2 3 . Morbidität

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Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
3.
Morbidität
Michaela Horch, Rüdiger Jacob, Mario Jung, Heike Kranz, Antje Meyer,
Harald Michels, Patrick Wild
Ein großer Teil der Fragen des Surveys bezog sich auf den allgemeinen Gesundheitszustand,
spezifische Formen von Morbidität sowie bestimmte Beschwerden und Schmerzen. Letztere
können als Vorstufen oder Begleiterscheinungen von Krankheiten angesehen werden und sind
auch im Zusammenhang mit Fragen der Medikation von Interesse.
Allgemeiner Gesundheitszustand
Nimmt man die Zufriedenheit mit der Gesundheit (Frage 5) als Indikator für die allgemeine
Befindlichkeit, dann geht es den weitaus meisten Befragten subjektiv gut. 26,8% sind sehr
zufrieden, 53,5% zufrieden, 13,6% weniger zufrieden und nur 6,1% explizit unzufrieden mit
ihrer Gesundheit. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass bei Befragungen negativ formulierte extreme Kategorien – und dazu zählt auch „Unzufriedenheit“ – häufig gemieden
werden. Nicht zufrieden mit ihrem Gesundheitszustand sind mithin rund 20% der Befragten.
Erwartungsgemäß steigt dieser Anteil mit zunehmendem Alter und den damit verbundenen
gesundheitlichen Problemen. Von den 18- bis 30-Jährigen sind rund 10% nicht zufrieden mit
ihrer Gesundheit, von den über 60-Jährigen dagegen 28%. Dagegen hat das Geschlecht keinen
Einfluss auf die Gesundheitszufriedenheit.
Ein etwas spezifischerer Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand wurde mit Frage
20 erhoben, in der die Fähigkeit zur Ausübung bestimmter Tätigkeiten abgefragt wurde.
Tab. 3.1:
Tätigkeiten ausüben (Angaben in Prozent)
Können Sie folgende Tätigkeiten ausüben?
ja
nein
teils-teils
Schwere Gegenstände heben
69,6
23,3
7,1
Schnell laufen
66,1
27,4
6,5
Selbstständig waschen und anziehen
99,4
0,6
/
Treppen gehen
95,1
1,4
3,6
Haushalt selbstständig führen
94,2
3,2
2,6
N = 507
24
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Probleme bereiten insbesondere schnelles Laufen und das Heben schwerer Gegenstände.
Rund 30% der Befragten können diese Tätigkeiten gar nicht oder nur mit großer Mühe ausüben. Wiederum ist – nicht überraschend – das Alter hier eine entscheidende Variable. Nur
noch 43% der über 60-Jährigen können ohne Mühe schwere Gegenstände heben, nur 32,2%
schnell laufen (vgl. Tabellen 3.2 und 3.3).
Tab. 3.2: Heben schwerer Gegenstände nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
Schwer
heben?
nein
ja
teils-teils
18- u. 30
7,3
88,5
4,2
30- u. 40
40 – u. 50
50 – u. 60
9,0
20,4
33,3
86,9
67,0
58,7
4,1
12,6
7,9
N= 502, Sig. = .000, Cramer´s V = .296
60 oder älter
49,2
43,2
7,6
Tab. 3.3: Schnelles Laufen nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
Schnell laufen?
nein
ja
teils-teils
18- u. 30
30- u. 40
40 – u. 50
50 – u. 60
6,3
11,5
22,3
38,1
92,7
82,8
70,9
47,6
1,9
5,7
6,8
14,3
N= 502, Sig. = .000, Cramer´s V = .355
60 oder älter
60,2
32,2
7,6
In gleicher Weise – allerdings auf zahlenmäßig niedrigerem Niveau – lässt sich dieser Alterseffekt auch bei den Fähigkeiten, Treppen zu steigen und einen Haushalt selbstständig zu führen, beobachten.
Dass der Anteil der Personen, die sich selbstständig waschen und anziehen können, bei
nahezu 100% liegt, ist im übrigen auf die durch die Art der Befragung notwendigerweise
eingeschränkte Grundgesamtheit zurückzuführen: Befragt wurden nur Personen, die in
Privathaushalten leben, in Heimen untergebrachte Pflegefälle dagegen nicht.
Ein weiterer Indikator für den allgemeinen Gesundheitszustand ist die durchschnittliche
Schlafdauer pro Nacht. Man geht davon aus, dass Menschen mittleren Alters zwischen 7 und
8 Stunden Schlaf pro Nacht benötigen und Menschen über 60 ca. 6 Stunden. Natürlich ist gerade die Frage, wieviel Schlaf jemand tatsächlich benötigt, eine höchst individuelle Angelegenheit und abhängig von weiteren physischen und psychischen Faktoren. Wenn aber Erwachsene über einen längeren Zeitraum weniger als 5 Stunden schlafen, wird dies allgemein
als gesundheitlich bedenklich betrachtet. Die Antworten auf Frage 67 zeigen, dass 6,9% der
25
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Befragten durchschnittlich 3 bis 5 Stunden je Nacht und damit zu wenig schlafen. Dieser Prozentsatz variiert altersabhängig und liegt in der Gruppe der über 50-Jährigen bei über 10%.
Übergewicht
„Übergewicht und besonders starkes Übergewicht (Adipositas) sind Schlüsselprobleme der
Zivilisationskrankheiten in westlichen Industrienationen. Übergewicht und Adipositas begünstigen die Entwicklung von Hyperinsulinismus und Typ-II-Diabetes, von Bluthochdruck,
Hyperlipoproteinämie, kardio- und zerebrovaskulären Erkrankungen, Arthrose und anderen
degenerativen Erkrankungen. Adipositas verkürzt die Lebenserwartung, beeinträchtigt die
Lebensqualität und kann damit und mit ihren Folgekrankheiten einem langen und erfüllten
Leben im Weg stehen. In Deutschland verursacht Adipositas mit ihren Folgeerkrankungen
Kosten in Höhe von mehr als 21 Milliarden DM pro Jahr“.1
Zur Messung von Übergewicht wird der sog. Body-Mass-Index (BMI) als Maß für Körperfülle verwendet. Der BMI wird berechnet, indem man das Körpergewicht (in kg) durch das
Quadrat der Körpergröße (in m) dividiert. Dabei werden folgende Bereiche unterschieden:
BMI-Wertebereiche und deren Interpretation
unter 20
20 bis unter 25
25 bis unter 30
30 oder mehr
Untergewicht
Normalgewicht
Übergewicht
Adipositas
Bundesweit haben 66,7% der Männer und 53% der Frauen BMI Werte von 25 oder mehr und
sind damit zu dick. Eine Adipositas haben 18,8% der Männer und 21,7% der Frauen.2
Von den telefonisch befragten in der Region ansässigen Personen weisen 27,6% BMI-Werte
zwischen 25 und 30 auf, weitere 11% Werte über 30, so dass insgesamt 38,6% übergewichtig
sind. Die Situation in der Region stellt sich damit besser dar als im Bundesdurchschnitt.
