Wilhelm-Roscher - Evangelische Akademie Tutzing

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Wilhelm Roscher und seine
pietistischen Ursprünge
Von
Dipl.-Kfm. Tim Petersen
Promotionsstudent an der Universität Hamburg, Department Wirtschaftswissenschaften,
Institut für Wirtschaftssysteme, Wirtschafts- und Theoriegeschichte
Kontakt: [email protected]
1. Vorbemerkung
Die oftmals als „ökonomischer Imperialismus“ bezeichnete Diffusion der
Ökonomie in andere Fächer hinein hat einen ambivalenten Charakter. Ebenso
wie die Eroberung Persiens durch Alexander den Großen die Modifikation der
griechischen Kultur durch Elemente persischer Kultur zur Folge hatte, bedeutet
die Ausdehnung der ökonomischen Theorie auf andere Bereiche auch eine
Änderung der Ökonomie selbst, wie sie in der neueren Institutionenökonomik
zum Ausdruck kommt.1 So steht daher nunmehr auch der Themenbereich von
„Religion und Ökonomie“ verstärkt zur Debatte. Neben den zahlreichen
Ansätzen im Realbereich, also der Religionssoziologie im Weberschen Sinne2,
gibt es auch auf der Metaebene von Theologie und ökonomischer Theorie
neuere Forschungen. Diese sind jedoch von einer geringen Detailkenntnis der
Theologiegeschichte geprägt.3 Dabei spielt die Theologiegeschichte auch in
ihren Details eine gewichtige Rolle bei der ökonomischen Theoriebildung.
Dieses zeigt das Beispiel Wilhelm Roscher (1817-1894). Seine ökonomische
Theorie läßt sich auch durch seinen christlichen Glauben, hier insbesondere
durch seine Verbindung zum Pietismus erklären. Durch letzteres kommt es zu
einer
interessanten
Parallele
zwischen
ökonomischer
und
allgemeiner
Ideengeschichte. Die Verwurzelung Roschers im Pietismus würde die in der
allgemeinen Geistesgeschichte diskutierte These bestätigen, dass der deutsche
Historismus seine Wurzeln im Pietismus hat. Makrohistorisch-theoretisch wird
dieser Zusammenhang mit der Individualisierung und Subjektivierung des
Glaubens
1
im
Pietismus
begründet.4
Diese
Subjektivierung
habe
den
Vgl. zur Genesis des neueren Institutionalismus: Richter, Rudolf/Furubotn, Eirik G.: Neue
Institutionenökonomik, Eine Einführung und kritische Würdigung, Tübingen 1999, S.2/3.
2
Vgl. z.B.: Kolm, Serge-Christophe: Must One Be Buddihst to Grow? An Analysis of the Cultural Basis
of Japanese Productivity, in: Koslowski, Peter (Hrsg.): Economics and Philosophy, Tübingen 1985,
S.221-242.
3
Vgl. z.B. Wagner, Richard E.: Ordo Liberalism and the Social Market Economy, in: Brennan, H.
Geoffrey/ Warterman, A.M.C. (Hrsg:): Economics and Religion: Are They Distinct?, Boston/Dordrecht/
London 1994, S.121-138. Wagner geht nicht auf die interessanten Querverbindungen der Freiburger
Schule zur Theologie ein.
4
Vgl. Meincke, Friedrich: Zur Entstehungsgeschichte des Historismus und des Schleiermacherschen
Individualitätsgedankens, in: Ders.: Werke Band IV, Zur Theorie und Philosophie der Geschichte,
Stuttgart 1959, S.341-357, hier: S.349-352.
3
Relativismus des Historismus möglich gemacht. Mikrohistorisch-praktisch wird
als Indiz für die Richtigkeit dieser These der biographische Hintergrund des
Theologen der Romantik, einem Vorläufer des Historismus, Schleiermacher
(1768-1834) in der pietistischen Herrenhuter Brüdergemeine gesehen.5
Inwieweit diese Indizien der Verwurzelung des Historismus im Pietismus eine
Bestätigung in der ökonomischen Theoriegeschichte finden, ist Aufgabe dieses
Textes.
Hierzu
werden
zunächst
die
Person
Roschers
und
die
Geistesbewegung des Pietismus vorgestellt. Dem folgt eine Darlegung der
pietistischen Elemente im Leben und Denken Roschers. Abschließend soll
gezeigt werden, wie sich die Elemente aus dem theologischen Denken in das
ökonomische Denken Roschers transformieren.
2. Wilhelm Roscher
Daß es sich bei Wilhelm Roscher um einen Ökonomen handelt, der, wie es
typisch für den Historismus war, eng mit den unterschiedlichen Disziplinen der
Geisteswissenschaften verbunden ist, macht bereits ein abrissartiger Überblick
über sein Leben deutlich.6
Geboren am 25.10.1817 in Hannover erhält Roscher am Lyceum eine
humanistische Bildung, die von ein christlichen Erziehung durch die Mutter und
durch den Theologen Ludwig Adolf Petri ergänzt wird. Beide Pfeiler,
humanistische Bildung und christliche Erziehung sollten sein weiteres Leben
begleiten. Nach dem Abitur studiert Roscher von 1835-1840 historische und
politische Wissenschaften in Göttingen bei Gervinus (1805-1871) und
Dahlmann (1785-1860) und in Berlin, wo er u.a. bei Leopold von Ranke (17951860), der wohl prominentesten Gestalt der deutschen Geschichtsschreibung
des 19. Jahrhunderts, hört. Seine 1838 erschiene Dissertation „Über die Spuren
der historischen Lehre bei den älteren Sophisten“ enthält bereits als Apologetik
der Sophisten gegenüber der sokratisch-platonischen Kritik den Kern seiner
5
Vg. Ebd., S.348.
Vgl. zu Daten und Titeln: Baur, Leonhard/ Rauschenwandter, Hermann/ Zehnter, Cornelius: Roschers
Vita, in: dies. (Hrsg.): Wilhelm Roscher: Über die Spuren der historischen Lehre bei den älteren
Sophisten (1838), Marburg 2002, S.183-191.
6
4
späteren Methodologie.7 Ab 1842 ist er habilitierter Dozent in Göttingen. Seine
Schwerpunkte liegen hier in den Bereichen antiker Geschichte (1842: Leben,
Werk und Zeitalter des Thukydides), aber auch der Staatswissenschaften, zu
denen u.a. die Ökonomie zählt. 1843 entsteht aus der Beschäftigung mit der
Ökonomie der „Grundriß zu Vorlesungen über die Staatswirtschaft. Nach
geschichtlicher Methode.“ 1843 erfolgt die Ernennung zum Professor. Bis 1889
ist Roscher im regulären Lehrbetrieb tätig, der Lehre als solcher bleibt er sogar
bis zu seinem Tode treu. Publizistische Ergebnisse der Vorlesungstätigkeit sind
das fünf Bände umfassende System der Volkswirtschaft (1854-1894), dem
Versuch
einer
Darstellung
der
Ökonomie
„für
Geschäftsmänner
und
Studierende“ nach der historischen Methode, aber durchaus noch auf Basis
klassischer Lehren8, Ansichten der Volkswirtschaft aus dem geschichtlichen
Standpunkte (1861) und die Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland
(1874).
Mit diesen Werken wird er zum Begründer des ökonomischen Historismus und
unumstrittenen Führungspersönlichkeit der „älteren historischen Schule“. Dieser
noch relativ heterogene Zusammenschluß von Ökonomen vertritt die These,
daß aufgrund der Zeit-Raum-Gebundenheit ökonomischer Theorie Aufgabe der
Ökonomie das Aufzeigen von den historischen Entwicklungsgesetzen der
Wirtschaft sei.9 Aus dieser „älteren historischen Schule“ entsteht die weitaus
ausgebildetere „jüngere historische Schule“, die mit Gustav Schmoller (18381917) an der Spitze die ökonomische Theorie Reichsdeutschlands durch ihre
Entwicklungstheorien und ihre zunehmenden Detailuntersuchungen bis weit in
das 20. Jahrhundert hinein bestimmt.10
Publizistisch tritt Roscher nach seinem Tode 1894 noch einmal durch die von
seinem Sohn Carl Roscher posthum herausgegebenen „Geistlichen Gedanken
eines National-Ökonomen“ in Erscheinung. In dieser Schrift, die sowohl zuvor
unveröffentlichte Aufzeichnungen Roschers wie z.B. persönliche Gebete, als
7
Vgl. Dies.: Wilhelm Roschers Dispositiv der Geschichte in der Spannung von Statistik, Romantik und
Empirie, in: Ebd. S.133-182, hier: S.133.
