehrmacht (Rieffert 1927)
Einstellung dieses Auswahlverfahrens (1942)
Übernahme des Verfahrens durch die britische Armee
OSS – Projekt (Weltkrieg 1940) in den USA
nach dem Krieg: Beginn der industriellen Anwendung (AT&T) in USA
Rückkehr nach Europa über multinationale Konzerne (1960)
Vorgehen: Pb’n (oft Anwärter für Führungskräfte) machen zur selben
Zeit mehrere Aufgaben  begründete Einstufung auf Dimensionen
durch Assesoren  Assesoren bilden zusammen ein Gesamturteil
- Die Aufgaben sollen berufsbezogenen sein & Inhaltsvalidität besitzen.
- Beispiele für Aufgaben:
o Proband arbeitet alleine: z.B. wird bei einem Referat ausgewertet wie gut Pb gesprochen hat, wie der Inhalt war, etc.
o Gruppenaufgaben: Einer Gruppe wird eine Aufgabe gegeben
und man sieht sich an, wer die Führung übernimmt, etc.
o Stressinterviews: Man sagt Pb, dass er nicht bestanden hätte,
und fragt ich, ob er trotzdem weiter seinen Weg verfolgen will
o strukturiertes Rollenspiel: 4 standardisierte Situationen mit
Kunden nachspielen
- Neuere Entwicklungen bei den ACs
o ACs vor Ort (Inhaltsvalidität)  vergleichbar einer strukturierten Arbeitsprobe. Alle Kandidatenerhalten gleiche Materialien,
gleiche Aufgabe, definierte Zeitspanne. Kriterien und Ratingsskalen für die Assessoren.
o Erfassung des Lernpotentials zur Egalisierung von Vorinformationen  Konzept der Trainability nach ROBERTSON &
MINDEL
- Häufig: Standard-Packages.
o Vorteil: die Brauchbarkeit der Aufgaben ist bekannt, weder zu
schwer noch zu leicht.
o Nachteil: mangelnde Inhaltsvalidität, Übungseffekte, Manipulierbarkeit
36
Häufigste Aufgaben
-
Probleme der AC’s (Zusammenfassung aus den
Metaanalysen zur Validität)
Probleme der ACs
o Zweifelhafte Inhaltsvalidität (Berufsnähe reicht für Validität nicht aus)
o Hohe Akzeptanz bei Kandidaten und Anwendern vs. Kritik an Aufgabenstellungen, da sehr beliebt
o Kosten-Nutzen-Relation, da man eine hohe Basisrate hat, aber den
Besten finden muss
o Manipulierbarkeit („Testknacker“ liegen vor) der AC-Ergebnisse vs.
„sinnloser Stress“
Beispiel für Dimensionen
der AC’s
häufigste Aufgaben:
o Postkorb: Unter Zeitdruck Briefe nach Dringlichkeit ordnen
und Termine machen, alles begründen  Test der Entscheidungsfreudigkeit und Begründungsfähigkeit
o Präsentation
o Rollenspiel: Unstrukturiert und strukturiert möglich
o Diskussion: Gruppenleitung festgelegt vs. nicht festgelegt;
Diskussion gehen um Geschäftsthemen, wie z.B. wer von der
Firma den neuen Wagen bekommt  Test von Wettbewerb
und Kooperation, allerdings hängt Ergebnis stark von der
Gruppenzusammensetzung vor
 Wichtig hier ist, dass die Tests auch wirklich inhaltsvalide sind!
Beispiel für Dimensionen von der Agfa – Gavaert AG (90er Jahre) und dazugehörige Aufgaben: Aufgabe des AC’s war die Einschätzung des Potentials
von Führungs – und Fachkräften
 allerdings nicht ganz einsichtig, warum man in der ersten Gruppendiskussion logisch – konzept. Denken erfasst und in der zweiten nicht.
Validität (Kriteriums, Konstrukt und Inhaltsvalidität)
Kriteriumsvalidität
 Konvergente Validität ist zeilenweise und Diskriminante spaltenweise
 Metaanalyse (Thornton et al, 1987): Korrelationen bei Leistung, Training, Karriere, Personalauswahl, Beförderung: r = .30 bis r = .42; Nur
bei der Potentialeinschätzung sind die Korrelationen .53
Konstruktvalidität (interessanter als die Kriteriumsvalidität):
 Bestimmt mittels des MTMM – Ansatzes (Vorhersage d. Eigenschaften d. Person mittels der Dimensionen (die man immer für Traits hielt)
 die konfirmatorische Faktorenanalyse ergab, dass mit den Verfahren
die Traits nicht wirklich gemessen werden können, da versch. Dimensionen bei versch. Aufgaben auf verschiedenen Faktoren hoch luden
 Diskutierte Ursachen für diese unerwarteten Ergebnisse:
1. Mangelndes Training der Beobachter.
2. Strategien der Bewertung
3. Falsche Annahme bezüglich der Konstrukte. (Situationsspezifität)
 die konvergente Validität hat sich nicht nennswert erhöht
37
 die Diskriminante wäre überall höher als die konvergente
Definition und Wirkungsbeziehungen
-
-
-
Fehlerarten, die auftreten
Beispiele
Validität
Computergestützte Szenarien
Computer – simuliertes Szenarien sind fiktive Mikrowelten, die teilweise
Realitätsbezug haben und vermutlich entsprechendes Vorwissen der VPn
aktivieren.
Computergestützte Szenarien weisen deutliche Unterschiede zu einem
Intelligenztest auf
Nicht-lineare Wirkungsbeziehungen in pc-gestützten Szenarien: Pos. und
neg. Rückkoppelungen in Programmen beeinflussen die Schwierigkeit der
Aufgabenstellung (labile vs. träge Systeme)  machen Szenario aber oft
zu schwer oder zu leicht
Anforderungen an den Bearbeiter:
- Infoerhebung über das System, seine Dependenzen & Ausgangslage
- Planung und Durchführung von Maßnahmen
- Erneute Informationserhebung über erfolgten Veränderungen
Fehlerarten die generell bei PC-Szenarien auftreten
- Geringe Beachtung der zeitlichen Verläufe
- Außerachtlassen von exponentiellen Verläufen.
- Bevorzugtes Denken in Kausalketten statt in Kausalnetzen.
Bei den besonders wenig erfolgreichen Pb zeigte sich (Dörner):
o Ungenügende Exploration der Ausgangssituation & Inforabfrage
o Hin- und Herspringen zwischen Problemfeldern
o Randständige Probleme wurden gelöst, weil die zentralen Probleme
nicht lösbar erschienen.
o Verschiebung d. Verantwortung: Einsetzen v. „Sonderkommissionen“
o Externalisierung des Misserfolges: Beschimpfung des Systems
Textilfabrik:
- Eine Person soll eine Textilfabrik leiten. Man braucht zum Erfolg speziell ausgebildete Arbeiter, Material und Lieferwagen. Die verkaufte
Ware wird durch den Kassenstand angezeigt.
- beeinflussbare Variablen: Lohn der Arbeiter, Sozial – und Instandhaltungsausgaben, Werbeausgaben und Preis pro Hemd
- nur durch Maßnahmevariablen direkt beeinflussbare Variablen: Anzahl der Lieferwagen, verkaufte Hemden, Maschienenzustand und
Ausgaben für die Arbeiter
- verdeckte Variablen: Nachfragen, Zinsen, Bedarf an Lieferwagen
- Strategien: zuerst Verlust machen und dann das Optimum erreichen
oder von Anfang an wenig Verlust machen und das Optimum nicht erreichen.
Validität der PC - Szenarien
- liegen im Bereich das AC’s und die inkrementelle Validität ist fraglich
- KERSTING (1999, 2001): Vergleich von IQ – Werten und Bearbeitung
einer Simulation  Zusammenhang eher gering, keine sign. Steigerung durch Bearbeitungsleistung am Szenario
38
Probleme und Vorteile
Vorteile
- Augenscheinvalidität
- wirken auch als Eignungsdiagnostik (auch wenn Arbeiter nichts tut,
dann entwickelt sich etwas und man sieht, dass er keine Fähigkeiten
in diesem Bereich
- man sieht ob jemand zufällig oder überlegt eine Entscheidung getroffen hat (bei IQ Tests nichts möglich)
Probleme der pc – gestützten Szenarien
- Schwierigkeit der Aufgabenstellung  geringe Differenzierung in den
Testscores der Bearbeiter
- Ab der ersten Entscheidung ändern sich Parameter und keine Vergleichbarkeit liegt mehr vor  mangelnde Fairness
- Verfälschbarkeit möglich, da man zu Hause lernen kann mit den Szenarien umzugehen
Biographisch orientierte Verfahren
Einführung: Grund für
diese Verfahren, Erhebungsmethoden
-
Historisches zu den
Verfahren
-
-
-
„Der beste Prädiktor für zukünftiges Verhalten ist vorausgegangenes Verhalten“
Beispiele: z.B. Personalfragebogen und Einstellungsinterview
Erhebungsmethoden bei biographischen, stark berufsbezogenen Informationen
o narrativer oder tabellarischer Lebenslauf
o Interview
o Personalfragebogen
 Auswertung durch klin. Urteilsbildung oder empirisch begründete Datenkombinationsregel (nach standardisierte Datenerhebung)
1922 konnte Goldsmith erstmal gute und schlechte Verkäufer aufgrund der
biographischen Daten unterscheiden  Biographische Daten erwiesen sich
als guter Prädiktor
Sein Vorgehen: Mittel multipler Regression das Gewicht einzelner Prädiktoren berechnen  blind biographisches Vorgehen, welches zu Ergebnissen führen kann, die plausibel sind aber auch nicht.