1
vgl. Bergmann und Mensink 1999, S. 118. (Hyperlipoproteinämie = Fettstoffwechselstörung).
2
vgl. Thefeld 2000, S. 418.
26
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Abb.3.1:
Übergewicht und Adipositas
60
55,2
50
40
28
30
20
11,2
10
5,6
Üb
e
Ad
i
po
sit
as
ht
rg
ew
ic
ew
ic
alg
m
No
r
Un
t
er
ge
w
ich
ht
t
0
N=507
Entsprechend der bundesweiten Verteilung gibt es auch in der Region eine deutliche geschlechtsspezifische Differenzierung. Signifikant mehr Männer als Frauen sind übergewichtig.3
Tab. 3.4: BMI-Werte nach Geschlecht (Angaben in Prozent)
BMI-Wertebereich:
Frauen
Männer
unter 20 (Untergewicht)
7,7
2,5
20 b. u. 25 (Normalgewicht) 58,9
49,8
25 b. u. 30 (Übergewicht)
24,4
33,3
30 oder mehr (Adipositas)
9,0
14,4
N=500, Sig. = .000, Cramer´s V = .168
Mit 32,2% gegenüber 23,7% liegt der Anteil von übergewichtigen Personen (BMI: 25 bis
unter 30) in Trier-Saarburg höher als in der Stadt Trier, der Anteil adipöser Personen ist dagegen mit jeweils 11,2% in Stadt und Kreis identisch.
3
Da die Männer in der Stichprobe unterrepräsentiert sind, deren Übergewicht-Neigung aber ausgeprägter
ist, dürften wir mit den vorliegenden Zahlen die Gesamtprävalenz von Übergewicht und Adipositas eher
unterschätzen.
27
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Einen deutlichen Einfluss auf Übergewicht hat das Alter. Der Anteil übergewichtiger und
adipöser Personen steigt mit zunehmendem Alter linear an.
Tab. 3.5: BMI-Werte nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
BMI-Wertebereich:
unter 20
(Untergewicht)
20 b. u. 25
(Normalgewicht)
25 b. u. 30
(Übergewicht)
30 oder mehr
(Adipositas)
18 b.u. 30
30 b.u. 40
40 b.u. 50
50 b. u. 60
60 oder älter
13,5
2,5
2,9
3,3
6,0
70,8
67,8
67,0
36,1
28,4
14,6
23,1
26,2
41,0
39,7
1,0
6,6
3,9
19,7
25,9
N = 497, Sig. = .000, Gamma = .462
Darüber hinaus sind die BMI-Werte auch schichtspezifisch unterschiedlich verteilt. Wenn
man den Bildungsstatus als Indikator für Schichtzugehörigkeit verwendet, dann ist der Anteil
übergewichtiger und insbesondere adipöser Personen in der Unterschicht mit Abstand am
höchsten.
Tab. 3.6: BMI-Werte nach formalem Schulabschluss (Angaben in Prozent)
BMI-Wertebereich: Kein Abschluss oder
Hauptschulabschluss
unter 20
2,7
(Untergewicht)
20 b. u. 25
42,2
(Normalgewicht)
25 b. u. 30
33,5
(Übergewicht)
30 oder mehr
21,6
(Adipositas)
Mittlere Reife
5,6
Fachhochschulreife
oder Abitur
7,5
59,5
66,5
27,8
23,1
7,1
2,9
Zwar korreliert der Bildungsabschluss in der Stichprobe stark mit dem Alter - die meisten
älteren Befragten haben maximal einen Hauptschulabschluss, bei den Jüngeren dominieren
mittlere Reife oder Abitur – dennoch ist der in Tabelle 3.6 ausgewiesene Zusammenhang kein
versteckter Alterseffekt, da in nahezu allen Altersklassen der Anteil übergewichtiger Personen
(BMI-Werte ab 25) in der niedrigsten Bildungsklasse am höchsten ist, wobei die Unterschiede
bei den jüngeren Befragten besonders krass ausfallen.
28
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Tab. 3.7:
Anteile übergewichtiger Personen nach Alter und Bildungsstatus
(Angaben in Prozent)
kein Abschluss oder Haupt- Mittlere Reife Fachhochschulreife
schulabschluss
oder Abitur
18 b. u. 30
38,5
26,3
7,9
30 b. u. 40
50,0
24,4
27,5
40 b. u. 50
26,2
35,7
32,1
50 b. u. 60
65,4
52,9
57,1
60 oder älter 71,3
56,3
52,9
N = 484, Sig. = .000 Gamma = -.405
Schmerzen und Beschwerden
Schmerzen und Beschwerden fügen sich nur schwer in medizinische Krankheitsklassifikationen, weil sie als häufig unspezifische Symptome Indikatoren für recht unterschiedliche
Krankheitsbilder sein können. Im ICD 94 beispielsweise werden Schmerzen und andere Beschwerden (z. B. „Schwindel“ oder „Kopfschmerzen“ außer Migräne und Spannungskopfschmerzen) unter der Überschrift „Symptome und schlecht bezeichnete Affektionen“ als
Restkategorie behandelt, wobei einleitend ausdrücklich vermerkt wird: „Symptome“ die
ziemlich genau einer bestimmten Diagnose entsprechen, sind im vorherigen Teil der Klassifikation aufgeführt. Im allgemeinen enthalten die Schlüssel-Nrn. 780-796 die weniger genau
bezeichneten Krankheiten und Symptome, die mit vielleicht gleichem Verdacht auf zwei oder
mehr Krankheiten ... auftreten können.“5
Für das subjektive Befinden, die körperliche Leistungsfähigkeit und die allgemeine individuelle Lebensqualität sind Beschwerden und insbesondere Schmerzen gleichwohl von großer
Bedeutung. Zudem dürften sie in hohem Maße die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen und die Selbstmedikation steuern. In Allgemeinpraxen z. B. kann der Anteil der Kopfschmerzpatienten bis zu 40% ausmachen.6 Die Aufwendungen der gesetzlichen Krankenkassen für Kopfschmerzen lagen 1993 bei 720 Mio. DM.7 Die Ergebnisse des Bundesgesundheitssurveys zeigen, dass Schmerzen ausgesprochen weit verbreitet sind: Nur 9% der Zielpersonen gaben an, im Verlauf der Befragung des vorangegangenen Jahres keine Schmerzen gehabt zu haben. An erster Stelle stehen bei Frauen wie Männern Rückenschmerzen. 39,4% der
Frauen und 31,4% der Männer gaben an, in den letzten 7 Tagen vor der Befragung unter die4
ICD = International Classification of Diseases, Internationale Klassifikation der Krankheiten.