8
Vgl. Winkel, Harald: Die deutsche Nationalökonomie im 19. Jahrundert, Darmstadt 1977, S.93.
9
Vgl. Rieter, Heinz: Historische Schulen, in: Issing, Otmar (Hrsg.): Geschichte der Nationalökonomie,
München 4. Auflage 2002, S.131-168, hier: S.143.
10
Vgl. Ebd., S.145-154.
5
auch
Zitate
zu
theologischen
Fragestellungen
aus
seinen
bereits
veröffentlichten Werken enthält, wird die Intensität des geistlichen Lebens
Roschers deutlich.
3. Pietismus und Neopietismus
Der Pietismus als kirchen- und theologiegeschichtliche Erscheinung des
beginnenden 18. Jahrhunderts erklärt sich aus Gründen, die der Kirchen- und
Theologiegeschichte immanent sind, aber auch aus exogenen Faktoren. Diese
sind geistes- und realgeschichtlicher Natur.
In der Philosophie zeigt sich die zentrale Tendenz der Zeit, die der berühmte
Karl Barth (1896-1968) als Absolutismus im Sinne einer Verabsolutierung des
Menschen über den rein politischen Begriff
des Absolutismus hinaus
bezeichnet hat11, in der Entwicklung der großen rationalistischen Systeme. Hier
ist zunächst der Cartesianismus zu nennen, dessen Namensgeber Rene
Descartes (1596-1650) noch unter der Einbeziehung eines Gottesbegriffes dem
menschlichen Verstand die Möglichkeit zuschreibt, ausgehend vom Ding an
sich, die Welt zu erkennen.12 Diese Tendenz der Anthropozentrik und der
Individualisierung wird auch in der deutschen Philosophie deutlich. Ihr
„eigentliche(r) Begründer“13 Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) führte alle
Erscheinungen der Welt auf die Existenz von Monaden zurück. Der religiöse
Bezug blieb hier sogar noch stärker als bei Descartes bestehen, da Leibnitz für
die Schöpfung und das Zusammenspiel der Monaden Gott verantwortlich
sieht.14
Auf politischem Gebiet erklärt sich die deutsche Erscheinung des Pietismus
durch die spezifische Situation Deutschlands in Europa. Die föderalistische
Struktur Deutschlands führte mit und nach der Reformation zu einer
11
Vgl. Barth, Karl: Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, Ihre Geschichte und ihre
Vorgeschichte, Zürich 3. Auflage 1960, S.19.
12
Vgl. Störig, Hans-Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, Frankfurt a.M. 13.Auflage 1987,
S.313-318.
13
Ebd., S.332.
14
Vgl. Ebd., S.335-340.
6
konfessionellen
Spaltung
des
Landes.
Diese
Spaltung
mündet
im
dreißigjährigen Krieg. Dieser Krieg beginnt als Konfessionskrieg auf regionaler
Ebene und zieht am Ende als europäischer Machtkrieg schlimme Folgen für
Deutschland nach sich.15 Diese Situation und die Bedrohung des christlichen
Europas durch die Expansion des osmanischen Reichs, die 1683 mit der
Belagerung Wiens einen Höhepunkt fand16, sorgten für eine apokalyptische
Grundstimmung, die für den radikalen Pietismus typisch ist. Neben diesen
Zeichen des Niederganges sind aber auch die umgekehrten Signale- hier wird
die Kennzeichnung der Zeit als absolutistisch wieder deutlich- erkennbar. Vor
allen Dingen bisher relativ unbedeutende Territorien erleben nach Kriegsende
einen Aufschwung. An der Spitze dieser Territorien, deren Aufschwung
allerdings wiederum zum Zerfall des Reiches beiträgt, steht Preußen. In den
Nachwirren um den dreißigjährigen Krieg mit seinen Auseinandersetzungen der
verschiedenen Mächten und innenpolitisch auf Basis der von Hobbes
begründeten und in Frankreich praktizierten absolutistischen Regierungsreform
gelingt es dem als „großen Kurfürsten“ in die Geschichte eingehenden Friedrich
Wilhelm I. (1620-1688) durch ein Pendeln zwischen den Mächten die Position
Preußens auszubauen. Sein Sohn Friedrich III. (1657-1713) erntet die Früchte
dieser Arbeit, indem er sich 1701 zu König Friedrich I. in Preußen krönt. Der
Sohn Friedrichs, König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740), der für die Verbindung
zwischen Pietismus und Preußentum sorgen sollte, schafft mit seiner
Sparsamkeit und der Militarisierung des Landes den Grund für den endgültigen
Durchbruch Preußens zur Großmacht, den sein Sohn Friedrich II. (1712-1786),
die Personifizierung des aufgeklärten Absolutisten, durchsetzen wird. 17
Niedergang und Aufstieg sind auch die zentralen Begriffe zur Beschreibung der
ökonomischen Lage Deutschlands. Neben den immensen wirtschaftlich
negativen Folgen des dreißigjährigen Krieges ist das 17. Jahrhundert in
Deutschland von einer Geldentwertung geprägt. „Kipper“ und „Wipper“ sorgen,
15
Vgl. Kunze, Karl: Der große Krieg von 1618-1648, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.): Deutsche Geschichte
in 12 Bänden, Band 7: Dreißigjähriger Krieg und Absolutismus 1618-1740, Gütersloh 1983, S.13-71.
16
Vgl. Vocelka, Karl: Österreich und die Türken, in: Ebd., S. 254-266.
17
Vgl. Vocke, Roland: Der Aufstieg Preußens, in: Ebd., S.234-253.
7
teilweise dabei von den Territorialherren unterstützt, durch Reduzierung des
Edelmetallgehalts
in
den
Münzen
für
einen
Verfall
des
Geldes.18
Demgegenüber steht eine vor allen Dingen in den großen Territorien Österreich
und Preußen einsetzende Entwicklung im 18. Jahrhundert, die sich durch die
wirtschaftstheoretische Situation erklären lässt. Der französische Absolutismus
hat seine ökonomischen in der merkantilistischen Wirtschaftslehre, die die
Notwendigkeit des Handelsbilanzüberschuß als ihren Kern postuliert. Diese
erhält als Kameralismus Einzug in die deutsche ökonomische Theorie und wird
in die praktische Politik durch Schaffung von Manufakturen und eine restriktive
Zollpolitik umgesetzt.19
Die innertheologische Entwicklung zum Pietismus ist unter dem Hintergrund der
Dogmatisierung der reformatorischen Theologie zu begreifen. Zwar bestanden
pietistische Wurzeln bereits im englischen Puritanismus20, dem linken
„schwärmerischen“ Flügel und der lutherischen Reformation21 selbst, jedoch
entzündet sich der Pietismus im engeren Sinne erst in der Gegnerschaft zu den
orthodoxen Richtungen der Konfessionen, hier vor allen Dingen zu der
lutherischen Orthodoxie. Diese hatte anhand von Bibel und der lutherischen
Bekenntnisschriften, die die lutherische Position zu anderen Richtungen
abgrenzen sollten, so systematisiert, daß man in diesem Zusammenhang von
der Existenz einer lutherischen Scholastik sprach. Diese führte aus pietistischer
Sicht zu einer Verstockung des Glaubens und einer damit verbundenen zu
geringen persönlichen Frömmigkeit, die sich im ethischen Niedergang der Zeit
widerspiegle.
Nachdem bereits zuvor in
einer als „Reformorthodoxie“
bezeichneten Richtung innerhalb der lutherischen Orthodoxie auf eine stärkere
Betonung der individuellen Frömmigkeit gedrungen hatte22, faßte der Theologe
18
Vgl. Stadtmüller, Winfried: Münzwesen und Preispolitik im 17. Jahrhundert, in: Ebd., S.140-152.
Vgl. Dettelbacher, Werner: Handel und Gewerbe im 18. Jahrhundert, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.):
Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 8: Aufklärung und das Ende des Deutschen Reiches, Gütersloh
1983, S. 182-194.
20
Vgl. Deppermann, Klaus: Der Englische Puritanismus, in: Brecht, Martin (Hrsg.): Geschichte des
Pietismus, Band 1: Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert, Göttingen
1993, S. 11-55.