Verfahren
Personalbogen
(PFB): Was wird abgefragt, Probleme, Vorteile und Nachteile
-
-
abgefragt werden Daten aus Vergangenheit und Gegenwart
Erlaubt sind aber nicht:
Einschlägigkeit = Straftat, die im Bereich des Jobs, für den man sich bewirbt,
schon mal verübt wurde. z.B. bei einer Bewerbung im Kindergarten sind Fragen nach Sexualvorstrafen erlaubt, Sexualstraftäter dürfen nicht eingestellt
werden.
Problem: der PFB ist noch kein diagnostisches Instrument, da zuerst noch
die Auswahl der vorhersagefähigen Prädiktoren getroffen werden muss
 Beispiel: Bei der Frage „Wie wichtig war Unabhängigkeit als Grundlage für
Ihre Berufswahl“ erwiesen sich die Antwortalternativen „sehr großer Einfluss“
und „großer Einfluss“ als am Besten trennend.  macht inhaltlich aber wenig
Sinn, da sie sich nur hinsichtlich „sehr groß“ und groß“ unterscheiden
Vorteile des PFB
Nachteile des PFB
39
-
-
Einstellungsinterview:
Definition, Auswertung, Vorteile und
Nachteile, Arten
Bedeutung biographischer Da- ten kaum durchschaubar und
manipulierbar
Verfahren ist ökonomisch
-
eingeschränkte Akzeptanz und
rechtlich begründete Begrenzung
der Fragestellungen
anwendbar aber nur bei vielen,
gleichartigen Positionen
Gütekriterien haben nur eine
zeitlich begrenzte Gültigkeit
Validität ist befriedigend, genau- so groß wie bei Assessment
Centers
Definition:
o völlig freies (oft bei Nicht – Psychologen) bis voll strukturiertes/ standardisiertes (thematisch genau präzisiertes) Gespräch zwischen 2 oder mehreren
Personen aus der auswählenden Organisation und dem Bewerber zum Austausch beschäftigungsrelevanter, sachbezogener Infos.
o inhaltlicher Akzent liegt auf
 Persönlichkeitseigenschaften (Extraversion, Verbalisationsfähigkeit)
 Simulation von Problemen und ihren Lösungen (Problemfragen aus
dem beruflichen Bereich)
 biographischen Informationen (Fragen über Ausbildung, etc.)
Auswertung bezieht sich auf:
o nonverbale Informationen (z.B. lässig oder dominant?)
o inhaltlich – verbalen Informationen
 Urteil des Diagnostikers kann ein klinisch (begründetes) – intuitives oder ein
statistisches (Infos werden mehr o. weniger gewichtet) Urteil sein
-
-
Vorteil
Nachteil
hohe Akzeptanz bei Bewerbern - bei unstrukturierten Interviews
(liegt auf Platz 1, auf Platz 2 ist die
nur geringe Validität (r = .13 b.
Arbeitsprobe, auf Platz 5 sind die
.20), bei strukturierten Interviews
psychologischen Tests und auf
besser
( r = .40 bis r = .56)
Platz 8 sind Losverfahren)
- Tendenz zur Überschätzung der
- Brauchbare Validitäten von r =
Validität
.40 bis r = .56 bei hoch struktu- - zweitaufwendig
rierten Interviews, wenn anforderungsrelevante, nicht redundante
Infos erfragt werden und die Infos
richtig gewichtet werden
- Erhebung zusätzlicher Informationen
- Arten von Interviews: BDI, das situative Interview, das multimodale Interview
-
Einstellungsinterviews:
Arten von Interviews
BDI Behavior Description Interview ( JANZ, HELLERVIK & GILMORE 1986):
- besonders für berufserfahrene Bewerber geeignet.
- Sammlung kritischer, realer Ereignisse, indem der Psycholge in der Firma
eine Umfrage macht (Critical Incident Technique): z.B. ein Fluggast beschwert sich, es gibt eine lautstarke Auseinandersetzung. Wie greifen Sie
ein?  biographie – bezogenen Fragen
Das situative Interview (LATHAM 1980, 1989):
- Fragen über „kritische Ereignisse“, die sich auf die Zukunft beziehen. Antworten werden entsprechend einer vordefinierten Verhaltensskala eingestuft.
Multimodales Interview (SCHULER 1992), eine deutsche Variante: Aufbau
(1) Gesprächsbeginn (small talk)  z.B. „Haben Sie gut hierher gefunden?“
(2) Selbstvorstellung des Bewerbers  z.B. über Beruf & Wünsche sprechen
(3) Fragen zur Berufswahl, Interessen und Berufserfahrung
(4) Freier Gesprächsteil
(5) Biographiebezogene Fragen erfahrungsorientierte Fragen, wie bisheriges Arbeitsverhalten
(6) Realistische Information über Tätigkeit, Arbeitsplatz & Unternehmen
(7) Situative Fragen, die branchenspezifisch sind
40
(8) Gesprächsabschluß (Fragen des Bewerbers, weiteres Vorgehen)
 Kriteriumsvalidität .30 - .50 bei multimodalem Interview
Kapitel 7: Anwendungsfeld Klinik
Fragen
1. Welche Aufgaben hat die Diagnostik im klinischen Bereich?
2. Welche Verfahren gibt es zur Symptombeschreibung und was ist eine Problemanalyse, samt
Pro – und Contraargumenten?
3. Was ist bei der Indikationsstellung wichtig?
4. Indikationsstellung: Wie lauten die Ad – hoc Regeln von Grawe (1981)?
5. Wie sind die Indikationsstellungen bei den verschiedenen Therapieformen?
6. Was sind Therapieziele und gibt es Unterschiede bei den versch. Therapierichtungen? Warum
sind Therapieziele so wichtig?
7. Welche Verfahren gibt es zur Effizienzprüfung von Therapien?
Zusammen des 7. Kapitels:
Aufgaben der Diagnostik im Rahmen der klinischen Diagnostik
Symptombeschreibung und
Problemanalyse
Ziel:
- Intensität der Störung/des Defizits (Normvergleich)
- Komplettierung der Beschreibung der Symptomatik
- Komorbiditätsdiagnosen und Ressourcen des Patienten
- erschwerende Lebensbedingungen des Patienten.
Verfahren zur Symptombeschreibung und Problemanalyse
- schulspezif. Verfahren: behaviorale, PA, familiendiagnostische
- Klassifikationsorientierte Verfahren: strukturierte und standardisierte
Interviews und Checklisten, Fragebogen, Problemanalyse (nicht immer nötig bei standardisierten Therapien)
Indikationsstellung
-
-
-
Diagnostik der
Therapieeffekte
-
Bei Indikationsstellung wird auf verschiedenen Entscheidungsebenen
eine Indikation für eine Intervention gestellt.  Einfluss darauf hat die
Schwere der Symptomatik und das, was der Kostenträger zahlt.
verschiedene Arten der Indikation: Selbst -, Laien -, nicht psychologische und psychologische Expertenindikation (die letzter findet allerdings aufgrund Vorselektion selten statt)
Ad-hoc-Regeln (GRAWE 1981): Wichtig ist Deckung zwischen Erwartungen des Patienten und der gewählten Therapie, Anzahl erfolgloser
Behandlungsversuche, Alter des Patienten und Fähigkeit zum verbalen, differenzieren Ausdrücken.
Bestimmung und Operationalisierung der Interventionsziele und Überprüfung der Veränderungen  klinische Diagnostik begleitet also die
41
-
-
-
-
Feststellen der
Störungsursachen
-
Therapie und ist wichtig zur Effizienzprüfung zur Qualitätssicherung
Therapieziele:
o Ziele müssen operationalisierbar sein (Einfluss von VT) und
polythetisch sein (Einfluss von PA).
o Endziele vs. Zwischenziele; symptombezogene vs. Stützziele;
finale vs. instrumentelle Ziele
Zwei Extremmeinungen zu Therapiezielen: Therapieziele kann man
wegen Individualität nicht benennen vs. Therapieziele müssen nicht
definiert werden, da sie selbstverständlich sind
standardisierte Verfahren zur Diagnose von Therapieeffekten: Depressionsskala des FPI, Freiburger Beschwerdeliste, GAF – Skala aus
DSM, Beck’sche Fragebogen, Münchener Fragebogen (Alkoholismus)
individueller gehalten: GAS von Kiresuk (1974)  Verfahren zur Überprüfung des Therapieerfolges. Ziele sind individualisiert, operationalisiert, multiple und auf 5 Stufen skaliert. Auch Außenstehende können
von jedem interpretiert werden.
Hauptaufgabe der Diagnostik, aber nur bei bestimmten Störungen
möglich
Klinische Diagnostik ist deskriptive Diagnostik!
Überblick über die Aufgaben der Diagnostik im Rahmen der klinischen Diagnostik
Überblick über die Aufgaben
Symptombeschreibung
und Problemanalyse
-
Intensität der Störung/des Defizits (Normvergleich)
Komplettierung der Beschreibung der Symptomatik
Komorbiditätsdiagnosen
Ressourcen des Patienten
erschwerende Lebensbedingungen des Patienten.
