Hessischer Rundfunk Hörfunk – Bildungsprogramm Redaktion: Arne Kapitza WISSENSWERT Wer schreibt denn sowas? (5) Literatur nach 1945 Von Uwe Wirth Sendung: Tag, 11.01.2008, 08:30 Uhr, hr2 Sprecher: Regie: Helge Heynold 08-008 COPYRIGHT: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt. Der Empfänger darf es nur zu privaten Zwecken benutzen. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verteilung oder Zurverfügungstellung in elektronischen Medien, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors/ der Autoren zulässig. Die Verwendung zu Rundfunkzwecken bedarf der Genehmigung des Hessischen Rundfunks. TAKE 30 Sprecher: Wer schreibt denn sowas? Sprecherin: Literatur nach 1945. TAKE 31 Eich: Dies ist meine Mütze dies ist mein Mantel Erzähler: (Zerstreut) Äh, ihre Sachen können Sie da drüben aufhängen... Eich: hier mein Rasierzeug im Beutel aus Leinen. Erzähler: (irritiert) Ihr Rasier... ? Eich: Konservenbüchse: Mein Teller, mein Becher, (Blechgeschirr klappert) Erzähler: (nimmt Teller und Becher in die Hand, schlägt sie gegeneinander) leer! Eich: ich hab in das Weißblech den Namen geritzt. Erzähler: (Nimmt Becher und liest) "Günter Eich" (Ihm geht ein Licht auf) Ach, jetzt verstehe ich: Das ist der Anfang Ihres Gedichts "Inventur" Eich: Genau. Erzähler: ... Tschuldigung. Ich stand auf der Leitung. (Offizieller Kulturton) 1945 Deutschland hat kapituliert, Millionen Menschen sind tot, Millionen sind auf der Flucht. Eich Den Trümmern von gestern trauern wir nach in den Trümmern von heute. Erzähler: Die Städte sind kaput. Viele Schriftsteller Deutschlands sind emigriert, viele befinden sich in Kriegsgefangenschaft. So wie Günter Eich, der prominenteste Vertreter der sogenannten "Kahlschlagliteratur": Eich: Die Bleistiftmine lieb ich am meisten: Tags schreibt sie mir Verse, die nachts ich erdacht. Erzähler: Sprechen wir doch mal über die Bedingungen des Schreiben ... Mine: (Sanfte Frauenstimme) Gerne ... Erzähler: Nanu... Mine: (Zärtlich) Günter! Eich: ... bitte? ... Mine: Ich bins, Deine Bleistiftmine. Erzähler: Ich werd verrückt ... Eich: (Liebevoll) Meine Mine... ! Erzähler: Die "Bedingung des Schreibens" in der "Stunde Null"... Mine: ... waren sehr schwierig! Erzähler: Warum? Mine: Die Frage müßte eher lauten: Worauf? Erzähler: Bitte? Mine: Worauf sollte ich schreiben? 1945 herrschte entsetzliche Papierknappheit! Eich: Und dann macht uns die Zensur zu schaffen. 1947 verbot die amerikanische Militärregierung die von Hans Werner Richter und Alfred Andersch herausgegebene Zeitschrift "Der Ruf". Erzähler: Aber durch dieses Verbot entstand die "Gruppe 47". Sprecherin: Die (Einspieler bing) "Gruppe 47" ging aus einem Autorentreffen hervor, das Hans Werner Richter organisiert hatte, um eine neue Zeitung zu gründen. Zwar scheiterte das Zeitungsprojekt - aber seit 1947 traf sich alljährlich eine informelle Gruppe aus Schriftstellern und Kritikern, die ab 1950 auch einen Preis vergab. Der erste Preis der Gruppe 47 wurde an Günter Eich für sein Gedicht "Inventur" vergeben. (Einspieler Fertig) Eich: (Mechanisch) Dies ist meine Mütze dies ist mein Mantel... Erzähler: Herr Eihich!! Eich: (Wie aus einem Traum erwachend) Äh, Ja? Erzähler: Mein Vorschlag: Wir machen eine Inventur der Nachkriegsliteratur - sagen wir bis 1960. Eich: Einverstanden! Dann mal los: Auf dem ersten Treffen der Gruppe 47 liest Wolfdietrich Schnurre seinen Text Das Begräbins vor: TAKE 32 (Es klopft an der Tür) Erzähler: Ja? Schnurre: Steh ich