21
Vgl. Brecht, Martin: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in Deutschland, in: Ebd., S.
113-194, hier: S. 116-130.
22
Vgl. Ebd., S. 166-194.
19
8
Phillip Jakob Spener (1635-1705) das Unbehagen an der herrschenden
Orthodoxie 1675 in dem Buch „Pia Disederia“ zusammen und wurde damit zum
eigentlichen Begründer des Pietismus. Es handelt sich dabei weniger um eine
theologisch-systematische Schrift als um eine Zeitanalyse. Spener kritisiert die
moralischen Zustände in allen Ständen. Zur Änderung dieser Situation schlägt
Spener
eine
verstärkte
Bibellektüre,
die
Stärkung
des
allgemeinen
Priestertums, die praktizierte Nächstenliebe, den Verzicht auf konfessionelle
Polemik, und eine fromme, nicht rhetorisch ausgeprägte Predigt vor. 23
Auf Basis dieses Programms tritt der Pietismus, wenn auch durchaus sehr
heterogen geprägt, seinen Siegeszug an. Als weitere wichtige Vertreter treten in
den nächsten Jahrzehnten August Hermann Francke (1663-1727) und Nikolaus
Graf Zinzendorf (1700-1760) hervor. Ersterer, in seiner jungen Predigerzeit
durch ein Erweckungserlebnis erschüttert, begründet als Professor in Halle, das
in seiner Zeit zu einem Zentrum pietistischer Theologie werden sollte, unter
Unterstützung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. die Halleschen
Stiftungen, mit denen er u.a. ganz im Sinne pietistischer Auffassung versucht,
Waisenkinder zu christlichen Menschen zu erziehen. Zinzendorf erfährt seine
Bedeutung dadurch, dass er die noch heute missionarisch wirkende
Herrenhuter Brüder-Unität begründet.24
Inhaltlich lässt sich der Pietismus wie folgt zusammenfassen:
1) Erweckung
Die lutherische Orthodoxie betonte die Rechtfertigung des Menschen durch
göttliche Gnade. Dem stellt der Pietismus den Gedanken der Erweckung
bzw. der Wiedergeburt gegenüber. Der Akt der Bekehrung rückt in den
Mittelpunkt des Interesses. Er führt nach Meinung einiger Pietisten zu einer
Teilnahme an der göttlichen Natur.25
2) Subjektivierung des Glaubens
23
Vgl. Brecht, Martin: Phillip Jakob Spener, sein Programm und dessen Auswirkungen, in: Ebd., S.279390, hier: S. 302-311.
24
Vgl. Müller, Heinz-Peter: Der Protestantismus im 18. Jahrhundert, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.):
Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 8, a.a.O., S. 167-181, hier: S.167-172.
25
Vgl. Schmidt, M.: Pietismus, in: Galling, Kurt (Hrsg.): Die Religion in Geschichte und Gegenwart,
Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, 5. Band P-Se, Tübingen 3. Auflage 1961,
S.370-381, hier: S.370.
9
Die
Betonung
auf
die
Bekehrung
des
einzelnen
führt
zu
einer
individualisierten, subjektivistischen Glaubensbetrachtung. „Die Blickrichtung
auf den Wiedergeborenen hatte zur Folge, daß der fromme Mensch in
einzigartiger Weise auf sich selbst gestellt wurde.“26
3) Ethisierung des Glaubens
Lag bei der Orthodoxie der Schwerpunkt auf der genauen Formulierung der
Glaubensgrundsätze, der Dogmatik, so legt der Pietismus aus seinen
Wiedergeburtsgedanken heraus einen Schwerpunkt auf die Ethik. Ethisch
positives Verhalten soll als Glaubensfrucht die Bekehrung des Gläubigen
deutlich machen.
4) Errichtung Reich Gottes
Mit der ethischen Verwandlung des einzelnen soll eine Veränderung der
Welt einhergehen. Sie soll durch das Wirken der bekehrten Christen zur
„Stätte der Herrschaft Gottes gemacht werden („Reich Gottes“ ist ein
Lieblingsbegriff).“27
5) Beseitigung der konfessionellen Schranken
Wurde in der lutherischen Orthodoxie stark gegen andere Konfessionen
(auch und vor allen Dingen gegen andere protestantische Konfessionen)
polemisiert, so tritt der Pietismus zumindest in der Theorie für eine stärkere
Betonung konfessioneller Gemeinsamkeiten ein. So gibt es vor allen Dingen
im
Halleschen Pietismus Bestrebungen nach der Errichtung einer
allgemeinen Kirche aller Bekehrten.28
6) Biblizismus
Theologiemethodisch
bedeutet
die
Stärkung
des
Erweckungsbegriff
gegenüber der Rechtfertigung eine Verschiebung von der systematischen
Theologie zur Exegese hin. Der Lektüre der Bibel kommt von daher im
Pietismus eine besondere Bedeutung zu.
7) Institutionalisierung in Hauskreisen
26
Ebd.
Ebd., S.371.
28
Vgl. Brecht, Martin: August Hermann Francke und der Hallische Pietismus, in Brecht, Martin (Hrsg.):
Geschichte des Pietismus, Band 1, a.a.O., S.439-539, hier: S.516.
27
10
Seine Institutionalisierung findet die neue persönlich gefärbte Frömmigkeit in
Hauskreisen,
den
„collegia
pietatis“,
die
mit
Bibel-
und
Erbauungsschriftenlektüre neben dem sonntäglichen Hauptgottesdienst
stattfinden sollten.29
Der geneigte Leser wird bemerkt haben, dass sich die Darstellung bisher einen
Zeitraum beschränkte, der weit vor dem Leben Roschers liegt. Die Darstellung
des Pietismus und seinen Hintergrundes erhält dadurch eine Bedeutung in
diesem Kontext, dass es im 19. Jahrhundert zu einer Wiederkehr des Pietismus
in Form der Erweckungsbewegung kommt. Geistesgeschichtlich lässt sich
diese Wiederkehr auf die Ablösung des Rationalismus zurückführen. Höhepunkt
und Überwindung der Aufklärung personifizieren sich in Immanuel Kant (17241804). In seiner kritischen Philosophie versucht er eine Synthese der beiden
Zweige aufgeklärter Philosophie, des Rationalismus und des Empirismus. Das
Ergebnis seiner Arbeit, daß der Mensch weder durch die Deduktionen von
einem Ding an sich aus, noch durch bloße Anschauung, sondern durch die
Kategorisierung der Erfahrung zu Erkenntnissen kommt30, begründet die
Philosophie des deutschen Idealismus. Diese wird von Johann Gottlieb Fichte
(1762-1814), in dessen Philosophie mit dem Ich im Mittelpunkt ein radikaler
Subjektivismus postuliert wird31, und von Friedrich Wilhelm Schelling (17751854), der mit seiner Identitätsphilosophie versucht, Mensch und Natur wieder
zusammenzubringen32, fortgeführt. Beide beeinflussen die aufkommende
Bewegung der Romantik mit ihrer Betonung von Subjekt und Natur stark.
Seinen Abschluß und seine Überwindung findet die Philosophie des deutschen
Idealismus in der Geschichtsphilosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels
(1770-1831), der die Geschichte als einen sich durch Prozesse von These,
Antithese und Synthese entfaltenden Entwicklungsgang deutet 33 und somit dem
historischen Denken Auftrieb gibt.
Die durch den Idealismus beeinflusste Richtung der Romantik hat ihrerseits
Konsequenzen. Sie bestimmt die politische Entwicklung Deutschlands in der
29
Müller, Heinz-Peter, a.a.O., S.169.
Vgl. Störig, Hans Joachim, a.a.O., S.398/399.
31
Vgl. Ebd., S.444.
32
Vgl. Ebd., S.450.
33
Vgl. Ebd., S.461-463.