Indikationsstellung
-
Psychotherapie erforderlich?
anderweitige Intervention?
Überweisung wohin?
Diagnostik der Therapieeffekte
- Bestimmung und Operationalisierung der Interventionsziele
- Überprüfung der Veränderungen.
 Klinische Diagnostik begleitet also die Therapie
Feststellung der Ursachen der Störung
-
Hauptaufgabe der Diagnostik
Nur in bestimmten Störungen möglich, z.B. bei hirnorganische Störungen. Selten aus Analysen der Biographie.
Klinische Diagnostik ist deskriptive Diagnostik (es geht darum Symptome zu beschreiben und am
Ende in ein Klassifikationssystem einzuordnen!
Verfahren zur Symptombeschreibung und Problemanalyse
-
-
schulspezifische Verfahren: behaviorale, psychoanalytische, familiendiagnostische
Klassifikationsorientierte Verfahren: strukturierte und standardisierte Interviews
und Checklisten, Fragebogen, Problemanalyse (früher „Verhaltensanalyse“)
Problemanalyse (Grawe, Caspar, Bergold) (früher Verhaltensanalyse)
o nicht immer die Problemanalyse nötig
o individuelle, maßgeschneiderte Therapien (z.B. bei Pat. mit Sucht +
Depression + Agoraphobie) versus standardisierte Therapien (hier nur
störungsspezifische Diagnostik nötig)
42
o Pro:
 Bessere Anpassung der Therapie an den Patienten
 Verringerung von Fehlentscheidungen und Steigerung der Therapieerfolge
 oft Komorbiditäten, daher maßgeschneiderte Therapie wichtig
 langfristig können Indikationskriterien gewonnen werden
o Contra:
 nach Bergold ist das hat Therapie oft ein unbekanntes Ziel
 Anpassung der Therapie im Verlauf noch möglich
 noch kein empirische Nachweis für ausführliche Problemanalyse
 Validität/ Reliabilität der hoch aufgelösten Problemanalysen fehlt
Indikationsstellung
Bei der Indikationsstellung wird auf verschiedenen Entscheidungsebenen (Therapie
ja/nein; wenn Therapie, dann welche; wenn Therapie ausgesucht, dann ob Einzel –
oder Gruppentherapie,…) eine Indikation gestellt. Einfluss darauf hat die Schwere
der Symptomatik und das, was der Kostenträger zahlt.
Auf Makro – Perspektive betrifft es die Art der Intervention, auf der Mikro - Perspektive die Entscheidung des Therapeuten während der Therapiestunde. Z.B. wenn etwas passiert, auf das die Therapie angepasst werden muss.
Häufig ist der Verlauf der Indikation so, dass Selbsthilfe  soziales Netz  psychosoziale Einrichtrungen  Allgemeinarzt  ambulant/ stationäre Psychiatrie  Psychotherapeut.
Es gibt verschiedene Arten von Indikation:
- Selbstindikation
- Laienindikation
- nicht psychologische und psychologische Expertenindikation  allerdings ist
aufgrund von erheblicher Vorselektion die Expertenindikation ausgeschlossen,
wenn der Patient beim Psychotherapeuten erscheint
 Beispielsweise dauert es durchschnittlich 7 Jahre, bis ein Pat. in Therapie
kommt. Häufig ist der Umweg über die Allgemeinmedizin (Schulte, 1996)
 Tendenziell überwiegt der YAVIS Patient (young, attractive, verbal, intellegent, successful), der am erfolgreichsten zu behandeln ist, da er noch Entwicklungsmöglichkeiten hat (nach Schaffield,1964). Jeder der Faktoren hat eine Basis.
Probleme einer psychologisch begründeten Indikationsstellung in der MakroPerspektive
- breite und langdauernde Vorselektion
- image-Problem für den Psychotherapiepatienten
- Omnipotenzanspruch der Therapieschulen (mit Einschränkungen)
Alle Therapeuten wollen den YAVIS-Patienten
43
Indikationsstellung: Ad-hoc-Regeln (GRAWE 1981)
- Stelle fest, welche Erwartungen der Patient hinsichtlich seiner Behandlung
mitbringt. Suche eine Therapie, die mit diesen Erwartungen möglichst gut
übereinstimmt, um die Therapiemotivation zu steigern.
- Wenn der Patient bereits erfolglose Behandlungsversuche hinter sich hat,
überweise ihn nur an einen erfahrenen Therapeuten
- Wenn der Patient bereits älter ist, überweise ihn nur an einen ebenfalls älteren Therapeuten
- Wenn der Patient Mühe hat, sich verbal differenziert auszudrücken, überweise ihn nicht an einen ganz überwiegend verbal arbeitenden Therapeuten, sondern eher an einen Verhaltenstherapeuten.
Indikationsstellungen bei den verschiedenen Therapieformen
Indikationsstellung in der
Gesprächspsychotherapie
Indikationsstellung in der
Verhaltenstherapie
Indikationsstellung in der
Psychoanalyse
Probebehandlung
Alles, was gelernt ist, kann vt. modifiziert werden ????
Wichtig hierfür sind die Prognosekriterien nach HEIGL (Auszug)
- Kriterien aus der Symptomatik: Art, Dauer, Auslösung und
Einstellung zur Symptomatik
- Kriterien aus de sozialen Situation: Probleme in ein oder
mehreren Lebensbereichen und andauernde, erhöhte
aber nicht veränderbare Frustration
- Kriterien aus der biologischen Gegebenheit: Alter des Patienten, Intelligenz (wichtig für PA – Therapie), körperliche
Behinderung (bringen erhöhte Frustration; ähnlich „attractive“ aus YAVIS)
 der Patient, des es am wenigsten braucht, ist am Leichtesten
zu therapieren
Schematische Fallkonzeption (Grawe et al., 1996)
a. Informationen zur Ausgangslage
b. Schemaanalyse
Fallkonzeption
Allgemeine Angaben zum Patienten, Biographie und Herkunftsfamilie,
Problemsicht des Patienten und der wichtigsten Bezugspersonen,
Testdiagnostische Beschreibung des Ausgangszustandes, Diagnostische Einordnung des Patienten
Selbstschemata. Stärken und Ressourcen des Patienten. Negative
emotionale Schemata (Vermeidungsschemata). Schemadynamik.
Typische Ablaufmuster im Beziehungsnetz des Patienten
c. Funktionales Problemverständnis
a. Inhaltliche Therapieplanung
b. Instrumentelle Therapieplanung
Therapieplanung
Störungsspezifischer Aspekt, Motivational – emotionaler Aspekt, Kompetenzaspekt, Bewusstseinsaspekt, Anzustrebende Veränderungen
konkreter Ablaufmuster im Beziehungsnetz des Patienten, Sonstige
erwünschte Veränderungen der realen Lebenssituation
Aktivierbare oder aktivierte Veränderungsmotivationen, Fähigkeiten,
die für den Veränderungsprozess genutzt werden können, Therapiesetting, Therapiebeziehung
44
c. Indikationsstellung und
konkreter Therapieplan
Diagnose der Therapieeffekte
Die Diagnose ist wichtig um Veränderungen zu überprüfen und Interventionsziele zu
bestimmen und operationalisieren. Ebenso steigt die Bedeutung der Therapieerfolge
in Zeiten der Qualitätssicherung.
Früher gab es einen Konflikt zwischen PA und VT, da die VT die Symptome reduzieren und die PA die Struktur primär verändern wollen um den hinter den Symptomen
liegenden Konflikt zu beseitigen. Heute wird beides integriert. Ziele müssen operationalisierbar sein (Einfluss von VT) und polythetisch sein (Einfluss von PA).
Arten von Zielen:
- Endziele (z.B. zufriedenes, erfülltes Leben) vs. Zwischenziel (1 Jahre Abstinenz; zeitlicher und instrumenteller Aspekt)
- symptombezogene Ziele (abstinent bleiben) vs. Stützziele (neben Abstinenz
noch Kontakte aufbauen)
- finale (Erwerb des Diploms) vs. instrumentelle Ziele (Zwischenziele, z.B. Planung des Studiums)
Es gibt zwei Extremmeinungen zu der Definition von Therapiezielen:
1. Therapie-Ziele kann man nicht benennen, weil sie interindividuell höchst unterschiedlich und weil
sie sich im Verlauf der Therapie verändern
2. Therapie-Ziele müssen nicht definiert werden, weil sie selbstverständlich sind:
Glück, Gesundheit,
Zufriedenheit, Menschenwürde etc.  der Betroffene sollte glücklich sein
standardisierte Verfahren zur Diagnose von Therapieeffekten
- Depressionsskala des FPI
- Freiburger Beschwerdeliste
- GAF – Skala aus dem DSM
- Beck’sche Fragebogen
- Münchener Fragebogen (Alkoholiker)
- Nachteile von standardisierten Verfahren: Nicht differenziert genug, keine
Erfassung spezifischer Symptome  ein Verfahren sollte auch individuelle
Ziele erfassen! Dazu folgt jetzt die Vorstellung der GAS)
GoaI- attainment-Scaling von KIRESUK (1974)
-
Verfahren zum Überprüfen des Therapieerfolges
Merkmale der GAS: individuelle, operationalisiert und multiple Ziele, die auf
5 Stufen skaliert sind. Die Skalen können auch von jedem interpretiert
werden.