5
vgl. Internationale Klassifikation der Krankheiten 1986, S. 533.
6
vgl. Barolin 1994, S. 8.
7
vgl. Göbel 1996, S. 125.
29
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
sen Schmerzen gelitten zu haben. Am zweithäufigsten tritt Kopfschmerz auf, allerdings ist
dessen Prävalenz bei Frauen deutlich größer als bei Männern. 36,2% der Frauen klagten über
Kopfschmerzen, dagegen nur 21,5% der Männer. Auch bei anderen Schmerzlokalisationen
klagten die Frauen häufiger über Schmerzen als Männer, wenn auch die Unterschiede nicht so
deutlich ausfielen wie bei Kopfschmerzen.8
In Frage 37 des regionalen Gesundheitssurveys wurden die Zielpersonen anhand einer Liste
nach dem häufigeren Auftreten bestimmter Schmerzen gefragt. Danach ergibt sich hinsichtlich der Schmerzlokalisationen (Frage 37) folgende Verteilung:
Abb. 3.2: Schmerzlokalisationen
70
60
50
40
30
20
10
0
57,4
37,9
30,8
st i
ge
-D
en
ag
So
n
ar
m
ke
en
Ge
l
f
Ko
p
1,4
M
Rü
ck
en
/N
ac
ke
n
2,6
N = 507
Insgesamt leiden 77,3% der Befragten unter Schmerzen.
Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen sind in ihrer Prävalenz primär altersabhängig, dabei
lassen sich allerdings zwei gegenläufige Trends beobachten:
8
vgl. Bellach, Ellert und Radoschewski 2000, S. 426.
30
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Tab. 3.8: Schmerzlokalisationen nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
Schmerz18 b.u. 30 30 b.u. 40 40 b.u. 50 50 b.u. 60 60 o. älter
lokalisation:
Kopf
42,7
45,9
43,7
33,3
22,9
Rücken/Nacken
41,7
60,7
63,1
65,1
57,6
Gelenke
11,5
17,2
26,2
44,4
57,6
Sig.
.000
.010
.000
Cram. V.
.187
.161
.383
Kopfschmerzen sind ein Leiden jüngerer Personen, jenseits der 50 leidet nur noch rund jeder
Dritte, jenseits der 60 jeder Vierte an Kopfschmerzen. Rücken- und Gelenkschmerzen nehmen dagegen mit zunehmendem Alter zu. Während aber bei Gelenkschmerzen ein linearer
Zusammenhang besteht, treten Rücken- und Nackenschmerzen häufiger bei Personen zwischen 30 und 60 Jahren auf. Personen über 60 und unter 30 klagen anteilig seltener über Rükkenschmerzen. Dies dürfte im Wesentlichen darauf zurückzuführen sein, dass die Altersgruppe der 30- bis 60-Jährigen beruflich voll aktiv ist (wozu bei Frauen ausdrücklich auch das
Führen eines Haushaltes zählt) und damit regelmäßig auch Tätigkeiten verbunden sind, die
die Wirbelsäule belasten. Dazu zählen häufiges Sitzen (Frage 83) oder das regelmäßige Heben
schwerer Gegenstände (Frage 84). Befragte über 60 haben mehrheitlich Berufe ausgeübt, in
denen sie wenig sitzen mussten und müssen inzwischen auch kaum noch schwere Gegenstände heben.
Der lineare Anstieg von Personen mit Gelenkschmerzen auf 57,6% in der höchsten Altersklasse dürfte primär auf degenerative Verschleißerscheinungen zurückzuführen sein, die erst
in höherem Alter zu stärkeren Beschwerden führen. Auch dabei spielt aber die berufliche Belastung eine wichtige Rolle: Arbeiter klagen zu 43% über Gelenkschmerzen, Landwirte sogar
zu 50%. Bei Angestellten, Beamten, Freiberuflern und Selbstständigen sind dagegen nur zwischen 25% und 28% von Gelenkschmerzen betroffen.
Genau wie auf Bundesebene berichten auch in der Region mehr Frauen (81,6%) als Männer
(70,8%) über Schmerzen. Dabei sind die Unterschiede beim Kopfschmerz noch deutlicher als
in der bundesweiten Befragung: 44,9% der Frauen, aber nur 27,2% der Männer leiden häufiger unter Kopfschmerzen. Es muss offen bleiben, ob diese Unterschiede auf physische Faktoren, z. B. auf das unterschiedliche Hormonsystem, zurückzuführen sind (für Migräne wird
dies als mögliche Ursache angesehen), oder ob primär psychische Faktoren – etwa eine geschlechtsspezifische Sozialisation, die bei Männern eher zur Verdrängung von Schmerzen
führt -, diese auffälligen Differenzen erklären können. In jedem Fall beeinträchtigt – unab31
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
hängig von Alter oder Geschlecht – die Schmerzprävalenz die Zufriedenheit mit der eigenen
Gesundheit.