30
11
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich. Als das Heilige Römische
Reich 1806 von Napoleon I. (1769-1821) zerschlagen wird und Deutschland
weitgehend unter die Einflußsphäre Frankreichs gerät, sorgen Politiker
insbesondere in Preußen, die vom liberalen und nationalen Akzent der
Romantik beeinflusst sind, durch Reformen im Bereich der Gewerbefreiheit, der
kommunalen Selbstverwaltung und der Einführung eines Freiwilligenheeres 34,
dafür,
daß
in
einer
gewaltigen
nationalen
Euphorie
1813/1814
die
napoleonische Vorherrschaft über Europa beendet wird. 35 Die konservative
Dimension der Romantik kommt in der Zeit danach zum Tragen. Auf dem
Wiener Kongreß 1814-1815 wird eine Nachkriegsordnung entwickelt, die
überspitzt
formuliert eine
Restauration der
vorrevolutionären
Zustände
herbeiführen will. Die Hoffnungen der national-liberalen Bewegung auf
politische Mitbestimmung und eine Einigung Deutschlands werden enttäuscht. 36
Das politische Bürgertum zieht sich daraufhin enttäuscht bis in die Zeit um 1830
resigniert ins Private zurück.37
Auf dem Gebiet der Wirtschaft, in dem England mit seiner Industrialisierung die
große Vorreiterrolle spielt, hat Deutschland, welches in jener Zeit nur in der
lockeren Form des deutschen Bundes besteht, einiges aufzuholen. Die
Wirtschaftsreformen in Preußen entfalten zunächst in den weiterhin agrarischen
Strukturen noch keine Wirkung. Erst die ökonomische Integration Deutschlands
über den Zollverein sorgt für einen ersten industriellen Schub.38
Von diesem romantischen Hintergrund ist auch die protestantische deutsche
Theologie des beginnenden 19. Jahrhunderts betroffen. Pietismus und
Aufklärung gingen zunächst gemeinsame Wege, was in der parallelen Tätig des
Aufklärerphilosophen Christian Wolff (1678-1754) und August Hermann
Franckes an der Universität Halle personifiziert wird. Die Individualisierung und
34
Vgl. Dietger, Reinhold: Untergang und Neugestaltung: Deutschland im Spannungsfeld von Revolution
und Napoleon, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.): Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 8, a.a.O., S.288361, hier: 333-341.
35
Vgl. Ebd., S.353-361.
36
Vgl. Firnkes, Manfred: „Restauration” und “Vormärz“ Reaktionäre Fürstenmacht und liberale
Bürgeropposition 1815-1848, in: Pelticha, Heinrich: Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 9: Von der
Restauration bis zur Reichsgründung 1815-1871, Gütersloh 1983, S.17-77, hier: S.20-31.
37
Vgl. Dettelbacher, Werner: Die Zeit des Biedermeier, in: Ebd., S.78-91.
38
Vgl. Weismantel, Wolfgang: Anfänger der Industrialisierung und der sozialen Frage, in: Ebd., S.172200, hier: S.172-177, 185/186.
12
Ethisierung des Glaubens wird in der rationalistischen Glauben auf die Spitze
getrieben. Wie so häufig in der Geschichte zieht dieses paradoxe Folgen nach
sich. Die rationalistische Theologie, die versucht den Glauben der Vernunft
anzupassen, führt zu neuen Dogmen. In dieser methodischen Hinsicht wird sie
der von ihr bekämpften Orthodoxie immer ähnlicher.39 Ähnlich wie auf anderen
Gebieten wird jedoch diese dogmatisch-rationalistische Periode auch in der
Theologie im Zeitalter der Romantik überwunden. Dieses geschieht auf zwei
Wegen. Hier ist auf der einen Seite Friedrich Schleiermacher zu nennen. Er
subjektiviert den Glauben erneut. In das Zentrum seiner Theologie tritt das
religiöse Gefühl des Menschen als Instrument der Beziehung zu Gott. 40
Ein anderer Weg der Abkehr vom Rationalismus ist die aus pietistischen
Quellen gespeiste Erweckungsbewegung. Wenn auch eine theologische
Definition der Erweckungsbewegung schwierig ist, da sie bis auf den Hallenser
Theologen Friedrich Tholuck (1799-1877) in erster Linie eine Bewegung der
kirchlichen Praxis war41, lassen sich jedoch folgende gemeinsame Merkmale
der in sich durchaus nicht immer homogenen Erweckung ausmachen, die den
Zusammenhang
zwischen
Pietismus
und
der
als
Neopietismus
zu
charakterisierenden Erweckungsbewegung verdeutlichen:
1) Ein endzeitliches Bewusstsein,
2) Die Abstellung auf Glaubenserfahrungen,
3) Die Ablehnung rationalistischer Bibelauslegung,
4) Die Institutionalisierung in Sozietäten.42
4. Pietistische Elemente im Leben und Denken Roschers
Nachdem wir den Pietismus und Erweckungsbewegung vorgestellt haben, gilt
es nunmehr aufzuzeigen, in welcher Beziehung diese Bewegungen zum Leben
39
Vgl. Barth, Karl, a.a.O., S.80-92.
Vgl. Ebd., S.401.
41
Vgl. Ebd., S.459-468.
42
Vgl. Kück, Thomas Jan: Ludwig Adolf Petri (1803-1873), Kirchenpolitiker und Theologe, Göttingen
1997, S.128/129.
40
13
und Denken Roschers stehen. Dieses soll auf dreierlei Ebenen geschehen. Es
sollen die biographischen Verbindungen aufgezeigt werden, als auch jene, die
durch historische und theologische Urteile Roschers deutlich werden.
Von seinem Sohn Carl43, als auch von Wilhelm Roscher selbst44 wurde der
starke Einfluß seines Religionslehrers Ludwig Adolf Petri (1803-1873), der
später ein bedeutender Kirchenpolitiker und Theologe in der Hannoverschen
Landeskirche werden sollte, betont. Auf diesen Einfluß geht auch Gottfried
Eisermann in einer Analyse der religiösen Hintergründe Roschers ein. Er
erwähnt auch Roschers Verwurzelung im Pietismus, legt aber eine viel stärkere
Betonung auf den konfessionell-lutherischen Hintergrund Roschers.45 Diese
Schwerpunktlegung, die m.E. als ein Fehlurteil zu betrachten ist, mag auf die
Betonung der Verbindung Petri-Roscher zurückzuführen sein. Petri galt in der
Kirchengeschichtsschreibung lange Zeit als ein Vertreter einer Restaurierung
lutherischen Konfessionalismus.46 Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt,
dass Petri in gewisser Weise in seiner Biographie die Theologiegeschichte von
Orthodoxie über Pietismus bis Rationalismus im Krebsgang durchlaufen hat.
Als Schüler der Göttinger Aufklärungstheologie steht er der Erweckungsbewegung als einem ihm irrational erscheinenden Phänomen gegenüber. Es
setzt jedoch später ein Wandel ein: „Spätestens seit 1833 begrüßt er öffentlich
die „Belebung und Wiedergeburt“ und sprach von der „Erweckung und Bildung
des Glaubens, sowie von einer „Zeit der Auferstehung“. Diese terminologische
Nähe zur Erweckungsbewegung baute Petri in den folgenden Jahren noch
aus.“47 Interessanterweise handelt es sich bei der von Kück benannten Zeit,
gerade um die Zeit, in der Petri dem Primaner Wilhelm Roscher die Religion
lehrte. Diese anbrechende Entwicklung zur Erweckungsbewegung hin läßt
erklären, wieso Roscher über seine Zeit bei Petri schreibt, daß hier bereits
seine zukünftige Bedeutung erkennbar war, er jedoch noch „im Werden
43
Vgl. Roscher, Carl: Vorwort, in: Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eines Nationalökonomen,
München 2. Auflage 1896, S.I-XXIV, hier: S.VIII.
44
Vgl. Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eines Nationalökonomen, a.a.O., S.81.
45
Vgl. Eisemann, Gottfried: Die Grundlagen des Historismus in der deutschen Nationalökonomie,
Stuttgart 1956, S.120-124.
46
Vgl. Kück, Thomas Jan, a.a.O., S. 13-16.
47
Ebd., S.132/133. Kück schränkt dieses Urteil allerdings dahingehend ein, als dass es Petri vor allen
Dingen um eine Integration der Erweckungsbewegung in eine konservativ ausgerichtete Landeskirche
ging (Vgl. Ebd., S.133-135).
14
begriffen“48 sei. Daß Petri Roscher in Richtung Pietismus/Erweckung zog, wird
jedoch nicht nur daran deutlich, dass Roscher Petri aus seiner Zeit der
Annäherung zur Erweckungsbewegung kennt, sondern auch an dem von
Eisermann hervorgehobenen Argument, dass sich Roscher in der Mission
engagiert habe49, eine von Petri in seinen hannoverschen Einflußbereich später
zwar in Richtung Konfessionalismus geführte50, von ihrem grundsätzlichen
Herkommen her jedoch pietistische Institution.