45
-
-
Ablauf: Aufstellung der GAS  Durchführung der Therapie  Bestimmung
des erreichten Ziels im katamnestischen Gespräch nach einem vorgegeben Zeitraum mittels der Berechnung des Gesamttherapieerfolges (Posttestwerte, Gewicht, Interkorrelation und Zahl der Skalen)
Probleme bei der GAS:
o Soll Therapeut (paternalistisches Modell), Patient (Dienstleistungsmodell) oder Therapeut mit dem Patienten die Ziele festlegen? 
ideal wäre Patient mit Therapeut, ist aber nicht immer möglich
o Bestimmung realistischer Ziele
o Schwierigkeiten bei der Operationalisierung und der Einführung der
GAS bei einer Institution, da der Therapeut sich auf Ziele festlegen
muss
1. Beispiel für eine GAS: Patient mit Frührente und körperlichen Beeinträchtigungen
- Patient ist ein 57 – jähriger Mann mit Frührente, der nicht versteht, was andere
ihm sagen wollen. Zudem ist er depressiv und hat eine körperliche Beeinträchtigung
- Er geht in eine Rehaklinik zur Diagnosestellung und in der Klinik haben sich
seine Symptome verbessert
- GAS – Ziele, die er bis zur Entlassung erreichen soll:
1. Ziel: er sollte mit Hilfe einer Gehhilfe sich selbstständig bewegen können
2. Griffstärke der linken Hand soll verbessert werden
3. Depressionen sollen sich ändern
4. Aufbau von Kontakten
 Um die Ziele zu erreichen muss er mit Arzt, Physiotherapeut, Krankenschwester und Psychoanalytiker der Klinik zusammenarbeiten.
-
2. Beispiel für eine GAS: Patient mit einer Hundeangst
Patient hat eine Hundeangst
GAS Ziel: Reduktion der Hundeangst in der Form, dass „gefährlichere“, angeleinte Hunde in geringem Abstand zum Patienten sich aufhalten.
Skalierung:
o -2 Angst tritt bereits bei Photos auf
o -1 Angst tritt bei 100m entfernten, angeleintem Schäferhund auf
o 0 Angst tritt nur bei nicht angeleinten oder nicht 100 Meter entfernten
Schäferhunden auf
o +1 Angst tritt nur bei nicht angeleinten Hunden auf, die 5 Meter weit
weg sind
o +1 Angst tritt nur bei unmittel angeleinten Hunden (1 – 2 Meter) auf
46
Kapitel 8: Anwendungsfeld Recht
Fragen
Einleitung
1. Was ist die psychologische Diagnostik für das Gericht?
2. Welche Aufgaben hat die psychologische Diagnostik im Anwendungsfeld
Recht?
3. Welche Rechten und Pflichten hat ein psych. Gerichts – Diagnostiker und wo
liegt bei den Rechten der Unterschied zur klinischen Diagnostik?
Sorgerecht
4. Was sind die wichtigsten Gesetze für die elterliche Sorge nach Trennung und
Scheidung und nenne wichtige Aspekte zu den Gesetzen!
Strafrechtlich relevante Fragestellungen
5. Was ist Schuldfähigkeit laut Gesetz? Nenne auch wichtige Paragraphen?
6. Wie ist das diagnostische Vorgehen bei der Schuldfähigkeit?
7. Wie und wo wird die Diagnose einer affektiv bedingten Bewusstseinsstörung
gestellt?
8. Wann erfolgt eine Maßregelung der Sicherung und Besserung, was die die diagnostisch – psychologische Tätigkeit hier und welche Formen der Maßregelung gibt es?
9. Wie wird eine Rückfallprognose gemacht (drei Arten) und nenne ein Beispiel
für eine Rückfallprognose (samt der dazugehörigen Validität)?
10. Tatbestandsdiagnostik: Welche Datenquellen werden in der Tatbestandsdiagnostik genutzt und welche psychologischen Methoden gibt es hier und was
sind wichtige Aspekte bei den jeweiligen psychologischen Methoden?
11. Realkennzeichen: Welche Varianten von Falschaussagen gibt es und beschreibe eine Studie zu Realkennzeichen? Welche Probleme gibt es bei der
Anwendung der Realkennzeichen?
Zusammenfassung des 8. Kapitels: Anwendungsfeld Recht
Einleitung
47
-
psych. SV hat im Rahmen der „Rechtspsychologie“ und „forensischen Psychologie“ Hilfsfunktion  präzise Darstellung der Befunde und ausführliche Erläuterungen der Schlussfolgerungen
-
Folgende Unterschiede gibt es beim Juristendenken zum Denken von Sozialwissenschaftlern und Naturwissenschaftlern:
o Kategoriales/normatives vs. probabilistisches / dimensionales Denken
o Terminologische Probleme
-
Aufgaben der psychologischen Diagnostik im Anwendungsfeld „Recht“:
o Familienrechtliche Fragestellung: Sorgerecht, Anordnung für Fürsorgeerziehung,…
o strafrechtlich relevante Fragestellungen: Schuldfähigkeit, Glaubwürdigkeit, Rückfallprognose, Beurteilung der Reife bei jugendlichen und heranwachsenden Straftätern
o Sonstige Fragestellungen: Delikt -, Geschäfts -, Testier -, Prozess -, Betreuungs - und
Erwerbsfähigkeit, Transsexualität, Fahrtauglichkeit (z.B. MPU), Graphologie
-
Rechte und Pflichten der gerichtlichen Sachverständigen
o keine Schweigepflicht (bei klin. Diagnostik Schweigepflicht)
o Neutralitätspflicht (der SV darf nicht befangen sein!)
o Ausübung der diagnostischen Tätigkeit nach „lex artis“, d.h. sauberes Arbeiten
Wichtige Gesetze für „die elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung“
§ 1687 BGB:
§ 1671 BGB:
§ 1634 BGB:
§ 1666 BGB:
Ausübung der gemeinsamen Sorge bei Getrenntleben (bezieht sich sowohl
auf Verheiratete und nicht – verheirateten Paaren)
- Einvernehmliche Entscheidung der Eltern wichtig um Kind nicht zu belasten
- Der Elternteil, bei dem das Kind ist, entscheidet Angelegenheiten des täglichen Lebens und der tatsächlichen Betreuung
Getrenntleben bei gemeinsamer Sorge (Antrag auf alleiniger Sorge)
- Sorgerechtskriterien, die überprüft werden müssen:
o Elternbe.: Kooperations – und Erziehungsfähigkeit, Bindungstoleranz
o Kindbezogen: Bindung Beziehung zu Eltern (Vorsicht bei Testfehlinterpretationen!) und Geschwistern, Wille des Kindes (ab 14 J.), Kontinuität
- Probleme bei der Datenerhebung: Verzerrte Darstellung der Gegenseite,
eintrainierte Antworten, Schuldgefühle, unnatürliches Verhalten der Eltern,
kaum brauchbare Infos durch projektive Verfahren, großer Zeitaufwand bei
Befragung außerfamiliärer Bezugspersonen
Umgang des Kindes mit den Eltern (Besuchsrecht des nicht –
sorgeberechtigten Elternteils)  kann auch nach Abschluss des Scheidungsverfahren nötig sein, nämlich dann, wenn Antrag auf Änderung des Sorgerechts
oder Umgangsrecht gestellt wird
Gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls
(Entzug des Sorgerechts, unabhängig vom Status der Eltern)
Die Diagnose der affektiv bedingten Bewusstseinsstörung:
Diese Diagnose kann auch bei einem ansonsten psychisch unauffälligen Täter gestellt werden und
kann in einer psychologischen/ psychiatrischen Praxis, JVA oder psychiatrischen Klinik (bei mangelnder Compliance max. 6 Wochen, bzw. bei Unterbringung zum Schutze der öffentlichen Ordnung).
Untersucht werden:
- voraussgehende Belastungs – und Stresssituationen
- körperl. & psych. Hinweise auf Belastungsreaktionen
- Merkmale überstarker Erregung während der Tat
- alle Arten von nicht-zweck- oder nicht-realitätsorientierten Verhaltens während und unmittelbar nach der Tat
Von den Kriterien für die affektiv bedingte Bewusstseinsstörung sind allerdings die Persönlichkeitsfremdheit, Motivlosigkeit und Erinnerungsstörungen strittig.
48
Maßregeln der Sicherung und Besserung (§§ 62 – 70 StGB)
-
Unterbringung bei Feststellung der Schuldunfähigkeit zum Schutze der Allgemeinheit.
Unterbringung dauert so lange, bis Reduzierung der Gefahr auf zumutbares Maß.
-
Katalog der Maßregeln:
o Freiheitsentzug: Unterbringung in psychiatrischer Anstalt (§ 63), Entziehungsanstalt(§ 64), sozialtherapeutische Anstalt (§65), Sicherungsverwahrung (§66)
o Ambulante Maßnahmen: Führungsaufsicht (§68), Entziehung der Fahrerlaubnis
(§69), Berufsverbot (§70)
-
Lockerungen erfolgen meist nach 1 Jahr, danach Bericht ob Lockerung positiv verlaufen
Gerade Freiheitsentzug ist ein massiver Eingriff
 !!! Daher ist die psychologische – diagnostische Tätigkeit noch während der
Maßregel eine ständige Kontrolle (durch Gutachter oder Psychiater), damit
Entscheidung über Lockerung oder Fortführung der Maßregel möglich ist!!!
Rückfallprognose
Um eine Rückfallprognose zu machen, kann man entweder eine klinische, statisch/ aktuarische oder
gemischte Urteilsbildung anwenden.