Tab. 3.9: Zufriedenheit mit eigener Gesundheit nach Schmerzprävalenz (Angaben in
Prozent)
Zufriedenheit mit eigener Gesundheit:
keine Schmerzen
sehr zufrieden oder zufrieden
93,9
Weniger zufrieden oder unzufrieden
6,1
N = 506, Sig. = .000, Phi = .184
Schmerzen
76,5
23,5
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Herz-Kreislauferkrankungen stellen bundesweit wie auch in der Region Trier die häufigste
Todesursache dar. Zu Herz-Kreislauferkrankungen zählen alle Arten von Herzkrankheiten,
Hochdruckkrankheiten, Krankheiten der Arterien und der Venen, Krankheiten des Lungenkreislaufs sowie Krankheiten des zerebrovaskulären Systems. Dabei dominieren in der Region Trier der akute Myokardinfarkt und Krankheiten des zerebrovaskulären Systems, insbesondere der Schlaganfall.10 Über die Verteilung von bestimmten Herz-Kreislauferkrankungen
informiert folgende Übersicht (Frage 21). Dabei sind – wie nicht anders zu erwarten – die
Prävalenzen aller Krankheiten dieser Kategorie altersabhängig. Die höchsten Anteile betroffener Personen findet man stets in der höchsten Altersklasse. Dagegen spielt die regionale
Herkunft – Stadt oder Landkreis – keine Rolle und auch bei dem Merkmal „Geschlecht“
konnte nicht immer ein signifikanter Effekt nachgewiesen werden (allerdings könnte dies
auch auf die Unterrepräsentanz der Männer zurückzuführen sein). 6,3% aller Befragten waren
wegen Herz-Kreislauferkrankungen im letzten Jahr in ambulanter Behandlung.
Tab. 3.10: Prävalenz ausgewählter Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems (Angaben in
Prozent)
Krampfadern
Bluthochdruck
Arterielle Durchblutungsstörungen der Beine
Durchblutungsstörungen des Herzens, Angina Pectoris
Folgen eines Herzinfarktes
Folgen eines Schlaganfalls
N= 506
10
23,1
17,4
15,8
7,3
3,2
2,8
vgl. dazu den Ersten Gesundheitsbericht für Trier und Trier-Saarburg.
32
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Bluthochdruck
Von erhöhtem Blutdruck sprach man bislang, wenn der systolische Blutdruck 140 mmHg
oder mehr und/oder der diastolische Blutdruck 90 mmHg oder mehr beträgt. Diese Definition
hat das RKI für die Blutdruckmessungen im Bundes-Gesundheitssurvey zugrunde gelegt,
danach leiden bundesweit 47,5% der Männer und 38,9% der Frauen unter erhöhtem Blutdruck.11 In Trier haben nach eigenen Angaben 19,8% der Männer und 15,8% der Frauen
Bluthochdruck. Für diese vom Bundesdurchschnitt deutlich nach unten abweichenden Zahlen
dürften primär zwei Gründe verantwortlich sein: Im Bundes-Gesundheitssurvey wurde der
Blutdruck der Probanden von Ärzten nach einer einheitlichen Definition gemessen, so dass
hier auch alle Personen berücksichtigt werden konnten, die bis zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht wussten, dass ihr Blutdruck erhöht ist.
In Trier dagegen wurden nur die Personen erfasst, die über ihren Blutdruck informiert waren.
Dabei ist außerdem zu bedenken, dass in der Frage nach dem Bluthochdruck keine Definition
vorgegeben wurde. Aus einer Reihe von Patienteninterviews und Gesprächen mit Ärzten wissen wir aber, dass in der Region unterschiedliche Vorstellungen von Bluthochdruck kursieren,
wobei die oben angeführte strenge Definition von erhöhtem Blutdruck nicht jedem geläufig
ist, sondern erst Werte ab 160 mmHg (systolisch) als Bluthochdruck interpretiert werden.
Man wird mithin davon ausgehen müssen, dass der Anteil der Hypertoniker in der hiesigen
Bevölkerung deutlich größer ist. Für objektive Blutdruckmessungen sind Befragungssurveys
nicht geeignet, hier sollte – wie im Bundes-Gesundheitssurvey geschehen – ein Screening
durch Fachpersonal durchgeführt werden. Inzwischen geht man nach Auswertung einer Reihe
von epidemiologischen Studien von noch niedrigeren Normwerten aus: Ab einem systolischen Wert von 130 oder mehr und/oder einem diastolischen Wert von 85 oder mehr spricht
man von erhöhtem Blutdruck.12
Trotz der beschriebenen Unschärfen weist auch die Trierer Befragung erwartbare und z. T.
besorgniserregende Ergebnisse auf. Wie erwartet, ist Bluthochdruck altersabhängig. 3,1% der
Befragten zwischen18 und 30, aber 44,1% der über 60-Jährigen haben nach eigener Angabe
Bluthochdruck.
11
vgl. Thefeld 2000a, S. 418.
12
vgl. Krönig 2000.
33
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Abb. 3.3: Hypertoniker nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
0
44,1
20,6
12,6
3,1
18-u.30
5,8
30-u.40
40-u.50
50-u.60
60 +
N = 501, Sig. = .000, Cramer´s V = .411
Bedenklich ist, dass nur 67% der Hypertoniker in den letzten 12 Monaten in ambulanter Behandlung waren13 und auch nur 68,2% häufig Mittel gegen Bluthochdruck einnehmen (Frage
38). 10,2% der Hypertoniker nehmen selten blutdrucksenkende Mittel und 21,6% tun dies nie.
Generell würden 13,1% der befragten Frauen, aber 22,8% der Männer sich wegen Bluthochdruck nicht behandeln lassen (Frage 19). Dieses Ergebnis deckt sich mit den Behandlungsdaten der Krankenhäuser der Region. 63,2% der im Jahr 1997 wegen Hypertonie behandelten
Patienten waren Frauen, nur 36,8% Männer. Die eben vorgestellten bundesweiten Zahlen
zeigen eindeutig, dass das Hypertonierisiko bei Frauen nicht höher, sondern im Gegenteil
sogar eher niedriger ist als das der Männer. Die vorliegenden Daten stützen daher die Vermutung, dass sich Frauen aufgrund eines sozialisationsbedingt anderen Verhältnisses zu ihrem Körper, zu Krankheiten und zu Arztbesuchen wegen Hochdruckkrankheiten eher behandeln lassen als Männer, die in solchen Gesundheitsbeeinträchtigungen offenbar häufiger keine
„echte“ Krankheit sehen – mit im Extremfall fatalen Folgen.
13
Frage 22: Sind Sie zur Zeit oder waren Sie in den letzten 12 Monaten wegen einer Krankheit in
ambulanter Behandlung.