Weitere klare Zeichen auf einen pietistischen Hintergrund lassen sich aus den
von Roscher in seinem dogmenhistorischen Werk gemachten Urteile, die weit
über den Bereich des Ökonomischen hinausgehen, herleiten. Hier seien drei
Beispiele genannt, die aufzeigen sollen, daß sich Geschichtsurteil Roschers
und pietistisches Geschichtsbild sehr nahe stehen:
1) Martin Luther (1483-1546)
Auch wenn der Pietismus gegen die lutherische Orthodoxie rebellierte, so
sah er in Martin Luther eine Art Ahnherrn. Er wird nicht abgelehnt, sondern
erhält eine neue Deutung: „Unter den vorbereitenden Gestalten, Kräften und
Bewegungen steht der andauernde stille Einfluß Luthers durch eigene
Lektüre obenan (...) Über die Lutherzitate hinaus versuchte der Pietismus,
die Rechtfertigung des Sünders durch Gottes Gnade im Glauben – nun
freilich als „Wiedergeburt“ d.h. sachlich anders- zum Erlebnis zu machen.“51
Das allgemein-historische Urteil Roschers über Luther ist entsprechend
positiv. Es ist euphorisch zu nennen. Für Roscher ist er der „zugleich
edelste, größte und deutscheste Mann, welchen unsere Geschichte kennt
(...)“52
Roschers Lob für Luther, den er als Verkörperung aller guten
deutschen Eigenschaften sieht, gilt vor allen Dingen dem Theologen Luther.
Er bewundert das lutherische Postulat des Primats des an die Schrift
gebundenen Gewissens.53 Nicht ganz so positiv fällt die Bewertung des
48
Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eines Nationalökonomen, a.a.O., S. 81.
Vgl. Eisermann, Gottfried, a.a.O., S.121.
50
Vgl. Kück, Thomas Jan, a.a.O., S.159.
51
Schmidt, M., a.a.O., S.374.
52
Roscher, Wilhelm: Geschichte der National-Oekonomik in Deutschland, München 1874, S. 54.
53
Vgl. Ebd., S.55.
49
15
Ökonomen Luthers aus. So kritisiert Roscher aus der Retrospektive z.B. die
negative Haltung gegenüber dem Kapitalzins, die Luther mit dem
kanonischen Recht gemeinsam habe.54
2) Kritik an der lutherischen Orthodoxie
So sehr der Pietismus sich auf Luther als Vorläufer beruft, so sehr kritisiert
er Luthers theologische Nachfolger, die in Form der lutherischen Orthodoxie
Luthers Lehren systematisieren wollten. Wie wir bereits gesehen haben,
formiert sich der Pietismus aus der Kritik an der lutherischen Orthodoxie, die
als ein Verfallsprodukt lutherischer Theologie angesehen wird. „Denn
Luthers Werk, die Reformation, sei halb und unvollendet geblieben, die
Scholastik, die er durch die vordere Tür habe austreiben wollen, sei durch
die Hintertür wieder eingetreten.“55
Roscher stimmt denselben Ton an. Darauf deutet schon die von Roscher in
seiner Dogmengeschichte gewählte Kapitelüberschrift, in der von „Verfall
der Refomationsblüthe“ spricht und die Unterkapitelschrift, in der die
lutherisch-orthodoxen Theologen die wenig schmeichelhafte Titulierung
„Epigonen der Reformation“56 erhalten. Konkret kritisiert Roscher an der
lutherischen Orthodoxie, daß sie Luthers Theologie, die eine Mischung aus
Mystizismus, Pietismus, Orthodoxie und Rationalismus darstelle, durch
Betonung der beiden letzten Momente verzerrt habe.57 Folge dieser
verzerrten Luther-Rezeption sei ein schnelle Verfall lutherischer Theologie,
den er als „Herabsinken von der propheten- und apostelähnlichen Glorie
Luthers zu einer fast byzantinischen Hoftheologie“58 kennzeichnet. In Sinne
dieser harschen Kritik an der Orthodoxie und dem aus pietistischer Sicht mit
der theologischen Entwicklung einhergehenden moralischen Verfall deutet
Roscher daher den dreißigjährigen Krieg als ein „Strafgericht“59.
54
Vgl. Ebd., S.63-66.
Hinrichs, Carl: Preußentum und Pietismus. Der Pietismus in Brandenburg-Preußen als religiös-soziale
Reformbewegung, Göttingen 1971, S.3.
56
Roscher, Wilhelm: Geschichte der National-Oekonomik in Deutschland, a.a.O., S.120.
57
Vgl. Ebd., S.124.
58
Ebd., S. 124.
59
Ebd., S. 120.
55
16
3) König Friedrich Wilhelm I.
Es ist bereits erwähnt worden, dass Friedrich Wilhelm I. für die Entwicklung
des Pietismus eine besondere Rolle spielte. Das enge Verhältnis zwischen
August Hermann Francke und Friedrich Wilhelm I., der Francke beim
Aufbau seiner Stiftung unterstützt und sie damit für den preußischen Staat
instrumentalisiert und ihn u.a. bei militärethischen Fragen konsultiert 60, führt
dazu,
daß dem Pietismus „Züge einer preußischen Staatsreligion
verliehen“61 werden.
Durch Roscher erfährt Friedrich Wilhelm I. ein positives Urteil. Dieses gilt für
seine Person im allgemeinen und seine wirtschaftspolitische Tätigkeit
insbesondere. Er knüpft an das Wort des preußischen Reformers Theodor v.
Schön (1773-1856) an, dass Friedrich Wilhelm I. der „größte innere König
Preußens“ gewesen sei.62 Noch euphorischer ist Roschers Urteil über die
Rolle Friedrich Wilhelms I. in der Wirtschaftspolitik. Er setzt ihn mit dem
großen Wirtschaftspolitiker des Merkantilismus gleich, wenn er schreibt:“...
mit Colbert lässt sich Friedrich Wilhelm I. an staats- und volkswirtschaftlicher
Bedeutung gar wohl vergleichen.“63
Neben den biographischen Verbindungen und dem pietistischen Geschichtsbild
zeigen sich in Roschers Theologie und in seiner Glaubenspraxis eindeutig
pietistische Elemente. Aus den vorhin genannten Merkmalen des Pietismus und
der Erweckungsbewegung seien ausgewählt.
1) Hohe Bedeutung der Ethik
Wie für den Pietismus, so hat auch Roscher der Bereich der Ethik eine
hohe Bedeutung. Die Heilsgeschichte ist für ihn verbunden mit der Frage
nach der Sittlichkeit. In der von ihm in drei Stufen unterschiedenen
Offenbarungsgeschichte (vor-mosaisch, mosaisch und christlich-paulinisch)
geht es seiner Meinung nach um die Entfaltung der Sittlichkeit des
60
Vgl. Hinrichs, Carl, a.a.O., S.174.
Ebd., S.175.
62
Roscher, Wilhelm: Geschichte der National-Oekonomik in Deutschland, a.a.O., S.360.
63
Ebd.
61
17
Menschen.64 Die hohe Bedeutung, die Roscher der Ethik beimisst, entfaltet
sich jedoch nicht nur im Bereich des Theologischen. In seiner Dissertation,
die die Sophistik ob ihres historischen Denkens insgesamt positiv darstellt,
ist dieses der zentrale Kritikpunkt an den Sophisten. Er greift sie mit
folgenden Worten an: „Weil die Sophisten ohne jede Heimatliebe,
Gottesfurcht und Ehrfurcht vor den Menschen alles auf ihren eigenen
Vorteil und ein bisschen Ruhm bezogen kam es, dass sie nahezu kein
Gewissen für ihre Absichten und Taten besaßen.“65
2) Das Reich Gottes
Der Begriff des Reich Gottes spielt, wie noch zu zeigen sein wird, nicht nur
in Roschers Ökonomie, sondern auch in seiner politischen Theorie eine
große Rolle. In der Einleitung seines Buches Politik, schließt er mit der
Überlegung, daß das Reich Gottes die Idealmischung der Staatsformen
Aristokratie, Demokratie und Monarchie sei.66 Damit erhält der Reich
Gottes-Begriff wie im Pietismus so auch bei Roscher eine diesseitige
Dimension.