Ein Beispiel für eine Rückfallprognose ist der HCR – 20. Er enthält Items zur Vorgeschichte des Verbrechens und des Verbrechers (z.B. frühe erste Tat, gewallttätige Vordelinquenz), klinische Items
(z.B. mangelnde Einsicht, Impulsivität) und Risk Management Items (z.B. fehlende Realisierbarkeit
der Pläne, ausgesetzten Destabilisatoren). Die Validität ist gut und bei einem Cut – Off Point von 20
beträgt nach Douglas et al. (1999) die SEN = .699 und die SPEZ .717. VP, die über dem Median
punkteten hatten eine 6 – 13 – fache höhere Wahrscheinlichkeit gewalttätig zu werden.
Tatbestandsdiagnostik
-
psychologisch – forensische Diagnostik hat ihre Aufgabenberichte in:
o der Analyse der verbalen Berichte des Opfers und der Zeugen
o Durchführung von Testverfahren und standardisierte/ strukturierte Interviews um
Verhalten und Reaktion in standardisierten Situationen zu testen
-
Psychologische Methoden der Tatbestandsdiagnostik
o Symptomlisten  allerdings nicht sinnvoll, da nicht valide genug
o
Spontane Kinderzeichnungen und anatomisch korrekte Puppen  nach BGH
(1999) und aufgrund mangelnder empirischer Beweise ungeeignet zum Beweis sexuellen Missbrauchs.
o
Opfer – und Zeugenaussagen  Wenn Gericht nicht Glaubwürdigkeit des Zeugen
selbst bewerten kann. Verschiedene Ansätze hier sind:
 Untersuchung der Persönlichkeit des Aussagenden  mittels Leistungs / Intelligenztests, projektive und psychometrische Verfahren, allerdings ist
Bewertung problematisch und schwierig
 Untersuchung der Merkmale der Aussage, gleichgültig wer sie gemacht
hat  Entwicklung der Aussage, Motivanalyse, Realkennzeichen der Aussage (nach Steller et al. (1992) gibt es valide Merkmale, allerdings zeigen neuere rechtspsychologische Studien widersprüchliche Befunde auf)
 Häufig sind Mischstrategien
 !!! Genaue Dokumentation des gutachterlichen Interview!!!
 !!! Keiner Person ist Zeugentüchtigkeit generell & auf Dauer abzusprechen!!!
Falschaussagen und Realkennzeichen (RKZ)
49
Varianten von Falschaussagen:
- Absichtliche Falschaussagen: komplette Falschaussagen, Veränderungen von Details, gesamte/ teilweise Übernahme eines Fremdberichts)
- Irrtümliche Falschaussagen: Fehldeutung des realen Sachverhaltes, irrtümliche Veränderungen von Details, gesamte/ teilweise Übernahme eines Fremdberichtes  Ursachen hierfür kann Fremdsuggestion, z.B. durch „leading questions“ sein
 Bei Falschaussagen handelt es sich meistens um informationsbasierte
Falschaussagen (=Berichte über die Tat erhalten/ gesucht)
Befunde zu Realkennzeichen
 Niehaus (2003): Nur bei allgem. Kriterien Steigerung der RKZ bei der Falschaussage,
keine Steigerung bei motivationalen Merkmalen
 Pedzek: RKZ↑ häufiger bei erfundenen Alltagsereignissen als seltenen Ereignissen
Probleme RKZ: Unzureichende Operationalisierung, begrenzte Inter – Rater – Reabilität, widersprüchliche Befunde zu Lügenkennzeichen in rechtspsych. Studien, method. Mängel der Validitätsstudien, eingeschränkte SPEZ (damit PPP↓ bzw. NPP↓), fehlende Cut Off Points.
 Verbesserungsansatz von DAHLE & WOLFE (1997): Individualisierung der Kriterien
Einleitung
Im Rahmen der „Rechtspsychologie“ oder „forensischen Psychologie“ sind psychologische Diagnostiker als Sachverständige (SV) tätig und üben eine Hilfsfunktion für
das Gericht aus. Die rechtsprechende Gewalt liegt beim Richter, der frei Schulssfolgerungen aus dem Gutachten ziehen kann. Daher ist eine präzise Darstellung
der Befunde und ausführliche Erläuterungen der Schlussfolgerungen erforderlich!
Folgende Unterschiede gibt es beim Juristendenken zum Denken von Sozialwissenschaftlern und Naturwissenschaftlern:
- Kategoriales/normatives vs. probabilistisches / dimensionales Denken
- Terminologische Probleme: Begriffe wie „Kindeswohl“, „Reife“, „tiefgreifende
Bewusstseinsstörung“, „seelische Abartigkeit“ haben genau umschriebene juristische Bedeutungen.
Aufgaben der psychologischen Diagnostik im Anwendungsfeld Recht
Familienrechtliche Fragestellungen
- Entzug von elterlichem
Sorgerecht
- Anordnung für Fürsorgeerziehung
- Nach Scheidung: Besuchsrecht und Sorgerecht
Strafrechtlich relevante Fragestellungen
- Schuldfähigkeit
- Glaubwürdigkeit jugendlicher
Zeugen
- Kriminelle Progrnose (z.B.
Rückfallprognose)
- Beurteilung der Reife bei
jugendlichen und heranwachsenden Tätern
- Entlassungsentscheidung
Sonstige Fragestellungen
-
Deliktfähigkeit
Geschäftsfähigkeit
Testierfähigkeit
Prozessfähigkeit
Betreuungsfähigkeit
Erwerbsunfähigkeit
Transsexualität
Fahrtauglichkeit
Urheberschaft von manuell
erstellten Schreibleistungen
Rechte und Pflichten der gerichtlichen Sachverständigen
-
keine Schweigepflicht (bei klin. Diagnostik Schweigepflicht)
Neutralitätspflicht (der SV darf nicht befangen sein!)
50
-
Ausübung der diagnostischen Tätigkeit nach „lex artis“, d.h. sauberes Arbeiten
Was sind die wichtigsten Gesetze für die elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung?
Die elterliche Sorge nach Trennung und Scheidung
Wichtige Gesetze
§ 1687 BGB:
§ 1671 BGB:
§ 1634 BGB:
Ausübung der gemeinsamen Sorge bei Getrenntleben (bezieht sich sowohl auf
Scheidung von Verheirateten wie auch auf Trennung von nicht – verheirateten
Paaren)
- Einvernehmliche Entscheidung der Eltern wichtig um Kind nicht zu belasten
- Der Elternteil, bei dem das Kind ist, entscheidet Angelegenheiten des täglichen Lebens und der tatsächlichen Betreuung
 Pro – Argument: Vermeidung von Rivalität der Eltern, langfristige
Kooperationschancen
 Kontra – Argument: Perpetuierung der Auseinandersetzungen
möglich, ständige Verunsicherungen des Kindes
Getrenntleben bei gemeinsamer Sorge (Antrag auf alleiniger Sorge)
- Sorgerechtskriterien (diese Kriterien interkorrelieren!), die überprüft werden
müssen:
o Elternbezogen:
 Kooperationsfähigkeit (Eltern  Institutionen),
 Toleranz der Kindesbindung zum anderen Eltern und aktive Förderung dieser Bindung
 Erziehungsfähigkeit (Erziehungsziele, - Einstellung & - Kompetenzen;
Erziehungsziele: Orientierung an allgemein akzeptierten Normen?)
o Kindbezogene Kriterien:
 Bindung/ Beziehung zu den Eltern (Bindungsverhalten vs. Erkundungsverhalten)
 feststellbar mit CAT oder Beobachtung durch Gutachter, Fehlinterpretationen aber auch möglich!
 entgegengesetzt zur psychoanalytischen Meinung kann es mehrere wichtige Bezugspersonen geben
 Beziehungen zu den Geschwistern
 Wille des Kindes (Mitspracherecht ab 14 Jahren, ab 14 Jahre dann
auch kein alleiniges Sorgerecht mehr beantragbar!)
 cave bei Wunschinduzierung, vordergründigen Vorteilen und PA –
Syndrom
 Kontinuität (wo lebt Kind, mit wem ist es die meiste Zeit zusammen)
 korreliert mit Kriterium Bindung
- Datenerhebung und Probleme bei der Datenerhebung:
o Gespräche mit Elternteil
 verzerrte Darstellung des Gegners
o Gespräche mit dem Kind
 Eintrainierte Antworten, Schuldgefühle
o Verhaltensbeobachtung des Kindes in Gegenwart der Eltern
 unnatürliches Verhalten der Eltern
o Testdiagnostische Untersuchungen des Kindes
 kaum brauchbare Infos durch projektive Verfahren, Fragebogen und
Leistungstests eignen sich allenfalls als Info für Erziehungskompetenz
o Gespräch mit außerfamil. Bezugspersonen (Tagesmutter, Lehrer, Opa,..)
 großer Zeitaufwand
Umgang des Kindes mit den Eltern (Besuchsrecht des nicht –sorgeberechtigten
Elternteils)
- kann auch nach Abschluss des Scheidungsverfahren nötig sein, nämlich
dann, wenn Antrag auf Änderung des Sorgerechts oder Umgangsrecht gestellt wird (Beispielsweise wenn Vater das Besuchsrecht nicht wahrnimmt,
51
Änderung möglich wenn Vater zu dem Gerichtstermin dann nicht erscheint,
depressiv/ gestresst ist oder das Kind nicht mehr zum Vater will)
§ 1666 BGB:
Gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls
(Entzug des Sorgerechts, unabhängig vom Status der Eltern)
Strafrechtlich relevante Fragestellungen
Schuldfähigkeit nach Gesetz
Verantwortlichkeit ist ein Oberbegriff. Man unterscheidet verschiedene Varianten von
Verantwortlichkeit: z.B. Schuldfähigkeit, Reife, Deliktfähigkeit, Geschäftsfähigkeit.