in der Küche auf m Stuhl. Erzähler: Aha. Schnurre: Klopft´s. (Es klopft) Erzähler: Schon wieder? Schnurre: Steig ich runter [...] liegt n Brief aufm Tisch. Ne Traueranzeige: Erzähler: Ach ... Schnurre: “Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem, mit himmlischer Geduld ertragenem Leiden: Gott". Siehste, denk ich, hat´s ihn auch geschnappt, den Alten; nu ja. Eich: Einsilbig, grotesk und ein wenig nihilistisch - das ist der Tonfall der Kahlschlagund der Trümmerliteratur. Schnurre: Nu, dann werd ich mal zur Beerdigung gehen. (Schnurre ab, Tür zu) TAKE 33 Erzähler: Nicht nur Lyrik und Kurzgeschichte - auch das Drama dient der Verarbeitung der Zeit des Krieges und der Naziherrschaft. Eich: 1946 wird im Schauspielhaus Zürich Karl Zuckmayers "Des Teufels General" uraufgeführt... Erzähler: ... und 1947 in Hamburg, Wolfgang Borcherts Stück "Draußen vor der Tür". Eich: Der Kriegsheimkehrer Beckmann geht zu seinem ehemaligen Vorgesetzten, einem Oberst. (es klopft) Eich: Äh, Ja? (Tür auf, Beckmann kommt rein) Beckmann: "Ich bringe Sie Ihnen zurück". Eich: Wen? Beckmann: "Die Verantwortung. Ich bringen Ihnen die Verantwortung zurück, Herr Oberst". Eich: Ich bin nicht Ihr Oberst, ich bin Günter Eich. Beckmann: Kenn ich nicht ... Eich: Sollten Sie aber ... (Beckmann ab, Tür zu) TAKE 34 Erzähler: Auch Bertolt Brecht setzt sich nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil mit dem Thema Krieg auseinander. Eich: 1949 findet in Ost-Berlin die deutsche Uraufführung von "Mutter Courage und ihre Kinder" statt. Erzähler: Mit Helene Weigel in der Titelrolle. (Tür auf) Sprecherin: Ich laß mir den Krieg von euch nicht madig machen! Eich: Kriegsgewinnlerin! (Sprecherin Tür zu) TAKE 35 Erzähler: 1949 ist auch das Jahr, in dem Thomas Mann wieder deutschen Boden betritt, wenngleich mit zwiespältigen Gefühlen. Eich: Da gab es eine unschöne Debatte mit den Vertretern der "inneren Emigration". (Tür auf) Mann: Wieso unschön? War es nicht schwerer, sich in Deutschland seine Persönlichkeit zu bewahren, als von Amerika aus Botschaften an das deutsche Volk zu senden? Eich: Nö. (Tür zu) Erzähler: Besonders wichtig für die Entwicklung der Nachkriegsliteratur ist der Existentialismus - ausgehend von der Philosophie Martin Heideggers: (Tür auf) Benn: (Mit Berliner Akzent) Die Frage nach dem Sinn des menschlichen Daseins... Erzähler: Sie sind doch nicht Herr Heidegger? Eich: Das ist Gottfried Benn. Erzähler: Was für ein Comeback. 1948 mit den “Statischen Gedichten” Benn: Aber das ist keine Kahlschlagsliteratur. Eher eine Form zeitloser Kalligraphie. Mine: Wie schön! Eich: (entrüstet) Aber meine Mine! Benn: Ne sprechende Bleistiftmine. Det is ja´n Ding. “die Dinge dringen kalt in die Gesichte und reißen sich der alten Bindung fort, Mine: ... es gibt nur ein Begegnen: im Gedichte die Dinge mystisch bannen durch das Wort". Eich: Das ist mir zu abgehoben. Mine: Dann gehe ich jetzt mit Herrn Benn eine Runde schreiben! Benn: Kommne se ma hierlang, Frau Mine. (Mine kichert, beide ab) TAKE 36 Eich: Undankbares Ding! Haut einfach ab mit so einem ... zeitlosen Schönschreiber! Erzähler: Sie kommt schon wieder. Lassen Sie uns über Paul Celan sprechen. 