3) Interkonfessionalität
Auch in diesem Fall ist das Urteil Eisermanns über Roscher als lutherischer
Protestant, der dem Katholizismus mit Unverständnis gegenübersteht67, zu
kritisieren. Auch wenn Roscher gewisse Elemente katholischer Theologie
wie
die
Marienverehrung
als
unbiblisch
oder
die
Setzung
des
Traditionsprinzips neben dem Schriftprinzip als gefährlich ansieht68, so ist
doch sein Denken weit von konfessioneller Polemik orthodoxer Prägung
entfernt. Er ist ein Förderer „schwesterlicher Toleranz“ 69 im Umgang mit
den Konfessionen. Auch nimmt er den Gedanken einer Integration
64
Vgl. Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eine National-Ökonomen, a.a.O., S.18.
Roscher, Wilhelm: Über die Spuren der historischen Lehre bei den älteren Sophisten, a.a.O., S.110.
66
Vgl. Roscher, Wilhelm: Politik, Geschichtliche Naturlehre der Monarchie, Aristokratie und
Demokratie, Stuttgart/Berlin 3. Auflage 1908, S.17.
67
Vgl. Eisermann, Gottfried, a.a.O., S.122. Eisermann beruft sich auf eine katholische Schrift über
Roscher, entlastet ihn mit einer Stelle aus den „geistlichen Gedanken“, fügt dem jedoch eine vermeintlich
die anti-katholische Tendenz Roschers bestätigende Stelle hinzu. Bei dieser Stelle handelt es sich um den
Bericht über einen lobend beschriebenen Ostergottesdienst in Rom. Die dieser Beschreibung folgenden
Angriffe sind jedoch nicht gegen den Katholizismus, sondern gegen die rationalistische Theologie
gerichtet (vgl. Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eines National-Ökonomen, a.a.O., S.67/68).
68
Vgl. Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eines National-Ökonomen, a.a.O., S.91-93.
69
Ebd., S.93.
65
18
katholischer Elemente zur Verbesserung protestantischer Theologie auf.
Sein Motto lautet: „jeder Theil von denjenigen Eigenthümlichkeiten des
anderen lernen, worin der letzte ihn überlegen ist, oder ihm doch
gleichsteht.“70
4) Biblizismus
Die Bibel spielt im religiösen Leben Roschers eine ganz zentrale Rolle. Sie
steht seiner Meinung nach an „Größe, Tiefe, Erhabenheit, Lieblichkeit,
überhaupt wahrer Schönheit und Poesie über den größten Meisterwerken
aller anderen Literaturen“71. Folgerichtigerweise kritisiert er daher auch
Pädagogen, die zu seiner Zeit das Auswendiglernen aus der Bibel in der
Schule zurückfahren wollen.72 Diese enge Bindung an die Bibel findet ist
auch aus Carl Roschers Äußerungen über die persönliche Frömmigkeit
seines Vaters zu entnehmen. Sein Vater habe Wert darauf gelegt, dass
Kinder und Enkelkinder Bibelsprüche auswendig lernen sollten.73 Er selbst
habe die Lektüre von Werken geistlicher und weltlicher Prominenter kritisch
anhand der Bibel reflektiert.74
Der pietistische Biblizismus Roschers spiegelt sich nicht nur in der
Wertschätzung der Bibel, sondern auch in der Ablehnung der vom
Rationalismus betriebenen historisch-kritischen Bibelkritik wieder. Er greift
sie als unwissenschaftlich und befangen an.75
5) Hauskreis
Über die Tätigkeit in einem Hauskreis von Wilhelm Roscher erfährt man bei
Carl Roscher nichts. Sein Vater steht jedoch in der Weise in der Tradition
pietistischer Hauskreise, als daß er im Familienkreise Bibellesungen
betreibt76 und die amerikanische Praxis des Hausgottesdienst lobend
erwähnt.77
70
Ebd., S.35.
Ebd., S.13.
72
Vgl. Ebd., S.41.
73
Vgl. Roscher, Carl, a.a.O., S. XXIV/XXV.
74
Vgl. Ebd., S.XIX.
75
Vgl. Roscher, Wilhelm: Geistliche Gedanken eines National-Ökonomen, a.a.O., S.16/17.
76
Vgl. Roscher, Carl, a.a.O., S.XXII.
77
Vgl. Roscher, Wilhelm: Politik, a.a.O., S.387.
71
19
Biographische Verbindungen, historische Urteile, persönliche Theologie und
Frömmigkeitspraxis haben damit den pietistischen Hintergrund Roschers
deutlich gemacht.
5. Der Einfluß der theologischen Elemente auf die Ökonomie
Roschers
Für den Ökonomen stellt sich die Frage, inwieweit dieser pietistische
Hintergrund
Einfluß
auf
die
ökonomische
Theorie
nimmt.
Dass
außerökonomische Faktoren Einfluß auf die ökonomische Theoriebildung
haben,
wird
selbst
von
den
Verfechtern
einer
ökonomieimmanenten
Theoriegeschichtsschreibung nicht bestritten.78 Dass dieses auch auf den
konkreten Fall zutrifft, soll anhand der ökonomischen Anthropologie Roschers,
der Bedeutung des Ethischen in seiner Ökonomie und den Hintergründen
seiner Sozialpolitik gezeigt werden.
In der Auffassung, was den wirtschaftenden Mensch ausmache, weicht
Roscher
von
der
zeitgenössischen
Vorstellung
des
Menschen
als
Nutzenmaximierer ab. Er sieht den Erwerbstrieb als ein durchaus legitimes
Erhaltungsprinzip an. Neben dieses Erhaltungsprinzip stellt Roscher jedoch ein
weiteres menschliches Grundprinzip, welches er wie folgt umschreibt: „... die
Forderungen der Stimme Gottes in uns, des Gewissens: mögen wir sie nun mit
bloßer philosophischer Zeichnung der Umrisse „Ideen der Billigkeit des Rechts,
des Wohlwollens, der Vollkommenheit und der inneren Freiheit“ nennen, oder
mit lebendiger Ausfüllung derselben „Trachten nach dem Reiche Gottes“.“ 79
Nicht nur die Introspektion („Stimme Gottes“) und das menschliche Mitwirken an
der Entstehung des Reich Gottes deuten hier auf pietistische Wurzeln, sondern
auch die dahinter stehende Vorstellung der Beziehung Mensch-Gott. Er glaubt
78
Vgl. Blaug, Mark: Economic Theory in Retrospect, Cambridge u.a. 4. Auflage 1985, S.5.
Roscher, Wilhelm: System der Volkswirtschaft, Ein Hand- und Lesebuch für Geschäftsmänner und
Studierende, Erster Band: Grundlagen der Nationalökonomie, Stuttgart und Berlin 24. Auflage 1906,
S.25.
79
20
zwar, dass vielen Menschen seine Rolle als Gottes Ebenbild verborgen, jedoch
„bei keinem die Sehnsucht nach demselben spurlos verschwunden“80 sei. Hier
erfährt, wie das auch im Pietismus der Fall ist, die pessimistische lutherische
Anthropologie eine Wendung. Zwar steht die Sündhaftigkeit des Menschen
weiterhin im Mittelpunkt, wird jedoch durch die Möglichkeit der Erweckung
relativiert.
Das Zusammenwirken zwischen beiden Prinzipien bildet Roscher Meinung
nach die Grundlage für die Existenz von Gemeinwesen. „Wie im Weltgebäude
die scheinbar entgegengesetzten Bestrebungen der sog. Zentrifugalkraft und
Zentripedalkraft die Harmonien der Sphären bewirken, so im gesellschaftlichen
Leben der Eigennutz und das Gewissen den Gemeinsinn.“81 Dieser Gemeinsinn
wiederum ermöglicht in Roschers Augen die Existenz gesellschaftlicher
Instituionen, die für den einzelnen nützlich seien und den wirtschaftlichen
Austausch möglich gemacht haben, bei bloßer Existenz des Eigennutzens
jedoch nicht entstanden seien.82 So sieht also Roscher in dem pietistischen
Reich-Gottes-Prinzip,
das
er
für
ein
grundsätzlich
allen
Menschen
innewohnendes Prinzip hält, einen Kernpunkt für die Möglichkeit höherer
wirtschaftlicher Entwicklung.