Wenn ein Verhalten bizarr ist, also nicht zu der Person passt, und Zweifel an der
Schuldfähigkeit besteht, wird ein Psychiater zu Rate gezogen.
Schuldfähigkeit gemäß §§ 20, 21 StGB:
§ 20 Schuldunfähigkeit wegen
seelischer Störungen
Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen
Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig
ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.
§ 21 Verminderte
Schuldfähigkeit
Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser
Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.
Prinzip der Zweigleisigkeit des diagnostischen Vorgehens bei Schuldunfähigkeit
Abprüfung „biologischer“ und dann „psycho – normativer“ Merkmale, d.h. auch psychischer und organischer Störungen (!!!).
1. Krankhafte Seelische
Störung:
„Biologische“ Merkmale (ICD – 10 Diagnose):
!!!!Endogene und exogene Psychosen, z.B. Schizophrenie (z.B. Folgen
von Hirnschäden etc.)!!!
2. Bewusstseinstörungen:
Bei psychisch gesunden Personen Intoxikation (Vergiftung), extreme
körperl. Belastung (Übermüdung), extreme Affekte
 aber Alkoholintoxikation werden nicht automatisch entschuldigt (s.
Vollrauschzustand bei Verstoß gegen die STVO, § 323a StGB)
3. Schwachsinn:
Bedeutsame Grade der intellektuellen Beeinträchtigung (IQ < 70)
4. Seelische Abartigkeit:
Neurosen, Persönlichkeitsstörungen, Triebstörungen  führten in den
vergangenen Jahren weniger zu Exkulpierung (Entschuldigung)
psychologisch – normativer Merkmale
Wichtig ist: Es reicht nicht aus, wenn jemand eine psychische Störung hat, sondern:
- Störung muss zum Zeitpunkt der Tat vorgelegen haben
- Beschuldigter kann bei der Schuldunfähigkeit das Unrecht einer Tat zum Zeitpunkt der Tat nicht
einsehen und kann auch nicht nach dieser Einsicht handeln.
52
Die Diagnose der affektiv bedingten Bewusstseinsstörung:
-
Diagnose auch bei einem ansonsten psychisch unauffälligen Täter stellbar
Gutachter müssen retrospektiv untersuchen
-
Ort der Untersuchung kann sein:
o psychologische/ psychiatrische Praxis
o JVA (U – Haft)
o psychiatrische Klinik
 gemäß § 81 StPO nur maximal 6 Wochen bei mangelnder
Compliance, Gutachter veranlasst Unterbringung
 gemäß § 216a StPO, d.h. schon vor Verurteilung zum Schutze der
öffentlichen Ordnung in der Klinik untergebracht sind.
-
Untersuchung von Merkmalen der Tatvorgeschichte und des Tatverhaltens:
o vorausgehende Belastungs- und Stress-Situationen
 z.B. Trennungsangst, drohender Verlust der Selbstwertgefühls
o körperl. & psych. Hinweise auf Belastungsreaktionen
 z.B. nächtelang nicht mehr geschlafen vor der Tat
o Merkmale überstarker Erregung während der Tat (massive, vegetative Veränderungen)
o alle Arten von nicht-zweck- oder nicht-realitätsorientierten Verhaltens während
und unmittelbar nach der Tat
 z.B. nach der Tat Lähmung, Starre; Unfähigkeit zur Flucht untypisch für geplanten Mord
Affektkriterien nach SASS (1983)
Positiv – Merkmale für Bewusstseinsstörung
- spez. Vorgeschichte und Tatenlaufzeit
Negativ – Merkmale für Bewusstseinsstörung
- Aggressive Vorgestalten in der Phantasie
-
Affektive Ausgangssituation
-
Ankündigen der Tat
-
psychopath. Persönlichkeitsdisposition
-
Aggressive Handlungen in der Tatanlaufzeit
-
zufällige konstellative Faktoren
-
-
abrupter, elementarer Tatablauf ohne
Sicherung (explosionsartig)
Vorbereitungshandlungen für die Tat,
Konstellierung der Tatsituation durch den
Täter
-
Fehlender Zusammenhang Provokation –
53
-
Charakteristischer Affektlauf – und – abbau
-
Folgeverhalten mit schwerer Erschütterung
-
Einengung des Wahrnehmungsfeldes
-
Missverhältnis zwischen Tatanstoß und
Reaktion
-
Erinnerungsstörungen
 !!! Unter Autoren strittig, da leicht
simulierbar
-
Persönlichkeitsfremdheit (Verhalten gehört
nicht zu typischen Verhaltensweisen)
 !!! Unter Autoren strittig
-
Störung der Sinn – und Erlebniskontinuität
(es ist dem Täter egal ob ihm jemand hört
oder sieht)
-
Motivlosigkeit, bzw. fehlende Bereicherungstendenz (z.B. Räuber der bei Einbruch vom
Besitzer überrascht wird und ihn erschlägt).
 !!! Unter Autoren strittig
Erregungs – Tat
-
Zielgerichtete Gestaltung der Tat durch den
Täter (z.B. nimmt sich vor sofort in den
Bauch zu stechen)
-
Lang hingezogenes Tatgeschehen (z.B.
Entführung)
-
komplexer Handlungsablauf in Etappen
-
Erhaltene Inspektionsfähigkeit
-
Exakte, detailreiche Erinnerung
-
Zustimmende Kommentierung des
Tatgeschehens
-
Zustimmende Kommentierung des
Tatgeschehens
-
Fehlen vegetativer, psychomotorischer
Begleiterscheinungen
Maßregeln der Sicherung und Besserung (§§ 62 – 70 StGB)
-
Unterbringung bei Feststellung der Schuldunfähigkeit zum Schutze der Allgemeinheit.
Unterbringung dauert so lange, bis Reduzierung der Gefahr auf zumutbares Maß. Also unabhängig von der zuerkannten Schuld.
 Möglicherweise dauert Maßregel länger als Strafe bei voller Schuldfähigkeit gedauert hätte!
Katalog der Maßregeln
§ 63 Unterbringung in
psychiatrischer Anstalt
Freiheitsentzug
Voraussetzungen (aus RASCH 1999)
• Mind. verminderte Schuldfähigkeit muss festgestellt worden sein
• Straftat symptomatisch für eine länger dauernde psychische Störung (z.B. wenn Schizophrener jmd. umbringt, den er in seinem Wahn für
einen Agenten hält)
• Erwartung erneute Straftaten aus der psychischen Störung
• Erhebliche Schwere der zu erwartenden Taten (z.B. ist ein zu erwartender Diebstahl keine Rechtfertigung für den Maßregelvollzug)
§ 64 Unterbringung in
einer Entziehungsanstalt (für Suchtkranke)
Voraussetzungen
• Der Hang, alkoholische oder anderer Rauschmittel im Übermaß zu
sich zunehmen
• Ursächlicher Zusammenhang zwischen diesem Hang und der Tat
• Aus dem Hang resultierende Gefahr für weitere Straftaten
• Konkrete Aussicht auf Behandlungserfolg
§ 65 Unterbringung in
einer sozialtherapeutischen Anstalt
-
§ Sicherungsverwah-
-
-
Therapie für Sexualstraftäter und Wiederholungstäter mit besonders schwerer PS
Wichtig: Hohe Eigenmotivation des Patienten
Nachteil: sehr teuer, nicht sehr effizient, personalaufwendig
§ 65 StGB ist vom Bundestag verabschiedet worden, aber nie in
Kraft getreten und 1984 wieder gestrichen worden. Nur 16 Sozialtherapeutische Anstalten wurden als Modelleinrichtungen von den
Bundesländern freiwillig errichtet und betrieben, mit insgesamt 900
Therapieplätzen, z.Zt. ca. 750 belegt.
Straftäter, gegen den Sicherungsverwahrung angeordnet wurde,
54
rung
verbleibt bei Feststellung der Gefährlichkeit oder nicht zweifelsfrei geklärter Nichtgefährlichkeit auch in staatlicher Verwahrung, nachdem er die daneben ausgeurteilte Freiheitsstrafe
verbüßt hat.
-
Lockerungen erfolgen meist nach 1 Jahr, danach erfolgt Bericht ob Lockerung positiv verlaufen ist (z.B. ob das Alkoholverbot beachtet worden ist).
Maßregel ist zwar keine Strafe, sondern nur Schutz der Gesellschaft. Freiheitsentzug ist allerdings ein massiver Eingriff
 !!! Daher ist die psychologische – diagnostische Tätigkeit noch während der
Maßregel eine ständige Kontrolle (durch Gutachter oder Psychiater), damit
Entscheidung über Lockerung oder Fortführung der Maßregel möglich ist!!!