1952 erscheint der Gedichtband "Mohn und Gedächtnis". Darin eines der berühmtesten Gedichte der deutschsprachigen Literatur nach 45. Eich: (Etwas abwehrend) Ich weiß, die "Todesfuge"! Erzähler: Ein Gedicht, das Leben und Tod im KZ beschreibt. Eich: ... auf sehr ergreifende Weise, ja. "Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich morgens". Viele kennen nur dieses Gedicht von Paul Celan. (Tür auf) TAKE 37 Bachmann: (leichter österreichischer Akzent) Dabei hat der Paul sehr viele gute Gedichte geschrieben. Erzähler: Ingeborg Bachmann! Schön, daß Sie da sind! Bachmann: Also die dunklen Liebesgedichte vom Paul Celan: "wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis, wir schlafen wie Wein in den Muscheln". Einfach toll ... Eich: (Ächzt etwas angewidert) Jaa .. noch ein Schönschreiber .. Erzähler: Frau Bachmann, Sie sind eine der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur ... Bachmann: (bescheiden) Ja gwiss ... Erzähler: 1953 erscheint “Gestundete Zeit” Eich: DAs ist keine Schönschreiberei: Statt dessen ein gebrochener Blick in Vergangenheit und Zukunft ... Bachmann: Sieh dich nicht um ... Erzähler: Wie? Bachmann: Schnür deinen Schuh. Jag die Hunde zurück. Wirf die Fische ins Meer. Lösch die Lupinen! (steht auf, geht zur Tür) Es kommen härtere Tage. bekanntesten Lyrikerinnen der TAKE 38 Erzähler: Weg ist sie! Eich: Es kommen härtere Tage. Ich beneide alle, die vergessen können, die sich beruhigt schlafen legen und keine Träume haben. Erzähler: Das ist der Anfang Ihres Hörspiels "Träume" ... Eich: Dafür hab ich 1953 den Preis der Kriegsblinden erhalten. Erzähler: Glückwunsch! 1953 ist auch politisch ein bedeutendes Jahr. Eich: Stalin stirbt Erzähler: Der Koreakrieg endet Eich: Adenauer wird wiedergewählt Erzähler: In der DDR kommt es am 17. Juni zum Volksaufstand. Erzähler: Ja, dazu wird uns gleich noch Bertold Brecht einiges erzählen... (Telefon klingelt - möglichst ein "altes Klingeln" aus den fünfziger Jahren, Erzähler nimmt ab) TAKE 39 Erzähler: Ja? Brecht: Ich kann nicht kommen! Erzähler: Herr Brecht! Brecht: Ich sitze am Straßenhang Der Fahrer wechselt das Rad. Erzähler: Autopanne. Mmh! Brecht: Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel Mit Ungeduld? Erzähler: Keine Ahnung - Sie wollten ja unbedingt in die DDR gehen... (Brecht legt auf) TAKE 40 Eich: Apropos Auto. Das Wirtschaftswunder beeinflusst auch die Literatur: mit dem Kahlschlag ist es ab Mitte der 50er Jahre vorbei. Erzähler: Siegfried Lenz erinnert in seinen Erzählungen "So zärtlich war Suleiken" in einem heiter-ironischen Ton an seine verlorene Heimat Ostpreußen. Eich: Wolfgang Koeppen beschreibt in seinem Roman "Das Treibhaus" die geistige Enge der Bundeshauptstadt Bonn . Heinrich Böll nimmt die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung Westdeutschlands satirisch aufs Korn. In “Dr. Murkes gesammeltes Schweigen”. Erzähler: (Tür auf) Murke: Entschuldigen Sie, haben Sie hier ein paar Tonbänder rumliegen sehen? Erzähler: Tonbänder? Nein, tut mir leid, Dr. Murke. Murke: Mir auch. Wiedersehen! (Murke ab, Tür zu) TAKE 41 Eich: Wir haben noch eine wichtige Strömung vergessen. Erzähler: Nämlich? Eich: Die 50er Jahre zeichnen sich durch ein absurdes Lebensgefühl aus. Die Verbrechen der Nazis werden ebenso verdrängt wie die Bedrohung durch einen dritten Weltkrieg. Es ist die Zeit des “absurden Theaters”. Sprecherin: Die Grundaussage des (bing) absurden Theaters ist das Eingeständnis der Ohnmacht des Theaters, den Menschen läutern zu können. Als seine geistigen Väter gelten Samuel Beckett und Eugène Ionesco. Die wichtigsten deutschsprachigen Autoren sind Schweizer: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt. ((fertig)) Erzähler: Zwei Stücke sind vor allem zu