Letzteres zeigt bereits an, daß Roscher seine pietistisch und somit stark ethisch
geprägte Grundhaltung auf die Ökonomie anwendet. Ein hohes ethisches
Niveau
ist
für
ihn
Voraussetzung
einer
progressiven
wirtschaftlichen
Entwicklung. Damit wird er zum Vorreiter dessen, was in der jüngeren
historischen Schule unter dem Begriff der „sittlichen Kräfte“ zum Kern
historistischer Wirtschaftstheorie werden wird.83 Die Bedeutung des Ethischen
für die wirtschaftliche Entwicklung bei Roscher sei an folgenden Beispielen
gezeigt:
80
Ebd.
Ebd., S.26.
82
Vgl. Ebd.
83
Vgl. Rieter, Heinz, a.a.O., S.147.
81
21
1)
Ethik als Voraussetzung für freie Konkurrenz
Da Roscher der englischen Klassik in ihren politischen Auswirkungen
durchaus nicht ablehnend gegenübersteht84, hält er auch die Institution der
freien Konkurrenz für eine grundsätzlich positive Sache. So hebt er die in
der freien Konkurrenz liegenden Möglichkeiten gesellschaftlichen Ausgleichs
hervor.85 Jedoch könne sie als Ausdruck höchster menschlicher Freiheit,
ihre Wirkung nur dann entfalten, wenn die sittlichen Voraussetzungen
vorhanden sind. Er schreibt: „Wie von jeder Freiheit, so gilt auch von der
wirtschaftlichen, dass die Aufhebung des äußeren Zwanges nur da haltbar
und gemeinnützlich sind, wo eine sittliche Selbstbeherrschung an die Stelle
getreten.“86 Seien diese sittlichen Voraussetzungen nicht gegeben drohe ein
Wettbewerb, der keine Steigerung der Leistung, sondern einen Sieg der
Gewissenlosen nach sich zöge.87
2)
Ethik als Voraussetzung für Lohnsteigerungen
Wie die englischen Klassiker und die Sozialisten geht Roscher davon aus,
dass es sich bei dem Arbeitslohn um einen Subsistenzlohn handelt. Aus der
allgemeinen Theorie vom Preis als Kostenpreis leitet er für den Lohn als
Preis der Arbeit ab, dass dieser die „notwendigen oder herkömmlich für
notwendig geltenden Natur- und Anstaltsbedürfnisse nicht bloß der
wirklichen
Arbeiter
sondern
auch
ihrer
Familien,
d.h.
also
des
nachwachsenden Arbeitergeschlechts“88 decken müsse. Im Gegensatz zu
den Sozialisten folgert er jedoch nicht, dass dieses für die Lohnarbeiter in
einem marktwirtschaftlichen System bedeute, immer auf dem gleichen
Lohnniveau
Arbeiterschaft
zu
verharren.
dadurch
Dem
ehernen
entkommen-
hier
Lohngesetz
tritt
der
könne
die
pietistische
Erziehungsgedanke hervor- dass ihr eine gehobene Sittlichkeit den Drang
nach höheren Bedürfnissen und eine verbesserte Vorschau in die Zukunft
84
Vgl. Ebd., S.142.
Vgl. Roscher, Wilhelm: System der Volkswirtschaft, Band 1, a.a.O., S.271.
86
Ebd., S.270/271.
87
Vgl. Ebd., S.271.
88
Ebd., S.480.
85
22
verschaffe, was dazu führe, „daß die Arbeiter keine Familie gründen, als die
sie nach Maßgabe ihrer neuen Bedürfnisse zu ernähren hoffen.“ 89
3)
Die
Ethik als Voraussetzung für einen positiven Luxusgebrauch
mit
der
wirtschaftlichen
Entwicklung
einhergehende
vermehrte
Möglichkeit des Konsums hat für Roscher einen zwiespältigen Charakter. So
hat der Luxus, als den er in relativer Definition zum Konsum des
durchschnittlichen Verbrauchers den Verbrauch solcher Güter bezeichnet,
„welche ihm [dem durchschnittlichen Verbraucher] überflüssig erscheinen.“90
Jedoch bedeutet das nicht, daß Roscher Luxus als überflüssig ansieht. Wird
der erwirtschaftete Wohlstand sittlich gebunden verwendet, so sieht Roscher
dieses als positiv an. Er hebt u.a. auf den Luxus einer verfeinerten
Ernährung und der Hygiene ab.91 Bei unsittlichen Gebrauch könne Luxus
jedoch einen negativen Charakter entfalten. Roscher denkt vor allen Dingen
an den Luxusgebrauch in der frühen römischen Kaiserzeit mit ihren
übersteigerten Mahlzeiten und Gladiatorenkämpfen.92
Die Frage nach den von Pietisten eingeforderten ethischen Verhalten ist für
Roscher somit eine Zentralfrage für die Entwicklungsfähigkeit u.a. auf den
Feldern der Wirtschaftsordnung, der Distribution und Konsumption.
Einen direkten Zusammenhang zwischen Pietismus und Roschers Ökonomik
gibt es auf dem Felde der Sozialpolitik. Mit den Franckeschen Stiftungen in
Halle, die nicht nur Weisenhaus und Lehranstalt, sondern auch ein großes
caritatives Unternehmen mit Buchhandlung und Apotheke93 war, beginnt eine
neue Art der Sozialpolitik. Die dahinterstehenden arbeitsethischen Grundsätze
hatte bereits Spener aufgestellt: „Bezeichnenderweise wendet er [Spener] sich
gegen die bisherige unsystematische Karität des Almosengebens und stellt
dagegen in seinen Vorschlägen (...) den Arbeitsbeschaffungsgedanken in den
89
Ebd., S.487.
Ebd., S.687.
91
Vgl. Ebd., S.697.
92
Vgl. Ebd., S.706.
93
Vgl. Brecht, Martin: August Hermann Francke und der Hallesche Pietismus, a.a.O., S.483-490.
90
23
Mittelpunkt der Armenfürsorge. Nicht Almosen, sondern Arbeit soll gegeben
werden.“94
Roscher nimmt diese Gedanken Speners und Franckes, den er namentlich in
diesem
Zusammenhang
lobend
erwähnt95,
in
seine
sozialpolitischen
Grundsätze auf. Der pietistischen Tradition entsprechend steht er der
Sozialpolitik in Form eines bloßen Almosengebens sehr skeptisch gegenüber.
Das gelte sowohl für Geld- als auch für Naturalleistungen. Bei Geldleistungen
befürchtet er einen unwirtschaftlichen Umgang.96 Auch bei Almosen in
Naturalien, die er für besser als Geld hält, sei ein Missbrauch durch
Wiederverkauf nicht vermeidbar.97 Von daher seien Almosen lediglich subsidiär
bei größter Not, die zuvor eingehend geprüft werden soll98, geboten. Ansonsten
gelte: „so würde nicht bloß sittlich, sondern auch wirtschaftlich ein großer
Schaden sein, wollte man das Almosengeben über das von der Menschlichkeit
dringend Gebotene hinaustreiben.“99 Auch die Alternative der Pietisten zur
reinen Verteilungspolitik in Form der Anleitung zur Arbeit wird von Roscher
aufgenommen. Er schreibt: „Jedenfalls besteht der größte Dienst, der einen
Armen geleistet werden kann, darin, dass man ihn anleitet sich selbst zu
helfen.“100 Von daher sollte jede Unterstützung mit Arbeit, die am besten für das
Armenhaus getätigt werden solle, verbunden sein.101 Hier ist zu sehen: Der
Pietismus Roschers wirkt sich nicht nur mittelbar auf seine ökonomische
Theorie aus, Roscher übernimmt vielmehr auch Ideen, die konkret und
unmittelbar der Tradition pietistischen Gedankenguts entstammen.
94
Hinrichs, Carl, a.a.O., S.18.
Vgl. Roscher, Wilhelm: System der Volkswirtschaft, Ein Handbuch für Geschäftsmänner und
Studierende, Fünfter Band: System der Armenpflege und Armenpolitik, Stuttgart und Berlin 3. Auflage
1906, S.68.
96
Vgl. Ebd., S.72.
97
Vgl. Ebd., S.74/75.
98
Vgl. Ebd., S.50.
99
Ebd., S.47.
100
Ebd., S.71.
101
Vgl. Ebd., S.73.