34
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Bluthochdruck korreliert – wie auch die Ergebnisse des Bundes-Gesundheitssurveys gezeigt
haben14 - außerdem deutlich mit Übergewicht, einem weiteren wichtigen Risikofaktor für den
akuten Myokardinfarkt oder Krankheiten des zerebrovaskulären Systems (wir werden im Folgenden noch ausführlich auf die verschiedenen Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen und deren Verteilung und Kombination in der Bevölkerung eingehen). 39,2% der befragten Personen waren übergewichtig. 28,7% der übergewichtigen Personen hatten nach eigenen
Angaben Bluthochdruck, bei den normalgewichtigen Personen waren dies dagegen nur
10,2%.
Durchblutungsstörungen des Herzens und Angina Pectoris
7,3% der Befragten leiden an solchen Herzerkrankungen, wobei die Prävalenz wiederum mit
höherem Alter zunimmt. Geschlecht und regionale Herkunft haben dagegen keinen signifikanten Einfluss. 65% der Befragten mit dieser Symptomatik sind in den letzten 12 Monaten in
ärztlicher Behandlung gewesen. 73% davon nehmen häufig oder gelegentlich Herzmittel ein,
27% dagegen nie.
Folgen von Herzinfarkt oder Schlaganfall
Die für die Region ermittelte Prävalenz liegt leicht über den bundesweit erhobenen Zahlen:
2,5% der Teilnehmer des Bundes-Gesundheitssurveys hatten bereits einen Herzinfarkt,15 in
Trier und Trier-Saarburg waren es 3,2%. An den Folgen eines Schlaganfalls leiden bundesweit 1,6%16, in der Region Trier dagegen 2,8%. Ähnlich wie bei Durchblutungsstörungen des
Herzens sind nur jeweils rund 65% der von Herzinfarkt oder Schlaganfall betroffenen Personen in den 12 Monaten vor der Befragung in ambulanter ärztlicher Behandlung gewesen.
Zwar sind anteilig doppelt so viele Männer wie Frauen von Herzinfarkten (4,5% versus 2,3%)
und Schlaganfällen betroffen (4,0% versus 2,0%), diese Differenzen sind aber aufgrund niedriger Fallzahlen nicht signifikant. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass hier ein geschlechtsspezifischer Zusammenhang besteht. Denn die Unterschiede bei der HerzinfarktMorbidität decken sich mit den bundesweiten Ergebnissen wie auch mit den Behandlungszahlen der Trierer Kliniken. Von den im Jahr 1997 behandelten Infarktpatienten waren 59,2%
Männer und nur 40,8% Frauen. Dagegen leiden bundesweit etwas mehr Frauen als Männer an
den Folgen eines Schlaganfalls, dieses Ergebnis ist allerdings ebenfalls nicht signifikant.
14
vgl. Thamm 1999
15
vgl. Wiesner, Grimm und Bittner 1999, S. 74
16
vgl. Wiesner, Grimm und Bittner 1999, S. 81
35
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Wiederum passt der Survey-Befund aber zu den Patientendaten der Trierer Krankenhäuser.
52% der Schlaganfallpatienten waren Männer, 48% Frauen.
Krampfadern und arterielle Durchblutungsstörungen der Beine
Bei diesen Krankheiten der Venen und Arterien lässt sich ein eindeutiger und hochsignifikanter Geschlechtseffekt beobachten: 20,4% Frauen und 9,0% der Männer haben nach eigenen Angaben arterielle Durchblutungsstörungen der Beine, 30,6% der befragten Frauen und
11,9% der Männer Krampfadern.
Bundesweit sind von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, die sich in Form von
Durchblutungsstörungen an Armen und Beinen manifestiert (typisches Beispiel: „Raucherbein“), ca. 3,3 Millionen Menschen betroffen, davon sind 60% Männer17. Auffällig ist die
deutliche Diskrepanz zu den Daten der Region: Hier sind 77,5% der nach eigener Auskunft
betroffenen Personen Frauen. Es ist kaum davon auszugehen, dass die Situation in der Stadt
Trier und dem Landkreis Trier-Saarburg dem Bundestrend genau entgegengesetzt ist, zumal
einer der Hauptrisikofaktoren, nämlich das Rauchen, bei Männern und Frauen in der Stichprobe gleichverteilt ist und der Diabetikeranteil bei den Männern sogar höher ist als bei den
Frauen. Wir vermuten deshalb, dass - ähnlich wie bei Bluthochdruck – Frauen ein anderes
Körperbewusstsein haben und stärker auf Krankheitssymptome und sonstige Veränderungen
des Körpers achten als Männer. Dafür spricht, dass auch aus anderen Untersuchungen bekannt
ist, dass Frauen bei Symptomen wie Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen, wiederholt auftretenden Bauchschmerzen, Veränderungen der Haut oder Schlafstörungen eher zum Arzt gehen
würden als Männer.18 Die Daten deuten daraufhin, dass die Morbidität bei Herzinfarkt oder
Apoplex bei Männern deshalb ausgeprägter ist, weil diese auf krankheitsbegünstigende
Vorerkrankungen und Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Arteriosklerose weniger stark
achten, wobei diese Haltung sicherlich dadurch begünstigt wird, dass beide Krankheitsbilder
– insbesondere bei mäßig hohem Blutdruck und beginnender Arteriosklerose – im Regelfall
nicht mit Schmerzen oder massiven und dauerhaften Beschwerden verbunden sind. Insbesondere Männer stellen damit eine wichtige Zielgruppe für eine möglichst frühzeitige Sekundärprävention dar.19 Wahrscheinlich haben die jetzt erkrankten Männer auch mehr geraucht als
17
vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 1998, S. 170.
18
vgl. Jacob 1995.
19
Dass Durchblutungsstörungen und Herzinfarkt oder Schlaganfall eng korreliert sind, zeigen die
Surveydaten im Übrigen recht deutlich. 81,5% der Patienten, die an den Folgen eines Herzinfarktes oder
36
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
die weibliche Bevölkerung ihrer Altersklasse. Dieser Trend hat sich in den letzten Jahren allerdings umgekehrt, so dass inzwischen in der Stadt mehr Frauen als Männer rauchen.