nennen: Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame und Frischs Biedermann und die Brandstifter - ein Lehrstück ohne Lehre, wie es im Untertitel heißt. Eich: Absurd! (Bühnen - Atmosphäre) TAKE 42 Biedermann: (Eingeschüchtert) Rauchen Sie? Schmitz: (entzündet Zigarre) Hhmmm! Danke Herr Biedermann, Sie sind der erste Mensch in dieser Stadt, der unsereinen nicht wie einen Brandstifter behandelt - Biedermann: (Ängstlich) Nehmen sie doch bitte den Aschenbecher! (Es klingelt an der Tür) Biedermann: (ruft fragend, ängstlich) Wer ist da? Claire: (von draußen, singsang) Besuch der alten Dame! Biedermann: Auch das noch! ((Ende Bühnenatmo)) TAKE 43 Eich: Ende der 50er Jahre steuert die deutsche Literatur der Nachkriegszeit auf ihren Höhepunkt zu. Erzähler: 1957 veröffentlicht Martin Walser seinen Roman “Ehen in Philippsburg”. Eich: Thema sind die Aufstiegs- und Identitätsprobleme des bundesdeutschen Mittelstandes. Erzähler: Im gleichen Jahr macht Thomas Bernhard mit seinem Gedichtband "Auf der Erde und in der Hölle" von sich Reden Eich: Thema ist der subjektive Lebensekel. Erzähler: Und Hans-Magnus Enzensberger tritt mit seiner Gedichtsammlung "Verteidigung der Wölfe" in Erscheinung. Eich: Thema ist die Gesellschaftskritik. (Tür auf) TAKE 44 Erzähler: Ah, Herr Enzensberger. Enzensberger: lies keine Oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer. Erzähler: Na dann sagen Sie uns doch mal: wann geht der nächste Zug nach Mannheim-Käferthal? Enzensberger: Da bin ich jetzt auch überfragt. Erzähler: Typisch Lyriker! (Tür zu) TAKE 45 Erzähler: Kommen wir zum Jahr 1959! Eich: Ein epochales Jahr! Es erscheinen gleich drei große Romane der deutschen Nachkriegsliteratur. Erzähler: Heinrich Böll: Eich: "Billard um Halbzehn", Erzähler: Uwe Johnson: Eich: "Mutmaßungen über Jakob" Erzähler: Günter Grass: Eich: "Die Blechtrommel", TAKE 46 (Tür geht auf, man hört das Schlagen einer Blechtrommel) Erzähler: Oh weh, das ist Oskar Matzerath! (schreit etwas) Der Held aus der Blechtrommel. Mit der Blechtrommel. Rohlfs: (Befehlston) Aufhören (Blechtrommel hört auf) Ausweiskontrolle!! Erzähler: Bitte? Wer sind Sie denn? Rohlfs: Hauptmann Rohlfs - Mitarbeiter der militärischen Spionageabwehr der DDR! Erzähler: Eine Figur aus Uwe Johnsons “Mutmaßungen über Jakob”! Rohlfs: Ich stelle Nachforschungen über den Tod von Jakob Abs an. Heißt jemand von Ihnen hier Gesine Cresspal? Eich: (Frech) Sieht jemand von uns hier vielleicht so aus? Rohlfs: Klugscheißer wie Sie hab ich gefressen: Mitkommen! Eich: Bitte? Nein so war das nicht gemeint ... Rohlfs: Mitkommen! Besser Sie nehmen Ihre Mütze, Ihren Mantel und Ihr Rasierzeug mit. (Zynisch) Es könnte länger dauern! (Rohlfs führt Eich ab, Tür zu) TAKE 47 Erzähler: Das ist ein etwas abruptes Ende unserer Inventur der Nachkriegsliteratur ... und es ist natürlich nicht das Ende der deutschen Literatur nach 1945. Die sechziger Jahre stehen vor der Tür. Handke: Schluß mit der läppischen Beschreibungsliteratur! Erzähler: Herr Handke - für Sie haben wir heute gar keine Zeit mehr! Handke: Ihr werdet mich anhören, ihr Glotzaugen. Erzähler: Oheweh! Jetzt fängt er gleich mit seiner Publikumsbeschimpfung an... Handke: Ihr Maulhelden, ihr Hurrapatrioten, ihr Milchgesichter ... Erzähler: So klingen die 60er. Handke: ... ihr Heckenschützen ... ihr Versager ... Erzähler: Harte Worte, unruhige Zeiten. Handke: (Sich steigernd) Ihr Damen und Herren ihr, ihr werten Zuhörer ihr, ihr Mitmenschen ihr! ((Musik: Why don´t we do it in the road))