-
§68 Führungsaufsicht
§69 Entziehung der
Fahrerlaubnis (EdFE)
§70 Berufsverbot
Ambulante Maßnahmen
Führungsaufsicht möglich bei bestimmten Straftaten von mehr
als sechs Monaten
- Bewährungshelfer betreut den Straftäter & unterstützt Aufsichtsstelle bei Überwachung des Verhalten des Straftäters
- Unterschied zur Bewährung: Bei Führungsaufsicht wird mehr Wert
auf Überwachung gelegt  daher hier zusätzlich Aufsichtsstelle.
- in anderen Ländern gibt es dazu z.B. auch die elektronische Fußfessel
Voraussetzungen
• charakterliche Mängeln
- verfestigte Fehlhaltung, z.B. Trinkverhalten
- Fehlentwicklung, durch gezielte Maßnahmen behebbar
• Risiko einer wiederholten Verkehrsstraftat (auch bei Bagatellsachverhalten oder existenzvernichtender Wirkungen der EdFE)
 Fahrerlaubnisbehörde muss Eignung zum Führen der Fahrerlaubnis nach Sperrfrist (Frist die Gericht festgesetzt hat) überprüfen, bevor sie Fahrerlaubnis wiedererteilt
 Unterschied zu Fahrverbot: Fahrerlaubnis bleibt als solche erhalten,
darf aber nicht genutzt werden, nach Ablauf des Fahrverbots darf wieder
gefahren werden
Voraussetzungen
• wenn sich die rechtswidrige Tat als Missbrauch der Berufs- und /
oder Gewerbefreiheit darstellt, kann ein Berufsverbot erfolgen
• Wiederholungsgefahr
• Verhältnismäßigkeit muss vorliegen
 Anordnung kann auch zur Bewährung ausgesetzt werden
 Berufsverbot kann max. 5 Jahre dauern, nur in Ausnahmefall fristlos
 Verstoß gegen das Berufsverbot stellt eine Straftat dar (Bestrafung
mit Freiheits – oder Geldstrafe)
 Unterschied zu Fahrverbot ist, dass beim Fahrverbot die Fahrl
-
§62 und §67
§62 (Grundsatz der Verhältnismäßigkeit) und §67 (u.a. Reihenfolge von Maßregel und Strafe) regeln
allgemeine Fragen zum Maßregelvollzug.
Rückfallprognose
Um eine Rückfallprognose zu machen, kann man entweder eine klinische, statisch/ aktuarische oder
gemischte Urteilsbildung anwenden.
Beispiel für eine Rückfallprognose: HCR – 20 (gemischte Urteilsbildung)
Historical Items
H1 Gewalttätige Vordelinquenz
H2 Frühe erste Gewalt
H3 Beziehungsinstabilität
Clinical Items
Cl Mangelnde Einsicht
C2 Negative Einstellung
C3 aktuelle psychotische Symp-
Risk management Items
R1 Fehlende Realisierbarkeit
der Pläne
R2 Destabilisatoren ausgesetzt
55
H4 Beschäftigungsprobleme
tome
R3 Mangel an persönlicher
H5 Probleme aus SubstanzC4 Impulsivität
Unterstützung
konsum
C5 Behandlungsresistenz
R4 Mangelnde ZusammenarH6 Psychische Störung (major
beit mit Unterstützern
illness)
R5 Stress
H7 Psychopathie (PCL-SV)
H8 Anpassungsstörungen in
der Kindheit
H9 Persönlichkeitsstörung
H10 Disziplinmängel während
der Institutionalisierung
Validitätsstudie zum HCR - 20 (Douglas et al., 1999):
- Methodik: 193 Personen wurden 626 Tage lang beobachtet. Kriterien waren 34% Drohverhalten,
19% physische Gewalt, 38% Gewalttätigkeit und 10% verhaftet/ verurteilt wegen eines Gewaltdeliktes. Dann wurde ermittelt welcher Cut – Off Point die beste Validität aufweist.
- Ergebnisse:
o Es gab starke Assoziation zwischen Gewalttätigkeit und dem HCR – 20 Score Personen, die
über dem HCR – 20 Median punkteten, hatten 6 bis 13 – fach höhere Wahrscheinlichkeit
gewalttätig zu werden als Personen, die unter dem Median lagen.
o Ebenso fanden die Forscher heraus, dass die HCR – 20 Skalen inkrementelle Validität zu
den PCL Skalen hinzufügten.
o Hohe SEN (.699) und hohe SPEZ (.717) lagen bei einem Cut – Off Point von 20 vor
Tatbestandsdiagnostik
Psychologische Methoden der Tatbestandsdiagnostik
1. Symptomlisten
2. spontane Kinderzeichnungen und
anatomisch korrekte
Puppen
3. Opfer – und Zeugenaussagen
Sind ungeeignet, da:
¼ - ½ der Opfer sex. Missbrauchs symptomfrei bleiben
Symptomatik der übrigen Opfer unspezifisch sind
BGH (1999): Kinderzeichnungen und anatomisch korrekte Puppen sind ungeeignet zum Beweis eines sexuellen Missbrauchs.
Probleme:
o Kein empirischer Beweis, dass Spielen oder Zeichnen weniger emotional
belastend für die Kinder als Sprechen ist
o auch nicht-geschädigte Kinder (KG) produzieren aggressive oder sexuelle
Spielszenen und Zeichnungen
o anatomische Puppen provozieren möglicherweise sexualisiertes Spielverhalten auch ohne Erlebnishintergrund
o die Interpretation von Form-, Farb- und graphischen Merkmalen von Kinderzeichnungen ist ausschließlich spekulativ
Gemäß § 244 StPO beruft das Gericht einen Sachverständigen (Psychologe
oder Kinderpsychiater), wenn es nicht in der Lage ist, aus eigener Sachkunde die Glaubwürdigkeit eines Zeugen zu bewerten.
Nullhypothese: Unschuldsvermutung, d.h. Annahme, dass kein sexueller
Missbrauch vorgelegen hat  Provoziert Opfervorbehalte gegen gutachterliche Untersuchung
-
Verschiedene Strömungen :
o
Persönlichkeit des Aussagenden wird untersucht und die allgemeine
Zeugentüchtigkeit des Aussagenden festgestellt



Zeugentüchtigkeit setzt voraus: Wahrnehmungsfähigkeit, Gedächtnis,
sprachliche Fertigkeiten, Realitätsbezug, Suggestionsresistenz
 Personengruppen mit möglicherweise eingeschränkter
Zeugentüchtigkeit: Personen mit sensorischen Störungen (blind,…),
sehr niedriges/hohes Alter, geringer IQ,, Psychosen, Intoxikationen,
hirnorganische Störungen, PS
Testverfahren bei Glaubwürdigkeitsuntersuchen: Leistungs -/ Intelligenztests, projektive Verfahren, psychometrische Verfahren
 BGH erlaubt Untersuchung personengebundener Variablen
(z.B. Geltungsbedürfnis) & Sexualanamnese (Einschätzung deliktspezifischer Kenntnisse)
Probleme bei den Testverfahren: die Bewertung  kann ggf. zur Einschränkung der Glaubwürdigkeit führen könnte
56
o
Die Merkmale der Aussage werden untersucht, gleichgültig wer sie gemacht hat:

Entwicklung der Aussage: Spontane Erstbekundung, Situation, gemachte Angaben, Spontanität der Aussage, Arten der gestellten Fragen, Erwartungen/ Einstellungen des Aussageempfängers, Reaktion
des Aussageempfängers auf die Aussage, Verlauf der Exploration, erhaltene Zusatzinformationen seit der Tat

Motivanalyse: Vorteile, Nachteile für den Aussagenden ?

Realkennzeichen der Aussage: Nach dem BGH (1999) sollten sich
gutachterliche Schlussfolgerungen zur Glaubwürdigkeit einer Zeugenaussage vorrangig auf Realkennzeichen stützen.

Valide für Falschaussagen sind nach Steller et al. (1992): Konsistenz, Details, Komplikationen, sowie ausgefallene, unverständliche,
nebensächliche & indirekte Aussageinhalte.
 allerdings zeigen auch neuere rechtspsychologische Studien widersprüchliche Ergebnisse Marker für falsche Aussagen auf
o Häufig sind Mischstrategien
 !!! Genaue Dokumentation des gutachterlichen Interview! Aufbewahrung der
wörtl. Mitschrift, Audio – und Videoaufnahmen bis zur Rechtsgültigkeit des Urteils!!!
 !!! Keiner Person ist Zeugentüchtigkeit generell & auf Dauer abzusprechen!!!
Falschaussagen und Realkennzeichen
Varianten von Falschaussagen
1) Absichtliche, komplette Falschaussage (reines Phantasieprodukt)
2) Absichtliche Veränderung von Details (z.B. absichtliches Austauschen der
Person des Täters)
3) Absichtliche Falschaussage durch gesamte/teilweise Übernahme eines
Fremdberichts
4) Irrtümliche Falschaussage durch gesamte/teilweise Übernahme eines
Fremdberichts (vgl. „leading questions“ – Fragen die bestimmte Antworten
implizieren –, Suggestion)
5) Irrtümliche Fehldeutung des realen Sachverhaltes
6) Irrtümliche Veränderung von Details (z.B. Wahrnehmungsverzerrungen, Gedächtnismängel)
57
Die ausschließlich phantasierte Falschaussage ist extrem selten. Wenn Falschaussagen vorkommen, dann handelt es sich häufig um informationsbasierte Falschaussagen.