Krebs
1,2% der Befragten sind in den letzten 12 Monaten vor der Befragung ambulant oder stationär
wegen Krebs behandelt worden (Fragen 23 und 26) und nehmen auch Zytostatika ein (Frage
38). Mit 56,3% deutlich größer ist allerdings der Anteil der Personen, in deren Familie mindestens eine Person an Krebs erkrankt ist oder war (Frage 70). Wegen des unbestimmten Begriffes „Familie“ lässt sich daraus zwar keine valide Häufigkeit schätzen, die Zahl zeigt aber sehr
deutlich, dass Krebs in der Region ein sehr weit verbreitetes Gesundheitsproblem darstellt,
mit dem mehr als die Hälfte der Befragten persönliche Erfahrungen gemacht hat. Es wäre
darüber nachzudenken, inwieweit diese vergleichsweise große persönliche Betroffenheit für
präventive Maßnahmen zu nutzen ist. Dabei ist die Frage nach Krebspatienten in der Familie
unabhängig von Alter, Wohnort oder Bildungsstatus, nicht aber vom Geschlecht der Befragten.
Während 60,9% der Frauen über Krebserkrankungen in der Familie berichtet haben, waren es
bei den Männern nur 49,5%. Kommunikation über Krankheiten und insbesondere auch über
Krebs ist nach wie vor offenbar eine weibliche Angelegenheit, während Männer solche Themen lieber verdrängen oder nicht zur Kenntnis nehmen. Auch dieser Unwille, sich mit
Krankheit auseinanderzusetzen und mit Kranken konfrontiert zu werden, zeigt sich in anderen
Untersuchungen. So liegt der Anteil der Männer die sich in Gegenwart von Kranken und Behinderten explizit unwohl fühlen und solche Begegnungen nach Möglichkeit lieber vermeiden
bundesweit relativ stabil bei 32,6%, der der Frauen dagegen bei 24,6%.20
Atemwegserkrankungen
Rund ein Zehntel der Bevölkerung leidet an einer chronischen Bronchitis (Frage 21), ebenfalls ein Zehntel war in der letzten „Saison“ an der durch Impfung vermeidbaren Virusgrippe
(Influenza) erkrankt. Bei der Frage nach der Grippeprävalenz (Frage 30) wurde Wert darauf
gelegt, dass die Probanden diese nicht mit bakteriell verursachten, aber banalen Erkältungskrankheiten verwechseln, deshalb wurde hier die ärztliche Diagnose betont und ausdrücklich
darauf hingewiesen, dass nur die echte Virusgrippe gemeint ist.
Schlaganfalls leiden, haben auch Durchblutungsstörungen.
20
vgl. Jacob u. a. 1997.
37
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Tab. 3.11: Prävalenz ausgewählter Atemwegserkrankungen und Behandlungszahlen
(Angaben in Prozent)
Asthma
Chronische Bronchitis
Influenza in den letzen 12 Monaten
Ambulante Behandlung wegen Atemwegserkrankungen in den letzten 12 Monaten21
N= 506
2,6
8,1
9,9
16,8
Asthma, Bronchitis und Influenza treten unabhängig von Alter, Geschlecht und regionaler
Herkunft auf. Personen aus der Stadt und aus dem Landkreis waren zu gleichen Teilen von
diesen Krankheiten betroffen. Dieses Ergebnis deckt sich mit den Behandlungsdaten der Trierer Krankenhäuser. Wegen Erkrankungen der Atmungsorgane wurden im Jahr 1997 gleich
große Gruppen aus der Stadt Trier und dem Landkreis Trier-Saarburg behandelt. Diese Befunde sind insofern bemerkenswert, als aufgrund der engen Tallage großer Teile des Trierer
Stadtgebietes häufig über ein ungünstiges Mikroklima und einen unzureichenden Luftaustausch geklagt wird, der ursächlich für höhere Schadstoffkonzentrationen sei. In der Tat
scheint das spezifische Mikroklima der Innenstadt insbesondere in den Sommermonaten für
vermehrte Kreislaufbeschwerden und Kopfschmerzen verantwortlich zu sein, dagegen zeigt
sich aber weder in den Daten der Kliniken noch bei den jetzt erhobenen Daten zur ambulanten
Morbidität eine signifikant erhöhte Prävalenz von Krankheiten der Atmungsorgane in der
Stadt Trier, wie sie bei dauerhaft höherer Schadstoffexposition zu erwarten wäre. Leider ist
das Netz zur Messung von Luftschadstoffen in Trier und Trier-Saarburg nicht dicht genug,
um die durchaus plausible These einer stärkeren Schadstoffbelastung der Trierer Luft zu stützen.
Auch die Konsultation von Ärzten wegen einer Atemwegserkrankung ist unabhängig vom
Geschlecht der Patienten oder ihrem Wohnort, interessanterweise aber nicht vom Alter. Auffällig ist dabei, dass bei jüngeren Patienten (bis zum Alter von 50 Jahren) rund die Hälfte in
den letzten 12 Monaten Ärzte wegen einer Atemwegserkrankung aufgesucht haben, in den
beiden höchsten Altersklassen sind es dagegen nur 13,6% bzw. 21,6%. In Anbetracht der
nicht altersabhängigen Prävalenz von chronischer Bronchitis und Influenza liegt die Vermutung nahe, dass dieses Konsultationsverhalten weniger von akuten Beschwerden als vielmehr
von altersabhängig unterschiedlichen Vorstellungen von der Art und Schwere sowie der Therapienotwendigkeit bestimmter Krankheiten gesteuert wird – Erkältungen, so eine durchaus
21
Erkältung, Grippe, Bronchitis, Asthma, Nebenhöhlenentzündung, Nasenbeschwerden.
38
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
verbreitete Vorstellung, kommen und gehen auch ohne ärztliches Zutun. (Daneben spielt bei
den jüngeren und noch im Erwerbsleben stehenden Personen mit großer Wahrscheinlichkeit
auch die Notwendigkeit der Vorlage einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei
krankheitsbedingter längerer Abwesenheit vom Arbeitsplatz eine Rolle.)
Es ist sicher richtig, dass nicht wegen jeder Erkältungskrankheit sofort ein Arzt aufgesucht
werden muss. Zu bedenken ist aber, dass eine Influenza gerade bei älteren Patienten leicht
einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen kann und ältere Patienten zur Hauptrisikogruppe
bei Pneumokokken-Infektionen zählen und vergleichsweise häufig in der Klinik behandelt
werden müssen. 1997 z. B. betrug der Anteil der über 74-Jährigen Patienten, die wegen
Atemwegserkrankungen in den Krankenhäusern der Region behandelt wurden, 33%. Auch
hier scheint mithin Bedarf für gezieltere Aufklärung zur Vermeidung schwerer Krankheitsverläufe zu bestehen, um noch mehr Menschen dieser altersgruppe den Schutzimpfungen gegen Grippe und Pneumokokkeninfektionen zuzuführen.