95
24
6. Schlußbermerkung
Wilhelm Roscher ist in sehr konkreter Weise von einer kirchen- und
theologiegeschichtlichen Richtung, der des Pietismus, beeinflusst worden.
Diese Einflüsse hatten nicht nur Auswirkungen auf sein theologischen und
theologiegeschichtlichen
Positionen,
sondern
ganz
konkret
auf
seine
wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitischen Auffassungen. Für den
ökonomischen
Theoriehistoriker
ergeben
sich
damit
folgende
Schlussfolgerungen:
1. Auch wenn Ökonomie nicht mehr wie in Zeiten der Scholastik als
ein bloßes Teilgebiet von Theologie und Philosophie anzusehen
ist, so kann man doch nicht von einer totalen Emanzipation der
Ökonomie sprechen. Von daher scheint der geistesgeschichtliche
Ansatz in der Theoriegeschichte zur Erklärung der geistigen
Wurzeln ökonomischer Theorie auch für die Zeit ab dem 18.
Jahrhundert brauchbar zu sein. Für den speziellen Bereich des
Theologischen gilt, dass hier die bisherigen Ansätze ausgebaut
und auch nicht vor theologiegeschichtlichen Detailuntersuchungen
zurückgeschreckt werden sollte.
2. Mit dem Nachweis der pietistischen Wurzeln bei Roscher wird ein
Beitrag zu der Frage nach den pietistischen Wurzeln des
Historismus im allgemeinen geleistet. Geschichtsmethodologisch
stellt sich für mich daher der Schluß, daß man nicht in die
Dualismen von Fachgeschichte-Universalgeschichte bzw. Makround Mikrohistorie verfallen, sondern vielmehr den anderen
Bereich gewinnbringend für den eigenen Bereich nutzen sollte.
Aus dem hier hergestellten Zusammenhang ergeben sich aber auch Folgen für
die Institutionenökonomik. Hier ist das Thema der Religion in Form der
„ökonomischen Analyse der Ökonomie“ präsent.102 Dabei unterscheidet diese
102
Vgl. Iannaccone, Laurence: Inrtroduction to the Economics of Religion, in: Journal of Economic
Literature 36. Jhg. (1998), S.1465-1495; Eilinghoff, Christian: Ökonomische Analyse der Religion,
25
Forschungsrichtung scharf zwischen „ökonomischer Analyse der Religion“ und
„religiöser Ökonomie“, die in den Ruch des ökonomisch Sektiererischen
gerät.103 Dieses verwundert angesichts der Kontinuitätslinie der neuern
Institutionenökonomik zu Historismus und älterem Institutionalismus, die
verstärkt von einigen ihrer Exponenten hergestellt wird. 104 Die ökonomische
Analyse sollte sich theologischen Wissen bei wie z.B. den Auswirkungen von
theologischen Grundhaltungen auf Präferenzen.105 Allerdings sollte sie sich
dabei, gerade auch wegen ihres Bekenntnis zum älteren Institutionalismus, vor
den Gefahren des Historismus bewahren, der im Bestreben ganzheitliche
Geschichtsphilosophie sein zu wollen, von seinem ökonomisch-theoretisch
Niveau her, unterging.106
Theoriegeschichtlich rüsten sollte sich die „ökonomische Analyse“ auch in
anderer Hinsicht. Sie behauptet, daß Religion erst in den siebziger Jahren unter
dem Grundsatz ökonomischer Rationalität untersucht wurde.107 Dabei unterwarf
bereits Walter Eucken (1891-1950), Haupt der Freiburger Schule, den
opfernden Bauern bereits unter sein „wirtschaftliches Prinzip“.108
Eine Zusammenarbeit von ökonomischer Analyse der Religion, Theologie- und
ökonomischer Theoriegeschichte kann von daher nur befruchtend sein.
7. Literatur
Barth, Karl: Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, Ihre Geschichte
und ihre Vorgeschichte, Zürich 3. Auflage 1960.
Baur, Leonhard/Rauschenwandter,Hermann/ Zehnter, Cornelius: Roschers
Vita, in: dies. (Hrsg.): Wilhelm Roscher: Über die Spuren der historischen
Lehre bei den älteren Sophisten (1838), Marburg 2002, S.183-191.
Theoretische Konzepte und rechtspolitische Empfehlungen, Frankfurt a.M. 2004 (Diss, Universität
Hamburg 2004); Brinitzer, Ron: Religion – eine institutionenökonomische Analyse, Würzburg 2003.
103
Vgl. Iannaccone, Laurence, a.a.O., S.1466.
104
Vgl. Richter, Rudolf/ Furbotn, Eirik, a.a.O., S.38-42.
105
Hier durchaus anhand der Weber-These positiv Beispiel gebend: Brinitzer, Ron, a.a.O., S.334.
106
Vgl. zum Niedergang des Historismus: Eucken, Walter: Grundlagen der Nationalökonomie,
Berlin/Heidelberg/New York 8. Auflage 1965, S.24-68.
107
Vgl. Eilinghoff, Christian, a.a.O., S.25; vgl., wenn auch eingeschränkt: Iannaccone, Laurence, a.a.O.,
S.1465.
108
Vgl. Eucken, Walter, a.a.O., S.211.
26
Dies.: Wilhelm Roschers Dispositiv der Geschichte in der Spannung von
Statistik, Romantik und Empirie, in: Ebd., S.133-182.
Blaug, Mark: Economic Theory in Retrospect, Cambridge u.a. 4. Auflage 1985
Brecht, Martin: August Hermann Francke und der Hallesche Pietismus, in
Brecht, Martin (Hrsg.): Geschichte des Pietismus, Band 1: Der Pietismus
vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert, Göttingen
1993, S.439-539.
Brecht, Martin: Das Aufkommen der neuen Frömmigkeitsbewegung in
Deutschland, in: Ebd., S. 113-194.
Brecht, Martin: Phillip Jakob Spener, sein Programm und dessen
Auswirkungen, in: Ebd., S.279-390.
Brinitzer, Ron: Religion – eine institutionenökonomische Analyse, Würzburg
2003.
Dettelbacher, Werner: Die Zeit des Biedermeier, in: Pleticha, Heinrich (Hrsg.):
Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 9: Von der Restauration bis
zur Reichsgründung 1815-1871, Gütersloh 1983, S.78-91.
Dettelbacher, Werner: Handel und Gewerbe im 18. Jahrhundert, in: Pleticha,
Heinrich (Hrsg.): Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 8: Aufklärung
und das Ende des Deutschen Reiches, Gütersloh 1983, S.182-194.
Deppermann, Klaus: Der Englische Puritanismus, in: Brecht, Martin (Hrsg.):
Geschichte des Pietismus, Band 1, a.a.O., Göttingen 1993.
Dietger, Reinhold: Untergang und Neugestaltung: Deutschland im
Spannungsfeld von Revolution und Napoleon, in: Pleticha, Heinrich
(Hrsg.): Deutsche Geschichte in 12 Bänden, Band 8, a.a.O., S.288-361.
Eilinghoff, Christian: Ökonomische Analyse der Religion, Theoretische
Konzepte und rechtspolitische Empfehlungen, Frankfurt a.M. 2004 (Diss,
Universität Hamburg 2004).
Eisermann, Gottfried: Die Grundlagen des Historismus in der deutschen
Nationalökonomie, Stuttgart 1956.
Firnkes, Manfred: „Restauration” und “Vormärz“ Reaktionäre Fürstenmacht und
liberale Bürgeropposition 1815-1848, in: Pelticha, Heinrich (Hrsg.):
Deutsche Geschichte in 12 Bänden, a.a.O., S.17-77.
Hinrichs, Carl: Preußentum und Pietismus. Der Pietismus in BrandenburgPreußen als religiös-soziale Reformbewegung, Göttingen 1971.
27
Iannaccone, Laurence: Inrtroduction to the Economics of Religion, in: Journal of
Economic Literature 36. Jhg. (1998), S.1465-1495.
Kolm, Serge-Christophe: Must One Be Buddihst to Grow? An Analysis of the
Cultural Basis of Japanese Productivity, in: Koslowski, Peter (Hrsg.):
Economics and Philosophy, Tübingen 1985, S.221-242.
Kück, Thomas Jan: Ludwig Adolf Petri (1803-1873), Kirchenpolitiker und
Theologe, Göttingen 1997.
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