Untersuchung von Niehaus (2003)
-
Methodik: 4 Gruppen von Kindern wurden befragt und allgemeine und motivationsbezogene Merkmale (allgemeine Merkmale wie z.B. Konsistenz Details
und motivationsbezogene wie z.B. Eigenbelastung, Selbsteinwände) wurden
überprüft.
o reales Unfallerlebnis
o phantasiertes Unfallerlebnis
o Bericht über ein Unfallerlebnis erhalten (info – basierte Falschaussage)
o Bericht über ein Unfallerlebnis erhalten und ein eigenes, beliebiges Unfallerlebnis (informationsbasierte Falschaussage)
Ergebnisse:
o Allgemeine Aspekte: Steigerung der Realkennzeichen bei den Falschaussagen durch Information über den Unfall  Unterschied Falschaussage – Wahraussage verschwindet
o Motivationale Aspekte: Keine Steigerung der Realkennzeichen bei den
Falschaussagne
o Einzelne motivationale Kriterien zeigten nur geringe Häufigkeit bei den
Falschaussagen auf
o Pezdek (2004): Realkennzeichen steigen eher bei erfundenen Alltagsereignissen als bei nicht vertrauten & seltenen Ereignissen an
 Realkennzeichen sind nach Niehaus (2003) manipulierbar und sagen
besonders im Falle von allgemeinen Merkmalen Falschaussagen voraus.
-
Probleme bei der Entdeckung von Falschaussagen und Anwendung von Realkennzeichen
- nicht hinreichend operationalisierbar, begrenzte Inter – Rater – Reliabilität
- Widersprüchliche Befunde zu Lügenkennzeichen in rechtspsych. Studien
- Methodische Mängel der Validitätsstudien (geringe Ernsthaftigkeit der Lügenmotivation bei den Vpn, phantasierte Falschaussage in Realität selten)
- Sie haben eine eingeschränkte SPEZ und damit eine geringe PPP bzw. NPP
- Es fehlen verbindliche Aggregationsregeln und cut-off-points
- Sie unterliegen dem BROKAW – Risiko (Ekman): Ekman glaubt nicht, dass es
einen einzigen Weg gibt um Lügen zu entdecken und bezeichnet jeden Ansatz, der das Gegenteil behauptet als Brokaw – Risiko. Dies ist benannt nach
Tom Brokaw, der glaubt, dass Weitschweifigkeit ist das allgegenwärtige
Merkmal einer Lüge ist.
 Verbesserungsansatz von DAHLE & WOLFE (1997): Individualisierung der Kriterien
58
Kapitel 10: Geschichte der psychologischen Diagnostik (aus VL vom WS 08/09
von Prof. Dr. Halder – Sinn)
Fragen
1. Beschreibe wichtige Stationen in der Geschichte der psychologischen Diagnostik
Zusammenfassung des 10. Kapitels: Anwendungsfeld Recht
Geschichte der psychologischen Diagnostik
-
-
-
erste Versuche einer Eignungsdiagnostik in der Bibel (AT) und im alten China
Galton, 1822 – 1911: erste Ideen zur psychologischen Diagnostik
Binet, 1905: entwickelte wissensunabhängige Aufgaben. Jede Altersgruppe bekam 6 Aufgaben zugeordnet.  Bestimmung des Intelligenzalters (IA)
Stern, 1911: Kritik am IA und Entwicklung eines IQ’s, der bei höherem Alter des Pb allerdings
niedriger wird.
Terman et al. 1917: Army – Alpha – Tests (nicht sprachfrei) & Army – Beta Tests (sprachfrei)
Woodworth, 1918: Mittels des Fragebogenkatalog zur Diagnose psychischer Störungen klinische Diagnostik.  Diagnose der psychischen Belastbarkeit bei amerik. Rekruten
Rorschach, 1921: Mittels Klecksfiguren Versuch des Diagnose schizophrener Störungen
Wechsler, 1939 und 49: David Wechsler hatte die Wechsler Adult Intelligence Scale (WAIS,
1939) und Wechsler Intelligence Scale for Children (WISC, 1949)  verwendet einen Abweichungs – IQ
Wechsler, 1956: Die WAIS erschien in Deutschland als „Hamburg Wechsler Intelligenztest für
Erwachsene“ (HAWIE) und die WISC als „Hamburg Wechsler Intelligenztest für Kinder“
(HAWIK). Abweichungs – IQ wird auch hier berechnet. Mit der Zeit kamen diverse zusätzliche Versionen hinzu, wie Aktualisierungen, Kurzform, Kleinkinderversionen.
 Der HAWIE enthält einen Verbal und Handlungsteil, mit dem der Verbal - , Handlungs –
und Gesamt – IQ festgestellt werden kann. Einzeltestung ist hier nur möglich, Anpassung
der Items an den Probanden und Störungsdiagnosen sind möglich. Altersrange für
Testung liegt von 3 bis 74 Jahren.
59
Geschichte der psychologischen Diagnostik (WS 08/09, Prof. Dr. Halder – Sinn)
-
erste Versuche einer Eignungsdiagnostik lassen sich schon in der Bibel (AT)
und im alten China finden, in dem es keine erbliche Führungsschicht gab
-
Galton, 1822 – 1911: Galton formulierte erste Ideen zur psychologischen Diagnostik. Leistungsunterschiede lägen vor, seien quantifzierbar und normalverteilt, sowie ließen sich durch Korrelationen beschreiben.
-
Binet, 1905: Binet nahm Auftrag der franz. Regierung die Frage zu klären, wie
lernbehinderte Kinder erkannt und gefördert werden können. Er entwickelte
wissensunabhängig, d.h. auch schulunabhängige, Aufgaben. Jede Altersgruppe bekam 6 Aufgaben zugeordnet.
 Bestimmung des Intelligenzalters (IA): Wie viele Aufgaben ihrer Altersstufe
und der höheren Altersstufen lösen die Kinder?
-
Stern, 1911: Stern kritisierte das Intelligenzalter, da es nur eine Momentaufnahme ist (nach max. 6 Monaten müsste man den Test neu machen) und entwickelte den IQ („Intelligenzalter“: „Lebensalter“ x 100)
 IQ nun kein Momentaufnahme mehr, allerdings da Leistungsgewinn in den
späteren Erwachsenenjahren abnimmt, kommt es zu einer Reduktion des
IQ’s mit zunehmendem Alter
-
Terman, Thorndike, Yerkes 1917: 1,7 Millionen Army – Alpha – Tests (nicht
sprachfrei) und Army – Beta Tests (sprachfrei  für sprachunkundige oder
durch α – Test gefallene Pb) zur Auswahl von Rekruten für eine Offiziersausbildung
-
Woodworth, 1918: Mittels des „personal data sheet“ (Fragebogenkatalog zur
Diagnose psychischer Störungen) klinische Diagnostik. Da dieses Verfahren
nicht langwierig war, wurde es zur Diagnose der psychischen Belastbarkeit bei
amerikanischen Rekruten genutzt.
60
-
Rorschach, 1921: Mittels Klecksfiguren Versuch des Diagnose schizophrener
Störungen. Rohrschach – Test ist ein projektives Verfahren und hatte in den 40
und 50iger Jahren seine „Blütezeit“
-
Wechsler, 1939: David Wechsler hatte die Wechsler Adult Intelligence Scale
(WAIS) entwickelt, der einen Abweichungs – IQ verwendet!!! (in wie weit
weicht der IQ von der Normalverteilung ab)
-
Wechsler, 1949: David Wechsler hatte die Wechsler Intelligence Scale for
Children (WISC) entwickelt, enthält auch einen Abweichungs - IQ
-
Wechsler, 1956: Die WAIS erschien in Deutschland als „Hamburg Wechsler
Intelligenztest für Erwachsene“ (HAWIE) und die WISC als „Hamburg Wechsler Intelligenztest für Kinder“ (HAWIK). Abweichungs – IQ wird auch hier berechnet. Mit der Zeit kamen diverse zusätzliche Versionen hinzu, wie Aktualisierungen, Kurzform, Kleinkinderversionen.
Der HAWIE (1956 - jetzt)
Inhalt
-
-
Merkmale
-
-
-
Verbalteil mit 6 Untertests: allgemeines Wissen, allgemeines Verständnis, Rechnerisches Denken, Gemeinsamkeiten, Wortschatz, Zahlennachsprechen
Handlungsteil mit 5 Untertests: Zahlensymboltest (misst Geschwindigkeit
+ Genauigkeit), Bilderergänzen, Bilder ordnen, Mosaiktest, Figurenlegen
(misst Geschwindigkeit)
Bestimmung eines Verbal -, Handlungs- und Gesamt – IQ’s  auch
Berücksichtigung von Sozialisationsmängel möglich
verschiedene Versionen des HAWIE machen Anwendung in Altersgruppen von 3 bis 74 Jahren möglich (z.B. HAWIK, HAWIVA)
Großer Unterschied zu anderen Tests ist hier die antwortabhängige
Auswahl der Items möglich  aufwendig, Vermeidung von Demotivation, unterscheidet
Einzeltestung nur möglich, dadurch auch Berücksichtigung zusätzlicher
Infos aus Verhaltenbeobachtung möglich
Beeinträchtigung der Objektivität, da bei Verbal – Teil offene Antworten gegeben werden und Diagnostiker entscheiden muss, ob Antwort zu
50% oder 100% richtig ist
Störungsdiagnosen möglich, z.B. mit dem Mosaiktest (hirnorganische
Störung, etc.)
61
Herunterladen
Explore flashcards