Abb. 3.4.: Ambulante Behandlung wegen Atemwegserkrankungen nach Altersklassen
70
59
60
50
48,5
42,2
40
30
21,6
20
13,6
10
0
18-u.30
30-u.40
40-u.50
50-u.60
N = 212, Sig. = .000, Cramer´s V = .335
39
60 +
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Auffällig ist außerdem, dass 17,1% der Befragten mit chronischer Bronchitis auch eine Influenza hatten, während dies bei den übrigen Befragten nur 9,2% waren. Zwar ist dieser Unterschied aufgrund der sehr kleinen Fallzahlen nicht signifikant, diese Entwicklung sollte aber
beobachtet werden. Die Daten verdeutlichen die Wichtigkeit der – im übrigen auch öffentlich
empfohlenen – Influenzaschutzimpfung für die Risikogruppe der Patienten mit chronischer
Bronchitis.
Diabetes und Gicht
Jeweils 5,1% der befragten Personen leiden an Diabetes und an Gicht (Frage 21), wobei die
Prävalenz in der Stadt und dem Kreis mit jeweils 5,1% exakt identisch ist. Beide Krankheiten
sind linear altersabhängig. Das Geschlecht spielt bei Gicht keine Rolle, bei Diabetes dagegen
schon. Während bundesweit 4,7% der Männer und 5,6% der Frauen an Diabetes leiden,22 sind
in Trier nach eigenen Angaben 3,6% der Frauen und 7,4% der Männer Diabetiker. Dabei handelt es sich nicht um einen versteckten Alterseffekt, denn die Altersstruktur ist bei den Frauen
und Männern der Stichprobe gleich. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen Frauen
und Männern allerdings bei den über 60-Jährigen. 12,1% der Frauen und 21,2% der Männer
dieser Altersklasse leiden an Diabetes. Die Daten der Befragung korrespondieren damit nicht
mit den Behandlungsdaten aus dem Jahr 1997. Von 487 stationär wegen Diabetes behandelten
Personen waren 62% Frauen und 38% Männer. Die Frage ob die geschlechtsspezifische Diabetes-Prävalenz in der Region tatsächlich vom Bundestrend abweicht und welche Gründe
dafür gegebenenfalls ursächlich sind, muss aufgrund der unklaren Datenlage mithin noch genauer untersucht werden.
Salmonellose
10% der Befragten waren bereits mindestens einmal mit Salmonellen infiziert (Frage 31),
erfaßt wurde also die Lebenszeitprävalenz. Geschlecht, Alter, Bildung oder Wohnort spielen
dabei keine Rolle.
Skeletterkrankungen
Wegen Nackenschmerzen, Problemen im Halswirbelbereich, Rückenleiden, Bandscheibenschäden, Hexenschuss oder Arthrose haben in den letzten 12 Monaten 11,6% einen Arzt konsultiert. 11% hatten bereits einen Bandscheibenvorfall. Bandscheibenvorfälle wie auch die
Nachfrage nach einer ärztlichen Behandlung sind altersabhängig. Zudem sind in beiden Fällen
22
vgl. Thefeld 2000b.
40
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
mehr Männer als Frauen betroffen: 8,5% der Frauen und 14,9% der Männer hatten schon einen Bandscheibenvorfall. 24,4% der Frauen und 33,3% der Männer haben wegen Problemen
des Stützapparates ärztliche Hilfe in Anspruch genommen.
Allergien
Die Prävalenz allergischer Erkrankungen (Fragen 33 bis 36) ist erheblich, liegt allerdings
größtenteils noch unter den bundesweit festgestellten Zahlen. Wiederum muss allerdings angemerkt werden, dass diese Ergebnisse einem kombinierten Untersuchungs- und Befragungssurvey entstammen, während wir uns nur auf subjektive Angaben der Zielpersonen stützen.
Tab. 3.12:
Prävalenz allergischer Erkrankungen in der Region Trier-Saarburg und
in Deutschland
(Angaben in Prozent)
Trier-Saarburg Deutschland
Asthma bronchiale 2,6
5,6
Neurodermitis
3,4
3,4
Allergien
31,4
40,0
zu den bundesweiten Zahlen vgl. Hermann-Kunz 2000
Bei den Allergien dominiert mit großem Abstand der klassische „Heuschnupfen“, also eine
Allergie gegen Gräser- oder Blütenpollen. 15% der Befragten leiden an Heuschnupfen. Die
Heuschnupfenprävalenz entspricht damit der bundesweiten Bestandsrate, die ebenfalls bei
15% liegt.23 Eine Hausstaubmilbenallergie haben 7,5% der Befragten. Insgesamt 12,6% leiden an sonstigen Allergien, genannt wurden hier Allergien gegen Bienen- und Wespenstiche,
gegen Erdbeeren, Nickel, Pflaster, bestimmte Chemikalien und gegen Sonne. Insgesamt
12,5% der Befragten sind gegen zwei oder mehr Substanzen allergisch.
Allergien sind abhängig von Alter und Geschlecht. 36,7% der Frauen der Stichprobe, aber nur
23,3% der Männer sind Allergiker. Allergien zählen darüber hinaus zu den wenigen Erkrankungen, von denen wesentlich mehr jüngere als ältere Personen betroffen sind. Auch diese
Ergebnisse entsprechen dem Bundestrend. Allergien zählen mittlerweile zu den „Volkskrankheiten“, die große Teile der Bevölkerung betreffen.
23
vgl. Hermann-Kunz 2000.
41
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Abb. 3.5: Prävalenz von Allergien (Angaben in Prozent)
16
14
12
10
8
6
4
2
0
12,6
15
7,5
5,5
5,3
4,1
st i
ge
e
elp
So
n
ilz
e
ar
Sc
h
im
m
ng
ru
rh
a
en
ed
M
Na
h
ik
a
m
bm
tau
ss
Ti
e
te
e
ilb
len
Po
l
Ha
u
sm
itt
el
2,6
N= 158
Abb. 3.6: Allergiker nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
45
40
42,7
38,5
33
35
30
25
20
19
20,3
50-u.60
60 +
15
10
5
0
18-u.30
30-u.40
40-u.50
N = 502, Sig. = .002, Cramer´s V = .154
42
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Psychiatrische Erkrankungen
10,7% der Befragten leiden an Depressionen (Frage 32). Dieser Anteil entspricht der Lebenszeitprävalenz (Anteil von Personen, die jemals eine Depression hatten) für die Bundesrepublik.24 Männer wie Frauen, Befragte aus der Stadt und dem Kreis sind zu annähernd gleich
großen Teilen betroffen, dagegen kann aber ein klarer Alterseffekt beobachtet werden. Bis
zum Alter von 60 Jahren steigt der Anteil von Personen mit Depressionen kontinuierlich an.
Auffällig ist außerdem, dass bei Geschiedenen der Anteil von Personen mit Depressionen mit
23,5% deutlich über dem Wert der Stichprobe insgesamt liegt. Allerdings ist dieser Unterschied aufgrund der geringen Fallzahl nicht signifikant.
Ein gegenläufiger Alterseffekt lässt sich bei der Stressprävalenz beobachten (Frage 28). Insgesamt stehen nach eigenen Angaben 38,1% der Befragten häufig unter Stress, 39,2% selten
und 22,7% nie. In der jüngsten Altersgruppe ist der Anteil der Personen, die nie unter Stress
stehen mit 7,3% deutlich niedriger, in der höchsten Altersgruppe mit 60,2% sehr deutlich höher. Bei dieser großen Altersvarianz spielt sicher eine Rolle, dass die Verwendung des Begriffes „Stress“ generationsspezifisch stark variiert. Es gehört gleichsam zur normalen Rollenausstattung von Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen, unter Stress zu stehen. Dagegen gebrauchen ältere Personen, selbst wenn sie objektiv häufiger emotionalen und psychischen
Belastungen ausgesetzt sind, den Begriff „Stress“ weit weniger inflationär. Für Stressmessungen durch Befragungen scheint mithin die gezielte Frage nach der Stresshäufigkeit weniger
sinnvoll zu sein. Besser (allerdings) auch zeitaufwendiger ist das Abfragen von stressinduzierenden Situationen ohne explizite Nennung des Begriffs „Stress“. Dennoch sind die Ergebnisse medizinisch nicht gänzlich unbrauchbar, da auch das subjektive Gefühl, ständig oder
häufig unter Stress zu stehen, einen Stressor darstellt und Stress einen von mehreren Risikofaktoren bei koronaren Herzerkrankungen darstellt.
24
vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) 1998, S. 220.
43
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Abb. 3.7: Depressionen nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
20
18
16
14
12
10
8
6
4
2
0
16,7
17,5
11
6,6
4,2
18-u.30
30-u.40
40-u.50
50-u.60
60 +
N = 501, Sig. = .020, Cramer´s V = .134
Tab. 3.13: Stresshäufigkeit nach Altersklassen (Angaben in Prozent)
Stress?
häufig
selten
nie
18 b. u. 30
45,8
46,9
7,3
30 b. u. 40
40 b. u. 50
50 b. u. 60
46,7
45,6
42,9
42,6
43,7
38,1
10,7
10,7
19,0
N = 502, Sig. = .000, Gamma = .410
60 oder älter
12,7
27,1
60,2
Multimorbidität
Neben der Prävalenz einzelner Krankheiten ist – nicht zuletzt mit Hinblick auf die
Lebensqualität der Patienten – das Phänomen der sog. Multimorbidität, also des
gleichzeitigen Auftretens mehrerer Krankheiten von Interesse. Ein leicht zu interpretierendes
Maß dafür ist ein einfacher Summenindex, der darüber informiert, unter wie vielen
Krankheiten oder Symptomen ein Patient leidet. Wir haben zur Berechnung eines solchen
Index die Angaben aus Frage 21 verwendet, in der danach gefragt wurde ob man unter
Diabetes, chronischer Bronchitis, Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen des Herzens, den
Folgen eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls, arteriellen Durchblutungsstörungen an den
Beinen, Krampfadern oder Gicht leidet.
44,2% der Befragten leiden unter mindestens einer der genannten Krankheiten oder
Symptome, insgesamt 5% unter mindestens 4 Formen von Gesundheitsbeeinträchtigungen.
44
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Abb. 3.8: Multimorbidität: Krankheitsindex (Angaben in Prozent)
60 55,8
50
40
30
20,2
20
13,1
10
5,9
2,6
1,6 0,2 0,6
0
0
1
2
3
4
5
6
7
N = 505
Erwartungsgemäß ist Multimorbidität altersabhängig und tritt in der höchsten Altersklasse
signifikant häufiger auf als bei Befragten unter 60, während das Geschlecht oder der Wohnort
hier keinen Einfluß haben.
Tab. 3.14: Multimorbidität nach Altersklassen (Mittelwerte)
Altersklasse:
Krankheitsindex: Mittelwert
18- .u. 30
0,18
30- u. 40
0,38
40- u. 50
0,66
50- u. 60
0,91
60 oder älter
2,12
N = 505, Sig. von F = .000
Nimmt man den Bildungsabschluß als Schichtungsindikator hinzu, läßt sich in der Tendenz
wiederum ein Schichtungseffekt beobachten. In allen Altersklassen sind die jeweiligen
Mittelwerte bei Personen mit Hauptschulabschluß am höchsten und insbesondere bei den über
60-jährigen Befragten sind die Unterschiede sehr auffällig. Zwar sind nur die Haupteffekte
von Alter und Bildung, nicht aber der Interaktionseffekt signifikant, dabei ist aber auch zu
bedenken, dass wir z. T. mit sehr niedrigen Fallzahlen arbeiten mußten. Die Daten bieten
aufgrund der klaren Tendenz zumindest einen Grund, dass Problem schichtspezifischer
Multimorbidität weiter zu beobachten.
45
Regionaler Gesundheitssurvey für Trier und Trier-Saarburg
Tab. 3.14: Multimorbidität: Interaktion von Alter und Bildung (Mittelwerte)
kein Abschluss oder Haupt- Mittlere Reife Fachhochschulreife
schulabschluss
oder Abitur
18 b. u. 30
0,31
0,11
019
30 b. u. 40
0,68
0,27
0,37
40 b. u. 50
0,93
0,57
0,43
50 b. u. 60
1,07
0,88
0,64
60 oder älter 2,44
1,47
1,35
Sig. von F: Alter: .000, Bildung: .000, Interaktion Alter und Bildung: .310
46
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